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Full text of "Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung bis zur Gegenwart"

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HVPl,  RESURCH  USIUMES 


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CÜLTÜRGESCHICHTE 


IN  IHRER 


NATÜRLICHEN  ENTWICKLUNG 


RIS  ZUR 


GEGENWART 


VON. 
I      * 


FRIEDRICH  VON  HELLWALD. 


ZWEITE  NEU   BEARBEITETE   UND  SEHR  VEKMEIIRTJi  AUFLAGE. 


ZWEITER      BAND. 


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AVGHUl'RG 

L  A  M  P  A  K  T     &     COM  V. 

1877    cj 


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CÜLTÜRGESCHICHTE 


IN  IHRER 


NATÜRLICHEN  ENTWICKLUNG 


RIS  ZUR 


GEGENWART 


VON. 


FRIEDRICH  VON  HELLWALD. 


ZWEITE  NKn   REARBRITETE   UND  8RHR  VRRMRIIRTJi  AUFLAOE. 


ZWEITER      BAND. 


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L  A  AI  P  A  II  T     &     COMP. 

1877     e.j 


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Alh   Hechte  vorbehftlirh. 


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Inhalt  des  zweiten  Bandes. 


— >•< 


AariBfe  «eh  MfttelalierK 1—44 

Wardigung  des  MittelalterH.  S.  1.  —  l>a8  Chrisieuthum 
im  Orient.  S.  4.  —  Da«  Chrioieuthum  bei  deu  germaui- 
mrhen  Völkeni.  S.  7.  —  Möiichthiim  und  Klosterwescn. 
S.  12.  —  Die  gei-niauiHchen  Reiche.  S.  21.  —  Die  Franken 
in  <tallien  und  DeutHchland.  S.  24.  —  Bedeutung  der 
Herr^hermacht.  S.  30.  —  Die  Cultur  im  Frankenreiche. 
S.  31.  —  DaM  rönii^ch-deutAchc  Reich.  S.   12. 

Earoiia*!»  Normen  ■■«  Osten    . 4r>— iHi 

Die  AngelMU^hsen  in  Britannien.  8.  15.  —  DaH  heidnische 
^5<:hweden.  i<.  54.  -  -  Die  alte  Cultur  der  Schweden.  S.  60. 
-  Die  heidniffcheu  Nonnannen.  S.  60.  —  Urzustände 
dor  81av»»n.  S.  70.  —  Die  nördlichen  Slaveii  und  der 
Kani)>f  mit  dem  iiermaniHmus.  iS.  77.  —  Das  nmitischc 
slaTenthum.  H,  8JL  —  Die  Slaven  in  öfidoftteuropa.  8.  90. 
—  Ungarn  und  die  .\varen.  S.  92. 

Der  Orient  ■■«  4er  IffUin 97-165 

Blick  auf  da»  vtvri^lftmiiiH^'b**  Y>)(dorf|KieUr'  8.  97.  — 
UrKprflnge  de«  Isluni.*  ^.-11)3.  —  -fiiftwicklüng  und  Wir- 
kungen de»  iMläm.  8.  lOf.  -iz,»  Aut«breitung  dei4  iHläni. 
S.  ll;l.  —  Die  Kroberung«  ii  der  Aral>er.  8.  115.  —  Die 
l^atriarchaJiMThe  Zeit  d«*K,  .Cjialyf'vtij^-  .H:  121.  —  Dan 
.iral»i«ohp  CIientelw»*M«-ii;  1^.  '129.  —  r/mmajaflleu  und 
Abhaniden.  8.  134  —  ReligiAK-philoriophiMche  Entwick- 
lung d«*i«  Ifläm.  8.  lliH,  —  Der  lüliUu  in  8])auien  und 
Africa.  S.  147.  —  WOrdiguug  der  arabincbeu  Cultur. 
S.  155. 


ly  Inhalt  des  sweiten  Bando^. 

Seite 

Asien  Im  Mittelalter 166—211 

Die  Ural  -  altaischen  Völker.  S.  166.  —  Das  moiiam- 
medanische  Indien.  S.  172.  —  Ausbreitung  des  Buddhis- 
mus. S.  179.  —  Cultui-werth  des  Buddhismus.  S.  185.  — 
Die  CuUurnationen  Hinterindiens.  S.  190.  —  Die  Malayen- 
Völker.  S.  196.  —  Das  Inselreich  des  Ostens.  S.  202. 

Rellgrl5se  und  geistige  Ent^leklnug  des  Mittel- 
alters         212—279 

Europa  8  Süden.    S.  212.  —    Die  Kreuzzüge.    S.  219.  - 
Entwicklung  und  Ausbildung  der  päpstlichen  Macht.  S.  223. 

—  Zeitalter  der  Scholastik.  S.  233.  —  Die  Religion  im 
Mittelalter.  S.  239.  —  Aberglauben  und  Wunder.  S.  244. 

—  Sagen-Bildung.  S.  256.  —  Die  Literatur  des  Mittel- 
alters. S.261. —  Kunstentwicklung  de«  Mittelalters.  S.  266. 

—  Erfindungen  und  Entdeckungen.  S.  272. 

Sociale  Entwidmung  des  Mittelalters     ....     280—373 
Gesetzmässigkeit  der  mittelalterlichen  Culturentwicklung. 
S.  280.  —  Der  Feudalismus  und  seine  Entwicklung.  S.  283. 

—  Sclaverei  und  Leibeigenschaft.  S.  296.  —  Ackerbau 
und  Landwirthschaft.  S.  301.  —  Entwicklung  der  Gewerbe. 
8.  303.  —  Das  mittelalterliche  Zunftwesen.  S.310.—  Die 
Städte  im  Mittelalter.  S.  313.  —  Die  Handelsr epublikeu 
Italiens.  S.  318.  —  Die  Handelseutwicklung  im  Norden. 
S.  324.  —  Materielle  Cultur.  S.  330.  —  Kleidung  und 
Nahnmg.  S.  332.  —  SteUung  des  Weibes.  S.  338.  —  Die 
Juden  und  ihre  Lage  im  Mittelalter.  S.  343.  —  Parias 
und  andere  Ausgestossene.  S.  349.  —  Rechtsverhältnisse 
im  Mittelalter.  S.  356.  —  Uexeuglaube  und  üexenprozesse. 
S.  363.  —  Die  heilige  Inquisition.  S.  368. 

Die  neue  Welt 374-111 

Die  vorhistorischei^  y^dlj^ttp«  <^^  iQuprifuiii^lipn  Nordens. 
S.  374.  —  Alt-MQ^'o;Jr.:&.575*.  -A.-Vi^Äi^i-Cultur  luif 
Yucatan.  S.  382.  —  Der  pal^ciiriiscbeiÜi^turkreis.  S.  387. 

—  Das  Volk  derChibcha^ijaj^Ii-r.peHi  und  die  Cultur 

der  Jnca-Kechua.  S.  S9J.«*T-«*«Dje;l!Xtit)pi^'r  in  America. 

••  •••  •  •  •»•  •••  •     • 

8.  406.  •   •••     •••••••••• 

Renaissance  und  Reformation 412-407 

Folgen  der  Entdeckung  America's.  8.412. —  Die  Renais- 
sance. S.  415.  —  Der  Humanismus  in  Italien.  S.  420.  — 
Die  deutschen  Humanisten.    S.  427.   —    Die  Vorläufer 


InksU  d«f  xwaitMi  R«id«f . 


8eiU 


der  Reformation.  S.  438.  —  Die  Zustände  der  Kirche. 
S.  437.  —  Die  Keformation  bei  den  Germanen.  S.  440.  — 
Folgen  der  Reformation.  S.  449.  —  Die  Gesellschafl; 
Je8u.  S.  45G. 

Enropa  ^Is  zam  XIX.  JakrliaMdert 4^8—538 

Ausbildung  der  absoluten  Ffirstenmacht.  8.  468.  — 
Sociale  Folgen  des  Absolutismus.  S.  470  —  Bewegung 
der  geistigen  Cultur.  8.  478.  ~  Producte  des  Mysticis- 
mus.  S.  48.5.  —  Die  politischen  Zustände  in  England. 
Ö.  493.  —  Die  Entwicklung  in  Deutschland.  8.  500.  — 
Uussland.  S.  504.  —  Die  Cultur  der  Mediceer.  8.  508.  — 
Frankreich  und  sein  Oultureinflnss.  8.  516.  —  Die  Ue- 
Kellschaft  des  Ancien  R<^gime  in  Frankreich.  8.  521.  — 
Die  französische  Revolution.  S.  527. 

EKtwf eklniig  Europa^  bis  zur  Gegenwart    .    .     539—591 
Wirkungen   der   napoleonischeu   Herrschaft.    8.   539.   — 
Die  Zeit  der  heiligen  Allianz.  8.  542.  —  Gestaltung  der 
Diuge  in  Italien.  8.  545.  —  Das  deutsche  Reich.  8.  553. 

—  Dan  moderne  Frankreich.  8.  561.  —  Frankreich'« 
lieTOlkeruugsrQckgang.  8.569.—  Grossbritannien.  8.576. 

—  Oesterreich-Ungarn.  8.  582.  —  Da«  Zarenreich.  8.  589. 

Orieat  aad  Ostasiea 592-634 

Culturzustände  im  türkischen  Reiche.  8.  592.  —  Muham- 
uiedanisches  8taatsleben.  8.  601.  —  Türken  und  Slaven. 
8.  »>06.  —  Arabien  und  Nonlost-Afriwi.  8.  611.  —  Fort- 
und  Rflckfichritte  des  Islam.  8.  618.  —  Die  Russen  in 
Asien.  8.  620.  —  Die  Culturzu^nde  in  Ostindien.  8.  623. 

—  China  in  der  Gegenwart.  8.  626.  —  Da«  moderne 
lafido.  8.  631. 

iMeriea  aad  die  Coloalalwelt «33.3-697 

Allgemeine    Erscheinungen  der  Colonial-Cultur.   8.  635. 

—  Entstehen  der  amcricani sehen  R«»publik.  8.  640.  — 
rr«qu*hi*n  und  Folgen  des  Secessionskrieges.  8.  646.  — 
Die  Cultur  der  Union.  8.  654.  —  Dan  romani»(che  oder 
lateinische  America.  8.  fi<i3.  Die  Entwicklung  im 
romaniHchen  America.  8.  64)7.  —  Die  Euroi>aer  in  der 
AiHiuatorialzone.  8.  676.  —  Die  Colonisation  der  Romanen 
und  Gornianen.  8.  679.  —  Christen-  und  Europil«^rthuui 
in  der  Frt.'mdo.  8.  685.  —  D(*r  McnHch'Mihandel  in  der 
Gegenwart.  8.  691. 


TT  InhtU  (Im  sweit^n  Biindoi. 

Sehe 

Die  Coltur  der  C^egrenwart 698-712 

Entwicklung  der  modernen  materiellen  Cultur.  Ö.  698.  — 
Sociale  Wirkungen  der  Maschine.  S.  708.  —  Socialismus 
und  Socialdemokratie.  S.  711.  —  Geistige  Triumphe  der 
Neuzeit.  8.  713.  —  Der  Culturkampf.  S.  717.  —  Die 
Presse  und  ihre  Wirkungen.  S.  724.  —  Sociale  Onltur- 
phänomene  der  Gegenwart.  S.  728.  —  Der  Culturstrom. 
ein  Bnckblick.  S.  734.  —  Die  Ideale  und  die  Wissen- 
schaft.   Schlusswort.   S.  738. 


>jj^>  »■  ••- 


ZWEITER  BAND. 


MITTELALTER    UND    NEUZEIT. 


\ 


Anfange  des  Mittelalters. 


WOrdigfun^  des  Mittelalters. 

An  dioser  Stolle,  in  den  mciKtcn  I>arRt^11nnf;:on  als  Beginn 
<k*s  Mittolaltprs  lH»zcichnet,  inag  der  Ii(»sor  zn  hören  on^-arten,  wie 
Nk'h  auf  (trund  der  natürlichen  Kntwicklnngslehre  eine  I^nrtbeilung 
lyt»M^s  Zfntniumefl  gestaltet  Seit  hundert  Jahren  hat  diese  di'ei  Sta- 
dien durchlaufen:  ein  l^ekänipfendes^  ein  l)ewundemdes,  ein  verstehendes. 
IHe  zweite  Hälfte  di»s  XVIII.  Jahrhunderts  hatte  ein  Interesse  daran, 
das  Mitti^lalter  mögliclist  herabzusetzen;  die  Zeit  wollte  derart  ihre 
eiKf*ne  VoUkommenlu^it  iniie  werden.  Man  suchte  zusammen,  was 
ernste  Sotyriker,  was  liegeisterte  PredigcT  des  Mittelalters  ilin»n  Zeit- 
ippmwsen  Schlechtes  nachsagten;  alle  Klagen  iX\>cr  sittlichen  Verfall 
wonk^n  luTlieigeholt  Man  schildeste  die  mittelalterlichen  VerfiSssungen 
iumI  Rechtsordnungen  und  hatte  leichte  Mfihe  zu  beweisen,  dass  sie 
den  Staatszweck  wenig  erfüllten,  für  Wohlfahrt,  HechtspHegc,  äussere 
nnd  innere  Sicherheit  der  Untertlianen  schlecht  gesorgt  war,  dass  ein 
System  givenseitiger  Auslieutung  herrsi'hte,  in  welchem  der  Schwac»he 
ninceiifLH  Schatz  fand,  —  die  Eingriffe  Feudalismus  und  Faustrecht  Ikv- 
zpirhn«*ten  das  Aergste,  was  sich  ein  gebildetiT  Politiker  vorstellen 
kfinnte.  Man  wies  darauf  hin,  dass  eim*  Menge  nüt/lich(T  Krfindungen 
nM*ht  gemacht  waren,  daher  Industrie  und  I^quemlichkeit  des  liebcns 
M*hr  hn  Arg<*n  lagen.  Man  glaubte  vollends  g(^woimen  S))i<*l  zu  halten, 
1N1IB  man  df*n  Zustand  der  Kc^ligion  und  Wissenschaft  prüfte,  man 
kmintt»  dir  blind<>ste  Krgelmng  in  <lic  Autorität,  den  crass(*sten  Al>er- 
glaiilN'n  vcr/eichn<»n,  der  Stand  der  Naturwissenschaften  war  der  nitnl- 
riicsti",  die  Philosophie  nicht  pHnluctiv,  di(»  Philologie  iinnlich  iK'stellt, 
die  Alks  lK»hemjchende  Theologie  konnte  nicht  zur  Ikfreiung  der 
Get>t4T  führen. 

So  urtlH'ilte  man  noch  Knd(^  des  vorigen  Jahrhunderts.  Kaum 
f-in  Ihitzend  Jahre  sjWlter  liatte  sich  l>enMts  ein  grosser  IJmsi-hwung 
d»T  .\asichten  vollzogiMi,  das  Mitt<»lalter  «»inen  ganz  andern  Sinn  ge- 
«•inn**n.  Uie  romantische  St'lude  sali  ein  glän/endes  IJchtmeer  von 
l»l«-nd»-nder  Pracht  dort,  wo  man  frülier  nur  dunkle  S<-liatteniua.vM*n 
eri»lickf  liatte.  (ieg(>nülMT  die.s«Mi  IwMden  Standpunclen,  g(»genülK»r  AIh 
«rb**a  nnd  Ven*hrung,  Venlammung  und  Anbetung,  gibt  es  aber  noch 

V.  II«nw*14,  Caltorgttekieht«.   %  Aafl.  II.  1 


2  Anfänge  des  Mittelalters. 

einen  dritten,  len  Standpnnct  des  Verstehens,  des  Begreifens,  der  ob- 
jectiven  historischen  Durchdringung,  —  den  Standpunct  der  Gerechtig- 
keit. Wir  werden  weder  lauter  Schatten  noch  lauter  Licht  erblicken, 
auch  für  uns  ist  der  mittelalterliche  Zastand  ein  Zustand  relativer 
rnvollkonimenheit,  auch  wir  können  die  Bezeichnung  der  Nacht  für 
das  Mittelalter  acceptiren.  Aber  es  ist  eine  helle,  eine  glänzende 
Nacht,  in  der  unzählige  Sterne  mit  theils  mildem,  theils  klüftigem 
Lichte  leuchten  ')  „Das  alte  Indien  und  Aegypten  mit  ihrer  Kastcn- 
oinrichtung,  sowie  das  alte  Griechenland  mit  seiner  Sclaverei  und  mit 
d<T  Abgeschlossenheit  der  Frauen  bieten  zweifelsohne,  trotz  aller  schönen 
Phrasen,  im  Grossen  und  Ganzen  doch  weniger  Freiheit  dar,  als  das 
ouroi)äische  Mittelalter.  Auch  die  Rechtsverhältnisse  und  das  llechts- 
l)ewusst8ein  des  germanischen  Mittelalters  müssen,  trotz  zahlreicher 
individueller  Rechts-  und  Machtüberschreitungen  und  trotz  der  Rauh- 
heit der  Sitten,  dem  ^Vlterthum  gegenüber  als  ein  Fortschritt  anerkaimt 
worden."  ^)  Das  Völkerrecht,  im  weitesten  Sinne  des  Wortes,  ist  ein 
Proiluct  des  Mittelalters.  Im  Alterthume  herrschte  nach  dieser  Richtung 
die  Gewalt  und  der  Kampf  um's  Dasein  in  seiner  rohesten  Gestalt^) 
Gewö^lich  werden  die  Einbrüche  roher  Horden  in  die  Gebiete  ge- 
sitteter Völker  als  grosse  Drangsale  augeseheiL  Vielleicht  genügt  aber, 
so  belehrt  uns  ein  treiliicher  Kenner,  ein  wenig  Nachdenken  zu  der 
Ueberzeugung,  dass  die  meisten,  wenn  nicht  alle  erspriesslich  gewesen 
sind.  „Wo  solche  Kämpfe  um  das  Dasein  sich  entzünden,  wird  unser 
Geschlecht  ruckweise  einer  höheren  Entwicklung  näher  gebracht,  sie 
mögen  enden  wie  sie  wollen,  denn  entweder  gelingt  es  den  älteren 
Culturvölkern,  dem  Vordringen  der  neuen  Volkstiuth  eine  Mauer  zn 
ziehen,  \ind  sie  erstarken  während  der  Bewältigung,  oder  es  gilt,  wenn 
sie  aus  Schwäche  unterliegen,  die  Regel,  dass  der  Verdrängende  rüstiger 
gewesen  sein  müsse  als  der  Verdrängte.  Stürzt  selbst  eine  edle  Cultor 
in  Trümmer,  werden  ihre  Herrlichkeiten  vom  Erdreich  bedeckt  nnd 
geht  zuletzt  der  Pflug  über  das  verschüttete  Mosaikgetäfel,  eins  hatte 
jedenMls  der  siegreiche  Barbar  vor  dem  bedrängten  Römer  voraoa, 
nämlich  seine  Jugend  und  die  Anwaltschaft  auf  eine  höhere  Zukunft^  ^) 
Die  neue  „Gestaltung  der  Welt",  angeblich  mit  dem  verscheidenden 
V.  Jahrhundert  beginnend,  umfiisste  nur  einen  winzigen  Bruchtheil 
derselben:  Em-opa's  Westen  und  Süden.  Hier  war's,  wo  neue  Völker 
mit  neuen  Sitten  und  Gebräuchen,  jedenfalls  andern  Geistesgaben  und 


*)  Mit  diesen  Betrachtungen  leitete  Prof.  Dr.  Wilhelm  8cherer  (jetzt  in 
HtrasBburg)  seine  Vorlosungen  über  altdeutsche  Literatur  an  der  Wiener  Universität 
1870  ein.  (Vortiäge  und  Aufsätze  zur  Qeschichto  dos  geistigen  Lebens  in  Deutsehland 
und  Oofltcrrelch.  Berlin,  1874.  8"  8.  832—328.)  Ich  eigne  mir  diesen  Htandpunet  meine« 
Freundes  und  Landsmannes,  den  übrigens  früher  schon  August  Comte  und  Kdm. 
Littre  (Ktudea  tur  Ut  Barbarts  et  U  Moffn-Age)  eingenommen,  um  so  lieber  an,  ala 
dcrsolbo,  meiner  Ansicht  nach,  der  in  einer  natürlichen  £ntwioklung!4ge»ohicKte  d«r 
Menschheit  einzig  mögliche  ist. 

^Lilicnfold,  Gtdanksn  über  dU  Social- Wiuwcha/t  d$r  Zukunft.  II.  Bd. 
8.  340. 

*)  A.  a.  O.    8.  341. 

•)  Peschel,  Völktrkitttdt»    8.  447. 


WQrdicnnc  dM  MittoUlUrs.  5 

rthnMchen  Eigenschaften  sicli  auf  der  breiten.,  festen  ftisis  der  alten 
[l\ilMati4m  erhoben.  Die  alte  Cultur  war  nicht  in  TrttinmtT  gegangen, 
h»  HUibe  Rßmertham,  als  Yolkgthuiu  längst  dahin,  als  C<ultunnonicnt 
nirht  vernichtet,  vi(»lniehr,  wie  schon  Ix^tont,  fortI(»lKMul  mid  i>ulsirend 
in  taoflend  Adern,  begierig  aufgesogen  von  d(Mi  gennanischen  Eindring- 
üi^ren.  Trotz  der  Mode,  die  X'ölkerwandening  als  EjMXjhe  unsäglicher 
firÄucI,  Verwüstung,  wilder  Zei-störuiigslust  zu  schildeni,  mit  der  die 
fiin*htlKiren  Horden  sicli  nacheinander  über  das  Köincrreich  ei*goss(^n, 
und  zu  U'liaupten  am  Ende»  sei  fast  jede  Spur  römischer  Cultur  ver- 
Firhwnnd(*n  gewesen,  Regierungsfonuen,  Gesetze,  Sitten,  Kleidung,  Sj»rache, 
Nanit'n  von  M<»nschen  und  (»egenden,  kurz.  Alles  erscheine  neu, 
hat  man  doch  sich  vor  ülK^ilriebenen  Auffassmigen  zu  hüten.  Unsere 
Kenntniss  jener  P2iK>die  beruht  auf  (leschichtsschreilKTii,  deren  Treue 
keineswegs  jeglichem  Zweifel  trotzt.  Möchte  es  doch  darnach  sclM?inen 
als  oll  e8  ganze  Völkenuassen  gewesen,  die  ihren  Weg  mit  Blut  und 
Verwüstung  l)ezeichnet,  als  ob  die  alten  Einwohner  mit  l>eispiellost»r 
(iraoMUiüceit  ausgerottet,  eüi  neues  Volk  plötzlich  an  deren  Stelle  ge- 
treten wäre.  Vom  astgothi-schen  Ueiche  in  Italien  möchte  man  meinen, 
m  Kei  damals  Italien  gothiscli  gewesen,  während  doch  nur  Adel,  Gross- 
Krnndbesitzer,  HerrscherfamiUe  und  Grosswürdenträger  dieser  Nation 
mgi'hörtea.  die  sich  im  alten  Gothenlande^  nördlich  vom  Kaukasus  und 
im  Schwaraen  Meere  bis  in's  XVI.  Jalirhundert  forterhielt.  Nur  die 
ObenchOssige,  answanderungslustigc  Menge,  nach  den  gothischen  und 
langobardischen  Staimnessagen  ein  Drittel  der  Ik'völkcTung,  zog  nach 
Werten,  und  diese  Schaaren  waren  oft  numerisch  schwach  genug,  jeden- 
bJh  zn  schwach  zu  solch  ausgiMlehnter  Verheerung.  Sie  wollten  aber 
Dicht  einmal  verheeren.  Die  Westgothen  schonten  Athen  j^iuer  Er- 
innming  willen,  der  Ostgothe  Alarich,  den  Ruhuisucht  oder  Hache, 
nklit  Zerstörungswuth  unwiderstehlich  vorwärts  tric^b,  schmückte  seine 
pnrhtvoUe  Beute  und  schützte  sie  in  A(|uileja  vor  (h'U  luirbarischen 
Hannen.  M  Endlich  lag  damals  die  alte  Cultur  schon  fast  auss4ldiesslich 
m  HirisUiclien  llftmlen,  das  ]leid<'nthmn  verkrrK*)i  sich  in  seine  letzten 
Mihipfwinkel ;  die  meisten  (Jermanen  wan»n  aber  ebenfiills  Christen 
and  achteten  dcsshalb,  wi<f  Alaricli,  ihre  christlichen  Brüder;  <lie  Zer- 
■tiyrang  traf  die  Ileidcnti^miM*!,  s^iümte  aber  die  christlichen  Kirchen.  ^) 
Jüi  der  Vemicbtung  der  lieidnischtMi  Denkmäler  arbeiteten  jtnloch,  mehr 
nb  ilie  fremd<*n  lUirharen,  unter  der  Anleitung  ihnr  i*ri<'stcr  tlie 
rJkniM*lK*n  Christen  «»ll^t,  die»  ja  in  den  Pn)vinz(Mi  ü!)er  den  Fall 
Rnai\  i.  J.    i'M)  il  Hir.,  frolüockteiu  ^)     Mag  immerhin  die  Zeit  von 


')  Bryee,  lfm*  htiligt  rSmisch«  Rgieh.     8.  18. 

%  Hi^ke  FcrdinaDd  Uregoroviu-«,  Geichiehf  der  Stadt  Rom  im  MitteiuUtr, 
BtaCtc»rt.  IHM.     »•    1.  B4.    H.  115,  149    155. 

^  Ilrftper.  E-tttieklmmf/  Kuropa'g.  H.  231.  — Or  «»g  o  r  n  v  i  u  n  ,  «  «  O.,  liefert  «l.'ii 
lC*rli««ri«.  4«««  diegermftnUehen  HftrhAren,  w«>«l«>r  die  0»then  unter  Atarirli,  noch  die  Vnn- 
4*1*«. «  •th  Tr»tiU  dir  M onamente  der  ewigen  Stadt  vernichtet  haben.  ,.I)ie  Oothen/*  ^agt  er, 
„ttmmmn  allr«  (*iih#n  an  Rom  au«,  welchem  mit  einer  l'Iünderunn  unzertrennlich  ver- 
»•«d»a  i«t;  «1«  b«<ichAdigten  die  Qebftude  der  bt*dt,  aowelt  nie  der  liaub  be<rb&'Iigt, 
«•l«k«r   Back  dem  BctitM  dm  BewegUeben,   nicht  Dftch  der  Kentdrang  des  Uubewag- 


4  Anfinge  d«  Mitt«Ulteri. 

TlH^KkwiuK'  Ir  A)>lc'b(»n  hi»  zur  fpRton  Niedcrlassang  der  lAn^^ohorden 
<l(iht/fr  j^cfwr?wn  wfin,  die  Periode,  während  welcher  der  Zustand  des 
nM'iiHchlii'iKMi  (U^'hU'chUm  der  fiirchtliarste,  elendste  der  ganzen  Welt- 
K<w'hi<'hte  war,  war  hw  kaum.  Und  <la«8  sie  nicht  jegliche  Spur  röroi- 
M'hcr  (fesittung  l*egnih,  dic^se  erst  ein  hingii'ieriger  lYocess  aufzehrte, 
7.(*igen  die  dultur/ustände  der  neuen,  unter  germanischer  Ilerrscbaft 
ei-Htand^*nen  Itiiche. 


DaH  ChriHtenthnm  Im  Orient. 

KIm?  wir  der  Kntwicklnng  der  germanischen  Welt  uns  zuwenden, 
niÜKM'n  wir  n(H'h  dem  (liristenthnme  einige  Betrachtungen  widmen. 
I)icK(»H  war  im  /(»italter  Justinian's  zu  grösser  Macht  und  liohem 
AMH4'lH*n  gf^Iangt  und  ei*8trockte  sich  ausnahmslos  ühcr  alle  künftigen 
('UlturvOlker.  In  s<»inen  Ursprüngen  neigte  es  stark  zu  communistischen 
Tondenzen  und  Lehren,  die  sich  nur  für  kl(4nc  Mengen  und  kurze 
ZeitränuK*  cngnen.  In  dieser  P'omi  wäre  es  trotz  aller  inneren  Vorzüge 
11  immer  Weltr(»ligi()n  geworden.  Seihst  noch  unter  Constantin  hen-scJite 
di(»  hihchftfliche  Fonn  vor,  in  die  seit  Ende  des  I.  Jahrhunderts  die 
Macht  der  ersten  Versammlungen  sich  allmählig  coucentrirt  hatte;  ein 
Hi('.lithan»H  Oherhaupt  der  Kirche  gah  es  noch  nicht;  alle  Bischöfe  stan- 
dvn  einander  in  Hang  und  Ansehen  völlig  gleich.')  Darin  darf  man 
gross<»ntheilM  die  Ursache  der  vielfachen  Spaltungen  und  Sectcn  der 
chriHtlichcMi  Urzeit  erkennen.  Mnheitliche  Leitung  ist  in  allen  Dingen, 
im  H(»ligions-  wie  im  Staatswesen,  nur  dort  möglich,  wo  ein  Oherhaupt 
evcMituelb  seinem  Willen  jc<le  ahweichendc  Meinung  zu  beugen  vermag. 
Tot  cnpita,  tot  sensus;  genoss  jeder  Bischof  gleiches  Ansehen,  so 
konnte  jinler  auch  für  seine  abweichende  Auffassung  einzehier  Lehrsätze 


Itrhcn  trAchtct.  In  dio  Tcmp«l,  Thornien  und  PalUsto  oinbreohend,  entrissen  sie  ihaen 
dai«  KiUtliohMtc,  und  unter  ihren  plumpen  lUndeu,  selbst  unter  dorn  Strolche  des  Math- 
willrns,  wird  mftnche  schüne  Bildsäule  von  Marmor  auf  Strassen  un<1  Pliltsen  lu  Oraode 
KOK^iiiK^^n  sein.  Nicht  minder  musste  das  Feuer  einige  Verheerung  angerichtet  haben.** 
Ho  glaulillrh  es  auch  klingt,  daM  dio  von  hoher  Achtung  vor  dem  r(imi<*rhen  Staati^ge- 
bHude  und  Imperium  erfüllten  Rarbaren  die  Monumente  einer  Stadt  schonten,  die  ihnen 
der  InbegrifT  aller  llerrliehkeitan  auf  Krden  dUnkte  ,  so  Hegt  doch  auf  flacher  Hand, 
Oa'*)«  die  Wiederholung  Ähnlicher  PlttnderungAseenen,  >vie  »ie  Qregorovlua  schildert,  auch 
die  besten  Absichten  vereiteln  und  aur  Störung  vieler  Denkmäler  führen  musste.  Die 
foine  rntemcheidung  awinchen  gründlicher  Ausplünderung  und  Vernichtung  wird  steh 
in  der  Wirklichkeit  nur  schwer  haben  durchführen  lassen,  und  t^enn  auch  nachweislich 
kiMu  elnsigeH  Monument  bei  einer  bentimmten  dii>ser  Plünderungon  au  Orunde  ging,  90 
nuiHnti«  doch  die  Humiiie  aller  der  Vorheerungan,  welche  Rom  durch  die  germanischen 
Hnrharen  jedwetlen  l^alibers  im  liauf»  der  ersten  Jahrhunderte  des  Mittelalters  au  er- 
dulden hatten,  auch  die  Uenkmäler  empflndlleh  treffen.  So  gut  wir  daher  glauben,  dase 
dio  frenidiMi  Kiudringlinge  von  der  allgemeinen  Beschuldigung,  Rom  aerstort  au  haben, 
Irci  f\\  «prechen  sri(*n,  da*«  vielmehr  die  Uümer  selbst,  und  awar  schon  seit  den  l^ea 
r.tuMinniins,  Hand  an  ihre  Monumente  legten,  so  sicher  Ist  es  d^.ch,  dass  die  Gothen 
unter  Vitigc!«  VJ!  n.  Thr.  mehr  denn  einen  Altar  aertrttmmerten ,  und  der  Lonbanle 
Ai-tiulf  7,%<<  n.  rhr.  die  christlichen  Friedhöfe  verwiUtete. 
*)  l>  I  a  p  c  r ,    A.  a.  O.    )d.  äul— SU«. 


Dm  Gkriiimiibain  im  Ortont  5 

(Ue  fj^dic  Berechtigung  beansprucheiL  Alle  Spaltungen  der  Kirche 
Ringen  in  der  Tliat  von  Bischöfen  <Klcr  hen'orragcndon  kirchlichen 
E*erMHieu  aus;  zwar  sollten  die  Coucilien,  die  VcTsainmlung  aller 
Uihdiöfc,  dein  Uel^el  Einhalt  tliun,  natürlich  vergohlich,  da  ei-fiihmngs- 
{inuAMH  in  wdchen  Versamndungen  die  Meinungen  nur  desto  heftiger 
luf  einnnd<'r]>lat/en.  Ein  Blick  auf  das  Zustandekommen  von  sogenannten 
Jk•^4'hltt^^i<'n'*  im  miNlemen  Vereinsleben  und  deren  Werth  oder  hesser 
Wenhlo}>igkeit  ist  in  dieser  Hinsicht  sehr  Iwlehrcnd.  Die  (Jeschichto 
iksiiT  theologischen  Streitigkeiten  verdient  in  einer  allgemeinen  Cultur- 
icescfaichte  keine  weitere  Beachtung  und  ist  nicht  wichtig(T  als  andere 
i^ftnkereien  (iber  Meinung8>'erscliiedenheiten;  genug,  dass  bis  Mitte  des 
V.  Jdbrimnderts  die  Bischöfe  von  Rom,  Constantino])el  und  Aiexandrien 
nh  einsuider  in  Hader  lagea.  eigentlich  um  die  Obergewalt  rangen. 
Am  dieiKMi  Kämpfen  ging,  noch  unter  den  weströmischen  Kaisern,  der 
röaüedie  Biseliof  diu*chweg  als  (rewinner  hersor,  und  nuin  beachte,  dass 
er  es  verdiente,  denn  sein  Verfahren  war  stets  wünlevoU,  oft  edel») 
Hatte  er  so  die  hocluftigesehene  Stellung  eines  pnmus  tnter  pares 
gewonnen,  so  fiel  die  weitere  Entwicklung  zur  päpstlichen  Macht 
■idit  schwer.  Aus  dem  Primua  int  er  pares  winl  allemal  gern  ein 
.Ufeinberrsdier,  wie  die  (leschichte  der  hellenischen  Freistaaten  und 
las  l'jititelien  der  Bofts  in  America  sattsam  b(>weist.  Warum  nicht 
liiar»  zumal  der  römische  Bischof  gar  iKild  vtm  diT  kaiserlichen  llegierungs- 
madii  eine  rnterstOtzung  em))fiiig,  die  auch  fortdauerte,  als  da«  byzan- 
tnuacfae  Kaiserthum  allein  die  alte  Keiclisidee  verköri)erte. 

^Wenn  man  aufinerksam  l>etrachtet,  wie  viele  alte  Institutionen 
fioftdaiierten,  und  wenn  man  die  Anschauungen  jener  Zeit,  wie  sie  uns 
ilflritig  in  ihren  w<>nigen  Urkunden  erhalten  sind,  eingehend  studiert, 
•dKint  08  kaum  zu  viel  gesagt.,  dass  im  VllL  Jahrhundert  das  römische 
Rrirli  im  Westen  noch  fortbestand:  es  lebte  im  (TCthlc^htniss  der 
llenadMm  als  eine  zwar  geschwächte,  til)ei*tragene,  unttTbrochene,  al>er 
i^ch  nicht  zerstörte  Macht  fort/'^)  Weit  mehr  war  dies  imtürlich 
Bodi  im  (>st(*n  d(T  Fall,  ja  so  sehr,  dass  seilet  die  heutig(*n  (rrieclien 
■idi  iMKÜi  Uomäer,  ihre  Sprache  die  romäische  nennen,  in  Byzanz 
thffunle  flcT  KaisiT  fort,  an  dessen  Anwesenheit  man  sich  schon  seit 
IcB  Zeiten  des  getheilten  Ki'iches  gcw()hnt  liatte;  hier  fand  sich 
rOmisdien  C'ulturelenienten  ein,  was  etwa  der  (iemmnenherrwhaft 
Wttiti'u  entll<»h;  hier  endlich  ti(»ss,  wie  si'it  Jahrtausenden,  zusammen, 
<b<'  B<TUhningen  mit  dem  Orient  liebte.  Wenn  (Lts  allgemeine 
l'rlhfil  üInt  «las  bv/antinische  Kaiserreich  dahin  laut4>t,  dass  es  die 
rlnrrhweg  gi^niiiLste  un<l  vehU*htlicliste  Fonn  war,  welche  die  Civillsation 
pmaü»  angeniHumen  liat/'j  so  ist  dies  theils  au:^  der  geogmphisi'hen 
I.dire,  «eh'lM*  die  V<Tquiekung  alKMidiitndise.hiT  lde<'n  mit  onentalischen 
ABM-Iiauungen  mehr  wi(*  irgend  anderwiiils  iN'fördeil,  theils  aus  den 
rlbBiM-lN'n  Wamiluiigen  des  ui*siirüiiglichen  hellenischen  tllementes 
nrilflriit'lL     War   diesi'  Zivilisation   auch    gemein    und   viTä^'htlich,   sie 


*>  Iirapor,  A    «.  O.     8    225. 

M  Brjre«,  A.  a.  O,  S.  23. 

*i  L«ek]r.    A.  a.  O.    II.  Bd.     B.  10. 


0  Anfinge  des  MltteUUcrt. 

war  doch  immerhin  nocli  bcFsor  als  edle  und  achtens^erthe  Rohheit. 
Wnd  m  der  That  strahlte  im  VI.  Jahrhundert  Byzaiiz  als  Hrennpunct 
aller  C^vilisation  und  wahrlich  keiner  geringen.  Das  Zeitalter  der 
IJarbart^i  machte  sich  hier  nicht  fühllmr;  denn  uunmelu»  kam  die  erste 
umfa.ssende  Gesetzessammlung,  d.  h.  die  Verschmelzung  def  gesammten 
Masse  des  vorhandenen  Kechtsstofft^s  im  Corpus  juris  zu  einem 
Ganzen,  zu  Stande;  mmmehr  schmückt«  sich  Byzaiiz  mit  dem  Neubau 
der  S(»phienkirche,  wurden  die  Manufecturinteressen  durch  die  von 
^Mönchen  aus  Asien  gebi-achte  Seidenfabrication  untersttttzt  und  die 
Kaupenzucht  über  ganz  Griechenland  eifrig  verbreitet.  Andererseits 
nnisste  in  Byzanz  das  Christ^nthum  vom  Hauche  des  Orients,  seiner 
Wiege,  getroffen  werden.  Dieser  Einfiuss  des  Morgenlandes,  srar  all- 
mähligen  Verheidnischung  der  cliristlichen  Ijehre  führend,  ist  in  der 
einen  oder  der  anderen  Weise  stets  wirksam  gewesen.  Im  alt^n 
Griechenland  trafen  zuerst  asiatischer  und  europäischer  Geist  zusammen; 
unsere  gesammte  KuiLst.,  soweit  sie  hellenischen  Ursprungs,  beniht  auf 
asiatischer  Grundlage;  all  unsere  ethischen  und  metaphysischen  Systeme 
sind  nur  neue  Adaptirungen  altorientalischer  Philosophie;  der  ganze 
hierarchische  Iku  der  Gesellschaft,  so  weit  derselbe  auf  der  Id(»o  der 
relK'i'einanderschichtung  vei"schi(^dener  ('lassen,  nicht  auf  blosser  Macht- 
tiberlegenheit  beruht,  ist  nur  die  Entwicklung,  sei  es  unter  dem  Namen 
des  Feudalisnms,  des  Clanwesens  oder  der  Aristokratie,  eines  Begi-iffes, 
der  in  die  illtesten  ])atriarchalischen  Zfuten  hinaufreicht.  Nicht  anda*8 
ist  (»s  mit  uiLsercT  Religion.  Die  Bibel  ward  von  Anfang  bis  zu  Ende 
von  Asiaten  g(»schrielH^n,  die  ersten  allgemeinen  ('oncilien  waren  asiatiscli, 
und  sowohl  der  (ilaul)e  als  die  leitenden  Ideen  der  Kircheno]*ganisatiou 
stannnen  aus  dem  Orient.*) 

Das  Clu'ist^nthum  besass  wie  keine  Lehre  zuvor  die  innere  Eig- 
innig  zu  einer  Weltr(»ligion,  daher  die  Frage,  ob  es  als  solche  angolc^ 
gewesen,  ziemlich  ülKJiHüssig.  Di(»se  ausserordentlic^he  Fähigkeit  brachte 
mit  sich,  dass,  nachdem  —  Dank  dem  wachsenden  Ans(»hen  des  Bischofii 
in  Rom  —  tlie  theologischen  Streitigkeiten  endlich  beigelegt  und  das 
Christenthuni  in  seiner  Fomi  als  Katholicismus  festgestellt  wanl,  die 
vom  (hi(»nt  erluiltencni  Einflüsse  d.  h.  die  Verheidnischung  üIkt  die 
ganze  Christenheit,  also  auch  ülier  den  Westen,  verbreitet  wurden. 
Die  alten  (iiitter  wurden  alhnühlig  mit  Dämonen  identiftcirt  und  ilir 
Dienst  als  ^Ligie  gobrandmarkt.  l>aran  knüpfte  sich  logisch  die  Ver- 
folgung der  alten  Philoso])hie  und  ihrer  Hüter,  endlich  die  Unt<^r- 
(Irückung  und  Ausrottung  der  altcMi  (felehrsjimkeit,  welche  mit  jener 
lügenhaften  l*hih)sophie  in  unlöslicher  Verbiinhuig  zu  steJien  schien, 
glcichwwhl  aber  die  Grundlage  der  antiken  Ciütur  bildete.  Ganz  un- 
merklich liatten  nändich  zwei  Ansichten  die  Allgemeinheit  der  Menschcit, 
und  zwar  vcm  unten  nach  oben  ergriffen;  sie  waren  ihr  v(m  keinerlei 
(iewalthalMTU  auferlegt,  und  hattcMi  sich  doch  fester  eingenistet  als  es 
je  auf  Befelil  eines  Des]M)ten  geschehen  wäre;  sie  waren  zum  völligen 
Gemeingute  geworden  und  es  gab  nm*  eine  versclmlndende  Minderheit, 


*)  Aubrey  de  Vere,   Victuretqu»  iketchfs  of  Gretc$  and  Tur^f^.   London  1800^ 
8'.    II.  Bd.    8.  178— 17». 


Dm  ChrialnttaB  im  Ortoiit  7 

die  ihnen  nicht  hnldigte.  Diese  zwei  Ansichten  waren  erstens,  dass 
die  heiligen  Schriften  Alles  enthielten,  was  dem  Menschen  zu  wissen 
nöthitf  und  nützlich  sei,  —  dies  erklärt  difi  Unterdrückung  der  alten 
WimeuM'haft  —  zweitens,  und  dies  ist  wieder  nur  consequent,  dass  es 
rr«*ht  sei,  die  Menschen  zu  zwingen,  das  zu  glauben,  was  die  Mehrheit 
der  Gesellschaft  jetzt  als  Wahrheit  angenommen  habe,  und  dass,  wenn 
sie  sich  weigerten,  es  recht  sei,  sie  zu  strafen;  dies  erkläi't  die  Ver- 
folgung der  alten  i'hiloso))hen.  Dazu  kamen  bei  Zerstörung  der 
V4iniefauüichsten  Wissenssitze  die  B(»trügereien  an's  Licht,  womit  die 
lYiestersi'iuift  des  Alterthums,  wie  jene  s])ätcrer  Zeiten,  die  gläubige 
Menge  betliOrte*,  man  darf  demnach  mit  Recht  sagen,  dass  die  griechische 
11ul<iso|»hie  dne  Lüge  gewesen  und  gleich  anderen  Lügen  aus  der 
Welt  vcijagt  wonlen  sei,  als  man  sie  entdeckt  habe.  Die  neue  Ltkge, 
die  sich  an  Stelle  der  alten  setzte,  galt  darum  nur  desto  sicherer  für 
Wdbrbeit  So  führte  denn  der  lliiiHuss  dos  Orients  in  durcliaus  rich- 
tiger Verkettung  zm*  Vernichtung  der  (redankcnfreiheit,  welche 
unter  den  römischen  Cäsaren  miumscluünkte  AcJitung  genosseiL*) 

Diese  uimüttelliare  Wirkung  der  christlichen  Intoleranz  ist  von 
sehr  verachiiMlener  Ikdeutung  für  die  christlichen  Völker  und  deren 
Kntwicklung  gewe&iim;  aus  ilu*  wenlen  die  schärßiten  Waffen  gegen  die 
ctdtiirliLitorisclie  Höhe  des  Christenthums  geschmieiU^t.  Indess  ist  diese 
Undiildsamkdt  keine  vereinzelte  Erscheinung;  seit  den  ui'äl testen  Zeiten 
wuhnt  fiinatiflcla»  Intoleranz  dem  Judenthmn  inne,  und  noch  intoleranter 
als  das  Cliristenthum  trat  der  Islam  auf,  mit  Feuer  und  Schwert  die 
angeliürhe  Walirheit  seiner  Iif'lire  verkündend  Wemi  nun  niu*  bei 
Mkii(*n  Religionen,  die  der  Schooss  des  Semitenthums  gezeitigt,  eine 
to  h<TTors}iringende  Undnhlsamkeit  wahrzunehmen  ist,  so  wird  man 
diese  wohl  für  einen  si)ecitisch  semitischen  Cliarakterzng,  für  ein 
IVudoct  dc*s  semitischen  Oeistes  halten  dürfen.  I)ii*s  winl  sicherlich 
nicht  durch  die  ßemerkung  widerlegt,  dass  „die  Ursache  davon  in  der 
Beschaffenheit  der  semitischen  Religion,  al)er  nicht  in  dem  (liarakter 
der  Träger  dcr8<?lben*^  liege;")  „eine  Religion,  welche  jede  andere  miprt 
nnd  fOr  Lüge  erklärt,  könne  nicht  so  tolerant  sein,  wie  eine  Religion, 
wddKf  i*iuen  mehr  nationalen  (liarakter  halN>;^  vielmehr  (Uirf  man 
di»  als  Zugestäntlniss  lietrachten,  denn  die  Ik^schaffenheit  einer  Religion 
gi-fat  stets  aas  dem  (liarakter  des  Volkes  hervor,  das  sie  geliar.  Rei 
l'f-lMTtmgung  auf  fremde  Stämme  werden  die  Religionen,  gleich  anderen 
in»tjtnti(men,  je  nach  (reist  und  Racitnanlage  modiliciit,  wolnn  dann 
diu  eine  uler  die  andere  fjg(*nscliaft  zu  iK'sonderein  Aus^lrucke  gelangt. 

1h»  Chrlstenthnin  bei  den  ^nuaiilsehen  VOIkem. 

lK«m  entsprcM-hcnd  iiiusste  das  (liristenthum  auf  die  gonnanisilien 
Stliiimp  eine  total  vers<'hi(*«lene  Wirkung  äussern,  als  auf  Römer  und 
(ffiechen  whr  gar  Asiaten  und  Africaner,  uml  nur  al)Holuter  Mangel 

*i  Kaake  hierüber  da«  Capitol :  „Europäisches  ZeiUlier  d«s  OUabens  im  Ostern*  bei 
Df%ff,  A.  a.  O.    8.  S39— 346. 

•)  CkwoleoB.  MemitUckt  Vm^r,    8.  26. 


H  AiiAag«  4m  MlltoUUtn. 

IUI  i'uHiirU''«Jii<'>»^Ji<*l»''ni  ViThtämlniww»  kann  \on  rinor  allgemeinen 
Wiiliiinj/  «l«*«  riiriKti'nthiniiH  Kprccliffn.  Auf  <lic  alten  Cultnnölkcr  bat 
!'=<  t^ii'lM'iii'li  k<*in<'ii  wohltliiltif^cn  KinflnKK  gHUit,  nml  wenn  auch  nicht 
itir  iilti*  (iiltiir  74'\HU)r\,  doch  g<-wiHH  ihn^n  rntergang  besdileonigt. 
itnIf'KK  flii*  V^ilkiT  fi<*H  Alt4'ilhuniK  hatten  Hich  ausgeleht:  sie  rnuastcn 
mIiiIh  II,  «h'iiii  VolkiT  sti'ilM'ii  wi<»  Individuen;  sie  wän'n  auch  gestorben 
(ihiic  (-hriHliMiÜiiitii,  (»hiK*  KrHrhcitu^n  d(T  nördlichc^n  liarliaren;  gttns- 
HmihIcii  FuIIh  wUiw'ii  s'ir  kur/  dnnuif  d^in  wuchtigen  Anpralle  des  Islftm 
iiliy<Mi.  AiidiTiTHcitK  ward  viel  von  der  altni  ('ultur  in  die  mittel- 
uHcrliclicti  Kpochcn  liiiiülMTg(*tnigeti,  wo/u  der  Tnistand  nüthalf,  dass 
^'w^or  wie  Ih'NJrgtp  iU*r  Mchr/alil  nach  da»  gemeinBainc  Band  des 
ChrhlrnlliiiniH  tiiiiNrlilniig.  Vja  thut  ni(!htH  zur  Sache,  dass  dieses  sehr 
A'Uh/cilig  rntiirlct,  cnt.stclh  und  entweiht  wanl.  Die  Ui'sachen  dieser 
uimUNWcichlichcn  Kiitnrtung  nind  schon  JH^kannt.  Religionen  sind  Kr- 
/ciignlHHc  der  incnscIilichMi  IMmntasic»,  keine  höhei*en,  etwa  übernatür- 
lichen Kingchiingni,  thcilcn  daher  das  I /<h>s  aller  irdischen  Institutionen, 
deren  keint*  lang  die  ursprüngliche  Keinheit  xu  l)ewahren  vermag. 
Nniii  (lirihtenthiinu'  fonlern,  es  sollte  diesem  allgemeinen  (Jesetxe  sich 
eiit/leheii,  Ist  sinnlos  iwhT  heisst  ihm  eine  ül»eriiatürliche  Stellung  zu- 
erkennen« womit  man  si<'h  lossagt  von  den  wiss<Miwhaft liehen  Ei-kennt- 
ni>seii,  hi(«  Mntaiiiing  des  Christ enthnms  blieb  vorzugsweise  auf  die 
al»NtiM'lu*nden  antiken  Völk«»r  als  |k»wohner  wanneivr  Himmelsstriche 
iMMlu'itnkt.  l>ass  Letztere  ynivr  Kntailung  ül)erhaupt  günstiger  sind, 
niochtt»  eim»  HmuNchau  der  heutigen  Suhtn»]HMilH»wohner  genügend 
ilhistriit»n.  rn|»jU't(»iiM'he  Whnnen  imh^ss  ein,  dass  deniuH'h  das  (liristen- 
ilinm  s<»mn'  ntn'h  unter  <U»n  Alt«»n  Ansihanungen  gezeigt,  die  imeh 
nuHlernen  Ih^gritfen  Iii^Ihmv  genannt  zu  werden  ])Heg«Mi,  vdo  z.  l\,  in 
lUvug  aurtiebnrtsibtn'ibnng,  Kinfh'nnord,  Ausätzen  der  KindiT,  Sellist- 
nionl;  es  trug  endlich  Ihm  zur  rnt(*nli*ückung  der  (iladiatorenspiele, 
crwivkle  ^Vider^^illen  gtnjen  die  Tinh^sstrafe  und  einen  ausgeiiiihnten 
Sinn  für  \Nohllhaligki»il,  th'in  classischen  AlttTthume  durchaus  fremd.  •) 
l  ebcihaupt  iM  die  «Jluiuanitilt*'  eine  fast  auss4*hliessliche  Kn*migi^nsi*lHift 
d\*r  chri>t  Heben  K|M>chen.  rnhlugKtr  mit  wickelte  «s  die  st^nilen  Tu- 
Jicnden»  l^'unitb  und  licboiNim,  die  im  .Mterthuuie  wenig  Achtung 
c.ciuw»;rn  und  >or  den  giM'UO  ülH*rs«»hjil/ten  bünr^Tlicben  Tugnulen  weit 

uiuckMaudeu  Hing  alvr  die  Knt^icklung  dtT  »servilen  Tugi^ndtm 
»uHinvemANs  nur  auf  KtMcn  der  büiwrlichen  \or  Mch.  w  filbrte  sie 
.nulcn'tNcilN  :\\  einer  Milderung  des  l.^^^»N  iler  S'laxen.  Kin'htMHlij*- 
*^plin  und  iix»ii«*Ndienvi|ithe  (icbn^nclie  bnh*hlen  Heim  und  S*hivon 
i! Minder  u;»hcr  und   N'lo'.Ahrlen  «lic  SolaxeiiU^freiimj:      Ihi^  Mittelalter 

«Kt  ;tu  Stelle  der  Nluxitvi  die  l.eibci»:en>ohatt,  jcMonÜilis  ein 
c^Mdut^t  l\»riN»-hvi!i  in  den  Vuuen  Jener,  die  an  Vcr\««Ukonnnnuiig 
\\\\k{  \eix>Uuv.c  d^'!    MeUM'hheit  cUiilvn 

In  iM'p.vtV  dev  ittvnuLinvluuting  d«>  riiiiMontbum<  stäuidon  lUe 
»;\:uuin^hii\  Xe'.NCv,  VivjixlMihM*«,  IV-iUMhc  und  N^sMiAudtT,  in  \i4l- 
>;,v.Mxv:   l  v\".\  .t\>:vv.'.:iuuj:   mi;   i  .v..tndvr     Su*   cxhen  aus  \o:i  ciuoui 


»  >.,^.  ?.,•.->;:  if-  IV    v'-»r-".*-  5^.  l  Jtiy.  -V  •■  v^    U   W    ^  :«— 41 


DM'ChristaiitlivBi  b«l  den  fenB*nls«hen  Völkern.  9 

ftllanlinp:»  dnspitigeii^  oft  recht  unbändigen^  immer  alier  kräftigem  Per- 
üönlirhkeftflgelühle.  Männlich  energischer  Wille,  Freiheit,  Ehre,  Keiiwh- 
heit  siiui  hoch  geachtet;  das  Hans  nnd  die  Ileimath  mit  der  sie  uni- 
grbdulen  Natnr  liebt  man.  Dies  war  der  I*Yuditl)oden,  in  welolien  die 
iSaal  des  Kvangeliiims  fiel.  Daher  das  Christ nsbild,  wie  es  sich  dem 
pCfTmanischen  GemQthe  eingeprägt  hat,  wie  es  ans  der  christlichen 
Uiditimg  uns  entgegen  leuchtet:  Christus  der  lleldenkönig,  tapfer, 
mannesmuthig,  huldvoll  und  aufopfernd.  Dem  entspricht  das  Bild  des 
durisleiiTolkes  als  eines  mannhaften  Heergefolges,  dessen  Beruf  ist, 
Streiter  des  Herrn  Christi  zu  sein  (denn  das  (•liristenleben  ist  ein 
KamiiT),  und  dessen  Elire  in  seiner  Treue  steht.  Und  je  molir  die 
Seele  freiwillig  und  ohne  Vorbelialt  dem  hinmilischen  König  sich  hingibt 
und  Alles  von  semer  Hold  erwartet,  wie  diese  Gesinnung  nicht  selt(*n 
in  den  Gesängen  hindurchbricht,  desto  gewisser  liegt  darin  schon  eine 
erangelische  (resinnung,  ein  verlwrgener  protestantischer  (tnindzug.  *) 
tlinstweilen  aber  gelang  es  dem  römischen  Kirchenthume  auch  die 
Geister  der  Franken  in  seinen  Zauber  zu  liannen  und  mit  ihrer  Hülfe 
eine  geistige  und  weltliche  Macht  zu  erringen,  die  bis  in  die  (Gegen- 
wart hinein  vom  grOssten  Finfiuss  auf  die  (n^schicke  Kuro])as  gebliel)en. 
liftrin  liesteht  die  dop]>elte  Ik^leutung  des  Honifacius:  indem  er  seine 
Missions-  und  Refonnationsthätigkeit  an  das  Papsttluun  aiiknü])Ae,  gab 
er  dem  fränkischen  Staate  %uglei<*h  jene  Richtung,  welche  zur  Kin- 
flttsehang  in  die  pohtischen  Angelegenheiten  Italiens  fahrie.  Die  lk>- 
seitignng  des  gallisdien  Irrlehrers  Aldebert  und  die  Ik'kämpfung  des 
Ijmgobardenkönigs  Aistulf  stehen  dadurch  in  engem  Causal/usammen- 
hange,  nnd  so  wurde  damals  der  (irund  zu  jener  Entwicklung  Italiens 
wmI  der  Kirche  gelegt,  welche  erst  1H7U  zum  A1)scliluss(?  kam.  Ikmifadus 
war  zwar  nicht  der  Ik^gründer  des  ('hristentlnuns  in  Deutschland,  alKT 
er  gab  den  vorgefundenen  christlichen  Ciemeindcn  einen  den  Vci'liält- 
nisHen  seincT  Zeit  entsprechenden  kirchlichen  Zusannnenhang ,  welcher 
dan  Ik>wnsstscin  religiös<*r  Einheit  in  ihnen  In^Iebte,  um  sie  mit  der 
yjni  anch  zur  damTuden  n^ligiösen  Freiheit  durch  gerne*]  nsame  iinu*re 
KraHant^rengnng  gelangen  zu  lassen.  Auch  in  Reti-etf  der  kirchlichen 
Kolwiddnng  der  Natiimen  gilt  das  (icsetz:  da.Ks  di<»  Freiheit,  welche 
vijn  Mimschen  errungen  wenlen  kann,  nur  durch  <Uis  Zuchtmittel  dcT 
Kinigong  unter  einer  gesetzlichen  Ordnung,  <lie  als  göttliche*  Autorität 
irrucht^'t  ^^inl,  sich  verwirklichen  lilsst.  Es  ist  zwar  ausser  Zweifel, 
dasA  die  christlichen  ( leineinsiiiaftcn ,  wolclie  l^)infa('ius  voifaml,  in 
Wirktichkeit  liesser  waren  als  er  sie  von  seinciu  röiinschcn  Standpun<'t 
ans  charakterisirt  liat.  Al>er  elMMi.sow(Mng  kann  auch  in  Abnilc  gi^stcllt 
werditu  dass  «iiese  ersten  PtLiiizungcn  des  Christcntliums  in  l)(>uts4thland 
der  kiniiliclien  ErolK»rungsjM)litik  Roms  eineu  sie^grciclKMi  Widerstand 
rntgitwmzttsetzen  vennm'hten,  obschon  einz(»lm»  I^inth^skirclien.  wie  <lie 
bayerisdie,  M'hr  lange  ihre  Unabhängigkeit  nom  Rom  zu  erhalten  wussten. 


•)  Vgl.  Pf.  Fr.  Ilumni  er  i  ch ,  Aeltette  ehrittUche  Ethik  iler  Angtltachten^ 
lHtii9eh0 1  nmd  Sonllämdtr,  Ein  Btitruff  wur  Kirehgm/tiehtehU.  Aus  dem  Diniscbcn  von 
X.  Hickelaea.    Udteriloh.  1674.    8* 


10  Anfluge  dM  Hittelalten. 

Es  fehlte  ihnen,  um  diesen  Kampf  gegen  einen  durch  wissenschaftliche 
lUidung,  sittliche  Lauterkeit  und  Idrchliche  Ikgeistcrung  so  übcrmfichtigen 
(ioKner,  wie  ]k)nifEu;ius  war,  siegi*cich  (lurchzufü1u*en,  sowohl  an  der 
hier/u  unentbehrlichen  landeskirchlichen  Verfassung  als  an  den  durch- 
sirhhigcnden  Waffen  einer  höheren  wissenschaftlichen  Bildung,  als  an 
dem  Schutze  des  Staates.  Die  Zeit  war  noch  nicht  reif  zum  Gedeihen 
eines  nationalen  Kirchenthums;  diese  Keife  konnte  erst  eintreten  nachdem 
die  reichen  Erfahrungen  des  Mittelalters  den  Grenius  der  deutschen 
Nation  liinreichend  gekriiftigt-  hatten,  selbständig  sich  sein  kirchlidies 
lA^ben  zu  ordnen,  und  fiir  diese  Ordnung  die  göttliche  Autorität  zu 
tinden  und  aufzustellen,  welche  eine  kirchliche  Gemeinscliaft  nie 
entlwhren  kann.  >) 

Prüft  man,  worauf  es  hauptsfichlich  ankommt,  die  Wirkungen  des 
Cliristenthums  bei  den  nördlichen  Barbaren,  so  ist  sein  wohlthätiger 
„veredelnder"  Eintiuss  unverkennbar.  Die  alten  Völker  eilten  olme- 
hin  ilirem  nothwendigen  Untergange  entgegen  und  wie  ihre  letzten 
Tage  sich  noch  gestalten  möchten,  blieb  für  die  fernere  Ciüturent> 
Wicklung  von  untei-geordnetem  Belang.  Die  Ikirbaren  aber  wären 
iK'im  Vonhingen  nach  den  Culturländern  des  Südens  wahrscheinlidi 
niomlisch  zu  Grunde  gegangen  und  physisch  erschlafft,  hätte  ihnen 
das  Christenthum  nicht  einen  moralischen  Halt  gegeben.  ^)  W^ohl 
konnte  es  nicht  fehlen,  dass  unter  den  Händen  der  Germanen  das 
Christenthum  eine  ihrem  Geiste  und  ilirer  Culturstufe  entsprechende 
rohere  Form  annahm  und  in  der  That  äusserte  es  sich  später  nur 
wenig  als  Religion  der  Liebe.  Ein  gut  Theil  der  inhumanen  Aus- 
schreitungen der  Kirche  darf  man  diesen  barbarischen  Einflüssen  zu- 
schreiben: hnmerhin  blieb  selbst  dann  ihre  Wirkung  stai*k  genug,  um 
einige  der  oben  erwähnten  civilisatorischen  Ideen  sogar  den  rohen 
^'ordländern  einzuimpfen.  Selbst  die  sogenannten  finstersten  Jahr- 
hundertc zeigen  viele  Züge  grossen  und  echten  Seelenadels.  Wenn  sie  ^ 
in  bürgerlichen  und  imtriotischen  Tugenden,  in  Liebe  zur  Freilieit,  in 
Zahl  und  in  Glanz  ihrer  grossen  Männer,  in  Würde  und  in  Schönheit 
ihres  Charakteitypus  tief  unter  den  heidnischen  Civilisationen  standen, 
so  ül>ertrafen  sie  deren  edelste  Zeiten  weit  in  thätigem  Wohlwollen, 
im  Gefühle  der  Ehrfurcht  und  der  Untcrthanen treue,  während  sie  in 
der  Humanität,   welche   vor   der  Auferlegung   des   Schmerzes   zurück- 


*)  Hiebe  Auguni  'Wlornor,  Boni/aeiut  der  ApogteJ  der  Deutgehen  und  die  Roma- 
nisirung  von  Mitteleuropa.  Lcipxig.  1875.  8  Eino  völlig  nutzlose  und  mUMcigo  Tift<>Iei 
i<it  (lor  versuchte  NAchwei»,  dAM  Bonifaeius  den  Papsi  als  das  Oberhaupt  der  katholincben 
Kirche  nicht  al«  unfehlbaren  Autokraten  verehrte;  die  Bedeutung  des  Bonifaciua  wttrde 
auch  durch  letalere  Annahme  nicht  verringert.  Die  Gegenwart  liebt  es  nur  su  aehr 
MAnnern  der  Vergangenheit  Ansichten  su  imputiren ,  welche  erst  die  Früohto  eiaer 
KpHtnrn  Entwicklung  sind.  Die  Unfehlbarkeit  dM  Papntos  konnte  Bonifaeius  unmögUcb 
in  einer  Zeit  beschilft  igen ,  die  sich  den  Pap^t  Überhaupt  nicht  anders  denn  unfehlbar 
7.U  denken  vermochte.  Allgemein  bekannt  int  übrigens  der  Widerspruch  der  Historiker 
in  den  Urthoilen  über  Bonifaeius.  Die  vortrefllichste  Charakteristik  desselben  acbeini 
uns  jene  in  Ludwig  Oelsner.  Jahrbücher  dei  fränkiechen  Reiche»  unter  König 
XHppin,     Leipsig,  1871.    8*    8.  171. 

')  C  h  w  o  1 8  0  n ,  A.A.  O.    8.  2. 


Dm  ClirUtcBibiiBi  bei  den  g«maiil«^«a  Yölkern.  11 

schredct,  der  römischen  und  in  Bezog  auf  Keuschheit  der  griechischen 
CffCftittiing  Oherlegen  waren.  *)  Sowohl  an  der  Schatten-  wie  der  lAi'htr 
seile  dieser  (liarakteristik  hat  das  Cliristenthuni  zweifellos  wesentlichen 
Antheil,  und  el)en  so  lächerlich  als  verkehrt  ist  es  zu  sagen,  es  lassü^ 
eidi  keine  ilurchtharere  Anklage  gegen  das  Christenthum,  wie  es  damals 
aOgemein  anfgefiftsst  wurde  denken,  als  die,  alle  Nationen  und  Völker 
eines  vollen  Jahrtausends  denuassen  in  geistigen  landen  und  Fesseln 
fn*halten  zu  haben,  dass  die  ganze  Menscliheit  nach  dieser  langen 
Periode  zu  dem  gleichen  Grade  von  Bildung  noch  nicht  wieder  gelangt 
war,  den  die  Barbaren  —  der  Mehr/ahl  nach  bereits  Christen  —  mit 
dem  ROmerthum  vernichtet  hatten.  Denn  die  Barbaren  hätten  die 
ahc  Civilisation  gerade  so  vernichtet,  wären  sie  keine  Christen  gewesen, 
wie  das  Beispid  der  Hunnen  beweist;  was  aber  von  ihnen  geschont 
ward,  ist  grossentheUs  auf  Rechnung  eben  ihres  Christenthums  zu  setzen. 
Ilann  veiigisst  diese  Anklage,  dass  (Ue  gemmmsche  Welt  in  derCultur 
von  vorne  anfangen'^)  musste,  dass  es  kein  Mittel  gibt  die  Cultur 
auf  neue  Völker  zu  tibertragen,  ihnen  gleichzeitig  al)er  den  langen 
mtibevollen  Weg  der  Arbeit  zu  ersparen.  Sind  auch  die  heutigen 
(*uhun'ölker  die  Erben  geschichtlich  begral)ener  Nationen,  die  ihnen  als 
liehmieister  in  der  Kindheit  dienten,  die  gegenwärtige  (xenittung  musste 
doch  durch  eigene  Arbeit  er^orlien  werden,  wie  je<les  Wissen  nur  durch 
Studium  erlangt  winl  Die  Zeit  des  l>»nieiis,  dieser  häilesten  Arbeit 
des  Kinde«,  nicht  des  Wissens  war  das  Mittelalter  für  die  germanisdien 
and  neunmianischen  Völher,  und  es  ist  durdiaus  unzutreffend,  wenn 
nidit  tendentiöH,  die  Blüthezeit  der  Hellenen  damit  in  Parallde  zu 
ictiHlen.  Diese  musste  als  höchste  Cultui-entfaltung  der  Alten  mit  der 
modernen  verglichen  werden  und  dieser  Vergleich  flült  kaum  zu  (inn- 
igen d<*r  dansischen  Hellenen  aus.  Der  hellenischen  Blütliezeit  ging 
aber  eine  unberechenbare  Periode  voran;  wie  lange  die  Griechen  zu 
ihrer  höchsten  Culturentfaltung  btMlurft  haben,  wissen  wir  nicht.  Und 
Dor  diese  dunkle  Periode  darf  man  dem  Mitteküter  zur  Seite  stellen; 
%  cm  ihr  aber  ist  sicher  keine  höhere  Meinung  gestattet. 

W(T  über  den  Entwicklungsgang  der  Cultur  im  erstem  Jahrtausende 
klare  Anscliauung  gewinnen,  wer  für  das  Mitt(»lalter  den  verstehenden 
Standpunct  eiiifielunen  will,  darf  nicht  eincTseits  an  totale  Zerstörung 
«ifT  alt**n  Civilisation  glaul>en,  andererseits  ausser  Acht  lassen,  dass  er 
\«»llkommen  neuen,  jugendlichen,  also  noch  barliarischen  Völkern  be- 
Upf^nfi.  Diese  Ikirliarei  gon'icht  dvw  Völkern  so  wenig  zum  Vorwurfe 
all»  di*m  Kinde  seine  Jugend.  Sind  auch  nicht  alle  barkirischen  Völker 
iUr  i'w^tm^'SLTi  jugendliche,  so  sind  doch  unig<'kehrt  jugendliche  Völker 
aU^nial  harliariM'lK*  (im  (it^gensatz  zu  den  cultivirten).  Wie  ein  Kind 
ViH*'«  von  dr»n  Sitten  siMuer  erwa<*hseiu*n  Cmgobung  annimmt  und  doch 
M-ino  Eig«*nart  iK'wahrt,  wie  es  gläubig  nachspricht,  was  man  ihm  vor- 
lagt und  doch  plötzlich  mit  nm-h  rngisjigteni  ttl m Trascht ,  wi(»  mit  un- 
^•Tständigen  Händen  mitunter  es  zerstört,  was  seiner  Väter  Stolz  mid 
MulK^n  gewesen,  ja  was  zu  eigener  ZukunA  Nutz  und  Frommen,  und 


•)  L«ek7,  A.  a.  O.    II.  Bd.    8.  11. 

*)  L»Bg«,  0^9ekt€ki€  4€$  MaitrMUmui.    I.  Bd.    8.  159. 


12  Anf&nge  dM  MitUlalters. 

(l(*nnoch  8]>ätcr  wieder  selber  Grossos  schafft,  so  tritt  das  Mittdalter 
uns  entge}j;eii.  Die  GeHchichto  jedweder  Kiitwicklung  in  der 
oi'KinnHcheu  Welt,  also  auch  der  menschlichen  Cultiu*,  besteht 
ihirin  ein  Stadium  zu  erreichen,  um  es  wieder  zu  verlasseit 
Alh;  Momente  nun,  welche  ein  bestinuntes  Stailium  herbeifülivcn,  wirken 
an  dessen  FurtiHiialtung  mit,  d.  h.  sind  Hindernisse  für  des8eu  Uebcr- 
windung.  ^)  So  darf  es  nicht  befreni<len,  dass  das  Christenthum,  weiches 
d(Mi  nordiscluui  Stummen  aus  ti(>fer  Barbarei  ilic  Stufe  der  uiittelaiter- 
liclien  (iesittung  Wissentlich  erklinnnen  half,  sich  später  als  Hemmniss 
weiterer  Entwicklung  erwies  und  erst  wieder  überwunden  werden  mussta 
Desshalb  ist  es  doch  nicht  statthaft  die  IkKleutung  des  Cliristcnthums 
für  diese  Jugendperioile  unserer  Voifalwen  zu  unterscMtzen  oder  etwa 
gar  (bissolbe  zu  verurtheileiu  Was  vom  Christenthum  im  XV.  und 
XVI.  Jahrhundert  ge^sagt  werden  kann,  findet  ninmier  auf  jenes  des  V. 
bis  X.  Anwendung.  Durch  dieses,  welches  jene  Völker  physisch  und 
moralisch  erhalten  hat,  ist  die  moderne  Cuitur  möglich  gewordeit  ^) 


MOnehthnm  und  Kloatorwesen. 

Noch  erübrigt  es  einer  Institution  zu  gedenken,  die  mit  dem 
frühesten  ('hristenthume  im  innigen  Zusammenhange  stand,  des  Mönchs- 
und Kloster  Wesens.  Keiner  meiner  freundlichen  Leser  winl  darüber 
im  Zweifel  sein,  dass  die  Heimat  dieser  seltsamen  Institution  im  Süden 
g<'suiiit  wenh'u  müsse.  Die  Schwärmerei,  der  das  Mönchs-,  Eremiten- 
(wler  Anachoretenthum  seinen  Ursin-ung  verdankt,  ist  bei  den  eiTOgten 
l'haiitasien  des  Südens,  und  zwar  des  südlichen  Orients,  zu  Hanse. 
Die  Vorläufer  des  Mönchsthnms  halKUi  wir  in  der  That  sc^hon  in  den 
asketischen    Kssäern   unter   den   Juden*)   gefimden.     Hei   der   grossen 

*)  Da  ich  erklärt  habe,  wie  dem  Uömerthumo  von  Anfang  an  ein  rthnologii«cher 
Procosn  XU  Urunde  liege,  der  sowohl  dansen  Bildung  als  deitscn  Untergang  bedingt  habe, 
*io  möchte  hier  ein  AVider-prueh  vorUegen.  Dieser  Widerspruch  ist  Indcas  blos  ein 
scheinbarer.  Denn  eine  Nationalität  ist  kein  Culturstadium ;  der  othnologiiche  ProooM 
erklärt  aber  zurüchst  den  Untergang  des  rümisohen  Volksthums,  womit  allordingt  im 
diei«om  Falle  der  C'ulturgang  eng  vorknUpft  war. 

-)  Ch  wülson  ,  A.  a.  O.    8.  2. 

')  Da^s  die  Askese  nicht  blos  eine  Ausgeburt  dos  christlichen  Münehthuma  iat, 
Mtindcrn  von  Juden  sognr  heute  noch  geübt  wird,  seigt  folgender  sehr  lehrreicher  Fall : 
In  Wien  wohnte  seit  mehreren  .lehren  ein  armer  Jüdischer  Uollgionslchrer ,  welcher 
eine  Zeit  lang  sein  Loben  durch  Unterricht  im  Hebrilschen  fristete.  Der  Mann,  J. 
Horten  bäum  mit  Namen,  trug  bei  jeder  Gelegenheit  groaao  FrUmmigkoit  lur  Hohau, 
wolcho  sich  Spdtor  lur  Manie  steigerte.  Das  Leben  Hosen baum*8  war  Jetit  nur  nock 
der  ItuAHo  geweiht.  Tagelangos  Beten  wechselte  mit  Fasten  und  Hchlafen  auf  hartem 
Lager,  und  bald  vereinigte  der  Unglückliche  gar  alle  diese  Bussarteu,  betete  und  fasteto 
o't  acht  Tage  lang  ununterbrochen  und  sehlief  während  der  N&ohto  auf  einer 
harten  Bank.  Hu  ging  es  Monate  hindurch  fort  bis  lum  13.  Februar  1870.  An 
diesem  Tage  wurde  der  Arst  Dr.  8.  Kreissler  isu  einem  „Kranken**  berufen.  Kr  folgte 
dem  Dien»tmann  in  die  obere  Donaustraxse,  stieg  hier  mit  ihm  mehrere  Treppen,  die 
XU  einem  Keller  rührten,  hinab  unb  befand  eich  bald  ia  einem  niedrigen,  von  Miaamen 
erfüllten  naumo ,   in   welchem  ein  mattes  FUmmehen  spirlieheB  Lioht  verbreitete.    In 


MöaehOmm  und  Klo«terw«Mn.  13 

Miflse  war  mit  der  Annahme  des  Christeiithums  eine  Aendcning  des 
Lebern  keineswegs  verbanden,  in  der  Christenheit  selbst  aber  machte 
«ich  eine  tiefgreifende  VerÄOBserlichung  in  allen  (tcbieten  dos  Ix^bens 
geltend,  die  sich  besonders  in  einer  al)ergläiibischcn  Ansicht  von  der 
Kraft  der  Taufe,  in  aljgöttischer  Werthschätzung  dos  Kreuzeszeichens, 
der  Reliiiuien,  der  Wall&iirten  kund  gab,  zu  welch  letzteren  die  Kaiserin 
Iletena  durch  Erliauang  der  heil.  Gral)eskapelle  den  Anlass  gab.  Die 
sittlichen  Wiricungen,  welche  die  Religion  im  Lel)en  lien'orl)ringon  soll, 
Irmten  immer  mehr  zurück,  sehr  begreitiicli,  weil  der  (rlaube,  der  früher 
im  Herzen  einer  nur  kleinen  aber  auserlesenen  Schaar  loderte,  nun- 
mehr die  Allgemeinheit,  die  Gesammtheit  mit  ihren  so  mannigfaltig 
zusammengewürfelten  Elementen  ergriffen  hatte.  Die  frühor  so  hocli- 
gerühmte  Bruderliebe  der  Cliristen  nahm  ab,  an  ihrer  Stelle  traten 
hftssliche  Parteiungen,  eine  verweltlichte  Geistlichkeit  freute  sich  des 
acMseriichen  Pompes  ihrer  Stellung  und  mischte  sich  in  Hof-  und 
SUatsintriguen,  in  den  grcKssen  Städten  blieb  der  Pöl>el  so  sittenlos  wie 
zovor  nml  auch  in  den  bessern  Standen  zeigten  sich  die  bedenklichsten 
Erscheinungen.  Ein  Rückschlag  gegen  dii^e  Verweltlichuug  war  noth- 
wendig,  er  bestand  in  einer  allgemeinen  Weltflucht  der  (»msteren 
(remflther;  zu  stark  drängte  sich  jedem  aufinorks!imon  Hoolmchter  der 
l'jndnick  auf,  dass  es  mit  der  alten  Welt  abwärts  goho,  ungestüm 
kk>|iften  die  Rarliaren  au  die  Pforten  dos  Röuiorreichs,  alles  was  die 
antike  Welt  auch  an  Gelehrsamkeit  und  Bildung  besessen,  st^hien  dorn 
Unteiyange  geweiht,  so  schien  es  l)eRser,  sich  vor  der  Welt  zurttckzu- 
ziriien  und  zu  scheiden.  Ohnediess  war  die  gefhhrlicho  Unterschei(hmg 
einer  höheren  und  niederen  Tugend  aufgokonunen  und  diese  Ansicht 
von  grösserer  Vollkommenheit    verlangte  immer  allgemeiner  die  Ehe- 


#ia«Ai  Winkel  diMM  RaumM  lag  angekleidet  auf  einer  llolsbank  eine  nainnliehe  QeeUU, 
Aar  F»ü«Bt  Derselb«  regte  aleh  beim  Eintritte  des  Arites  nieht  mehr,  auf  eeinem 
Aatlitse  lagerte  die  Bli«ee  des  Todee,  die  Augen  waren  ntarr  and  weit  geaiTnet.  Was 
di«M  Erscbalnangen  den  Arsle  verrletheDf  bestütlgte  ein  Griff  nach  der  Hand,  der  Pvl» 
Miilag  Bleht  mehr,  der  Mann  auf  der  Bank  war  ein  Todter.  Während  der  Wieder- 
belebnogSTemaehe ,  weleha  erfolglos  verliefen,  ersAhUe  die  l'mgebung  de«  Todten  dem 
Arat«  die  Krankengeschichte  dieses  Mannes,  de«  Fanatikers  J.  Rosonbaum,  welcher 
•Idi  teehstiblieli  ta  Tode  gequält  hatte.  Die  letcte  Kastenperiode  des  Bodauern^werthen 
katle,  wie  dl«  Leute  sagten,  neun  bis  sehn  Tage  angedauert.  Während  dieser  Xeit 
kaUe  Roeaabauai  weder  Speise  noch  Trank  su  alch  genommen  und  bis  sura  vorletxteD 
Tage  Toai  Morgen  bis  sura  Anbruche  der  Nacht  in  einem  Nebengcraaehe  dei*  Tempels 
la  d^r  8chiffgA4«e  gebetet.  Abends  begab  er  sieh  von  hier  hinweg  sa  seinem  Lager, 
«elekeai  selbst  ein  Kopfkissen  fehlte.  Die  Stelle  des  letzteren  verlrat  eine  vierfckige, 
s€klef  aa  die  Wand  gelehnte  Holstafel,  i\ber  welche  er  stets  vor  dem  Schlafengehen 
J  SSI  es  klMierschÜrsenartige  mit  Hehaurädea  versehene  Gewand  breitete ,  welches  der 
gfcreaggliiaMge  als  einen  Talisman  ununterbrochen  am  !>eibe  behält.  Die  Aufregung 
de«  Amtae  war  in  Folge  dieser  Hchilderung  so  gross,  dasa  er  den  Ilausleutan  torief: 
«Ihr  eaid  Mörder,  warum  habt  Ihr  den  Mann  verhungern  lassen ?!'*  Doeh  diese,  im 
(iesaAtlie  swar  bewegt,  entgegneten  einfach:  ^Er  war  ein  Batltrhuic**  (ein  BOssar.) 
•  Vr*ee  fT/ewer  Taphlatt  vom  17.  Februar  IS'6.)  Wenn  rin  solcher  erasser  Fall  von 
religiiV*rm  Fanatismus  unter  (!hri-«tcn  sich  sugetragcn  hätte,  welch  iAiilk.»mmeneHpeis« 
«are  die»  nicht  für  unsere  angeblich  aufgeklärte  Prosse  gewesen!  Welch  herrlirho 
L  astarUkal  hAtten  wir  darüber  au  loaca  bekommoal 


14  AnAnge  des  MiiUUlteri. 

lofiigkcit  der  Geistlicheuu  Beinahe  wirkungslos,  wenigstens  ohne  sicht- 
liarcii  Ei*fblg  vcrhallteu  die  Stimmen  nüchterner  Kirchenlehrer  wie 
Aerius,  Jovinian,  Vigilantius.  Gerade  jene  Weltflucht,  die  in  der 
Trennung  von  der  mcnscldichen  Gesellschaft  ein  Verdienst  sah,  nahm 
zu,  das  IkLspiel  von  Paul  von  Theben  und  Antonius,  die  in  der 
ägyptischen  Wüste  ein  eriustes  EiiisietUerleben  fülnten,  &nd  unzälihge 
Nachfolger.  Längst  st^ht  fest,  dass  die  Thüler  des  sinaitischen  Alpen- 
landes, vor  allem  tlie  herrliche  Oase  Feimn,  den  Christen  des  II.  und 
111.  Jahrhunderts  eine  willkommene  Zufluchtsstätte  boten.  Die  ganze 
Gegenjl  füllte  sich  mit  Flüchtlingen  aus  den  angrenzenden  Ijändem, 
nainentlicli  Aegypten,  in  solcher  Menge,  dass  ein  Bischofssitz  in  Foirän 
entstand.  Eifriges  Studium  der  heiligen  Geschichte,  tiefe  Speculation 
übi^r  das  Wesen  Gottes  und  Christi,  und  Bussübmigen  ernstester  Art 
zeichneten  die  Sinaichristen  aus.  Von  hier  ging  das  Mönchsleben  und 
Einsiodlerwesen  aus.  Am  Djebel  Serbai  lebte  Paulus  der  Eremite, 
der  253  n.  C*lir.  die  erste  Congregatiou  der  Mönche  gründete,  hier  der 
Freund  des  grossen  Bischöfe  Athanasius,  Antonius  von  Koma,  hier 
versanmielte  der  Bischof  von  Pharan  die  edelsten  Männer  und  Glaubens- 
helden, die  begeistertsten  Redner,  welche  Tausende  von  Christen  an 
sich  zogen,  die  im  Drange  gottgefällige  Askese  zu  üben  oder  aus 
Ueberdruss  an  der  Welt  tVeuden  in  die  Höhlen  und  Klüfte  des  Sinu 
flüchteten. 

Man  irrt  gewiss  nicht,  wenn  man  die  Erscheinung  des 
Einsiedlerwesens  mit  der  natürlichen  Eigenthümlichkeit 
des  Berges  in  einen  gewissen  Zusammenhang  bringt  Der 
Sorbalgi*aiiit  zeigt  nämlich  ein  höchst  ausgeprägtes,  kugelförmiges  Ge- 
füge, welches  einer  strahlenförmigen  Anordnung  der  Feldspathkrystalle 
entspricht,  in  Folge  deren  auch  die  Verwitterung  der  Granitmasse  in 
Kugel  form  vor  sicli  geht.  Die  weitere  Folge  davon  ist  die  auch  einem 
Geognosten  wirklich  überraschende  Erscheinung  eine  Granitwand  voll 
Höhlen  und  Grotten  zu  sehen.  Der  I^aie  hält  dieselben  für  Menscheii- 
werk,  mn  so  mehr  als  in  die  natürlichen  Grotten  Sitzbäuke,  Nischen, 
Bauchabzüge  und  Treppen  eingehauen  sind  und  in  der  Umgebung  der 
(xrotte  Gescliirrscherben  und  Wasserleitungsröliren  die  Hand  des  Men- 
schen bekunden.  Die  natürhchen  Wohnstätten  am  Serbai,  in  einem 
ewig  milden  Klima,  in  der  Nähe  von  Oasen,  die  ohne  Mühe  dem 
Ansiedler  Nahrung  boten,  wairen  einladend  genug,  ein  einsiedlerisches 
LelH»n  zu  führen  und  unbekümmert  um  die  Sorgen  dieser  Welt  einem 
bescliauhchen  Geistesleben  sich  hinzugeben.^) 

El)enialls  in  Aeg>*i)ten  ging  das  Einsiedlerleben  in  das  Klosterleben 
über  durch  Pachomius,  der  auf  einer  NiUiisel  die  erste  Kloster- 
gemeinschaft gründete;  rasch  breiteten  sich  die  neuen  Vereine  ül)er 
Kloinasien  und  S\Tien  aus  mid  Basilius  der  Grosse  gab  ihnen  die 
Organisation,  welche  im  (irun<le  bei  den  Mönchen  des  Morgenlandes 
heute  noch  Geltung  hat.  Im  Abendlande  fand  das  Mönchsthum  viel 
später  Eingang.     Athanasius  brachte  die  ersten  viel  angestaunten 


«)  Osear  Fraat,  Per  Sinai  (Äu^lmmd  1878  Mr.  48  B.  050.) 


Mönehtlmn  ond  KloiUrwMtii.  16 

Möndie  nach  Rom,  Cassianus  in  Marseille  gab  ihnen  eine  feste  Ord- 
nang,  aber  der  eigentliche  Organisator  des  Klosteriehens  war  Benedict 
von  NoTBia,')  der  seine  Regeln  den  klimatischen  Verhältnissen  Italiens 
and  den  geistigen  RedQrfnissen  seiner  I^antlsleute  anpasstc  nnd  so  der 
Stifter  des  Benedictinerordens  ward ,  der  so  wichtig  geworden 
ist  für  das  Klosterwesen  des  Mittelalters  wie  für  die  ganze  Cultur- 
gefichichte  des  Abendhindes. 

Das  Auseinandertreten  der  organischen  Gebilde  lässt  sich  beim 
Ordenswesen  eben  so  genealogisch  verfolgen  wie  in  der  fll)rigen  Natur. 
Wie  wir  sahen  besitzen  die  Orden  ihren  Ahnherrn  in  dem  eigentlichen 
Monaeßtus  oder  Einsiedler  der  Wüsten  Aeg}i)tens  und  Palästinas. 
Streng  genonunen  hatte  auch  er  seine  Vorgänger  in  dem  noch  sclioueren 
Anaeboreten  oder  Zurückweicher,  der  die  Annäherung  von  Menschen 
nicht  erträgt  Konnte  der  Anachoret  nicht  mehr  gera<ie  aus,  so  suchte 
er  steile  Felsen.  Die  Gebirgswände  Süditaliens  wunmelten  einst  von 
solchen  Bewohnern.  Als  indess  die  Menge  der  Anaeboreten  und  Ein- 
siedler ein  gewisses  Mass  0l)cr8chritten  hatten,  mussten  sie  sich  nach 
fihysischen  Gesetzen  anziehen.  So  entstand  in  Oberäg}T>ten  eine 
organisirte  Colonie  von  mehr  als  10000  J^Iinsiedlem,  die  sogenannte 
Tahenna,  und  nächst  Jerusalem  zählte  die  Laura  des  hl.  Sabas 
öCäMI  Mönche.  Alsbald  verdichteten  sich  diese  Institute  zu  förmlichen 
(V>iiobien  unter  einem  Dach  und  von  einer  Mauer  umschlossen.  Einige 
Klöster  —  man  kann  sie  wohl  bereits  so  nennen  —  suchten  das 
Cönobioiii  und  die  Einsamkeit  mit  eiimnder  zu  verbinden,  indem  man 
bei  Beginn  der  Fastenzeit  die  Thore  öffnete,  und  so  zu  sagen  „austriel)."*) 
Ganz  den  nämlichen  Vorgang  können  wir  in  der  (regenwart  bei 
den  siamesischen  Phra  oder  Talapoinen  beobachten,  welche  nur  die 
Regenzeit  Ober  in  Ihrem  Kloster  bleiben,  sonst  aber  als  Bettelmöncbe 
im  I^ande  umherschweifen.  -*)  Analoge  Erscheinungen  sind  auch  die 
Derwisdie  oder  Bettehnönche  des  Islilm.  Vollauf  ist  man  daher  be- 
FMiitigt  zu  sagen:  „So  follen  die  Anfänge  des  Mönchswesens  in  Gegenden 
md  Zeiten,  wo  an  ein  Papalsystem  noch  gar  nicht  zu  denken  war; 
man  hat  es  also  ursprünglich  nicht  mit  einem  hierarchischen 
Manöver,  sondern  mit  einem  Stadium  der  menschlichen 
Geistesentwicklung  zu  thun.^^^) 

Die  Klöster,  dieses  Vorbild  des  Socialismus,  sind  also  nicht  eine  spe- 
rübirh  cJiristliche  Institution.  Eine  dem  Mönchsthume  ül)eraus  ähnliche 
Fj^cfaeinung  belassen  in  den  VannpraAthaa  die  sinnenden  Hindu, 
an  deren  Weisheit  die  Völker  Europa  s  zehren.  Der  Zweck  ihrer  Ent^ 
Hnung  von  dem  geräuschvollen  Treiben  der  Welt  war  Reinigung  der 
Se<*le  nnd  F^reichung  des  höchsten  Grades  von  Vollkommenheit,  dessen 


'}  la  UmbrUn,  gab.  ij<0  n.  Chr. 

*»  Martin  Bchleleh,    Zur  Getehicht«  und  BttUutung  dtr  ,^iöil$rUeh€H  001*099^1^ 
b/Um,-    iBttimg«  aur  ÄU§.   Z0Hmng  1875  Nr.  107,  171,  173.) 

*l  I)a«  N&liera  übar  da«  Leben  der  Fhm  und  ihre  Klöetar  Mlahe  in  meinem  Bodie: 
Bitdmt'imditeht  Länder  nnd  Y6lk4r.     Btisan  in  dtn  FlMatgebitttn   d*9  Iratcmdd^  mnd  Jfe> 
tm  Anmmm,  Kamb^dteha  mnd  84am,     Leipslg  1876  8'  B.  327 —331. 
*)  HarilB  Sehleieb,    A.  a.  O.    Mo.  101  Tom  IS.  Janl  ISIft. 


Iß  Anfang«  des  MiiUlalters. 

die  menschliche  Natnr  fähig  ist  Für  die  mit  S(^clier  Lebensweise 
verbundenen  Consequenzen  gibt  die  Physiologie  die  nöthigenErkl&rungen; 
kein  Wunder,  wenn  ähnliche  Folgen  bald  beim  christlichen  Mönchs-  und 
Eiiisie(lltTlel)en  auftrateiL  Nun  beachte  man,  dass  es  für  den  Menschen 
zweierlei  Arten  von  Wahrheiten  gibt,  eine  objective  und  eine  sub- 
jectivc.  1)  Die  seltsamen  ßelianptungen  göttlicher  Inspiration  u.  dgL 
seitens  mancher  Mönche  oder  Einsiedler  beruhten  auf  Visionen  und 
llallueinationcn,  welche  von  keinem  Arzte  oder  Naturforscher  gel&ugnet 
werden,  für  die  unter  ihrem  Einflüsse  Stehenden  also  jedenfalls  sub- 
jective  Wahrheit  waren.  Die  Sinnestäuschungen  beruhen  auf  einer 
fiUsehen  Verwerthung  des  sinnlichen  Eindrucks,  der  offenbar  da  ist,  nur 
nicht  von  Aus8en  angeregt.  Die  Illusion  wird  um  so  grösser,  je  mehr 
Menschen  daran  theilnehmen,  ^)  und  die  feste,  weil  auf  subjectiver 
Wahrheit  fussende  üeberzeugung  der  Begnadeten  verfehlte  nicht  auf 
die  Menge  die  tiefste  Wirkung  auszuül)en.  Was  das  früheste  Mönchs- 
thum  am  meisten  in  modernen  Augen  zu  discreditu*en  geeignet  ist, 
war  eine  vollkommen  natürliclie,  physiologische  Erschein wig.  Genau 
rlasselbe  war  das  Orakelwesen  der  alten  Hellenen,  denen  so  wie  den 
Kölnern  nachgerühmt  wird,  dass  sie  keine  dem  Mönchswesen  ähnliche 
Einrichtung  hatten,  wofür  wohl  die  Gründe  unschwer  zu  finden  sind. 

Unter  den  Gluthen  einer  heissen  Sonne,  in  einem  erschlaffenden 
Ivlima,  wo  der  Boden  der  Obsoi-ge  für  die  Befriedigung  leiblicher  Be- 
dürfiüsse  enthebt,  d  h.  das  ]Sichtsthun  begünstigt,  entartete  das 
Münchthmn  eben  so  naturgemäss  wie  das  Cluistenthum.  Die  Reinheit 
d(T  ursprünghchen  Institution  ward  getrübt  durch  den  Hinzutritt  von 
Elementen  aus  den  niederen  Yolksclassen,  denen  eine  sorgenfreie  d.  h. 
mühelose  Existenz  Hauptsache  war;  damit  riss  auch  Zügeliosigkeit  in 
den  Sitten  ein,  denn,  der  Masse  des  Volkes  entnonunen,  hatten  Mönche 
und  Nonnen  keine  anderen  Sitten  als  jene  der  gi'ossen  Menge. 

Wie  die  christliche  Religion  nalun  auch  das  Möncliswesen  mit  dem 
Uel»ergange  in  kühlere  Himmelsstriche  und  unter  nüchternere  Völker 
andere  Formen  an.  Unbestreitbar  verlieh  es  dem  Gehorsam  und  der 
Denmth  neuen  Wertlr,  Gehorsam  al>er  ist  vor  Allem  zur  Bildung 
(Mnes  Staates  und  Volkes  nöthig,  und  man  lebte  in  einer  Epoche  des 
Völkei-werdens.  Die  Nationen  des  Alterthums  waren  abgestorben,  die 
germanischen  und  neui'omanischen  wurdeiL  So  lange  die  Germanen 
freie  Horden  freier  Männer  waren,  bildeten  sie  weder  Volk  noch 
Stiwt;  Freiheit  war  gleichbedeutend  mit  Rohheit,  Uncultur.  Auch  der 
den  Urwald  durchschweifende  Indianer  ist  frei.  Um  zum  Staats-  und 
Voiksthume  zu  gelangen,  musste  diese  Freiheit  vernichtet  werden  mid 
zu  dieser  Culturleistung  trug  das  Klosterwesen  Vieles  bei,  indem  es 
leid«'nden  (Jelioi-sam  und  Denmth  als  das  sitthche  Ideal  der  Zeit  hin- 
stellte untl  dieses  im  Mönche  verköri)erte.     Ist  der  Gehorsam  ein  emi- 


')  Virchow's  Rede  über  die  XaturwieeeneehafteH  in  ihrer  Bedeutung  /Br  äi§ 
»ittiiche  KrMiehung  der  Mentehheit.  (AHeU^td  1873.  No.  42.  8.  835.)  Fant  identisch 
«pricht  sich  Prof.  Dr.  Ösear  Schmidt  aas  in  seiner  Dencendentlehrt  und  DarwiHttmmt. 
Lcipr.ig  1873.    8'    8.  13. 

)  A.  a.  O. 


VOnththom  ond  Kloti«rweMn.  l7 

nMt  ToUnbOdender  Factor,  so  yerdanken  wir  dem  eifrigen  Einscfaftrfeii 
der  Dcmuth  dio  Mildernng  mancher  ursprünglichen  Rohheit 

An  nnd  für  sich  war  das  Mönchs-  nnd  Klosterwesen  ein  Gewinn, 
wenn  toch  seine  lieistnng  nur  darin  gipfelte,  einen  Zustand  zu  schaffen, 
aus  dem  die  spätere  Entwicklung  mit  allen  Kräften  herauszukommen 
trachten  muaste,  der  aber  zweifelsohne  ein  nothwendiges  Durchgangs- 
stadium war.  Wohin  wir  blicken,  wir  sehen  diesen  Satz  allenthalben 
bestätigt.  Jene  Völker  America*s  die  durch  höhere  Gesittung  und 
staatliche  Organismen  Ober  die  freien  Indianer  hervorragten,  schmach- 
teten unter  dem  Joche  grausamster  Despotie,  d.  h.  sie  hatten  das  Sta- 
^nm  des  Gehorsams  erklommen.  Unter  dem  milderen  theokratischen 
Regimente  in  Peru  war  die  Unterwürfigkeit  des  Volkes  nicht  geringer 
ala  im  blutigen  Tenochtitlan.  Später  gelang  das  Experiment,  ein 
indianisches  Staatswesen  zu  schaffen,  blos  den  Jesuiten  in  Paraguay, 
indem  sie  das  Volk  zum  Gehorsam  erzogen.  Azteken,  Peruaner  unid 
Ftfagniten  stehen  aber  unzweifelhaft  höher  als  die  ungezähmten  Apa- 
cbesi,  Comanches  oder  selbst  die  freien  Germanen  des  Alterthums.  Die 
CiTififlation  ist  in  der  That  nichts  anderes  als  die  Zähmung  des  Men- 
schengesdilechtes.  Wie  jede  Zähmung  entwickelt  sie  gewisse  Eigen- 
sdiaften  um  gleichzeitig  andere  zu  unterdrücken,  und  Alles,  was 
diesem  Zwedce  frommt,  verdient  die  Anerkennung  des  Culturhistorikers. 
Ich  habe  nicht  zu  untersuchen  ob  aus  solcher  Auffassung  der  Civifisation 

der  Pferdehuf  des  crassen  Materialismus  hervorblickt  >),  Thatsadie 


*)  Dmmo  bttchaldlgi  mich  Otto  Henne  am  Rhyn  {D^uifeht  Warft  1879. 
Tin.  B4.  B.  TT)  nnd  fOft  bei:  „Dleie  Vergleiehang  de«  Meneehen  mit  den  Obrigea 
TIJotwi  lil  ftiekt  aar  grob,  eondera  hinkt  eoeh.  Der  Menieh  anierwirft  lieli  der 
GivUieatiea  IMwilUg  oder  gar  nleht.  Dee  Thier  hingegen,  wenn  nlekt  tob  sniunen 
KMern  geboren,  wird  aar  dareb  Gewalt  getihmt.  Oewalt  hat  aber  Boek  aie  Moaeekoa 
ClvIlleaUoa  gtfUirt  Die  dTllitatloa  Ut  Tielmehr  Ersiehnng  and  daker  aar 
bei  VSUiern,  welebe  die  elgentllehe  Wildheit  bereiU  abgelegt  haben,  waa  la 
dar  Bcgel  darek  den  Aekerban  geAChieht,  der  tekon  um  der  Borg«  für  die  Eiate  willen 
«•  Wlldkeit  aoeeeklie««t."  Da  di««e  ganse  Frage  tod  prineipieller  Wiektigkeit  ist,  io 
Win  lak  bei  doreelbon  Terweilen,  obwohl  Jeder  leiebt  eineehen  kann,  daee  der  ror- 
gaWaelita  Blawaad  eia  leeree  Hirngespinnst  ict,  anf  einer  tiefen  Unkeaatalee  dar 
dviliaatloBVTorgange  berakend.  Das  Volk,  weleket  «iek  freiwillig  der  ClTUitatioa 
rworlen,  wird  kela  Ktkaologe  so  nennen  wiseen,  TleUnekr  lind  alle  Völker  aaa- 
iloe  TOB  jeker  aar  darek  Oewalt  elvllinirt  wordea.  Von  wem  dieee  Gewalt 
g*abt  ward«,  ob  tob  M#n»eken  oder  von  swingenden  Umstlnden,  Indert  nickte  daran, 
3Car  swlagende  Umetlnde  f&hrAD  den  Uebergang  lam  Aekerban  kerbei  nnd  Gewalt, 
4.  a.  HMkigaag  ist  ja  anek  die  Erslekang  selbst,  die  als  Gegensata  wenigstens  niekt 
Ba%e(feiH  werden  kann.  Jeder  VSlkerkundige  weiss ,  dase  gans  allgemein  die  Indianer 
AMerina*e  ta  «sakme*  und  in  ^wllde*  serfallen,  ond  wie  sekr  diese  Beseleknangen  der 
Wirkll4lkk«li  antspreekea ,  gckt  wokl  daraus  kervor ,  dsM  die  spaniscke  Bpraeke  genaa 
41«  aimliaaea  Beseiekaangen  (Indiot  matttot  und  Indtot  harhmrotj  aaweadet.  Aadi 
Sckriftsleller  bedleaen  slek  derselben  ohne  Bedenken  («ieke  Max  von  Versen 
fesAe  ArW/sif«.  Leipt.  1876.  8.  B.  149)  und  A.  Sprenger  eprickt  gar 
vaa  dor  «JCakmaag*  der  Beduinen  (D/e  AUt  Ggofrmphit  Ärahi€n$  att  GmnäUt§0  dtr 
m^f0UMwm§w§99ehUhi9  de«  Stmttitmmt.  D4rn  1975.  9.  8.  99$.)  Das  gewaltlkltlge 
▼«rf»k«a  darWelseea  gegen  die  Indianer,  oft  als  Nlektswttrdigkeit  gebrandmarkt ,  let 
kekennl  geaag.  «Die  dSrre  Wakrkeit  iat  aber,  die  sakmen  Indianer  sind  darek  Niekte- 
wftrd^keMoa  gesAknit  wordea,  wlkrend  die  wUdea  BtAanie  der  Bioaz,  CoiMaekee, 
V.  Hollwald,  Caltargeeekickt«.    S  Aufl.    II.  2 


16  Anf&ngA  des  Mittel&lterB. 

(lio  nioiiscliliclio  Natiir  fühig  IbI.  Für  die  mit  solcher  Lebensweise 
vorbundcnoii  (Km-scquen/ou  fi^bt  die  Physiologie  die  nöthigen Erklärungen; 
kein  Wunder,  wenn  ähnliche  Folgen  bald  ]mm  christlichen  Mönchs-  und 
Kinsi(Mli(Tl('lK'n  auftraten.  Nun  iH^aohto  niaii,  dass  es  für  den  Menschen 
zweierlei  Arten  von  Wahrheiten  gibt,  eine  objective  und  eine  sub- 
jc'etive.  ^)  Die  seltsamen  l(ehaui)tung(^n  göttlicher  Insiiimtion  u.  dgL 
seitens  maneher  Mönche  oder  EinsiedhT  lM*ruht«n  auf  Visionen  und 
llalhunnationiMi,  welche  von  kehieni  Ar/to  (Hier  Natuiforscher  geläugnet 
wenlen,  für  die  unter  ihrem  Eintiusse  Stx;hendeu  also  joden&lls  sub- 
jective  Wahrheit  waren.  Die  Sinnestäuschungen  bendien  auf  einer 
falschen  Verwert huug  des  sinnlic^hen  Kindrucks,  der  offenbar  da  ist,  nur 
nicht  von  Auss(mi  ang(TOgt.  Die  lUasion  wird  um  so  grösser,  je  mehr 
Menschen  (hiran  theilnehmeu,  ^)  und  die  fest«,  weil  auf  subjecUver 
Wahrheit  fusstmde  Ueber/eugung  der  Begnadeten  verfehlte  nicht  auf 
die  Menge  die  tiefste  Wirkung  au.szuül)en.  Was  das  früheste  Mönchs- 
thuni  am  meisten  in  mo<lernen  Augen  zu  discreditiren  geeignet  ist^ 
war  eine  vollkonnnen  natürliche,  physiologische  Erscheinung.  Geiuui 
diissellK»  war  das  Omkelwesen  der  alt^Mi  Hellenen,  denen  so  wie  den 
Kömern  nachg(Tühmt  wird,  dass  sie  keine  dem  Möncliswesen  ähiüiche 
Einrichtung  hatten,  wofür  wohl  die  Gründe  unschwer  zu  finden  sind. 

Unter  den  (rluthen  einer  htnssen  Sonne,  in  einem  erschlaffenden 
Klima,  wo  (hu*  Boden  der  Obsorge  für  die  Befiiedigung  leiblicher  Be- 
diU'fnisse  enthebt,  d  h.  das  Nichtsthun  begünstigt,  entartete  das 
Mönchthma  (.'ben  so  naturgemäss  wie  das  Clu'istenthum.  Die  Reinheit 
der  ui-siuünglichen  Institution  ward  getillbt  durch  den  Hinzutritt  von 
Elementen  aus  d(*n  niederen  Volksclasscn,  denen  eine  sorgenfreie  d.  h. 
inülielose  Existenz  Hauptsache  wai*;  (Limit  riss  auch  ZUgellosi^eit  in 
den  Sitten  ein,  denn,  der  Masse  des  Volkes  entnommen,  hatten  Mönche 
und  Können  keine  anderen  Sitten  als  jene  der  grossen  Menge. 

Wie  die  clnnstliche  Heligion  nahm  auch  das  Mönchswesen  mit  dem 
Uebergange  in  kühlere  Hinnnelsstriche  und  unter  nüchternere  Völker 
anden^  Formen  an.  UnbestrcMtbar  verlieh  es  dem  Gehorsam  und  der 
Dennith  neuen  Werth;  (rehorsain  aber  ist  vor  Allem  zur  Bildung 
eines  Stiuites  und  Volk(^s  nöthig,  und  man  lebte  in  einer  p]|)oche  des 
Völk<'rwerdens.  Die  Kationen  des  Alterthums  waren  a1»gestorben,  die 
^i^ennanischen  und  niun'omanischen  wurden.  So  lange  die  Germanen 
freie  Morden  freier  Männer  waren,  ])ildeten  sie  weder  Volk  nodi 
Stiuit;  Freiheit  war  gleichluMleutend  mit  Kohheit,  Unciütur.  Auch  der 
den  Trwald  durcJisi'h weifende  Indianer  ist  frei.  Um  zmn  Staats-  und 
\'olksthinn<'  zu  gelangen,  musste  di(^se  Freiheit  vernichtet  werden  und 
zu  dieser  FuIturhMstung  trug  das  Klosterwi^en  Vieles  bei,  indem  es 
leiih'ndcn  (ri'b<»i*sain  und  Denuith  als  (Üls  sittlic^Iic  Ideal  der  Zeit  hin- 
stellte und  dieses  im  Mönche  verkörperte.     Ist  der  Gehorsam  ein  cml- 


')  Vircho\v'H  lietle  über  die  XaturwintemchafUn  in  ihrtr  Bedentumg  fUr  H$ 
hittlühf  Krziehuiuj  dtr  MiHaehhfit.  CAnBl<vtd  IST.i.  No.  42.  8.  S36.)  FmI  IdentUck 
»^prii*ht  Hioh  Prof.  Dr.  Oectir  Schmidt  aud  in  MincT  J>t8cendemhhrt  und  Dmrwimitmwt 

l.oip/.ip  IST.'J.    S'    8.  i:i. 
)  A.  a.  (>. 


VOnththoBi  und  KlotterweMn.  l7 

nMt  ToUnbildender  Factor,  so  yerdanken  wir  dem  eifrigen  Einscfaftrfen 
der  Demuth  dio  Mildernng  mancher  ursprünglichen  Rohheit 

An  und  für  sich  war  das  Mönchs-  nnd  Klosterwesen  ein  Gewinn, 
wenn  toch  seine  Leistung  nur  darin  gipfelte,  einen  Zustand  zu  schaffen, 
aus  dem  die  spätere  Entwicklung  mit  allen  Kräften  herauszukommen 
tnchten  muaste,  der  aber  zweifelsohne  ein  nothwendiges  Durchgangs- 
stadium war.  Wohin  wir  blicken,  wir  sehen  diesen  Satz  allenthalben 
bestätigt.  Jene  Völker  America*s  die  durch  höhere  Gesittung  und 
staatlidie  Organismen  ttber  die  freien  Indianer  hervorragten,  schmach- 
teten unter  dem  Joche  grausamster  Despotie,  d.  h.  sie  hatten  das  Sta- 
dium des  Gehorsams  erklommen.  Unter  dem  milderen  theokratischen 
Regiroente  in  Peru  war  die  Unterwürfigkeit  des  Volkes  nicht  geringer 
ab  im  blutigen  Tenochtitlan.  Später  gelang  das  Experiment,  ein 
indianisches  Staatswesen  zu  schaffen,  blos  den  Jesuiten  in  Paraguay, 
indem  sie  das  Volk  zum  Gehorsam  erzogen.  Azteken,  Peruaner  und 
Pkraguiten  stehen  aber  unzweifelhaft  höher  als  die  ungezähmten  Apa- 
dies,  Comanches  oder  selbst  die  freien  Germanen  des  Alterthums.  Die 
Cinfiaation  ist  in  der  That  nichts  anderes  als  die  Zähmung  des  Men- 
schengeschlechtes. Wie  jede  Zähmung  entwickelt  sie  gewisse  Eigen- 
sdiaften  um  gleichzeitig  andere  zu  unterdrücken,  und  Alles,  was 
diesem  Zwedce  frommt,  verdient  die  Anerkennung  des  Culturhistorikers. 
Ich  habe  nicht  zu  untersuchen  ob  aus  solcher  Auffitssung  der  Civifisation 
etwa  der  Pferdehuf  des  crassen  Materialismus  hervorblickt  >),  Thatsache 


*>   Dmmo    b«tcholdigi  mich    Otto    Henne   am   Rhyn   {D0ui9ch4    Warft  1879. 

▼m.  B4.   8.  17)  nnd   fOft   bei:   „Diese   Vergleiehnng  dee   Meneehen   mit  den  Obrigna 

Tktoran   lil  »iekt  nnr  grob,  sondern  hinkt  eneh.    Der  Menteh  unterwirft  eiek  der 

Clvillentioa  ÜreiwitUg  oder  gar  nlelit.    Dee  Thier  hingegen,  wenn  nieht  tob  snhmen 

EHmrm  geboren,  wird  nnr  dnreh  O  e  w  e  1 1  gesihmt.   Oewelt  hnt  eher  noeh  nie  Meneekna 

wmt  CivUieetion   gtfUirt    Die  CiTÜitetion   iet   Tielmehr  Ersiehung   und  dnker  nnr 

■iflirli   bei  VdUiern,   welehe  die  eigentliehe  Wildheit  berelU  abgelegt  haben,  wae  in 

dar  Ecgel  dnreh  den  Ackerbau  geiiehieht,  der  eehon  um  der  Sorge  für  die  Etfte  willen 

dto  Wildheit  aneeehlieeet."    Da  diese  ganxe  Frage  von  prineipieller  WlehUgkeit  ist,  io 

will  Ml   bei  derselben  Terweilen,  obwohl  Jeder  leioht  einsehen  kann,  dase  der  vor» 

gnfcsnrtta   Blnwand   ein   leeree  Hirngespinnst   ist,   auf   einer   tiefen   Unkenntniee   dar 

Civil lentlonvTorgänge   beruhend.    Das  Volk,  welches  sieh  freiwillig  der  CiTilisation 

«■«•rworfra ,  wird  kein  Ethnologe  tu  nennen  wissen,   vielmehr  sind  alle  Völker  an*- 

"nnllnislnt   Ton  jeher   nur  durch  Oewalt   civiliKirt   worden.    Von   wem   dieee   Gewalt 

(■Abt  wurde,  ob  von  Menschen  oder  von  swingenden  Umständen ,  Indert  nichts  daran, 

Ttmr  swingende  Umstlnde   führen   den  Uebergang   snm   Ackerbau   herbei  und  Qewalt, 

4.  k.  ICftChigung  ist  ja  auch  die  Ertlehung  selbst,  die  als  Oegensats  wenigstens  nicht 

— ijiefeesi  werden   kann.   Jeder  VSlkerkundige  weiss ,  dass  gans  allgemein  die  Indianer 

A»nrien*e  In  ,sahme*  und  in  „wilde*  serfallen,  nnd  wie  sehr  diese  Beteiehnungen  der 

WlrfclSehkelt  antepreehen ,  grht  wohl  daraus  herror ,   dass  die  spanische  Sprache  genau 

di*   nimlirben  Beseichnuagen    fimdict  wu$mtot  und   Imdto$  harhmrotj  anwendet.    Audi 

BchriftstcUer  bedienen  sich  derselben  ohne  Bedenken  (siehe  Max  von  Versen 

8trH/güft.    Leipt.  1876.     8.    B.  149)    nnd   A.   Sprenger  epricht  gar 

d#r  pZAhssnag*   der  Beduinen   (D/e    AUt  Oeo^rmphit   Ärahitnt   mU  Gmnälm§€  «fer 

l^wukiwm§9§fchiekit    des    atmfttwmm:     Jftrn   1975.     8.    8.   f99.J     Das  gewaltthltigc 

Targehea  der  Weissen  gegen  die  Indianer,    oft  als  Niehtswttrdigkeit  gebrandmarkt ,  iet 

bekaaat  geang.    „Die  ddrre  Wahrheit  ist  aber,  die  sahmen  Indianer  sind  durch  Niehte- 

wärdigkeitea   gesAhsst  worden,  wlhrend   die   wUden  Btlmsse  der  Bionz,  Comaaahee, 

V.  Heliwald,  Cultnrgeeahichte.     S  AulL    IL  2 


18  Anfinge  des  llittelelters. 

ist,  dass  Bie  der  Wahrheit  entspricht  Die  rohen  Stämme  der  Germanen 
iniLsston  demnacli  gezähmt,  zum  Gehorsam,  zur  Unterwürfigkeit  gebracht 
wenlen,  damit  aus  ihnen  staatliche  Gemeinwesen,  zu  höherem  Cultur- 
aufschwunge  befUhigt^  erwachsen  konnten.  Niemand  hat  aber  die  zäh- 
mende Macht  des  Christenthums  in  EuroiMi  mehr  verbreitet  als  die 
KJüster,  deren  sittlicher  Entartung  hier  schon  das  rauhere  fiilima  zam 
Theile  Schranken  zog.  So  untersagte  es  z.  B.  das  stisse  Nichtsthim, 
welches  die  Mönche  im  Süden,  lH3i  den  Buddhisten  in  Cliina  und  Hinter* 
indien  und  bei  den  Azteken  —  denn  selbst  diesen  fehlt  das  Kloster- 
wesen  nicht  ')  —  zu  einer  Ileerde  von  Faullenzeni  machte;  viehnehr 
konnte  sich  das  Mönclisthum  der  Arl)eit  nicht  entziehen.  Zwei  Ilanptr 
Verdienste  pflegen  die  Klöster  für  sich  zu  beam^pruchen:  Urbarmachung 
des  Ikxlens  und  Erhaltung  der  dassischen  Schriften  des  Alterthmns. 
In  Ixiidon  Puncten  überschätzen  die  Verehrer  des  Klosterwesens  dessen 
Venlienste  während  seine  systematischen  Verkleinerer  den  umgekehrten 
Felder  begehen.  Vergebens  wird  das  alte  Germanien  als  cultivirter 
Bo<len  dargestellt.  Die  kaum  sesshaften  Germanen  beachteten  den 
Ackerlwiu,  eine  wilde  und  ganz  extensive  Feldgras^lrthschaft,  *)  wenig, 
überliessen  dessen  Betrieb  den  Sclaven,  ziunal  auch  Klima,  Nässe,  aus» 
gedehnte  Sümpfe,  —  Folgen  der  aiLsgedehnten  Waldungen  —  denselben 
nur  schwach  begünstigten.  An  die  grossen  Forste  Galliens  sciüossen 
siirh  die  ausgedehnten  Coniferen -Wälder  Germaniens,  wie  die  silva 
Marciatta,  Barcernfia,  Caeaia,  Hercynia  u.  a.  unmittelbar  an.  Für 
di(j  deutsche  I^ndwirthschaft  brach  eine  günstigere  Zeit  im  Süden  und 
Südwesten  erst  mit  dem  CTiristenthume  heran,  als  viele  Klöster  und 
andere  geistliche  Stiftungen  in  noch  unbebauten  Gegenden  sich  an- 
sie<loltcn;  durch  sie  wurden  viele  Gedungen  urbar  gemacht  und  bebaut, 
durch  sie  kamen  viele  noch  unbekannte  Culturpflanzungen 
in  das  Land.^)  Man  wendet  nun  ein,  die  Bekehrungen  worauf  das 
Mönchsthum  es  abgesehen,  bedingten  an  sich  das  Aufsuchen  der  volk- 
reichsten, gewerbsamsten  und  blühendsten  Landschaften;  Wildnisse  wären 
dazu  niclit  geeignet  gewesen;  auch  liätten  die  meisten  Klöster  schon 
U'i  ihrer  Begründung  verstanden,  in  den  Besitz  einer  Masse  bereits 
angoliauter  liändereien  zu  gelangen.  Doch  gibt  es  auch  für  das  Gegen- 
theil  genugsam  beglaubigte  Zeugnisse.  So  wurden  der  Jura  und  die 
Wildnisse  des  Schweizer  Oberlandes  dui-ch  Mönche  urbar  gemacht;  einei 
Menge  Klöster   in   der  Schweiz,   z.  B.  St.  Gallen   und   das   berühmte 


ApAches  und  der  nördlichen  Montana -Indianer  eben  noch  nieht  gcnng  NiehtswOrdtg- 
keitrn  erduldet  haben,  um  in  Ihrer  Widorntandskraft  gebrochen  und  oben  damit  aabm 
zu  werden.**  (John  H.  Becker,  Di$  hundertjährige  Republik,  Augsburg  1876.  8.  S.  106.) 
Der  Vergleich  zwi<>ehen  CivIUsation  und  Zähmung  hinkt  also  nicht  im  Mindesten;  •• 
sind  Beide  identi«cho  Vorgüngo. 

')  Es  gab  Mönchs-  und  Nonnenklöster,  dem  Quctsaloohuatl  geweiht.  Der 
Ordon  nannte  sich  Tlamaeaxcaifotl.  Bei  den  Totonnkon  bestand  ein  Münchsordett, 
welcher  dem  Centeotl  und  der  Tonacayohua  gewidmet  war.  (J.  W.  v.  MQllor,  Beitr§g0 
tur  Geeehichte,  Statistik  und  Zoologie  von  Mexico.     Leipzig  1865.     8'.     8.  115—116.) 

';  Vgl.  W  i  1  b.  U  o  rt  c  h  c  r  ,  Nationalökonomie  de$  Aekerhauee  und  der  venfianditm 
UrproduetioH.    Stuttgart  1873.    8*     B.  57. 

';Löbe,  Oeechichte  der  deutechen  Landwirihechaft.    8.  2. 


MöiiAtluim  and  Kloikei^^n.  19 

Einsiedebi  haben  keinen  andern  Ursprang.  *)  Auch  noch  später  anter  Karl 
d.  Gr.  leisteten  die  Klöster  solche  Dienste.  Der  weitere  Vor^iuf,  dass,  wo 
ein  Kloster  bestand,  sei  ringsum  alles  freie  Privateigenthum  versdiwan- 
dea»  ist  für  die  spätere  Zeit  richtig;  culturgeschichtlidi  falsch  bleibt 
aber,  ohne  diese  Zeitangabe,  der  Sclüuss,  die  Wirkung  der  Klöster  sei 
(Hne  höchst  scliädliche,  oft  geradezu  verderbliche  gewesen.  Anftnghdi 
waren  die  Klöster  dn  Culturgewinn,  von  entschiedenem  Nutzen  fOr  die 
Bodenbebauung;  aUmählig  schlichen  sich  Missbräucho  ein,  die  den  ge- 
stifteten Nutzen  wieder  aufhoben  und  endlich  in  sein  Gegentheü  ver- 
wandelten. Diese  Missbräache  mit  den  allgemeinen  socialen  Verhältr 
niasen  zusammenhängend,  lassen  die  Aufhebung  der  Klöster  als  einen 
eben  solchen  Culturgewiim  erscheinen  wie  es  einstens  ihre  Gründong 
gewesen.') 

Die  Verdienste  der  Klöster  um  Erhaltung  der  classischen  Schriftea 
sind  gewiss  nicht  hoch  anzuschlagen,  denn  die  meisten  Schätze  des 
AUerthums  sind  durch  die  Bvzantiner  und  Araber  erhalten  worden. 
Man  Qbersieht  nur,  dass  die  Conservirung  dieser  Schriften  gar  nicht 
Ao^cabe  der  Klöster  und  Mönche  sein  konnte;  weder  darf  der  Cultor- 
furscher  dies  gerade  von  ihnen  fordern,  noch  sie  ftir  die  etwaige  Zerw 
storong  der  heidnischen  Schriften  verantwortlich  machen.  Diese  mussten 
viefan«^  mn  Gräael  in  christlichen  Augen  sein  und  das  Bestreben,  sie 
dorch  fromme  Betrachtungen  im  Style  damaliger  Mönchsweisheit,  des 
InbefpifEs  der  höchsten  Bildung  jener  Epoche,  zu  ersetzen,  war  eben  so 
am  PlaU,  wie  heute  die  Verdrängung  der  „TractAtlein^  etwa  durch 
natorwisBenschaftliche  Abhandlungen.  Die  Unwissenheit  der  Mönche 
wir  gewiss  tief  genug;  doch  rohe  Zeiten  werden  nur  durch  rohe  Völker 
bedingt  and  das  Mönchsthom  wie  die  Priesterschaft  ging  aus  dem  Volks- 
Umme  hervor.  Die  Ignoranz  des  weltlichen  und  klösterlichen  denn, 
die  Barbarei  der  Kirche,  die  grausamen  Verbrechen  der  (^ttrsten,  äe 
von  der  tiefen  Kohheit,  worin  die  Gesammtheit  noch  befangen 
r,  and  der  einzige  statthafte  Schluss  ist  der,  dass  es  in  den  ftbrigen 
VolkaBchicbten  noch  viel  trüber  aussah.     Nichts  ist  verkehrter,  ak 

*>  Vgl.  AI  fr.  Maury  ,  lütt.  d€$  grarndtg  forftg  dt  la  GauU.  8.  261—265,  wob«l 
t  tick  KaopUIehlieh  auf  Johannet  von  MQUer,  Gstehichte  schtteiMeHachtr  Sidff' 
^mft,  1826,  staut. 

*t  Dam  übriganii  aelbtt  in  d#r  Gegenwart  noch  nicht  aller  Natten  d«a  Klottar* 
«rlotehaa,  aeigt«  dia  Wirk»amkeit  der  Ordeasscfawaiitcrn  im  Jfingiit4>n  daulMk* 
fraoaöaiackan  Kriege,  deren  Auftreten  wohlthuead  iron  dem  der  freiwilligen  Kranken* 
pAegariaaaa  ab»tacli.  Prinaeaein  Halm-Halm,  die  eich  selbst  in  hervorragender  Weia« 
aa  der  Krankenpflege  batheiligte,  sah  sieh  genüthigt  uro  Ordenspchweatern  au  bitten 
«ad  eraihlt  darüber:  „Hchwestern  vom  Orden  Ht.  Vineens  de  Paula  kamen  bald  an, 
ervetataa  die  freiwilligen  Uebelthlterinnen,  und  Alles  verbesserte  sieh  in  wunderbarer 
Wet*e.  Diese  Schwestern  eo<]uettirten  nicht  und  guckten  i^ich  nicht  nach  einem  Manne 
mm,  dean  sie  waren  fertig  mit  der  Welt ;  sie  teh&mten  sieh  nicht  Haadarbalt  au  thun, 
•ad  aaakiaa  sieh  nicht.  Kuhig  und  gehorsam  thaten  sie,  wa^  von  ihnen  von  ihren  Obaraa 
«•rU»gt  wurde  und  selbst  diejenigen  Doctoren ,  weiche  geneigt  gewesen  waren,  die 
Partei  dar  fraiwiUigen  Krankenpflegerinnen  tu  nehmen,  musi*ten  sugeben,  dass  sie  aelbat 
«ad  d»a  V«rw««daten  dorch  den  Wechsel  »ehr gewonnen  hiltten/*  (Pr  iaseati«  Felix 
aa  (ialni-aata.  2»hm  Jährt  amt  rnuimtm  Uktn.  1662  bis  1672  btitttgart,  IST».  •*. 
III.  Bd.  B.  U7— 196) 

2^ 


20  ABfÜBge  dM  MittolAltms. 

aus  diesem  aUgemeinen  Zustande-  die  schwerste  Anklage  gegen  das 
Mönchsthum  zu  erheben.  Unwissenheit,  Rohheit  und  Unsittlichkeit 
waren  gross  im  Clerus  und  in  den  Klöstern,  grösser  noch  aber  ausser- 
lialb  derselben  und  man  hat  kein  Beispiel,  dass  der  Clerus  eines  Ijandes 
je  einem  aiiarten  oder  anderen  als  einem  allgemeinen  Yolkslaster 
gehuldigt  hätte.  *)  Seltsam  ist  es  einen  Karl  d.  Gr.  aber  die  Un- 
wissenheit der  Mönche  klagen  zu  hören  und  dieserhalb  in  neueren 
Schriften  anführen  zu  sehen,  während  bekanntlicb  dieser  Fttrst  erst  in 
vorgerücktem  Alt^r  zu  lernen  begann,  es  aber  nimmer  zu  etwas  bringen 
konnte.  Haben  die  Klöster  nur  wenige  hervorragende  Namen  hervor- 
gebracht, so  sind  unter  den  I^aien  jener  Epoche  deren  noch  weniger 
bekannt  Man  kann  die  Unwissenheit  der  Oeistlichkeit  beklagen  nnd 
doch  erkennen,  dass  sie  immer  noch  gebildeter  war  als  die  Massen 
und  unteren  Schichten  des  Volkes.  Zweifelsohne  lehrt  die  vergleichende 
Völkerkunde  den  stetigen  Zusanmienhang  zwischen  der  Bildung  der 
Massen  und  ihrer  Priesterschaft;  das  Niveau  Beider  steigt  und  sinkt 
gleichzeitig,  immer  aber  steht  es  bei  letzterer  um  etwas  höher.  So 
war  es  auch  Aiifsrngs  des  Mittelalters;  die  ersten  Schulen  waren  die 
Kathedralschulen  der  Bischöfe  im  VI.  Jahrhundert,  im  Vll.  öffneten  die 
Aebte  dem  Schulunterrichte  die  Pforten  ihrer  Klöster.  Was  hier  eriemt 
wurde,  war  wenig,  doch  aber  mehr  als  die  grofse  Menge  wusste  nnd 
die  Gesammtsumme  des  Wissens  zu  jener  Zeit  bei  den  germanischen 
Völkern  unbedingt  grösser  als  zuvor,  ehe  Geistlichkeit  und  Mönchsthum 
diese  belelu*ende  Thätigkcit  eröffnet.  Genau  den  nämlichen  Segen 
verbreitet  in  Birma  und  Siam  das  buddhistische  Mönchsthum.  Das  Volk 
hängt  mit  grosser  Ehrfurcht  an  diesem  Ordensclerus,  und  nur  ein 
einziges  Mal  hörte  Bastian  aus  dem  Munde  eines  verstockten  Welt- 
kindes, es  würde  in  Siam  Vieles  besser  werden,  wenn  man  nicht  mehr 
die  Bäuche  so  vieler  Mönche  füttern  müsste.  Allein  es  ist  ganz  klar, 
dass  die  gesammte  Bildung  des  Volkes  von  diesem  Clerus  sich  herleitet, 
und  wenn  auch  diese  Bildung  vorzugsweise  eine  religiöse  ist,  wer  wollte 
überhaupt  läugnen,  dass  selbst  eine  ausschliesslich  religiöse  ganz  unver» 
gleiclilich  besser  wäre  als  gar  keine?  ')  Die  Rückwirkung  der  Ignoranz 
des  Clerus  auf  die  allgemeine  Volksbildung  ist  unverkennbar,  aber  was 
nicht  genug  l)etont  werden  kann,  ist,  dass  alle  socialen  Erschei- 
nungen, Ilcligion,  Priesterwesen,  Kegierungsform  und  viele  andere 
Dinge  aus  dem  Volke  heraus,  nicht  der  Zustand  des  Volkes  ans 
diesem  zu  erklären  sind.  So  wie  ül)erall  die  ethnischen  Verschieden- 
heiten ursprünglich,  angeboren  und  bleibend  sind,  keineswegs  Eni^bnia 
der  politischen  und  religiösen  Formen  oder  des  Bodens  und  Klima's, 
so   beruhen   die   socialen   Ersdieinungcn    auf    den    ethnischen 


*)  8«hr  schön  weift  di«t   Daeh  Thomas  Wrlghi,   Homti  0/  o#k#r  dcjf«.    Dlt 
Angelsachsen  waren  grosse  Trinker,  aueh  der  Clerus  (8.  41) ;  di«  Jagd  war  die  HAspUtttl 
des  Volkes,  ihr  lag  auch  der  Clerus  ob  (8.  81);  am  wenigsten  konnte  aber  die  am» 
Volke  hervorgegangene  christliehe  Priesterschaft  sieh  mit  dem  Cölibat  bef^eund» 
die  Beitchuldigung  der  Unsittliehkeit  besohrknkte  sieh  darauf,   dass  die  angelsftehtlMkm 
QeistUehen  fortführen,  wie  in  der  Ueidenseit,  Weib  und  Kind  la  behalten  (B.  0^. 
•)  Äu$ta$td  isa7.  Nr.  84.  8.  6ü0. 


Di«  f enBAals«h«n  Bdaht.  21 

gangen.  Der  grosse  Irrtbum  besteht  darin,  lediglich  als  Factor 
anzosehea,  was  selbst  schon  Prodact  ist  Alle  Besdiuldigungen  wider 
das  MOnchsthum  sind  also  unbedenklich  zuzugeben,  ohne  desshalb  dessen 
cohorgeschichtliche  Bedeutung  zu  verkennen.  Einmal  freilich  musste 
der  Moment  kommen,  dem  keine  menschhche  Einrichtung  entgeht,  wo 
nfimhcfa  ihr  Untergang  eben  so  nfitzlich  und  nothwendig  wird,  als  es 
ihr  Entstehen  gewesen.  Dieser  zweite  Moment  darf  nicht  blind  machen 
fär  den  ersten  und  es  ist  kaum  wissenschaftlich  von  der  Gesammt- 
wirkung  lang  andauernder  Institutionen  zu  sprechen,  deren  Wirkungen 
selbstverständhch  von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert  wechsehide  sein 
mnssten.  Lassen  wir  es  uns  an  der  Erkenntniss  genügen,  dass  für  die 
AnflUige  der  Cresittung  das  Klosterwesen  ein  Culturgewinn  ^)  war. 

Die  germanischen  Reiche. 

Die  Wirkung  der  Völkerwanderung  war  die  Bildung  germanischer 
Reiche  unter  Modifikation  des  germanischen  Königthums  durch  Annahme 
der  Kleien  der  römischen  Kaiser.  Der  Adel,  das  Lehenswesen  und 
die  (luistianisirung  der  Germanen  stehen  nicht  in  nothwendigem  Verbände 
mit  der  Völkerwanderung;  ihre  bleibende  Folge  war  die  Entstehung 
der  drei  grossen  romanischen  Nationen  und  Sprachen,  die  Gliederung 
der  europftisdien  Staaten  mit  der  Centralstellung  der  ungemischten 
IteQtsdien,  und  die  (überwiegende  Cultur  der  von  der  Völkerwanderung 
betroffimen  Nationen. 

In  Italien  waren  aus  Pannonien  ostgothische  Schaaren  schon 
488  eingewandert,  erst  493  nach  Odovakar's  ^  Tode  aber  gelangten 
9«e  unter  Theodorich  zur  Herrschaft,  die  dieser  bald  Ober  die  ganze 
Halbinsd  aasbreitete.  Auch  er  erkannte  die  I^henspÜicht  gegen  den 
ostrOfBisciien  Hof  an,  auch  er  strebte  nur  darnach,  Rom*s  alte  R^ 
fdentngsform  zu  erhalten,  zu  kräftigen,  ihren  verfallenden  Institutionen 
frisdien  Lebensgeist  einzuhauchen,  —  freilich  ein  vergebliches,  weil 
muDÖgUches  Beginnen  —  und  ohne  das  militärische  Uebergewicht  seiner 
(ffOÜien  zu  gefthrden,  die  alte  Bevölkerung  durch  Milde  zu  versöhnen, 
üie  nach  und  nach  zu  der  Höhe  ihrer  Gebieter  zu  erheben,  die  sich 
dnrdi  Tapferkeit,  Thatkraft  und  Treue,  die  Merkmale  eines  jugendlichen 
Volkes  auszeichneten.  Gleiche  Gesetze  ergingen  für  Römer  und  Gothen, 
Befriile  an  die  Eroberer  Gut  und  Blut  ihrer  Mitbürger  zu  schonen. 
RfdiC  und  Verwaltung  blieben  in  den  Händen  der  Eingeborenen;  zwei 


*)  UB»ftt]iig  auf  di«  Frage  einxugektn,  welches  de«  eigene  Looe  der  Kloeterb«- 
T^Ik^rmg  gewesen.  Wir  wieeen,  da«e  jeder  Culturgewinn  sieb  nur  auf  Kosten  des  einen 
Tk«il«e  d«r  Mensehheit  Tollxieht.  Das  Klosterleben  ist  keine  in  unserem  Sinne  glQck- 
lidba  Kaietcna,  allein  Jedes  Urtheil  hierüber  ist  nothwendigerwei«e  subjeetiv,  also 
r«HBrki«i(Misch  werthlos;  ferner  steht  fest,  dass  trots  des  häufigen  Zwanges  lusserer 
Verk4ltaisee  im  Allgemeinen  der  Eintritt  in's  Kloster  freiwillig  geschah,  Jeder  dem- 
a^ak  teiftes  eigenen  Oiaekes  Bchmid  war ;  wer  sihli  endlich  selbst  in  unserer  anfgeklArten 
0«g«»wsrt  die  Opfer  eines  verfehlten  Berufes? 

^  Biake  Ober  diesen  Felix  Dahn:  TheodoHeh  dtr  Gr9§M  und  Od^99kar.  fBtt' 
Imf  «w  Aja§.  Ut»9.     1S7S.     Mo.  100) 


22  AnfKngo  des  Mlitelalten. 

auf  ein  Jahr  gewählte  Consnln,  einer  von  Theodorich,  der  andere  vom 
oströinischen  Kaiser  emaimt,  stellten  ein  Bild  der  alten  Staatsverfassung 
dar,  und  während  Ackerbau  und  Künste  in  den  Provinzen  wieder  auf- 
lebten, feierte  Rom  selbst  die  Besuche  seines  Gebieters,  der  die  Be- 
dürfnisse seiner  Bewohner  beftiedigte,  mit  Sorgfalt  die  Denkmäler  seines 
früheren  Glanzes  erhielt.  ')  Mit  dem  Frieden  und  dem  Ueberflussc 
erwachte  die  Hoffnung  und  lebte  das  Studium  der  Wissensdiaften  wieder 
auf.  Der  letzte  Strahl  der  classischcu  Literatur  vergoldet  die  Regienmg 
dieses  „Barbaren.'^  ^) 

In  socialer  Hinsicht  gelang  indess  die  Verschmelzung  der  beiden 
Volksstämme  nicht.  Glaubensunterschiede  mochten  das  Haupthindemiss 
bilden.  Die  Gothen  waren  Arianer,  die  Römer  Katholiken,  unter 
welclien  schon  der  Bischof  vjn  Rom  eine  hervorragende,  gebietende 
Stellung  einnahm.  Audi  der  Ursprung  der  päpstlichen  Macht  reicht 
noch  in  die  Zeiten  des  Römerthums  zurück,  ist  lange  vor  Ende  des 
Westrdches  schon  deutlich  erkennbar.  Die  Glaubensversdiiodenheit 
zwischen  Gothen  und  Römern  führte  zu  inneren  Zwistigkeiten,  welche 
den  byzantinischen  Machthaber  veranlassten,  seine  schlummernden 
Rechte  über  Italien,  dessen  Bevölkerung  den  FeldheiTu  Belisar  als 
Befreier  begrüsste,  geltend  zu  machen.  In  den  Augen  der  Römer 
blieben  die  gennanischen  Gothen  stets  Fremdlinge,  ein  Gegensatz,  den 
die  Verschiedenheit  des  Glaubens  und  der  IVIachtstellung  im  Staate  nodi 
steigerte.  In  den  folgenden  Kämpfen  erloschen  Stamm  und 
Name  der  Ostgothen  für  immer,  was  nur  bei  ihrer  ausserordent^ 
liehen  Minorität  erklärlich  ist;  wahrscheinlich  blieben  sie  vorzugsweise 
auf  das  Heer  beschränkt.  Ihre  sociale  Fremdluigsstellung  scBliesst 
indess  nicht  aus,  dass  sie  in  ethnischer  Hinsicht  gewisse,  selbst  sprach- 
liche, allerdings  kaum  nennenswerthe  Spuren  in  Italien  hinterliessen. 
Nach  dem  Untergange  des  ostgothischen  Reiches  mit  dem  oströmischen 
Kuiserthume  wieder  in  Wirklichkeit  vereinigt,  ward  Italien  in  Graf- 
schaften und  Ilerzogthümer  getheilt,  und  gehorchte  dem  Exardien  zu 
I{avenna,  dem  Vicekönige  des  byzantinischen  Hofes,  bis  diesen  die  527  in 
Pannonien^)  und  5G8  in  Nordittüien  auftretenden  Langobarden,  gleich- 
falls von  germanischer  Abkunft  aber  geringerer  Cultur  als  die  Gothen, 
aus  einzehien  Theilen  vertrieben  und  ihm  in  den  übrigen  nur  ein 
geschwächtes  Ansehen  überliessen.  *)  Sie  tingen  wesentlich  zur  Um- 
wandlung des  römischen  in  das  heutige  italienische  Volk  bei  Ihnen 
gelang  es  nicht  nur  ein  mächtiges  Reich  zu  gründen,  sondern  auch  sich 
in  der  I/Onibardei  dauernd  niederzulassen  und  ihre  Herrschaft  allmfthlig 
bis  an  die  Südspitze  Italiens  auszudehnen.  Wahi'scheinlich  hatten  um 
(las  Jahr  8W  die  I-angobarden  schon   die  romanische  Sprache   ihrer 


')  äiehe  Grcgorovia».    A.  a.  O.    I.  Bd.    8.  269—283. 

*)  Bryoe.  A.  a.  O.  8.  20—21.  —  Vgl.  auch  über  dio  Ostgothen  Job.  C^ap. 
Mauso,  Gttchichte  de»  ostgothisehtn  Reichts  in  Italien.    Breslau,  1828.    8'. 

*)  Erläuternde  VorhemerkuHgem  mu  Spruner-Menke :  Handatlae  Mur  (M$»eMekt9  ds§ 
Mittelaltert  und  der  neueren  Zeit.    3.  Aufl.     Gotha.    8.  13. 

*)  Brycc.  A.  a.  O.  8.  21.  Vgl.  auch  Felix  Dahn,  Ge§ehichit  d4r  Ottgoihm. 
1861. 


Dl«  f  «rrnftnUclitta  Belelie.  23 

Untertlianen  angenommen,  und  vom  Arianisrans  dem  Katholidsmus  sich 
Ki^'wandt;  fv9t  steht,,  dass  seit  900  n.  CTir.  auf  de^  IlaFbiasel  in  ihrer 
ganzen  Ansdehnnng  bis  nach  Sicilien  Dialecte  gesprochen  wmxlen,  die 
nur  wenig  von  einander  abwichen  und  schon  als  italienisch  gelten 
dOrfeiL 

Auch  jenseits  der  Alpen  bestanden  die  alten  Rechte  des  RcicheiB 
theori'tisch  fort,  wurden  nie  gesetzlich  angehoben  und  stets  von  den 
durrhgehends  germanischen  Eroberern,  den  Vandalen,  Alanen, 
Sueven,  Westgothen  und  Franken,  anerkannt.  Ihnen  Allen,  mit 
Aasnahnie  der  liCtzt genannten,  l)eg«»gnen  wir  auf  der  iberischen  Halb- 
ia»»eL  wo  sie  verschiedene,  meist  ephemere  Reiche  bildeten,  ein  Beweis, 
i\sL^  stets  nur  numerisch  schwache  Kriegerhorden,  nicht  ganze  Völker 
ilJt*so  Staatswesen  schufen.  Die  Vandalen  Hessen  sich  mit  den  Sucven 
in  (lalli/ien  um  411  nieder  und  gründeten  im  alten  ßaetica  ein  zweites 
I(i*ic*h,  sind  alier  419  schon  auf  Ix'tzteres  l)eschrftnkt,  während  die 
Saeven  «las  grosse  Reich  der  Alanen  verschlungen  hatteiL  Doch  bald 
lM*niiU*htigen  sich  die  in  Gallien,  l)esonders  in  Aquitnnien  eingewanderten 
W'estgiithen  d(»s  Suevenreiches,  von  dem  nur  ein  kleiner  Theil  in  Gal- 
lizien  sich  erhält,  und  verdrängen  429  die  Vandalen  nach  Africa,  wo 
diese  sich,  f)l)gleitli  nur  eine  Handvoll  Leute,  5o,0(K)  Mann,  den  ganzen 
nördlichen  KOstensauin,  Algerien  und  Tunesien,  dann  die  Mittelmeer- 
eilande Sicilien,  Sanlinien,  Corsica  und  die  Ikilearen  unterwerfen, 
rnzweifelhaft  waren  die  Vandalen  einer  der  rohesten  germanischen  *) 
Stamme,  allein  was  ül>er  ihre  Verwüstung  den  Berichten  erbitterter 
< ferner  glilubig  nachgf»schrieben  wird,  ist  grösstentheils  Faliel.  Sic 
U'liandrlten  die  alten  Einwohner  des  I^andes,  die  Berber,  mit  Güte, 
nitteten  sie  kein(»swei?s  aus,  trachteten  jedwh,  den  unter  den  Römern 
einKeriss<»nen  sittlichen  Zuständen  zu  steuern.  Die  öffentlichen  Dirnen 
muviten  beirathen  und  auf  Ehebruch  stand  Todesstrafe.  Was  sie 
Ghkm's  verrichteten  geschah  mit  Hülfe  der  Ik'rl)er,  die  von  Hass  gegen 
UiMii  bestreit  mit  ihnen  eine  Art  S<*hutz-  und  Tnitzbündniss  eingingeiL  '^) 
Rum.  von  Geiserich  mit  Hülfe  diesiT  l^rl>er  455  erstürmt,  ward 
nk-ht  zerstört,  sondern  sie  l>e^nügten  sich  mit  s^'stematischer  Auflh 
raulMum;  ■*)  die  Schätze  der  geiilündeiten  und  verödeten  Stadt  dienten 
theilweis.*  zur  Verschönerung  der  Königsburg  in  Carthago.  *)  Fant  ein 
Jmhriiund(*rt  hing  blühte  das  Vandal(>nnMch  in  Afritu,  bis  es  dinrh 
innere    rnnihen    uml    Vei-^eichlichung   des    kriiftigen    Volkes    in   dem 

')  Kt  i«t  kein  Qrund  vorhanden,  die  Yandalcu  für  nicht^rrniAniAchet  oder  auch 
Bar  für  rin  g4>>inirchtr>ii  Volk  su  halten,  wie  Öchafarik,  Siavinehe  AiUrthümtr.  I, 
1^.  41S,  der  nie  für  ein  Gemisch  von  Sucven,  HIavon  und  Kelten  ansieht.  Manu  er t, 
G^rmmmitm,  K.  Xti.  Barth,  Ttuttchtand'»  VrgtBchiehtt.  II.  Bd.  H.  IUI.  Friedr. 
Miller,  Atty.  Eihmoympki*^  H.  479  xihlen  dio  Vandalen  einfach  su  den  gernianii4c-hen 
t^tAamen,  de^gleirhen  Frans  v.  Loher,  der  vnn  ihnen  gar  die  Ouaochen,  di«  au«- 
g»«torb^&en  Be%«uhnar  der  eanarl^ehen  Inneln  ableiten  ^^ill. 

•i  Felix  Fapencordt,  (ifnehiehte  der  vanädlitehen  H€rr§cha/t  im  A/Hka. 
Berlin  1^7.     H.  t^,  214. 

'•  lir  ef*oro  viu'.     A.a.O.     I.  Bd.  H.  201— 2i;9. 

iWolfgaog  Menserii  Uetchiehtt  der  Deutichen.  Biuttgari  und  Tübingen 
1-j:      S'    A.  »—»7. 


24 

Oppigen  Kfina  imtergiiig  and  553  toh  Be&v  Ükr  Bfiaiiz  erobert 
ward.  *)  Oinrohl  seither  aus  der  Gesciiicfate  Tersdiwmdeiid,  will  huui 
ihn:  SpnreD  in  eini^ii  bianingigeii,  hfendhaarigen,  berberiBchen  Kjdiyleii- 
stimmeii  Nordafrica's  erkenn^L  *) 

Die  Westgothen.  tot  den  Ostgolhen  in  Italien,  dann  nach 
Gallien  and  Hispanien  gezogen,  sahen  sich  mn  die  Ifitte  des  Y.  Jahr- 
hnnderts  als  fest  alleinige  Herrn  der  Halbinsel  nnd  dnes  grossen  Theife 
Galliens  jenseits  der  Loire;  nor  ein^  baskische  nnd  cantahrische  Y(tter- 
sdiaften  in  den  PjrrenAen  ond  den  Gebiigen  Astoriens  blieben  anonter- 
worfen;  erst  drei  Jahriionderte  später  wich  die  westgotlusche  Herrsdiaft 
dem  ongestfbnen  Andränge  des  Islam,  nicht  chae  theilweise  das  heutige 
Idiom  der  Halbinsel  vorbereitet  zu  haben.  So  mannigfiuA  aoch  HSs- 
paniens  wechselnde  Schicksale  im  Y.  und  VL  Jahrhunderte,  die  herein- 
gebrochenen Khegerschaaren  waren  wieder  nmnerisdi  zn  gering,  om 
eine  grftndhdie  Yeränderong  der  Zustände  za  bewirken.  So  blieb  die 
römifMrhe  Provincialeintheilimg  der  späteren  Kaiserzeit  anter  den  ger^ 
manischen  Königen;  anch  die  converUus  juridtci  worden  Tim  den 
Westgoihen  nnd  in  der  ersten  Zeit  von  den  Soeven  beibdialten.  ^ 
Das  rOmisdie  Recht  erhielt  sich  in  Spanien  und  Sadgallien,  Yerbeaserte 
Aufgaben  des  Theodosiamschen  Codex  ^}  wurden  Ton  Ft&rsten  der 
Westgothen  und  Burgunder  veröffentlidit  und  die  ersteren  gestatteten 
den  Städten  des  Mittelmeeres  Tribut  nach  B>'zanz  zu  senden,  &)  welches 
nach  dem  Falle  des  Yandaienreiches  aoch  auf  Sidlien,  Sardinien,  Gcmca, 
den  Balearen  nnd  an  einigen  spanischen  Küstenplätzen  herrschte.  Ja, 
das  africanische  Tanger  (Tingis)  mit  seinem  Gebiete  blieb  ostr<kni8di 
bis  711.  *) 


Die  Franken  in  ChiUien  und  Beutselüand. 

Ganz  ähnlich  verliefen  die  Dinge  in  Gallien,  in  spätester  Kaiser- 
zeit die  vomehmlichste  Wiege  römisdier  Dichtkunst  und  Wissensdiaft, 
denn  kaum  irgendwo  war  die  Romanisirung  tiefer  in*s  Yolk  gedrungen. 
Nicht  bkw  die  materielle  Cultur  hatte  sich  ansehnlich  gehoben,  wie  das 
Aufkommen  der  Glaserzeugung  im  lY.  Jahrhundert  bezeugt,^)  s(mdem 
die  Gallier,  seit  lange  durch  die  Phokäerstadt  mit  griechischem  Schrift- 


<)Kolilraatch,  DU  dtutteht  Gttehichtt,  Leipsig,  1844.  8*  I.  Bd.  8.104— 
105.  —  Ueber  die  VftodAleii  Tgl. :  Felix  D ab n.    A.  e.  O. 

*)  Diese  Meinung  wird  nicbt  getbeilt  Ton  D.  Kalt  branner   in  SeektrOtt^   ear 

roHgint  ä09  Kah^U»  im  Genfer  Olob:    X.   Bd.    1871.    8.   41.    Vgl.    darüber   aueb    dl« 

Arbeiten  dee  Baron  H  e  n  r  i  Aucapitaine,   des   General   Daamas,  Herrn  De  vavjl 

u.  «.  w.     Na«b  den  General  Faidberbe,  Instruetion»  9ur  ranihropo1ogi$   tU   TÄlgirU, 

Taris  1874,    8*    tritt  eine  blonde  Race  acbon  im  s weiten  Jabrtausend  v.  Cbr.    in  Nord- 

afrlca  auf. 

*)  BrläuUmde  VorhemerJcungen.    8.  3. 

*)  Hammlung  kainerlicber  Conatitutionon  Ton  Constantin  d.  Gr.  an. 

■)  Bryce.     A.  a.  O.     8.  21.  23. 

•)  Erläuternde  Vorbemerkungen.    8.  3. 

*)  Ä  euHaui  grave^ord,    (Chtimber9  Journal  1873.  No.  434.  8.  S61.) 


Di«  Frankes  In  Qnlliea  und  Deatfeklnad.  25 

thome  in  Bcrühmng,  sdrafen  im  IV.  Jahrhunderte,  als  in  Rom  seihst 
die  lateinische  ^rache  and  Literatur  unterzugehen  drohten,  eine  neue 
S<*hale,  die  in  Ausonius  und  Rutilius  ihre  hervorstechendsten  Ver- 
treter besass;  Augustodunum,  das  alte  Bibracte,  die  Städte  Vienne, 
Aries;,  Toakwse,  Lyon,  Bordeaux,  Poitiers,  Angoul^me,  Besan^n,  Trier 
waren,  Dank  den  weströmisdien  Kaisem,  mit  Schulen  und  Gymnasien 
ausgestattet,  wo  in  der  Zeit  angeblicher  Barbarei  Rechtskunde  und  die 
schonen  Wissenschaften  eifrige  Pflege  fi&nden.  Die  Kaiser,  wie  Constantin, 
Julian,  auch  Theodosius,  Valentinian,  Hessen  es  an  keiner  Unterstützung 
fdilen  und  zeichneten  Literatur  und  Schöngeister  dermassen  aus,  dass 
die  Professur  das  sicherste  Mittel  war  zu  grossem  Vermögen  zu  ge- 
langen. Vieileidit  niemals  stand  die  Wissenschaft  in  solchem  Ansehen 
and  fiuid  sie  gleidizeitig  so  glänzende  Entlohnung  als  eben  zur  Zeit, 
wo  die  germanischen  Horden  Europa  ttberschwanmten  und  man  die 
Herrschaft  der  römischen  Machthaber  wie  ein  Culturhindemiss  darzu- 
stellen sich  bemOht^) 

Dies  da*  Zustand  des  blühenden  GaUien  als  zu  Anfietug  des 
V.Jahrhunderts  die  deutschen  Stämme  der  Burgunder  und  Fran- 
ken eindrangen.  Erstere  um  407  n.  Chr.  zwischen  Aar  und  Rhone 
das  alte  burgundische  Reich  gründend,  waren  bei  ihrer  An- 
kunft nur  beiläufig  80,000  Köpfe  stark,  erschienen  keineswegs  als  gewaltr 
same  Eroberer,  sondern  von  der  römisdien  Bevölkerung  in  der  lYanche- 
Conte,  dem  romanischen  Helvetien  und  Savoycn  gerufen,  erhielten 
sie  von  diesen  freiwillig  die  zwei  Drittel  des  Landes,  allerdings  den 
gehungigen  Theil,  während  diese  die  fruchtbare  l^bene  für  sich  behielt,') 
and  brachten  zuerst  Cultur  und  I^ben  in  die  bisher  unbewohnten  F^n- 
Oden.')     Wahrscheinlich  verhielt  es  sich  ähnlich  mit  den  (Yanken. 

(lewöhnlich  gelten  die  Germanen  des  Tadtus  und  die  Deutschen 
narb   der  V(^erwanderung  für  das  nämliche   Volk.     Von  den  zwei 


*)  Stell«  iber  dlt  damaligen  Zostiad«  die  interessante  Studie  Ton  A  m  4  d  4  e 
Tklarrj,  Lm  Uttirmtmrt  j/fffmm%  «n  QamU  au  1Y%  »ÜeU.  (B99m€  d0$  d§u»  Momd^t  rom 
U.  i«sl  1S7S.    8.  79»~ai4.) 

^  B«kr  tMn  aa^mewieeen  Ton  Friedrieh  Baron  de  Oingins-La-8arras 
*■  A0^tkt9  /ir  8ekw§tmrf§9€k4€ki4.  8ielie  auch  A.  Jahn.  Dit  0§schi€htt  d^r  Bmrgmt^ 
ditnwm  mmd  Bmrfnm4i0m  Ms  «vm  Emd§  d4r  I.  Dpma§tit.  IlaUe  1875.  8 \  9  Bde.  Ethnographisch 
stei  dl«  »ftfdilcht  «od  dia  waitliehe  Behweis  gans  ungleich  beeinflusst  worden  —  »ehon 
ta  dar  Bisaersait  «S«!  «s,  dase  jene  nicht  durebronanisirt  war,  sei  es,  dass  die  Eigenart 
die  Oranskriega  Tordännten  Bevöllcerung  sieb  gegenüber  der  alemanniscbea 
plawaadening  nicht  an  halten  Termocbte,  —  genug  hier  Terschwand  das  römische 
Weaasu  Oaaa  aadars  ia  vaserm  Wilsehland.  Di«  Ansiedelung  der  Burgunder  beruht« 
lieht  »af  Ueb«nBaeht,  soadom  auf  Vertrag,  auf  Uebereinkunft  i wischen  Romanen  und 
tm.  Die  Lctateren,  als  der  barbarische  Volkstheil,  beugten  sieh  vor  der  Macht 
Caltar;  sie  passten  sieh  allm&hlig  ia  Lebenn weise,  Sitt«  und  Bpraehe  den 
•a  aa,  und  so  entstand  wohl  sine  Tochter  des  lateinischen  Elementes,  aber  nicht 
maarhnn  Zug  d««  germanischen  Krbes  au  bewahren.  Um  nicht  malitid«  so  erschei- 
aea ,  wiU  ich  aar  nebenbei  auf  die  Thateache  aufmerksam  machen ,  dass  —  gegenllb«r 
4»r  Wkaaatan  nMnanitchen  MAesigkeit  —  dar  Waadtlinder,  trots  seiner  wllsehen  JSung«, 
ich«  germanischen  Durst  entwickelt."    (}It.  Br.  J.  J.  Egli   In   einem  8ehr«ib«n 

OberaUasa.    JSirieh,  1.  Norember  1875.) 
^  AlffdUt^ntf,  lii9toir9  d€9  frmnd*9f»rH9  d«  !•  OmmU,    0.181. 


26  Anfinge  des  MitteUlten. 

proRson  Gruppen  der  Sueven  und  Sachsen  wurden  die  Letzteren  von 
der  Völkerwanderung  am  wenigsten  berührt,  ja,  die  Friesen  blieben 
in  ihrem  frühesten  Stammlande  wohnen,  die  Sueven  hingegen  nahmen 
vorwiegend  die  alten  Keltensitze  in  Süddcutschland  ein,  nicht  ohne  hier 
ausgiebige  Blutmischung  zu  erleidend)  liier  blieb  aucli  wohl  das  Gros 
der  Nation  sitzen,  wälirend  der  überschüssige,  wanderlustige  Bevölkerungs- 
th<'il  durch  Gallien  nach  Ilispanien  schweifte.  Was  in  frülierer  Zeit 
schon  an  Sueven  nach  Süddeutschland  gekommen  war,  lebte  hier  unter 
römischer  Botmflssigkeit  und  nahm  manches  von  der  römischen  Gesit- 
tung an.  So  stand  denn  der  germanische  Norden  auf  einer 
tieferen  Stufe  des  gesellschaftlichenCulturzustandes 
als  der  Süden.  Pls  war  im  III.  Jahrhundert,  da  einen  sich  die 
mittelrheinischen  Stumme  der  Tubanten,  Tenkterer  und  des  Donauvolkes 
der  Juthungen  zum  Bunde  der  Alemannen  und  ihre  Schaaren  erfüllten 
weit  ab  bis  zur  Rheinenge  Ix^i  Bingen  che  rheinischen  Gaue.  Die 
ehattischen  Stumme  hatten  sich  unterdessen  unter  dem  Collectivnamen 
Franken  concentrirt,  drangen  nach  Trier  und  Metz  vor  mid  naluneii 
das  Moselland  dauernd  in  Besitz.  Im  Norden  sassen  die  Sachsen 
nc^bst  ihren  Stammesgenossen,  den  W  a  r  n  c  r  n ,  dem  Joche  ihrer  fränki- 
schen Nachbarn  mit  (iewalt  widei-strebend.  Auf  der  cimbrischen  Halb- 
insel lagen  die  noch  nicht  vereinigten  dänischen  Reiche.  Im  Süden 
der  Sachsen  wohnten  die  Thüringer  mit  den  Waniern  und  einem 
Zweige  der  Angeln,  das  mächtige  thüinngische  Königreich  bildend. 
Noch  sütllichcr  sass  der  Stamm  der  Alemannen  oder  Schwaben*) 


*)  Die  Lehre  von  der  günaliehen  Ausrottung  früherer  Völker  ist  jetst  als  Ih  dM 
■eltonstnn  Fällen  unerwcislich  von  allen  besonnenen  Forschern  verlassen.  Sehr  richtig 
sagt  Thom.  lluxley:  The  entir»  exUrpation  of  the  ahoriginal  üthaMants  of  a  c^unirg 
hy  incaden  tcat  an  exeessively  rare  thing,  (troceeding  of  the  Roy.  geographieal  Society 
of  London.  1866.  H.  171.)  Auch  Bagchot:  Phy».  and  Pol.  8.  67  npricht  sich  im  ähn- 
lichen Sinne  aus:  Moet  historie  nationt  eonquered  prehietorie  nationa  and  tkomph  tkey 
mugeacred  many,  they  did  not  maetaere  all,  They  §H$laved  the  §ubjeet  men ,  «md  tk€g 
married  the  »ubject  tcomen. 

')  in  einer,  mir  jedoch  nicht  su  Qesiohte  gekommenen  Abhandlung  über  Sehwaben 
und  Alemannen  soll  Dr.  Bau  mann  den  Nachweis  geführt  haben,  dass  die  Uraitse  der 
•i-h\iväbi!»chen  Vorvlter  an  der  Spree  su  suehcn  seien.  Die  Alemannen,  wird  anagefilhrta 
Hind  die  von  der  Spree  an  die  Maingegenden  gewanderten  Semnonen.  Die  Bamn^MB 
waren  der  brdeutendrite  der  sahlrelchen  Suevenstämmo.  Die  Hermunduren  riefen  gßgßn. 
dio  Alemannen  die  lidmer  su  Hilfe  und  fortan  erscheint  bei  den  römischen  HehrifUtelioni 
dnr  Name  Alemanne,  während  bei  dem  so  benannten  Volke  selbst  der  Name  Boliwabe 
Irbcnüig  blieb  und  sulctzt  den  Hchriftnamcn  Aleman/io  wieder  verdrängte.  Ks  sei  iadfü 
bemerkt,  dass  Ado  If  iioltz  mann  CG  ermanische  Alte  rthämer  mit  Text,  Ueb€netwm»9 
und  Erklärung  von  TacitHS  Germania,  herauggegeben  von  Alfred  Holder.  Laipilg 
1^73.  8*>  dem  ticfgewurKclten  Irrthunie  entgegentritt,  als  wären  die  jetr.igeB  SchwateM 
die  Nachkommen  der  alten  Suebi  des  Tacitus.  „Die  Alemannen,  die  über  den  Qreosw*ll 
licroinbrachcn,  wurden  ncit  dem  achten  Jahrhundert  Suabi  genannt  aus  Erneuerung  dw 
alten  berühmten  Namens  aus  dem  Latein.'*  Nach  den  ncuenten  Forschungen  hat,  wie 
die  heute  in  Süddcutschland  herrschende  Brachycnphalie  ergibt,  die  vorgermaaiseka 
Bevölkerung  seit  dem  VII.  oder  IX.  Jahrhundert  n.  Chr.  wieder  die  Oberhand  erlangt 
Alcniauucn  und  Franken  waren  nämlich  blonde  Lang küpfe  (Doiichocephalen).  8o  aiad 
dnuu  dio  Kursschädcl  der  Hü|sclgräber  oder  allgemeiner  die  der  vorrömischen  Zeit  Jene 


Die  Fraaktn  la  Oilllen  md  Devtecbland.  27 

xwisdten  Hier  und  Lech,  Oetlich  streiften  bereits  bis  an  die  Berge  hin 
Jothangen  und  Markomannen,  die  mit  höchster  Wahrsdieinlich- 
keit  ein  Jahrhundert  si>ftter  —  also  um  550  n.  Chr.  als  das  deutsche 
Volk  der  Bojoarier  erscheinen  sollten.*) 

IJnguislisch  wahet  ein  gro8ser  Unterschied  zwischen  Gothen  und 
Germanen,  obwohl  beide  der  germanischen  YölkerÜEmiilie  angehören. 
Alis  dem  unbekannten  Urgermanischen  entwickelten  sich  das  Gothischc, 
Skandinavische  (oder  Altnordische)  und  das  Germanische  oder  Deutsclic 
als  vollkommen  selbständige  Indi\1dualitftten*,  alles  spricht  für  einen 
gleicfaen  yorgang  bei  den  Völkern,  worunter  die  Gothen  am  höchsten, 
die  Deutschen  am  tiefsten  standen,  als  &st  gleichzeitig  (407  und  449 
n.  Chr.)  fränkische  Auswanderer  nach  Gallien,  sächsische  Eroberer  nach 
Britannien  zogen. 

Die  Wirkungen  der  fränkischen  Fjnwanderung  in  Gallien  waren 
Bffhr  verschiedener  Art;  die  gleichzeitigen  Quellen  gestatten  nicht,  von 
fomlicfaer  Eroberung  zu  reden,  sie  erwähnen  Verheerungen,  Unruhen, 
Invanonen,  Kämpfe  z>i«ischen  gallischen  Städten  und  germanischen 
Bandea,  häufiger  noch  Bekriegung  der  Germanen  unter  einander,  nichts 
aber  von  dem,  was  auf  Erolierung,  auf  Unterwerfung  unter  einen 
fremden  Volksstamm  schliessen  liesse.')  Obwohl  viele  feste  Plätze  zer- 
stört, Mauern  eingerissen  und  nicht  wie<ler  aufgebaut  wiu-den,  die 
rOmitichen  Heerstrassen  verfielen,  der  Handel  in*s  Stocken  gerieth,  und 
MTiesen  und  Aecker  vereinzelt  in  Wälder  und  Jagdbezirke  umgewandelt 
worden,  ging  doch  nicht  alle  römische  C^ttu*  zu  Grunde.  Wohl  Qbtc 
die  BrrOhrung  und  allmählige  Verschmelzung  l)ei(ler  Völker  die  Rück- 
wirkung auf  die  rohen  (Yanken,  dass  sie  zunächst  die  I^^^ter  der  vei^ 
finserten,  ramaiiisirten  Kelten  annahmen.  Aehnliches  beobachtet  man 
tbetall,  wo  zwei  sehr  verschiedene  Culturstadien  mit  einander  in  (xmtact 
gerathen.    Unsere  heutige  Civilisation  tödtete  viele  Natiu^ölker,  die  vor 


imt  •IckHen  Verwandten  der  DeotAcbon  (J.  Kollmann,  Altffermaitiichg  Orilh$r  in  ä$r 
Ctm^t^mnf  4n  8tamb4rgtr-80€$.  Mttnchen  1874.  8'.  8.  :U4)  Die  heutigen  Deutschen 
winm  *1m>  Amm  Srgebniae  einer  Mischung  der  germanirehen  Htlmme  mit  einor  weit 
b«dc«t«oderen  ellophylen  Bevölkerung ,  mit  d<>n  alten  Germanen  also  ebenso  wenig 
ideattack  wU  die  Italiener  mit  den  Kömern.  Die  hocbbedentende  Brhrifl  von  Dr.  A. 
▼  •  B  II  d  1  d  e  r.  Zm§o$mm§mattUung  dtr  in  Württemberg  rorkommtnden  Sehädel/ormen, 
SCattgart  1^76.  4*  führt  den  Naehwein,  dasn  heute  noch  turanltrhe  und  earraatlvche 
8^i4eltfpen  in  Württemberg  vorhanden  elnd.  .Leicht  kann  sich  Jedermann  überzeugen, 
daaa  Im  Allgemeinen  «die  brarhyrephalen  Hch&delformen  unter  den  minderen  Volksclaeaen 
•Wrall  ÜB  Land«  am  liAaflg«ten  vorkommen.  Die  besitxenden,  höher  atehenden  Clafwen, 
••  aameBtlifh  auch  der  iltcre  Adel  stehen  dem  unvormlMchtcn  germanischen  Typus  viel 
aAber  aia  Jene.  Dies  ist  sehr  natürlich,  denn  unter  dem  Adol  und  dem  h«>heren  Bürger- 
ilBB<B  finden  sich  die  meisten  Nachkommen  der  Herren  des  Landes,  der  Alemannen." 
C.%.  a.  O-  8.  15).  Ich  darf  wohl  bei  dieser  üelegenheit  darauf  hinweisen,  wie  glinsend 
die«r«  KrgebniM  gründlicher  Forschung  meine  wiederholt  ausgesprochene  Ansicht  be- 
•tlti^,  da*e  den  htlnden  auch  ethnische  Unterschiede  xu  Omnde  liegen. 

*l  Ueber  den  Ursprung  der  Baiern  vgl.  die  Untersuchungen    von  C.  Zeuss,  Rut- 
kardt  ,  Wittmann. 

*)  Fvstel  de  Coulange«,  Ltt  originw  du  rfyim*  ffoäal.    (tUv.  d.  dtux  Mondee 
VOM  n.  Mai  1373  8.  437.) 


28  Anfing«  des  MitUlalt«». 

ihroni  Gifthaucbe  trotz  aHer  humanitären  Bestrebungen  dahinschwinden. 
Zn  solchen  heftigen  Reactionen,  die  sich  meist  in  epidemischen  Krank- 
heiten äassem,  bedarf  es  nicht  einmal  einer  geschlechtlichen  Vennisehmig, 
sondern  sie  i»flegen  se]))st  bei  grossen  Festen,  Schaustellungen,  die  eine 
Ansanunlung  von  Measchenmassen  bedingen,  in  Kriegen  u.  dgL  einzu- 
treifeiL')  Vs  befremdet  daher  keinen  Kenner  dieses  anthropologischen 
Phänomens,  die  Franken  bald  als  ein  weichliches,  feiges,  räuberisches 
und  treuloses  Volk  bezeichnen  zu  hören,  unter  dem  Mord  durch  Gift 
und  I>olch,  Völlerei  und  unnatürliche  Laster  herrschten.  Dagegen 
waren  römische  Sprache  und  Scluift  und  Cliristenthum,  das  dort  schon 
vi(;lo  Anhänger  zählte,^}  wichtige  Geschenke  der  Gallier.  Die  lateinisdie 
Sprache  senkte  manche  Begriffe  in  den  Geist  der  Franken,  die  ihnen 
sonst  noch  lange  würden  unl)ekannt  geblieben  sein.  So  geschah  68, 
dass  die  nach  Gallien  gezogenen  Franken,  die  Salier,  in  Bälde  ihre 
Brüder  diesseits  des  Rheins,  die  Ripuarier,  an  Cultur  namhaft 
übr^rragten.  Unter  diesen,  mit  den  keltischen  Galliern  sich  allmjüig 
vennischenden  salischen  Franken,  ward  unter  Chlodovech  (Chlodwig, 
C'lovLs)  das  fränkische  Reich  gegründet,  welches  Älitte  des  VI.  Jahr- 
hunderts seine  höchste  Machtentfaltung  erreichte,  gleichwie  unter  ihnen 
das  Christenthum  am  frühesten  (4UG  n.  Chr.)  Eingang  Jbnd.  Andi 
ChIo(love(;h  erkannte  die  Rechte  des  römischen  Reiches  an,  als  er  wenige 
Jahre  nur  nach  August uius  und  nachdem  die  Vertreter  der  alten 
Rogienmg,  Syagrius  und  die  aimoricanischen  Städte  überwältigt 
wanai,  von  Kaiser  Anastasius  zur  Bestätigung  seiner  Herrschaft  eine 
Würde  erhielt:'^)  das  Consulat,  welches,  in  Rom  bis  auf  Justinian  stets 
di(^  höchste  Reichswürde,  im  IV.  Jahrhunderte  wenigstens  den  alt- 
r<>puhlikanischen  Glanz  noch  bewahile.  Selbst  die  Kaiser  in  ihrer 
Allmacht  neigten  sich  vor  den  Nachfolgern  des  Brutu.s,  und  mehr  denn 
Einen  sah  man  zu  Fasse  dem  consularischen  Tragstuhle  voranschreiten/) 
(Jleich  einem  Fabius  oder  Valerius  ritt  nun  der  sicambrische  Häuptüng 
in  dem  gestickten  Consulenge wände  dm'ch  die  Strassen  von  Tours,  von 
den  Provincialen  mit  lautem  Jul)el  als  Augustus  b<^^8St.  L&ngat 
gehorchten  sie  ihm,  jetzt  erst  aber  erhielt  seine  IVIacht  in  ihren  Augen 
d\v.  gesetzliche  Weihe.") 

In  jener  Z<»it  gab  es  kein  Gallien  mehr  und  kein  Germanien,  es 
gab  aber  nm^h  kein  Frankreich  und  kein  Deutschland.  Das  grosse 
friinkische  Reich  besass  keinen  homogenen  Nationalcharakter,  es  besaas 
gallische  und  germanische  Untertlianen  und  bildete  .eine  Periode  der 
(iiihrung,  aus  der  sich  später  zwei  bestimmte  Nationen:  Franzosen 


')  Friedrich  Müller,  ÄUgemeiH$  Ethnographie,  S.  49.  —  Ueber  die  UrsMhea, 
warum  die  gorroanittchen  Darbaron  von  der  rümiachon  Cultur  nicht  hinwcggeraffl  wurden, 
ffieho  Bagchot,  PAy«.  and  l'ol.    8.  47—48. 

')  Vgl.  Iluillard-Brchollo,   Lt$  origin0$  du  chriitianismt   #»  Qauh.    fB^rm^ 

coMtemporaint  1866.     Vol.  88.     8.  09—125.) 

»;  Bryco.    A.  a.  O.    8.  21. 

*)  Amödeo  Thicrry.    A.  a.  O.    8.  807. 

»)  Brycc.    A.  a.  O.    8.  21-22. 


DU  FrMÜcM  lA  GAllita  and  DenlsehUiM.  29 

nnd  Deutsche  abklärteiL  Clodovech  —  von  seiner  eigenen  Person 
abgesehen  —  war  wedo*  ein  deutsdier,  noch  ein  französischer  Herrscher, 
sondern  lediglich  ein  fränkischer.  Die  fränkische  Herrschaft,  Gallien 
und  Germanien  bis  am  den  Sachsen  und  Slaven  umfossend  —  drang 
indess  eigentlich  nie  jenseits  der  Loire  oder  hat  wenigstens  dort  nie 
DMieriiaftes  geschaffen,  sich  vielmehr  fast  nur  durch  Haubzüge  geäussert. 
Aach  ward  durch  Niederlassung  der  numerisch  schwachen  Gennanen 
der  eingebome  freie  Mittelstand  begreiflicherweise  nicht  vertilgt.  Nicbts 
deutet  an,  dass  die  Gallo-Römer  ihrer  Grundstücke  überhaupt  l)eraubt 
worden  wären;  sie  wurden  nicht  unterjocht,  ja  kaum  in  politischer 
Hinsicfat  untergeordnet  Im  Rathe  der  Könige,  im  Heere,  in  den 
Aemtem,  bei  Gericht,  selbst  in  den  Nationalversammlungen 
beide  Stämme  unter  einander  gemischt.  Die  Chronisten  zeigen 
uns  beständig  den  Franken  neben  dem  Gallier,  niemals  aber,  dass  der 
ertlere  höhere  politisdie  Rechte  oder  —  Dank  seiner  fränkischen  Ab- 
kunft —  besondere  Achtung  genossen  hätte.  Die  Gallo-Römer  gehorchten 
einhth  fränkischen  Königen  <)  und  diese  änderten  sehr  wenig 
an  der  römischen  Verfassung.  Sie  Hessen  nach  wie  vor  den 
GmOieni  den  Gebrauch  der  römischen  Gesetze,  den  Städten  ihre  eigene 
Mnnidpnlitäten,  ihre  eigene  Miliz,  die  alte  Ordnung  ihrer  Stände, 
Hedite,  Privilegien  und  Würden,  nur  dass  bald  ein  Herzog,  bald  ein 
Graf  mit  Civil-  nnd  Militärgewalt  in  des  Königs  Namen  zur  Ober- 
aofridit  in  den  Städten  residirte.  Nirgends  aber  wird  ersichtlich,  dass 
die  Gnllier  dem  fränkischen  Volke  als  solchem  unterthan  gewesen;  es 
gnb  Freie  bei  Galliern  wie  bei  Franken;  bei  Beiden  Sclaven.  Die  in 
dm  frinkisdien  Gesetzen  ausgedrückte  Ungleichheit  des  „Wehrgelds^ 
•cfannt  in  der  Praxis  nicht  angewandt  worden  zu  sein,  wenigstens 
•ckwejgm  davon  alle  Chroniken.  Unter  der  Aristokratie^  dem  Adel, 
perdeu  öfter  Gallier  als  Römer  genannt,^)  wenngleich  die  Wahrscheinlich- 
keit dalbr  spricht,  dass  den  Adel  die  Franken,  die  Massen  des  Volkes 
die  GrnDier  Irildeten.  In  dem  grossen  fränkischen  Reiche,  das  534 
Clir.  das  bmigandische  sich  einverleibte,^)  ging  unvermeidlich  während 
gnnaen  Merovingerherrschaft  ein  gewaltiger  Amalgamirungsprocess 
vor  sich,  der  den  Unterschied  zwischen  Franken  und  Galliern  immer 
Bwiir  verwischte,  so  dass  die  germanischen  Franken  zu  Ende  des 
VIIL  lahrfannderts  in  den  Galliern  aufgegangen  und  von  diesen  nicht 
nKbr  ta  nntencheiden  waren.  Nur  die  Sprache  sollen  sie  bis  auf 
Kari  d.  Gr.  bewahrt  haben;  später  aber  siegte,  namentlich  auch  Dank 
dpa  KinftiMBe  der  lateinischen  Geistlichkeit,  das  alte  Römeridiom,  woraus 
dm  Französische  mit  seinen  verschiedenen  Mundarten  hervorging.  Die 
fBÜfisdien  FYanken  wunk»n  also  in  relativ  kurzer  I-Vist  romanisirt,  eines 
der  ethniBdien  Elemente  des  heutigen,  in  seiner  Wesenheit  noch  stark 
iLehiücfoen  Volkes  Frankreichs  bildend. 


*>  Fstitl  de  ConlangeB,  A.  a.  O.    8.  438. 
^  K.  %.  O. 

'f  ühht—  abw   dMMibt    bei   H.    Derlehaweiler,   Ottehiehte   dtr  Burgunätr. 
r  lan.    SUk«  ftoclix  Tht  Frmme»  amJ  Ikt  OamU,    (Saii«Aal  Rttit».  Oeiober  IMU) 


30  Anfinge  des  KitteUltort. 


Bedeutung  der  Herrschermaeht- 

Die  AiifUiigc  aller  arischen  Völker  zeigen  bekanntlich  einen  König 
QU  der  Spitze  des  Volkes,  ihm  zur  Seite  aber  eine  Raths-  und  eine 
X'olksvei'sannnlung.  Dieser  Cliamkterzug  beherrscht  siiinmtliche  von 
(ieruianen  gegiündet(»u  Reiche,  deren  weiter  geographischen  Verbreitung 
di(»  seitherigcj  Glcichaitigkeit  der  Cultur  im  westlichen  Euro])a  lediglich 
zuzusclu'ciben  ist,  im  vollendeten  (regensatze  zu  jener  des  Orients, 
welch(T  sich  von  asiatischen  P^uHüssen  niemals  zu  befi*eien  vermochta 
Die  arisclie  pjnrichtung  der  Abhilngigkeit  des  Volksoberliauptes  von 
dem  in  den  Volksversanunluugen  sich  kundgebenden  Volkswillcn,  nament- 
licli  der  ursprünglithe  McmIus,  sicli  frei  gewäldte  ()l)erhänpter  zu  geben, 
ist  jedocli  an  sicli  kein  Merkmal  höherw  Gesittung.  Unwillkürlich  ge- 
mahnt er  an  den  Thierstaat,  wo  die  St^'lle  des  I^ittlueres  nicht  erblich 
ist,  sondern  sie  jeweihg  der  Stäi'kste,  Kräftigste  der  Heerde  einnimmt. 
Der  Geliorsam,  womit  die  anderen  Heerdenthiere  ihm  folgen,  darf  wohl 
als  stillschweigendes  Einverstfindniss  der  (xesammtheit  gedeutet  werden. 
Die  Ph'blichkeit  der  obersten  Gewalt  führt  allemal  in  ein  höheres  Sta- 
dium der  Gesittung,  ^)  ync  ein  vergleichender  Blick  auf  die  Naturvölker 
lehrt.  Nichts  ist  imger  als  die  Voi^stellung,  dass  die  Wilden  ihrem 
Häuptlinge  nur  den  scla>ischesten,  kiiechendsten  Gehorsam  zollen.  Von 
den  Indianern  Nordamerica's  wissen  wir,  dass  „die  monarchische  Re- 
gierungsfonu  ziemlich  selten  bei  ihnen  war  und  meist  nur  von  kurzer 
Dauer,  die  oligarchische  häufiger,  am  weitesten  verbreitet  aber  die 
l^inrichtung,  dass  erbliche  Häuptlinge  an  der  Spitze  des  Volkes  standen, 
deren  jVIacht  von  ihrer  persönlichen  Autorität  und  nächstdem  von  dem 
Ansehen  und  dem  Willen  der  Männer  aus  dem  Volke  abhiug,  die 
sich  durch  Kriegsthaten  ausgezeichnet  hatten.  Diese  letzteren  dünkten 
sich  dem  Häuptlinge  nicht  unterwoi-fcn,  sondern  vollkommen  frei  uid 
sen>stündig,  sie  thaten  seinem  AiLsehen  oft  grossen  Eintrag  und  konnten 
liitenichmungen  fast  jeder  Alt  auf  eigene  Hand  organisireu,  sobald 
sie  Andere  zur  Theilnahme  daran  zu  gewinnen  wussten:  die  VersamiiH 
lung  des  Volkes,  d.  h.  der  selbstständigen  Mäimer,  war  die  soaverSne 
Macht.'  ^)  Wie  man  sieht,  führt  cüt»se  Beschränkung  der  Alleinherr- 
schaft in  zi(>mlich  tiefe  Kulturstufen,  und  ihre  Consequenzcn  bei  den 
Indianern  äusserten  sich  wie  folgt:  ^bald  war  es  die  Intrigue,  bald  die 
Heredsamkeit,  welche  hier  (in  den  Volksversammlungen)  den  Ausschlag 
gaben;  vielfache  Unschlüssigkeit,  langes  Schwanken  im  Entsclüuss,  ftUge- 
ineine  Plajilosigkeit ,  Zersplitterung  der  Kräfte  waren  die  häufigen  und 
natürlichen  Folgen  dii>ser  Verhältnisse.'*  ')  Wen  mahnt  dieses  BUd  nicht 
an  die  lielkMÜschen  Freistaaten  des  Altei*thums  und  selbst  an  manche 
Staaten  der  Ciegenwart! 


*)  Dio-tcr  Ansicht  («cluMitt  aurh  PcHchcl.  Hiohe  Atitland  1867.  Kr.  37.  8.  849^ 
wenn  or  von  den  Onayciiru  in  Brar^ilion  nagt:  „In  so  fern  sich  orbliehe IläapUing«  anttf 
ihnen  bpßndon,  rttclien  sie  goiKcIlsohaftlirh  höher  aN  andere  Htämme/* 

')  ^Vaitz,  Authropolojit  d.  yaturvölktr,     III.  Bd.     8.  U7— 14S. 

)  A.  A.  O.     Ö.  118. 


Bedaatuaf  der  HerrsebanuMhU  81 

IiDmerhin  stehen  die  nordamericanischen  Indianer  auf  der  tiefsten 
Stufe  der  (iesittungsleiter  nicht;  dort  gewahren  wir  vielleicht  die  lun- 
(rt'l^firnen  Australiens  und  hier  schwindet  auch  jede  Spur  von  Erblichkeit 
iltT  Häuptlinge;  zwar  gibt  es  solche,  welclie  einen  gewissen  KinÜuss 
auf  mehrere  Familien  ansahen;  Uire  Macht  ist  aber  nur  vorübergehend 
und  besihrÄnktJ)  Aehnlich  verhält  es  sich  mit  den  ßotocuden  Bra- 
silien*^ wo  sich  keine  Spur  eüier  monarchis(*hen  liegierungsfonn  nacln 
w<*lsi*n  lässt,  und  bei  den  sadafricanischen  Hottentotten;  auch  bei 
df*n  Neger>'Alkem  ist  die  Königswürde  wohl  in  der  K^el,  aber  nicht 
immer  erblich ;  hilufiger  die  Sitte,  den  Thron  dem  Aeltesten  (kT  Familie 
ziizii<«iirechen;  mit  dem  Tode  des  Königs  pÜegt  eine  Zeit  der  Anarchie 
«'inzutn'ten,  die  so  lange  dauert,  bis  der  neue  König  installirt  ist') 
IHe  Barea  in  Ostafrica  erfreuen  sich  einer  völlig  demokratischen  Ver- 
lasHunff,'')  ein  Beweis  dass  an  sich  die  Demokratie  kein  Eri>gut  einer 
höheren  P>itwicklung  ist.  Das  aufl^lendste  Beispiel  bieten  aber  die 
asiatL<ehen  Turkomanen,  bei  denen  es  nicht  Einen  gibt,  der  befelüen, 
aber  auch  keinen  Einzigen,  der  gehorchen  will  Der  Turkoman  sellist 
|iHegt  von  luch  za  sagen:  „Wir  sind  ein  Volk  ohne  Kopf,  wir  wollen 
auch  keinen  haben,  wir  sind  alle  gleich,  bei  uns  ist  Ji^lcr  ein  König.^ 
Eine  nnausweichliche  Folge  dieses  Mangels  an  Olierhäuptem,  dieses 
xii6neo  Versuclies,  die  „Gleicliheit**  Aller  pniktisc*h  in  Swne  zu  setzen, 
i<t  der  Zustand  ewiger,  blutiger  Fehde,  worin  die  Turkomanenstämme 
nirlit  nur  mit  allen  ihren  Nadibarn,  sondern  auch  unter  sich  lelnMi. 
Mit  steinender  Cultur  pflegt  die  Untcrwtlrfigkeit  gegen  den  Fürsten  zu 
warfasen.  Die  Kimbunda,  durch  seine  geistigen  Fähigkeiten  eines 
dfT  aasgezeichnetsten  Völker  Südafnca*s,  zollt  schien  Königen  aus- 
nehmende Verehrung;  diese  gelangen  durch  l'^bschaft  nacli  dem  Erst- 
irebiirt«recbt  zur  liöclisten  Würde,  bedürfen  aber  der  Anerkennung 
durch  die  Volksversammlimg.  ^)  Ein  anderes  Beispiel  Wälirend  in 
dem  von  allen  asiatischen  Nationen  am  meisten  fortgeschrittenen  China 
die  aUemnomschrftnktc^ste  Herrschergewalt  seit  Jahrhunderten  ein- 
SPbOiirert  ist,  b^teht  in  dem  halbbarliarischen  Malayen-lieich  Atschin 
auf  Somitra  eine  Kegierungsfonn,  die  den  Pang/tmas  (xler  l^uwan' 
kna,  den  Rathsmitgliedeni  alle  Macht  in  die  Hände  gibt.  Ohne  foe 
kann  der  Sultan  nur  wenig  l)eschliessen;  sie  wählen  ferner  nicht  nur 
^-inen  jewei]igi*n  Naclifolger,  sondern  liaben  sogar  die  Ik^fugnLss,  den 
M/marrben  abzusetzen,  wenn  er  sich  gegen  die  l^ndesgebräudie  vergeht 
ctfirr  iv»n>t  etwas  unternimmt,  das  sie  für  die  allgemeine  Wohlfahrt  nat'li- 
thriliir  erachten.    Diese  eigenthümliche  Staatsfonn  liat  aber  dort  abwech- 

*>  Frtpdr.  Müller,  Allg.  Ethnographie.    8.  1S6. 

*P  A    a    O.    H.  IKJ. 

*t  i^der  BarrA   fühlt   mich  Aem  Anderen   gleich  und   frei;   die  Gemeinde  allein  be> 

•'t**'At  dl«*  |H>r«t'>nliche  Freiheit  durch  den  Aunprurh  dpriiroifte,  drnen  Niemand  wider- 

•f*.'l.t-     l^l*•h#  darfjhfr-,  Leo  Reinii«ch.     JHf  Barea-Sp/tiche.     Grammatik ,    Text   umd 

WZ^tr^mth .   Saek  dtn  hafdechri/lUehtH  MateHalUm  ron  Werner  Munxinger  I'aHCha. 

W  .#"0.  !•:!.     B'i 

*)  Laattlaa«  Magyar,  Btißem  U  SAdafrAa  in  dtn  Jahren  l'il9  hie  18i7,  Äm9 
dem  l'm^H§€k«m,    Pa»!  *  Lclpxig,  1859.    8*    I.  Bd.    8.  270—273. 


,V  >  JT^Tp  £ef  m-:;! 


V  -1-:  r:7  A.-iSff-fjö*  ^r/i  TjnnTsri  z^i^ibn,  v  :a.:*>feat  •&  G^vih  in  Folge 
*'  iT>-.^r*r.  '*vr  r-rtr^r-'T»^  Fkikk^r»^-,  RrSAtfcon  cJer  Gnfliu«, 
•  V-  fii»-j>=-r-  Vt  r-Ärx^CiÄ^rr.  HinpCr^r  •>5rr  ^Se*  N*hiE5  äcfa  befindet.^) 
Jf-  ATfÄi.v--.'^  dlr^^r  BeiTpirle  r^-äie^.  s>"bt  ülaerdOssig.  um  die 
M'-:. -/-'^  r-Ä  "i-r-^yr^irfe^R.  als  «jih  ■£-?  aI:j»rrTQari?-:be  Resdirinkang  der 
>  '.v^^-.rA/^^r/t  4r.  -y-fc  rin  ru^tnrrDrrTfcjuI  i??wrÄ-ii  wiiv.  Es  ist  ganz 
-/rxf-  4i^.  W  !ii»-=;T*'r  Race  w*ai«rn5.  Fre-ibert  4her  ils  Kneclit- 
^Tüfr  l^J  aS«-r  mr  d^*«halb.  wr-ü  ilie  Aii£&iu??  der  R*ce  entfernt 
^  .'.  jM^  r»jjtnr  laÄ-n:  yr  näh^r  den  thierisdir-n  ZostiLnden.  je  absoluter 
■'?.*:  Fr«^riKt:  ail^n  'isr  franz  dvr  Coltor  i>:  ein  anderer,  on^kehrter, 
«-r  f\.>irr  znf-r-t  zur  Knecht schaft  und  dann  zur  Freiheit  Das 
•/'j'BJf/krn  'iK^^r  reihen  Freiheit  bezoichnet  den  Beginn  der  Cultnr;  die 
Kr*'fh*'^'hsif*,  i-t  die  nothw.jnfce  Schule  filr  das  nächste  Staiüum,  wel- 
f'Tt*^  aar  der^^-Ilien  wieder  heran«  zu  jener  geläuterten  Freiheit  IQhrt, 
dj*-  d^r  h*-fjt:jfen  fje«ittung  ihren  Stempel  auf*irückt  FOr  den  Coltnr- 
f'r-/'ber  hl<'\U:  nBatrehot^s  Worte  unerschütterlich  wahr:  ^Später  kommen 
die  Jahn»  d*T  Freiheit,  früher  aber  jene  der  Knechtschaft."'') 

l>'dn  (hvimitft  beleuchtet  den  Werth  der  ursprünglichen  Wählbarkeit 
d'T  OUrrhäupter.  der  Beschränkungen  der  königlichen  Miacfat  durch  den 
\^'il)«'n  der  VolksvfTsamnilungea.  des  Rechts  derselben,  die  Fürsten  ab- 
/ijw-t/en  u.  'kl  l>i(*se  Einrichtungen  charakterisiren  mehr  oder  minder 
jille  (reniianiMohen  Völker,  gera^le  so  ^ie  der  Unterschied  zwischen  Edlen, 
Freien  und  Sclaven.    Kigentliche  Gleichheit  existirte  nirgends,  und  sogar 
dort  wo,  wie  iKfi  den  alten  Slaven,  eine  reine  Demokratie  als  das  Ur- 
"•IirünKlicbe  nachgewiesen  werden  kann,  ging  dieselbe  doch  mit  wachsender 
(fe«iittnn}<  s^?hr   liald  in  Aristokratie  über,  denn  das  reale  sowie  das 
ideale  (JelMfrgewicht  gestatten  nirgends  völlige  Gleichheit^  ausser  vor  dem 
(j«*s<*t%e  als  solchem.     Die  ersten  römischen  Bürger  waren  unter  sich 
Kleirli,  und  HO  die  germanischen  Freien;  den  Sdaven,  selbst  den  unter- 
worfenen Völkern  gegenüber,   bildeten  sie  eine  Aristokratie,  wie  die 
Fällen   f^PJfl/trtf/t)   wenigstens  an  Ehren   und  gesellsdiaftlichem   Bang 
den  (renieinfreien  vorangingen,   wenn  auch  nicht  an  Rechten.^)     Das 
Altenf,(lisch(*  s]K;d(*Il  l)ezeichnet  den  Unterschied  zif^ischen  dem  Adeligen 
und  deiiA  Frei(^n  durch  die  Ausdrücke  Eorl  und  CeorL    Die  köni^idie 
(iewalt  war  hier  durch  die  im  Angelsächsischen  WifenagemSt  genannte 
K("u'}H!rHc)iaft'')  v(m  ursprünglicli  demokratischem  Charakter  besdirftnkL 
l)enn<M!li  war  die  Uultur  dieser  Völker  eine  noch  überaus  tiefc;  dodi 
s<'i  nicht  vergossen,  dass  sie  von  vorne  anfangen  mussten.^    bt 


')  l>aM  Sultanat  At$ehiH.     Autland  1873.  Nr.  46.  8.  883—884. 

')  Kdw.  A.  Fr 0  0 man,  The  Orotcth  of  th§  Englith  eoiftitution  fntm  fJb«  mrihH 
Time»,     Loi|iKig  1H73.     8\     H.  VIII. 

')  IlsKnhot.  Vhyic»  aml  Politic».     S.  30. 

•)  (Jcor«  Wrbcr,  *}§rmanien,    8.  139. 

^)  Narh  Fror  in  an  hfttt«  das  englische  Parlament  sich  dlrdct  aas  dem  WH€itm§m^ 
iMttwickolt;  das  Haus  dor  Lords  sei  in  der  That  dasselbe.  Diese  Ableitang  de*  Pwla- 
iitont«  vrrwirn  aber  vollständig  K einhold  Pauli,  Bilder  an»  AU9Mg1mm4,  Ootk» 
IHHIl.     H.  (MV 

•)  Lange,  Oeechlchte  d*$  Mattrlalitmu:    I.  Bd.     8.  152. 


Be4eaiuiic  d«r  lUrnielifnnAcht.  33 

lUnn  zu  wundern,  wenn  die  Deutschen  erst  in  der  Merowingerzeit  aus 
d^ii  Kreise  halbwilder  St&mme  heraustreten?  ^)  Nun  ward  der  erste 
(irund  zur  Entwildemng  dee  inneren  Deutschland  durch  das  Predigen 
lies  Cliristenthums  gelegt.  Von  den  westlichen  oder  gallischen  Franken 
(fingen  die  Segnungen  der  dort  angesogenen  römischen  Civilisation  der 
(■aUier  und  das  Christenthuni  auf  die  rohen  Nachbarstänune  der  deutschen 
(Vuiken  Qber.  Fränkische  Apostel  bekehrten  die  heidnischen  Sachsen 
in  Eni^and,  wanderten  darauf  in  das  heidnische  Deutschland  jenseits 
des  Rheines  bis  in  d(A  skandinavischen  Norden  und  führten  nach  und 
uach  Alemannen  und  Baiern,  Ostfranken  und  Thüringer,  si)äter  endlich 
Sadwen  und  (Viesen  in  den  Schooss  der  Kirche.  Unerweislich  und 
AUem  widersprechend,  was  sonst  über  die  Ausbreitungsursachen  der 
Religmnen  bekannt,  zugleich  aber  total  gleichgültig,  ist  die  Behauptung, 
die  Ausbreitung  des  (liristenthuiiis  wäre  nichts  weniger  als  der  Religkm 
selbst  wegen  geschehen,  sondern  \iehuehr  blos  als  das  beste  Mittel  zur 
Beüestigang  der  Uerrschemiacht.  Wäre  dem  auch  so,  die  Herrscher- 
inacht hätte  der  Cultur  nie  einen  bes8<Ten  Dienst  geleistet. 

Der  Verfoll  der  königlichen  IVIacht  bei  den  Merpwingem  und 
deren  Uebergang  auf  die  Hausmaier,  die  dadurch  zu  Grosshofineistem 
warden,  ist  sehr  erklärhch.  Urs[)rünglich  war  der  Hausmaier  wirklich 
nur,  was  sein  Titel  besagte;  er  stand  an  der  Spitze  des  königlichen 
Hause«  und  der  königlichen  Leute  (Leudea)  und  war  Anführer  des 
Lebensgefiilges  im  Kriege,  zunächst  nach  dem  Könige.  Durch  den  vom 
VL  bis  zum  X.  Jahrhundert  dauernden  Process  der  freiwilligen  Ver- 
waniBiing  der  kleinen  Grundstücke  in  Beneficien,  der  das  meiste  freie 
(tnuMieigenthum  in  unfreies  (für  die  Insassen)  verwandelte,  wuchs  audi 
die  Zahl  der  liehensleute,  welche  unter  dem  Hausmaier  standen,  damit 
«eise  Macht  Die  unabhängigen  freien  Leute  wurden  iiumer  weniger, 
die  Macht  der  Hausmaier  immer  grösser,  grösser  selbst  als  jene  des 
Kflaig&  Wer  aber  die  Mac*ht  hat,  der  übt  sie  aus,  wenn  er  sie  nicht 
WHhfmocht,  was  indeos  von  den  merowiiigischen  Hausmaiem  kaum 
hekaopCet  werden  kann.  Im  Uebrigen  sei  sogleich  bemerkt,  dass  die 
HiMmtier  keineswegs  eine  der  fränkischen  Monarchie  eigenthtkmliche 
Knclieinttng  sind.  Die  llolle  der  Wezyre  im  C)hali&te  unter  den 
Abiia«iden  war  eine  durchaas  ähuliche;  '^)  denn  sie  übten  foctisch  die 
ToDe  Hemchergewalt  aus,  und  dit*  nämliche  Sitte  herrschte  schon  bei 
dm  mhen  Arabern,  wo  sie  bis  in  die  Zeit  hinein  reidit,  Qber  welche 
o^i  die  moiiiim*schen  (feschi('hts<'!ireilK*r  einigen  Aufschluss  geben.  Sie 
katle  in  Arabien  densellM'U  Ursprung  und  diesi'lben  l'rsachen  wie  im 
Frankenreiche.  ^)  Audi  die  japanischen  Slioguns  waren,  beim  Lidite 
h#*<«ehen,  nicht  viel  .Vnden^s  als  die  Hausmaier  der  Mikados.  Das  Haus- 
■wifTthum  int  ein  in  der  Natur  der  Dingo  begi^ündetes  Phänomen. 

't  Warli  A    Lindtnnchm  itt. 

^  A.  von  Kr^Bi^r,  CuUmrgtBehicht*  HttOHtmtB  unttr  «I«m  Ckali/tm.     Wi«n,  18T5. 
t      IM      M.  1M&. 

*>  A.  8fr«nger.    I>t*   alt*  Otofrmphi«  Aruhittui  nl$  Ommdlag^  der  Jüttwitklimmf^- 
0m0€kirhi0  d09  StmUUmmt.     B«rn.  ii^'h.     n*     H.  *l\\. 

w    Hcllwal  d,  ()oltarf««ebleht6.    1    Aufl.  II.  3 


34  Anfing«  Am  MIttHiiUerK. 


DIo  Ciiltnr  im  Frankenrelohe. 

CtloiVli^io  die  Cultiir  la«  auch  «W  Schweqiand  der  politiftrhrn 
Marht  im  Wcstoii;  Paris  war  sdioii  CTilfxlovodrs  Rosidonz.  Nach  seinem 
'VtHh'  wanl  «Lis  fninkisclie  Iteicli  ^(>theilt;  der  jrrossere,  wichtigere  Th<»il 
innfasste  fast  pniz  Frankreicli  unter  dem  Namen  Neust ricn,  jedwh 
unter  drei  Herrselier  mit  dcMi  ll<>sidenzen  l'ari?^,  Orleans  und  Soissons 
zerth<Mlt,  der  andere,  Austrien  o<1*t  Austrasien  mit  der  O-apitale 
Metz  umfasste  nebst  dem  Stannnjjehiete  der  rlpuarisclien  I^Yanken  die 
Her/(i(;?thümer  der  I'Yiesim  und  Thdnufrer,  Alemannen  und  Baiem  mit 
allen  l'j*o))erunKen  h'in^  der  Doiuiu  hinab  und  im  norischen  Gehirg<\ 
iiilmlich  j^anz  IkMitschland,  so  weit  es  nicht  von  SUiven  und  Sachsen 
lM*wohnt  war.  l)er  fnlnkiscbe  ErolMTinij^sjfeist  —  dem  römiBrhen  nicht 
unähnlich  —  hasste  jed(K*h  die  Naclibarscliaft  der  fmen,  rohen,  in 
ihrer  altcMi  Kmft  fiu'chtliaren,  wilden  Sachsen  und  l)ald  traten  heide 
Wvlker  in  (lvss<»ll>e  Vcniiältniss,  wie  einst  die  welterol)emden  Römer  zu 
allcMi  freien  (lennanen.  1)<t  (h*j?ensatz  zwischen  Nonl  und  Sftd  machte 
si«'h  schon  deutlich  fUhll)ar. 

l'nter  d(Mi  Merowin^ern,  welche  die  neuHtrischen  und  austrasischen 
(iebiete  liald  venMuij^ten,  l»ald  zertheilten,  blieb  lange  das  Ueberffewicht 
auf  S«nte  der  westliclu»n  Franken.  Austrasien,  der  nicht  romaniKirte. 
deutsche  Theil  gewann  erst  an  Mat^ht,  als  dsw  Regime  der  Schatton- 
knnige  und  Hausmaier  iM'giinn.  Doch  ist  auch  hierlx^i  vor  Tänschnngen 
zu  warnen;  nicht  die  austrasischtm  Stilmme  c^rlangten  höhere  politiRche 
Wichtigkeit,  sondern  di(^  austrasischen  Hausmaier  rissen  in  Nenstrien 
die  Macht  an  sich,  von  und  durch  Ncnistrien  auch  Austrasien  beein- 
tiiLssend,  mitimter  l)eherrschen(L  So  gingen  die  Dinge  fort,  bis  die 
Ankunft  der  Mauren  in  Kiu*o])a  und  ihr  Zug  nach  Frankreich  dardi 
die  (fcwalt  der  Thatsachen  allen  Schwei'punct  in  dieses  I-And  verksgten. 
In  dem  ge<lachten  Zi*itraume  gestalteten  sich  die  Verhältnisse  demnach 
S4I,  (Liss  das  fränkische  Reidi  —  ursprüni^lich  (rennanen  und  GaUier 
umf;L<wend  —  allmählig  in  zwei  sich  iunner  mehr  von  einander  iiiitcr- 
<«'heidende  Hälften  hinsichtlich  sein(T  Bevölkerung  zerfiel,  deren  west- 
liche einen  immer  homog(»n(Ten  Charakter  annaluu,  während  in  der 
östlichen  die  Mannigfaltigkeit  der  deutschten  Stänmie  noch  länger  zu 
deutlichem  Austlruck  gelangt«».  Wie  viel  an  Cultur  die  Mitglieder  des 
;iu<«trasis(*hen  Reiches  von  ihren  W(»stlich(Mi  Niuiibarn  bezogen,  ist  der- 
mak'U  schwer  zu  (»miittehr,  sicher  ist  nur,  dass  diese  schon  danuds 
frühfT  an  der  Seine  als  am  RIhmuc*  haustt». 

IHe  PIi*sclieinmig,  dass  diese»  Cultur  sellwt  bei  den  Franken  in 
t^lfien  von  liarlwrischen  Ausschw(»ifungen  und  graucnliafteu  lA<t(Tn 
hrfdeitet  war,  ist  nicht  l)efremdlich.  Nicht  nur  führt  der  Contact  mit 
kuhervT  (iesittung,  wi(»  sie  in  den  noch  zahlreichen  Resten  der  rümiscbiMi 
(Ivilisation  vorhanch'n,  bei  Iwrlwrischen  Völkern  allemal  eine  Periodi» 
*r  (sMenverderbniss  herbei,  der  Manche  —  z.  B.  die  Bewohner  der 
SftdKe-In<vln   —   gänzlich    unterliegen,   sondern  bekanntlich  simi  nn- 


DI«  Oaltar  Im  FViinkeiireleh<>.  35 

luUflrliche  Iju^ter  nirgonds  liänfiger  al»  gerade  bei  wilden  Stftmmen.  ^) 
»irftgt  maa,  dass  Tacitus  von  unseren  Voreltern  mehr  als  Rhetor  denn 
ab  Historiker,  endlich  nicht  ans  eigener  Knnde,  sondern  anf  (irmiid 
ik*r  Darstellung  Anderer  schnob,  dass  er  auf  das  (lefühl  und  die  Re- 
tlexkm  wirken  *)  und  seinen  Ijandsleuten  einen  Spiegel  Vorlialten  wollte, 
etwa  wie  wenn  man  in  früherer  Zeit  die  idyllischen  Zustände  der 
Wilden  Tahiti's  unserer  verfeinerten  (Zivilisation  entgegenstellte,  so  wird 
eine  freiepe  AufEassung  auch  der  gepriesensten  Sdiriftsteller  der  Alten 
die  germanische  Urzeit  in  weniger  reinem  Liebte  erscheinen  lassen. 
So  könnte  die  Ileliauptung  dessell»en  Tacitus*,  dass  Kinder  von  ihren 
mQtteriichen  Onkeln  mit  der  gleichen  Zärtliclikeit  betraclitet  wurden 
wie  von  iliren  Vätern,  jenes  Verwandschaftsl^and  sogar  als  enger  ange- 
«ehen  werde,  lieinahe  ein  zweifelhaftes  Licht  auf  den  Huf  der  ahen 
(fonnanen  werfen.  Todten-,  <brunter  Menschenopfer,  waren  der  ger- 
manischen Mythologie  nicht  fremd;  Hr>'nhild  liegt  an  der  Seite  ihres 
geliebten  Stgiird  auf  dem  Sch<Mterliaufen ,  und  Männer  und  Jimgfrauen 
folgen  ihnen  auf  dem  Höllenwege  nach,  ßei  den  Herulern  war  die 
MitbestattuTig  der  Frauen,  die  sich  erhängen  mussten,  no(*h  im  VI.  Jahr- 
hundert n.  Chr.  Sitte;  auch  sonstige  Abscheulichkeiten  kamen  vor.  ') 
Krt  wäre  Wahnwitz  zu  fordern,  das  Christenthum  hätte,  den  allgemeinen 
Flntwicklangsgesetzen  Hohn  sprechend,  auf  einmal  eine  Milderung  der 
Harbarei  erzielen  sollen.  Im  Anfange  seiner  Wirksamkeit  verlangen, 
wna  das  £nde  derselben  bezeichnen  sollte,  ist  eben  so  ungereimt  als 
ob  man  vom  neogepflanzten  Obstbaume  Früchte  erwarten  wollte.  Sehr 
uatflrlich  erscheinen  stets  die  Fürsten  und  Grossen  aus  jener  Zeit  in 
den  dnnkelfrten  Farl)en,  da  man  ihre  Handlungen  aufeuzeichnen  allein 
der  Mfibe  werth  hielt.  Die  Hohheit  der  Zeiten  gestattet  keinen  Zweifel, 
da»  et  im  Volke  nicht  erfreulicher  aussah.  Sicherlich  war  die  nm 
jeae  Epodie  erfolgte  Einführung  der  Todesstrafe  ein  wesentliches  Mittel 
mr  Milderung  der  damaligen  Sitten.  Nach  dem  heidnischen  Reditc*, 
worin  sich  das  (tefühl  des  Wertho^  der  Freiheit  und  (lleichheit 
asKeblich  knndgab  —  konnte  jeder  Mord,  Königsmord  ausgenonunen, 
■it  (leM  nnd  (rut,  dem  „Webrgeld',  gesühnt  wenhm.  I)al)ei  existirte 
die  vat>{ebhche  Freiheit  nur  für  <lie  Freien,  die  angebliche  CHeichheit 
nnter  lieuten  gleicher  nationaler  Al»stammung.  Nun  aber  strafte 
(lesetz  jeden  vorsätzlichen  Moni  mit  dem  Tode,  ohne  Rücksicht 
aaf  Rang  nnd  Abgtammung  lieider  Theile. 

Je  mehr  man  sieb  in  das  Studium  jener  K|K)chen  versenkt ,  desto 
mehr  befestigt  sich  die  rt4M*r/eugung  von  dem  nihen  Zastande  der 
Ilprmanis4*lien  Stämme;  sie  standtMi  cInmi  auf  der  Stufe  mancher  Natur- 
völker der  (f<*genwart.  Diese  Thatsache  allein  hilft  uns  die  Zustände 
der  Men>i(ingerzeit   vollständig  liegnnfen   und  abi    durchaus    natürliche 


*i  Kiod«riu«rJ  und  FruebUlitreiliuiig  Miiid  s.  B.  l>oi  dif^rn  überaus  biiflg;  »l^lie 
4*ral»«r  Arehir /.  Ämtkrop.  V.  Hd.  8.451— 4.%5.  Die  l*«der«<ti«  hrrr«rht  bckanntUrh  nn«h 
;#t<t  bei  d^a  ori«aUli*rhrn  V«')lkern 

*i   awr.  f.  AU§.  Zif.  So.  »26,  vom  '>*i.  November  1873. 

V  J    Orimm,  Dtmt4rht  RtehtfallrrtkUmtr.     H    455. 

3* 


36  AnAoff«  des  MitUlalton. 

betrachten.  Wiederiiolt  habe  ich  darauf  hingewiesen,  wie  jede  hoch- 
entwickelte Cultur  unabAnderlich  Jjaster  begleiten,  welche  die  Sittlichkeit^ 
jener  Epochen  in  keinem  allza  gttastigen  Lichte  erblicken  bumen.  Diese 
Laster  sind  jene  der  Naturmenschen,  nur  in  verfeinerter  Form;  die 
Clvilisation  vermag  weder  neue  Laster  noch  neue  Tugenden  zu  sdiaffen, 
sie  kann  nur  gewisse  im  Menschen  voriiandene  Keime  und  Anlagen 
fördera,  entwickeln.  Ihr  Wesen  l)e8teht  nun,  glcidi  jenem  der  Zfihmung 
bei  den  Thieren,  darin,  dass  sie  gewisse  natürliche  Anlagen  besonders 
fordert,  andere  in  den  Hintergrund  drückt;  selbstverstftndlich  entwickeln 
sich  jene  Eigenschaften  am  meisten,  welche  dem  jeweiligen  gesellschaft- 
lichen Organismus  am  nützlichsten  sind.  Denn  Einzelnen  gegenfiber 
ist  die  Menge,  welche  im  Kampfe  mn's  Dasein  die  Chancen  &st  immer 
für  sich  hat,  (Tesetzgeberin.  Sie  nennt  daher  alle  jene  Thaten,  die  ihr 
nutzen,  Verdienste,  alle  jene  aber,  die  ihre  Interessen  zu  Gunsten 
des  Einzelnen  schädigen  —  Verbrechen.  Wo  das  (lesetz  nicht  mehr 
zukann,  muss  die  Unterscheidung  in  Tugend  und  Laster  mit  allen 
weiteren  Feinheiten  nachhelfen.  Alles  zusammen  ist  das  Sittengesetz, 
das  sich  die  Menschheit  zu  ihrem  eigenen  Schutz  gegeben  hat  —  die 
Moral.  > )  Wohl  zu  erwägen  ist  aber,  dass  das  llrtheU  der  Menge  Aber 
<la.s,  was  sie  als  Verdienst  oder  Verbrechen,  als  Tugend  oder  Laster 
anerkennen  will,  bei  den  verschiedenen  Völkern  s^ir  verschieden  ist. 
l>enn  die  Civilisation  oder  Cultm*  vermag  die  primären  Raceneigen- 
schaften  niemals  ganz  zu  verwischen  und  bildet  jedes  Volk  im  Sinne 
<ier  vorhandenen  Anlagen  aus.  Absichtlich  greife  ich  zu  dem  trivialen 
aber  passenden  Beispiele  vom  Hunde,  den  die  Zähmung  im  Allgemeinen 
aus  einem  Kaiibthier  in  ein  frommes  Hausthier  verwandelte,  der  in 
der  Entwicklung  seiner  besonderen  Eigenschaften  aber  von  primären 
.Vnlagen  abhängig  ist.  Ein  wachsames  SchoosshtUiddien  ist  unbrauchbar 
als  Jagdhund  und  der  trefiflidiste  Vorsteh-  oder  Htihnerhund  gibt  nodi 
keinen  Bernhardiner  I^bcnsretter.  Jede  hervorragende  Entwicklung 
irgend  einer  Eigenschaft  geschieht  jedoch  aberall  in  der  Natur  nur  auf 
Kosten  einer  anderen;  wälirend  die  einen  gedeihen,  verkflmmem  die 
anderen.  So  auch  in  der  C'nltnr.  ICs  jst  also  nur  sehr  natürlich,  dass 
mit  der  steigenden  Gesittung,  welche  gewisse  „Tugenden"  fördert,  sidi 
auch  unvermeidlich  „liaster^  zeigen,  die  ja  nichts  anderes,  als  der 
negative  Ausdruck  fAr  die  Verkümmerung  gewisser  Eigenschaften  sind. 
(fe^iiss  v^ird  dieserhalb  kein  Billigdenkender  die  C^tur  geringer  achten, 
allein  die  nüchterne  Wahrheit  erfordert  den  entschiedensten  Protest 
^gen  das  Bestreben,  die  Gesittung  blos  nur  als  Entwicklung  der  ,.gaten^ 
Eigenschaften  darzustellen.  Mit  waclisender  Cultur  wachsen  allerdiflgB 
gewisse  gute,  al)er  auch  gewisse  böse  Eigenschaften,  die,  in  der  menadi- 
lichen  Natur  begründet,  Beide  ihr  Hecht  gebieterisch  geltend  machet 
Würde  filr  diese  gern  verkannte  Wahrheit  nicht  die  Geschichte 
sprechen,  welclie  ülier  die  tiefste  „Entsittlichung"'  klagt  als  die  Cultur 
der  Hellenen,  der  Römer,  der  Perser,  der  Araber  am  höchsten  stand, 

*i  Rob.  Byr  in  dem  gedAnkenreiebeu  RoiuAn:    Dtr  Kampf  ttm'a  Dum/«.    111.  Bd 

S.  Ji^. 


Die  Caltur  Im  FrAskrareiebe.  87 

Hie  Würde  laut  verkflndet  dordi  die  Lehren  der  vergleichenden  Ethno- 
logie. Wo  immer  Natan^ölker  mit  «ier  CiviUsation  in  Berahmng  treten, 
vernehmen  wir  die  Klage,  da»»  dadurch  lieidenschaften  und  Laster 
erregt  werden,  die  der  „wilde  Naturmensch"  nicht  kannte.  Hier  ein 
llei^el  statt  vieler.  An  den  hochromantisohen  Ufern  des  Telezki'sdieii 
>»e<*s,  den  die  türkischen  Idiome  den  ^^i^oldenen"  nennen  (Alt^-hUj 
nnd  in  den  einsamen  Thäiern  des  Tschulyschman  und  der  ßaschkaus 
im  Altai  hausen  fieunilienweise  zerstreut  nomadische  Kalmüken  noch 
im  reinen  „Naturzustande."  Bei  diesem  armseligen  Volke  herrscht  voU- 
fitlndige  Standesgleichheit  und  ein  ausgebildeter  Commnnismus ,  das 
(*idturideal  so  mancher  Phantasten,  auf  den  niedrigsten  Culturstofen 
indem  langst  verwiiiclicht.  Denn  aucli  die  waldbewohnenden,  nomadi- 
sehen  Stißng  von  Brelum,  im  Osten  des  Mekhong,  die  nnter  den 
hinterindischen  Völkerschaften  den  niedrigsten  Rang  einnehmen,  leben 
in  irütergemeinschaft,')  als  ob  sie  bei  einem  Pariser  Socialisten  Colleg 
gehört  hätten.  Mit  Schrecken  wendet  man  sich  ab  von  diesem  Ideale; 
flle  Folgen  der  (TüteiK^^meinschaft  und  Standesgleichheit  haben  hier  zu 
abmluter  Versumpfung  und  Unthätigkoit  geführt.  Doch  sei  nicht  ge- 
UUignet,  daM)  der  Kahnük,  um  auf  diesen  zurtlckzukonuuen,  dabei  ausser- 
ordk^nthch  zufriwlen  und  nach  si»iner  Meinung  ein  herrliches  liOben 
fUirt.  Von  8<»ineni  Standpuncte  aus  hat  er  auch  Recht,  denn  keine 
Siirge  drückt  ihn  und  kein  Wunsch  nach  irgend  einer  Veränderung 
steigt  in  ihm  auf.  Beobachtet  man  nun  die  Einwirkungen  der  (hiltnr, 
wie  sie  «üe  Nälie  russischer  Niederlassungen  in  neuerer  Zeit  angebahnt 
bat.  so  sieht  man  den  Wunsch  luu'h  Ik^tz  und  das  damit  natniigemäss 
nnlösUrfa  verbundene  Streben  nach  Standesunters(*hieden  Wiur^l  schk^ 
gpit.  nnd  in  weiterer  Folge  auch  grössere  Rührigkeit  in  das  einförmige 
l^ben  der  Bergbewohner  dringen.  Dort  beginnt  Handel  und  Ackerban; 
mit  diesen  Haupt&ctoren  der  (lesittung,  Besitz,  Standtniunterschiede  nnd 
Arbeit,  halten  aber  auch  viele  Uebel  ihn*n  >jnzug,  und  eignen  sidi  die 
Kahnflken  in  erster  IJnie  die  I^aster  ihrer  civilisirteren  Nachbarn  an.*) 
Dieses  Beispiel,  das  sich  viel&ch  venuehren  Hesse,  ist  überaus 
lf«iirrei€h<»  denn  es  gestattet  einen  guten  l'IinblicJc  in  die  geheimnissvoUen 
Vfauk*  «1er  ('ulturentwicklung.  (lesetzt,  die  Kalmüken  hätten,  wie  die 
Ifermanen,  die  Kraft.,  die  fremde  (Ixilisation  aufeunehmen,  ohne  daran 
m  Gmnde  zu  gehen,  so  würde  in  einiger  Zeit  das  gesellschaftliche  I^ 
dr«  Altai  ein  total  verändertes  hAw.  Die  innige  Berührung  der  beiden 
Völker,  Rw<sen  und  Kalmüken,  wüiile  U'i  genügender  nmneilscher 
SUhrke  der  1  letzteren  /u  theilwei^T  Kalmüki.Hining  der  Russen  fahren, 
deren  (*nlturstufe  darunter  empfindlich  leiden  mü.s.Hte;  andererseits 
möefaten  die  Kalmüken  weit  fortgeschrittener  sein  als  jetzt;  sie  würden 
ihr  Nnmadenthum  mit  dem  Ackerliau,  lUe  (lütergemeinsc^haft  mit  dem 
IVi%atbe^t/.  die  liarl)aris<>lie  StandesgleiclihiMt  mit  dem  ci\ilisatorischcn 


'fU^nri  Mouhot.     2VnM/f  in  tht  C^mtrut  pari»  of  Cochin-i  'htim  (Siamj  Camh^äim 
•mt   Lm09.     Lob4ob  1864.    H\     I.  B4.     H.  342. 

')  Bft0kc   kierab«r    W.  Kadi  off,   Di€   Btr^momadtn  ä0$   Alf*.     Glohmt.     XI.  M. 

b    ?TT-378) 


3^  Anfinge  des  Mitteleltert. 

Standesimterschied,  ilue  ,J)emoki-atie''  vielleicht  mit  einer  ^Aristcdontie^ 
ilir  Fanlleiizen  mit  weiicthfttiger  Arbeit,  zugleich  aber  ihre  apathische 
Gemüthsrulie  mit  aufregenden  Wünschen,  ihre  Yertrauenssehgkeit  mit 
Misstraucn,  ihre  Ehrlichkeit  mit  Habgier,  ihre  Aufrichtigkeit  mit  LOge 
vertaascht  haben.  Vielleicht  würde  sogar  das  eine  oder  das  andere 
ihrer  Laster  noch  schärfer  zum  AusiU*uckc  gelangen.  Denn  wenn  es 
Lüge  ist  zu  behaupten,  die  Cultur  wirke  n  u  r  veredelnd,  so  ist  es  nicht 
minder  Lüge,  die  Yenvirklichung  des  „(xuten^  im  Naturzustande  zu 
gewahren.  Die  gepriesenen  Barbaren  fröhnen  den  aussdiweifendsten 
Lastern,  Kohheit  und  Grausamkeit  und  was  damit  zusammenhflngt,  sind 
\m  ihnen  allgemein,')  schon  desshalb,  weil  ihnen  der  Begriff  daiür 
fehlt.  Die  Natur  verbietet  keinem  Menschen,  seinen  Nächsten  zu  peinigen 
oder  zu  tödten,  erst  die  Cultur  thut  dies  und  bestraft  den  Mord,  Uoe 
darum,  weil  die  ungestrafte  I^friedigung  der  Mordlust  die  Gesellflchaft 
selbst  in  Frage  stellen  wüide.  Der  Diebstahl  entsteht  erst  mit  dem 
Pligenthum;  der  Kalmük  stiehlt  nicht,  weil  er  keine  Bedürfnisse  hat, 
kennt  weder  Lug  ntK*h  Trug,  weil  es  in  seinen  Bergen  nichts  zu  ver- 
heimlichen gibt  und  er  viel  zu  ti-äge  ist,  sich  zu  verstellen;  so  wenig 
ilim  dies  ab  Verdienst  anzureclmen  ist,  so  sicher  bleibt  es,  dass  die  im 
Menschen  vorhandenen  Keime  dieser  liaster  ei"8t  mit  der  aufgehenden 
Somie  der  Cultur  zu  reifen  k*giminen. 

Die  Wirkungen  der  l^rührung  der  alten  Geniianen  mit  der 
i-ömischen  Cultur  konnten  keine  anden^n,  als  die  oben  geschilderten 
luid  in  der  (u*gcnwart  beobachteten  sein.  Unter  dem  Einflüsse  der 
gennanischen  Bai'baren  mussten  die  römische  Civilisation  verwildern,*) 
die  Gallo-Komanen,  Ilispanier  mid  Italiker  sinken;  unzweifelhaft  aber 
stiegen  die  Germanen;  die  merowingische  (resellschaft,  barbarisch,  ¥rie 
sie  heute  uns  däucht,  stand  an  Gt^ittung  hoch  über  den  Germanen 
Hermanns,  des  CheiuskerfUrsten.  Alle  liaster  der  römischen  Cultur 
bildeten  aber  zugleich  die  ersten  P>rungenscliaften  der  deutschen  Stämme« 
die  n(Kh  lange  ihre  ursprüngliche  Kohheit  l>ewahrten.  Die  Züge  haar- 
sträubender GraiLsamkeit  jener  Zeit  sind  Uel)erbleibsel  dieser  ursprüng- 
lichen Kolüieit,  deren  Ue})er^'indung  nur  das  Werk  tausendjähriger 
Cultiirarl)eit  sein  kaim.  Kein  Wunder  daher,  dass  mit  den  angenom- 
menen I/asteni  der  frilheren  (*ivilisati()ns])enode  ilie  dem  Barbarenthnnie 
eigene  Unmenschliclikeit  sich  paarte.  Will  man  <üe  Zustände  jenes 
Zeitalters  in  ihrer  natürlichen  Entwicklung  ei-fassen,  so  muss  man  sich 
sorgiiHtig  hüten,  sie  un  Lichten  misen^r  heutigen  o<ler  selbst  der  vorlun> 
gegangenen  antiken  Civilisation  /ii  l>etrachten,  vielmehr  das  neue 
herrschend  gewordene  Volkstlium  an  seinem  eigenen  Ausgangsiiunete 
messen.  Dann  wenlen  wir  l)eurt heilen  können,  wie  sehr  trota  aller 
liaster  und  Barbarei  die  gennanisclie  Welt  in  der  Mei-owingenseit  schon 
gestiegen  war. 

<)  .(Wir  Wilden  t*iiid  doch  bPi>-*crc  Moii-<chcii',  klingt  ganz  gut ,  aber  ein  edler 
Si'hwarxf\i«j«lcr  < Blaeleftet-)  Indianer  kann  da*»  ni'^ht  von  ?ii*h  f«ag<^n.  ( Mittk^iUtnytn  iler 
k.  l.  s^ographUehen  Get>elUchaft  in    Wien  1K7-2.     Wien  18T.J.     8».     8.  52») 

0  Dien  i^t  um  xu  sicherer,  als  wir  positiv  Avi!>iion,  wie  einselne  MitgUedcr  vom 
CulturiiAUouen,  wenn  eic  isolirt  unter  Naturvölkern  leben,  vorvrildoriL 


Die  Ciiltor  im  Fr«nkeareithe.  39 

Da«  Steigen  der  Germanen  hatte  wie  gesagt  nothwendig  das  Sinken 
(irr  ält4?ren  Nationen  zur  Folge,  die  sich  mit  ihnen  venuischtcn.  Es 
li<l(t  dies  eben  im  Entwicklungsgänge  der  Cultur  selb8t,  die  unvermögend 
1*4,  den  Natmiueniichen  anders,  denn  in  selir,  sein*  langen  Fristen  zmu 
C'ultarmeii.s(*hen  zu  erziehen;  bei  vielen  Völkern  gelingt  dieses  Kxperi- 
nK*nt  gar  nie.  Angesichts  dieser  festbegründeten  Thatsache  vic'iss  icli 
nur  ahi  culturhistorischen  Nonsens  zu  bezeichnen,  >venn  durch  Herbei- 
M'ldeppung  aller  mögUchen  Beispiele  von  Barbarei  die  „chiistliche 
\V;edergebml  des  Frankenreiches",  die  „wiedergeborene  Sittlichkeit  der 
lU'kehrten*^  zu  illustriix'n  versucht  wird.*)  Die  Beligion  ist  nur  eines 
«Ut  verschiedenen  Cultuniüttel,  und  blos  Ciedankenlosigkeit  kann  von 
ihr  eine  „Wiedergeburt"  fordern,  die  es  gar  nicht  gibt.  Das  Fraiücen- 
ivicb  war  niemals  „christlich  wiedergeboren",  weil  es  unchristlich  gar 
nie  beKtand;  seine  Zustände  wai*en,  wie  wir  sie  kennen,  nicht  weil 
«Lim  Reich  christlich,  sondern  weil  es  fräiücisch  wai*;  ebenso  wenig 
k«iiiwien  die  Bekehrten  in  den  Besitz  einer  „wiedergeborenen  Sittlich- 
keif*, hondern  die  Sitten  der  Neubekehiten  verbliel)en  anfangs  in  ilnrr 
frilb<*n*n  llohlieit  und  milderten  sicli  erst  im  I^ufe  der  «Jahrhunderte. 
DiT  Antheil  diT  Kirche  und  Religion  an  dieser  Milderung  der  Sitten 
ist  gniss  genug,  wie  die  spätere  Entwicklung,  welche  ohne  sie  nicht 
möglich  gew(*s<»n  wäre,  lelirt,  allein  es  war  weder  die  einzige  Aufgal)e 
der  Kirche,  die  Sitten  zu  mildern,  nocli  war  ihr  bis  dahin  die  nöthige 
Zi*it  <lazu  gegönnt  gewesen.  Offenbar  muss  es  Leute  geben,  welche  an 
die  Religiim  und  iiLsbesonden^  an  dit*  chnstliche  Kirche  die  Anforderung 
^t«*lleu,  Völker  hn  Handumdrehen  aus  Barbaivn  in  gesittete  Nationen 
jM  vcn^'andft'bi,  soitst  könnte  man  sich  unmöglich  in  dem  Nachweist^ 
){eialkMi,  dass  zur  Zeit  Karl  d  (ir.,  also  nur  drei  Jalirhunderte 
uadideni  Chlodovech  die  Taufe  empfangen,  von  der  sittlichen  Wirksam- 
keit der  Kirche  noi^h  nichts  cxler  niu*  si'hr  wenig  zu  v(»i*spüren  war. 
Fttr  Jeden,  di*r  die  Entwicklung  der  Cultm-  mit  voi*urtlieil.*^losem  Blick 
U-trachtet,  ist  dies  so  selbstverständlich,  dass  er  sich  vielmehr  wmideit, 
fküs  überhaupt  schon  P^twas  davon  zu  uKTken  ist.  Nur  wer  die 
:fi*tifl(*nbarten  Religionen  nicht  für  Mensclienwerk  hält,  wer  also  an 
Waiuier  glaubt,  kann  von  ihrer  Wirkung  Wunder  verlangen.  Wenn 
zur  Zeit  «I«t  Merowinger  und  Karolinger  das  im  Schoossi^  des  Semiten- 
thoiiLn  gezeitigte  Cliristenthmn  mit  seinen  idealen  Höhen  auf  eimMi 
ätt^serlielM^n  AU^rglauben  re<lucirt  ei-scheint,  so  s<»hen  wir  darin  alM»r- 
uiaN  (*ine  Bestätigung  des  Satzes,  diss  jede  Religion  als  Menschen- 
werk zu  di*m  wird,  wozu  die  > ei-schiedenen  Völker  sie  machen. 
Nicht  das  Christenthum  machte  <lie  ftänki^^che  Zeit,  sondern  die  fränkische 
Zeit  noi-hte  ilas  ('hri>tenthum  kirkirisch. 

Im  jeik'  fernere  Culturentwicklung  zu  M*i>tehen,  ist  festzuhalten 
ii«>lliig,  «lass  dit»si»s  lKU*)KU*isrhe  Frankenzeitalter,  dieses  iKirlNirischf 
(lin^tenthum.  t\\i^>  larlwirisehe  Sittlichkeit  «wler  wenn  man  liebiT  will 
l  nMttlk'likeit,  dies«'  gi-ässliche  l'nwissenheit,  di(»ser  finstere  Aln^rglaulM'iL 

'l  Dkm  niitilo«»«  Mühe  gibt  »irh  Ludwig  Pf^u  in  tfiiica  Frtitm  Studium. 
ZmrtU  AuOftCf.    Hkattfart  1S74.    8'.    8.  2»9-m. 


40  Anfinge  des  Mlttelftltert. 

Alles  dies  zusamiuengenommen  einen  hohen  Cultnrgewinn  bedeuten  im 
Vergleiche  zu  den  Zuständen  der  fiühesten  (ireniianen.  Und  darauf 
kommt  es  an,  denn  das  Abendland  wai*  gennanisch  geworden  in  dem- 
selben Simie,  wie  die  alte  Welt  römisch.  Germanische  Sitten,  germanischer 
I^rauch,  gennanisches  Recht  kamen  auf  in  Gallien,  Britannien,  Hispanien, 
Italien.  IMe  Wissensschütze  der  antiken  Cultur,  sie  gingen  nicht  unter, 
sie  zogen  sich  nur  von  den  durch  die  rohen  Eindringlinge  bai'barisirten 
Ländern  Westeuropa's  zurück  nach  dem  Osten,  nach  Byzanz  und  zu 
dem  alten  Cultm^olk  der  damals  Pehlwi  (oder  Huzvaresch)  redenden 
Perser,  von  welchen  sie  die  -\i-aber  übernaluuen.  Hier  im  Osten  ist 
die  Continiiität  der  altrömischen  Gesittung  zu  suchen,  nicht  im  Westen, 
wo  sie  übrigens  nie  so  tieft»  Wur/el  geschlagen.  Das  nördliche  Gallien, 
Britannien  und  Germanien  waren,  wenige  Puncte  a})gesehcn,  auch  zur 
Kömerzeit  barbaiische  Länder,  hier  war  ohnehin  noch  kein  Boden  für 
die  Fortpflanzung  der  Gesittung  vorhanden.  Im  mittleren  und  südliclien 
(lallien,  in  Ilispanien  und  Italien  musste  aber  die  bestehende  Bildung 
sinken  in  Folge  des  Hinzu! ritts  eim^s  neuen,  wilden  Volkselements. 

Dieser  Process  der  (.'Ulturverwildenmg  war,  wir  wissen  es,  kein 
von  den  germanischen  Stämmen  heabhichtigter;  sie  trachteten  vielmehr 
(he  alte  (Kultur  zu  biwahren,  konnten  jedoch  nicht  anders  als  die 
antiken  Culturinstitutionen  in  ihrem  barbarischen  Simie  auflassen  und 
deuten;  eben  so  wenig  mochten  sie  lassen  von  der  eigenen  alten  Sitte, 
dem  eigenen  Recht.  Die  Verbin(hing  solch'  heterogener  Anschauungen 
musste  von  si;lbst  zu  allgemeiner  Rohheit  der  Zustände  führen;  man 
erwäge  nur  beispielshalber,  was  eintreten  mtisste,  wenn  Dakotah  oder 
Sioux  die  IIen*sclier  ül)er  die  j^ebildeten  Weissen  America's  werden 
könnten  und  ihre  altinilianischen  Begrifte  von  Lel)enssitte ,  Recht, 
Rtiligion  u.  s.  w.  mit  der  (.'idtur  ihrer  Unterthanen  verbinden  wollten. 
L'nd  helbst  au  that sächlichen  Beispielen  der  (Jegenwaii;  lässt  sich  stu- 
diren,  wie  <lic  Behen-schung  eines  gebildeten  Volkes  durch  ein  minder- 
gebildetes  einen  ( 'ultmTückgang  nach  si(^i  zieht;  oder  müssen  wir  nicht 
täglich  (üe  Klage  >eniehmen,  dass  die  Gefilhrdung  des  Deutschthums 
in  den  Ostseeprovinzen  durch  die  Russ(*n,  in  Ungarn  durch  die  Magyaren 
iler  C'ultur  jener  Gebiete  abträglich  sei?  Da  aber  alle  Völker,  so  weit 
sie  geschichtlich  handelnd  auftreten,  einem  inneren  Antriebe  gehorcfaen, 
den  man  passend  als  n  a  t  i  o  n  a  1 1;  n  I  n  s  t  i  n  c  t  bezeichnen  kann,  und 
hieser  nationale  Instinct  den  Völkern  zu  hen-schen  gebietet,  wo  sie 
derrschen  können,  gerade  wie  dem  P^inzelncn  auch,  so  begreifen  wir, 
iLiss  die  gennanischen  Völker  im  ersten  Jahrtausende  uaserer  Zeitr 
lechnung  elx^nso  beflissen  waren  ihre  IleiTschaft  zu  sichern,  wie  heute  • 
in  den  angefübilcn  Fällen  Russen  und  3Ligyaren.  Die  Befestigung  der 
tränkischen  llen'schaft  insbesondere,  als  des  grössten  imd  wichtigslea 
germanischen  Stanuncs,  ist  daher,  obwohl  auf  Kosten  der  antiken  Goltar 
\olIzog<'n,  eine  vollkommen  natürliche  Ei-scheinung.  Denn  natürlich 
werden  wir  mit  Recht  ein  Streben  nennen,  welches  in  ähnli(^en  FlUten 
alle  Völkrr  der  Geschichte  zu  allen  Zeiten  an  den  Tag  legen,  und  wer 
der  natürlichen  Entwicklung  nachs])ürt.  wird  da.ssell>e  auch  als  einen 
natürlichen  Factor  in  seine  Betraclitun^eii  aufzunehmen  haben.     Dum 


Die  Cnltnr  in  Fninlcenrelebe.'  41 

lasso  man  sieh  nicht  durch  den  Umstand  beirren,  dann  dieser  Fai^tor 
manchmal,  wie  hier  z.  B.,  al»  Culturhinderniss  auftritt,  denn  in 
d«T  That,  m  wie  die  Cultur  durch  natttrliche  Factoren  in  ihrer  Ent- 
fieütung  gefordert  wird,  so  stellen  sich  ihr  auch  natttrliche  Hindernisse 
in  den  Weg.  Daraus  entspinnt  sich  dann  eben  der  „Kampf  um*s  Da- 
sein**, den  die  C\iltur  im  Alljremeinen  durchkämpfen  mnss,  wie  jedes 
einzelne  (^dturphänomen  insbesondere,  und  Sieg  oder  Niederlage  wird, 
¥rie  in  der  Natur  Überhaupt,  durch  das  Ueberwiegen  der  einen  oder 
der  amieren  Factorenreihe  entschieden.  .,Die  ganze  Cultur  ist  nicht 
Mm  unserem  Beniisstsein,  sondern  von  der  Natur  gezeugt  und  uils 
zum  Bewusstsein  gebracht.  Was  die  Measchheit  henorbringt  in  allen 
S|>|iftren  ihres  Lebens,  gereicht  ihr  desshalb  weder  zum  Verdienst  noch 
znm  Vorwurfe,  der  Geschichtsprocess  ist  ein  Naturprocess. 
Unter  allen  Organismen  und  Geschöpftm  gemessen  wir  den  Vorzug, 
einen  Thefl  dieses  Geschichtsprocesses  mit  unserem  Bewusstsein  Ijegleiteii 
in  können..  Auf  seinen  Verlauf  hat  je<locli  das  Bewusstsein  keinen 
FjnÜnsA,  es  ist  kein  schöpferisches,  k«in  (h>;an  der  Initiative,  es  l(»itet 
ilieÄ*  !*roces8e  nicht,  c»s  erleidet  sie,  es  ist  ohne  Ffthigkeit  der  FJn- 
mirknng  auf  diese  üeschichtsproces.s<»  sell)st.  Wussten  Aegj-pter,  (Triechen, 
Kdmer  etwas  von  dem  Ziele,  das  wir  erreicht  und  ^^issen  wir  etwas 
von  «lern,  dem  unsere  Nachkommen  zustn»lxMi  wenlen?  Wir  hal)en  und 
kennen  nur  Kn  Strel)en:  zu  leb<Mi  —  das  Wie  hängt  nicht  v(m  uns, 
Mmdem  von  der  Natur  iUt  Dinge  ab.  ') 

War  die  Befestigung  der  fräukisch(»n  Herrscliaft  im  AlKMuUande 
rin  oatargemÜKses  Streben  der  (iemuuien,  so  liegt  auf  der  lland,  dass 
<ie  hieren  sich  diT  ihnen  tauglichst  dünkeudeii  Mittel  iHMÜenten.  Solche 
pllegieii  ilie  Völker,  wie  die  (ieschichte  lehrt,  instinctiv  zu  ergreifen, 
ibher  ^cfa  denn  für  keinen  Satz  zu  allen  Epochen  s(*hlagendere  und 
nnwiderleglichere  Beweist»  finden  als  fdr  die  enige  Wahrheit:  der 
/weck  heiligt  die  Mittel,  lichtiger  der  Erfolg  heiligt  luurh- 
frigiidi  die  Mittel,  und  zwar,  dies  ist  <las  Wichtigste,  nicht  nur  im 
Aofee  des  Siegers.  Das  treffendste  Mittel  ist  das  I^te.  Diesem  Worte 
wohnt  eine  so  furchtbare  Wahrheit  inne,  dass  man  nicht  anstehen  kann 
n  «ricmnen,  wie  alle  Cultureutwicklung  überhaupt  sich 
am  dieses  Eine  Wort  dreht.  Mag  man  damit  alle  (tewalten  der 
flAlle  rntfesselt,  das  Hnligste  erschuttc^rt ,  den  B(Mlen  der  Ethik  und 
Mnrd  unter  den  Füssen  wanken  wfthnen,  dei*  IVweis  fler  Wahrheit 
wird  dafllr  durch  ilie  ganze  Weltgeschichte  angetreten  und  <•«  ladiH 
Verantwortlichkeit  auf  sich,  wei*dit»  grosse  Wahrheit  zu  vei^ 
«ch  nicht  entblö<let.  Ich  lK?tone  di(»s  hier,  weil  wie  ein  si»ÄtenT 
.UMcliiiitt  darlegen  winl,  die  Frankenherrs<'haft  zu  ihrer  Befestigung 
■mIi  Mitteln  grifL  welche  Einige  als  die  venierflichsten  branchnarken. 
thatnAdilich  alier  die  natürlichsten,  wirksamsten,  z^'(H*k(*nt sprechendsten 
«amu  nimlif'h  4Üe  Fortsetzung  des  rönns<*hen  Heich(*s,  die  Ausbmtung 
det  Clirbtenthums  und  die  (hinüt  Schiitt  lialtende  Entwicklung  der 
Gewalt. 


ir«     •'    8.  ai-TD. 


42  -    Auniige  de»  Mittelaltert. 

Dfls  rOmlBch- deutsche  Beich. 

WÄlirciul  aus  dem  merowiiigisdieii  Reiche  sich  die  siwltei-cu  VölkcT 
(l<'i'  Fi*anzoBeii  und  Deutschen  abklflileu,  ^ing  iin  VI.  Jahrhundert  durch 
die  deutschen  Stumme  ein  sprachlidier  Riss,  der  sie  in  zwei  Hälften 
lheilt(*:  die  Scheidung  in  Niederdeutsche  uud  Ilochdeutscho.  Sie  ist 
nichts  anderes  als  der  sprachliche  Ausdruck  für  die  geschichtliche  Tliat- 
sache,  dass  die  liochdeutschen  Stilmme  als  Mitglieder  des  merowingiscli- 
fi*änkischeu  Reiches  in  einen  staatlichen  Verband  mit  ix)niaiiischcu 
Völkei*schaften  und  dadurch  in  dauernde  Cultm*lx^ziehung  zn  einer 
fr(*mden  Natioimlität  traten.  ^)  Von  der  Lähmung  Mherer  Jalirzehute 
lM>treit,  vollendete  das  fi*änkischc  Königthum  unter  I^ppin  und  seineiu 
Sohne  die  schon  unter  der  ersten  Dynastie  begonnene  Gründung  eines 
romanisch-gennanischen  Weltstaates,  indem  es  jeden  Wideiistand  der 
(»in/einen  Stämme  und  Stanmiesfüi*sten  nicdei*\i'arf  und  gallisdi-rOmiädic 
Cultur  nut  deutsi'hem  Wesen  zu  einer  neuen  Einheit  zu  verbinden 
str(?bto.  Die  Schöi)tung  war  ft*eilich  nur  von  kurzem  Restande;  ihre 
Wirkungen  aber  dauern  bis  auf  unsere  Tage  fort,  auch  die  weltbe- 
wegenden Ereignis.se  der  jüngsten  Tage  wei.sen  auf  sie  zurück.  Denn 
je  inniger  die  vei'schiedent^i  Elemente  sich  damals  bereits  dui*chdruugen 
liatten,  d(»>to  si^hwieriger  wuiile  nach  dem  Zerfalle  des  Reidies  die 
gt'gensfMtige  Al>sclieidung  seiner  zwei  Hauptl)estandtheile,  mid  die  Grenz- 
t^ebiete  wm-den  so  der  Gegenstand  einer  Rivalität,  die  der  Politik  beider 
Völker  Jalirhundeile  lang  zur  Richtschnur  dienten,  bis  erst  in  unseren 
Tagen  die  Waage  sich  zu  den  Deutschen  hei-ülxirneigte.  Indem 
lM]>pin  einst  die  Kj'one  auf  sein  Haupt  gesetzt,  hat  er  nicht  eitler 
Ilen*schsiicht  gefröhnt,  s<mdern  im  vollen  Ik^wusstsein  seines  inneren 
lU'rufes  und  der  übernommenen  Ttlii^hten  das  schwere  HcrrBchenuit 
angetreteiL  • ) 

Dass  die  Idvx*  vom  ewig(*n  lk;stande  des  römischen  Reidies  lebhaft 
fortlebte  unter  den  (iennanen,  so  lebhaft,  (btss  die  Annahme  der  Kaiaei^ 
würde  durch  Karl  d.  Gr.  seinen  ZeitgenossiMi  um*  eine  natürliche  Fort* 
Setzung,  keine  Erneuerung  d(^s  alten  Reiches  schien,  ist  meinen  Lesern 
lN>kannt.  Die  (kunals  mit  dem  lömischen  Kaiseilhume  verknüiiften 
IVgiitfe  einf^s  Primates  über  alle  übrigtMi  HeiTscher  und  Völker  niuastcn 
cIm'u  d(*m  fränkischen  Füi*sten  die  Ernnchung  dieses  Zieles  ci'sehnen 
und  als  (*ines  der  tauglichsten  Mittel  zm*  IVfestigung  der  ft-änkischen 
Ileii-schaft  im  AlM>ndlande  ei*sc.heinen  lassi*n.  Die  Annalune  der 
römischen  Kaiscrwürde  entsprach  zu  jencM' Ep(K*he  dem  iustiuctiven 
Nationa]g«^fühle  imd  dem  „Zeitgeiste"  trlHMi  so  s<*lu"  als  mehr  denn  du 
.lahrtausend  später  jene  der  deutschen  Kais<Twürde  durch  den  König 
>on  rreus.s(>n.  Zu  d<'r  einen  wie  der  anderen  Tliat  diüngten  mui 
lockten    die  Zeit  Verhältnisse'.      Niemand    dtu'hte    dai'an,    das   Reich  la 


•)  Willirlni  M5cl»orcr,  fh'e  detitaclw  Sjn-aeheiMheit.  f I^i-eutafficht  JnkrhUcher  xvm 
.lümior  iHTtl.  H.  .'>  uinl:  Vofirayf  und  ÄttfuCttse  zur  Üettchichte  tita  fftfaUp^n  Ltkan  * 
iHutnchlaml  und  Oesterreieh.     8    50.) 

'I  I^  u  d  >v  i  g  O  c  1 8  n  e  r ,  Jahrhüeher  de$  fränkiachtn  Seieh»$,    B»  4S4. 


Dm  rlhnlftfh-deiitMbe  Beicfc.  43 

.  rniruriTi'^,  wie  Niemand  seinerzeit  in  Augnstnlnn  den  letxteu  rOniiHchen 
Kaiser  erWii'kt  Imtte-,  «lie  Idee  von  dem  röminchon  Roicho  ilor  Welt- 
« minima  war  nii'ht  verbKchen,  sie  war  von  denjenigen  anerkannt,  die 
Ml»  m  zerstören  Bcfaienen,  nnd  von  der  Kinjhe  sorgsam  gehQtet  wonieii, 
«unlp  dmt'h  Gesetxcf  nnd  (Gewohnheiten  inV  (Tetlflehtnim  gerufen  nnd 
war  diT  onterworfenen  Bevölkennig  tlieuer,  liie  mit  Fi-eudon  an  die 
rage  mrttckdachte ,  in  denen  wenigstens  I*Vieden  und  Onlnung  die 
Knet-htschaft  milderte.  Den  (Germanen  erfüllte  stets  das  Destrelien, 
*ifh  mit  dem  Swtem,  das  er  überwältigte,  zu  identiticiren.  Zudem 
hatte  in  den  letzten  anderthalb  Jahrhunderten  die  Erhebung  des  IsMLnis 
«l**r  genmmten  (liristenheit  Europa'»  einen  höheren  AufT^chwung  ver- 
lif^iea  Der  falsche  Prophet  hatte  eine  Religion,  ein  Reich  und  ein 
<»hi*rhtupC  der  (tlänbigen  zurflckgela^^sen ;  die  christliche  (remeinschaft 
Uilnrfte  jetzt  mehr  denn  je  eines  kräftigen  Hauptes  und  MitteliMmctes. 
Einen  nolcfaen  Anführer  konnte  sie  nicht  finden  am  Hofe  zu  Hyzaiiz, 
fHr  immer  mehr  entkräftete  und  sich  dem  Westen  entfr(»mdote.  IkMiiiodi 
tH-*4aDdpn  die  Reichte  der  b\Tantinischen  Kaiser  fort,  sie  wari'n  Titular- 
•4»n«<*rine  v<m  Rom  nnd  nmssten  es  bleÜMMi,  so  lange  sie  den  kaiser- 
li<-hi»n  Namen  führten.  Auch  wai*  das  geistige  OlHTliaupt  dor  ('hristenh<nt, 
iWr  Hisrhof  von  Rom,  auf  das  weltliche  angewiesen  und  konnte  das- 
M-Ihe  nicht  entlM»hren.  Aa*sserhalb  dos  ifniiischen  Reiches  konnte  «»s, 
«14*  man  ilamals  glaubte,  keine  römische  und  nothwendigei-^eis«'  au(*h 
kfin«"  kafh<»lisclH>  und  aiK>stolisc}ie  Kirche  g(*lM>n;  denn  die  Mciisclicn 
k(*nnten  nicht  in  der  Wirklichkeit  von  einand(T  trcnniMi,  was  im  (iciste 
uiiaullöslich  war;  das  (liristenthum  unisste  mit  dem  gross4>n  christlichen 
MiMte  stehen  oder  fiillen,  es  waivn  nur  zwei  Namen  für  eine  inul 
ibf^ielbe  Sache.  M  So  fiind  denn  die  Kn^nung  des  Frankenkönigs  Inm 
«Iff  Kirebe  eh(*n  s<i  viel  fkMfall  als  lN*ini  eigen<*n  Volke. 

D^   zweite    wesi»ntliche    Mittel    zur    Befestigung    der   fi*ilnkis<*lieii 

ürTTMiAft    war  die  Ausbreitung    des   Christentlnuns.      N(M-h   lebte    ein 

flr-nfju-hrr  Stamm,  das  ndie.   alNT   mUchtigc*   Sachs(>iivoIk ,    und   hinter 

My-m  die  Slavenwelt,  dem  Heidenthnni  ergelK'ii.     Auf  Hekelinmg  dies<»r 

Vrf>IkiT  richti*te  sich  numnehr  flie  Aufuierksamkeit  der  Franken;  sohrlie 

4l»T  konnte   nur   Waffengewalt    \ ollbringen.     S<*hon   unter  den   Men>- 

riij^m    hatte   stets  erbitterte  Fehde   zwischen   Franken    und    SacliMMi 

e«tiili(  und  oft  rOthete  ihr  Rlut  die  (letilde  am  Rhein.    DauerhafT  nnter- 

>«-lrt   wonlen  ilie  Suchs<»n  alxT  nie.     So  fan<l  Karl,  der  gniss«»  Franke, 

f4r   Mawhe  nur  ein  „S4*hlauer"   und  ..gnmsiinier  EnjlM^n-r"*.    da.^  kühne 

V<4k.  dsfi  er  za  beugen  sii'h  zum  /i«'le  s<*tzte.     Die  (iesehiehte  er/ühlt, 

mit   welf-hein  Heklenmutln*  <üe  Sa4'lisi>n  ihre  riial)häugi|j:keit  \  erkauften, 

%»•    «ift.    wie    lange    der    Frankeidien-scher    ilin»m    Stan-siinie   weich<*n 

ton!t»tf\  wie  \\v\v  Ströme  Hlnti»s    die    stiUitliclie  Vereinigung  der  iM'iden 

•W-tifM-hfn  Hanptstflmme    kostete.     Die  I^>siegung   der  SaehsiMi    eifolgti* 

•  rnifif-li  nur  mit  Hülfe  der  OlNitriten,  eines  slaviM'hen  Vojke^i. 

Ni  «M^hr  nun  die  l'nterjotbung  «ler  SacliM'u  und  »später  der  Sjaxeu 
«^111  fnftakiM'h«'n  lnt4*n*sK'  diente.   S4)  gibt   e.s    dtM-h   keinen  Anlass  zur 

t  9t}  et,  Um9  h€Mg0  r9mi$che  Reich     H.  39—31. 


44  Anfang«  dM  Ifitielaltor«. 

Behauptung,  die  Ausbreitung  des  Christenthums  sei  nur  im  Dienste 
dynastischer  Herrschergelttste  vor  sich  gegangen.  Auf  der  Cultnrstufe 
der  damaligen  Franken  pflegen  die  Völker  von  ihren  angeblichen  reli- 
giösen Wahrheiten  aufs  Tiefte  durchdrungen  zu  sein  und  deren  ge- 
waltsame AuAiöthigung  an  Andersgläubige  für  ein  verdienstvolles  Werk 
zu  halten.  In  nämlicher  W>ise  erwarb  der  Islam  seine  Bekenner  durch 
Hammen  und  Schwert;  auch  das  Araberthum  zog  directen  Nutzen  aus 
der  Unterwerfung  fremder  Völker;  es  wäre  aber  sicher  irrig,  die  Aus- 
breitmigsursadie  des  Islam  in  der  Herrschsucht  der  Araber  ro  suchen. 
Araber  und  (Fristen  verbreiteten  jeder  ihre  Religion  dieser  selbst  willen, 
ohne  Rücksicht  auf  andere  Folgen;  die  Religion  war  in  der  That  ein 
Mittel  zui*  Machtl)efe8tigung,  wurde  aber  als  solches  nicht  mit  Bewusi^sein 
gebraucht  Die  Völkei*  gehorchen  einem  Naturgesetze,  indem  sie  in- 
stinctiv  zu  den  passendsten  Mittobi  greifen. 

VAne  entschiedener  i)olitische  Bedeutung  Itesass  der  Kampf  gegen 
das  slavische  Heidenthum,  ob  seiner  Macht  und  (^Iturstufi^  dn  ge- 
föhrlicher  Gegner.  Hier  gesellte  sich  zwn  i*eligiösen  auch  nudb  der 
ethnische  Unterschied  und  fahrte  zu  Jahrhunderte  langem  Uatigeu, 
wechselreichen  Kampfe,  der  als  eine  der  wichtigsen  Phasen  in  der 
Kntwicklungsgeschichte  des  deutscheu  Volkes  späterhin  £rwfthniing 
linden  soll.  Docli  müssen  wir  zuvor  die  Zustände  im  Norden  nnd 
Osten  unseres  Welttheilcs  kennen  lernen. 


Europa's  Norden  und  Osten. 


Die  AngelMiehsen  in  Britannien. 

Weniger  denn  in  Gallien  hatte  die  römische  Cultur  in  Britannien 
9d  gebsRt;  nadi  Schottland  war  sie  gar  nicht  gedrungen.  Die 
dwn  Siedlungen  beschränkten  sich  auf  wenige  Puncte  des  waki- 
m  Landes,  das  sie  412  n.  Chr.  wieder  verliessen.  Diese  dflrftige 
oberflftchlidie  Gesittung  war  bald  wieder  verwischt  und  nach 
mdening  der  Angeln  das  überwundene  Volk  ebenso  barbarisch 
■eine  Eroberer,  ')  die  allm&hlig  au  den  West-  und  SQdkOsten 
uiiens  erschienen  und  zur  Zeit  Justinian's  auf  der  Insel  Wi^t,  in 
-,  Est-  und  Sussex,  in  Estanglia,  Mercia  und  Northumberland  sk^ 
rfienen.  Dem  tieifer  noch  als  die  Franken  stehenden  Sachsen- 
ne  angehörend,  brachten  die  Angeln  sicher  kein  neues  Culturelement 
doch  ist  es  h(>chst  unwahrscheinlich,  dass  sie  die  alten  keltischen 
haer  voUstilndig  ausgerottet.  ^)  Dass  keltisches  Blut  in  den  Adern 
leotigen  Engl&nder  rollt,  bezeugt  Qbrigens  selbst  ihre  Sprache.') 


•)MAeA«Uy,  G4§4h4€kt4  Emfimmds,    Leipsig   and  PMt  18M.    8«     I.  Tbl.    0.  f. 

l«xl«7  ltofii«t,  troU  d«r  Mhlreiek«a  laUiaiMhen  WOrtor  im  W&lMkM,  dM« 

•Is«  wlrkliek«   RomanUlniag   in   BriUnnien   «tAttfefoBdea.     8i«be:   Uaxl«y, 

mhmtU§f  •/  Britein,    (Jourm.  of  lA«  AAiwIoy.     So«.   Loadon,  1870.    8.  88S— 3S«), 

Ivxlty,  r«Wr  4U  Hkmogmfki%ekM  Ahkun/t  dtr  B998ik€mng  Gr^MthrUanmUn»  mmT 

I.     fÄmtImmd  1870.     No.  8.    8.  128—118);  ferner:  Iluxlejr,   O«   fm€  ^04  poim§ 

M  JUwIt^jr.     (CpmUmpofrg  M0H0W  1871)  and  in  mIbmi  aeora  BvelM:  CriH^4g 

MrMMi.    Loadoa  1873.    8*     8.   187—180.)     0r5Mer«a    SiafloM  &m   RSsartk««« 

•  AageleaekMa   behauptet  Tboma«    Wrigbt,    Tkt  Amn««   0/  oiksr  4m f.     A 

•f  4*m^€Hi€  tmmmm4r9  mmd  atnUmsmi  im  Ett/fUiHd  from  th0  §arU€ti  kmotßm  p^rML  <• 

I  Mmm.     lx>adoB  1871.     8      8.  \—9%.    Hiebe  ferner:  Di€ Be^Uktrttmg  49r  (HMMkm 

fAmaim4  1878.     No.  S6.    8.  498—499.) 
>  Saab  d«fli  Urtbelle  alaee  eo  gewiefftea  Keaaars  wie   Hr.   Heari  Oaido«  ia 

ai«ba:  M09m4  CtMfmt,    I.  Vol.    B,  178—175. 
^  Di*  allgeflieiaa  Aa^ait ,   daee  die   beatigea   Baglbader  die   NaebkooBBaa   dar 
••Ua,   iet  dareb  die  aeaarea  Arbeliaa  tob  Tboa^  Ifiebolaa  oad  L.  O 
rk  araakatten.   (8iaka:  Tbom.  NUbolas,  Tk4,  ft4t§n* •/ tk4  St^Utlk  p—pt^  \ 
t,  k4§frleml  mm4  tUmUße,  •»  Eitgiith  KÜmUogpt  9h&i0img  thg  Froprmtt  •/  r«M 
im  Mriimim  frmm  fA«  tmrHitt  I^mm,   trItA  ^»ptetmi  r^ftrm^f   tm  ths  imemty- 
mf  0m  mmu  mhmrip^mg;    Loadoa.    Daaa   L.  O.  Pike,    7b#   JAi^ab  ««d   thtir 
tm  mmtk^mtU  EmpH§k  httfrp    Loadoa  1868.    8* 


4(^  B>r^-i  H«i«M 

Licht  wird  es  aber  in  der  Gfisdnoht«  der  liritiüclieii  Inseln  er«)  mit 
der  F.inftihmng  des  CbristenÜmnu. 

Die  Zeit,  wiuin  die  Angelsachsen  nadt  FJiiilniid  kamen,  isl  lüi-ht 
genau  zu  ennittdn.  Wie  ihre  Spra  e  beweist,'!  waren  wo  ein  ivin 
((emianiscbes,  noch  sehr  rohes,  aberi  Uabiai-Iii:')i  Volk,  wekbfs  keine 
anderen  Bande  :  j  ;  der  Familie,  des  hlnxt^  kfiniit«'.  Hei  dicker 
S^bfirfe  der  Fan  de       nd       die  Kiiid<.T   iinlir   der   alüniluii'n 

(iewalt  des  Va     8,0      fi       i       i  iptea,  iji^isfii  Wohnsitz  t^in  iiam 

war,  welches  V  m  i  in  Tieiei'ei  tisdvii  l'rtAiiauitiii  vnritominl.  ') 
l>a  die  c  dnrau-o  iMtnnrrmiseliMi  Fiirmcn 

liatten,       er      e        nan  nachdeii  UiwIilechtenianiFin.  iilrhi 

nach  jenem  ow  Ii    vidui  Oeechierlii   ilo«  /ieo'tn   wanii  ififl 

Beorming,  a  ^oi  rt  ,  ormmvaAam  uUs  heuiiitP  Rirmini^hiUii), 
also  eiKentlicn  1        dero-  ans  (li-m  (li-whlwlitr  Am 

Itconn.  Bemenc'  e  i  i  wie  m  <  ssen  Ti  (lljcn  Zeil«ti  Aie  Moniwiipn 
xirli  ndt  die.         sie       r<         i,  xa  idi-ntiticircn  suclitcn. 

Ün    ■  .,       ~  I  e  Art  aoh  lichaudf  zu  versteb«i. 

Wetlrächt  sei  eine  Meorm  von  uebftaden;  hmii'n  i^r  inÖKli''h('rwrJ*F 
Hn  kleines   i  Den   ham   umgab  stet^^    i'in    Ij-dwall   mit   (dnen 

(iraben;  Hanerwertt  gab  ea  nidit;  der  AngdMi>'hsc  hautt'  nur  mit  tbtb. 
wesBbalb  iddi  keine  Spar  von  den  damaliiti'ii  lUiiTfii  [tIiiiUcii  bat. 
Innerhalb  des  ndt  einer  Hec^e  oder  einer  H'ilit'  lifM/tTDE-f  PoIlinAdt-a 
\eradienen  Erdwilles  gab  es  einen  H(Awmj  hikI  hiir  itIhliI»  Kich  da* 
Ham,  bestdiend  ans  einem  Oeblbide  heal,  [ii<  WwWc.  >si>  die  Faniilif 
wohnte  nnd  th^weise  am!  en  oder  anfBinkui  iM,'  \mM  /ubraditr. 
rtann  seitwfirta,  nnd  nrer  fOr  die  Fram n  lirMiniTin.   mi»  kUnen. 

oft  isolirt  erbauten  Zi        n,  <       s    annt,  rinr  n/iiiiiutin^, 
nadi  der  Ntnmunenin        i  a  zMscIk-ii  Wuilv   cliinnber  wirli. 

Diesen  Charakter  s  i    irend  iIlt  gaiuten  angeUiLcli>ii)u'Vii 

I'eriode  beibehalten  zu  nai  l  :  der  Zi-it  ward  \k'\  liri'itcrci'  \a>' 
s))T«che  ans  dem  alten  eme  hnnw.  ^■^  Aminivalent  Tür 

(las    deutsche   Heim.      Aennncn  aus   drnj    i-nmi midien    |»^)Ha>i1tTlni 

Wege,  dem  itratum,  das  angelsa        :lie  atrurl   \\w\   ilaraiiK   «Un  niV 
englische  street,  Strasse,  geworden,  ans  dem  aiiueKli^liKiHi-lien  Fun,  <ler  I 
Ilexeidiiiiing  für  grossere  oder  mehrere  Hains,  iliis  ininiitflHtcbci  towi  k 
(Stadt)  md  die  Kndung  tott,  die  in  'fielen  <>iiKniimrn  vorkoitimt,  nk  \ 
Wmbm,  Stitton,  I^ngton  o.  a.  m.     AnflUi^rli  liaiitfn  dlt-  AttftelwcWn 


I  Zwtig  in  MI*il>rd>iiU 
liiitliahtn  und  AllfrKau 
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IM«  Ang«lMteb««n  In  Britannien.  4t 

ibit>  Hains  mit  Vorliebe  auf  Anhöben,  spftter,  wabrncheinlich  in  Folge 
Kevttlicben  Einflosseft,  in  anmnthige  Tbalgründe. 

Sitten  und  (rewobnheiten  der  Bewohner  waren  in  England,  wie 
Uat  aUerwftrts  in  Koropa,  ein  Gemisch  der  ursprünglichen  und  der  bei 
ilon  nnterjochten  Römern  angetroffenen  (rebräuche,  die  je  nachdem  das 
Tebergewicht  erlangten.  Ueber  die  eigenthamlichen  Sitten  der  Angel- 
sarhiten  aber  gewfthrt  höchstens  das  Beowulfs- Lied  einigen  Aufschluss. 
In  einer  gnwseit,  Inftig  hohen  und  zinnengekrönten  Trinkhalle,  zu  der 
Stnfmi  hinangefbhrt  hiaiben  mögen,  an  deren  hölzernen  Wänden  gold- 
diirchwirkte  oder  hwtorisdie  Ereignisse  darstellende  Ta|)eten  hingen  und 
iliTen  Dach  reiche  Schnitzereien  zierten,  mit  Bänken  rings  umher,  ver- 
nammelte  der  Führer  seine  Getreuen  zu  festlichem  Gelage,  wo  Ale  und 
Metb  xon  der  Königin  kredenzt  wurden.  Die  Zeit  brachte  die  (resell- 
schaft  mit  Anhören  der  Bardengesänge  und  dem  Erzählen  eigener 
Ili^denthaten  zu.  Ging  es  hoch  her,  so  ward  Wein  getrunken  bis  es 
Srfaialeaszeit;  dann  belegten  die  Männer  Bänke  und  Boden  mit  Kissen 
■im!  Betten,  legten  zu  Hänpten  ihre  Waffen  niefler  und  ill>erliessen  sich 
der  Nachtruhe. 

Die  in  angels&clLslschen  Gräbeni  reichlich  (enthaltenen  häuslichen 
RinrichtungDgcgenstände  bieten  einen  interessanten  Beleg  für  die  damals 
loch  voUrlebende  Racenmischung  in  England.  Aus  dorn  Beowulfliede  erfali- 
rra  wir  von  der  Kleidung  der  Angelsachsen ;  dass  sie  Hinge,  Armbänder 
nnd  Schmuclc  zu  tragen  pflegten,  worauf  sie  stok  waren,  und  dass  sie 
Werth  auf  Trinkgeftme  legten.  Solche  sind  alle  aus  Glas  und  so 
{(phaut,  dasR  sie  nicht  aufrecht  stehen  konnten,  also  auf  Einen  Zug 
fSfiftrt  werden  mussten.  Dass  diese  GefiUse  si)ecifiscli  germanischen, 
nk-lit  röraiftdien  Ursprungs  sind,  erge!)en  zahlreiche  Vergleichungs.stOcke 
am  Continente.  Dagegen  weist  die  Töpferei  der  späteren  angel- 
strlwiiichm  Periode  eine  Mischung  der  Formen  auf,  die  sich  theils  von 
Art  amprünglich  sächsischen,  theils  von  Copien  römischer  Muster  ab- 
leiten lai«en.  Auch  findet  man  in  den  Grälnrn  häufig  rein  römische 
Töpinrwaaren  neben  dem  irdenen  (teschirre  der  Angelsacltsen ;  und 
nmerc  Forschungen  haben  die  Identität  des  Typus  l»ei  den  IietztiTen 
QfMl  Im-i  gcTmanischen  Funden  festgostellt 

Sehr  liäufige  Fundobjecte  der  ältesten  PericMle  sind  Metallsdiüsseln. 
nrwit  aus  Knpfin*  oder  Bronze,  oft  dick  vergoldet  und  von  eleganter 
Furm.  die  vieHeicht  den  Römern  entlehnt  ist.  Sie  dienten  zu  TafH- 
rm^rkvit  Bei  männlichen  Skeleten  trifft  man  gewöhnlich  KüIk»1,  die 
wnhl  mm  Transport  von  Bier  «Kier  Meth  dienten;  sie  waren  aus  Holz, 
jr<ificfa  mit  feingearlieiteten  lnx)nzen<»n  Reifen  und  HandhalM^n  versehen, 
*|y*  natflrlich  allein  der  Zerstörung  widerstanden,  .\exte  und  MessiM* 
idirlM-n  anfangs  «ehr  jenen  der  (termanen,  s]>äter  nahmen  sie  eine  sehr 
\r»fvrhie«b»ne  Form  an.    Alles  dies  l)ezieht  sich  auf  ilie  vorchristliche  Zeit. 

IHe  meiste  .lusschmückung  ven^andten  die  .\ngelsjvrhsen  natürlich 
3«f  di«»  Halle,  ilie  nur  «»hr  selten  ans  Stein  gebaut  war.  Wn  ärmeren 
lernten  waren  Zahl  und  Grösse  der  um  die  Halle  liegenden  Bur  oder 
Schlafidiiuiier  geringer  und  bei  noi*h  Aermeren  gab  es  überhaupt  nur 
I-Iinen    Wohnraiim,    den    der   ErdwaD    gegen   indiscrete   Eindringlinge 


4d  aaraf>'*  HoiAu  nal  (Mm. 

Mbotite;  im  ttbrigea  berracUe  die  G^idogcnbeU,  (Be  Th&raa  oAn  a 
lassen.  BetÜer  saminelten  aidi  gtruift  am  WaOeiiiguse  and  .mitaten 
snf  AinwMwn  NoT  sclUn  hrrunnmi  die  Bnnii/'^|fcjM*fn  äik  nreitfli  StoA* 
wkI^  za  dem  6iii6  Stiege  hinsnffiüirte;  im  nJiflwtwjipnn  wtnn  ric  dn« 
erdig.  Die  sehr  flache  Bedadiong  bestand  ans  Ziegebi  TencUadcoar 
Fenn,  offtobar.deo  rOmiacben  nachgeahmt  Obwohl  ea  nUht  MiMbt, 
dass  die  AngdMrfuwn  die  römische  änwdae  nachgeahmt  hitten,  10  kt 
(bdi  nicht  anageaddoBsen,  dan  sie  mancJimal  veriaäiQne  rOmiaclie  W,pha- 
hftnser  bengen.  Ihre  eigenen  Holibantan  gingen  adir  miaeü.  vmA 
meist  durdi  Feuer  zn  Gruade;  da  der  Boden  aber  nodi  kenea  Vevtt 
hatU,  an  Baorn  audi  kein  Mangel  war,  h>  wurde  riel  EMdMr  tlß 
neues  Hans  anf  einem  nenen  Fledi  erbant,  ab  die  FanduBaBta  im 
aften  unter  dem  Schntte  wieder  bloagelegt. 

Die  Halle,  in  die  vir  Mets  zarückkehi'iii  niQsaeu,  war  audt  die 
UanptsUUte  der  GacAlichkeit  IHe  AngelsacWu  luden  gi^rtie  UAste  xn 
Tische,  und  allein  n  qteisen  galt  stets  lür  uiischk'klicb,  ja  die  NeiguBg 
dazu  tnldete  dnen  Maicfcel  im  Cbaraktpr  d(«  M;umcs.  Wtnu  nfltiiig. 
ward  Fener  am  Eatridi  angezBndet  nnd  zweifelsohne  gnli  es  im  Dacbp 
eine  OcAumg  fttr  den  Abzug  des  fii.uc^ea.  Als  Feueniii^^NUuttTiiil 
benfttzte  man  Hol«,  ja  vennuthlich  kannten  Augcbncbscu  und  H(>mtT 
schon  die  btennbaxe  MineraDctdde.  In  allgeineincnii  (^brauclut  stamlfii 
die  Feuerzangen  (tangatt).  IMe  Einriililuiig  der  llulli'  war  Obnaw 
ein&ch;  an  den  WAnden  hingea  an  NB(^>'lii  und  Hakeu  die  (rüste  ihre 
Waffen,  die  Barden  ihre  Harfen  au£  Tegipiche  und  Ki 
stAndigten'  die  Ansatattung.  Vielleidit  witj*  «cho»  ikinuls  «las  eine  I^da 
der  Halle,  wo  aidi  der  Platz  des  Hau^lieiTii  befand,  etwaji  erholiw 
der  Tisdi  dagegen  wurde  u  jeder  Halil/eit  erst  herlH-igcbraelit,  a$ 
Scbiagen  aui^eschlagen  und  nääi  voUeinleteiu  Mable  wieder  eutfend. 
Es  detüe  um  stets  ein  kostbares  Tischtiuli,  Die  Angi'tnaebsi-n  natnaff 
drei  Mahlzeiten  tfiglidi  ein,  das  FrOhaliU'l:  um  ^  l'br  Mot^teus, 
aCttagmahl  mn  drei  Ubr  nnd  daa  Abendinalü.  dL'^cii  Stunde  scliwankU; 
doch  war  Letzteres  anfiüiglidi  ftberhaupt  nicht  ilhlich.  Der  Tisch  «V 
fOr  Jeden,  auch  fOr  Fronde  gededct,  wi'k'liu  uhue  nettere  EinlaAmg 
um  Mahle  thölnahmea  M&nno-  und  Fiaueii  Kasten  daltei  kuulerbuit 
unter  einander.  Der  Tisch  war  mit  allerlei  (rerätlien,  SchUsseln 
genommen,  ziemlidi  noch  besetzt;  die  Nahrung  sfUnt  i'lnrach  gi 
mehr  dnrdi  die  Masse  als  die  Abwechnliuig  uixl  gostniuoRÜscho  Fd»- 
heit  des  Odntenen  sieb  auszeichnend  llikiiplltcsbuidtlieile  deu 
bildeten  Brod,  Milch,  Butter  und  K&ae.  I>i-j'  Tilel  der  Ilmwfrau 
hlaf-dige,  nAmlidi  Brodanatheilerin,  diu  Ilii'uer  lieKcicbncto  man  ^ 
Brodesau*.  Brod,  in  Form  müder  Kucbii  wie  auf  lieii  WaiuK)  ~**'~ 
zu  Pomp^,  ward  in  groesea  Mengen  i.'<'iu».hi-ii  unil  diu  I>i'ii 
für  Batterbemmchen  reicht  bis  auf  die  Ari^ilsacliKon  xurttelE.  Aach 
(iemOsen  vrareii  sie  nicht  abbcdd.  Böhm  ii  werden  enviüiiil,  doch 
uiab  ErbseiL  Fische  und  UeflOget  galten  t'iir  huhc  Leckcrbiäsf'n.  Sptdf 
gewannen  sie  von  den  uizftbligen  Schwrinelieerdeii  ihrer  KldienwAUet. 
tleisch  wurdp  meist  eingeaalzen,  und  dies  eikliU't  auc4i,  warum  n 
tknn  später  fiut  immer  nur  gesotten  wuii).     Diex  geH-bah,  Indem  low 


\ 


Die  AngeUaehMn  in  Britaiuiian«  49 

ein  G^^ss  fpan)  auf  einem  Dreifoss  über  das  Fenor  stellte,  und  zwar 
sl4>ts  ausserhalb  des  Hauses.  Walirscheinlidi  liaben  sie  in  der  Koeli- 
kuiLst  viel  von  den  Römern  gelernt;  sie  kannten  jedenMs  auch  gebratenes 
und  gebackenes  Fleisch,  wenn  auch  dieses  weniger  häufig  vorkam.  Drei 
Professionen  waren  zur  Herstellung  des  Mittagstisches  erforderlich: 
7uerst  der  Kinsalzer,  ohne  den  keine  Butter  zu  haben  gewesen  wäre, 
dt>nn  man  bediente  sich  imnuT  gesalzener  Butter;  der  Bäcker  und  der 
Kijch,  dessen  Kunst  indessen  eben  nidit  weit  her  gewesen  zu  sein  scheint. 

Die  Nahrung  ftUirten  die  Angelsaclisen  mit  den  Fingern  zum 
Munde,  wodurch  sich  auch  die  Sitte  des  Händewaschens  vor  und  nach 
lmA\  erklärt,  (rabeln  waren  gänzlich  unl)ekannt^)  und  selbst  der 
(ieliraudi  der  Messer  erscheint  noch  nicht  üblich;  gleichwohl  kannte 
man  Messer  sehr  gut;  die  angelsächsischen  Messer  hatten  die  eigen- 
th&mlicbe  Form  von  Kasii*mes8em  und  ihre  stählernen  Klingen  waren 
r»ft4»rs  mit  Hninze  eingelegt. 

Wenn  die  Tafel  aufgehol)en  und  der  Tisch  entfernt  war,  begann 
das  Trinken,  wie  es  ^heint,  seit  den  ältesten  Zeiten  die  liebste  Nacli- 
mittagsbeschäftigung  bei  Laien  und  bei  (leistlichen.  Die  Diener,  weldie 
mit  dem  I^dx^truiüie  aufwarteten,  brachten  eine  Serviette  mit,  weldie 
«iie  (ift^te  über  ihre  Kniee  breiteten.  Grossen  Werth  legte  man  auf 
kfNfthare  TrinkgefiL«tse  aus  I*>lelnietall;  silberne  Beclier  und  Vasen  werden 
häutiii^  erwähnt  und  auch  gerne  unter  Freunden  als  Andenken  oder  zu 
vonstigen  Geschenken  verehrt.  Sehr  beliebt  war  das  Trinkhorn, 
üH  ¥om  Boflel  genommen. 

Die  Lieblingsgetränke  der  Angelsaclisen  sind  Ale  (Bier)  und  Meth, 
k-tzterer  aus  den  ungeheuren  Mengen  von  einlieimischem  Honig  bereitet 
Da»  Bier  von  Wales  genoss  besonderen  Ruf.  Wein,  zwar  hier  und  da 
betrunken,  blieb  aber  stets  ein  kostbarer  Artikel,  den  sich  daher  nur 
lieidie  vergönnen  konnten.  Die  Kaufleute  brachten  ans  fernen  Landen 
Wein  and  Gel,  doch  scheinen  die  Angelsachsen  durchxdie  Römer  mit 
dem  Weine  vertraut  worden  zu  sein,  welche  Um  auf  den  britischen 
Inseln  zogen.  Dem  Weintrinken  huldigte  besonders  der  Clems;  die 
Mehrzahl  der  in  jenen  Zeiten  in  England  bestehenden  Weingärten 
m^iörten  den  Klöstern  und  selten  war  ein  solches  ohne  diesen.  Im 
Qliniren  war  der  Weingenuss  nioiuals  allgemein,  dafür  aber  trank  man 
im  LVbennasse  dort,  wo  Wein  kredenzt  wurde.  Yerschic<iene  Ursachen 
wirkten  dahin,  den  Weinliau  in  England  aufzugellen,  hauptsächlich  wohl 
die  Wahrnehmung,  dass  die  Qualität  erheblich  sdilechter  als  jene  der 
li»tlAndisM?ben  Rebe  sei;  in  der  That  war  der  englisclie  Wein  kaum 
trinkliar,  es  wurden  (Uüier  bald  fn^mde  Weine  eingefülirt,  die  im 
XIIL  Jahrfiiind(*rte  in  Menge  mul  zu  büligon  Pi*eisen  in  Engkind  überall 
m  hatten  waren. 'i 


*>  t*»bw  di«  tpite  Vtrbreiiung  der  schon  den  Aiwyrern  bokannten  (»iehe  ob«ni 
I     IM.  f>.  ?C0)  («Ab«lo  in  Nordearopa  tieke  Ausland  1870.     8.  382. 

•i  t*«b«r  die  WeinprfiH«  jentr  Zeit  »iahe  James  £.  Thorold,  Ä  higtor^  of 
A^Hrmltmr^  amd  rHet§  im  Bt^lnnd.  Oxford  186«.  H\  1  Bd.  8.  Ö19-W1.  Man  irank 
•r»««  •v4frafti4«iscli«a  Weim. 

▼    HellwAld,  CultorgMehiekte.    2  Anfl.     II.  4 


in)  Ruropa^B  Norden  nnd  Osten. 

Roim  Trinken  l)C()baclitotou  die  Aiigelsaclwen  gewisse  festliche 
(i(»l»rftiiclie;  wurde  Bier  oder  Wein  ziini  erstenmal  servirt,  so  stiesson 
die  Trinker  mit  einander  an,  sich  gegeaseitig  l)ep;lückwQnscliend;  <larauf 
küsste  man  sich.  Den  Trunk  wnnste  man  durcli  allerk'i  VergnOgangen, 
gah  (lescliichten  zum  Bitten,  sang  nationale  [Jeder  und  jeder  Gast 
nuisste  es  sicli  gefallen  lassen,  d(ui  Minstrel  zu  spielen.  Nel)en  der 
Harte,  dem  Xationalinstmmente,  ei-schollen  auch  «lie  Klänge  <ler  Hedel 
inier  (^ither,  die  Töne  von  Ilorn  und  Pfeift».  Vom  Tanze  wissen  wir 
nur,  da.Hs  er  sich  in  sehr  heftigen  Bewogungen  erging.  Ohwohl  (resang 
und  Harfenspiel  sich  allgemeiner  Beliebtheit  erfivuten,  genoss  doch  der 
professionsmiLssige  Minstrel  keine  allzu  hohe  Achtung-,  er  diente  zur 
Ji<'lustigung  und  fand  desshalb  allerdings  UlH'i'all  Zutritt,  ohne  dass  man 
sich  viel  um  ihn  l)ekünunerte.  Ausser  in  Musik  und  Tanz  war  der 
Minstn»l  noch  in  allerhand  Künsten  «xler  Kunstfertigkeiten  l>ewan<iert, 
die  ihn  mit  dem  fmn/ösischen  .longieur  auf  gleiche  Stufe  stellten;  die 
:ingelsiU*hsischeu  Reichen  und  (irossen  liebten  es,  solche  lieute  im)  sieb 
zu  s<»hen,  die  unter  an<ierem  Messt^r  und  Kugeln  warfen,  wie  es  heute 
niH'h  umhendehcnclc  Clowns  zu  thun  i)tiegen.  Manche  «ler  von  ihnen 
aufgefuhilen  Posst'U  und  (ielHTden  waren  so  zotenhaft,  wie  sie  nur  einem 
niedrigen  Civilisationsstiulium  entsprechen.  Indess  war  dies  nicht  die 
»'inzige  Tafelunt(»rhaltung;  vielmehr  ffUlte  sie  lun*  die  Pausen  aus;  Ronst 
lachte,  schwatzte  man,  löste  Käths(^]  auf,  stritt  und  zankte  sich,  wa«  oft 
mit  Moni  imd  Todtschlag  endete.  l)<M'h  war  nicht  alle  Tage  Festtag 
und  so  wird  es  wohl  für  die  langen  Winteraliende  noc*li  anderen  Ztit- 
\  ertreib  gegelH'u  halMMi.  Die  Damen  scheinen  sic-h  schon  mich  Ende 
i\vr  Taft»l  zurückgezogen  zu  halMMi. 

Wenden  wir  uns  nunmehr  der  inneivii  Häuslichkeit  der  Angel- 
sachstMi  zu.  Heiche  imd  Wohlhal)ende  U'sassen  natürlich  nehfct  der 
Halle  nM»hnM*e  Wohnzinmier,  wo  sie  ihre  Privatgesclulfte  verricht4»ten 
mler  Besuche  emptingi'n;  hier  und  da  Hessen  sie  sich  auch  das  Mittags- 
mahl auf  dem  /immer  serviren.  Wie  die  sonstigen  Vergnügungen  hier 
U^sc^hafTtMi  wanMi,  ist  uugewiss;  iiiiin  sjuicht  von  (ilücksspiel  und  Mlwt 
\i»m  Hllen  Schach.  Dii»  Kinrichtung  der  Stul>en  ^'ai*  zienüich  dOrftig; 
Bihike  iinil  luVhstens  i^in  Khivnstuhl  für  dcMi  (last  dienten  dem  Sitx- 
lM»tlüifnisst\  S>lche  Stühle  hatten  ^'hv  vei*schiedene,  meist  einfadie,  liier 
und  da  sogar  phantastische  Formen  und  waren  mit  Kissen  versehen. 
In  d(Mi  KraiK»ngi»mücluTn  tnif  mau  aus.si»nleni  iwH'h  «len  Schemel.  Herr 
und  Frau  sa.*«s(>n  oft  U(*lien  eiimuder  auf  d<>msi»llMMi  Stuhle.  Der  Tisch 
in  «leu  StiilHMi  wich  völlig  von  dem  in  der  Halle  gebi-änchlichen  oh. 
und  war  gewöhnlich  ruml.  wit»  tM*  sich  bis  in  die  (iegenwart  in  den 
engli<<iien  l*arhmiN  erhalten  hat;  (t  ruhti*  auf  drei  «»der  vier  Füssen, 
ijelegentlich  auch  nur  auf  Kinem  l^üne;  in  letztenMU  Falle  (h*ehte  sifh 
dii"  Tischplatte  wulil  in  einem  St*harnii'r.  in  eiMeivm  Hessen  sich  die 
Fi^<*'  enlfemeu;  allem  .Vn<<*ln'ini'  nach  schob  nuin  ihn  M  Si»ite.  wenn 
man  ihn  nicht  U^nöthigte  und  achtete  (Liniiif.  <Liv^  er  möglichst  wenig 
Platz  einnehme. 

Wie  wunlcn  die  ZimnivM*  ei*\*ännt':'  Wir  wL>siMi  es  nicht;  für  Be- 
Icuchtunur   «»nrteu  Ker/cn.   d.  h.    nichts   anderes   al'<  lun  einen  Docirt 


•i 

1>i«  AngelMehMn  In  BriUnnien.  Ol 

gewickehe  Fettmaasen,  die  man  auf  einen  Stock  steckte;  bis  sehr  spät 
kannte  man  nftmlkh  die  Einrichtung  des  die  Kerze  um&ssenden 
lipochters  nicht,  sondern  sinesste  diese  auf.  Die  Kerzen  selbst  bestan- 
ilen  ans  Wachs  oder  Talg;  die  Kerzenstöcke  aus  verschiedenem  Material, 
aas  Kein  oder  Metall,  oft  versilbeil  und  sonst  verziert.  Den  Gebraudi 
«kr  Ijunpe  erlernten  die  Angelsaclisen  von  den  Römern. 

Das  Bett  bestand  meist  nur  aus  einem  mit  Stroh  gefällten  Sadce, 
den  man  auf  eine  Dank  legte.  Diese  <)i)eration  nahm  man  allabendlich 
vor  und  tagsüber  barg  man  den  Strohsack  in  einer  Tnihe;  in  gewöhn- 
Krfaen  Hftnsem  stand  die  Bettbank  in  einem  abgelegenen  Zimmerwinkel; 
«■iptene  Bettstellen  waren  sehr  selten  und  höchstens  liei  I^euten  von 
Hange  anzutreffen.  Doch  liesass  man  schon  Kopfkissen,  freilich  mit 
Stroh  ausgestopft,  dagegen  war  die  Bedeckung  äxinlich  genug;  bis  ins 
iü^tjUe  Mittelalter,  ja  in  Deutschland  noch  zur  Zeit  der  Reformation 
pflegte  man  allgemein  ganz  nackt  zu  schlafen.  Doch  werden  ein  paar- 
mal Ziegen-  uiul  Bärenfelle  als  BettdiHikeii  erwähnt. 

Die  Schlafstube  diente  zugleich  als  Empfiuigszimmer,  denn  im 
Mittelalter  verljand  man  mit  dem  Sithlafgemach  nicht  die  Idee  der 
Zurackgeiogenheit  wie  gegenwärtig.  In  diesem  Ziimner  wuchsen  die 
Kinder  unter  der  Obhut  der  Mutter  auf.  Die  Unsitte  des  Wickeins 
der  Kinder,  heute  noch  an  vielen  Orten  Kiu-opa's  gebräuclilich,  reicht 
bis  auf  jene  Zeit  hiiuiuf.  (icwickelt  lagen  die  Kinder  in  der  Wiege, 
die  mitunter  v(m  eleganter  Form  und  reich  verziert  war. ')  Wann  das 
Kind  aus  den  Windeln  U'fiTit  wiu-de,  ist  ungewLss;  nachher  liess  man 
i'H  gewöhnlich  bis  zu  einem  gewissen  Alter  nackt  umherlaufen.  Aus 
der  Kindlidt  trat  der  KiialK«  in  die  cntthad,  welche  meist  vom  achten 
bis  zur  Mannbarkeit  dauerte, 
angelsächsischen  Weil)er  waren  aufinerksame  Hausfrauen,  lieb- 
reiriie  Elw|{efiÜirtinnen  und  Trösterinnen  ilu*cs  Gatten  und  der  Familie, 
rdel  und  tugendhaft.  Das  Haus  war  der  enge  Kreis  ihrer  stillen 
Wirkaamkeit  und  keine  ]iäu.<»]iche  Arln^it  däuchte  ihnen  je  entehrend; 
»ie  spannen  und  woben,  nähten  und  stickten,  und  ihre  Stickerei  war 
«eitiiin  herOhmt  am  ganzen  (outinent.  Daliei  hielten  sie  sich  nicht  in 
«dM*«er  Zurückg(*Z4igenheit,  sondern  sahen  Freunde  beiderlei  Creschlechts, 
md   Imassen   liei   aller  Kinfachbeit   docii  eine  ausgebreitete  Kenntniss 

literatnr. 

Vor  Kinftlhmng  des  (1irist(Mithums  war  die  P'he  eine  reine  Civil- 
eigpntlidi   ein  Handel   zwischen   dem  Vater  des  Mädchens  und 

Freier:  und  zum  Vollzuge  gehörten  nur  wenige  Förmlichkeiten,  von 
«im  FeMliebkeiten  und  Vergnngungen  abgesehen.  Nach  geschlossener 
Vhf'  verkehrten  Unde  Theile  auf  dein  Fuwe  der  (rh*ichheit  mit  einander 


'»  l»i«  i\%m%M9  jener  Kpoehe  wri-««!!  aber  anf  eine  eigenthUmliche  NachÜMigkeit 
4^  aa^«Mkdi«i«cke«  MQtter  hin:  «ie  ••txen  nimlich  Strafen  ein  für  die  Un%'ori»ielitif- 
ii#««.  ««aiil  4i«4«  ikre  Kiodar  leicht  verbrennen  Iie-«<icn;  demnach  scheint  die  Wiege 
4«r|i  mrnt  —\Umt  AnweMang  gefunden  su  haben;  vielmehr  legten  die  MtttUr  h&aAg  die 
WirkelhuiAer  anf  dl«  KrJe  neben  dj«  Feuer,  um  «ie  warm  lu  halten,  ^obei  dann  leieht 
•  f%  t  Kglilch  gr«rhah. 

4» 


02  Europa's  Norden  and  Osten. 

und  die  Bunde  waren  so  lose  K<?'**^-^»*i'*>''t,  daas  mau  sich  leicht  wieder 
trc^niitc.  Solclujii  Anscliauuugcn  war  natüi'lich  der  höhere  römische 
Clenis  enU^egon,  inid  das  Zußammenlehen  der  Oeschlechter  ohne  den 
So^vii  «lor  Kirche  sah  er  mit  schoclen  Augen  an;  die  Naclikommen8c1iaft 
s<)lch(T  Verhindungen  verloren  sogar  die  llechte  der  Legitimität.  Die 
niedere  (ioistlichkeit  aber,  die  ja  aas  den  bekehrten  Angelsachsen  sell»t 
sich  recnitiile,  hatte  für  diew»  Anffassung  keinen  Sinn  und  l)egrüf  giu* 
nicht,  wai'um  man  von  ihr  das  Cöükat  verlange.  Mit  Einem  Worte, 
was  man  in  Rom  für  unmor<disch  luelt,  war  es  ganz  m)d  gar  nicht  in 
den  Augen  der  Angelsachsen.  Deutlich  lehrt  dies,  wie  vorsichtig  man 
mit  leichtfertiger  Beschuldigung  von  UnsitUichkeit  des  CleruR  sein  müsse. 

Mne  Schattenseite  des  angelsjuiisisclien  Cliarakters  bildete  die 
harte  l^eliandlung  der  Sclaven  und  Diener;  diese  schmachteten  in 
absohiter  Knechtschaft,  konnten  gekauft  und  verkauft  werden  und  waren 
jc.'den  Schutzes  gegen  (Wo  WillkUr  iln*er  lleiren  l)ar,  die  sie  nach  Be- 
lieben tollten  konnten.*)  Diese  (Transamkeiten  contrastiren  seltsam  mit 
der  sonstigen  Milde  der  ang(?lsilchsischen  (iesetzgebung.  Die  Todesstrafe 
^ar  ihrem  (leiste  ganz  zuwider-,  man  vollzog  sie,  wenn  nöthig,  mittelst 
Hängen.  Man  besass  Fuss-  und  llandfi^seln,  und  ähnliche  Werkzeuge; 
an  der  Sti-asse,  zu  Eingang  der  Stililte,  befand  sich  gewöhnheh  das 
iicfangniss,  wo  die  ^'erbrecher  in  Ketten  lagen.  Allgemein  trachtete 
man  aber  <lie  Körperstrafen  durch  (ieldbusseu  zu  ersetzen.*) 

Die  'roilett(»geheimniss(»  der  Angc^lsachsen  sind  noch  nicht  erforscht ; 
wir  wissen  nur,  dass  sie  sich  tleissig  wuschen  und  bailetiiiu  Den.  Ge- 
brauch  wanner  BiUler  erhielten  si(»  von  den  Bömorn,  doch  galt  er  für 
verweichlichtMid.  In  Frauengrilbern  fand  man  Haiirzängelchen,  ein 
Beweis,  diss  die  Danu'n  schon  damals  dem  IIaai*sclunucke  ein  beson- 
deres Augemnerk  zuwaiulteu;  ja,  es  scheint,  dass  sie  sogar  die  Kunst 
des  Hjiai*fjlrbens  übten.  Die  jungen  (rocken  mögen  aber  auch  dort  die 
rutzsuclit  der  DanuMi  noch  übertroffcMi  habeiL  Diese  erfreuten  sich 
iiebstdem  au  IMumen  und  (iartenziei-,  hatten  selbst  ein  Auge  für  die 
landschaftlichen  Sclu'inheiten  der  Natur  und  übten  eine  ausgeddintc 
Wohlthätigkeit. 

Auf  niwlrigen  (idturstufen  liaben  die  ^lenschen  Wel  unbeschäftigte 
Zeit,  die  sie  mit  Vergnügungen  aller  Art  zubringen.  DesswQgcn  nehmen 
in  solchem  Falle  die  ötfentlichen  Spiele  eine  so  hohe  Stelle  ein,  wie 
die  Geschiclito  des  alten  (xrieirben Volkes  lehrt.  Auch  die  Angclsadison 
gaben    sich   gerne   allerhand    l'nterbaltungcn    hin,    woininter  jene   de«    \ 


')  Di«'  Hci-piolc  sind  nicht  -clt«*n,  wo  Sclaven  oder  Diener  auf  Befehl  ihrer  nerrn 
iiiid  Ilerrinnfn  zu  Tode  gepeitscht  wurden.  Weibliche  t^clftvcn  behnndeUc  man  beMinder« 
grnii->am;  di>r  Ici-'e-'te  Anlti"-*  {genügte,  um  r^ie  mit  Fofi^eln  und  Hiindt^chollcn  bu  beladen, 
•  in  allen  erdenklich'»n  T.irturen  zu  unterwerfen;  ja  die  angcl^*äch!«i!4chcIl  Damen  Jielb*t 
z<'i;:l«'n  in  der  llAudhahnn^  der  Iluthe  und  Peit-^che  au'*!»erordentlIchc  Gc^'andtheit. 

')  I-N  kostete  da-«  Ah->ehn('idcn  eincA  Ohros  xwülf  HchUlinge  ,  einer  M*M  aeve 
Schillinge,  ein  Augo  fiinf/ig  Schillinge,  ein  Daumen  swanxig,  ein  DaumonnogeL  drei  oad 
ein  gew.ihnlicher  Fingernagel  eiuen  Hchilling. 


Die  AngelMobten  in  BriUnnlen.  53 

Aiiijilntheaf(»rs  olwii  aii>iohon.  Dir  altrömisolion  Stftdto  Vonilamimn 
W\  St.  AllKiiis)  ond  rrii-oiiium  (bt*i  Wn)xetor)  hatten  Theater  von 
ziimlidier  Ausdehiuing  und  j(Hie  grössere  i-rtmisclie  Nie<l<ThiKj>ung  war 
mit  einein  soU-hen  ausprestattet.  Da  nun  ei'wiesenerniassen  die  meisten 
römischen  Städte»  auch  nacJi  der  angelsächsischen  f^inwandening  fort- 
lM*standen,  so  blieben  zweifi»lsohne  auch  die  Amphitheater  wenigstens 
eine  Zeit  lang  ihnT  Ik'stimmung  erhalten,  wc'nn  auch  an  Stelle  der 
rTimischen  (rladiatorenkftnipfe  andere  Si)iele  und  Schaustellungen  traten. 
Interessant  ist  zu  wissen,  dass  der  jetzt  lux-h  in  England  so  jwpnlärc 
Taii/biir  damals  schon  zur  Belustigung  dienen  nuisste.  Allmfihlig 
I»ra4*hten  indi'sa  die  nationalen  Sitten  eine  VernachiiUsignng  <h»r  römi- 
!*chen  Amphitheater  mit  sich:  je^les  IKuf  hatte  seine  Arena,  seinen 
Spielplatz,  einen  meist  durch  den  Volksglauben  geheiligten  Ort  in  der 
Nahe  einer  (Quelle,  wo  sich  am  Feiertage  l)eide  (leschlechter  einfanden. 
Diese  Versammlungen  sind  der  l'rsprung  der  heutigen 
D  o  r  f  k  i  r  c  h  m  e  s  s  e  n.  Wan<lernde  MinstiH'ls  Hessen  sich  hören ,  die 
iKirQugend  übte  sich  im  I^iufen,  Si>ringen  und  Hingen,  Kaufleute  kamen 
herliei  ihre  Waaren  feilzubieten,  imd  unmerklich  entwickelte  sich  aus 
die^n  ursprünglichen  Veiignttgungen  das  Markt  wesen,  welches  grosse 
mirthscliaftlicbe  Dedeutung  erlangte. 

Kin  Haupt  vergnügen  war  <lie  Jagd,*i  Ix^ünstigt  duiv^h  die  weiten, 
wiMreichen  Forste  des  Lindes.  Ihr  hig  sell)st  der  ClenLs  nnt  nur 
«sihwer  zu  unterdrückender  !ieid<»nschaft  ob,  abennals  ein  Heisjuel,  da*is 
di^'ser,  wi«*  kaum  anders  denkltar,  hu  (tuten  wie  im  Ilös<>n,  die  all- 
gemeinen Neigungen  des  Volk<s  theilt,  seine  Kaster  fliher  fast  ÜlK*raIl 
auch  imtionak^  sind.  Die  angelsächsische  Jugend  war  stolz  auf  ihi-e 
<M*wandtlieit  im  Keiten,  gleichwohl  waren  Pferde  nii^bt  allgemein  und 
nun  l{i'i>en  l>edienten  sich  ihrer  nur  Vornehme  und  Reiche.  Ihuium 
ritt«*n  immer  «»itwürts  ^ie  in  der  ( legen wai-t.  Zaun-  und  Sattelzei^ 
|4l#tCte  der  Schuhmacher  herzustellen,  der  üN'rhaupt  alle  (iattung  Le<!er- 
arheiten  besorgte.  Man  kannte  Pferflegeschirre,  Zügf»l  und  Halfter. 
un«l  iMMiütztt'  Steigbügel  mul  SjK>ni.  Kranke  wunlen  auch  in  Kamm 
«■li-r  Wagen  trans|M)rtirt,  di(>  aber  nichts  anderes  als  <iie  gemeinen 
.\«k«'rkam*n  g«»wes<»n  zu  s<.»in  S('h(*inen;  auflere  Fuhi*werke  sind  ein<* 
V»TU'^ennig  d<T  n)mi.schen  zweirüdengrn  Jiif/a.  Kiue  \Vag<Muleichs<'l 
t*t  auf  d<'n  Z(*ichnungen  jener  Zeit  nicht  ersichtlich,  ihigf^en  schwang 
ntan  dir  IVMtx'he.  Vereinzelt  kamen  vieiTiUhrige  Wagen  vor,  immerhin 
aU-r    war  das  Keis«>n  zu  Wagen  «nne  Seltenheit.     Meistens  reiste  man 


■r  Vi"  Jftfd  wurde  iiowohl  mit  lluinii'n  al»  mit  Fnlkru  lietrirhrn;  «(«hr  brlifbl 
mftr'r.  Tmbjaf{i1#ii,  wnb^i  da»  Wild  in  (*ino  bfritiiumtc  Uiebtung  fcctrifben  wurdr.  her 
ll^nd'ftirbt  uaodto  man  grnimr  Morgfalt  zu;  joder  Kilolinanii  odor  Ont^be^itcer  hirlt 
•S#«»K«!b  rin«!ii  oig^nra  liniidrinfl^trr;  dir  Thmr«',  unter  dnirn  picb  die  \\'iiid«piHr  der 
W*<>*drrrA  Vorliebe  erfreuten  und  dir  mao  A<irh  au-  Wales  lir/.(»(;,  kopprlto  mnn  gcrno 
s-i««.  i'd  rwri  fa#ammen;  da»  Wild  Arlb"t  «bor  rrlcf2to  man  dann  mit  Hprcr  (idrr  l'feil 
•3u4  Htf^n.  iH|#r  Ahk  e«  endlieh  im  Notco.  Jafrdthicre  warrn  llirscho,  Krbe,  Danihirteb«*, 
KWr  ««4  aiitonter  mnrk  Hauen.  Mit  Kleicbnni  Kifer  trieb  man  die  Falkenjafd  and  Falken 
«cr4ra  nickt  aeltcn  aH  w«rthToUe  Ueichrnkc  erwihnt. 


o4  Europa^»  Norden  und  Osten. 

zn  Fiiss.  DalHji  tnig  man  stets  einen  Speer  als  Waffe J)  Kei^cnile 
trugen  stets  eine  Kopfbedeckung,  die  alleiilings  mitunter  die  abvondei- 
lichstc  Fonn  hatte;  auch  ein  Mantel  fehlte  nicht;  Regenschirme  aber 
kannte  man  noch  nicht.  Das  Reisen  wai-d  natürlich  sehr  ersdiwcrt 
durch  den  Mangel  an  (^asthäuseni,  doch  gab  es  an  den  HochstiusHeii 
im  sächsischen  England,  den  orientalischen  Karavanserais  fthiilichc 
Gebäude,  die  sich  bis  in  die  Nonnannenzeit  hinein  erhielten;  wahr- 
scheinlich benutzte  man  hiei*zii  vonsngsweise  Reste  römische  Bauwerke. 
Den  Mangel  an  Gasthöfen  wog  indessen  die  ausgedehnte  Gastfreund- 
hchaft  anf,  welche  weltliche  und  geistliche  Satzungen  Jedermann  zur 
Pflicht  machten.  Einem  IMester  Obdach  zu  verweigern,  zog  eine 
geistliche  RUge  nach  sich.  Die  ei*ste  laicht  der  Gastfreundschaft  erheisclitc 
dem  Fremden  Hände  und  Füsse  zu  waschen,  daim  ihm  EHrisefaungeu 
zu  bieten;  zwei  Nächte  hinter  einander  duifte  er  verweilen,  ohne  über 
sein  Kommen  und  Gehen,  seine  Herkunft  und  Absichten  gefragt  jni 
werden;  Qber  diese  Frist  hinaiu«  nmsste  er  Red(?  und  Antwort  »tcbcn: 
der  I*riester  durfte  diese  Wohlthat  aUT  nin-  für  Eine  Nadit  iu  An- 
spinich  nehmen;  längeres  Vei*weileii  galt  füi*  eine  Vernachlftstdgiuig 
seiner  Pflichten.  Tavernen,  nämlich  NViithshäiwer  niinlriger  Sorte,  gfti) 
es  aller^'ärts  in  England  und  bnichte  das  Volk  einen  guten  Theil  seiner 
Zeit  darin  zu.  Selbst  Geistliche  Hessen  sich  zu  dei-eu  Besuch  verlockeii 
Kaufleute  reisten  allemal  in  grössei^r  Geselb^^liaft,  kleine  Kara- 
wanen bildend,  fuhilen  Zelte  mit  und  sclilngen  an  l»eliebigen  Orten  ihr 
Nachtlager  auf;  allein  zu  reisen  war  gefährlich  und  zugleich  verdftcfat%. 
Man  konnte  dann  leicht  ttir  einen  Dieb  g(^halten  werden.  Diclwlilil 
und  Betnig  hen-schten  nämlich  so  s(.'lu*  In'i  den  Angelsachsen  und 
lU'sitzstreitigkeiten  waren  so  an  der  Tagesonlnung,  dass  jeder  Kauf 
oder  Verkauf,  wenn  ohne  Zeugen  vollzogen,  dem  Gescftze  nach  ungflltig 
war.  Am  Eingange  der  Ortschaften  mussten  die  Wiuiix'n  einen  Zcdl 
entrichten  und  standen  Waagen  bereit,  nicht  um  die  Waaren,  sondeni 
um  das  Geld  zu  wägen.  Das  heutige  in  England  noch  übliche  „Pfood!^ 
erinnert  daran,  dass  das  tJeld  einst  gewog<*n  wurde. 

Das  heidiilsi'he  Schweden.^) 

IHe  Si'li weilische  Eitle  ist  reich  an  Alterthümeni.  welche  drei 
pesontlerte  Gnipi>en  bilden,  deren  je<le  von  einer  l)esonderen  Caltiur 
zeugt.  Dici«^  CultuiiK^riinlen  haben  nicht  nelHMieinand(T  existirt,  sondern 
einander  abgelöst.  Wo  in  Sohwetlen  zwei  ('ultun>erioden  der  VcHnoeit 
hieb  WrUhren.   fehlt    ihnen  jiMler   innere  Zusimmenliang.   und   (hmn 


')  Kill  cigmthümliclies  Cic^cti  König  Alfred-«  bcxioht  .»ii'h  auf  dir-M«s  Bpe«rtrafM, 
luUrm  es  benimmt:  wnin  Jcinaiid  seinen  (^pcrr  übnr  der  Schulter  trlgt  und  e«  tfiaart 
?u-h  Jrniftud  (Uran,  to  ir<t  tibcr  den  Speerträger  eine  «chwerr  btrafo  lu  TcrhlBgea,  wcaa 
•ÜA  Speer»pitie  drei  Fingrr  höher  i*tAnd  als  da»  untere  Seliafteiida.  Dagegen  traf  ikl 
Wrinc  Strafe,  wenn  er  den  Speer  horiiontal  auf  der  Schulter  getrap<*n  hatte. 

')  Nach  I>r.  Hans  Hildebrand.  iVn  heidnitcht  Zeitatttr  4h  Sehtrtittm-  Mht 
^ichiiohtffiteh'hirton'iche  Stmiif.    l'rber$et:t  rvn  J    Mestorf.     Hamburg.    Otto  XelaaMT« 


Um  heidaisehe  Bohwedcn.  5o 

kajtn  r»  nicht  ein  Volk  ffcwesen  sein,  welches  sieh  zu  vei*schi<Hlenen 
Kulturstufen  emiNn'gearlN.Mtet  liat.  Wir  untei'scfaeiden  sonaeli  nicht  nui* 
«Im  i'nltnrgiiippen  nmi  drei  Cu]tin^)eriixlen,  sondern  auch  drei  Cultur- 
%öJkc*r. 

Vhc  noch  unsere  Thiei*welt  iln^n  heutigen  Chai*akter  voUstündig 
auKemmunen  hatte,  war  schon  der  Norden  von  Menschen  hewohnt. 
lHi*M*  kannten  keine  Metalle,  sondern  bedienten  sich  aus  Stein,  Knochen 
uivl  liok  angefertigter  Werkzeuge  und  Waffen,  doch  wai*en  die  Bil- 
«longsacthftäiide  damals  niclit  so  i*oh,  wie  es  anftnglich  sdiien.  Im  Vei- 
vknt'he  zur  Steincultm*  Westeurojia's,  liesonders  Franki'eichs,  ist  die 
%riilig  entwickelte  Steinciütnr^  im  Norden  ungleich  reicher  an  Formen. 
Auch  machen  sicli  in  dieser  vei*schie<lene  Stadien  bemerkbar.  So  gab 
fH  eine  Zeit  hing  nur  ein  einziges  Hausthier,  den  Hund,  später  aber 
auch  Herde,  Rindvieli,  Scliaf«^  luid  Schweine;  folglich  kann  fortan  nicht 
■lefar  von  einem  Steinaltervolke  die*  Rede  sein,  welches  allein  mitteht 
Jiigd  und  Msdifiuig  seinen  l'nteiiialt  suchte.  Man  hatte  sogar  einen 
n-ich  eutwii'kelten  Viehbestand  und  gewiss  auch  feste  Wohnungen. 

Die  (irflber  dieser  Ciütnr|)eno(ie,  aus  grossen  Steinplatten  oder 
stHiiblöcken  errichtet,  liegen  oftmals  in  (tnipiten  beisammen,  gewöhnlich 
in  besDoders  fruchtbaren  iiegenden.  Wahi^scheinlich  war  auch  in 
Schweileii,  wie  z.  B.  in  der  Schweiz,  der  Ackerlwu  den  Steinalter- 
Mpn^-hen  nicht  unbekannt.  Den  Todteii  setzte  man  im  Gi-ab  an  die 
Wand,  in  hockender  Stellung,  das  (iesicht  mit  den  Händen  bedeckend. 
N<4)m  ihn  legt^  man  Scluuuck,  Waffen,  (reräthe,  h*dene  (iescliirre,  dann 
fc'k'ilpn  die  Nachbleil)enden  an  dem  <h*alN'  di*s  (f(^'Jiiedenen  ein 
(ieiMUiilnisKinahl. 

/wMchen  den  (■ulturp<*rioden  des  Steines  umi  der  Bronze  beisteht 
in  Sdiweden  kein  m'gaiüscher  Zusauunenhang;  soiuich  ^nr  es  eine  neue 
frinvEndernng,  ein  neues  Volk,  welches  sich  zum  Herrscher  aufwnrf 
mud  «leine  l^oltnr  geltend  imu'iite.  Wir  unterscheiden  jedoch  in  die^jer 
l)njiiatf>ailtur  füiere  und  jt\ngere  Formen,  allerdings  so  nah  verwandt^ 
•Inm  man  nachweisen  kann,  wie  diese  aus  jenen  entstanden  sein 
taa^>«en,  aUein  <lie  Zwischeufonnen,  welche  diesen  l- ebergang  vei- 
AOM^baolicIien,  weiilen  eigentlich  nicht  in  Sc^hweden,  wohl  aber  am 
«mUkrlMfn  liestaile  der  Ostsee  gefunden.  Fs  sclicint  demnach  während 
ilfT  Brufizezeit  dne  neue  Einwanderung  eines  verwandten  Stammes 
«uttieelandeii  zu  halien,  weh^ie  mit  den  lieiTits  ansässigen  Verwandten 
im  l^mle  iniscli  vers<*hmokL 

f'^  war  natürlich,  dass  die  neuen  FjnwanderiT  sich  gi^rade  in 
«If-n  IHrt  rieten  niederliesscMi,  wo  sich  die  llau]>twohnsitze  der  älteren 
l'jnwiAner  idt*r  Stt^inzeit)  Ix^fandtMi,  und  leidet  keinen  Zweifel,  dass  die 
lA'utie  iiicli  oftmals  genöthigt  sahen.  Anleilie  Wi  dvr  älteren  Cultur 
/«  nMchen. 

Die  Fiuftlhnnig  der  Metalle  iM'wirkte  nai'h  verschiedener  Kichtuug 
mamiierlci  FortM*luntte.  K««  ist  nicht  wahrsi'heinlicli,  dass  die  HepnU 
w-ntaalen  ik*r  neuen  Cidtur  in  irgend  (*iner  Hinsicht  hint<T  denen  der 
ait#T«n  Kttrftckgeblkfben  seien.  Glttcklidic  Fntdeckungen  haben  uns 
f-inea  Einblick  in  dk?  häuslii^eu  Verliältnisse  dii*ses  Culturlebens  goOifoet 


5<)  Earopft's  Korden  und  Oaten. 

Man  trag  Kleider  ans  Wollstoff  und  z^-ar  von  vci'??chiedenoni  Sdmitt. 
Man  war  nicht  nur  Meister  in  der  Kunst,  alles,  was  zum  Ijebon  ge- 
hörte, sell)st  aimifertigen,  sondern  verwandte  viel  Mühe  und  Fleiss  auf 
reiehe  Ausschmückung,  selbst  von  Knegs-  und  IlandwerksgerÄthen,  die, 
gleich  wie  die  Fonii  der  Geräthe,  nicht  geringe  Eleganz  und  guten 
(leschmack  verrftth.  Aber  dieser  Vorzüge  ungeachtet,  trägt  die  ganze 
C'ultur  der  Bronzezeit  den  Cliarakter  der  Beschränktlieit  und  befisind 
sich  im  Norden  sicher  nicht  mi  vollen  Besitz  der  edelsten  Vorzüge  der 
Zivilisation.  Und  so  blieb  es,  bis  wieder  eine  neue  Zeit  aufging,  mit 
ihr  eine  neue  Cultur,  die  sicli  nicht  aus  der  früheren  erklären  Iflsst, 
nur  hier  und  dort  geringfügige  Dinge  v(m  ihr  entlehnt  hat.  Das 
Kisenalter  in  Europa  gehört  verschiedenen  Nationalitäten  an;  wir  kennen 
ein  classisches,  ein  keltisches,  ein  germanisches.  Dass  das  nordische 
Eisenalter  gennanisch  war,  erkennen  wir  aber  daran,  dass  zwischen  den 
ältesten  Producten  dieser  ('ulturi>oriode  und  solchen  germanischen  Ur- 
sprunges grosse  l'ebereinstimminig  hon'scht.  Ferner  lassen  sich  im 
Eisenalter  in  Schweden,  Norwegen  und  Dänemark  zwei  Cidturen  unter- 
scheiden, die  scliarf  gesondert  einander  gegenül>er  stehen,  die  eine 
jünger,  die  andere  älter,  und,  da  jcnle  Cultur  das  Besitzthum  eines 
Volkes  sein  nniss,  müssen  auch  zwei  v(*rschiedene  Stänmie  hier  gewohnt 
hal)en;  endlich  l)esass  <lie  Insi»!  Ootland  eine  eigene  Cultur  mit  typischer 
Entwicklung  und  folglich  auch  eine  etwas  andere  Bevölkenmg. 

Unter  allen  V()lkernamen  8chwe<lens  ragen  zwei  besonders  hen'or: 
die  Svea  und  die  Oötar.  Nach  neueren  Untersuchungen  scheint  eine 
Zusammenstellung  des  älteren  Eiseualtei-s  mit  den  Götar  und  des 
jüngeren  Eisenaltei*s  mit  den  Svear  berechtigt.  Letzteres  folgt  Üem 
ersteren  und  löst  es  ab,  so  dass  Ihmui  ei'sten  Aufdännneni  der  Geschichte 
die  gemianische  Eisencultur  im  Norden  der  gennanischen  Mittelalter- 
cultui"  im  Süden  durchaus  selbständig  g(»genüber  steht.  Es  ist  also 
eine  zweifache  Einwanderung  anzunehmen:  eine  südliche,  sOdgermaniscbe, 
dänische,  gotische,  (h'e  sich  (iber  das  ganze  voi-geschiclitliche  Norwegen 
ausbreitete,  gleich  wie  tlas  nämliche  Element  ganz  Dänemark  und  den 
grössten  Theil  von  Schweden  iinieg(»habt,  und  eine  nördlichere. 

Die  germanischen  Niederlassungen  der  Götar  im  Norden  lassen 
sii»h  mit  einiger  Sicherheit  nicht  weiter  als  ])is  um  (■hristi  Geburt  ver- 
folgen, mögen  jedoch  immerhin  etwas  älter  sein.  Die  um  jene  Zeit 
beginnende  ältere  Eisencultur  zeichnet  sich  <lmvh  eine  ausnclunende 
Eleganz  und  di^  Auftreten  römischer  D<»nare  aus  den  drei  enrten 
Jahrhunderten  (Titus- Alexander -Sevei'us)  aus.  ])ariuich  trat  die  con- 
stantinische  Periode  ein.  Könn'sche  Kaisennünzen  kamen  bis  nach 
Schweden  hinauf,  oftmals  als  Si^hnmck.  Es  war  unläug})ar  eine  Blfltho- 
zcit  äns<^eren  Wohlstandes.  Aber  schon  damals  drohte  dem  Götenreidi 
oder  (h'n  kh'inen  gr)tisch(Mi  Staaten  (icfahr.  Während  die  Miliar 
land*!chaften  reich  an  (iold  aus  dem  älteren  Eisenalter  sind,  bieten  sio 
nichts  von  den»  Styl,  welcher  sich,  durch  den  (ieschmack  und  die 
Muster  der  constantiniscli(»n  Zeit  bci^intiusst,  allmählig  entwiHcelte. 
D(»nnmcb  muss  gerade  während  dieser  Entwicklung  in  Svealand  «ne 
Störung    eingetreten    sein,    imlem    das    gotische    Element    von   dneu 


Dm  1i«Miii«^e  Sek  «reden.  57 

nmlcTOii,  dem  schwedischen,  verdrÄngt  wnrde,  wonach  die  Götar  sidi 
auf  da8  I^and,  welches  noch  Jetzt  nach  ihnen  genannt  wird,  beschränkt 
sahen:  auf  das  I.And  südlich  der  Grenzwälder  (sunnanskogs).  In 
iMnemark  war  die  gotische  Macht  schon  längst  Ton  der  dänischen 
verdrängt  worden  und  untergegangen.  Die  Geschichte  weiss  von  diesem 
gotischen  »ment  in  Svealand  gar  nichts. 

In  Götaland  schreitet  die  Entwicklung  ungestört  vorwäi*ts.  Das 
Krbtheil  aus  der  constantinischen  Periode  wird  mit  Umsicht  verwaltet, 
aus  den  alten  Fonnen  gehen  neue  hervor,  Dinge,  deren  einheimischer 
Ursprung  zweifelhaft,  machen  anderen,  durchaus  charakteristischen  und 
keinenfaOs  vom  Auslande  importirten  Platz.  Darunter  zeichnen  sich 
besonders  die  sogenannten  Gold-Bracteaten  aus,  ursprünglich  Nach- 
hildungcn  constantinischer  Kaisermünzen,  welche  durch  immer  grössere 
WiQkür  in  der  Darstellung  zuletzt  ganz  neue  T>T)en  hervorriefen. 

Die  schwedisdien  Götar  sclicinen  relativ  weniger  von  dem  Verkehre 
mit  den  Römern  und  deren  Nachbarn  berülut  worden  zu  seia  Der 
Münzhandel  ging  eigentlich  nach  Gotland;  an  anderen  römischen  Fabri- 
katen ist  Dänemark  viel  reicher.  Ausser  Oeland  kann  sich  keine 
sdiwedisohf*  Ihrovinz  in  dieser  Ik'ziehung  mit  Dänemark  messen.  Von 
ungleich  höherer  I^deutung  waren  die  Couununicationen  wä}u*eud  der 
amstantiuischen  PericKle,  für  welche  jeiioch  alle  literarischen  Nach- 
richten fehlen. 

Nach  Valentinian  I.  und  Valens  (t  37U)  ward  dem  Vei'kehr 
iwiHclien  Skandinavien  und  dem  römischen  lieiche  durch  die  Hunnen 
plötzlich  eine  Schranke  gesetzt.  Nach  dem  Untergänge  der  Himnenmacht 
beftann  der  Verkehr  mit  dem  Norden  auüs  neue.  Er  muss  ein  ziemlich 
diTMter  gewesen  sein,  imd  ohne  Unterbrechung  fortgedauert  haben, 
aacfa  iHt  wahrscheinlich,  dass  der  Handelsweg  von  dem  byzantinisdien 
Reirke  ausging.  Als  die  (ioldmünzen,  Solidt  aus  dem  IV.  und  V.  Jahi^ 
kudert  iHonorias-Romulus  Augustulus-Arcadius-Anastasins)  nach  dem 
Xcrden  kamen,  war  die  Bildung  dort  indessen  bedeutend  fortgeschritten. 
Die  schwedischen  (tötenstämme  hinttTliessen  auch  in  einigen  ziemlich 
karzen  Kunenschrilten  eine  Probe  ihrer  Spnu*he  und  Schriftzeichen. 
Ueber  den  (liarakter  der  Si)rache  di<»ser  Inschriften,  sind  die  Meinungen 
fBKkeilt.    Historische  Nachrichten  geben  die  kurzen  Kuneninschriften  nk^ht. 

Da  Svealand  den  Osten  des  mitth»ren  Schweilens  liegreift  imd  dki 
Svf-ar  in  mancher  I^eziehung  von  den  (tötar  verwbieden  waren,  sind 
w  wohl  kaum  vom  Westen  oder  Süden  her  in  ihre  Wohnsitze  (»inge- 
wandert.  Auch  vom  Norden,  wo  l>al»l  un^irthliare  (regenden  sich 
airwlrhnfn,  werden  si(>  s<'hwerlicli  gekommen  sein,  wahrscheinlich  also 
Ton  (Kten.  Schon  früh  hatten  die  Svear  sich  von  ihn»n  gmiianischen 
SummvenK'andtcn  getrennt.  In  ihren  weit  entleg<Mien  Wohnsitzen 
bfielien  sie  fhM  von  dem  mächtigen  Einflüsse  einer  höheren  CHütur,  mit 
weWHT  j<»ne  in  I^*rühnmg  kamen.  Im  ganzen  Svealande  kann  nur 
Hne  I  ^anilu'liaft  aN  erste  NiiHliTlas^iiing  d«T  einwandernden  Svear  in 
IVpiraM*ht  kimunen,  nämlich  Uppland,  wo  die  heiligsten  Stätten  der 
niit  einand«T  venK.*hmolzenen  Ctötar  und  Svear  lagen. 


58  Bu^a'f  lIoMu  mi  Ottait. 

Die  abr^eii  Tbdic  Sveateodfi  bnunm  oamher  eüie  nidit  inbe- 
deutende  CaUw  vBliroiid  des  lUcren  EiBetMhen,  doch  ftUea  dni  die 
\-olIiK  augeUldfiten  iKH^iBdiea  Braotuten  ntid  die  (ÜeM  ketfcMewlni 
SchnuckgesauUnide.  Man  kann  dannacta  «gen,  dua  diew  Gritar- 
periode  in  Bvmlud  nngeflOir  tun  400  n.  Uir.  ihr  Ende  gsAmden,  i.  h. ' 
ilam  die  Kvnr  tdch  sdioii  dmntk  ni  Hcntn  Ober  das  GeUet  ■■imhat  Abb 
KolnHnd,  der  Arbogaan,  der  Dalelf  oder  dem  Oedmord  angeworfen  Ii^ob. 

Der  nordgennanische  VtAsatanm  drang  Us  nach  Norw^ei,  IMIi 
vielläGht  dnrch  BotatuUn,  theüs  vicBeidit  Aber  den  Edawall  &8h|B 
ferner  nadi  Dftnemark  hinüber  nnd  brütete  ridi  vtm  den  bsite  Itr 
Jutland  ans.  Wann  di«  geschah,  lisst  mcli-nidit  bertfauni,  4oA 
durfte  mit  Sidierfaeit  die«  Volk  erst  nach  Nwwegen  and  1 
gckonunen  sein,  als  es  in  Schweden  bereits  sdne  Hcrnduft  I 
nah.  Hieraus  etUitrt  rieh  ancb,  wesebalb  in  Norwegen  )  nnd  MiumA 
dOK  ftKcrc  Kienalter  später  von  dem  jflngeren  verdrAngt  morde,  als  fai 
S«i)weden  gesdieben  war.  Oewiss  ist»  düs  dieser  Stamm  solrtik  IlMr 
ganz  Danemark,  d.  h.  bis  an  die  Hder  herrsdite,  tiber  g 
und  Xorw^en  Iris  in  jene  B^onen,  wo  die  finnlsdie  nnd  1 
BcrOlkemng  ndt  ihren  Henthlerheerden  nniherxag. 

Die  Gesdiiclite  meldet  nidits  von  dieser  Zeit  der  inneren  1 
wo  sich  nene  ZustSnde  bildeten  nnd  befestigten.  Wohl  i 
/rit,  wo  die  nordisdien  Völker  den  Ueberedinss  an  Kraft  i 
richteten.  »  war  nm  das  Jahr  8U0,  als  die  WiklngftlirteB' ke> 
mannen.  In  dtm  WestUadem  wm<den  jedoch  Schweden  wenigtr  flBMktB 
ab  Dtaen  und  Norweger.  Die  Schweden  waren  darauf  angmleMi^  Um 
8chaa]datz  Ihrer  Thitigkeit  nadi  dem  (Men  zn  vetiegen. 

Dodi  fbhhe  ihnen  nicht  alle  BerOhnmg  mit  dön  WeHea.  Bi 
Cur^-ejer  H5nch  Ansgar  kam  nach  Norden,  um  dio  VertreftivAli 
tVistenthnms  ni  befSnleni,  nra  die  Zeit,  als  dem  Klflmko'nu'i  llur.ihl 
ISvarte  in  Norwegen  ein  Sufan  gebra-«)  wmde,  der  d<  n  Ninun  Uai^l 
emiiling  nnd  dam  ersehen  war,  olle  ün  Westen  der  Kjiili n  uvitnftiii 
t^tftmme  anta-  seiner  Herrschaft  m  vereinigen,  was  in  Sebwnlcii  lllii)(M 
genehmen  w.  Die  deotscbe  HisiicHi  hintertiess  aber  keim'  imcIitiultiKni 
Spnren  im  Voftsbewnsrtsein.  Schweden  war  nodi  iiithl  bi-i-cil,  der 
ühristhclien  Coftur  seine  Thore  zn  fltbien.  Wir  wend^Ji  iitiscn'  lUiirlw 
mittlerwdle  gen  Ostoi.  Kaum  hatten  die  JQnger  HnhiiDiiiic^i"  nch  in 
Ucidti  der  räch  vor  ihnen  ausdchnendeii  liänder  ge»i/i.  aU  kIc  ti(4i 
ilie  reiche  Biklnng  der  unteijocfateu  Völker  aneigneten  s<i  luiu-h  unf 
<lcin  geistigen  wie  auf  dem  materiellen  Uelnete  öue  iiriu-  itlutJH'xoit 
an  und  die  l'racht  der  angdmtl^u  VerUndong  (rffenlMil  M<-h  in  viiwai 
reichen  Znfiuas  «rolnschen  Silbers,  in  F<hiu  vmi  «iiiliK-ln'n  Itani-D, 
Mttnzen  oder  reich  umomentirtem  Scluuuclc,  da  sidi  Ql'iv  ili<'  ijuvinidifu 
(iehiete  ergicsst  nnd  weiter  iiadi  don  im  Norden,  Osten  iukI  NunlwrMru 
aniirenH-niten  liOndern  ausbreitet,  von  Kasan  bü  in  ili<'  Wtic-bM'l- 
nicdemog   und  darObcr   hinaus.     Als   diese   von  allen  iin  il<'r  Slinw 


*r,/l 


Da»  kdldolMh«  Sekweden.  Ö9 

m<ilinciMlon  Völketi^ehafion  liogieng  aufgcnoiniiicneii  Schütxt*  dir  Küste 
«1er  <H»tj<eo  dreichtcii,  worden  m  von  dai*t  nach  Gotland  hinübergefUhrt 
und  Ton  den  (raten  weiter  uacli  Westen  vertriel)en,  xnnAchst  unter 
ihc  nftclwten  Nachbaren.  So  kam  etn,  dass  Gotland  das  Hill)erreich8te 
<«ehif*t  de«  K<uizen  Nordens  wurde  und  Schweden  in  dieser  Bezieliung 
Mvr  Dineniark  und  Norwegen  den  Vorrang  liat. 

Mit  den  mohi^nländiKchen  Münzen  kam  auch  andeit;»  Silber  inV 
IjiDd,  theiJs  in  Harren  und  St  Alten,  um  verarbeitet  zu  werden  «xler  ali» 
Zablmigsmittel  zu  dienen,  theiis  in  der  (icstalt  von  feinem  Schmuck. 
Mit  letzterem  wurden  neue  Motive  eingeführt,  die  von  den  geschickteren 
.IrbeÜem  un  I^ande  alnbald  a<loptii*t  wunlen.  Man  kann  deeshalb  an 
dtM  (ffesdmiack,  der  sich  in  einem  Silbei-schmucke  offenbart,  leicht  ei*- 
kennen,  ob  er  vor  oder  nach  der  Zeit  des  arabischen  EinHosses  ange- 
fertigt ist.  Mit  dem  Silber,  welches  /.in*  Bezahlung  abgewogen  wunU% 
kanen  auch  die  (remichte:  an  zwei  imrullelen  Seitt^i  abgepkittete  Kugein, 
lue  stets  mit  Zeichen  versehen  sind,  welche  <las  VeHiftltniss  des  G<v 
wichtea  zur  (jnhdt  angeben. 

Die  Svear  besassen  übrigens  zu  jener  Zeit  l)ereits  ein  eigenes 
<i«'wicfats}'steui,  denn  das  im  Mittelaltei*  von  ihnen  benutzte,  nut  den 
tliiiheiten  Mark,  ()ere,  Oertiig,  ist  nicht  aus  d(*m  aiubischen  henoi-ge- 
fßMMigen.  Ikü»  (hifl  arabische  SüIht  auf  dem  Wi*ge  friedlichen  Verkehrs 
naefa  Kasdand  gekommen,  wissen  wir  uilh  den  Nai'lunchten  aiubischer 
S-hrifisteUer.  Die  isiändisehen  Sagen  gelM*n  uns  Naeluicht  von  den  am 
dietisettigen  (restade  der  Ostsee  sit^seiiden  Völkei-8i*haften.  Im  Süden 
wohnten  ilie  shi vischen  Wenden,  mit  ikMjeii  (»iftngc»r  Verkehr  obwaltete. 
Am  Sftdemle  des  östlichen  KüstenstriclM»s  woluiten  dit*  Kuren.  Nördlidi 
um  diesen  sat«en  die  Est  he  n,  welche  die  vorbeiuinnten  oft  auf  ihren 
llfvrzftgen  unterstütztim.  Viol  weniger  macht  zu  jener  Zeit  Finnland 
%tm  sidi  reden.  Von  seinem  Küsteiüande  weiss  man  wenig  mehi',  als 
dMi  Olaf  Haraldson  in  seiner  Jugend  liei  den  FiniüAnderu  auf  den 
IkciJiug  ging.  Auch  das  innere  I^and  wurde  ab  und  zu  vom  Norden 
av  besucht,  doch  seltener  von  <ien  Schw(^deIL  Die  lieute,  welche  von 
«Ip«  norwegischen  Könige  bt^uftragt  wurden,  den  Flnn-sc^hatz  einzu- 
Ibnleni,  der  hauiitAflchhch  in  Pelzwaai*en  liestand,  unternahmen  mitunter 
a«f  Hgrae  Hand  weitere  Keu<en  ins  Iiüand.  N(K*h  weiter  nordwftrts 
fvhrm  zu  jener  Zeit  (Ue  Nordmänner,  nach  Hiarmaland  an  der 
Vitt^An  (Ihina),   wo   der  Sage   zufolge   grosser  Reiclithmn   an  Sillier 

—  vennutldich  vom  Süden,  ui*s))rünglicli  von  Asien,  kommeml. 
)»teten  Verbindungen  mit  dem  Ost<M)  v(*ranlassten  scldiesslich  cnne 
fumliclie  Auswanderung.  Dmvh  Kiissland  zogen  die  Schwellen  nacli 
Miklegard,  ^der  git)8S(*ii  Stadt"*  des  gi-iiH'hisi'hen  Königs.  Die  Ver- 
Itodmgrn  mit  Rnssland  wunhMi  noch  enger.  Der  Klosterl»ruder  Nestor 
milill  in  seiner  nissischen  (*hn)iiik  von  einem  schw(>disi*hen  lleiche  auf 
HMiH.iu'm  lk)d<*n.  das  cii-ca  um  das  Jahr  Hi'r*  gegrün(U*t  wonleii,  und 
«ftrMHm  Itrflmler  Hiuik  geheissen  lialn».  \k*r  ei'ste  der  historisch  1h> 
daohigten  Könige  von  Schwellen  ist  Krik,  genannt  der  Siegreiche. 
Narh  Krik  regiert!»  <k»sM'n  Sohn  t)laf,  aus  unl)ekannter  ri*sai'he  Skot- 
lüliT  Schoosskönig  giMuinut.     Nun   war  Schweden  endlidi  auch  dem 


GO  £aropA*8  Norden  and  Osten. 

Volko  bokannt  Re worden,  dem  wir  die  Nachrichten  ttlier  jene  Zeit 
verdanken,  den  Isländern.  An  König  Olafs  Hofe  gasteten  melirere 
isländische  Dichter.  Zu  jener  Zeit  entspann  sich  auch  ein  lebhafter 
VcTkchr  zwischen  dem  Westen  und  einer'  I^ndschaft  des  schwedischen 
Hoiches,  mit  Westgütland  nämlich,  dessen  Hauptort  Skara,  der  Sitz 
rines  .Jaris  des  Sveakönigs  war.  Während  in  Norwegen  und  Dftneinark 
cLiK  Christenthum  bereits  Wurzel  geschlagen  hatte,  blieb  St^hweden  noch 
Keinem  alten  (Hauben  treu.  Endlich  wurde  eine  neue  Mission  nadi 
Schweden  ausgesandt.  Bruno  von  Querfurt,  ein  sächsischer  Edelmann, 
von  Papst  Sylvester  II.  zum  Er/bischof  über  die  heidnischen  Ij&nder 
im  Osten  eingesetzt,  sandte,  nachdem  er  den  Petschenegcn  am  Dnjepr 
(Ins  (liristenthwn  verkündet,  den  Bischof  Siegfried,  den  Klosterbmder 
Robert  und  mehrere  andere  Lehrer  nach  Schweden,  wo  ihr  Werk  mit 
drm  ?>folg  gekrönt  wurde,  dass  Bischof  Siegfried  im  Jahre  1008  dem 
Sv(»akönig  Olaf  die  Taufe  reichte,  nachdem  seine  Oemahlin  sich  schon 
ir\\]wY  zum  (-hristenthume  bekannt  hatte.  Das  lU^ispiel  des  Königs  fand 
viel(^  Nachfolger,  aber  auf  der  anderen  Seite  heiTschte  grosses  üflissver- 
giiügen.  Allein,  es  war  ein  wichtiger  Schritt  vorwärts,  und  das  I^aud 
nähert  sich  von  (bi  ab  mein*  und  mehr  den»  christlichen  Westen. 

Mit  König  Edmund  erlischt  der  Königsstamm,  der  in  so  hohem 
AiLs(>hen  stand,  dass  man  seine  Almen  bis  zu  den  Göttern  hinaufleiteto. 
l)i(*s  l)en»chtigt  gewissennassen  die  Königsfolge  der  heidnischen  Zeit 
mit  ihm  abzuschliessen ,  obwohl  sie,  streng  genommen,  weiter  geht,  bis 
das  Christenthum  im  ganzen  liande  festen  Boden  gewonnen. 


Die  alte  Cultiir  der  Schweden. 

In  der  Zeit,  als  die  ältesten  lAndesgesetze  der  Schweden  nieder- 
g(*schriel>en  wutlen,  ^"aren  die  Verordnmigen  l>ezttglich  der  Staats- 
angelegenheiten sehr  unbedeutend  im  Vergleich  zu  allen  dei^jenigen, 
welche  die  Privat  Verhältnisse  lH»treifen:  nichts  desto  weniger  dttrfen  wir 
uns  fi\T  das  heithiisclie  Schweden  eine  ausgeprägte  Staatsverfassung  den- 
ken, die  auf  genau  l)esthnniteii,  von  Regierung  und  Volk  angenommenen 
(innidgi^setzen  rulitt»  und  in  regelrecht  eingehaltenen,  sorgfältig  oontro- 
lirten  Richtungen  tbätig  war.  Ein  sittliches  und  kein  gesetzliches  Band 
fesselte  das  Volk  an  seinen  König,  dem  es  HÜlig  folgte,  so  lange  w 
treu  zn  herkönmilichem  Brauche  hielt  und  der  liaune  des  Volkes  wohl 
getii'l.  War  diis  nicht  der  Fall,  so  wwi-de  vr  ohne  weiteres  bei  Seite 
gcscbafit,  s<»i  es  infolge  ixM-siinliclier  Feindschaft  oder  durch  allgemeine 
Volkserhebung.  Darum  trat  kein  Zustand  der  Gesetzlosigkeit  ein;  mau 
^^jjblte  S4Hr:ir  bisweilen  «len  Sohn  des  Ermordeten  zu  seinem  Naddolger. 

Die  M'hwedisrlie  C'ultur  ki'imte  nicht  im  schwwlischen  Hoden.  Wir 
iiniNxcn  ihren  rrspnnii;  in  der  in<loeuro]misi*lien  I'r/eit  suchen,  dann 
in  der  Zeit  der  (iiMneinschaft  der  eun»päis4-hen  Arier,  später  der  Ger- 
manen und  Slaven.  und  cndlidi  in  der  Zeit,  wo  die  germamscfaea 
^•)lkor  <ieli  noch  niiht  tretrennt  batton.  Die  allgemeinen  Gnindillge 
tler  Siito  und  de<  GlaulKMis  erkennten  wir  noch  bei  den  fernen  Vei^ 


DU  ftit«  Cttlior  der  Schwede«.  61 

wandU^n  in  Asien;  grössere  Aehnliclikeit  bei  den  Stammverwandten  in 
\tTKi'iii6denen  Ländern  EuroiMi's,  aber  völlig  gleidies  Wenen  und  gleiche 
Art  dQrfcMi  wir  selbst  bei  den  nächsten  nicht  erwarten.  Die  waclisende 
Irtfilirung  fönlerte  eine  individuelle  Entwicklung,  bei  welcher  auch  je 
nach  dem  allmähüg  fdch  mein*  und  mehr  ausprägenden  Volkscharakter, 
(fflaulie  uml  Sitte  manche  Veränderung  erfuhren. 

Ein  bewohnter  Platz  hiess  im  allgemeinen  hy.  Die  jetzige  Be- 
deutung des  Wortes:  nachbarliche  Genossenschaft  (Dorf)  war  urspiüng- 
\w\\  nicht  damit  verbunden,  es  konnte  vielmehr  von  einem  Einzelhofe 
gebraucht  werden.  Einzelne  Gehöfte  scheinen  übrigens  nur  in  später 
liesiedelten  Gegenden  vorzukommen.  Die  Byar  (Dörfer)  waren  ver^ 
^*hieflener  Art,  einige  durch  natürliche  Verhältnisse  entstanden,  andere 
einer  systematischen  Umwandlung  unterworfen,  indem  sie  nacli  dem 
(rctietz  ausgelegt  waren.  Ausser  dem  unter  den  Dorfinsassen  vertlieilten 
lande  gib  es  nocli  einen  Theil  desselben,  welcher  der  gesammten 
IkiriHchaft  gehörte,  die  sogenannten  Allmende,  wo  ein  Jeder  gleiches 
Hecht  an  Wald  und  Weide  hatte. 

Zu  einer  Wohnstelle  gehören  mehrere  Gebäude,  von  einem 
freien  Platz,  dem  tun,  umgeben.  Dieses  Wort  tvn  wurde  später  für 
Wohastfitte  gebraucht.  Der  Tun  war  durch  eine  Einfriedung,  gardy 
iMirrenzt.  Das  alte  8chw(HlLsche  Wolnihaus,  wie  es  die  isländischen  Sagen 
IwM-hreiben,  war  von  Holz  gebaut,  mit  spitzem  Dache,  oft  ohne  Boden- 
raum, so  dass  das  Licht  von  oben  durchs  Dach  fallen  konnte.  Man 
hatte  femer  zweistöckige  Häuser  mit  vorspringendem  oberen  StocJtwerk. 

Der  Mann  war  Herr  in  seinem  Hause.  Ihm  zur  Seite  stand  die 
Frau  und  um  beide  wuchsen  die  Kinder  auf,  wenn  sie  nicht  Anderen 
zur  Erziehung  anvertraut  wurden.  In  dem  Hau.se  lebten  ferner  ft^ie 
IHener  und  andere  Genossen,  w^elche  durch  verwandtschaftliche  oder 
freundicchaftliche  Bande  oder  eigener  Mittellosigkeit  halber  zu  dem 
llaosherm  hielten.  Zu  seinen  Untergebenen  gehörten  femer  die  Leib- 
eigenen, welche  mit  Eifer  und  Unerschrockenheit  au&sutreten  pflegten, 
wenn  es  galt,  ihren  Herrn  oiler  einen  seiner  Schutzbefohlenen  zu 
verthddigen. 

Man  macht  sich  im  allgem(«inen  sehr  verkehrte  Vorstellungen  von 
der  Bildnng  des  Volkes  in  vorchristlicher  Zeit.  Die  alten  Sagen  zeigen, 
fbräi  der  lIausvat(T  mit  seinen  Leut(»n  den  Acker  bestellte,  wenn  er 
aoc^  einige  Jahre  seines  I/^bens  auf  Wiking&hrten  und  Iteisen  von 
laad  va  l^and  zugebnu*ht  liatte,  dass  die  Bildung  weit  vorgeschnttea. 
der  Bedürfnisse  viele  waren,  und  man  letztere  auch  zu  liefnedigen 
%«n4JUMl,  dass  der  Mann,  der  in  der  Jugend  seine  Kraft  auf  der  See 
YcrMKht  hatte«  im  mhigcn  Maimesalter  seine  Scholle  pflügte,  seines 
Vii^m  wartete,  wohl  audi  der  Fischerei  oblag,  selbst  sein  Haus  zimmerte 
und  $<eine  Werkzeuge  sclunit'dete,  wälirend  <Ue  Frauen  die  Wolle  spannen 
und  Zeuge  woben,  oft  mit  buntfarbigem  Muster,  und  Kleider  nähten, 
kw»4>AU  und  phichtig.  Sic  zeigen  ferner,  dass  schon  in  jener  Zeit 
«iei»  allgemeinen  Hausfieisses,  mancher  sich  einem  iM'stimmten  (reschäfte 
auMMMeailidi  zu  widmen  pfii^  z.  B.  dem  Schmiedeliandwerk,  and 
amtier  wanderte,  das  Werk  seiner  llfimie  zu  verkaufen,  und  zwar  ohne 


»Ia>«  fliPscs  nicht«  woni^er  als  kriejiorisciie  Gewerbe  ihm  den  gering^en 
>|N>tt  /iiKezrHrcn  hätte.  MiLssten  die  Inwohner  des  alten  Schweden 
arlMMten,  ^»  fnrahen  sie  sich  auch  mit  Liu»t  dem  VeiyiiQgen.  MS'enn 
diis  Saalfeuer  in  heller  I»he  tianmUe.  liebte  man  kiiige  am  Tische  %n 
sitzen  nnd  den  ikn^her  imiKelien  zu  lassen  in  fröhlichem  (lelage.  Der 
i'fii<\  wurde  hi^willkommt  nnd  nach  Kräften  lie^irtliet.  Cteix  ward  all- 
t;<*m(*in  v<*ral»scheut ;  die  lit^wirthun^  war,  was  Bier  nnd  Meth  betnA. 
ivichli(*h,  ja  zu  reichlich.  Ein  Rausch  ^-ar  keine  Sc*hande  und  kam 
häutig  vor.  Diese  'i'rinkliLst  wni*do  nicht  mit  dem  Ileidenthum  begraben. 
Kam  zuletzt  der  T(Ni^  so  wunlc  die  I^eiche  hinausgetragen  und  ^"er- 
hrannt  oder  unverbrannt  der  Knlv  ülieivelK^n.  Gegen  Ende  der  heidni- 
M'hen  Zeit  war,  wenigstens  im  Sveahinde,  das  Verbrennen  vorherrw^nd. 
Die  verbrannt (*n  (rclteine  wunleu  in  ein  GefUss  gesammelt,  über  und 
nelien  demsellien  ein  grösserer  od(»r  geringen»r  Theil  von  der  Habo 
d<»s  Todten  niedergelegt,  bisweilen  nur  einige  eiserne  Nägel.  Dai 
(iral)gefiiss  wurde  auf  den  Iknlen  gestellt;  ringshemm  nnd  darttber  her 
ein  Steinhaufen  aufgesetzt  und  mit  Enie  bedeckt.  Oftmals  umgab  man 
(h'u  dergestalt  aufgeschütteten  Hügel  mit  einem  Kreise  von  Steinen,  und 
bisweilen  wiu*de  auch  auf  den  (Hpfel  dessell»en  ein  liolier  Denkrtefai 
aufgerichtet.  Der  Degräbnissplatz  pflegte  gleichwie  jetzt  in  der  Nlhc 
ih's  iKnfes  zu  liegen. 

Die  Ikinde  dvr  Sippe  wai'en  mächtig.  Der  Vater  war  das  Ober- 
haupt der  Familie;  starb  er,  so  ging  diese  Würde  auf  den  Sohn  Ober. 
Wo  ein  Sohn  lebte,  erht(»  die  Tochter  nicht,  al)er  sie  fiind  in  dm 
Hause  des  Bruders  deuselh(>u  Schutz  wie  im  Vaterliause,  und  verfaeinUhelr 
sie  sii^b,  so  erhielt  sie  von  d<;ni  Bruder  eine  Mitgift,  die  Mnuit  ab  Dur 
Krhtheil  zu  iK'trachten  ist.  Das  Band  der  Sipiie  umschlang  oft  mehr 
( ilieder  als  unter  einem  Dache  Kaum  hatten,  die  aber  treu  zu  f^nmiAr 
standen.  Wurde  Jemand  ersclilagen,  so  war  das  ein  Lekl,  daa  toi 
(lern  (ieschlechte  des  Todtschlftgcrs  dem  Geschlecbte  des  ErscUagcnen 
aiigethau  ward.  Ein  auf  eigenem  Boden  wohnliafter  Mann  oder  Bonde 
war  in  jeuer  Zeit,  wo  die  Bildung  eine  gleicliartige  war  und  die 
( iest'lWhaft  noch  nicht  so  viele  Abstufungen  kannte,  der  dgaaftlidie 
schwedisi'he  Bürger.  Dass  (;]*,  uui  der  Uecht(*.  desselben  theQbrfkjg  a 
wciilcn.  ein  Freigehoi-ner  sein  nnisste,  \eiNtcht  sich  von  sdbflt. 

IHe  nächste  nonnale  Einheit  üIkt  Dorf  nnd  Bonde  war  die 
Hundertschaft  (wler  Harde.  Die  Ilnnderttheilung  ist  aUen  gn^ 
manischen  Stämmen  gtMueinsam  und  desshalb  als  Erlie  aus  der  gMwii 
M^haftlichen  Ir/eit  zu  iK'trachten.  In  Süds(*hwedcn,  (L  h.  im  Sndca  dff 
unissen  Grciizwaldunfreii ,  tiudet  man  keine  Hundertschaften, 
Hanlen,  die  inde<^'n  augenscheinlicli  mit  den  Hundertschaften 
<iuil.  Hundert M'haft  und  Hardc  hatten  zwei  Mittelpnnrte:  einen 
lif'ht-n  uuil  fin<*n  localfu.  hie  iieiNOidiche  Einheit  vir-ar  de^HnndHekaft•- 
^•»L'T.  iUp  Ijm-.iIi«  da^  Thing,  wo  die  Ikiuern  sich  mit  ihrer  G 
\  »=Tsannnt-hfn.  ilin*  Zwiste  zu  schlichten  und  mancHHd  >. 
mit  rinaniler  zu  KTathen.    V>  ist  ziemlich  siclier.  t 

\»»in    in    filtt-'i.tiT  ZHi   in   mchi-fiicber  Beziehung  nas  '    erhaopt 


Dl^  iiUe  Cnltur  der  Schweden.  (ui 

Volkes   war,   z.  B.   im  Kriege  und  beim  GottemlieiiAto.     HundoHsclinft 
iiiMi  ILinle  iicMMseii  ein  gemeinschaftliches  (tut  in  cUt  Alhnende. 

TeU-r  Hundertschaft  und  Hanle  stand  die  lidndscliaft  <ider  ^das 
I^mL*'  Bildeten  die  Bauern  eine  Staatsniac^ht ,  sr»  i-e])rflsc»ntirte  dvr 
Konig  eine  zweite,  (iegen  Knde  der  Ileidenzeit,  als  Si'liwe<len  ein 
\  ereinigt  es  Reich  geworden.,  liesass  jede  liandsi^liaft  (o<ler  jtnles  ^Ijand"*) 
H.*ine  )»ersonliche  Plinheit,  nicht  etwa  in  dem  König(%  sondern  in  einem 
Lag  mann,  einem  Manne  des  Volkes,  gewLssennassen  ein  Nai'lifolger 
der  eliemaligen  Kleinkönige,  und  wie  sein  Titel  liesagt,  ein  Mann  (hs 
<ieM*t^*s  (lag),  der  wissen  und  kennen  nmsste,  was  v(m  altei*sher  im 
lianile  (f(*set/  und  Sitte  gewes^Mi.  Kr  war  in  S<*hwe<len  zugleich,  was 
man  auf  Ishind  L  ö  g  s  ö  g  u  m  a  d  r  nannte,  indem  ihm  oblag,  dem  Volke 
/.uwetleu  das  (iesetz,  luu'h  dem  es  sich  /u  fügen  hatte,  vorzusagen.  Ks 
i*4  tiegreiflich,  dass  ein  solcher  Mann  auch  in  andenT  Beziehung  l»e- 
fk'Utemlen  Kinttuss  gewann.  Die  I^ndschuft  mu.sste  sich  gewöhnen, 
ib-n  Ijiginann  als  ihr  eigentliches  (>l)erhaui)t  anzusehen,  wenn  sie  sich 
mit  (k'm  gemeinscliaftliclien  UeichsolHThaupt,  dem  Könige,  nicht  einigen 
konnte.  Wie  Hundertscliaft  und  Harde,  so  Imtte  aucli  die  l^mdschafl 
ffanJt'tj  ihr  Tliing,  dem  der  I^aginann  präsidirte,  und  wo  juristis4*he 
ihhI  |K>litLsche  Angelegenheiten  verhandelt  wurden.  Auf  dem  I<and- 
M'haftsthing  wurde  x.  B.  den  Königen  gehuldigt. 

IKe  verschie<lenen  I^n<lschaften  wurden  s<'hliesslich  zu  einem  Reiche 
uTeinigt.  wt»lch«»s  nach  dem  olisiegeiiden  Volke  das  Reich  der  Svtmr 
^SrrameH  Kke,  sjMlter  iSYyriV/«y  «nler  Schweden  genannt  wunle. 
<  remc*ins4-haftlich  fdr  das  ganze  Reich  wai'en  der  König  und  die  1m>1m*u 
< »fiffTfi'ste  zu  Ijisala,  in  aUem  übrigen  war  das  I^nd  ein  (lanzes  mit 
lerfichteilenen  Iiandi*sabtheilungen.  Hin  Reichsgesetz  gab  es  ni(*ht,  statt 
•^iHT  aber  verschietlene  I«and(*sgesc*tze.  Auch  (»ine  g<Mneinsame  Vertretung 
•U^  ICcirhes,  ein  A 1 1  h  a  r  d  e  n  t  h  i  n  g ,  welcht*s  von  allen  Knden  des 
IMchf^  lieschickt  wurde,  gab  es  in  der  heidnischen  Zeit  nicht,  sondern 
je<ie  I^mi<clisift  liatte  ihre  gemeinsame  Thingversanmilung. 

lN*r  König  wunle  von  dem  Volke  gewählt.  I)(K*h  hielt  man 
4i*h  1>ei  der  Königswahl  giTii  an  (kis  einmal  herrschende  (r (»schlecht. 
IHis  natürliche  Ikind  zwischen  König  und  Volk  miisste  (hirch  die 
Vemnigiing  verschieden(T  liänder  zu  einem  Reiche  eine  V(*randeruiig 
rrk'iiU^a  König  üIht  ein  gewaltsam  erolK*rt(*s  I^nd  zu  sein,  venirsacht 
nnf  ffewisM*  Kntfremdnng  zwisch(Mi  dem  König(»  und  d(*m  l»esi(^en 
V«4ke.  und  diesi*  KntfnMmiung,  dii*.  wenn  sie  richtig  und  weise*  lN*nutzt 
vird.  4h*  königliclu*  Ma<*ht  kriifrig(*n,  entgeg(*ng(»setzten  Falls  aiNT  ihr 
ffpftihrlich  wenbMi  kann,  g(*wann  auch  in  (b*m  (*igenen  urs])rüngli(*hen 
l^ntle  (le«i  Königs  Bo4b*n,  iivcnii  auch  nicht  in  d(*ms(*ll)(»n  (fra(h*.  In 
rhKVi  natUrlicIien  V(*rliandi'  hängt  vi<*l  von  d(T  P(*rs^^iili(*hkeit  de^ 
Küfür**  ab.  War  dvr  König  ein  Mann  von  IioImmi  (r(*ist(»sgal>en,  so  liest^ 
nnn  *4i4i  auch  einig(*  l'eliergrif^»  s(*in(»rs(*lts  gefallen  und  folgt(*  ihm 
viliift.  *«ell»(t  wenn  man  nicht  mit  allem  (*inv(*rstandi*n  war.  Auch  der 
^«fti-be  König  ward  um  s(*iner  königli(*hen  Würde  willen  h(*ilig  ge- 
iMltm  Uni  die  Kraft,  W4»l(*he  in  der  Kübnnig  d(»s  (ianzen  v(*nnis>it 
manL  durch  rutemehraungen  der  einzelnen  (tronsen  des  I^andtK  (Tsetzt. 


(>4  £urop**»  Norden  und  OMen. 

Wolü  ward  mitunter  ein  allzu  heftif^er  oder  allzu  friedfertiger  König 
gestürzt,  allein  der  ei-ste  Schritt  zu  diesem  Acte  ging  sellwt  dann  eher 
von  einem  niachtlüstenien  Ven^andten  des  Königs  aus,  als  von  «lern 
Volke  und  de»en  Vertretern. 

Hatte  schon  der  Bauer  zahlreiche  Hausgenossen,  Dienstleutc  unil 
(laste,  so  lässt  sich  am  Hofe  des  Königs  schon  im  voraus  eine  sehr 
grosse  G(»folgschaft  erwarten.  Ausser  den  zalilreichen  Dienern  hielten 
sic^h  viele  lieute  am  Königshoft?  auf,  weil  sie  dies  für  eine  Mire  hielten. 
Doch  seihst  in  den  monarchischen  Nordlanden  sah  der  Bauer  auf  seine 
Sell)stftndigkeit  und  mit  scheelen  Augen  auf  den  Mann,  welcher  an  den 
Königshof  ging,  sogar  wenn  er  auf  eigener  angeerhter  väterlicher  Erde 
sesshaft  war,  und  folglich  ein  freier,  aller  Vorrechte  theilhaftiger  O dal- 
li onde  hlieh.  Der  Königsdienst  hatte  also  zwei  Seiten:  Ansehen  und 
]{uhm  auf  der  einen  —  auf  der  anderen  ein  gewisses  >Usstrauen  und 
eine  gewisse  httrgerliche  Schwäche. 

Die  non^'egisi'.he  und  schwedische  (resc^hichte  zeigen  uns  zwei 
Mächte  im  Staate:  die  Königsdiener  und  die  (irasslnrnden.  Beide  massen 
unter  sich  ihre  Kräfte.  Anfänglich  hatte  die  Bondemiuicht  wob!  den 
si<-hersteii  l^len  unter  den  Füssen;  al>er  mit  der  Zeit  schlössen  die 
(Irosskmdengeschlechter  sich  mehr  und  mehr  dem  Könige  an,  und 
diejenigen,  welche  die  Königsgunst  verschmähten,  hüsstcn  nach  und 
nach  ilir  voriges  Ansehen  ein.  Eigentliche  Lehensmänner  erwähnt  die 
vorchristliche  Ges<!hichte  Schw(?dens  zwar  nicht,  doch  geschah  es,  dass 
der  schwe<lische  König  ein  Lehen  verlieh,  ohne  irgend  welche  Gegen- 
leistung zu  verlangen.  Auf  solche  Art  eiiiielten  manche  norwc^päche 
Hüchtlinge  Lehensgüter  in  Schweden.  Einen  Dienstiuann  von  grosser 
^Vichtigkeit  l)esass  der  König  in  dem  Jarl,  der  Stellvertreter  des 
Königs  in  einem  hestimmten  Jjandestheile,  liauptsächlich  in  den  Gröta- 
landen.  Ein  Schritt  vorwärts  zur  Peinigung  des  Reiches  war  es,  als 
der  Jarl,  welcher  his  dahin  nur  ein  i)artielles,  locales  Ansehen  besessen, 
zum  Jarl  über  diis  ganze  Reich  erhohen  wurden 

Der  König  regierte  ziemlich  eigenmächtig,  und  so  lange  er  die 
Liebe  des  Volkes  sich  zu  erhalten  wusste,  konnten  er  (Ues  ruhig  wagoa. 
]>isweilen  pflog  er  Rath  mit  dem  Volke,  hörte  dessen  Willensmeinung 
und  suchte  es  für  seine  Beschlüsse  zu  gewinneit  Dies  geschah  auf 
dem  Thing,  entweder  ]m  eijier  gc'wöhnlicben  Versammlung,  zu  welcher 
d(T  König  sich  tniifaiid,  CMler  in  einer  ausS(Tordentlichen,  voiu  Könige 
berufen,  oder  indem  (Las  ganze  Volk  fallmogen)  auf  eigenen  Antrieb 
sich  versammelte,  sobald  es  dem  Könige  etwas  zu  sagen  liatte.  üebri- 
gens  stand  auch  dem  Könige  das  Uecht  zu,  durch  seine  Diener,  in 
diesem  oder  jenem  Theile  des  Iiand(*s  mit  dem  Volke  zu  unterhandelB. 

Eine  llaii])tstadt  des  Reiches  gab  es  nicht,  obgleich  der  Kflflig 
sich  bisweilen  längere  Zeit  an  einem  (h*te  wohnhaft  niederlicss,  je 
naclidem  die  Angelegenheiten  eines  liündes  seine  Gegenwart  heischtei 
oder  er  sich  das(»ll»st  l)es<UKlei*s  geücL  ^lan  kann  von  rcchtswogn . 
siigen,  dass  er  ein  Wanderleben  fülu-te,  der  Gast  seines  Volkes  wtf. 
Wenn  er  reiste,   hielt  er  auf  den  Königshöfen  Rast  und  die  Vorrftihe 


Dl«  aK«  Caltw  d«r  SAwWtn.  65 

m  soinm  and  seines  Oefolges  Unterba]!  wurden  von  den  Bauern  ge- 
liefert.    Dies  der  haupts&chliche  Schatz,  der  ihm  erlegt  ward. 

So  war  das  bürgerliche  Leben  in  Schwedens  vorchristlicher  Zeit 
Wenden  wir  uns  nun  dem  religiösen  lieben  til 

Cileicli  wie  Sprache,  Sitte  und  Staatsoninung  sich  in  ihren  Grund- 
zUgen  bist  in  die  aribche  Urzeit  verfolgen  lassen,  so  aucb  die  Gott- 
aiiächauung,  der  Glaube  an  das  Göttliche,  das  sich  nach  dem  Glauben 
des  Volkes  in  mehreren  Göttern  offenluirte.  Den  Vor£ahren  der  Schweden 
und  den  stammverwandten  Völkern  gemeinsam  war  die  Art  und  Weise, 
wie  sie  dem  göttlichen  Princip  und  dessen  Offenbarungen  Gestalt 
verliehen.  Aus  der  arischen  Urzt*it  staiujnt  die  strahlende  Ilimmelsgottheit, 
der  Zeus  der  Griei*hen,  der  Vater  Ja  (Jupiter)  der  Römer;  und  ob- 
gleich dieser  Gott  in  Schweden  keine  so  hervorragende  Stellung  ein- 
nahm  wie  die  Genannten,  so  finden  wir  ihn  auch  im  Norden,  wo  sein 
Name  Tyr  (gen.  Tj/ft)  oder  neuschwedisch  Tg  lautet  Fj*  war  der 
aheste  Gott  lange  vor  Spaltung  des  Volkes  in  Götar  und  Svear.  In 
der  nordischen  Götterlehre  gibt  sich  das  Bewusstsein  einer  urs])rQng- 
Heben  Verschiedenheit  der  Göttergeschlechter  kund.  Freyr  gehörte  zu 
den  Wanen,  und  diese,  d.  h.  Freyr,  Njördr  und  Freya  waren,  wie 
e»  in  der  Ueberlieferung  heisst,  in  Folge  eines  besonderen  Bündnisses 
uter  die  Übrigen  (iötter,  die  Äsen,  angenommen.  Zu  den  Äsen, 
■nd  zwar  zu  den  vornehmsten  derselben  gehörte  Thor,  der  populärste 
«Bier  den  Göttern. 

Des  Menschen  Auge  erkennt  sofort  einen  steten  Kampf  zwischen 
Leben  und  Vernichtung,  gut  und  böse.  Als  Vorkämpfer  des  Guten 
cnKbeinea  die  Götter,  und  es  sind  Ausdrücke  bewahrt,  welche  ihre 
Hdligkat  and  ihre  Aufgabe  zueinander  zu  halten  hervorheben.  Die 
böMn  and  finsteren  Mächte  sahen  die  heidnischen  Schweden  in  den 
Keieii  (Jäftnar)  verkörpert  und  deren  Bekämpfer  war  vor  allen 
Thor.  Sein  Wahrzeichen  war  der  Ilammer  und  noch  heutigen  Tages 
«riibcken  die  I^andleute  an  manchen  Orten  in  den  Steingeräthen  den 
HuBOiPr  udcT  Keil  Thors,  mit  dem  er  nach  den  Troffen  (Zwergen) 
■arl  Dass  Thor  in  Schweden  zalilnüche  VerehnT  !?(»habt,  sehen  wir 
vm  dffn  \ielen  Orts-  und  Pers(inoniuini(*n,  in  w(^lchen  sein  Naine  das 
enle  Glied  di*r  Zusanmiens(*tzuug  bildet.  Noch  lieissiger  als  in  Schweden 
«cMnt  sein  Cultns  in  Norwegen  geübt  zu  sein. 

War  T>T  urspr<lnglich  ein  ariscrher  höchst<?r  Gott-,  war  Freyr  dem 
nach    der    vornehmste    I^n^lgott    in    Schwedts,    und    Thor 
in  Norw<.*gen  der  Gott   dtT  Localculte,  so  stehen  doch  alle 
onter  Odin.     In  ihm   c^niceiitrlrte   und  reHedirti^  sich   am  voll- 
en ilas  religiöse  Ik^wusststMu  dt*s  Nonliiuiunes,  welches  in  höherem 
nis    man   es   sonst   liei    h(*idnis(*lieri  Völkern   findet,    von    einer 
redet  and  von  einem   durch  die  Schuld  hervorgerufenen  Kampf 
Too  einer  nach  Kampf  und   Tod  folgenden  Wiedergebun ;    Odins 
lebt    noch  jetzt    1mm    allen  genniuiischeii  Völkern   fort.     Im 
kommt  sein  Name  in   vielen  Ortsnamen  vor,   aber  in  keinem 
Personennamen. 

V    ncli«*U,  CaftargMchiehU.   3.  AafL    IL  6 


68  fivop«*«  Kord«i  und  OsUa. 

der  Insel  von  dem  \ielen  Treibeise,  mit  welchem  er  einen  ihrer  Meer- 
busen aii^'fiillt  fiinil,  den  Namen  l&Iand,  d.  h.  Eisland,  gab. 

Allo  drei  EntdiH;kung$fohrten  mQssen  in  die  Jahre  860/70  gefidlen 
sein;  Uihl  ilaniuf  beginnt  aber  auch  bereits  eine  massenhafte  £inwaii- 
deruni;  von  Nonüeuten,  an  deren  Spitze  Ingolfr  Arnarson,  ein 
angesehener  Mann  aus  Norwegen,  stand.  Kasoh  folgten  diesem  ersten 
AnsitHÜer  weitere  Landsleute  nach.  Die  wenigen  Bewohner  einzdner 
Ihnicte  dor  Süd-  und  OstkUste,  waren  die  obigen  Einsiedler,  welche 
mau  Papar  d.  h.  I^ffeiu  nannte;  dieselben  zogen  sich  scheu  von  der 
Insel  weg,  weil  sie  mit  dem  fivmden  Heiden voike  nichts  zu  schaffen 
liaben  wollten;  aus  einzelnen  Büchern,  Glocken  u.  dgL,  die  sie  zorQck- 
licssen,  schloss  nun  hinterher,  dass  sie  irischer  Alikmift  und  diristüchen 
(flaubens  gewesen  seien.  Im  Verlaufe  von  etwa  CO  Jahren  erfaieU 
Island  :^Hlann  seine  volle  nordische  Ik'völkemng,  so  \iel  deren  das 
arme  l^and  nur  überhaupt  zu  ernähren  im  Stande  war.') 

Die  iies(*hichte  der  Nonuannen  auf  Island  ist  von  culturhistorisclier 
lUnleutung,  denn  sie  berichtet  über  eine  primitive  l^Jitwicklungastnfe 
für  gewisse  Eleuiente  der  gi'giniwftrtigen  europäischen  Ci^ilisation.  Die 
norwt'gischen  Nonnannen  errichteten  hier  ohne  Mühe  einen  Staate 
der  alle  FJnrichtungi'u,  Ideen  und  Sitten  des  bisherigen  Ueideii- 
thmiis  Skandinaviens  verköqH'rte. 'y  Das  l<and  ward  in  freie  GehOfte 
\ert  heilt  und  dua*h  Thor's  Ihumnerwurf  und  Thor's  Feuerzeichen  nm 
Kigi'uthume  al>gi*greu/.t.  Wer  (ielüste  mich  dem  Gute  des  Andern 
trug,  fordeiie  diesen  wohl  /um  Zweikampfe  mit  Schwertern  oder 
.\e\ten  heraus,  und  wer  Sityer  blieb,  trat  in  liis  Erbe  des  Unterliegenden 
t'in.  Das  nannte  man  mich  Thors  lUvht  leiten.  IHald  war  die  gu» 
Insel,  aufiiiigs  nur  im  Südwesten  liewohnt  mit  Ansiedlungen  umkrftut 
/ih'rst  in  s(H^radisi'her  Zerstnmung,  dann,  als  liie  Sitten  sich  mikierlai 
nml  liie  IMiirttigkeit  des  i^lk^ns  zu  engeivm  Anschlüsse  trieb, 
einigten  sich  alle  AnsitHllungen  als  kleine  Souveränitäten  zu 
i^'meinsanien  anstokratis<4K*n  Fn'istaiite  mit  einer  aifcwbildeten  Gemeinde- 
xer^issuug  und  wohlverburgten  iuvhtsitrdumig.  Eine  gemeinsame  Yei^ 
saiuiulung,  der  Alt  hing,  vereinigte  von  Zeit  zu  Zeit  alle  wehrhaften 
angt^si^sMUicu  Männer  unter  th'iom  Himmel  zur  Benuhnng  und  tddi 
FeU'u  dt's  luvhts  herab  wunieu  die  gef,issten  Ik'si'hlasse  dem  Volke 

Von  den  Zuständen  jener  K|HX'he  g^'ben  ilie  Sagas  und  die  Ge- 
Mtzt«^i«alulnluluren,  wie  this  i . u  n d  n  a  ni  a  -  B  o k,  Kumie.  L^'tztere  nngen 
\on  di'ui  FoniuUisinus,  welcher  den  ishUidisi'he.i  Normannen,  wie  den 
GritvluMi  und  Bouiern  eigen;  sie  /eigen  mis  Zweikampf  und  WeigeU 
in  \ oller  Anwendung,  und  wenn  sich  auch  ilunit  eine  tiefe  Cohorstofe 


i*»  y^n*tMtt9*     Munrb^M.  l>Ti     S 

^  >«krr^*   mehr    Wi.    J     .\.   riUck««M.    >V'««r'-«    Anti^itUt:  •r   •  M^MnfMl 

M«t!tl  b>   Vifk.^p  l'tro)      >oxN    KIi:u".i      l.ouJon  1S>>     S>    ä^ 
a.  U,>«ior(f.  A.  *.  O.     S     II     IJ. 


DU  keldaiMkta  KoraMniM«.  69 

rharakterisirt,  80  bezeichnen  doch  beide  Einrichtungen  einen  wesenl  Heben 
F<l^t^^hritt  ((cgenQber  den  Zeiten,  wo  die  rohe  Gewalt  noch  nicht 
einnial  diese  Beschränkungen  cr&hren.  In  den  sogenannten  Quidr 
endlich  lernen  wir  die  Vorläufer  der  Geschworenen  bei  Gerichte 
kennrn.  Ebenso  wichtig  sind  die  Sagas,  wie  sie  uns  in  den  Sammlungen 
d«T  älteren  und  der  jüngeren  Edda*)  vorliegen.  Eine  blutige  Tragödie 
spielt  sich  in  der  Nial-Saga^)  ab,  von  der  Ruhheit  der  Epoche,  aber 
auch  von  den  Keimen  zukünftiger  Gesittung  lautes  Zeuguiss  gebend. 
Weiterhin  pflanzten  sich  in  den  Sagen  und  Dichtungen  des  I^iandes  die 
Ueberlieferungen  der  Heidenzeit  fort,  und  selbst  als  im  Jalu*e  1000  die 
Insel  zum  (^ristenthume  sich  bekehrte,  erhielt  sich  lange  noch  unter 
christlicher  Hülle  altheidnisches  Wesen  in  Sitte  und  Brauch.  Die  christ- 
lichen Priester,  welche  I'jnheiinische  waren,  theilteii  die  Neigung  ihrer 
landsleate  für  gewisse  nationale  I.Ast(T,  aber  auch  für  die  poetischen 
Tnulitionen  der  Vorzeit,  d(?ren  aasgetri(»bene  Götter  auf  der  fernen 
la^l  eine  Zufluchtsstätte  fiinden.  So  hat  der  Bruderstamm  der  Nor- 
mannen den  Erinner ungsschatz  an  die  Kindheit,  au  den  Kindlieitsglauben 
dem  deutschen  Volke  aufbewahrt.  „>^  begegu(*n  uns  da  religiöse 
Vorstellungen  wie  v(»n  der  Unsterblichkeit  und  dem  Fortl(»])en  der 
Helden  in  einem  seligen  .Iens(»its,  von  dem  Untergang  der  Welt  am 
Ende  der  Tage  und  ihrer  Wiedererneuerung  zu  besserem  Lelx'n,  in 
welchem  auch  die  Götter,  wenigstens  di(.'  Guten,  wiedererstehen  und  in 
ungetrübter  Klarheit  walten  werden.  Y;&  b(*geguet  eine  Auffassung  des 
Göttlichen  nicht  bios  als  eines  gesteigerten  Ideals  von  sinnlicher  Schön- 
heit und  Kraft,  v^ie  1mm  den  (iriechen,  sondern  als  des  (luten,  als  des 
Heiligen,  das  im  Kampfe  über  das  Böse  siegt  und  zuletzt  alle  Besclirän- 
Inmgen  und  Befleckungen  anthropomori>hischer  Einkleidung  abstreift. 
Dias  sind  Züge,  in  denen  der  Geist  des  gennanis<*lien  Ileidenthums  eine 
innere  Verwandtschaft  mit  den  Idi^en  des  Christ enthums  zeigt  und  wie 
pridisponirt  für  die  Aufnahme  der  cliristliclien  Heilslehre  erscheint."*) 
Von  Island  aus  fanden  dun*)i  die  Nonnannen  die  ersten  Ent- 
decknngh&hrten  nach  Ameriai  statt,  worüber  an  späterer  Stelle  ges])rochen 
werden  soll.  Mit  ihnen  schliesst  die  Reib«'  jr»'nnaniscber  Wandrrungen 
in  d*T  heidnischen  Zeit. 


*i  Di«  VMte  UaberMUuog  i>*t   jenf    von   Karl  Bimrock.     Di»  Ktlda,   HU    Aiterg 

mmd  jMm^re,  mthtt  dem  mftkitcktn  KrMäkluttgtn  der  Skalda  ühertettt  und  mit  Kriäutermnggm 

Wffaifrf.    filotlgftrt   IMTl.    M.     4.   Aufl.     —     Kine   geringere   Aunwfthl    bietet    VVerntr 

ÜAkK.      Eddm,     Li*d4r  yrrnaniachtr  GStUraagt,  htarbeittt  und  erlSutert.    Berlin  1873.  S' 

>  ttl«k#  «li^  hüb'chr  Anelv^«  d«r^e!brn  von  A.  Geffrov   in   der  Rtrut   de§  dtmr 

«om  I.   Nn^rmbrr  1MT5      S.   II 2     1441. 
•-  liondorff.  A.  a.  <>.     H.   15. 


<0  Europft^a  Noidtn  und  Osten. 


Vr/ustKude  der  Slaren. 

Auf  dfin  Ixflckcn  der  goniiaiiiFdion  Welt  erscheinen  im  Anfoni 
(los  Mittelaltors  die  über  die  Grenzen  des  alten  Germanien  und  na< 
l^ojenlieim,  drni  Lande  der  Markc.mannen  gerückten  Slaven,  den 
Urzustönde  darzustellen  mir  nunmehr  ohliepit.  *) 

Soweit  die  Si)rachf(>ischuiig  ihre  Fackel  leiht,  sehen  wir  die  Slav< 
als  Glied  der  possen  arischen  Völkeifamilie.  Ihre  Sprache  ist  sehr  enj 
verbunden  mit  dem  Tiitauischen,  diese  beiden  Idiome  mit  dem  Deutsche 
das  Deutsche  mit  dem  Keltischen,  das  Keltische  mit  dem  Italienische 
das  Italienische  mit  dem  Griechischen,  das  Griechische  mit  dem  Indische 
das  Indische  endlich  mit  dem  Eranischen.  2)  Wir  finden  nun  di 
Slavischc  zunächst  in  dem  Stadium  der  nordeuropüi sehen  Grundspracfa 
AVicdcr  erfolgte  eine  Theilung  und  bliel>en  nach  Ausscheidung  di 
Deutschen  die  Slavolitaucr  (Litoslavenj  noch  Ijlnger  im  Verlwinde.  A\ 
dem  Shivolitauischen  bildt^te  sich  nach  aln^nnals  erfolgter  Ditferenzinu 
einerseits  die  slavische,  aiulerei-seits  die  litauische  Grundsprache.  D 
durcliLTcifende  Verwandtschaft  des  liitauischen  und  Slavischen  lösst  » 
ein  langes  Zusannnenleben  dieser  beiden  Sjnachen  schliessen,  auf  ei 
entsi^hieden  längeres,  als  z.  B.  jenes  es  war,  das  in  der  slavodeutsch^ 
(ri'undsprache  repräscntii-t  ist.  Naclnlem  auch  das  Band  mit  den  Litanei 
gelöst  wurde,  stehen  die  Slaven  ganz  isoliil  da,  im  Besitze  einer  Sprachl 
die  als  die  Mutter  aller  jetzigen  und  einiger  im  liaufe  der  Zeiten  ani 
gestorbr'iwMi  shuisehen  Sprachen  anzuseluMi  ist. 

Als  S(Mnlerv()lk   stehen   uns   nun   also   die  Slaven   gegenilbcr  nj 
zwar  in  Sitzen,  die  wir  heute  mit  einiger  WabrscheinUchkeit  anzugeb 
vernir)gen.     Nach  und  nach  occupirten  die  Slaven  einen  I^andstrich,  c 
ein  Theil    derselben   noch    bis    zur  Stunde   sein    eigen   nennt,   — 
eun^päi.Mhe  Fhichlan«!  zwischen  dem  oImtcmi  Don  und  Dnjepr  und  t 
letztei-en  Flu^s    hin    g<'gen    den  Osten   des   baitischen  Meeres   nnd 
(mittlerfUj   AVeielis(»l,  sHdlich    wt>hi    nicht    tlber   den   Pripet.     Von 
aus  erf( »Igten  späteihin  die  Ausbreitungen  nach  Nonlen  und  Srtdwe 
in  /eitab<cbnitten,  die  auch  nicht  annähenul  mehr  ennittelKir  sind. 
Nnnlen  uinl  gn)>sentlieils  auch   der  (Men   war  von    finnischen  V{ 
schatten  bewolint  und  selb-^t  der  Süden   bis  zum  INmtus  scheint  : 


')  Ich  folge  hiprhi»!  an<<er'hlip><'<illch  dorn  obrn  eo  gHnhrton  b}«  trofTlichen 
dp.-«  Orazer  Prnfo-«-or  Dr.  G  r  p  g  n  r  K  r  c  k  ,  KinUitung  in  tUf  glavifehe  Littraturg9 
und  Darftfftunff  ihrer  nlteren  VfriotUt.     (Irnr,  1K7L     8.     I.  \U\.     S.  85—137. 

•>  Hflipoirtti^rh  stcll<Mi  fi"h   rUo  ^^ll•llt1IHKl'n   des  orlftchen  Uc^nramt Volkes,  i 
jctxt  gnrighardtpn  Aiin.ihnip.  ff>!;;cn'Icrnin-«-'on  dar: 

Aripf 


Wc->U«-icr  Oittarior 


HlftYiidpiit:^!.!'  OrücoiiHlolcplten                    Kranicr            ladar 

(>iorJi'i!r»päPr)  i^^iidpiiropiipr) 

Dptit-ilip     .•^Ijivdlilaupr  (Jricchcn     Italolcpltpn 

blaven      Litauer  Kelten  Italiker 


TTnoitinde  der  8Ut0b.  71 

nri:*rhp  Honion  bohorlxTgt  zu  bähen,  die  aiw  ihren  Sitzen  diirrh  die 
Skythen  und  Sarmaten,  die  letzten  aris<*hen  Ansiedler  in  Kurojw, 
viTilrün^ft  wurden. 

W:inn  die  Slaven   von  den  genannten  Tilnderstrrckeu  lJ«»sitz  er- 

irrifffn.  ist  genauer  s^ehwer  zu  bestimmen.     Nach  ^V(^eel  seheiiit  es,  in 

il'T  HnmzeperifHie   noch   nicht  der  Fall   ^?t»we.«;en.     Zwischen   Don   und 

W«Mchs**l    bis   an    di(»  Oder   sind   nünilieh  keine  Altert liumsobjecle  von 

antikrr  Hnmze  uuf/ntindeii.  ihr  sonst  von  den  Küsten  d(s  atlantisclieu 

t^^-aiis  bis  zu   den   wi»st liehen  Alv/\vri>tunK<'n  der  Kar]>at1ien   zahli'eieh 

an^efniffi'U    werd*»n.     (h»stlieh    der  Karpathen    tnti'u    >ie    erst  jenseits 

H«M-  Wfdpi  wi<'<iiT  auf.     Dafilr  finden  sieh  auf  diescMu  sla vischen  Tcrri- 

tiiriam    nolien    Steindenkmalen    einer    si»tltern    Periode    vorhen*schend 

Obj*»rte  aus  Eisen,   einem  Mf'talle,  das  den  jrriechischen  Colonien   am 

Pnntus    und    den    mit    ihnen    im  Verkeln*  jrestandenen  Naciilwrvülkeni 

«rhfin    zu  HenMJots  Zeit    w«dil    bekannt    war  und   zu   allerlei  (ierftthen 

t#T;irl»eitet  wunie.    Dass  deiyleichcn  Objecte  auch  dem  noch  unpfctheiiten 

Sliv«»n Volke   l>ekannt   waiiMi,   bestjitij^t    hinlündich  dl«*  linjzuistische  Ar- 

chäuliitfie,  «b»nn  eine  p-osse  Anzahl    aus  KiM'ii  veil'ertij^ter  iieirenstilnde 

•ind.   weil   in   versebiedenen   slavischen  Sprachen   Ul»ereinstimm(*iid   be- 

nunt.    dem   Wortschatze   der   slaviscln'u   (lrnnd>pniclie   einzuverleÜMMi, 

nd   die«*    fllr  eine  Zeit,   als   die>seits   der  Karimthen   die  IJronze  dem 

Eii^n  mich  nicht  jzewicheii  war. 

Daraus  enribt  sich,  <b»ss  in  der  antiken  Ih'«nr/ezeit  diese  (rejrcnden 
■«rh  irar  nicht  bewohnt  wan»n,  diiss  diese  Periode  dii'  Slaven  überhaupt 
■rlrt  U-nlhrte  oib'r  von  so  kur/er  Ihuer  war.  dass  >i<*  keim*  materiellen 
Spuren  zurtlckliess,  vielmehr,  vielleicht  dun-h  die  südliche,  weiter  vor- 
■Mrhrittf'ne  Nacbliarstiiaft  veranlasst,  so«rleich  in  jene  des  KisrMis  ül>er- 
npL  MH*it  menschenleer  also  fanchMi  die  SIa\en  ihre  neue  Heimat; 
IV  Hn/Hn**  Theile  waren  von  Menschemnas^Mi  bewohnt,  die  zu  den 
^•rt2#-fiiri»n  norh  Stein  vei-wendeten,  wnnit  auf  keiner  siuiderlicb  ent- 
■itk♦^tFn  (*iilturstufe  standen.  Die  ArU'iten  der  (  nltiviriinji  d<s  IltNlens 
■Hktpn  nur  lanfr^am  vor  sich  jz«i;anjren  sein,  denn  ibe  Ankrmniilinire 
Ä<Mn  m*i>t  auf  ungeheure,  ^<»n  zahlivichen  Flüs<en  dup-liNtriniite  und 
•uSwu  andSnmpfen  unterbrochene  rrwillder,  den»ii  Licht nnj!/«'iträume 
teB^pnicIit'*,  di«*  sich  der  Herechnnn^  entziehen,  ila  uns  nicht  einmal  die 
IBtiH  U'kannt  wn»L  mit  denen  sie  hewerkstelliixt  wunlen,  ire-^rhweiiri'denn 
4f  Int^^iti&t  und  Extensität  der  Arbeit,  lunnerhin  veru'iieji  ii  bis  zu 
•»*r  halbv»*u>  nennenswerthen  ColuniHrunjr  nu'hrere  .lahrhunderte  und 
^  4j*-^T  Umstand  einijfi'nnassen  «las  HiUhx'I,  wii'so  dir  >la\ cu  zuletzt 
■•t  aI!»^  ari'^'hen  Völkeni  auf  den  Schauplatz  der  (Mschichte  treten. 
w/#it.  na«-b  lier  nicht  die  Sla\en  die  ^^her^^;dMlteu  Ti-rritorien  besetzten, 
X  ii«  V.  .lahrhnndcrt  v.  Chr.  und  wahr^iheiulich  '«'nir  di«*>e  IJc^it/un«: 
•  rn-  !f>'niiime  Zi-it  jener  «ler  Kustiii^siun»e  lie^  lN»ntu>  und  <ler 
■Mr»ii/.-rMl*'n    nordlichen    (iebiete    «lurch    die    Sk\lhen    und    S;iriiiati*n 

« 

*wt«  S'liiin  in  jemr  /«'it  sin-l  mc  auf  di»'M  iii  in'^prüii'jlichen  sla- 
'»trT.  Hfalf^n  in  die  nachmals  scharf  herxoHretendt'  nordo^tNüd liebe 
•i»*<|i,ho  Gruppe  Riitondert,  trotzflem  sie  die  territoriale (iemeinM-luift 
•*»  i»hrh(ui<kTtv  buwahn*n. 


72  Enrop**!  Horden  und  Otten. 

Auch  wer  dio  Slavcn  als  IlirtenTolk  von  den  neuen  Wohnsitzen 
Ik*8itz  ergreifen  IfiFSt^  wird  unbedingt  zugeben,  dass  sie  diesen  Znstand 
schon  h\i\\io  vor  Ablauf  jmserer  Zeitrechnung  mit  dem  Ackerbau  ver- 
tausrhti^n.  Die  zahlreichen  in  die  Viehzucht  einschlägigen  Benennungen 
weisen  darauf  hin,  dass  die  Slaven  diesem  materiellen  Culturzweige 
eine  grosse,  ja  ungleich  gröi^sere  Aufmerksamkeit  widmeten  als  selfart 
di(Y  (icimanen,  ein  charaktenstiKcher  Grundzug,  der  auch  nach  der 
'riualung  der  Slaven  in  P^inzelzweigc  seine  Geltung  bewiJurt.  Eine 
uralte  Bcschftfligung  war  die  Bienenzucht.  Mit  der  liebe  zur  Yieb- 
zucht  verband  sich  die  Liebe  zum  Ackerbau,  theils  im  Katnrell  des 
Slaven  gelegen,  theils  durch  die  Beschaifenheit  des  zur  Cultivirung  wie 
(Mgons  gesciiafTencn  Bodens  veranlasst.  Der  Ackerbau  wurde  intensiv 
betn<»])en,  wie  aus  den  Bezeichnungen  fftr  die  verschiedenen  Acker- 
werk/euge  und  (ietreidrarten  erhellet.  F&  existiren  diesfialls  panslavische 
Benennungen  für  den  Pflug  und  dessen  einzelne  Bestandtheile,  ebenso 
(Wr  alle  in  Ost-  und  Mitteleuro])a  angelwiuten  Getreidearten:  Kon, 
Wei/en,  Gerste,  Hafer,  Hirse,  ('ebt^rdies  kannte  man  die  FekhrObe, 
von  HUlMMifrüchten  di(>  Krl)se,  die  Linse  und  die  Bohne  und  noch 
andere  ('ultur]>tianzen  wie  den  Mohn,  den  Hanf,  den  Lauch. 

Als  Nahrungsmittel  diente  auch  Heisch.  Milch  und  Obst,  nament- 
lich A]>feK  Binie.  Weichsel  Pflaume,  Nuss;  als  Getränke  eine  klbisükii 
erzeugte  iH'nuischende  Flüssigkeit,  und  der  Wein,  dessen  KenntniH 
man  dem  gennanischen  Westen  venlankte.  Von  anderen  Baumsüten 
wairn  schon  iN'kannt :  die  FJche,  die  Linde,  der  Ahorn,  die  Buche,  die 
Winde,  die  Birke,  <lie  Fichte,  kurz  die  Baumai-ten,  die  in 
zwiM'heu  dem  Ai\.  und  i^d  ^  n.  Br.  geileihen.  Der  Ackerbau  war 
schon  in  frtkher  Zeit  die  Haupt beschfiftigung  der  Slaven  nnd 
dieser  Tnistaud  S4*hou  allein  hin,  ihren  Cultuiigrad  als  keinen  geringen 
hinzustellen.  An  die  dauernde  Ausiinleluug  erinnert  die  Beiekfanaig 
für  IXirf  und  Haus,  und  weni<»u  die  einzelnen  Theile  des 
detaillirt  niis  eiimnder  gehalten.  Vennuthlich  waren  die  Uftnser 
höl/enu  oligleioh  die  Kenntniss  des  Kalkes  gemauerte  mindestens 
rtussi^ilit^sst,  /wisclu»n  dem  Hause  uml  dem  Stalle  mit  der  Tenne 
tier  Ht)f  uml  i>t  die  Ansicht,  dass  die  <la vischen  Urahnen  mit 
'riiien'u  nicht  nur  unter  demselKMi  Ihiclie  wohnten,  sondern  müA 
eigene  Wohnum;  mit  ihnen  theilten.  divrch  nichts  begründet.  }( 
AokcrUiu  IvtrieUMi  einzelne  Sip|vn  n4K*h  vor  der  Abtrennung  iMi 
lit^^unmtstamme  allerlei  primitive  Gewerlie.  Allgemein  verhppitet  wt 
ilio  Kennt  nis<  de-^  Flecliteus  und  Wt»U>ns,  der  Anfertigung  von  aDaU 
Klci*lungsst»ickt'n,  d«s  /.inmiern<  Wi  Anwendung  von  eiserne« 
meuten.  i*ie  di^  Meiss*^ls,  dtT  Zau^'O.  der  Axt.  (.ieW  kannten 
du»>o  alten  >la\cn  nicht. 

Von  N.i:ur  aus  kein  kriejeri>i*hes  Volk,    war  iia>  Befirebem 
>*.;i\cn    -t^licÜv-h   A\ix  FrluUtuU'i  iit*s  Besitzes  eorichtet  und  dienUs« 
Shm.'O  xü^v^llvn  ans  Ho:/ werk  virfrrtiirTe  IW-fesiiCTinstn  nnd  mit 
^^a^lO   \«Tv<luv,o   NhAn.'tiun^'iiH*«,   liio   uK-niÜ   dort   ül*erdüäS9g 
«v^  ^VA;.icr,    rino   HÜ-k^Munu-uo   nauirliohe  >ihutzwtrhr.    das 
:v» :;:■■.:<:;     Fr  «'.yrr.iiii^^-ico  n-uhu  nun  u:cht.  dafür  vertb  idigte 


VtnaiBBiU  4m  BUfm,  73 


imaUüicfaen  Boden  gegen  fremde  EinftUe  und  bediente  sidi  dabei 
eiiei  Waffen,  Bogen  und  Schwert  obenan.  Die  Yertheidignng  war 
iae  regellose,  sondern  wurde  die  wehrhafte  Mannschaft  von  Stamme»- 
nptcrn  angeführt  und  hatte  sich  den  Befehlen  derselben  genau  zu 
terordnen.  Auch  jetzt  waren  die  Stammeshäupter  (beziehungsweise 
i  Volks  hiupter)  somit  nicht  nur  die  obersten  Richter  und  Priester, 
■dem  auch  die  obersten  Anführer  im  Kriege  —  doch  dies  erheischt 
nirbst  ein  pjngehen  auf  die  alte  slavische  Familien verfossung,  aus 
r  sich  die  Bedeutung  der  Stammes-  und  Yolkshäupter  naturgemftss 
twidLelte. 

Die  Familienver&ssung  war,  was  sie  noch  heute  bei  einigen  slavi- 
mi  Völkern  zum  Theile  ist,  eine  patriarchaltBche;  die  Einwohner  eines 
tea  bildeten  eine  durch  die  Bande  der  gleichen  Abstammung,  der 
■toverwandschaft  geknüpfte  Sippe,  trugen  in  Kttcksicht  auf  diese  Ab- 
lararang  einen  gemeinsamen  Namen,  besasseu  gemeinschaftliches  Hab 
id  Gut  und  standen  unter  einem  durch  Walil  l>estimniten  Aeltesten, 
■  die  Ix'itung  aller  gemeinsamen  Angelegenheiten  der  Sippe  anvei^ 
nt  war.  Uniprüuglich  war  dies  das  natürliche  Familienoberhaupt, 
r  Vater  «elliht  und  nach  seinem  Tode  der  durch  Wahl  bestimmte 
dügste«  —  bei  weiterer  Verzweigung  der  Sip])e  nur  derjenige,   den 

•  aUgemeine  Vertrauen  bezeichnete,  lien  gemeinsamen  Namen  erhielten 
9  Mitglieder  der  Sipjie  von  dem  Ahnherrn,  beziehungsweise  Aeltesten. 

Erweiterte  sich  die  Si)>|)e  derart,  dass  ein  Zusammenleben  un- 
IgUch  wurde,  so  schicKl  ein  Theil  aus  dem  Verbände  und  siedelte  sich 
deiNlrts  an.  (rrundsätzlich  wurde  diese  Zweigansiedelung  von  der 
Ahnensitze  gebUelienen  Sipin;  unterschieden,  indem  sie  eine  neue 
ppe  bildete  und  als  solche  auch  einen  neuen  Namen  erhielt,  ohne 
ar  den  socialen  (>>ntact  mit  der  Muttersip]>e  aufzugeben,  die  viehuehr 
ick  die  ganze  Organisation  mit  dersellten  in  genauer  Verbindung 
lud.  Aus  mehn*ren  solch(>n  Sip]>en  bildete  sich  der  Stamm  und 
■d   an  dessen  S])itze  wieder  ein  Aeltester,   dan  Stammesoberhaupt, 

•  neben  dem  Rechte  der  Anführung  im  Kriege  alle  jene  Rechte  und 
KdHen  in  sich  vereinigte,  die  in  der  Sippe  <lem  (reschleehtsilltesten 
kaaen.  Wähn*nd  also  die  Angelegenheiten  der  Sippe  durch  den 
«iUten  Aeltesten  geleitet  wunleii^  lag  die  Erledigung  tier  den  ganzen 
um  betn'ifenden  Frag<*n  in  erster  Linie  in  der  Hand  eines  von  den 
nloren  der  einzelnen  Sip|>en  hier/u  Krwählten,  —  des  Stamraes- 
WfUjn^  in  der  Regel  eines  von  dem  Stanunesahn  in  unmittelbarer 
Ips  Abstaimn«*nden. 

I>ie  genannten  Institutionen  wanai  durchwegs  darnach  angethan, 
f  peivönlichen  Re<*lite  di'S  Individuums  und  die  individuelle  Freiheit 
M  verkümmern  zu  lassen;  wurde  ja  d<K*li  denis<>n>en  die  Mitbestini- 
■f,  wer  die  St(*lle  des  Starosten  )>ekleiden  sollte,  genügend 
rurtirt  nn«l  im  W<*sen  der  Verfassung  die  (ileichlM^rechtiguuK  aller 
virtn«*ll  ausg(>9prochen.  Ks  huldigten  also  die  Sjaven  der  Demo- 
indem  die  Aeltesten  nur  die  ersten  unter  den  (rleichen,  keines- 
1^  DeffpuCen  unter  nN'iitslost^n  Suhjecten  waren.  Nichtsdest^iweniger 
dcCe  sich  bei  einzelnen  StJUnmen  in  Folge  fremden  Einflusses  schon 


74  Earopa*!  Nordta  mad  Oftea. 

ziomlioh  frühzeitig  nicht  nur  ein  Stilndeunterschied,  sondern  andi  die 
Erhliclikeit  der  Füi-stennmcht  aus,  namentlich  bei  Volkszweigen,  die 
unmittell)are  Grcnznachl)am  deutscher  Volksstämme  geworden  waren, 
wUlirend  andere  an  der  (rrundfonn  dieser  Rechtsinstitutionen  noch  durch 
Jahrhunderte  festhielten.  Diese  Aenderungen  hatten  auch  die  Leib- 
eigenschaft und  S  Clav  er  ei  im  («^folge,  so  sehr  beide  dem 
Gruiidwesen  des  sla vischen  Volkes  zuwider  waren.  EiinOglicht  wurde 
die  Krhiichkeit  der  Fürstengewalt  theilweise  durch  den  Umstand,  dass 
der  grössere  Besitz  einzelnen  Sii>i)en  zu  grösserem  Ansehen  verhalf  und 
man  aus  ihrer  Mitte  den  Staniniei^ültostcn  wilhlte,  welcher  Vorgang 
mehrmals  nach  einander  wiederholt  die  Sitte  autkommen  Hess,  den 
Stanime.<^11testen  nur  mehr  einer  bestinnnten  Familiengenossenschaft  zn 
entnehmen.  Di(»s  gerade  erzeugte  bald  auch  einen  Unterschied  der 
Stünde,  indem  diese  bevorzugten  Familiengenossenscluiften  die  erste 
Schicht  zum  nachmaligen  slavischen  Adel  bildeten,  neben  dem  übrigens 
anfänglich  die  ganze  compa(*te  Masse  des  Nicht ad(»ls  die  Freiheit  genow. 
Somit  ist  auch  der  Adel  im  slavisi'hen  Clnindwesen  keineswegs  begründet 

Diese  ursprüngliche  Oi-ganistition  gewilhrte  alx»r  der  Kntwickelong 
des  Familienlel>ens  den  freiesten  Sj)ielraiun,  wie  dies  wirklich  zur  Gre- 
nüge  die  reichhaltige  Familiennomenclatur  schon  ftir  die  Zeit  des  slavi- 
schen  Gesammt Verbandes  erklärt,  welche  mehr  als  irgend  ein  anderes 
culturhistorisches  Moment  die  Slnven  als  ein  gesittetes,  der  Monogamie 
ei*gel)enes  Volk  vorführt.  War  auch  die  Vielweiberei,  wie  bei  allen 
anderen  Völkern,  gestattet,  wogegen  (Tnstlich  anzukämpfen  erst  dem 
(Innstenthum  vorbehalten  war,  so  steht  doch  nicht  minder  fest,  dus 
mnii  in  ^lonogamie  lebte,  und  davon  nur  die  Vornehmeren  und  die 
Häuptlinge  eine  AiLsnahme  machten.  Dafür  bewahrten  aber  auch  die 
Finnen  ihre  eh(?liche  Treue  soi-g^ltig  und  l)esiegelten  sie  selbe  liänfig 
noch  damit,  dass  sie  mit  dem  Tode  des  Gatten  freiwillig  dem  Leben 
entsagten. 

Die  Heiligkeit  des  Familienlei »ens  bildest  noch  heute  einen  charak* 
t4'ristischen  (inmdzng  der  Slaven.  Befestigt  wurde  diese  nicht  wenig 
durch  die  vollkonnnene  IU»chtsgleichheit  aller  (ili(Mler  innerhalb  der 
l'amilie  sowie  in  weiterer  Ausdehnung  der  SijjjK»,  des  Stammes  und 
A'olkes.  Von  dieser  H<*chtsgl(Mclilieit  wanm  die  Fi^auen  nicht  an»' 
geschlossen,  deren  Stellung  keine  untei*ge<>nlnete,  zumal  sie,  wie  die 
Männer,  sen)st  zu  Starosten  gewählt  werden  konnten. 

Auch  gegen  Knegsgeftingene  waren  die  Slaven  humaner,  als  sonst 
für  diese  Zeiten  Sitte.  Diesellwu  wurdiMi  lueht  für  inuner  der  Freiheit 
beraubt,  sondern  setzte  nuin  ihnen  eine  Zeit  fest,  innerhalb  welcher  sie 
sieh  die  Hückk(*hr  in  die  Ileimath  erkaufen  oder  a)>er  als  I*Yeie  und 
Freumle  im  lijinde  bleÜMMi  konnten.  Ferner  genosscMi  Greise  die  grOsflte 
Pietät,  Kranke  und  Arme  die  sorj^samste  Pflege  und  Unterst Ütnmgi 
daher  es  unter  ilnuMi  eigentlich  Vennögensjosc  nicht  gab  und  arm  nnr 
derjenige  war,  der  aus  der  (icsellschaft  als  l)öw*  hinaus  gestossen  wurde. 
DanelM'u  rühmen  alle  Schriftsteüer  an  den  Slaven  die  ungewOhnüdie 
(Gastfreundschaft,  di(^  noch  heute  einen  hervorstechenden  Zug  an  ihnen 
bildet  mid  bis  zur  Vei-schwendnng  ausgeübt  wm-de. 


UrsMfiaJ«  4&t  8Ut*b.  75 

Noch  vor  Abtrenirang  in  einzelne  Zweifle  hatten  die  Slaven  durch 
Herkonunen  hefetctigte  Reditmormen,  die  im  (iedftc)itm»ie  der 
Einzelnen  in  marcanten  finomon  erbalten  wnnlen.  PiNrnso  reichen  die 
heutigen,  «ehr  zahlreichen  Gewohnheitsrechte  mit  ihren  Wurzeln  in  die 
Periode  des  uugetheilten  Slaven volkos  hindher.  Mit  FjIm»  und  Kigen- 
thom  im  Sinne  etwa  des  rf^mischen  liechtes  waren  (\\v  Skiven  nicht 
vertraut.  I>ie  slawischen  Sprachen  nümlich  kennen  keine  gemeinsame 
Ik'Zfichnun)?  für  ^erU^n"  und  „EiRenthum"'  umi  sind  somit  diese  l)eiden 
I^efnüfe  der  slavis<*lien  (trundt^prache  al)ziisi)rocli(»n,  womit  es  vollstfiudig 
üliercinstimmt,  dass  das  slavisclie  Gnindvolk  diese  Begriife  gar  nicht 
kennen  kcmnte,  weil  dessen  Familienverfassmig  »bschaften  und  Ver- 
mAchtnis^  nothwendigerweise  ausscliliesst. 

Mit  dem  Rechte  in  inniger  WechsellK^ziehung  steht  die  Ileligion 
und  stellte  man  die  Gesetze,  die  durch  die  Gottheit  geheiligt  wunlen, 
aa(*h  unter  deren  Si'hutz.  l)'w  Religion  war,  wie  bin  jedem  (h»r  Sprossen 
des  arischen  Stammes,  ein  Naturcultus.  In  den  Naturei*scheinungen 
und  Natunerläufen,  l)eMmd(*rs  in  den  Phänomen<'n  des  Himmels,  sah 
auch  der  Slave  wirkliche  Wesen,  die  er  sich  mit  Denken  und  Kmpfin- 
den  aa*igestattct  <lachte,  woninter  einige  ihn»r  ganzen  West»idieit  nadi 
ebeaso  wohltliütig,  als  die  anderen  zerstörend  wirken.  Fllr  die  ei-steren 
wAhhe  er  die  Rezeiclinung  f*Of/u,  filr  die  letzteren  besu,  Ik*ide  Ikv 
Zeichnungen  wurden  bei  Hiristianisining  der  Slaven,  wo])ei  man  auch 
mitffetirachte  Anschauungcni  mit  dem  neuen  (ilaulnMi  zu  verknüpfen 
bestreik  war,  tieibidialten  und  so  wm*de  //o//?/  auf  die  IWeichnnng  des 
christlichen  CSottes  und  l/esu  auf  jene  des  Teufels  tllM*rtragen. 

Im  PÜnklange  mit  allen  I'eberlieferungen  verehrten  die  Slaven 
Hnen  D^u^  deorum^  einen  höchsten  Gott,  den  UrhelHT  des  Himmels 
vnd  d«T  Enle,  des  Lichtes  und  d<»s  Gewitters.  Diesem  waren,  wie  dem 
Sipp«*nober!iaupt  die  GliiMhT,  die  anderen  (Jötter  unterthan.  Der  Name 
ili#*Nes  Cfottes  ist  Svarog,  der  sich  bewegende  Himmel,  der  Wolken- 
fainimeL  in  welchem  Indra  sowie  der  DonntTcr  Perun  h(»rrscht,  filr  den 
Svarog  gewi<sermass<»n  nur  ein  amlerer  Niime,  eine  andere  Aeussenmg 
fft  I><T  oIkts!«*  (lOtt  in  der  lM»s(m<len'n  Aeussenmg  als  rrhel)er  di»s 
I^mner«  heisst  l»ei  verschiedenen  slavi*i('h«*n  Völkern  P(»run.  Als 
rhth«inisch«»*i  Wes«*n  steht  ihm  in  den  urverwan«lten  Mvthen  die  F'.nle 
mtei-fff-n  nnd  ist  dies  auch  fnr  den  siaviselien  Mythos  anzunehmen,  wie 
*#il<-h#^  die  tnulitionelle  Literatur  ausser  Frage  gestellt  hat.  Als  S4>}me 
4nB  <ib#TNten  (rotten  Svan»g  wenl(»n  dii»  Sonne  und  das  F«mi<t  angeführt^ 
■ofari  Hne  ]iartiell  slavis<*he  AuiTa^sung  ülie  süd>lavis<*lie  i  an  \\v^*  als 
«Iritten  lh*udiT  d(*n  Mond  un<l  als  Seh  wester  den  Morgenstern  anreiht. 
Fir  dfn  Sonnengott  ist  urkun<llich  eine  Anzahl  von  Namen  erhalten 
trUiplipn,  dio  auf  eine  besondere  Ven*hrung  d(*ss4*lb(*n  sehliessen 
iMiPO.  In  den  urverwnndten  M\ihen  hat  ferner  der  Sonnengott  aucli 
ifip  Gf^ung  dw  Kriegsgottes.  AN  TlM-omorphose  der  reinen,  hiitem 
IjA  ist  Svetovit  anzusehen,  Iwi  den  PolalMMi  auch  als  Orakelgott 
wivlirt  und  Werköpfig  (Lii'gestellt.  Als  (iott  der  Heerden  nennt  man 
Vel^ji.  mvprQnglich  elienfalls  ein  Suinengott.  Aiiss<»nl(»m  sprechen 
(^''Uen  von  einem  Gott  der  Winde,  des  Sturmes  und  l'ngewittcrs, 


76  EQTop**8  Korden  und  Osten. 

Stribog  und  von  andern  göttlichen  Persönlichkeiten,  die  nnr  locale 
Bedeutung  beanspruclicn.  Dass  auch  Göttinen  eine  Verehrung  gezoUt 
wurde^  liegt  in  der  NaUir  der  Sache.  Mit  Sicherheit  darf  hierher  ge- 
zahlt werden  Vesna  oder  Lada,  die  Repräsentantin  der  heiteren 
Jahreszeit,  und  Devaua,  Deva  die  (Töttin  des  Frühlings  und  der 
Fruchtimrkeit.  Unter  den  bösen  CJottheiten  steht  ubenan  Morana, 
die  Repräsentantin  des  Winters  und  des  Todes,  sowie  der  Grott  Stribog 
wobl  zunächst  hierher  zu  ziehen  ist. 

Als  mythische  Wesen  niederen  Grades  wurden  verehrt  und  sind 
uns  zumeist  durch  die  traditionelle  Literatur  überliefert  die  Vilen 
(Sing.  Vilo)  und  Rusalken  (Sing.  Rftsall:a\  die  Herrscherinnen  über 
Flüsse,  Wälder  und  Bei-ge,  die  liojenice  und  Sojenice^  die  Schicksals- 
göttinnen, sowie  die  finsteren  Mächte:  Jnga-haba^  ßeff  und  Ferf, 
welch'  Letzterem  die  Mond-  und  Sonnenfinsternisse  zugeschrieben  wurden. 
Sind  auch  die  hier  augeftlhrten  Namen  zwar  localer  Natur,  so  ist  aii- 
derei"seits  sicher  gestellt,  dass  die  Kennt niss  der  damit  bezeichneten 
Wesen  allein  Slaven  oline  Ausnahme  zugesprochen  werden  müsse.  In- 
gleichen  war  auch  der  (ilaube  an  T rüden  Mora  und  Vampyre 
Vhikodlük  ein  unter  den  Slaven  allgemein  verbreiteter.  Jede  Sippe, 
sowie  der  Stamm,  verehrte  noch  in  den  Seelen  ilirer  abgeschiedenen 
Häuptlinge^  l)eson(lere  Gottheiten,  ja  jedes  Haas  hatte  sogar  seinen  be- 
sondern Hausgeist. 

Den  guten  Göttern  wurden  Opfer  dargebmcht  und  dies  von  da 
Starosten,  die  die  Stelle  der  Priester,  die  als  eigener  Stand  bei  allen 
Slaven  nie  aufkamen,  zu  vertreten  hatten,  Es  waltet  rücksichtlich  dar 
Nichtexistenz  einer  Priesterkaste  und  eigener  Tempel,  für  die  firühesEten 
ZiMten  des  sla vischen  Heideuthums  eine  Uebereinstimmung  ob,  filr 
si)ätere  Zeiten  digc^geu  eine  augenscheinliche  Divergenz,  Jene  slavisdieB 
Völker,  die  verhält nissmässig  frühe  und  freiwillig  dem  Heidentbnme 
entsagten,  an  die  also  das  Christenthum  in  si'iner  milden  Form  und 
nicht  als  ero)K*nides  und  die  nationale  Eigenart  vernichtendes  MediuB 
herantrat,  kennen  einen  eigenen  Priest ei*st and  und  eigentliche  Heilig- 
thümer  nicht,  wohl  aber  jene,  für  die  das  (regentheil  davon  constatirbtf 
ist  (z.  H.  die  Polaben  und  die  baltischen  Slaven). 

Von  d(»m  Leb(»n  nach  dem  T(Mle  hatten  sich  die  alten  Slaven  eine 
ziemlich  genaue  V(jrstellung  gebildet.  Die  Seele  (Dusa)  selbst  an- 
langend, glaubten  sie,  es  könne  dieselbe  zur  Zeit  des  Schlafes  den 
mens<*lili(heu  KörpiT  verlassen  und  verschiedene  (lestalten  annehmen. 
Nachdem  sie  sich  vom  Körper  bleibend  getrennt,  irrt  sie,  nach  Vor- 
stellung einiger  slaviscber  Völker,  lange  umher,  kehrt  zeitweise  mM 
wiedcT  heim,  woher  der  Gebi-auch,  zu  gewissen  Zeiten  im  Jahre  alleria 
Speisen  für  I>ahingeschiedene  zwisi^hen  die  Fen.ster  zu  stellen, 
schrieb  man  auch  d(Mi  Leichnamen  im  (irabe,  bis  sie  nicht  völlig 
stört  wurden,  einen  gewissen  (imd  von  Lel)en  zu,  und  g{ib  man  desshalb 
den  T(Nlten  Speise  und  Trank  mit  in's  (rrab.  Unter  den  verschiedeiMB 
Weisen  des  Bestattens  sind  die  Ix^iden  ältesten,  das  Begraben  und  dli 
Verbrennen  auch  bei  den  Slaven  in  Uebung  gewesen. 


DU  BÖrdliditB  81«TtM  upd  div  Ktm^t  aüi  ton  OTiiMmiwnm.  77 

Zum  Sdifauae  noch  die  Bemeriomg,  dass  die  alten  Slaven  im  Be- 
tie  einer  figurativen  Schrift  waren  und  erst  mit  dem  Christenthume 
ne  Lantschrüt  empfingen. 


Ble  nOrdlielieii  Slaven  und  der  Kampf  mit  dem 

Germanismus. 

Die  gröMte  Ausdehnung  der  Slaven  fällt  zusammen  mit  der  Macht- 
wchwellung  der  Franken  (550  bis  800  n.  Chr.).  Um  diese  Epoche 
■d  die  Slaven  bis  an  und  Ober  die  Elbe  vorgerückt;  sie  sitzen  in 
ITagrien  bis  gegen  Kiel  in  Holstein,  auf  den  Inseln  Wollin,  ROgen 
laTiMii:  Rana)  und  Fehmem.  Sie  gehörten  dem  sogenannten  pola- 
iachen  Stamme  (Lahe  =  Elbe,  also  „Elbanwohner^),  der  jedoch  nur 
Mifrmphiscfa  zulflssig  ist  Die  Polaben  bildeten  keine  eigene  Sprach- 
wktat,  sondern  sind  eine  Unterabtheilung  der  Ostlichen  Polen  oder 
•Jlchen,  deren  Idiom  sie  auch  redeten.  Sie  zerfielen  in  zwei  Haupt- 
alKr,  in  Lutizen  (Weleter  oder  Wilzen),  zwischen  Oder,  Ostsee 
■i  Elbe,  in  Brandenbmig ,  wo  sich  heute  auf  altem  Slavenboden 
MiB  mit  seinem  echtslavischen  Namen  erhebt,  und  in  Bodrizen  oder 
»botriten,  in  Mecklemburg  und  Holstein.  *)  Von  den  Lntizern  ge- 
legten etnzelne  Haufen  um  450 — 5r>0  bis  nach  Batavien  und  Britannien. 
■  Oitcn  der  Polaben  wohnten  die  Ljftchen  oder  Polen  (von  pole^ 
Wi,  also  Bewohner  der  Ebene),  in  Russisch-Polen,  Pommern,  Alt- 
nnd  Schlesien.  Im  Süden  der  Ljächen  waren,  wahrscheinlich 
454  und  492  die  Czechen  in  Böhmen  und  Mahren  einge- 
das  rie  in  seiner  Gesammtheit  in  Besitz  nahmen.  ^)  Auch  ein 
Oesterrädi's  wurde  czechisch,  freilich  ohne  je  zuvor  deutsch 
so  sein.  ^) 
Aehiilidi  erging  es  dem  Süden.  Noch  waren  die  deutschen  Baiern 
neuen  Besitzes  am  nördlichen  Alpenfusse  nicht  völlig  sicher 
jwmJeu,  als  im  VIL  und  MII.  Jahrhunderte  die  wcstjmnnonischen 
■i  norisdien  Slaven,  das  Volk  der  Slovenen  in  die  Alpenländer 
auabnch.  Jedoch  nicht  mit  der  Gewalt  siegreicher  Wafien  erstritten 
ie  «dl  ihre  Wohnsitze  daselbst,  sondern  geräuschlos  füllten  sie  erst 
las  verödete   Fhichland   mit   vereinzelten   Weilern    und   Dorfechaften, 


*|  Xkck  Bcba  f  arik   wjkr«n   die  PoUb«o   ein   eigener  8p  raeh  st  amai   getveetn 
Ift4r«l  Ubaptvölker :  Luiiser,  Bodrixer  und  Horben  (Wenden)  serfellen.  (SlmHack^ 
IL  fid.    8.  508,  516— ft48);  die  neuere  Forschung  (Schleieher  u.  A.)  h«t 
Als  •!•«■  Irrthom   erkennt.    Die  Poleben  weren  Polen,  die  Sorben  hingegen 
dem  Cseehisehen  Ähnliche  Spreche.     (Rieh.  Andri^e«    Wtmdttck^ 
Imr  Kmnd»   dtr   Lautitn   und   tUr    aorbtnwtndtm.      btuttgert    1874.      8. 

I 
^   DI«  heirte  in  dieeea   beiden  Lindern  ensiUsigen  Deutschen  sind  Eiowenderer 


^  VfL  hterftbMt   Prof.  Alois  Bembere,    V^^r  di€  Lmpm  der  WvkmttäUem  4m 
,   Ammrm   mtU  /"«Wcn«    im   KitderUfrreich,    Mim  krüi^tHu  I7ii««r- 


l8  BaropA^s  Norden  viid  OiUa. 

Tiiachten  allmählif^  auch  höher  gelegene  menschenleere  Thftler  nch  zum 
Kigenthume  und  drangen  mit  jugendlicher  llQstigkeit  iMdd  in  die  bisher 
fast  alles  Anl)auos  entbehrendem  Berge.  Fremde  nannten  sie  Winden, 
sie  selbst  sich  Slovenen  oder  als  (lebirgsbewohner  Ko  rat  an  er,  wovon 
der  Nauio  Kärnten.  N(M:h  im  XI.  Jahrhunderte  erstreckten  sich  die 
Sitze  der  Slovenen  gegen  West  und  Nord  unendlicli  weiter  als  jetzt, 
bis  zum  Inn  und  den  Di*auquel]on ;  sie  erfüllten  das  Piiizgau  und  kamen 
bis  in  das  Zill-  und  Wupporthal  bis  tief  an  die  Saale  hinab;  verbrei- 
teten sich  von  Pougau  bis  an  den  C)l)er8ee;  erschienen  an  Steyer  und 
Krems,  an  L<)il>en  und  Dietacli,  an  Erlaf  und  Traisen.  Ober^  mid 
NiederösteiTeich  waien  südlich  vom  Donaidaufe  von  Slaven  bewohnt') 
Slavische  Merkmale  lel>en  uuverkennliar  im  Volkstypus  um  Lienz,  im 
Kalserthale,  in  Teifereggcn  nnd  im  Hochpusterthale;*)  desgleichen  im 
salzbm-gischen  Lmigau,  wo  auch  noch  (Msnamen  slaviscben  Ursprungs 
vorkommen;^)  in  SVälschtirol  und  Yrrnul  ist  das  Bestehen  von  Slaven- 
YQüten  ausser  Frage  gestellt.'') 

Diese  einstige  Ausbreitung  des  Slaventhums  und  die  lange  Frist 
seiner  Anwesenheit  auf  heute  deutschem  Boden  gestatteten  der  slavisdifia 
C^ultur  feste,  dauernde  Wui'zel  zu  fassen,  und  es  bedurfte  hartn&dqger, 
langwienger  Kämpfe^  um  sie  zu  vertilgen,  was  oft  nm*  selir  unvollkommen 
gelang.  I)ie  S])uren  des  alten  Slaventhums  sind  desshalb  £ast  nodi 
allenthalben,  in  Norddeutschland  wie  in  den  Alpengebieten,  wahrnehmbar. 
Das  Deutschthum  der  letzteren,  besonders  dt^  sogenannten  Inneiv 
östeireicli,  ist  also  sehr  jugendlichen  Datums.  Die  Culturstufe  der 
Slaven  war  übiigens  jener  ihrer  dc^utschen  Nachbarn  in  jenen  Epodioi 
kein(.'sfalls  untergeordnet.  Frühzeitig  schon  zog  der  Ptiug  des  Slaven 
seine  Furchen,  als  die  Sueven  noch  ein  nomadenhaftes  Wanderieben 
fühi1en;-''j   m*spi*ünglich   s(^hon   scheint   er  geneigter  zu  Landbau  und 


')  Noeh  viol  itpütor  werden  nicht  nur  einzelne  Selavi  dAselbet  geiuuuit,  lOBitn 
die  Qpgonden  An  der  unteren  ünne  sowie  das  Lnrnfeld  heiMen  nrkondlieli  i*  f*^ 
Sclatatwrum  f  das  Land  zwidchen  Enns  und  Kahlengebirge  b«i  Wien  Selawimim,  (Ad* 
F  i  c  k  e  r  ,  Der  Mensch  und  »eine  Werke  in  den  ötterr.  Alpen.  Jahrbueh  de%  S»t0rr,  Aift»- 
Verein*  1867.     IIT.   Bd.     8.  16.) 

*)  Prof.  Dr.  IL  J.  Bidermann,  Slaeenregte  in  Tirol.  {Slavitche  BlHitr.  VHm 
18A5.     T.  Bd.     S.  1'2-16,  78—83.) 

')  Dr.  Heinrich  Wall  mann,  Lnngau*»  Land  und  Leute,  (MtUktOmn^m  Jff 
uhterr.  Alpenrereins.     IL  Bd.     ISOl.     ^.  81.) 

<)  HiPhfi:  VaterlüniliHehe  UUitter  für  den  üeterr.  Kai»er$taat.  1816.  B.  178— WOj 
dann:  Cauopin  eenkeho  Mutseum.  1811.  S.  341;  forner  Borg  mann  in  den  WismerJäkr- 
büeher.  V2l.  Bd.  MH«c(7ft/arf  H.  48)  und  Hr  es  nie  wii  ky  in  der  Karni^ia,  VI.  Jakff 
S.  07  u.  8.S,  Hinhf*  auch  den  Aufsatz:  Italienieehe  Slaven  ( Beilage  zur  AUgtmHmtm  MtiUi9 
vom  0.  März  18f>4.     H.  1040  ) 

)  Mein  Freund,  Pr(»f.  Dr.  Küsler,  bekämpft  diese  Anachauung;  ihm  «iMIP 
wären  (icithen,  BaHtarner,  Snrniatcn,  Alanen  auf  höherer  socialer  Htnfa  gastandan  alaAl 
Slaven  fl'ehfr  den  '/.eitpunrt  der  ulavinehen  Ansiedlunff  an  der  unterem  Vornan.  Wim  U3^ 
8*  S.  8),  hütten  Oermnnen  und  Harniaten  auf  sie  eingewirkt  (A.  a.  O.  B.  6)  nod  wirf 
dc>«  Ackerhauon  noch  wenig  bei  ihnen  gewogen.  Die  Blaven,  meint  er,  wann  iMMBk  hlii 
an  Herd  und  Hrhnlle  festhaltendes  Volk,  sie  sind  es  erst  viel  apiter  geword^a  (A.  a.  0 
H.  7).  Prof.  Itunier  hat  dabei  die  Zeit  bis  etwa  4ÜÜ  n.  Chr.  im  Auge.  lat  aalM  Dtf- 
ntcllung  richtig,  "o  haben  sich  die  HIavcu  jedenfalls  sehr  rasch  zu  der  oben  gcaakildartli 


t)l«  Bör^Iidbea  8l«TtB  ««4  At  Kampf  alt  dem  G«rmMiUiD08.  79 

ruhiger  Freude  am  Dasein  alfl  viele  germanischen  Stftmme,  nnd  tu 
Eiftiiflel  und  Wandel  haben  die  Slaven  sich  gleichfalls  eher  gewandt  als 
ihre  Nachbarn;  die  shtvischen  StAmme  ragten  durch  grössere  Beweg- 
lichkeit henor,  durch  schnelleres  Auft)ltthen  von  Handel  und  (lewerbe, 
irelofae,  als  die  Deutschen  kaum  erst  die  Ostsee  kannton,  hier  sehr 
lebhafte,  durch  die  Sage  glänzend  gefeierte  Tcrkehrsmittelpuncte  heraus- 
Hebikli't  hatten.  ')  Ihre  Stadt,  das  reiche  Julin  oder  Vineta,  das 
(Tenedig  des  Nordens  an  der  Odemiündnng,  dessen  Glanz  Adam  von 
Bremen  sdiiklcrt,')  ist  der  Sammelplatz  gewinnreichen  Verkehrs,  ja 
üe  Stätte  eines  gewissen  verfeinerten  Lu^ais  am  baltischen  Meer  — 
iem  ,  Wendischen  Busen^  wie  man  damals  sagte,  —  gewesen,  ward 
iber  schon  im  VIII.  Jahrhunderte  tlieils  von  den  Normannen,  tbeils  von 
fen  Wellen,  zuletzt  1177  von  den  Dänen  zerstört.  Die  Geschichts- 
Kbreiber  jener  Zeit ')  rflhmen  gleichmässig  die  Thätigkeit  der  slavischen 
Völker  an  der  Ostsee,  die  I«^lle  und  Behaglichkeit  ihrer  liebensver- 
kütnime,  ihre  Geschicklichkeit  nnd  Emsigkeit  in  Ackerbau,  Viehzucht, 
Fischerei,  Handel  und  (Jewerbe.  Die  slavischen  Sorben  beuteten 
vielleicht  zuerst  die  Salz(]uel]en  Halle's  *)  aus,  die  Pommerauer  woben 
«ottene  und  leinene  Tücher,  bauten  Getreide,  Flachs  und  Wein,  brauten 
McAh  und  Bier;  schon  vor  den  Germanen  übten   die  Slaven  Bergbau 


Caltttrllöh«  emporgeschwungen,  die  in  die  Zelt  nach  dem  Jahre  400  n.  Chr.  mit  und 
gl«ieki«itigen  Quellen  gut   verbUigt  ist.     Beweist  der  Umstand,  dass  dan  deutsche 

Pflog  Mii  d«m  aiavischea  entlehnt  ist,  auch  keine.^weg;*,  daes  die  Germanen  den 
▼OS  de«  Slaven  «rlernt  haban,  so  deutet  doch  ihre  alte  Beiianntschaft  mit  dem 
Fluig«  iarMif  hin ,  daa«  ihre  Malgang  sum  Ackerbau  und  au  aetshartem  Leben  mehr  itt 
ala  Umrn  b\o—  Fiction  SrhafarU'a  und  Anderer,  die  ihm  gläubig  folgen  (A.  a.  O.  8.  83). 
C«hri;efta  spricht  Rö-*ler,  vornehmUrh  von  den  aOdlicben  Hlavan  und  ea  Ist  sehr  wohl 
iaakbar,  daaa  dieae  nach  dem  Zeugnisse  des  Procopius  im  VI.  Jahrhundert  noch  gerne 
irnm  Wohnort  wechaelten,  während  die  nördlichen  BrUder  lltng<it  schon  feste  Wohnstltten 
gagraBdal  hatten. 

*>  JuhaBaea  Falk«,  Di4  Bau»o  ai»  d*ut§cht  Sf-umd  SaMd^limaehi.  Berlin  o.  J. 

!•   B.  a. 

^  II.  IS.     Siehe  auch  Vircliow,  Auigrahrnng^H  ouf  d9r  Imtl   WolHn,    (TerhattJ^ 
WsAi^tfN  ii«r  B»rUm€r  AnthropologUehtn  0*8eU»ehaft.     1811.     8.  58—67.) 
^  Ifclmold,  Adam  von  Bremen,  Arnold. 

*;  Kach  V.  Ilehn  {Üa§  Satt.  Berlin  1873.  b*)  w&re  Hall,  HaJh  indens  keltisch  und 
41«  K«aai  der  SaUge« Innung,  den  Oermanon  völlig  unbekannt,  diesen  von  ihren  kelti- 
Naehbarn  im  Hüden  nnd  WeMen  augegangen.  Auch  für  Halle,  welches  dem  Lande 
Kalten  fernabliegt ,  i»t  Ilehn  geneigt  (A.  a.  O.  8.  54),  einen  keltii«chen  Ursprung 
^lagawinnong  ansonehmen,  gesteht  aber  au,  dann  die  »laviüche  Invasion  einem 
Tkaile  d«>r  deutsehen  Salinen,  sowohl  Reichenhall  aln  Lüneburg  und  Halle  ihre 
njaln^nomie  gegeben  habe.  Die  Slaven  gaben  nicht  nur  Minen-  und  Halzknechte  ab, 
mancher  in  den  genannten  \Verk<'n  gcbrituchliche  Auf*druck  stammt  aus  ihrer 
I>Bg*gaa  erhob  ludest  Herr  Bexsenbcrger  Einspracht  indem  er  für  Halle  a  S. 
KrklArang  als  unxolit!«pig  surückweist  und  hat,  katta  als  ein  deutuchea  Wort 
redAflii/t.  (Hiebe :  l'ebrr  den  OrttHomtn  Hallf  im  CorretpondeHtblatt  der  detittehen 
C^ftimekmft  für  AMhntpologit.  187.^.  H.  76.)  Von  diesem  neuesten  Stande  der  Local- 
fraf«  lat  der  anonyme  Verfaaaer  einen  anregenden  Aufsatzes  h*r  Samt  Ball  im 
JWhrAMacAea  Mtrkmr  vom  II.  November  1875  nicht  genau  unterrichtet;  bbrigana  nimmt 
•nah  Hehle  iden  (Da$  Salt.  Leipzig  1875.  8*  H.  11— I.'*)  von  diesem  Einwände  noch 
hmimm  Sofia. 


80  Eorop*'«  Norden  und  Ostta. 

und  schmiedeten  treffliche  Geräthschaften  und  Waffen.  Ihrer  Sitten, 
l)esonders  der  Treue  der  slavischen  Frauen,  gedenkt  rtthmeud  Bonifii- 
cius.  >)  Die  Ranen,  die  ßcwohncr  Rügens,  waren  ein  überaus  tapferes, 
mächtiges,  durch  Schifffahrt,  die  wie  l>ei  den  germanischen  Normannen 
wohl  auch  in  Seeraub  ausartete,  Kunst  und  Reichthum  berühmtes  Volk, 
wofür  wir  das  2^ugnis8  Widukinds  besitzen.'  Ihre  Hauptstadt  Ore- 
kunda  oder  Orekonda,  deutsch  Arkona,  auf  der  Halbinsel  Witow 
barg  Swantowits  weithin  gefeiertes  und  berühmtes  Ileiligthmn.  Rethra, 
die  Hauptstadt  der  Ra tarier  mit  ihrem  prachtvollen  Tempel  Badegast'a, 
war  viel  Ix'sucht  und  „aller  Welt  bekannte  Zur  Zeit  als  diese  Cnltor* 
Stätten  der  alten  Slaven  gegründet  wunlen,  lagen  die  deutschen  Stftmme 
noch  in  rohen  Anfängen  der  ('ultm*entwicklung.  £s  geschah  dies  als 
(las  Grossmährische  Reich  zu  weithin  strahlendem  Glänze  sich  erhobt 
Darf  man  auch  nicht,  wie  llinige  thun',  in  den  Slaven  die  Lehrmeistar 
der  Germanen  erblicken,^)  eine  Rolle,  welche  den  älteren  Kelten  xn- 
fällt,  so  ist  andererseits  eine  Unterschätzung  dieser  älteren  slavischen 
Cultur  eben  so  wenig  gerechtfertigt. 

Dies  waren  die  Slaven,  welche  in  Güte  oder  mit  Gewalt  za  ontei^ 
werfen  Karl  d.  Gr.  jegliches  Mittel  recht  war,  wobei  sie  ihm  dnrdi 
innere  Zwistigkeiten  entgegenkamen.  Gleichwie  bei  den  Deutschen 
zwischen  Franken  und  Sachsen  uralter  Nationalhass  loderte,  so  &dite 
auch  tief  eingcwui*zelter  Hass  zwischen  Bodrizem  und  Lutizem  unus* 
gesetzte  blutige  Kriege  aiL  Vielleicht  war  dies  die  Hauptursadie, 
wesshalb  die  Slaven  bei  all  ihrer  Ausdauer  sich  in  den  Ländern  zwisden 
Elbe  und  Ostsee  doch  nicht  zu  halten  vermochten.  ^)  Am  meisten  ivaid 
durch  die  Errichtung  von  Marken  oder  Militärgrenzen,  die  Unter- 
jochung der  Slaven  vorbereitet,^)  von  denen  jedoch  erst  mit  der  Herr- 
schaft des  sächsischen  Hauses  das  Kriegsglück  wich.  Mit  rücksichtaloser 
Härte  schritt  der  sächsische  Staimu,  ihr  langjähriger  Nachbar  und  Feind, 
zu  deren  Knechtung  und  EntnationaUsiining.  Otto  der  Groese  m^ 
mehrte,  vervollkoimnnete  die  Anstalten  zur  Unterjodiung  und  enriditete 
die  drei  Bisthümer  zu  Oldenburg  (Starganlj  in  Wagrien,  zu  Ha^elbof 
und  Brandenburg.  Allein  dauernde  Erfolge  wurden  nicht  emmgea. 
Seit  der  blutigen  Schlacht  am  TongciUusse  sank  dius  Uebergewidit  der 
Deutschon  in  den  ]K)labis<nien  Ländern  immer  mein*  bis  Mitte  des 
XIII.  Jahrhunderts  und  die  Slaven  gingen  von  der  Vertheidigung  um 
Augiiffskriege  ül>er,  wol)ei  sich  überall  ihr  Hass  gegen  das  auQsedmngeDe 
<  liristenthuin  kundgab,  in  jener  Zeit  gewann  die  Insel  Rügen  efai 
Vebcji-gewicht  im  I^nde  der  Polaben.  D(t  Temi>el  zu  Arkona  v«^ 
dunkelt(^  den  uralten  Glanz  des  ratarischen  Heiligthums.  Ja  1073 
suchten  die  DeutsclKtii  sogar  Hülfe  bei  den  Slaven.  Erst  1093,  nack 
langem  Fried(>n,  bi*ach  neuer  Sturm  über  sie  henkln ;  nicht  nur  die 
Sachsen,  auch  die  Dänen  fielen  verheerend  in*s  I^ncL     Noch  einnel, 


<)  B.  Bonif.  üpiti,  cd.  WürUwein.    Mogiint.  1789.    8.  248—957. 
•>  Uildobrand,  I>a§  heidttiseht  Zeitalter  in  Behweäen.     8.  SS— 88. 
*)  Hchafarik,  SluvUehe  A/terthUmer.     II.     8.  610. 
*)Bten7A^  Ve  oriffine  ilarehionum.     Vraisl.     1824.     4«. 


Di«  nSrdUelieB  81«T»a  md  der  Kampf  mit  dem  QermaBlsmos.  81 

otcr  obotriUschen  Fürsten,  rafften  sich  die  slavischen  Völker  empor; 
it  aller  Macht  stritten  sie  für  Erhaltung  des  alten  Cultus  und  der 
teu  Sitte,  liis  Fürst  Niklos,  des  Slaventhums  letzte  Stütze  in  dieser 
egend,  IIGO  gegen  Heinrich  den  Löwen  fiel. 

An  der  südlichen  Grenze  ihres  ehemaligen  liandcs  bemächtigten 
ch  die  Slaven  Brandenburgs  und  stifteten  dort  ein  neues  Reich,  das 
Izte  krampfhafte  Zucken  eines  hinsterbenden  grossen,  starken  Volkes; 
157  eroberte  Alb  recht  der  Bär  Brandenburg  und  versetzte  dem 
lAventbume  zwischen  Elbe  und  Oder  den  Todesstreich.  Als  endlich 
ST  Dänenkönig  Wal  dem  ar  Rügen,  die  letzte  Zutiuchtsstätte  der  heid- 
iflcben  Slaven  eroberte,  stand  ihrer  Verdeutschung  zwischen  Elbe, 
der  und  Oütsee  nichts  mehr  entgegen ;  sie  ward  auch  von  den  Deutschen 
lit  ungewöhnlicher  Raschheit  betrieben  und  in  kurzer  Zeit  zu  Stande 
slincbt.  Von  Deutschen  und  Dänen  theils  vernichtet,  theils  in  die 
daverei  verkauft,  gab  sich,  was  übrig  blieb,  dem  Eroberer  in  Zins 
nd  Dienstpflicht  ^ )  Gleiches  Geschick  hatte  bereit«  die  Serben  zwischeh 
MÜe,  Elbe  und  Erzgebirge  betroffen.  Die  germanische  Gaueint  heilung 
ard  von  den  Eroberern  beliebt  und  durchgeführt;  überall  slavisches 
and  als  Lehen  an  deutsche  Vornehme  gegeben,  die  auf  den  an  den 
aTvcfaen  Ortscliaften  gelegenen  Anhöhen  ihre  Vesten  aufrichteten  und 
ie  Bezwungenen  also  im  Zaume  hielten;  am  rechten  P^lbufer  wurde 
124 — 1157  die  slavische  Naticmalität  der  Serl)en  durch  Schwert  und 
jegliche  Art  bis  auf  den  Grund  ausgerottet  1*^  ist  demnach  an 
etwaige  Blutvermischung  im  Westen  der  I<^be  nicht  zu  denken. 
Schicksal  harrte  der  Sorben  am  linken  Elbeufer  in  den  nach- 
erigen  Laositzen,  von  welchen  heute  noch  lebende  Reste  vorhanden 
iwL     Hier  haben  zweifelsohne  früher  zahlreiche  Mischungen   mit  sla- 

Blate  stattgefunden,  wie  denn  für  hervorragende  Persönlichkeiten 
Verlrindungen    selbst    mit    den   entfernteren   Ozechentöchtem 
gut  beglaubigt  sind.   Aber  auch  nach  Befestigung  der  deutschen 
iomehaft  verfiihr  man  gegen  die  Sorlien  immer  noch  glimpflicher  als 
die  Qbrigen  Shiven,  so  dass  sie  den  ersten  Angriff  des  Deutsch- 
im  XIL  Jahrhunderte  leichter  ortragen  konnten. 
Den  an  den  Ufern  der  Ostsee  wohnenden  Pommern  war  eine 

Erhaltung  der  Nationalität  gestattet  Die  Pommern  haben  seit 
kkcn  her  mit  den  Polen  Fühlung  besessen.  Was  von  einer  frühen 
ksidehnung  deutscher  Herrschaft  über  Pommern  herrichtet  wird,  scheint 
kla  mehr  oder  minder  Fab<'I ;  auch  die  frühzeitigen  l^rtthrungen  mit 
kaadiiiavischen  und  dänischen  Nonnannon  waren  von  keinem  ethnischen 

*;  wir  haben  elemnat^h  allen  Grunrl,  die  Ponunern  zur  Zeit  des 

(botartes  mit  den  I>eutschen  als  reine  polnische  Slaven  zu 
eCnchten.  Pommerns  (intlirlie  Seite  bleibt  hingi*  in  dichtem  Dunkel. 
Sm  ]lo7  gelang  es  Boleslaw  Schiefhiaul  den  Fürsten  von  Pommern 
■  winem  Vasallen  zu  machen;  l)ald  darauf  erfolgte  die  vollkommene 
,'Bterwerfung  VonkT-  und  llinterpommerns  unter  Pulen  (1120 — 1121). 
i»  dahin  verblieb  Hinterpommern  in  einem  zwischen  Christenthum  und 

Mink    Falke.     A.a.O.     B.  11. 
«.  Bell w Aid,  CaltargaMhichU.     3.  Aufl.    II.  Q 


82  Earopft^t  Nordeo  und  Osten. 

HcMdpiitliiiin  srliwaiikoiuUiii  Zustando,  in  Vordcrpommem  hciTHchtc  das 
alte  IIoid(uithiun  unprschüttcrt.  Erst  Hoither  fasstc  dort  das  Ohristen- 
thuiii  ff^trii  Fuss,  nicht  alKT  Ko^leidi  das  DeutKchthiini.  Das  noch 
hin^e  s]a>isdH'  liUnd  ward  iM'kanntlich  Kchr  spät  mit  Deutschland  ver- 
ciniKt  und  Ix'sas«  his  UJ.-J7  oingclMjnK»  Iler/tige,  unter  «leren  Scliutz 
sich  einf^  fi'iedlic^h^^  (hiutsche  Kinwanderun^  vollzog.  Diese  führte  zu 
directer  l{e]>reKsion  der  slavis<;hen  PIlenient(t  ^^W^  Osten,  so  dass  zu 
<tiner  ge.wissen  Z(;it  dvr  Gollenberg,  östlich  von  (<>sHn  als  Scheide  galt, 
üIkt  welche  nach  Osten  hin  <he  Slaven  zurückwichen,  während  der 
Westen  nicht  hlos  in  lien  Städten,  sondern  auch  auf  d<'in  platten  Ijande 
von  deutschen  Kinwanderern  aus  NicMlersachsen,  Flandern  und  Holland 
iM'si'tzt  wurd(?.  ';  Oh  (hilxfi  j^.'dwede  Itacenniischung  sich  vermeiden  lies«, 
ist  nicht  so  ganz  ausgemacht;  für  lIintei7)onnnern  steht  sie  fest  und 
ist  die  dortige  slavis(;he  Bevölkerung  sogar  ei*st  sehr  s])ät  germanisirt 
worden.  Die  Anklänge  an  di(^  slavische  Vergangenheit  sind  längs  der 
g&nz(!n  Ostseeküste  no(;h  Uherall  wahrnehml)ar.  Von  Lüheck  bis  nach 
KollK'rg,  dem  alten  Kolohn^,  sind  die  hodeutendstcn  Orte  slavische 
( Gründungen.  Auch  die;  zahln;ichen  P'amiliennamcn  in  „ow*^  (z.  R 
Virchowj  mahnen  noch  lehliaft  an  die  slavische  Ahkunft 

In  d(tn  östli(then  Hinterlanden  Deutschlands  fand  glcich&Us  eine 
theilweise  (iennaiüsirung  statt.  Schon  zu  Kndc  des  Xill.  Jahrhunderta 
g(;hi(^ten  der  deutsche  Kitter  und  der  deutsche  wehrhafte  Kaufinann 
weithin  an  den  haltis<;hen  Küsten,  während  der  deutsche  freie  Bauer 
als  l)evorzugter  (ienosse  d(>s  herrschc^nden  Stammes  zwischen  dienstbarem 
lettischen  Volke  durch  dt^n  frisi^h  geordneten  WaldlxMien  des  preussischen 
lindes  seine  Funihe  zieht;  —  freihch,  in  Kur-,  Liv-  und  Rsthland 
wenigst(!ns,  in  so  verschwindender  Minontät,  dass  eine  ethnische  Um- 
hildung  dort  nicht  erfolgen  konnte.  In  Riga,  Keval  bis  nach  Nowgorod 
walt^fte  der  hansische  Kaufinann  im  grossen  (lan/en  mit  gleichem  Mi»' 
ei-folge.  Sinne  Cultur  machte  sich  sellist  in  Preusscn  nur  in  einem 
s<*.hmulen  Küstenstrich(^  heimisch.  Hlos  Städte  und  Herreiu$it2C  wurden 
deutsch,  die  ländliclu*  ]$evölk(Tung  Imt  ihit^  l(>ttLS(!he  Nationalität  bewahrt; 
d('ssgleich(ui  in  Jvsthland.  In  Livland  verschafiflc  der  Schwert 
hrüderorden  zwar  dem  Christenthume  und  der  deutschen,  damab 
noch  ziemlich  rohen  (iesittung  scnt  1202  Kingang,  in  Litauen  und 
JM-eussen  uImt  opferten  die  Heiden  noch  Jahrhunderte  lang  im  heiligen 
HaiiM»  zu  Homove.  VasI  gegen  Knde  des  XIV.  Jahrhunderts,  als  Gro«^ 
fürst  Jagello  um  die  Hand  der  Krhin  Polens  zu  erhalten,  sich  taufen 
li<>ss,  fand  LitaucMis  n<^kehrung  k(*inen  Widerstand  niohr.  Auf  Polens 
\{\ii'  waren  auch  1 22K  die  ersten  1)  (mi  t  s  c  h  o  r  d  e  n  s  r  i  1 1  e  r  in  das 
\jiii\d  ili'T  heidnisctuMi  Preussen  gekommen,  eifüllt  von  durchaus  Staats* 
niännischein  Trachten  natrh  Hen*schaft  und  Ik^sitz.  Di*eiundfUn£dg  Jahre 
lang  währt(>  der  Kampf  mit  dem  hc^ldenhalllen  Kruste,  oft  genug  mit 
fl(>r  erhaimunghlosen  Wildlurit,  welche  di(i  Völker  einsi^tzen,  wo  es  um 
Sein  (Hier  Nichtsein  sich  handelt,  ehe  das  pifussischc  Volk  den  deutschen 
Onleuhrittern  und  Kreuzfahrern  erlag.     Auf  jedem  die  Gegend  befaefT- 

•)  V  i  r  c  h  o  w  ,  Ärchir  für  A nthi-opologif.     1872.     8.  ö34. 


Dm  rattlftcbe  SlaTftntlium.  83 

benden  HQgcl,  an  jedw  wichtigen  Fürth,  an  jedem  Hafen  erhöh  sich 
w  Burg,  nehen  jeder  Burg  die  mit  Besitz  und  lühischem,  magde- 
irgischem,  cölnischem  Rechte  freigehig  ausgestattete  Stadt.  Der  freie 
if  des  zähen,  behähigen  friesischen  oder  niederdeutschen  Bauern  ge- 
sh  wie  das  frankisch-alemannische  Dorf,  starke  Vertreter  deutscher 
murhe  und  Sitte  unter  hörigem  slavischen  Volk,')  eine  neue  gescliicht- 
he  Erhärtung  der  Thatsache,  dass  die  Stammesverschiedenheit  meist 
ch  Standesverschiedenheit  bedingt. 

Das  russische  SlaTenthum« 

Die  GrQndung  des  russischen  Iteiches  verdient,  dass  wir  einen 
igenblick  dabei  vem^'eilen.  Bekanntlich  ist  die  Geschieht«  der 
aräger,  woraus  das  Ilaus  Rurik  entsprossen,  in  m}'sti6che8  Dunkel 
haut,  lange  Gegenstand  eines  gelehrten  Streites  gewesen,  bis  nuyi 
li  dahin  einigte,  in  den  Warägern  schwedische  Normannen 
erkennen,*)   eine  in  dem  behaupteten  Um&nge  wohl  kaum  stich- 

•)  Vgl.  Kre yttig,  Umsert  Sordottmarle.     Leipilg,  1873.    8* 

*y  Bin«  andere  M«inang  entwickelt  Hildebrand,  Dat  Heidnische  SSeitatItr  in 
hmtd0m,  8.  175:  Wariger  ist  kein  nlnvieche«  Wort,  sondern  eine  i^Uvische  Urowaad- 
ig  4m  germaaischea  Wortas  Warane  (Wiring)  —  und  in  dieser  Redensart  liegt  Tlal- 
■kl  «ia«  Andeutung,  da«B  et  auch  andere  Wariger  gab,  welche  auf  derselben  Seite 
I  M*«r«e  wohnten  wie  Nestor.  Sollte  der  Name  Waranger  oder  Wiringer  einem  im 
tmnm  Rassland  se«^haften  Volke  angehören,  das  seine  weiter  nach  Schweden  siehenden 
MUügeaoesen  nicht  begleitete,  sondern  dort  turückblieb?  Sollte  dieses  Volk,  von 
a«a  slavischen  Nachbarn  bedringt,  sich  bemüssigt  gefunden  haben,  anderswo,  s.  B. 
OwstiwUnoyel ,  Aufenthalt  und  Beschifligung  tu  sueheut  Diese  Hjrpothese  Terhllft 
■%•!••«  au  der  Erklimng,  warum  die  Slaven  die  Germanen  des  Nordens  mit  einem 
r— ■iffhtn  Naman  nanntan,  der  nicht  im  Norden  gebriuchlich  war.  Es  dQrft«  viel* 
h*  4ar  Name  jener  mit  den  nordischen  Stimmen  verwandten  Germanen  eain, 
itak«  la  Rusuland  neben  Slaven  wohnten  oder  gewohnt  hatten.  Wilhelm  Thomeen 
t  alailich  nachgewiesen  (üthtr  den  Einjlut»  dtr  p§rmani§ehtn  Sprachen  am/  die 
ippiechen.  Eint  epraehgeechiehtltehe  Uniereuchung.  Aus  dem  Dini<^heo  über- 
E.  Slevers.  Halle  1870.  8';,  dass  Völkerschaften  vom  finnischen  Stamme 
elaam  stark  germanischen  Einflüsse  ausgesetat  gewesen  sind,  der  sich  noch 
■I  üi  ihrer  Sprach«  bemerkbar  macht.  Die  Mannigfaltigkeit  dieser  Anleihe  und  folg* 
h  mmA  icr  BerAhrung  nöthigt  au  dem  Schlunne,  der  Stamm  oder  die  Stimme  der 
rBaai*«hen  Vülkerfamilie,  von  deren  Sprache  der  finnische  Stamm  noch  heutigen 
!•«  aahlreiche  .\a«drücke  in  seinem  Wortschatz  bewehrt,  müsse  einstmals  Im  mittleren 
■BlAa4  oder  in  den  Ostseeproviuzen  in  unmittelbarer  Nähe  der  Finnen  gewohnt  haben. 
Ibm  kaaa  diese  Frage  nicht  vollstindig  gekürt  werden,  so  lange  nicht  die  Grabhügel 
mtttlaraa  Rutsland  durch  ihren  Inhalt  Zeugniss  dafür  odsr  dawider  ablegen.  Auf  die 
ftaterassante  Arehiologle  Kusslands  kann  ich  leider  hier  nicht  eingehen.  Wer 
»r«  Belehrung  sucht,  der  findet  sie  bei  J.  J  A.  Worsaae,  Rutlande  og  dti 
leieke  Xerdene  Btbjfßgelte  og  ßiJete  KuUnr/orhotd.  Bidrag  tii  eammenUgnemde 
Ärekfieipgif.  {Atrhüger  f.  Sord.  Oldk.  og  Jlihtorie  ISl'Ii^  worauf  J.  Mestorf 
I.eaer  eine  Reihe  spannender  Auf-titse:  C»lturterhüft»iete  Rtteelan^t  und 
tmmrieekem  Sordine  in  torhietoriecher  Ztit  (Glohme  XXV.  Bd.  8.  21,  41,  57,  73) 
hat  Werthvolles  Material  bieten  auch  die  Verhandlungen  des  archioingisehen 
^r««««B  ra  Kijew  1874.  Berichte  darüber  brschten  die  Bneeieche  RtVHC  1874.  IL  Bd. 
J?U  «ad  mein  Freund  Professor  Alfred  Rambaud:  Kit/  et  le  congrie  archiologiqme 
de»  Jems  Ueniee  vom  13.  Desember  1874.     B.  781-815). 

6^ 


84  ■n*v*'*  H«Hm  WMt  (Mm. 

hiUtige  AnTJfht  Enrtgt  mao,  diui  die  hraüge  ToIksamgB  Rrhwiwlfi 
etwas  aber  i  Ttfinkwen  Köpfe  bäragt.i)  m  kwm  dindbe  tot  riaia 
Jahrtausend  keinesbUa  grosa  genug  gewesen  sein,  nm  die  ucmudea- 
den  Warflger  als  ein  aUreidies  Volk  eradMänen  m  In  mm  Die  tB 
Kop&ahl  80  grosae  Ibsae  der  alaviscben  Kuaen  dOrfie  ''»"■■^  di^ 
politiidie  VertHndong  zu  einem  groaaen  Ganzen  mdit  ,^ent  dnnh  dM 
£indriiigen  dee  derben,  thatkrtftigai  Bemeids  der  gerBa^adMaWitfpc 
aas  Sidiweden,  der  sogenannten  Roa"  critngt  h^en.*)  Zudem  kt  te 
GennanimiiB  de-  Wtitga  keineswegs  zweifellos;  es  kt  nicht  niiwihr 
icbeinlicb,  dass  die  WarSger  anstatt  ans  Skandinavien  ans  dem  itatM 
slanschen  Prenssen  stanunlen,  nidit  TOn-der  KM«  Boslagen,  sooden 
von  den  Ufern  der  Weidisel  nnd  des  Niemen.*) 

In  jüngster  Zelt  hat  gegen  die  ganze,  auf  das  aDciiiln«-  Zvuünias  i 
Chronisten  Nestor  fbaaendeGescIiidite  der  Wartger  Fruf.  IldVdUk^ 
wie  tms  dBnkt  —  gegrOndete  Bedenken  vorgdvadit*)  Darnacb  wai 
die  Wariger  keine  Naüon,  sondem  dne  Ome  gedimg^ni'r  Abeiitvui 
ontentUst  ron  den  eänlKÜnischen  maoadten  Fttrsteii.  Doch  s(>i  d 
wie  {hm  woUe,  selbst  Nestor  gibt  zn,  dass,  als  die  Wiirilg<:;r  IteruMC 
worden,  863,  sie  sdion  gesittete  ZusUnde  TOT&aden.  O»tr(>i;ord[ 
das  qAtere  Nowgorod,  war  sdion  ein  bedentanilcr  PlaU  oud  dif 
ehrwüdige  Kijew  am  Dnjepr,  damals  nnter  koau-i-r))^  Herrmsbaft^ 
gUnzte  ebenfells  scbon  vor  der  angebliäten  Ankunft  dieser  >'omi»iuies, 
die  ttbrigeoB  Unnm  Karsem  rdlsUndig  ilaTisirt  «ari'ii.  Hierauf 
ganz  besonderes  Geiridit  gelegt  werden.  Kamen  wirklich  gt;nuani»cta( 
Fremdlinge  nach  Bnaaland,  so  waren  täe  enleehiedeii  nur  in  grringl^ 
Anzahl  nnd  trotz  qiUerer  ZnzOge  von  der  den  Slann  eigcntbainltcta« 
fies(sptk»u-  und  AsgimUirungakraft  etbniadi  an^eacbliirft.  lieweis  Udw 
für,  dass  uns  945  ein  Fant  Si^jatodaw  —  ala  adion  ein  slavisdrt' 
Name  —  begepiet  Nidit  sie  faJien  das  nnsüdie  Volle,  oondeni  t 
masisdie  Volk  hat  sie  nn^tewanddt,  gerade  ao,  wio  e$  di«»  noch 
späteren  Zeiten  mit  vielen  finnisdiea  Stammen  geUuii.  Die  lUirik»  ' 
man  demnacii  nnter  allen  Umstanden,  mOgen  dieaelbcti  wirklich 
mannen  sein  oder  nidit,  doch  schon  nach  buner  Zeit 
slavisirte  Bossen  anzusehen.  Die  TerUndnngen  mit  ili-iii  Matti 
wurden  zwar  andi  fernerhin  anfrecht  erhalten  nnd  div^v<t  vntivs  «icb 
stets  prodnctiv.   Die  AlterthOmerftmde  zeigen  nOndiiik  iiiuwfidoulig  xcn 


')  Ad  n.  DaMvbar  1S«B:  4,1T9,[)S0.    (Btkm'i  a*tfr. 

tnob.  KSiltr.    A.  •.  0.    8.  SI. 

•)  <7*dHMi>  ito-  <U*  ilf  Midti 
8.  fOT.)  Dat  Aafkiti  M  Ktb>o'i  ÄnUt  ftr  tu  trUnmdiaftttil'r  K~;ti  ta*  B^mIM 
(ohoa  bU*t«  Cltlnini)  «ntnommu  nnd  arwllinl,  dui  whoB  Bwrm  (t'"»"*-  10-41 
Bai>*li«  TOB  Oigiintliall  dnfllr  baicalincki  bab«,  lUaa  In  Utwar  fix  >lrt  •lnviid»  KiM 
der  Oarainnan  flOtmifj  aneh  auf  Dleht|arniaiilMba  VOlhat  4U|a<LFliiit  »uidD.  Isb  lull 
Icldir  Toa  diaMD  Aibailaa  kalna  RanatBlu  nabmu  kSnnan.  !itcikv>ilr<ii(  i*l,  daM 
Liibolti,  «la  la  «Inar  aodaran  mir  t>*Kb'*U>  onbakinnt  «cbu<ibaaia  Arbeit  1^ 
Etman')  Ji-ckfa  |aHl(t  wird,  baralU  dls  wasdluh*  Abkunfl  dar  Warlsar  «(• 
bui|itat  hat. 

•}  Vh  Fraft  wcA  irm  Urffnivt  tti  im—luhm  MH1t*t.    (Auriatt  Mtl.  Mo.  a> 


Dm  rnuUeli«  BUT«ntliiiin.  85 

nem  von  Schweden  ansgegangenen  Einflass  aof  Russland  Dennoch 
Irfen  wir  die  Cultnr  jener  Epoche  in  Russland  durchaus  als  eine 
nheimische  lietrachten,  denn  selbst  wenn  die  Waräger  Skandinavier 
arcn,  hätte  sich  diesellK»  doch  von  diesem  berüchtigten  Raubgesindel 
nne?  vere<lelnden  Einflus^s  zu  rühmen  gehabt.  Wie  hoch  oder  wie 
ef  man  das  damalige  Culturstadium  der  Russen  veranschlagen  mag, 
mn  hat  keinen  Grund  es  für  fremde  Importation  zu  halten.  Im 
ihre  922  besuchte  der  gelelule  Araber  Ihn  Fozlan  das  I^and  der 
TolfQi- Bulgaren  und  unter  den  Handelsleuten  vieler  Nationen,  die  er 
«r  traf,  fielen  ihm  die  Russen  ganz  besonders  auf;  er  hat  uns  eine 
emlich  ausführliche  Schilderung  ihrer  Sitten  und  Gebräuche  hinter- 
88en,»)  welche  dieselben  jedenfells  schon  den  ersten  Culturstadicn 
itrQckt  zeigt,  ^)  Auch  wohnte  dem  Volke  eine  eigenthümliche  Städte- 
id Staat engrOndende  Kraft  inne,  «lie  sich  bis  auf  die  Gegenwart  er- 
iltpn  hat.  Gleichwie  ein  guter  Theil  der  heutigen  Städte  Norddeutsch- 
ads  von  den  Slaven  gegründet  wurde  —  die  slavischen  Namen  sind 
i  der  (tegenwart  noch  überall,  selbst  in  Thüringen  ^)  deutlich  zu 
kennen  —  so  fällt  auch  in  eine  Zeit,  wo  es  in  Mitteleuropa  noch 
0f4  und  traurig  aussah,  die  Glanzepoche  der  mächtigen  Wolchow- 
epoMik  des«  altslarischen  Nowgorod  Nirgends  haben  die  russischen 
\ären  in  ihrer  Bc»wegung  nordwärts  die  Küste  erreichen  können,  doch 
thnK  <*»  den  Nowgorodoni  an  einem  geographisch-historischen  Knoten- 
■actc,  an  dem  Ausflusse  des  Wolchow  aus  dem  Ilmen-See  festen  Fuss 
I  fwM-n.  *)  Schon  frflh  wandte  sich  der  Sinn  der  slavischen  Ihnen- 
Bwohner  kaiifanänni^chen  Unternehmungen  zu.  I^ange  vor  der  Fest- 
■temg  der  Waräger  vermittelt(»n  sie  den  Verkehr  des  Südens  mit  den 
aniMiien  Völkerschaften,  während  ihnen  di(»  Karawanen  der  Bulgaren 
Ni  der  Wolga  her  die  Schätze  des  Orients  zum  Umsätze  gegen  nordische 
rmlocte  brachten.*)  Als  die  moskowitischen  Fürsten  hier  ihre  Herr- 
haü  gründeten,  Ende  des  IX.  Jahrhunderts,  brach  aber  die  llandels- 
■pobllk  am  Wolchow  mit  ihrer  eigenartigen  I/'bensordnung  zusammen. 
tngKun  verdichtete  und  breitete  sich  die  agricole  slariscbe  Bevölkerung 
K,  mit  Beil,  Sense  und  Pflug  in  harter  Arb(»it  sich  den  Boden  an- 
liaffpnd;  ,.mein  die  F*nle,  so  w(»it  Ik'il,  Sense  und  I*flug  gegangen," 
b-  mein  Besitzthum  nicht  so  weit  wie  nuAnv  Siedlerarbeit ,  war  die 
1^  Rpchtsformel  für  die  Besitzergreifung  des  I^lens.  •)     Vom  ol>eren 


•)  8i«h«>  b^i  C  M.  Fr  ihn.  8t.  Petersburg  1823.  4*  Meiner  Meinung  nach  kann 
9  vo«  \Var4gern  nicht  mehr  die  Rede  «ein;  keinesfall*  Hessen  diese  »ich  noch  ethnisch 
ttersrh'iden,  so  das«  Ibn  Foslsn^s  Hcbilderuog  nur  i*ie  Im  Auge  haben  könnte. 

•»  Hiebe    William   Pierson,    Aut   Sm$ii!and§    Verganifenhtit.     Leipxig    1870.     8* 

IT—m 

•y  Simtitfht  Orltnumen  im    Thüringerwaldf.     CAunland  1860  No.  99  8-89.) 
*>  Ueber  dte  Ausbreitung  der  .Slaven  über  Ost-Europa  siebe  Hsolowjew,  Gfehiehtt 
tmmda,     (To*t>i»fhi     1.  Hd.     H.  1— >J4. 
*;  Kord  T.  Hrhiüter,  Lirtand  und  die  Anfämgt  de»  deutachen  Lthtm§  im  hultisehtn 
.     B*r  in  1850.    7*    S.  161. 
*.'  Bellüjew,    Geaekieht»  Orc§$-  Noirporcdt   com    dtn   HUeaten  Zeittn  bia  9u  atiitem 
wt'0      #r««ei*rh)     Mo-kan  186t.     8.  60. 


8ü  XntOH'i  Hordw  «ad  OMm. 

WolgarBecken  (Boa  ov,  StudaJj)   dehnte  d  wisclio  Colon^   J 

aation  nach  Nordosten  wia.   Ging        Zog  der  i..^. i  uormannischoii    i 

Staatagrflndiuig  nach  SOden  den  j  spr  hinab,  so  scLen  wir  halA  die 
Kowgwodcr  Slaven  die  Dwina  hin  i  zum  Vej-vMtl  Meeip  voi-dringrn, 
wo  froh  schon  Gholmogory  (Ho  rd)  den  ^littil-  uiid  SchwiTpund 
des  slaTisch-8kandinaTie(£eii  See'  neurB  hildet  w»  heute  Arctiangcltk 
steht,  ward  bereits  im  Xn.  Jahrncmdert  das  KloMi'r  S.  Micltacl  gestiftet, 
welches  Jenen  des  beiL  Geoi^  in  Nowgorod  Dlintitc.  SidierUck  wife 
die  mftchtige  SlaTenrepubli^  im  Stande  gew»on,  eine  äea  Seulscheo 
gefShrlidie  Thätigkeit  zur  See  auf  dem  Baltisdieii  M^itc  zu  entwickela, 
hätte  sie  nicht  ihre  ganze  E  ;  auf  Erobeniitg  luid  Colonisirung  des 
finnischen  Nordens  nnd  der  U  m.  geworfen.  <)   Retssend  schndü 

dehnten  üdi  die  Nowgoroder  ni  '  Itromlajxlseliaftcn  des  nördlich« 
Eismeeres  ans  and  schon  im  XL  Jamrnnnderte  durchzogen  ihn?  Tlandalt-^ 
liantwanen  die  Gegenden  der  Feti  ora,  Fenui(>ii'K  iinil  l'^icii'K  ut/jt 
allen  Biditimgen,  wobei  die  Be  [  dieser  llcrrscliuft  nicht  Inuncf 

ohne  Bbitvergiessen  abging.  In  aem  vreäsiefe  Wsewolods  (XII.  Jub^ 
hundert)  geschieht  bereits  des  ^ndebstandee  an  der  Oni;^  in  K%r"iwi|. 
Wdf^da  und  Permien  Erwähnung.  *)  Die  di^outuligf!  KnlstcLung  der 
KowgtKvder  Ansiedlnngen  lernen  wtr  sehr  anschaulich  aus  dvr  (.'hlynow}" 
sehen  Chronik  kennen,  wollen  hier  aber  nidit  djnuuf  eingfhen.  Vir 
begnttgen  uns  henorzuheben,  dass  diese  ColoiiiäLi'uiMt  durch  die  B»wc(- 
hchkeit  nnd  UnslUigkeit  der  xert^litterten  und  »dikuen  finnla^ni 
Bevölkerung  angemein  erleichtert  nnd  i  sesabslli-.  inndlHiiiende  sUvüobe 
and  davisirte  Einwobnervchaft  immer  dichtei  \s\iyAc.  Unterwerfung, 
Bekdirung,  Slavisinmg  folgten  rasch  aaf  ein^unlir.  Dtut  RusMcnllniiu 
slavidrte  nach  und  nach  den  grOssten  Theil  d:  i-  \<ill{t>r  vun  der  Wolf^ 
nnd  den  Donqnellen  bis  zum  Eismeere  und  i^i"<i  Hliute  au;^  itiiiui  eJM 
uniforme  Masse.  So  entstand  durch  ColonisiitiiMi.  \'ori)tiaiizu»g 
aiimflhlign  Slavisirang  das  sogenannte  grosaras'^i.-icli'.'  Volk,  in  dem  dif 
finnische  Blut  einen  wahrscheinlich  insw^lii'u  l'rm'fntanthdl 

Ueber  dieses  Finnentbum  der  Ri  sind  amci-  ilem  fc:inflasse  palili- 

sehen  Nationalhasses  Uebertrei  ui  in  Umlsul'  gefi/X  wi^rden,  wrld» 
auch  in  deutschen  wissenscbaiuiuien  Werken  Wiodi'rliall  Emden;  die 
part^Ioee  Wissenschaft  gestattet  indess  nur  ni  »liiyu,  ilaHH  An  Slaviü- 
mus  des  russischen  Volkes  von  Norden  nach  Sniku  muimuit,  in  um- 
gekehrter Riditung  dag^en  so  wie  in  der  nai  li  inkii  ahuiiunil  niulin 
dem  Grade  die  Mischung  mit  fremden  BestainlUiiilcu  iiiteniivcr  wird; 
doch  hat  in  Rnsstend  das  SUrlsehe  alles  Fiiiudo  des  Kinnenthum.« 
völlig  Bberwnndea*)    Nur  der  Nordwesten  blieb  vun   der  !Slii\i«mng 


iVoli^ 
1  d»  J 
;  ludl 

n  dif  I 
iiildd  ^ 


I    md  fr  itafOu  aiUtr«,-dKt  *•   ittn   OMihUsAi* 
ro«,  SMutmo-niMtV«  Varvitpnuthta,  Bt,  Palartbnrg  ISO   ll.tA- 
du  ,tiinBlwbaHu»iUTDlk*baira.A.00Llli. 
■)K9>laT,  Ztil^Ktt  itrilavlnlnit  AmItMmMf  ■■  .itr  iiiMmi  I>MM.  «.]>— Ift 


Dm  rviiltfli«  Stevtathma.  87 

L  Aondiliesalich  im  Osten  beschäftigt,  besiedelten  die  Nowgoroder 
Kflstenland  des  Baltischen  Meeres  nftmlich  nidit,  daher  sich  Schwe- 
if Deutsdie  und  Dänen  dort  festsetzen  und  dasselbe  dem  westewxypäi- 
eit  Cultnrsysteme  unterwerfen  konnten.  Anders  wäre  das  baltische 
id  schon  in  frQhen  Zeiten  völlig  slavisirt  worden.  li^Iit  der  Au»- 
ftimg  der  russisch -slavischen  Bevölkerung  hielt  die  Ausbreitung  des 
mtalisdion  Giristenthums  gleichen  Schritt,  welches  bekanntlich  bei 
i  Rossen  unter  Wladimir  schon  988  Eingang  fond.  In  diesem  Puncto 
len  die  russischen  Slaven  selbst  ihre  westlichen  Nachbarn  in  Litauen 
I  Preussen  Qberfiagelt 

Das  Christcnthum,  welches  den  Russen  in  seiner  orientalischen 
rm  zukam,  fitnd  jedoch  erst  nach  reiflicher  Ueberlegung  Annahma 
I  benachbarten  muhammedanischen  Wolga- Bulgaren  waren  bestrebt^ 
i  Grofisfürsten  Wladimir  zum  Islam  zu  Oberreden,  als  dieser  noch 
wmnkte,  ob  er  diesen  oder  das  Evangelium  aimehmen  solle.  Dodi 
'  Bericht  der  Gesandten,  die  er  zur  Gewinnung  näherer  Kunde  über 
verschiedenen  Arten  von  Religion  hatte  ausgehen  lassen,  lautete 
den  I$14m  nicht  gOnstig:  „Wir  sind,  sagten  sie,  zu  den  Bulgaren 
IVtgen  und  haben  gesehen,  wie  sie  in  ihrem  Tempel,  das  will  sagen 
ihrem  Hopat  sich  verneigen,  wie  sie  dastehen  ohne  Gurt,  nach  der 
roeigung  sich  niedersetzen,  rechts  und  links  hinsehen  wie  Besessene, 
rtigkeit  ist  bei  ihnen  nicht,  sondern  trauriges  Wesen  und  hässUcher 
roch.  Ihre  Religion  ist  nicht  gut.^  In  der  schwierigen  Alternative 
Annahme  der  Religion,  welche  den  Wein  verbietet,  oder  der,  welche 
Vielweiberei  untersagt,  entschied  sich  der  Russe  fttr  den  Glauben, 
Idier  dem  Weingenusse  nicht  feind  ist  >)  Und  sicherUch  brachte 
rin  der  Forst  wieder  nichts  Anderes  als  die  allgemeine  Volksneigung 
D  Ausdrucke,  wie  sich  dieselbe  in  ^lahlreichen  Skazkas,  den  im  Munde 
i  Volkes  heute  noch  lebenden  Märchen,  beobachten  lässt.*) 

Wenn  selljst  vcm  Sdiriftstellem  keineswegs  parteiloser  Färbung 
giuiUimt  wird,  es  sei  kein  Zweifel,  dass  die  Russen  vor  etwa  acht- 
idcft  Jahren  in  der  C!ultur  hinter  d(*n  Deutschen  nicht  zurück- 
nden,  'j  so  ist  dor  Cult  urforscher  nicht  verlegen  die  Ursache  aufeufinden, 
Idie  das  Zurückbleil>en  der  russinchen  Gesittung  erklärt.  Es  ist  eine 
il  irrige  Parallele,  wonach  nuinche  Knaben  in  der  Schule  ein  ähn- 
le« Schaaspiel  bieten;  anfongs,  wo  es  sich  lun  die  Elemente  des 
Miens  handle,  halten  die  fleissigon  alle  /.iemUch  gleichen  Schritt,  erst 
den  IiöhtTen  Stailien  des  UnteiTiclits,  W(»nn  die  Ideen  hen'orbrechen 
Im,  mache  sich  «Icr  grosse  rnterschied  ihrer  Begabung  geltend.*) 
t  TerM'hiiHlene  Begabung  erklärt  sicherlich  Viehes  und  ist  ausschlag- 
leud  in  der  C'ulturentwickluni;,  allein  die  Parallele  trifft  desshalb 
bt  zo,  w(*il  heute  wohl  kein  Ethnologe  mehr  daran  zweifelt,  dass  die 
^ten  zu  dt*n  begabtesten  unter  den  aris<^-hen  Stämmen  zählen.     Die 


'»  BOtler,  BomäMiach«  Studien.     R.  246-247. 

•»  Vgl.  hierüber  W.  R.  H.  RaUton,  Rmttian  Folk-Taltt.  London  1878  8*  0.22—8». 

*l  P»«raon,  Am$  Rmtalanl»   VgtyaHffgnktit.     H.  45. 

•;  A.  *.  O. 


88  £uTO|»a'B  Korden  und  Ottan. 

Ursache  liegt  demnach  anderswo.  Nicht  einen  Theil,  sondern  wohl  die 
gaiizc  Schuld  trägt  ein  Naturereignis»,  welches  die  Russen,  nachdem  m 
kaum  den  gebildeten  Völkern  Europa's  beigetreten,  auf  geraume  Zeit 
von  deren  Seite  riss.  Dieses  Ereigniss  war  der  Einfall  der  Mon- 
golen und  was  demselben  zunächst  folgte.  Man  darf  mit  gutem  Fug 
diesen  Yölkersturm  ein  Naturereigniss  nennen,  wie  die  Völkerwan- 
derungen überhaupt,  deren  Ursache  uns  oft  ein  R&thsel  sind.  So  wie 
aber  jedes  Naturereigniss  eine  Umache  hat,  wenngleich  wir  de  nicht 
stets  ermitteln,  so  dürfen  wir  auch  für  den  furchtbaren  Mongolen-Eiii- 
bruch  eine  causa  effinens  voraussetzen.  Im  Jahre  1209  war  ea, 
dass  Temudschin,  genannt  Tschingizchan,  an  der  Spitze  seiner  Mongolen 
in  China  einfiel  und  dieses  weite  Land  im  Fluge  eroberte.  Von  hier 
aus  unterjochte  er  die  Eoiche  Mittelasiens  und  im  Jahre  1224  wälzten 
sich  seine  Horden  nach  Südrussland,  das  sie  alsbald  unter  ihre  Botr 
mässigkeit  brachten.  YAii  weiterer  Versuch  nach  Westeuropa  Torza- 
dringen  —  schon  hatten  sie  Polen,  Schlesien,  Ungarn  und  Mähren 
übertluthet  —  fand  vor  den  Mauern  Wiener  Neustadt's  endlich  sein 
Ziel.  Die  Räuber  machten  Kehrt^  weniger  vielleicht  des  tapfem  Wider- 
standes der  Oesterreicher  mid  Böhmen  halber  als  zurückgerufen  in  die 
Heimat,  wo  ihre  Gegenwart  des  Tod(»s  des  Gross-Chans  wegen  noth- 
wendig  war.  In  Russland  alxT  l)ehaupteten  sie  sich  dritthalbhundert 
Jahre.  Die  Sitten  der  Mongolen,  welche  sic^h  nicht  sdieuten  das  ileisdi 
erschlagener  und  selbst  auch  nicht  erschlagener  Feinde  zu  essen,  werden. 
als  ül>eraus  roh  geschildert  und  es  lässt  sich  leicht  ermessen,  weldie 
Wirkung,  den  unabänderlichen  Gesetzen  der  Culturentwicklung  zofiilge, 
die  Herrschaft  dieser  Rirl)aren  auf  das  russische  Volk  ausüben  mnsste. 
Eine  allgemeine  Cultunenvildei-ung,  ein  gewaltsames  Zurttdcdrftngen  der 
kaum  entfiEilteten  ('ulturansätze ,  die  durch  die  Noth  erzwungene  Aus- 
bildung mancher  Eigenschaft,  ^1e  Knechtsinn,  Kriecherei,  Heuchelei, 
Verschmitztheit,  Bestechlichkeit  u.  s.  w.,  welche  einen  späteren  Auf- 
schwung hintanhalten  nuissten,  waren  die  unausweichlichen  Consequeuen. 
Mandies  Asiatische  eigneten  sich  die  Russen  auch  durch  die  Blotsver- 
bindungen  an,  welche  sie  mit  ihren  Beherrschern  und  Nachbani  ge» 
sctilossen.  Manche  Mongolin  hat  als  Hausirau  in  einem  russischen  PtdiiBt 
gesessen  und  es  gibt  heute  noch  in  Russland  sehr  vornehme  Flamilien, 
welche  sich  ihi'cr  Herkunft  aus  einer  Mongolenhorde  rühmen,  *)  wenngleidi 
die  Masse  des  Volkes  sicher  nicht  mongolisirt  wurde.  Zweifdk»  bat 
al)er  die  mongolische  Herrschaft  den  Russen  ihren  Stempel  aufgedrückt 
und  sie  aus  ihrem  Joche  auf  einer  sehr  tiefen  Culturstufe  entlassen. 
Die  materielle  und  geistige  Cultur  war  in  Russland  schwer  geschädigt, 
schwerer  vielleicht  noch  als  jene  des  Alteithums  durch  den  Einbnidi 
der  (tennanen. 

Sell)st  der  Herrschaft  dieser  Barbaren  vei-dankt  übrigens  die  Cnttar 
d«.'s  Abendlandes  eine  ihrer  Blüthen.  Ks  ist  nämlich  zur  vollsten  Ueber- 
Zeugung  nachgewiesen,  <lass  die  Hauptmasse  der  bei  Indogermanen, 
Arabern  mid  Türken  verbreiteten  Er/Jülilungen  und  Märchen  aus  Indien 

«)  riorson,  A.  a.  O.    8.  Ö7, 


Dm  nwtlMba  81»T«Bt]i«a.  89 

mmt,  wo  der  Buddhismus  der  eigentliche  Trflger  derselben  ist.  ^ 
n  Indien  drangen  sie  durdi  Uebersetznng  zu  den  Persem  und  Arabern. 
tztere  schufen  ihnen  durch  ihre  langjährige  Herrschaft  in  Spanien 
1  ihre  >iel&chen  BerOhrungen  mit  den  Völkern  Italiens  und  des 
edlischen  Reiches  Eingang  in  den  Süden  Europa's,  in  dessen  Literatur 
die  }*>zfthlungen  und  namentlich  die  heiteren  Conceptionen,  vor 
lern  durch  Boccacdo*s  Deramerone^  in  Spanien  durch  Don  Manuels 
mde  Lucanor  einbürgerten.^)  Auf  nördlichem  Wege  hingegen 
nen  diese  Erzeugnisse  indischen  Geistes  durch  mongolische  Ver- 
ittlung  nach  Europa.  Die  Mongolen,  zum  Buddhismus  abcrge- 
ten,  hatten  mit  dem  neuen  Glauben  und  seinen  Boten  zugleich  auch 
ren  Erzählungen  und  Märchen  angenommen  und  verpflanzten  dieselben 
rch  ihre  zweibundertjährige  Herrschaft  und  andere  Berührungen  im 
l«i  Europa*s  zu  den  Slaven  und  Germanen,  ja  noch  weiter,  wie  die 
I  wörtliche  IJebereinstimmung  eines  alten  französischen  Fabliau  mit 
ler  der  Erzählungen  des  Sxddhi-Kür^)  beweist. 

Während  nun  Russland  für  seine  I^c  im  Osten  Europa's  und  in 
r  Nähe  Asiens  büsste,  sollte  gerade  hierdurch  zum  grossen  Theil  der 
und  zur  zukünftigen  Slacht  dieses  Reiches  gelegt  werden.  Auch  hier 
wahrbeitet  sich  wieder,  dass  die  ethnologischen  Gesetze  den  Cultur- 
id  vorzeichnen.  In  der  Gegenwart  finden  die  Russen  ihren  Weg 
big  und  friedlich  nach  CTiina,  und  sind  Herren  in  Centralasien,  während 
\  Engländer  immer  mit  dem  Kopf  gegen  die  Mauer  rannten  und  nie 
er  diese  wegkonnten,  ohne  sie  einzureissen.  Es  kann  keine  Streit- 
^  sein:  wer  von  den  Beiden,  Engländer  oder  Rassen  das  grössere 
Üarvolk  sei  F^ben  so  sicher  ist  ab(?r,  dass  die  hochcivilisirten  Briten 
nur  schlecht  verstehen,  ihre  asiatischen  Untertlianen  zu  ihrer  Cultur- 
ife  hinanzuziehen,  während  die  Rassen  mit  ihrem  weit  geringeren 
Jtnr^toffe  \iel  grössere  Erfolge  bei  den  asiatischen  Völkerstämmen 
delen,  die  sie  sich  in  merkwürdiger  Weise  zu  assimilu'en  wissen.  Sie 
nnen  sie  natürlich  niu-  auf  jene  Stufe  erheben,  welche  sie  selbst  be- 
een,  das  (Jeringe  al)er.  was  sie  ihnen  thatsächlich  mittheilen,  ist  noch 
mer  mehr  als  das  (irosse,  was  die  Engländer  nicht  an  den  Mann  zu 
ngen  verstehen.  Unter  der  russisclien  Aegide  sind  die  Culturfort- 
■Ttte  der  Asiaten  zwar  g(*ring  und  langsam,  aber  stetig,  und  ihrer 
tQriii*h«*n  Ik^gabiing  und  Racenanlage  angepasst;  der  britischen  Civili- 
ion  «tehen  sie  fn»m<l  gegenüber  und  l>egreifen  sie  schlechterdings  gar 


*)  B«Bf«T,  FmMfchmntnmtra.     Leiptlg,  1869.    8*    2  Bde. 

•i  A.  ».  O.    1.  Bd.    8.  34  ff. 

^  Berakard  Jülg,  Di«  Mßrehgn  d9»  Siddhi  kür.  KalmOhithtr  Teri  mit  d^ut- 
wr  r«ft#rfrrfiMV  •nd  timtm  kalmükUektn  Wörterbuckf.  Leiptlg,  1866.  Der  84ddk4kür, 
tmm  Wliebte  Volkvbaeh  der  KHlmakennUppe  im  niehin  andere««  el«  eioe  mongolieeke 
irWitoag  der  eltea  baddbidtifehea  Reerni»lon  der  indldcben  MärcbeaMmnliing,  die 
i  y^m^n  Tetdlmfattt$ehaU,  d.  i.  fttnfündswen/ig  Ertiblangen  einee  VeiAla  ftthrt. 
1  atirli  Berabard  JOlg,  McnffoUttk«  itärehen.  Ertdhlmnp  aiff  der  Smmmlumß  Ard^ehi 
^d^ehi.  laaebmek  1867,  die  ein  ▼oHkommeaee  SeitentitUck  au  Gottfried  *•  too 
»••barg   TrUimn  und  Isolde  enthalten. 


90  Eoropft!»  Norden  und  Osten. 

nicht.  ^)  Mit  vollem  Eecfat  bemerkt  daher  ein  Ethnograph:  der  Beisatz 
mongolischen  Blutes,  der  in  den  rassischen  Adern  fliesst,  ist  hier  der 
Gehilfe,  dem  die  Erfolge  zuzuschreiben  sind  und  so  rächt  sich  die 
ehemalige  mongolische  Unterjochung  Russlands  nach  Jahrhunderten  an 
Asien,  indem  sich  das  mongolische  Ei'btheil  der  Russen  gegen  die 
Asiaten  als  nützlicher  Bundesgenosse  erweist.^)  Dieselben  Ursachen 
also,  ii^'elche  Russland  auf  seinem  ('ulturwege  zurtlckgehalten,  führen  es 
in  der  Gegenwart  zu  ungeahnter  Grösse  und  helfen  ihm  die  einstigen 
Bedi'Ucker  zu  bändigen,  aber  auch  zu  ei'ziehen,  d.  h.  das  Licht  d^ 
Civilisation  zu  verbreiten.  Die  Culturentfaltung  gehorcht  eben  stets 
den  nämlichen  Gesetzen. 

Die  Slaven  In  Sttdostonropa« 

Die  erste  historisch  beglaubigte  pjiiwanderung  slavischer  Stämme 
in  Euro])a*s  Süden  fällt  ziemlich  spät.  Zwar  erscheinen  schon  frflh- 
zeitig  isolirtc  Slavenluiufdi  an  den  bastai^nischen  Alpen  (Karpathen), 
allein  das  Reich  der  Gotheu,  damuf  das  der  Hunnen  hinderten  einst- 
weilen weiteres  Vordi'ingen.  P>st  nachdem  die  geschwächten  Hunnen 
wieder  nach  Osten  zurückwichen,  nahmen  die  Slaven  ihre  Wohnsitze 
auf  der  ganzen  Linie  zwischen  unterem  Dnjepr  und  Donau  ein  und 
umstanden  etwa  ein  Jahrhundert  lang  die  Karpathen  auswärts  von  allen 
Seiten.  Wahi*srheinlich  schon  um  Mitte  des  VI.  Jahrhunderts  lebten 
Slaven  im  Savelande  unter  dem  Schutze  gepidischer  Herrschaft,  der 
bald  jene  der  Avaren,  eines  gleich  den  Hunnen  uralaltalschen  Volkes 
folgte.  Unter  der  avai'ischen  HeiTschaft  war  es  wohl,  dass  die  Slaven 
zwischen  508  und  592  n.  Chr.  Pa\inonien  in  seinem  ganzen  Um&Dge 
zur  Zeit  der  Römer,  Noricum  und  alles  Land  v(m  der  Donau  bis 
Istrien  (Tfüllton.  Südlich  von  der  Donau  fanden  8la\ische  Ansiedlungen 
in  den  Gegendon  Mösiens  erst  im  VH.  Jahrhunderte  statt  Im  Jahre 
(*)57  n.  Clir.  wurden  sie  steuerpflichtige  Unterthanen  des  romäischen 
Reiches,  in  welcher  Lage  sie  die  Bulgaren  trafen,  mit  deren  Auftreten 
die  ronmische  Henschaft  in  Mösien  ihr  eigentliches  Ende  nahm.*) 

*)  Friedrich  v.  II  eil w nid,  Die  Riigsen  in  Cefttmtasitn.    Eiiu  8iudi9  Uk€r  ü» 
neueitie  Geographie  und  Gesehiehte  Centralaitien».     Augsburg  1873.    8      8.  195. 

*)  Richard  Andrea  in  seiner  Bourthcilong  m  iner  obgenannten  Schrill,  In  4m 
Gremboten  18T3.    IV.     8.  374. 

*)  Ich  bin  hierin  meinem  verstorbenen  Freunde  Rob.  Rösler  gefolgt.  BUke 
dessen  Schrift:  Uebcr  de»  Zeilpunet  der  slarisehen  Anaiedlur^  an  der  umttrtm  Dtmm. 
\Vien  187.'J.  8  (.Tnnnorheft  lS7:i  der  SittHngtheriehU-  der  phil.  hiat.  (1.  d^r  k,  Äemd0mi$ 
der  Wit»en$ehaften.  LXXIII.  Bd.  8.  77  ff.)  Vun  derselben  nimmt  aber  merkwOrdig«?- 
wei-e  dft!«  neue  Werk  von  Conslantin  vonJirecek:  Ge§ehieht§  dtr  Buipmrem,  Prag 
1M76  S«  keine  Notir..  Der  sehr  tüchtige  junge  Gelehrte  folgt  violmQhr  dem  balgariaehca 
Forscher  Drinov,  (Sasselenie  balkanskawo  poluostrowa  81avjanami.  Moakao,  1878.  8") 
>vonacb  die  slavicchc  Coloni^ation  der  Balkanhalbinsel  im  Laufe  von  drei  JahrlraadarUa 
gnnz  allniähllg  stattfand.  Kio  begann  darnr.ch  schon  im  111.  Jahrhundert,  also  Torder  . 
ViUkorwanJorung.  Die  8Iaven  lieooen  sich  suerst  als  Colonen  unter  den  Thrako->IU]rr«rB, 
Rumuncn  und  Griechen  nieder,  gewöhnten  sich  an  das  römische  bUrgarllche  Laben  nad 
^sben  den  Byzantinern  nicht  nur  vorzügliche  Feldherrn«  eonderp^auch  energisch«  K«iMr. 
Am  Knde  des  V.  .TahrhundorU  begann  die  masscnhaA«  ßinwanderunf  mit  bewaffneter 
lland.    .Uref  i'k.     A.  a.  O.     8.  Ü4. 


Di«  BUtm  in  Stt^o*^^'^**  91 

Da«0  die  alten  Bulgaren  Abtheilungen  der  Hunnen  waren, 
tertiegt  keinem  Zweifel  Ob  nun  diese  und  die  Bulgaren  ssum  tilr- 
{chen  oder  wie  neuerlich  behauptet  wird  zum  samojedischen  Stamme 
hören,  ist  hie/  ohne  Bedeutung;  wichtig  ist  nur,  dass  die  Bulgaren 
dcfa  den  Hunnen,  Avaren,  Chazaren  und  Petschencgeu  ein  nicht 
»ches  Volk,  bei  ihrer  Ankunft  Mösien  schon  von  arischen  Slaven  he- 
tzt &nden.  Das  hier  von  den  Bulgaren  gegründete  Reich  l)estand 
DUiach  keineswegs  aus  bulgarischen  Elementen  aliein,  sondern  aus 
ler  beträchtlichen  slavischen  Bevölkerung,  worunter  die  Bulgaren 
litisch  die  Herren,  die  herrschende  Classe  bildeten.  Was  in  sokben 
iUen  anderwärts  einzutreten  pflegt,  geschah  auch  hier.  Die  slavische 
igcnität  vermischte  sich  mit  den  Bulgaren  und  assimilirte  sich  die- 
(ben  im  I^aufe  von  zwei  Jahrhunderten  nicht  hlos  durch  ihre  nume- 
tcbe,  sondern  auch  durch  ihre  geistige  Ueberlegenheit.  Zu  dieser 
indimekung  des  herrschenden  mit  dem  beherrsditen  Volke  reichte 
i  Zeitraum  von  etwa  250  Jahren  aus.  8eit  dem  X.  Jahrhunderte 
Bg  die  Sprache  der  Bulgaren  verloren,  welche  sich  nur  mehr  des 
arischen  be<iientoiL  Die  Slaven  nahmen  dagegen  den  Kamen  Bul- 
ren  an.*)  Zwischen  <len  alten  und  den  jetzigen  Bulgaren  besteht 
10  kein  VenKandtschaftsverhältniss.  In  der  jetzigen  bulgarischen 
nebe,  die  ei|)  slavisclies  Idiom  i^t,  finden  sich  nur  mehr  wenige 
almltaische  Plicmente,  aber  sie  finden  sich  doch.  ^)  Dieser  bulgarische 
ialect  hat  sich,  wie  kein  analerer,  im  Laufe  der  Zeiten  verändert,  so 
CS  er  von  den  sla\ii>chen  Idiomen  am  weitesten  al)steht  und  am 
hwersten  verstanden  wird.  Ganz  dessgleichen  gestattet  der  leibhche 
fpus  des  iMmtigen  bulgarischen  Volkes  einige  Unterschiede  gegen  die 
nadibarten  slavischen  Völkerschaften  zu  erkennen. 

Wähn*nil  auf  solche  Weise  d(T  östliche  Theil  der  Hämusländer  sich 
ivisirte,  nahm  die  serbisch-kroatische  Kinwanderung  vom  W<»8ten  der 
übia>el  Besitz;  Serl>en  und  Kroaten  sind  iM'kanntlich  Ein  Volk  mit 
Iner  Sprache,  dermalen  nur  durch  GkulK^askenntniss  und  Schrift  ver- 
hieden.  Zeitlich  schon  also  lK>gann  der  Procc»ss,  welcher  das  romüis*  he 
rieh  in  ein  slavisclies  umwandelte.  Seit  dem  Vil.  und  Vi  11.  ^lahr- 
uiderte  waren  die  (Jebiete  nördlic^h  vom  Balkan  slavisch  und  wir  dürfen 
ffrin  biclHTlich  ein(>  der  Ursachen  für  den  allinähligen  Verfall  und  die 
4itb<*he  Schwache  des  uströmischen  Heiclies  erbUcken.  Mcniite  auch 
afp"  tias  Waffenglück  den  Fürsten  zu  (\>nstantino]M'l  hold  s<*in  und 
F»  f«'indlichen  Sdiaan'U  von  den  Beiclisj^n-nzen  abwehn'u,  endlich 
•^f  doi'h  zmn  sovielten  Male  in  der  (ieM'hichte  die  rohe  Ki*aft  üIht 
f  she  Uultur.  Die  Unterjtwlninjr  <ier  Slav(»n  wir  eine  Illusicui,  kein 
Pf  im  Kampfe  uin*s  Da-^^ein,  d(*nii  in  I^Üde  riss4>n  aiv  si<*li  l(»s,  eigene 
tmXen  gründend  und  später  die  Mauern  UonstantinojK'ls  selbst 
«lrubf*n(L 

Mit  der  I'jnwanderung  der  Kroato-Serben  und  der  mösiwhen 
aven   iht   die   slavische   Wandening    nach    etwa   zweihundertjähriger 

•t  »<»  «rklirt  den  Vorganff  aneh  Jlrejek      A.  *.  O.    H.  137— laS. 
*>  I>«M  widerspricht  inUe««  Jire2ek.    A.  a.  O.    H.  19tf. 


92  Earopft*8  Morden  und  Osten. 

Dauer  znm  Ahschluss  gekommen;  von  den  drei  grossen  Völkerwan- 
derungen, der  germanischen,  slavischen,  und  türkisch-ugrischen,  welche 
unseren  Erdtheil  durch  ein  Jahrtausend  in  Schwingung  ^ersetzten,  verlief 
die  slavi.sche  Wanderung  am  ruhigsten.  Sie  ist  ein  HinausstrOmen 
überreichen  Menschensegens  in  leergewordene  Käume,  ohne  Auir^siuig, 
olme  Heldenthum,  ohne  Schwung  tollkühner  Kraft;*)  die  Wanderung 
kittet  die  Schaaren  nicht  fester  zusammen,  sie  schafft  keine  HeerkOuige, 
keine  Schwertreiche.  Daher  gibt  es  eine  hunnische,  eine  osmanische 
Eroberungssage,  ein  gennanisches  Epos  aus  der  Völkerwanderungszeit, 
aber  keine  slavische  Völkerwanderungssage;  erst  die  spftteren  Tage 
ernsten  Kampfes  um  Boden  und  Freiheit  hal)en  bei  Bussen  und  Serben 
das  Heldenlied  gezeitigt.  *)  Die  Slavenmassen,  die  sich  gegen  Süden 
wälzten,  werden  in  der  That  als  räuberische  Horden  geschildert,  auf 
tiefer  Stufe  der  CHiltur;  indess  scheint  daraus  kein  Schloss  auf  die  Ent- 
wicklung der  nördlichen  Slaven  in  Germanien  zulässig.  Es  besteht 
keine  Nöthigung,  sämmtliche  Slavcnstflmme  auf  gleicher  Entwicklungshöhe 
zu  denken,  vielmehr  ist  das  Gegentbeil  weit  wahrscheinlicher.  Welch* 
gewaltiger  Unterschied  bestand  doch  zwischen  den  viel  nfther  benach- 
barten Franken  und  Sachsen,  Beide  Germanen.  Sah  es  doch  vor  neun- 
hundert Jalu'en  im  alten  Sachseidande  aus  wie  jetzt  etwa  im  Westen 
Nordamerica's.  ^)  Zudem  besitzen  wir  eine  triftige  Erklärung  für  das 
Zurückbleiben  der  SüiLslaven  in  dem  beständigen  Contacte  mit  den 
rohen  türkisch-ugrischen  Stänmien,  die  sich  vom  Kaukasus  bis  nir 
Donau  das  ganze  südliche  Bussland  hindurch  Jahrhunderte  lang  in  der 
Herrschaft  ablösten  und  sie  von  den  nördlichen  Stammesbrüdern  voll- 
ständig treunten.  Die  cult urhistorischen  Wirkungen  des  Contactes  mit 
fi'cmden  ethnisclHMi  Elementen  ine<lrig'<ten  Culturschlitfcs  genügen,  [xm 
das  Zurückbleiben  der  Südslaven  zu  begreifen. 


Ungarn  und  die  Avaren.*) 

In  Ungarn  tritt  der  Mensch,  soweit  uns  bis  jetzt  bekannt,  znent 
in  der  jüngeren  Steinzeit  auf,  und  diese  hat  hier  schwerlich  lange 
goilauert.  Wir  sehen  allenthalben  sc^hon  die  feineren  Fonnen  und  den 
i'elK^rgang  in  die  Bronzezeit.  Der  letzteren  geht  indessen  in  Ober- 
ungani   wahi-scheinlich  noch  eine  Kupferzeit  voran,   denn  insbesondere 


*)  Jlre5ek.  A.  a.  O.  8.  94  nennt  indem  diese  Anschauung  alUa  idylUtdi.  !■ 
der  Wirklichkeit,  sagt  er,  warru  die  maven,  als  sie  die  OeAldo  Thrakiene,  MakcdonlCM, 
Musieart  und  IllyriPiiA  ho!«etcten,  daAsolbe  kri<-gcrii*che  Volk,  \«oIchefl  da»  ganse  Miltol- 
nltfr  hindurch  unaufhörlich  die  Byzantiner  bekämpfte  und  in  unacrcn  Tagen  den  TQrkw 
mehr  aln  einmal  seinen  Kriogsmuth  fühlen  licss. 

»)  Rosler.    A.  a.  O.    8.  IW— 124. 

*;  Frc.  V.  Löhcr,  Urosv.tha  und  ihrt  Zeit.  ( Wt9»tH9ekaftl,  Vortrügt  M  JW—iw. 
B    471. > 

*)  Nnch  dorn  lntrrp«-anten  Vortrage  von  Frans  Pulsky  in  der  kgl.  ungarUekM 
Akadeiiiir  am  PeMh,  mitgotbeilt  im  Pesther  Llo^d  vom  23.  Juli  1874,  auch  abgidraskt 
im  ÄMhlaml  1»1\  No.  33  8.  648-653. 


Ungarn  und  di«  ATarta.  93 

m  Fofise  der  T4tra  und  um  die  Matra  herum  kommen  viele  Geräthe 
US  reiuem  Kupfer  ohne  jede  andere  Metallbeimischung  vor,  grössten- 
beils  Bergmannshauen  und  andere  Bergbauwerkzeuge,  was  kaum  auf- 
Ulen  kann,  denn  wo  man  gediegenes  Kupfer  £ind,  da  verwendete  man 
jeses  natOrlich  früher  als  das  schwerer  schmelzbare  Erz,  welches  mit 
jMkren  Metallen  gemischt  ist  Die  Bronzezeit  hat  übrigens  in  Ungarn 
ben&o  elegante  Formen  geschaffen  wie  in  den  skandinavischen  Ländern, 
I  die  hUenblattförmigen  Schwerter  Ungarns  wetteifern  an  Schönheit 
nit  jenen,  welche  die  griechischen  Künstler  den  Uomerischen  Helden 
D  (Ue  Hand  gaben  und  unterscheiden  sich  auch  im  Griff  von  den 
iroDzezeitlicheu  Schwertern  im  nachbarlichen  Deutschland. 

Wann  die  Bronzezeit  in  Ungarn  angefiingcn,  lässt  sich  durchaus 
iicht  bestimmen;  ja  es  ist  selbst  nicht  gewiss,  wann  sie  zu  £nde  und 
a  die  Eisenzeit  überging.  Die  liistorische  Zeit,  beinahe  überall  mit 
lern  Anfimge  des  Eisenalters  zusammentreffend,  fällt  hier  in  die  Epoche 
Im  Augustus,  wo  Tiberius  den  pannonischen  Fürsten  Bat  ho  nach  acht- 
ihrigem  Kriege  besiegt,  gefangen  nach  Rom  führt  und  das  Land  jen- 
eite  der  Donau  zur  römischen  Provinz  macht.  Der  An&ng  der  Eisenzeit 
st  indessen  in  Ungarn  wahrscheinlich  um  300  Jahre  älter.  Denn  längs 
ler  Donau  wurden  häufig  Silbormünzen  ausgegraben,  welche  unzweifel- 
lalt  barbarische  Nachahmungen  der  Tetradrachinen  des  Königs  Philipp 
ron  Makedonien  sind,  denmach  der  Zeit  dieses  Königs  angehören  und 
rom  Coutact  dieser  Gegenden  mit  der  griechischen  Civilisation  Zeugniss 
iblegen.  Wir  wissen  ferner,  dass  Alexanders  des  Grossen  Reich  sidi 
ns  an  die  Donau  erstreckte.  Der  Handel  hat  gewiss  die  Inwohner 
xiiler  DiHiauufer  zusammengebracht  und  die  Civilisation  in  das  Innere 
les  Landes  getragen.  So  wurden  auch  in  Neograd  barbarische  Silber- 
Dünzen  gefunden,  deren  Gewicht  vom  Gewichte  des  römischen  Geldes 
abweicht  und  dem  des  griechischen  nahekommt,  die  demnach  der  Zeit 
kor  (kT  römischen  I'Iroberung  angehörenT  Das  Geldprägen  aber  zeugt 
fdr  eine  Stufe  der  Civilisation,  welche  der  Eisenzeit  nie  vorangehen 
iüuui  und  auf  Bekanntschaft  mit  den  Cultur Völkern  hindeu  et.  Wür 
lassen  unemähnt,  dass  in  Siebenbürgen  eine  grosse  Menge  Geldmünzen 
küo  König  Lysimachus  und  silberner  Tetradrachmen  mit  dem  Gepräge 
ler  Insel  Thasos  ausgegraben  wurden.  Ik>ide  Funde  beweisen  die 
[iebhaftigkeit  des  llandc^ls  und  Verkehrs  zwischen  Griechenland  und 
Umnnu  welche  gewiss  den  Gebrauch  eiserner  Geräthe  früher  zur  Folge 
batte,  aU  <Ue  Ik^kanntscliafi  mit  dem  Weiihe  dt^  Sill)ergeldes. 

Der  Herrschaft  Roms  in  Pannonien  machte  die  Völkerwanderung 
fin  Ende,  wo  dieH(*s  zu  jener  grossen  Heerstrasse  wurde,  auf  welcher 
üe  Barlmren  bald  von  Osten,  bald  von  Nordwesten  her  das  I^nd 
iurchz<iisea,  um  ülicr  die  sü<ilichen  Staaten  h(?rzufallen.  Die  namliaftesten 
uater  «lie-^en  Ikirliarenvölkern  waren  die  (lothen,  Ileruler,  Gepiden, 
Hannen,  I^iigoliarden  und  Avaren.  Sie  lial>en  sämmtlich  auf  ihren 
WaiMlerunicen  eine  Zeitlang  in  Ungarn  Rast  gehalten,  nWr  Staaten 
({rundeten  hier  nur  Hunnen  und  Avaren.  Nur  sie  sahen  das  Thal  der 
mittleren  Donau  als  ihr  Vaterland  an.  Die  Hunnen  haben  zwar  in  der 
Gesdiichte  einen  grösseren  Namen  hinterlassen,  aber  die  Dauer  ihrer 


94  Earopft^t  Korden  tind  Osten. 

Herrschaft  war  kürzer  als  die  der  Avaren.  Diese  hatten  wenigstens 
(Intthall)hiindert  Jahre  lang  Ungarn  im  Besitz  rnid  sind  um  so 
interessanter,  als  sie  von  Karl  dem  Grossen  zwar  besiegt,  aber  keines- 
wegs ausgerottet,  noch  ans  dem  I^ande  venirängt  worden  sind.  Die 
Avaren  können  demnach,  wenngleich  als  besiegtes  und  gebrocbeftes 
Volk,  Ungarn  auch  weiter  bewohnt  und  sich  mit  den  niu"  zwei  Genera- 
tionen si)ilter  ankommenden  Heeren  Arpads  vereinigt  haben,  wiewohl 
die  Chroniken  davon  schweigen.  Was  immer  indessen,  schliesslich  ihr 
Schicksal  gewesen  sein  mag,  soviel  ist  sicher,  dass  ihre  Herrschaft  viel 
Ijlnger  wülirte,  als  die  all  jener  Völker,  welche  seit  den  Bömem  ihnen 
auf  diesem  Rmlen  vorangegangen  waren.  Wir  werden  daher  nicht  fehl- 
geheii,  wenn  wir  Miaupten,  dass  ein  bedeutender  Theil  jener  in  Ungarn 
gefundenen  Denkmäler,  welche  als  Zeugen  der  Völkerwanderung  erkannt 
werden,  aus  der  Zeit  der  Avaren  stammen.  Versuchen  wir  es  also  an 
dem  Faden  der  aus  der  Avarenzeit  übriggebliebenen  wenigen  DenkmAler 
die  ('ulturstufe  dieser  alten  Bewohner  Ungarns  zu  bestimmen.  Die 
grösste  Merkwürdigkeit  danmter  sind  zwei  Steigbügel,  welche  mit 
goldenen  Ohrgeliängen  gefunden  wurden  und  demnach  in  das  VT.  oder 
VII.  Jahrhundert  zu  setzen  sind.  Die  Griechen  und  die  Römer  kannten 
den  Steigbügel  nii^ht.  Dsr  Stapes  war  ein  Kreuzhok  am  Lanzenende, 
auf  w(^lches  der  Reiter  auftrat,  um  sich  leichter  auf  das  Boss  schwingen 
zu  können.  Da  aber  ohne  Steigbügel  der  Sturmlauf  geschlossener 
Heitercolonnen  unmöglich  ist,  so  war  die  Cavallerie  in  den  classischen 
Zeiten  im  Kampfe  niemals  ausschlaggebend.  Steigbügel  und  Hufelsen 
haben  die  alte  Tactik  und  Knegführung  verändert.  Bis  zur  Erfindung 
des  Schiesspulvers  entschied  am  öftesten  die  Reiterei  das  Schicksal  der 
Schlachten.  Und  dennoch  ist  es  noch  immer  unbekannt,  aus  welcher 
Zeit  diese  wichtige  »findung  datirt.  Auf  den  Denkmälern  und  in  den 
Schriften  der  Römer  finden  wir  keine  Spur  davon.  Selbst  auf  den 
Sassanidenrcliefs  im  alten  Ktesiphon  sehen  wir  keine  Steigbügel  Die 
Steigbügel  des  St.  Andreer  Grabes  sind  bis  jetzt  die  ältesten,  die  wir 
kennen  und  zeigen,  dass  wir  es  mit  einer  Reiternation  zu  thun  haben, 
\m  welcher  das  Boss  seinem  Herrn  selbst  in  das  Grab  folgt,  wie  aoch 
hc^i  den  alten  Magyaren.  Wenn  die  Avaren  wirklich  die  ersten  sind, 
w(i]che  d<»n  Gebrauch  des  Steigbttg(»ls  in  Europa  einführten,  so  erklärt 
(lies  nicht  blos  das  Kriegsglück  ihrer  Reiterschaaren,  welche  das  wohl- 
lial>ende,  dichtl>evölkerte ,  bürgen-  und  städtereiche  Kaiserreich  in 
Srhreckcn  setzten,  sondern  dann  sind  sie  die  gi'ossen  Neuerer  in  der 
Kri(^>führung  geworden  und  mit  ihnen  beginnt  das  Mittelalter,  in 
welchem  da^  (teschick  der  Schlachten,  abweichend  von  der  giiechischen 
und  römischen  Tactik,  durch  die  Reiterei  entschieden  wird.  Dasselbe 
ist  wissentlich  Ritterz(Mt  und  dauert  so  Iang(>,  bis  diis  SchiesspnlTer  und 
insbesondere  die  Flinte,  und  }m  dii^scr  wi(»der  der  Schaft,  der  sie 
handbar  macht,  erfunden  wird,  Steigbügel  und  Hufeisen  leiten  die 
Ritt(Tzeit,  Gewehrschaft  und  lUijonnet  die  Neuzeit  ein. 

Die  Ritterzeit  ist  immer  und  überall  eine  Räubenceit.  Der  Vor- 
theil,  den  der  Reiter  vor  dem  Fussgänger  voraus  hat  und  dem  mir 
(.ui'ch  Gewehr  und  Bajonnet  ein  Ende  gemacht  wird,  ward  natflriicli 


Dt«  üüfftra  und  dl«  Avaren.  95 

Mch  aofigebeutef  nnd  so  wflrden,  wenn  die  Greschichtsschreiber  schwie- 
ceOi  schon  die  Gesetze  der  Logik  uns  lehren,  dass  die  Avareu  RAuber 
gewesen.  Dies  beweisen  auch  die  Goldschmueksachen  in  den  Avaren- 
QübcnL  Und  dit»6e  bezeugen  zugleich  die  Prachtliebe  der  Avaren, 
irekiie  nicht  kargten,  ihre  Gewänder  mit  ihren  Schätzen  zu  behängen, 
lamit  jedermann  ihren  Reichthum  sehe.  Dieser  Luxus  ist  femer  nicht 
neiii  barbarisch.  In  den  Avarengräbem  wurden  bis  jetzt  jene  massiven 
icbweren  Goldarmbänder  nicht  gefunden,  welche  in  Ungarn  bei  mehreren 
loderen  Fanden  vorkamen.  Bei  den  avarischen  Funden  ist  das  Gold 
und  Silber  nur  oberflächlich,  es  ist  mit  Kupfer  und  Bronze  ausgekleidet 
Küch  ihn'  Prachtgefässe  sind  nicht  aus  lauterem  Silber  verfertigt,  son- 
ion  aus  dem  sogenanntem  Potin,  mit  dem  Chinasilber  der  Jetztzeit 
rergleicfabar,  einem  unedleren  Metallgemisch,  welches  sich  fQr  Silber 
UBICibC.  Aü'  dies  deutet  bereits  auf  Civih'sation,  aber  auf  eine  im 
ITar&lle  begriffene  Civilisation,  eine  solche  wie  sie  von  dem  im  Verfall 
begriilenen  byzantinischen  Kaiserreich  entlehnt  werden  konnte.  Aber 
lach  von  diesem  entlehnten  die  Avaren  nur  die  dem  Luxus  dienenden 
Kanstgewerbe.  Ihre  Cultur  und  ihr  Staatsbewusstsein  erhob  sich  nicht 
10  hoch^  dass  sie  Geld  geprägt  hätten.  Sie  bedienten  sich  ausschhess- 
ädi  bjzantinisclien  Geldes,  während  doch  Barbaren  Völker,  die  mehrere 
Uirfaiuiderte  vor  ihnen  längs  der  Donau  in  Ungarn  wohnten,  schon 
Geld  geprägt  haben,  wie  Münzen  der  keltische  Namen  tragenden,  ge- 
unbekannten Könige  Ajuntamarus,  Biatio,  Nonno  bezeugen, 
die  MQnzen  der  makedonischen  Könige  nachahmten. 


Bei  den  Avaren  blühte  denmach  das  Schmiede-  und  Goldschmied-, 
das  Riemer-  und  Schneidergewerbe.  Doch  all  diese  Gewerbe  wurden 
■idit  durch  Ge&ngene  und  Byzantiner  getrieben.  Die  betreffemien 
Arbeiten  deuten  nicht  inmier  auf  byzantinische  Muster  und  Motive, 
trotidem,  dass  sich  unter  ihnen  kein  specieller  Styl  entwickelt  hat. 
lische  Schmucksachen  wurden  zwar  oft  nachgealunt,  aber  in  viel 
Manier  als   die   der  Originale.     Die   schönsten  Schmucksachen 

sind  jene,  deren  Styl  bei  einer  anderen  Barbarcunation  entstand, 
aa  welchen  in  goldene  oder  silberne  Fächer  Granaten  oder  rothe  Glas- 
Mcke  eingefügt  sind. 

Im  Ganzen  genonunen  stand  also  die  CiNÜisation  der  Avaren  auf 
fiDer  nehr  niedrigen  uralaltalschen  Stufe,  was  wieder  ganz  natürlich  ist, 
denn  auch  sie  liaben  sich  mit  den  nachlKirlichen  besiegten  Nationen 
■nd  den  zwischen  ihnen  wohnendiMi  Untertliaiien  aris^'her  liaoe  nicht 
venniMiit.  Die  Krfohrung  beweist  aber,  dass  die  uralaltalschen  Völker 
mk  nxd  einen  hölieren  Standpunct  nur  dann  erhoben,  wenn  sie  vor 
dm  Freniiien,  namentlich  vor  den  arischen  l*^nflüssen  sich  nicht  ab- 
vhlieweü.  Kein  gcringiT  Ruhm  des  späteren  Mag}'arcnkönigs  Stefan 
B<  die  Viirausiiicht,  mit  der  er  diesc^s  Princip  erkannte  un<l  die  Fin- 
«aaderang  der  Italiener  und  Deutschen  begünstigte.  Das  mag>'arische 
Bliil  wurde  durch  Adaotion  und  Einwanderung  fortwährend  aufgefrischt 
m  dem  Grade,  d  an  der  ungarischen  Nation  ausser  der  Sprache  und 
der  ladoleiu  kaum  ein  uralaltalscher  Charakterzug  übriggeblieben  iat 


96  Etiropft^t  Norden  und  Ofttan. 

Die  HeiTschaft  der  Agaren  hat  thatsächlich  die  Grenzen  des  on- 
gariscben  Tieflandes  nicht  überscliritten ;  in  die  Nachbarländer  pflegten 
sie  nur  auf  Raubfahrten  zu  kommen,  ohne  sich  dort  je  festzusetzen;  ^) 
so  drängten  sie  bis  an  die  Donau  und  verheerten  von  da  aus  die  an- 
grenzenden Länder,  besonders  Ostrom,  die  Gebiete  der  Franken,  Baiem 
und  Galizien.  Wahi*scheinlich  von  anderen  mächtigeren  Stämmen  a»- 
siinilirt,  verschwinden  sie  nach  und  nach  spm-Ios  aus  der  Geschichte. 
Ein  Theil  der  Avaren  erol)erte  598  n.  Chr.  die  dahuatinische  Küste, 
wurde  alxT  später  von  den  südlichen  Slaven  unterjocht.  Dies  sind  die 
Morlakcn,  welche  lange  Zeit  hindurch  ihre  Sprache  und  Sitten  bei- 
behielten, später  aber  l)eide  ganz  euiblLssten.  ^) 

Den  Avaren  folgten  die  Chazaren,  Petschenegen  und  Magyaren. 
Die  Chazaren,  im  VIIL  Jahrhunderte  mit  den  Muliainmedanem  am 
Kaukasus  in  erbitterten  Kampf  gerathen,  erweiterten  ihre  Macht  immer 
mehr,  so  dass  das  Reich  dieses  nralaltaischen  Volkes  im  IX.  Jahrhunderte 
vom  Jaik  bis  zum  Dnjepr  und  Bug,  und  vom  südlichen  Ende  dos 
Kaukasus  bis  zur  mittleren  Wolga  und  Oka  sich  erstreckte.')  Die 
Chazaren  unterlagen  ei*st  dem  Einbrüche  der  Mongolen,  wobei  sie  ihre 
Sprache  mid  Nationalität  einbüssten.  Noch  im  VIII.  und  IX.  Jahrhnnderte 
hatten  sie  aber  die  gleichfalls  nralaltaischen  Petschenegen  zu  be- 
kämpfen, wovon  ein  Theil  sich  den  chazarischen  Siegern  unterwarf  und 
im  I^ande  zurückblieb,  ein  anderer  Theil  den  Don  überschritt  und  sich 
auf  die  damals  den  Chazaren  tributpflichtigen  Magyaren  warf.  Diese 
Nomaden,  ein  ugiisches,  also  wieder  m-alaltaisches  Volk,  wurden  dordi 
sie  ü1)er  die  Moldau  und  Siebenbürgen  nach  Pannonien  gedrängt,  von 
wo  aus  die  Magyarenzüge  die  benachbarten  Gebiete  furchtbar  verheerten. 
Die  Petschenegen  nahmen  das  I^and  zwischen  Don  und  Donan,  durch 
den  Dnjepr  in  eine  östliche  und  westliche  Ilälfte  getheilt,  ein,  und 
waren  ebenfalls  ein  Schreck  für  ilu*e  Nachbarn:  Russen,  Bulgaren  und 
Griechen.  Nach  Ende  des  XII.  Jahrhunderts  verschwinden  die  Petschen^en 
aus  der  Geschichte  und  verlieren  Sprache  und  Nationalität  *)  Gewiss  wird 
Niemand  anstehen,  in  dem  Erguss  dieser  barbarischen  Horden  über  das 
südöstliche  Europa  die  Ursache  der  dort  aufTällig  wahrnehmbaren  Cnltnr- 
stookung  zu  erblicken.  Sind  doch  die  in  Bälde  abgewiesenen  Strei&üge  der 
rngam  auf  die  Entwicklung  dos  deutschen  Südens  nicht  ganz  einfiusslos 
gebliel)en  und  die  den  Verwüstungen  der  Avaren  preisgegebene  Ost- 
mark '*)  tritt  spät  erst  aus  dem  geschichtlichen  Halbdunkel  hervor. 


<)  Jirecek.     A.  a.  O.    8-  87. 

*)  Friedrich  Müller.  Ällfff meine  Ethnographie.     S.  352. 

*)  K.  F.  Neuraann,  Die  Völker  de$  tüdliehen  Rualamdi  M  ihrer  g4$chieiktU^^ 
KHtwieklung.     Leipzig  1847.     8*     B.  105. 

*)  Friedrich  Müller.     A.  a.  O.     8.  353—354. 

*;  Er«t  neueren  Forschungen  i«t  es  gelungen ,  für  den  Zoitpuoct  der  UcbertrafUf 
der  O-^tmark  an  da^  Geschlecht  der  Babenberger  da«  Knde  975  oder  Anraiif  916  tt 
ermitteln.  Die  Babenberger  etammen  auch  nicht  von  dem  KagenborUhinten  FraDkaabeklM 
Adalbert,  sondern  von  einem  anderen  in  der  Gegend  voa  Bamberg  reieh  bagflttrtMi  •■!■ 
frünki^cbcn  Geschlccbte  ab. 


Der  Orient  und  der  Islam. 


Blick  auf  das  Yorisl&mitisehe  Yorderaslen. 

Aadi  in  Asien  hatte  das  Weltreich  der  Römer  die  Erbschaft  der 
NacfafiDlger  Alexander  d.  Gr.  angetreten  und  die  meisten  Landschaften 
Torderasiens  sich  unterworfen.     Unter  Trajan,  der  des  Reiches  Grenzen 
am  weitesten  gegen  Osten  hinausschob,  erstreckte   es  sich,   zwar  nur 
Torfibergehend,   über    einen  Theil   der  Kaukasusländer  mit  Armenien, 
Oanoene  und  das  zum  Partherreiche  gehörige  Mesopotamien,  nie  jedoch 
aber  Medien  und  die  eränischen  Hochflächen.     Vielmehr   zeugen  die 
■itiiiiler  ^Qddichen,  doch  stetig   wiederkehrenden   Partherkriege   von 
heftigsten  Widerstände.    Unterstützt  durch  die  Kaste  der  Magier, 
licfatvoiler    Sonnencult    sich    nie    mit    dem    Götterdienste    d^ 
Griecbai    befreunden    konnte,    entwickelte    sich    bei    den    Parthem 
cne  eigenthümliche  Cultur,   theil  weise   vielleicht   noch   auf  jener   des 
•hea  Perserthumes  fussend.  jedenfedls  aber  stark  genug,  ihre  Selbstän- 
digkeit zu    behaupten.     Die  grösstentheils    von    Gibbon  i)    genährte 
AofiMsong,  die  Grenzen  des  römischen  Weltreichs  seien  mit  jenen  der 
(Mtliuig  identisch  gewesen,  steht  in   entschiedenem  Widerspruche  mit 
ioL  Thatsichen.    Stets  gab  es  neben  Rom  eine  zweite  Macht,  welche 
%m  in   der   Wirklichkeit   poütisch    und   culturell   gewissermassen   das 
Gtgmgewicht  hielt     Dies  waren  drei  Jalirhunderte  lang  die  Parther. ') 
(ic^   dies   die   alten  Schriftsteller   in   |>olitLscher  Hinsicht  alle  gerne 
n.  90  zeugen  die  wenigen  erhaltenen  Alterthümer,  dass  wir  auch  von 
^  ('ahar   der   Parther   im   AUgemeinon    nicht   allzu   gering   denken 
Men,  )  wenngleich  die  schönen  Künste  die  Höhe  der  altassyrischen 
lidrt  erreichten. 

Die  RoUe  der  Parther  übernahmen  nach  dem  Sturze  der  Arsakiden 
Üe  peroschen  Sassanidea,  welche  eine  Reaction  gegen  alles  Ausländische 
*w  eine  mögliclist  vollständige  Wiederherstellung  des  alt  persischen 
Wefiens,   auch   der  Lehre  Zarathiistra*s,    mit  Hülfe   der  Magier,   des 


')  Otbboa.  DtcUn^  mnd  fall  of  th§  RatnaH  Emptrf.     1.  Bd.   S.  c*p. 

^  Gror^*  BAwIlnson.    Th§   $iTth  great  oHtntal  momireh^;  or  tk»  Gscgntßhpf 

mmd  mmH^miii0§  of  Farthta.     London  1873.     8*    B.  VI. 
^  Sla  nssfylirllebM  Oftmilde  dt  partbUchfn  Cnltnr  v«rftnschaulleh«n  die  CaplUl 
XXII.  «b4  XXllI.  4«ni  «benerv^ihnUn  Werke»  von  0.  Rawllnson. 
V    UellwAli,  daurgMchlckM.    9  Aofl.     11.  7 


i)R  Der  Orient  und  der  InlAm. 

niärlititicn  ncic.lisjulcis,  cinlfiti'irn.  Offriibar  bodfMitf^t  difw»  llraction  nichts 
als   den  Sieg  der  durcli  dir  vicllciclit   unilalta'isch(>n  Arnakidon  zurUck- 
<!(Mlräii<^t(>ii  altiuttioTialcn  Klciiicnto.     Den  liüiiKTii  wurden  die  Sassanidcn 
l)jild   vhm   so  ^cfjilirlicli   w'w  dir  PiirlluT.     Zugleich   wohrton   sie  d<*iii 
Andnmjjjc  der  AralnT,  Huniicii  und  Türken.    Im  VI.  Jahrhunderte  er- 
reichtem  ihn'  yiiU'ht  dio  liöcliste  AMsd«'himng  vom  Mittchneore  bis  zum 
Indus,   vom  .laxartcs   bis  Arabien,   Ai';jyi)t<'n   und    Lil»yen;  die  Kämpfe 
gegen  IJy/an/  sahen   sie  in  Chaleedon   Angesichts    von  CVmstantinopel, 
und  dcniiassen  l)h)hte  ihr  Keich,  dass  (*s  initer  (-hosru  Nuijcfairwan  kein 
zerstörtes  Ihni  chirin  gal).     Die  kleinen  Staaten  in  Albira  in  Inw|  und 
Yemen  in   Arabien  hingen  v(mi  ihm  ab.  während  der  zwischen   Syrien 
und  Arabien  gelagerte  Staat  der  (Ihassanidt^i  Hyzanz  unterthänig  war. 
Im  (Men    der  Caspisee  und  im  Norden  des  Sassanidonreichcs,  breitete 
sich    über   die  Stejjpenchanate    Chiwa,    Bochrim,    ('hokand,    bis    in  die 
ll<K'hge1)irge  Kabulistans  und  der  l*amir  das  Reich  <ler  Kphtaliten  oder 
weissen   Hunnen  (Ilejatileni  ans,-;   woran  wieder    im  Norden   das  die 
Stepi)en  der  Kirgisen,  di(»  (iegenih'n    am  Halschasch-  imd  IsMi-kul-See 
im  Alatau  umfiingende  Heich  der  Türken  (Saken)  grenzte. 

In  Hähie  sollten  sich  indess  die  Augj'U  der  orientalischen  Wdt 
auf  die  grossentlit'ils  uiientschhMert(^  Halbinsel  Arabien  lenken,  deren 
alte  (leschichte  hier  nachzuhoh^n  nunmehr  zur  Ptlicht  wird 

Aral)iens  H(*wohner  wanMi,  gleichwie;  die  Ilcbriler  und  andere 
St:hnm(;  Vord(rra.siens,  SemittMi.  Die  M(dir/ahl  derselln^n  bewohnte  du 
südlich  von  Palilsiina  gel(>gen(*  (iel>i(>t  th's  ]H;tr:lischen  und  auch  deB 
glüi^kiichen  Arabien.  Zweifelsohne  haben  die  alten  AmlMT  ihr  Öemiten- 
thum  w(>it  reiiM'r  erhalten  als  (li(^  llebrik'r,  in  diTen  Adern  entAchiedea 
kein  HMues  Hlut  mehr  ilo.ss.  ')  Sduni  di(^  Natur  d<'S  l^andes  bringt  es 
mit  sich,  dass  in  Arabi(*n  vmv.  so  dichte  Hevülkerung  kaum  gedeihen 
kann,  als  im  syrischen  Palitstina;  di(>  (>in wandernden  Semiten  vennodh 
ten  daher  in  Arabien  di(^  etwas  früher  ang(^iedelten,  sicherlidi  wenig 
zahlreichen  llamilen  leichter  zu  venlrängen,  ohne  sich  mit  ihnen  n 
> ermischen,  (ian/  ohne  jed(>  Vermischung  scheint  freilich  auch  hier 
dieser  Process  nicht  \nv  sich  gegangen  zu  sein.  J)ie  alten  Araber 
in  Vemen  kamen  ni<'bt  nur  durch  di<*  kostbaren  NaturpnNlucte  ihres 
Landes,  durcb  (ioid,  Kdelsteim*  und  Hauch  werk,  Kondern  auch  durch 
den  Transitohamh'l  mit  /innnt  \on  Cevlon,  und  KIfeniM'in  und  Eben» 
linl/  aus  Aetliiopii'ii  frühe  /.u  beträ(^litlich(*m  Wohlstände.  In  grauer 
Vor/rit  sind  «lic.  (iegcmlen  de<  >iullich(»n  Arabiens,  die  nunmehr  der 
Schleier  der  Vergessenheit  deckt,  (hr  Sitz  einer  merkwünligen  Cultof 
U'cwesen.      Was    aber    (üirübcr    vorliegt,    l)eschräukt    »ich    auf    wenfg 


*>  Sirlic  i]i<>-.i>|lH>  in  S  pr  II  iM>  r- M  r  iik  i> '  ?4  lliatoriiti'hfm  Ifandatla*  dt»  MitttImHtrt 
Mni/  iler  »rurrr»   /.lit.      HUtt   77. 

)  I'o)H>r    (liiMi>    hniuli'lt    linr    trofTlirlii'    Vlvi«>n    do    Ba  i  n  t- M art  i  D,    L«<   A*! 
hlitHcn  dm  hiHtnrifnn  U>f7tiHtiH9.      Vnri*   IhlU.      8  . 

')  Audi   Trof.   Frirdr.  Müller   bi'trnchtet   den  Araber  und   nlebi   das  Htbrltf 

ariiiäliPiii'1  u1     •K'ii  Lii^put  Ji-a  Sttiitilca.     ( Xutara-Ii*;itt,    Lthnniloglt»    8«  195. 


BUek  lof  Am  TorUUmitlMht  Vorderasien.  99 

', »)  So  Wiiren  scliDn  zur  Zeit  des  blühendem  phönikischen  Handels 
ler  Südküste  Arabiens  Aden,  (.'aniia  und  Haran  und  in  Yemen 
unii  Saba  b<'rühratc  Stapelplätze,  so  wie  auf  der  Ostseite  die 
i  Aradus  und  Tyrus  (Ilahrein-Inseln)  im  jiersischen  Meerbusen. 
[Üe«eu  Niederlagen  wunlon  die  arabischen,  indischen  und  ätbiopi- 
Waaron  durdi  Midiauiter,  Edoniiter  und  wahrscheinlich  noch 
andcTe  arabische  Heduinenstäniine  in  das  vordere  Asien  auf 
«len  gebracht.  \'oin  südlichen  Arabien  ging  die  Karawanen- 
p  über  die  Felsenstadt  Petra,  die  sich  wegen  ihrer  Festigkeit 
nein  Sta|M'lorte  vorzüglich  schickte,  und  über  Albus  ])agus  oder 
I  im  I^nde  Neds^lui,  vom  östlichen  Arabien  über  die  babylonische 
ie  (iemi.  Zahlreiche  Inschriften  *)  in  himyaritischer,  richtiger 
«Aer  Sprache,  dem  ältesten  bis  jetzt  bekannt  gewordenen  Idiome 
»8,  iM^lehR'u  uns  unzweifelhaft,  dass  fast  der  ganze  westliche 
von  YenM'U  im  Alt(»rthume  eine  viel  unbedeutendere  Rolle 
h  hat,  als  der  östliche.  Dort,  und  nicht  am  Rot  heu  Meere,  lag 
i'iego  der  sabäischen  Cultur.  Die  Sabäer,  nftmUch  die  Bewohner 
'eiiK*n  und  Neclschran,  waren  civilisirte,  ja  für  ihre  Zeit  hoch- 
rte  Völker,  und  ihre  HeiTS(!haft  dauerte  ziemlich  unangefochten 
wa  in's  I.  Jahrhundert  v.  Chr.,  als  die  Römer  den  unglücklichen 
lg  unter  At»lius  (ialius  (24  v.  Chr.)  nach  Arabien  gelangten.  Sic 
m  !>is  Radnuin  und  erob(»rten  wahrscheinlich  nelwt  \ielen  anderen 
•n  auch  die  Hauptstadt  d(T  Sabäer,  die  sie  wiederholt  in  offener 
iilarht  s<-hlui;en;  während  aber  dergestalt  die  Römer  das  Ansehen 
ibiisi^heii  Dynastie  untergruben,  wurden  sie,  vielleicht  unter  Bei- 
der südardbis<hen  Himyariteu,  von  jenen  Stämmen  zurüdc- 
fea»  welche  die  Araber  unter  dem  >\imen  der  Madghij  zusanunen- 

\  Die  wirhtig^te  auf  die  vori»Umiti«chen  Araber  bezUglicheo,  mir  b«kaiuit«a 
tm  fiDt:  L.  Krebl,  Vtbtr  die  Rtligiom  dtr  voHtlamititchen  Armh^r,  LeipstglSWw 
fred  T.  Krrmor,  l'rber  die  iüdarabitche  Sage.  Lei|Mtig  186A.  8'  Vietof 
>•>»•,  S'Mmtäm'Mt.fftte  deg  Ambe»  avattt  VMtiminmt.  Pari«  1^59.  Endlich  in  neuester 
\  Hpr^npr^r,  iHe  alte  Ueogrnphie  Arabien»,  als  Grundlage  der  EntieiekluMg»' 
^te  rf#fl  Semititmu«.  IJrrn  IST.'i.  »•  Verge'«i»cn  wir  nicht,  dirier  karten  Litte 
umtn  6en  franxj*i<'4-hpn  .\rchAoIog«Mi  Fretnel    hinzur.ufügcn,    der   nebtt   einigen 

An*ir-fatrn  d'»ch  vi««!»«^  Trffni 'he  im  Journal  a^iatique  vprofTentlicht  hat. 
*)  !>.#  brruhmtr  In^hrifl   \on  Nmib  ol  ilnd^chr  wurde  Mhon  18<'15  von  Well-«tedt 

\*T.*  \"n  e\  Ohn«*  von  Adolf  v.  Wrrdo  im  .Tuli  18l<'i;  en  i^t  dies  daA  einzige 
^almal.  A'if  d<'ni  wir  dm  Numi-n  Ilndlirnmaut  in  unzwoiTclbafter  Form  lesen.  Die 
qat*r  uolrh^r  drr  Namo  auf  di '<««'m  älto<>trn  Dnnkmal  er^choint,  widerlef^i  nach 
an«  AQ*iilit.  tränzlich  dir  ara>>l*cho  KtNmolngle,  wciclie  dat  Wort  als  liadhar 
,  da«  Kr,«*t  Wohu'ing  d»»"«  T.»d<»*  deutet,  wie  d**r  so  j«ng  veri«torbcne  berühmte 
itU«:  Krnit  I » «  i  a  n  d  e  r  divitlirh  dargrtbati  hat.  Capitän  liurton  hingegen  Ist 
tttian  ubrr  da<  Wort  Il.idhriiiiinut  nicht  oinverHtanden  und  erinnert  daran,  data 
>•  Gi'n*»-!-  «X,  *-?»'"  al4  Iluzarmurtth,  vom  Sohne  .loktan«,  vorkomme;  die«  i«ei  der 
'he  5arr«-  f'.r  da*  j:»iii/r  (i*»l.ii»t  gcwe«en.  (Vroeeed.  R.  geogrnph.  8oe.  London. 
VI.  N/  II  ^.  \'ll.)  Weit»'re  archäolojji-n'he  und  epigrophi'*rhe  Forschungen 
ihre,  t^r  FtfiMco^e  A  rna  ud;  n.it  d««n  ni'ue-«ten  Kntdockungrn  IIa!  #  vy' t  vermögen 
I  i&dv'ffon  nicht  r.u  metAeu.  Vgl. :  />«  quelques  noms  propren  g^otfraphlques  qui  »e 
rwm  4mm»  U§  fiueriptiont  »ah*'enme$  par  Jos.  HaWvy.  ( Bmtl.  d«  la  8oc.  d«  p«'«« 
t   ie  l'ar'S.     Ib»^  fe.rirr.     h    Ibl  — l^i  ) 


100  Dm  OiUM  *«I  i*  Ute. 

ÜBuen.  Die  Herrschaft  im  Temest  ging  ftber  ah  die  mftcMgen  ud 
zahlreidiflii  Himyaiiten  Ober,  und  Beä  Jener  Zeit  vdlsog  ridi  ciB  be- 
deutender Uinsdiwang  in  den  Boaten  des  iml^sdien  Hiaddsverkdnai; 
denn  der  Weihnrach  tmd  die  'WohlgerDche,  der  HanptnidiUim  im 
Landet,  werden  von  nun  an  aach  auf  dem  Seewege  und  aidt  wfe 
als  Monopol  ansgeflihrt 

Die  Bew(diner  des  Bftdlichen  Andneiu,  die  Hirnyariten,  rind  ym 
den  im  Norden  wohnenden  Arabern  sprachlidi  geacÜedea;  ilv  Uhai 
ist  eine  eigene  Sprache  und  kein  Dialect  des  Arabitcben;  ^)  ein  XM 
dieser  Himyaritaa  zog  schon  mehrere  Jahrhunderte  vor  Bb^db  oaenr 
Zeitredmimg  ttber  das  Meer  und  grOndete  in  Al)<'^-[iii<'ii,  <if-m  I-unde 
oberhalb  Aegyptens  tud  Nnbiens,  eine  Colooie, >)  ilmn  ^>li>.-  8)ir3chi-, 
das  sogenannte  Aethiopische,  die  n&äute  Verwandit  ik»  lUmviu-iÜBcbeD 
ist  Gegenw&rtig  ist  sie  aus  dem  tfigüchen  Geliraucbe  verschwundw 
ttnd  gilt  nur  mehr  al£  beilige  Kirchenapradie.  £twa  150  Jnlire  v.  da. 
drang  das  Jndentham  nach  Yemen  niid  schwang  Hieb  aiiT  deu  Thron; 
noch  viel  froher  aber,  schon  zu  Salomo's  Zeiten,  gplaiigte  der  Cnltu^ 
mHnaa  von  Jemsalan  bis  in  die  ab  «inischen  lloDlilaiide.  Hoch  de 
Tradition  waren  nftmlich  die  Abessini  r  seit  langi'  in  Verkehr  mit  dei 
ihnen  stammverwandten  Joden  und  es  scheint,  iIlss  ein  großer  The^ 
des  IteddMs  einst  die  mosaische  Religion  angeuoiuiicn  batte,  von  ia 
noch  manche  Sporen  selbst  in  der  jetzigen  ditistlicbfn  Landetdiinfae 
verblieben  rind. "]  So  wdt  dch  die  nnr  von  fidik-m  Schimmer  bde«i> 
teten  CnltorverhOltnisse  Jener  Undw  im  Altertfaoniti  bcurtheilen  laa 
wanderten  mit  den  ans  Atahien  herObei^[ek<Rwneiu>n  SaliAem  nucb 
Sagen  ihres  Vaterlandes  nach  Aethiopien  dn,  und  seither  fit  dl 


*)  Du  HIafarllliclia  nsd  du  dkialt  b«Iu  TarmsdU  Otntn 
taaalaWBaii  Unpraiig  In  «ID«  *Ma«nltlHliaB  Unpradu,  wih 
Dat  StaniBbaBB  dar  arablMh-llUaptidian  BpnekaBgraf f« ,  »It 
•ntwarha  kal.  tat  folfasdar: 

Sla  Arlba 


Shkrir  Aublrluh 
Bleba  («mar:  Prof.  Frladr. 
SArift.     Win  ISSS.    f. 

1  iRig  M  wobl  PalfraTa'i  H*linui(,  «alalii  ■ns^kobrl  i[t  aioYarllM  < 
AbaHlolen  «tanman  UMt  unil  aneli  aoul  hiBiafflitt  UwUm,  Ih-  Ar.'bt  af  (iboA 
Tmtm ,  »tnü-rmirten,  a  It  ti^klg  frt^aHr,  t/ J/Htm»  »ngi-.  (P>l|>aT«.  KmHl 
tf  a  ^tar', Jturtug  Iramgli  HKtral  mmd  Mltm  ArmUa.  lj>aia»imi.  S    II.  Hd   a.SW-I 

■)Th.  *.  BaasliD.  JMTC  m*))  AUnliUit,  im  (Ma-M>.<  m,  Ott-»M'' 
OaKMi.    Jas*  IBM.    i>    8.  ttS. 


L. 


e  8cene  der  Begebenheiten,  welche  die  späteren  arabisdien 
tsschreiher  von  dem  früheren  Arabien  erzählen.  So  lassen  die 
er  die  Königin  von  Saba,  welche  Salamo  besucht  haben  soll 
1  T.  Chr.)  aus  Aetbiopien  nach  Jerusalem  reisen  und  leiten  Ton 
osanunenkunft  selbst  den  Stamm  ihrer  Könige,  den  sogenannten 
ischen  Regentenstamm  ab,  der  bis  auf  die  neuesten  Zeiten  — 
ire  seiner  Verdrängung,  960 — 1300  n.  Chr.,  abgerechnet  — 
gdierrscht  hat  ^)  Dessgleichen  wird  auf  die  Königin  von  Saba 
sehe  Religion  zurückgeführt,  die  heute  noch  die  älteste  im  Lande 
welcher  die  Falascha  Felosa)  angehören.  *) 
nge  ehe  es  in  Deutschland  Eingang  fand,  verpflanzte  sich  auch 
istenthum  nach  Abessinien,  unter  den  Königen  Abreha  und 
L  J.  330  n.  Chr.,  und  breitete  sich  dort  desto  leichter  aus, 
I  das  königliche  Haus  ihm  beitrat.  Nur  der  eben  erwähnte  Stamm 
k  mit  seinen  Regenten  blieb  dem  jüdischen  Glauben  treu.  Auch 
«Bcfaem  Boden  gab  es  zu  Cheibar,  Fadak  und  Yathrib  (Aethnbnm) 
Ansiedlungen  und  im  VIL  Jahrhunderte  waren  alle  Culturdistricte 
dwestlichen  Arabien  jüdisch;  auch  unter  den  Culturstämmen  im 
wie  im  Centrum  Arabiens,  bei  den  Himyariten  wie  bei  den 
en  —  den  grössten  Theil  des  eigentlichen  Centralarabien,  ÜASt 
in  wie  in  neuerer  Zeit  der  Wahabitcnstaat,  nahm  das  Reich  der 
und  Maadd  ein  —  machte  das  Judenthum  Fortschritte  und 
war  auf  gutem  Wege  von  einem  P^ndc  bis  zum  andern  judaisirt 
Icn,  •;  als  sich  das  Christenthum  verbreitete.  Der  Uebertritt  des 
eben  Königs  Du-Nowas,  aus  der  himjaritischen  (homeritischen) 
;  (485  n.  Chr.)  zum  Judenthimie  veranlasste  jedoch  heftige  Ver- 
*n  der  Christen,  die  in  ihrer  Bedrängniss  einen  Fürsten  Daus 
byzantinischen  Hof  um  Hilfe  entsandten.  Kaiser  Justin  L  empfiihl 
lern  chnstlichen  Könige  von  Al>essinien,  was  die  Kreuzzüge  der 
ier  nach  Yemen  Ende  des  Y.  Jahrhunderts  und  um  530  den 
ler  himyaritischon  Dynastie  sowie  die  Eroberung  Yemens  zur 
atte.  Die  Aethioinerherrscbaft,  unter  welcher  das  Christenthum 
and  gewann,  zu^^leich  aber  die  noch  unl)ekannten  Pocken  und 
cing«»schlei)pt  wurden,  dauerte  bis  576,  wo  ihr  der  Perserkönig 
Nuschin^an  ein  Ende  machte.  *) 

ie  man  sieht,  war  Arabien  hn  V.  imd  W.  Jahrhunderte  vielfech 
n-,  neben  Heiden  wohnten  Juden  und  Christen,  die  beiden 
1  zu  dem  in  mehrere  Secten  getheilt,  während  Stammes-  und 
izwiste   die  Heiden   einander   abgeneigt  machten.     Mekka,   das 


i,  Pougeols,  L'Ah0M§imt0,  »om  hUMrt  maturtU^,  poHtiqm*  •»  r4UgUH9§  d^pmU 
Ua  pim»  rnttcUtu  Jnpqm'ä  la  eh^tt  d»    Thiodort.     Pari^  186S.     8  . 
il^k«   äb«r  die«eib«n:    Martin  Fl  ad,    Kmrt§  ^ehüdtmttg   d§r  bt§kgr  fmti  um- 
mk^9*tmiBek0m  Jmdtm  f  FaioBehaitj.  Ba<«el  1869.  8*',  dann:  U.  A.  8  t  trn,  Wmnd9Hn§t 
f  Tmim^m'»  •/  Ab^»timia.     London  1883.    8*. 
bm9lm»4  IS64  No.  S8.    8    775. 

•ick«  hierüber  die  wichtige  Abbandlong  von  Dr.  Otto  Blan,  ÄrmUtm  4m 
^mmd^rt.  Eint  9thmographi$eht  8ki99e.  (ZeUtehHft  dtr  i4mt»ch€n  mwr§0tU§m4. 
lA    Bd.  XXUL    4.  Uaft.    8.  ft59-59S)  mit  1   Kart«. 


102  Der  OrfMi  «nA  der  Ulla. 

nralte,  tmd  Medhia  seine  RiTalin  waren  zwar  frei,  dodi  begann  in'Asr 
ersten  Hftlfte  des  Y.  Jahrfannderts  das  Haus  Koreisch  im  HedBGbAi  rieh 
dadurch  zu  heben,  dass  der  Koreischite  Koss  seiner  Familie  die  Auf- 
sicht tlber  den  Tempel  zu  Mekka  nebst  der  bttrgeriichen  Begienmg  der 
Stadt  erwarb.  Dazu  trat  noch  die  Herrsdialt  einer  fremden  Baoe  im 
Süden.  Nur  wenn  man  sich  diese  Stftmmevertheilung  in  Arabien  tot 
Muhammed  terg^enwärtigt,  begreift  sich,  wie  es  kam,  dass  der  Ullm 
einerseits  durch  so  mannig&che  fremde  Einflüsse  vorbereitet  wir  und 
andererseits  nüt  so  plötziichem  und  beispieDosem  Erfbige  National- 
sache eines  bis  dahin  zerrissenen  und  zersj^tterten  YoikeB  ward& 
Wie  unter  den  Juden  in  Palästina  dem  Christenthume,  so  gingen  andi 
in  Arabien  dem  Islam  vollkommen  natflrliche  Drsadieit  Tom% 
die  sein  Erscheinen  als  eine  historischq  Nothwendigkeit  er- 
klären. ,}Die  Resultate  meiner  Forschungen^  sagt  ein  Gelehrter 
Banges, ')  ,4^ben  die  Ueberzeugung,  dass  der  IslAm  nicht 
Geblüt,  noch  aus  dem  Willen  des  Fleisches,  noch  aus  dem  WBlen 
Mannes,  sondern  aus  den  Bedürfnissen  der  Zeit  eataptwaiffm 
sei,  bestätigt.^  Vor  Allem  war  es  der  Bacenkampf  in  Yenen,  im 
ethnologische  Moment,  welches  der  Annahme  und  Yerbrcitong  der  naHHä 
Beligion  wesentlich  Yorschub  leistete.  Die  Periode  der  ftthtopARMi 
Herrsdiaft,  sagt  ein  gewiegter  Kenner,^)  musste  die  reUgiOee  JbUrfti 
Arabien  hauptsächlich  beschleunigen,  nicht  weO  sie  ein  EBmft  dik 
judaisirten  Heidenthums  gegen  das  Cfaristenthum  gewesen  wftrei 
weil,  wie  es  auch  die  arabischen  Historiker  so  charakteristisdi 
treten  lassen,  die  weisse  Race  sich  gegen  das  Gefühl  Tn 
der  schwarzen  beherrscht  zu  werden  schliesslich  aqjiMa 
und  dadurch  um  so  emp&iglicher  für  die  neue,  auf  arabiflohm  Boifli 
geborene  Beligion  werden  musste. 

Die  Entstehungsgeschichte  des  IsIäm,  weil  unseren  Zeüan  attir 
gerückt  und  desshalb  genauer  bekannt,  wirft  ein  gewtaee  lioMÜf 
die  Geschichte  aller  Beligionen  überhaupt.  Muhammed  selbst  ist 
durchaus  historische  Persönlichkeit;  Zweifel  wie  bei  OuistOi 
über  ihn  nicht  existiren,  sind  auch  manche  seiner  HandliiBfBlt  iddl 
historisch  verbürgt. ')  Er  trat  auf  zur  Zeit,  als  er  nothwencHg  BBWtf* 
den.  Bemerken  wir  noch,  dass  auch  der  Islam  seinen  UrtpEvm:<li 
Yorderasien  hatte.  Wie  vier  gewaltige  Wellenschläge  der  ie^|iflnt 
Ideen  sind  von  dorther  der  Mosaismus,  der  Parsismus,  das  QiriMI4*P 
und  der  Islam  ausgegangen  und  haben,  den  tie&ten  Gnad  neoidUMM 


*)  A.  Sprenger,  Da«  LebtH  uttd  äit  Lthrg  d€§  Mohammad  mmdk  hit/ttr 
thgiU  uMb^miM^H  QimUsh.  Berlin  1868—69.  Vorwort  8.  10. 
.  *)  O.  BUn.  A.  ft.  O. 
*)  Ueber  «Im  Leben  Miüiftmmtd*B  eiehe:  A.  Sprenger,  Da§  Iiiif»  iMi  0$4 
df  Mohammad,  —  OustaT  Weil.  Mohamod  dor  Froftt,  oHm  l§%tm  iMi 
aut  hand9ehrifüich9n  QuelUn  und  aua  dem  Koran  gt9eh9ftft  wtd 
1843.  — >  AbelKAsumat,  Mahomet  et  U  Mahometitmo  CSavma  d$»  dtoMV 
Tome  LIX),  ferner  die  Werke  von  Nöldelce  und  Hnir,  «liUdl  B.  ttttiWVfflk 
Smith,  Mohamated  and  Mohammedaniem.  Leeture§  doHrertd  ^f  ika  ML  ImtÜttttMi  ^ 
Februartf  and  Mareh  1874.    London  1874.    8*.  -•%■!• 


Unprttoge  d«t  iBlim.  103 

*iikfii8  und  Fühlens  aufwühlend,  ihren  weltgeschichtlichen  Verlauf 
Douimen,  nnd  zwar  nierkwünligerweise  in  gewissen,  den  Schein  einer 
!gelniä8sigkeit  zeigenden  Zeiträumen:  Moses  um  15<K)  v.  Chr.,  Zara- 
astra  um  6<M)  v.  Clir.,  Muhaimned  um  (>00  n.  Chr.  »)  Den  jüngsten 
»er  Wellenschläge,  den  L^läm,  in  seinem  Entstehen  zu  beobachten, 
»9  die  Aufgabe  der  nächsten  Zeilen. 


Ursprung  des  IslAin. 

Im  Norden  der  Sabäer  lag  das  Reich  der  Kinditen  oiler  Minäer, 
t  den  wichtigen  Plätzen  Mekka  und  Mina.  Ein  Volk  waren  die 
iBÄer  nicht,  sondern  eine  Confbderation  verschiedener  Stämme,  an 
ren  Spitze  ein  miht arisch  organisirter  Stamm  stand,  wie  es  deren  in 
"atnen  immer  gegeben  hat  und  noch  gibt.  Der  dynastische  Stamm 
r  minäij<chen  Confikieration  waren  nun  die  Kinditen  oder  deren  Vor- 
nger.  liis  ungefUhr  570  n.  ('hr.  war  die  Hauptstadt  der  Kinda  in 
idscfad  und  hatte  eine  so  grosse  Bedeutung,  dass  die  Byzantiner  mit 
len  in  diploinatis<rhem  Verkehre  standen;  die  kinditischen  Herrscher 
tten  den  Titel  Könige  der  Maadd  und  Rabva,  und  besassen  in  ver- 
liedenen  weit  von  einander  entfernten  Theilen  Arabiens  Nebenlinien, 
j  Qlierall  ülx'r  die  benachl)arten  Stämme  herrschten. 

Im  (legensatze  zu  den  Sabäern  waren  Kinditen  imd  Minäer  Nomaden 
d  scheinen  sich  darauf  sogar  etwas  eingebildet  zu  hal)en,  daher  auch 
r  Gegensatz  zwischen  l»eiden  in  dem  religiösen  Cult  Der  Mittelpmiirt 
i  »abäi»<'hen  Sonnendienstes  ist  für  alle  Araber  K  y  a  m  gewesen,  der 
•mpel  eines  Kahin,  (iötzenpriesters  und  einer  Stätte,  wo  Opfer  dar- 
imu^it  und  wohin  gewallfahrtet  wurde.  Die  Minäer  hatten  el>en  so 
4  Ursaclie  die  Religion  zu  jitiegen,  als  ihre  Rivalen,  die  Sabäer,  ver- 
hteten  alnT  ihn'  gottesdienstlichen  Feierlichkeiten  unter  freiem  Himmel, 
^ishaib  wfder  in  Mekka  noch  in   «lessen  Umgebung  ein  alter  Tempel 

tiuden,  denn  die  Kaaba  war  ein  elender  Steinhaufen,  Daü  von 
1«!  zur  Sich<*ning  d<»s  Verkehrs,  namentlich  des  Weilirauchliandels, 
Mrfs«*»tzte  Frtthlingsfest  wird  in  anderer  Form  bis  auf  den  heutigen 
\fi  gi'f-iort:  es  ist  das  moslinrsi'.he  Pilgerffst.  Die  wt;sentüch  r(»ligiöse 
mdlung,  «las  Schlachten  der  Opferthiere,  wurde  in  Minä,  einem  Orte  in 
r  Nähe  von  Mf*kka  gefeiert  und  stand  unter  dem  Schutze  der  Minäer. 
B  die  BiMiuinen.  auf  deren  Zähmung  es  abgesehen  war,  herbeizuziehen, 
rdi-n  dir  fn'uidcn  TheilncInn^T  während  des  Fesles  v«>n  den  Mekkanern 
irirtbi't.  und  «»s  bestanden  zwei  erbliche  Aemter  hi  Mekka,  deren 
baliT'r  dafür  zu  sorgon  hatten,  sie  mit  Speis<^  und  Trank  zu  versehen. 

war  auch  «lafur  gesorgt,  das  Fe<t  recht  i»i(|uant  zu  macheu:  bei 
N*r  r^Teniouie  in  Mekka  ersi;hi«'nen  die  Frauen  im  Costüm  der 
ilt*T  y.\d  olnu*  Feigenblatt,  und  nackt  mussten  «lie  Pilger  den  sieben- 
iHfCf-n  Cmzug  um  die  KaalHi  vollenden.    Nach  dem  gemeiiLsamen  Feste 

•>  Alfr*"«!  ▼.  Kremer,  Cmlttirpe$ehichthcht  Stre'/tBffe  auf  dem  Gthirt«  dti  hidm. 
ipsiC  1«T3.     0*     B.  IV. 


104  S«  OilMt  Ol  dw  Idtat. 

besucht«  jede  Genosseiudiaft  ihre  TntdargOtmi;  igt  weseoUidK  ThtH 
des  MinarFeBtes  aber  bestand  in  der  Unvoletilidikeit  von  iler  Man^tw 
im  Jiüir^,  wahrend  «elcher  Religion  und  Ehre  geboten,  die  Vdta 
niedenolegen  und  allgemeinen  Landfrieden  zu  halten.  >)  80  Mba  «fa* 
ein  inniges  BOndiüss  zwischen  Behgion  nnd  HandelainteTeaMD  n  R^Mh 
Gcitigem  Nutz  und  Frommen,  wie  es  auch  bei  chriBtlidMD  WaUUitMi 
statlfindeL  Ab  die  WeihraucbEtrasse  verOdet  war,  zogen  die  HinlBr 
räch  ganz  nnd  gar  nach  dem  Nedschd  zurflck  and  fiberilesaen  das 
höchst  nnbedeut^nden  Handel  den  zwei  Stttdten  Mekk»  nnd  Taji( 
welche  ddi  nnsbb&ngig  vom  kinditischen  Einflüsse  machlca;  nnd  tob 
nun  an  besorgten  die  MeUmner  das  Mna-Feat 

Da  Mekka  unter  dem  Einflaase  ^riadier  Christen  Btand,  eAUttim 
Fest  dne  jOdisch-christliche  F&rbnng.  Unmittelbar  vor  dna  Ufei 
wurde  es  zn  Ehren  AUah's,  für  veldien  nirgends  eine  BUdaMe  «te 
Tempel  errichtet  war,  b^angen,  er  war  die  gemeinsame  OotOil^ 
welche  durch  den  IsIAm  anch  zor  einzigen  wurde.  Ob  man  ackonilk 
der  minftisdien  Periode  dieselben  Begriffe  von  Allah  hatte,  oder,  «■■ 
die  Bcnennong  sdios  tlblich  war,  die  Sonne  oder  den  Hrad  teHto 
verstand,  wissöt  wir  nicht.*)  Gewiss  ist  nur,  dass  dn  liciu  .\vt\ta  nmi 
die  Kaaba  zn  Uekka  als  CultusstUten  von  unberecheu)>ai oiu  AKur  mA. 
Die  islamitische  Sage  knüpft  an  diese  Orte  die  Eriiminin^  jui  Adns 
und  Eva,  dereinst  verehrte  Gatter,  später  aber  hintef  dorn  vnii  Babyton 
weitverbreiteten  und  sogar  zum  Glauben  an  änen  t-inn^cii  Gott  sidi 
verklArenden  Eronos'  oder  Satnmdienst  immer  melii-  xurackgetrelcn, 
verkQrxt  und  herabgesetzt,  indem  man  sie  dem  mensililicli^ii  Matuee  za 
nahem  suchte.  Auf  Gottes  Geheisa  legte  Adam  mii  niUfi<  der  Engel 
die  Gnmdfesten  eines  Tempels,  der  alten  Kaaba,  <lt'ii  <lif  l-1utb  ilo 
Nuh  (Noah)  wieder  seiBlArte.  Da  kam  Al»aham  und  iiiii-htot«?  ihn  rcoi 
Neuem.  Hit  dem  Namen  Abraham's  wird  von  den  ^I»J*lilIl^  cini-  Reb- 
gion  bezeichnet,  deren  wesentlichstes  Merkmal  der  Gluiil>u  iin  <liB  Ho- 
heit Gottes  ist  Wie  lebensfthig  nun  anch  seine  liuii-Iiielitc  ia  äet 
biblischen  Darstellnng  vor  uns  steht,  Abraham  ist  dixli  nur  ik-r  tmso 
bildete  Rest  ^es  in  die  vermeinte  PatriarchengeaLliidiio  eJn^tcfilgleii 
Saturn.  Ueber  den  ganzen  Boden  der  set^tiacbn  Well  «Im-t  «tt- 
breiten  äch  die  CultstlUten  des  Gottes  Abraham  (Al'-ram,  Vater  der 
Hohe).  Als  Gott  verehrten  ihn  die  heidnischen  Idumiii^r  im  Nord« 
von  Hebron  unter  seiner  oralt  heiligen  Terebiithe;  m  Damaskiu,  m 
Abraham  als  UrkCnig  und  Stadtgrander  gilt,  hatte  et'  in  Ki)air«Wni!«lia 
Kaiserzeit  einen  Altar  und  heute  noch  lagst  Maqjed  Iliiiihim.  irino  hoch- 
verehrte WallbhrtastlUte  nördlich  von  der  Stadt  auf  diu  alii'ii  Aht»- 
bamscnlt  sdiliesaen.  Zu  Har&n  im  nördlichen  MesO]>iit{irii{('ii  vf^rülirteo 
lUe  heidnischen  Sabier  den  Gott  Ähu-Hom  nnd  die  Güitin  Snrak. 
aus  deren  Leib  die  Götter  hervoi^egangen.  Auch  dit-  Alii'^iliuiasiiMMch«- 
zu  Or&  dürfte  an  der  Stelle  eines  Ab  ihamstcmpels  ^iiix-ii:  Or&  aber 
gilt   von  Alters  her   für   das  Ur-Kasdim,   von  wo  Abiuluun  nti*m£ 

•)apTan|*r,  ^U<  Gnvrqpkf*  Jratffw.     B.  Sil— IH. 


ünfHbif«  te  UUa.  106 

Qes  spricht  dem  i  daf^,  dass  in  der  heiligen  Kaaba  zu  Mekka  der 
ktnmdienst  gefeiert  wurde.  Die  Farbe  dieses  Gottes  in  babylonischer 
mbolik  war  schwarz  und  ist  es  geblieben  zu  Har&n,  wo  die  Sabier, 
ese  weit  in  muhammedanische  Zeit  herabreichenden  Erben  chald&ischen 
eidenthums,  einen  schwarzen  Saturntempel  hatten,  mit  schwarzen 
)rfaAngen  und  einem  Götzenbild  von  schwarzem  Stein.  Ein  solches 
^fiind  sich  auch  in  der  Kaaba. 

Die  Religion  Abraham*s  ist  es,  die  auch  Muhammed  wiederher- 
dlen  wollte,  d.  h.  jenen  Satumdienst,  der  durch  Beseitigung  und 
Bterdrttckung  der  ICebengötter  sich  aUmählig  zum  Eingottessystem 
Tklirt  hat.  Wir  wissen,  dass  dies  nicht  erst  bei  den  Hebrftem,  son- 
m  bereits  in  Chaldfia  stattgefunden  hatte.  Die  eben  erwähnten  Sabier 
führten  einen  höchsten  Gott  Schevioel^  Samael)  und  gehörten  nur 
•ofeme  der  Vielgötterei  an,  als  sie  diesen  Gott  für  zu  gross  und  er- 
iben  hielten,  mn  sich  unmittelbar  mit  der  I^itung  der  Welt  zu  be- 
nen;  diese  tibergab  er  den  Untergöttem,  an  welche  vermittelnde 
BBtalten  der  Mensch  sein  Gebet  und  Opfer  zu  richten  habe.  Diese 
«r  wohnen  in  den  Planeten  und  da  man  auch  die  Phuieten  nicht 
iBier  sieht,  braucht  der  Betende  fttr  seinen  täglichen  Bedarf  Bilder 
nelben,  Götzenbilder.  Dies  auch  der  Standpunct  der  Araber  zu 
«bamme^rs  Zeit  Gleich wolü  konnte  nicht  fehlen,  dass  diese  Helfer 
id  Vermittler  dem  ungebildeten  Volke,  Yi\Q  auch  anderwärts  (z.  B.  im 
nriitenthume  Mana  und  die  Heiligen)  wichtiger  wunlen  als  die  Ur- 
ittlieit  Schon  da^is  Saturn  der  gemeinsame  Gott  aller  Araber  war, 
idit  es  begreitiich,  wenn  die  einzelnen  Stämme  ihren  Stammesgott^ 
jlen  und  Schutzheiligen  grössere  Innigkeit  der  Andacht  entgegen- 
iditen.  Ya  ist  Muhammed's  Werk  den  Cultus  des  höchsten  Gottes 
den  täglichen  Be<larf,  und  zwar  mit  Ausschluss  und  lüuguung  aller 
riflcbenstufen  wieder  eingeführt  zu  haben. 

Von  grösster  Iknicutung  dalK»i  ist  der  Vorgang  jener  vom  Cliristen- 
one  onberflhrten  Sabier,  die  grösstentheils  ihr  (leliet  nach  der  Kaaba 

Mekka  richteten,  also  sicher  auch  die  gleichfalls  uralte  Wallfiahrt 
rthin  mitmachten.  Viele  Sabier  hatten  indess  bereits  auf  die  ver- 
itteinden  Götter  verzichtet,  und  rühmt  man  sogar  die  Gründlichkeit 
r  aabischen  Ik»weise  fUr  die  Einheit  Gottes.  Andererseits  hatte  das 
Bkfftintniffi  der  abrahamischen  Sabier  weit  über  Harun  hinaus  Anhänger 
fromien.  Den  Mulmmmed  sellwt  nannte  man  zu  Mekka  einen  Sabier. 
b  Inhalt  ihrer  Gesetzesrollen  werden  Sätze  angegeben,  die  auch  Lehr- 
tse  Mahanune<ls  gebliel)en  sind.  Wenn  dazu  die  Nachricht  kommt, 
M  die  Sabier  bereits  die  lUichten  des  Fastens,  Betens  und  Almosen- 
teas  kannten  und  übten;  dass  ihnen  täglich  dreimal  ein  Gebet  mit 
Eftipygungen  und  Nie<lerwerfungen  vorgeschrieben  und  keines  zulässig, 
mtr  im  Stande  der  Keinheit;  dass  auch  ihre  Reinigungsgesetze  und 
jri^verljiite  mit  den  muhamme<ianischen  stimmen;  dass  sie  einen 
in/*"n  Fa^tf  iimonat    einhielten    mit    zweitägiger    Festf«'ier   am  Schluss, 

dann  %f'niiin<iern  sich  allrniings  mehr  und  melu*  die  Eigenthümlich- 


106  Der  Orient  und  der  IsUm. 

keitcn  von  Miibammed's  Refonn.  ^)  Indess  dürfen  wir  unter  diesem 
Monotlieisinns  der  Aral>or,  den  man  auch  auf  d(»n  Mosaismus  des  da- 
maligen Arabien  zurückzuführen  versucht,  uns  nichts  einbilden,  als 
einen  ziemlich  lockern  Glauben  an  die  Kinheit  Gottes;  daran  knü]»ften 
sich  auss(T  den  jüdischen  auch  clnnstliche  und  heidnische  ('<?remonien, 
Theori(Mi  und  Philosopheme.  Von  einer  Einheitlichkeit  des  Glanlteus 
war  keine  Kede.  In  dem  einen  Orte  mochten  die  jüdischen,  in  dem 
andern  die  christlichen,  heidnischen  oder  selbst  parsischen  Elemente 
vorherrschen.  *) 

Wie  sehr  Muhannned*s  Lehre  eine  Nothwendigkeit  geworden,  geht 
daraus  hervor,  dass  schon  vor  ihm  (?ine  Reihe  von  Mdnnern  zu  Mekka 
und  im  benachbarten  Taif  gegen  das  Götzenthum  predigten.  Solche 
Vorläufer  Muhammed's  waren  der  Dichter  Omejja  ihn  Abi-s-Salt  aus 
Taif  und  Zayd  ihn  Amr,  dessen  V'ji"S(»  würdig  neben  den  besten  Stellen 
des  Qoran  >tehen.  An  mannigfachen  Ansätzen  zur  Reform  fehlte  es 
also  nicht  und  so  lange  Muhannncd  den  Untei-göttern  nicht  feindselig 
zu  Leibe  ging,  fand  er  durchaus  keinen  Anstoss.  •) 

(ienau  wie  die  Lehre  ('hristi  zielte  der  Isldm  ui'sprünglich  auf 
nichts  weiter  als  auf  eine  Reform  dcT  schon  bestehenden  Glaubenssätze 
ab;  ähnlich  war  es  mit  d(*m  Buddhismus  in  Indien  und  der  nämlichen 
Plix'heinung  begegncMi  .wir  später  in  der  Reformation  Luther's.  Die 
Entstehuugsgeschichte  des  Islam  lässt  f'Tuer  klar  erkennen,  ^ie  jede 
Religion  etwas  langsam  Gewordenes,  langsam  Hemnreifendes,  sich  langsam 
Entwickehules  ist.  Kein  KeligionsstitYer  stellte  sich  von  An])eginu  in 
(>])positi(m  zu  don  heiTschenden  Glaubenssätze» n,  Keiner  l>ehanptete  etwas 
Neues  ersonnen  zu  haben.  Keiner  beabsichtigte  den  Umsturz  des  Be- 


*)Juliu4  Braun,  GemühU  der  mohammeJanigehen  Welt.  Lcipxig,  1870.  8 
S.  2  12.  Krem  er  «agt  (A.  a.  O.  8.  IX):  der  AshurA-T&g  war  achun  vor  Muh«inined 
<;in  Fa*«ttng  (den  Sprongor  in.t  dem  jüdi-*('hnn  Kipur  idontificirt)  und  dlo  Bmmodim' 
fa«tten  Bind  der  chrifttlichon  <^imdragt?!*inia  nnchgobildrt ,  währpnd  dio  Was^chungen  und 
Pro9t(*rnationcn  von  einer  Jüdiach-chri'itliclipn  äekto  oder  von  den  Idaohinhern  entlehnt 
zu  sein  «cbeinen.  Öo  abweichend  dioAC  Deutung  von  jener  Draan's  klingt,  to  stliBflMB 
beide  doeb  darin  überein,  da.iA  nie  die  angcfübTtcu  Kinricbtungcn  aU  keine  ipeciflcek 
inuhamme  Juni'fcbou  erklaren,  sondern  auf  fremde  Quellen  zurückfübreo. 
)  Ausland  1S«1      Nr.  X\.     S.  77'). 

')  JuiiUB  Braun,  A.  a.  O.  S.  13—14.  Hehr  mangelhaft  Rind  die  VorateUungen 
Draper'n  über  dio  alten  Araber.  Das  dem  Islüm  gewllmete  Capitel  (8.  948—963)  Ut 
■irher  einoi  der  «cbwäcbriten  seines  tionitt  vortrctTlicheu  Buches.  rlVfr^r  dit  BwUfim 
der  roriglamifchen  Araber"  bat  der  Leipziger  Profe:*sor  Ludolf  Krehl  ein  Bück  er- 
ncbeinen  laufen  (Leipzig  IS'iÜ.  6  ),  wclrbe-t  mir  zwar  nicht  su  Gesichte  gekommen,  des 
abi'r  im  Aut^lwid  1S63,  ij  517  be.-^prucbeu  i'-t.  Suviei  ich  daraus  entnehme,  ist  euch  Prof. 
Krebl  der  Meinung,  Aa^a  der  Monotbelomu-«  des  Mubnmmcd  darum  bei  den  Arebern  so 
ra-'-licn  Kiiigang  grfunJen,  weil  A'n*.*(*  (i(»tte!<dienHtart  bei  ihnen  urnprUnglieh  su  Ileiiw 
uri'l  n'ir  f-iiif  unter  ver-iebiod(>nen  llüll(*n  verdeckte  war.  Damit  stimmt  im  WesentU^ea 
a'icii  A.  ^^pr  enger  überein.  Prof.  Doxy  in  s'iuem  denkwürdigen  Buche  «Dl«  /«re«- 
litr't  in  Mtkk-i-,  der  die  Verehrung  der  Kaaba  und  des  schwarzen  bteineo  und  folglkk 
all'!  Ue-tu.t'lth<ilc  dc^  I-lnni  den  Juden  vindicirt,  geht  wohl  darin  etwas  su  weit,  wena 
er  rin^n  einzigen  fremden  Sinrum,  die  ."^immniten ,  in  Arabien  Institutionen  grQndea 
la'-t,  die  l^i  0  .'abre  <>l:;ic  ge-'cbripbnne  göttliche  Urkunde  fortleb'-en  m.  sw.  in  Ittstcr 
Zeit  unter  Arabern  vom  reinsten  Blute. 


Entwicklwif  «ad  Wirkungen  d€t  ItlAm.  107 

stehenden,  fogt  Jeder  lebte  in  der  Meinung  die  Rückkehr  zum 
alten  (iiauben  zu  predigen,  ein  Phänomen,  welches  sich  in  dem 
»igenannten  Altkatholicismus,  richtiger  Neukatholicismus  unserer  Tage 
noch  deutlich  beobachten  lä.sst.  Denn  gerade  wie  ein  materielles  In- 
strument durch  langen  Gebrauch  sich  abstumpft,  nützen  sich  auch 
sociale  Institutionen  und  religiöse  Ideen  ab.  AnfUnglich  handelt  es  sich 
bei  den  Reformatoren  nur  darum,  das  Instrument  wieder  in  seinen 
alten  Zustand  zu  versetzen;  erst  der  AViderstand,  den  ihnen  bei  solchem 
liejdnnen  Jene  entgegensetzen,  die  dai*an  kein  oder  gar  ein  gegentheiliges 
Interesse  besitzen,  bringt  sie  in  offenen  Widerspruch  und  führt  zu  einer 
anHlnglich  nicht  beabsichtigten  Neuschöpfung,  die  aber  bei  strengerer 
Prüfung  sich  !»lo8  als  das  endlich  an's  Licht  tretende  Resultat  einer 
Menge  von  lange  verboi*gen  wirkenden  Ursachen  ergibt.  Man  übersieht 
nämlich  gerne,  dass  sowohl  die  Abnützung  wie  die  Refonn  socialer 
Einrichtungen  und  religiöser  Ideen  absolut  not h wendige  Sta- 
dien der  Entwicklung  sind,  der  sich  gar  keine  Idee,  wäre 
sie  die  erhab<^nste,  entziehen  kann.  Dazu  müsste  ihr  jene  übernatürliche 
Kraft  innewohnen,  die  sie  nicht  U^sitzt,  ihr  aber  oft  die  moderne 
I*hrase  zuschreibt.  Ein  schärferes,  unwiderleglicheres  Argument  für  die 
Einl»oziehung  der  menschlichen  GeL^testhätigkeit  in  die  durchaus  natür- 
lichen Erscheinungen  als  diese  die  gesammte  Entwicklungsgeschichte  sich 
liin<lurch  windende  und  sell)st  in  den  geringfügigsten  Dingen  nachweis- 
bare Wandelbarkeit  der  Ideen  lüsst  sich  gar  nicht  denken. 

Entwicklung  und  Wirkungen  des  Islflm. 

Die  Anfänge  des  Islam  liekunden  ül)erraschende  Aehnlichkeit  mit 
j»-n#-n  <i«*s  Christenthums.  Während  jedoch  an  der  Person  des  Heilands 
hb^tariM-hf  Zweifel  erlaubt  sind,  Vieles  von  ihm  Rerichtete  lediglich 
diclit«*ris4lM'  Ausschmückung  Andrerer  sein  kann,  ist  M u h a m med  eine 
fraglos  historische  Persönliclikeit  und  all*  die  ihm  zugeschriel>enen 
Wund*T  himi  von  ihm  sell>st  U'haujitet  und  geglaubt  worden.  Gleich 
di*n  ibristlichen  Mönchen  zog  er  sich  in  die  Eiiusanikeit  der  Wüste 
runirk,  «ler  Ik*tnu*htung,  Fasten   uiul  dem  (leitete  geweiht.     Hier  fiel 

♦  r  (»rhirntauM-hungen  zum  Oi»f(T,  auf  <lie  zweifellos  auch  ein  gut  Theil 
«br  rhristlichen  Wunder  zurückzuführen  ist.  Diese  Wunder,  Fj^chei- 
nungcii,  waren  lieidesmal  Wahrheit,  denn  es  sei  wiederholt,  Wahrheit 
ond  Walu-heit  sind  zwei  sehr  verschiedene  Dinge.  Die  subjectiven 
lfe>irhte  uimI  Tonemptindung^a,  von  denen  Geisteskranke  und  EpUeptiker 
emnrt  und  geängstigt  werden,  siu'l  für  sie  Realität  und  iliH'h  eine  ganz 
aiMb-re,  aN  die  Ril<ier  und  Töne,  die  man  mit  gesuntlen  Sinneswerk- 
yi'iuren  wahrnhnmt.  *)     Nicht    nur   aber  ist  das  Proplirtrnthum  ein  für 

•  #•  ni  i  t  i  s  c  h  e  s    Blnt    lH?rauschend<T   (ledank«*,  * )    sondern    Muhammed 


'i  ii^cmr  iRchmidt,  Detc*Md*Httehr9  und  iMirwlttiBmut.     L«ipxig  1873.     8*     8.  IS. 

*>  J«!!«»  Braun,  A.  a.  O.     B.  10.     Aaeh    ChwoUon,   Die   aemUtsehen  Vffkgr. 

^    IT   rrkUrt  4a«  Proph«t«atknin   für  fine  Er»cbfinuDg,   die   foBt  nur  bei  8«fflUea  vof« 


108  D«r  Orient  tmd  der  ItUm. 

wäre  auch  nie  Prophet  geworden  ohne  eine  krankhafte  Anlage 
seines  Körpers,  die  man  als  männliche  Hysterie  bezeichnet.  •)  ^ttr 
alle  nämlich,  die  nicht  dickgläubig  sind,  kann  es  kaum  einem  Zweifel 
unterliegen,  dass  Muhammed*s  erstx3  Vision  und  Offenbarung  durch  einen 
epileptischen  Anfall  herbeigeführt  wurde,  Muhammed  aber  als  Betrogener 
oder  Betrüger  jenes  körperliche  Leiden  ausbeutete,  um  in  den  Ruf  ra 
kommen,  er  sei  von  Gott  gesandt.^) 

Wie  Buddha  und  Christus  wandte  Muhammed  sich  zunächt  an  die 
unteren  Volksschichten,  wegen  ihrer  geringeren  Bildung  von  be- 
geisterten Reden  leichter  entflammbar  und  dem  Wunderglauben  geneigt; 
gläubige  Sclaven  wurden  losgekauft,  die  Partei  des  Islam  zu  stfiricen, 
\de  in  den  ersten  Tagen  des  Christ eiithun»  geschah,  wie  Buddha*8 
I^ehre  die  unteren  Kasten  zu  befreien  strebte-,  wie  Buddha  und  Christus 
fand  er  allerdings  in  höheren  Classen  nur  wenig  Anklang,  wie  Buddha 
und  Christus  endlich  sah  er  sich  Verfolgungen  ausgesetzt.  Begreiflicfaer- 
we'se  machte  Anfangs  seine  Reformation  nur  äusserst  geringe  Fwt- 
schiittc,  erst  alhnälilig  und  ganz  wie  das  Christenthum  in  Folge  der 
Anfeindung  gewann  sie  an  Bedeutung  und  Einfluss.  Deutlich  lassen 
sich  im  Qoran  die  drei  verschiedenen  Stellungen  unterscheiden ,  die 
Muhammed  nacheinander  zu  seinen  Zeitgenossen  eingenommen,  und  die 
nichts  als  drei  logisch  noth wendige  Entwicklungsstadien  sind,  nftmlidi 
erst  als  Reformator,  dann  als  Stifter  einer  neuen  Religion,  endlich  als 
Gesetzgeber  und  Fürst.  In  gleicher  Weise  langsam  entstand  der  Qorftn, 
kein  Schriftstück  aus  Einem  Guss,  sondern  voll  der  mannigfiEushsten 
Lesearten.  Der  Kampf  mit  dem  Spott,  womit  ihn  seine  Gegner  über^ 
schütteten,  diente  dazu,  die  noch  sein»  unfertige  Lehre  Muhammed"» 
vollends  auszubilden  und  zu  festigen. 

So  wie  die  Reform  Muhammed's  eine  allmählig  herangereiftei 
keine  in  seinem  Gehirn  entstandene  Originalidee  gewesen,  nahm  auch 
seine  Lehre  in  ihrer  ersten  Entwicklung  schon  fi-emde  Elemente  auf 
Von  andei'wäi'ts  entlehnt  sind  nicht  nur  die  dogmatischen  Trttmmer, 
sondern  auch  die  Bräuche  und  Gesetze,  die  das  Leben  reinigen  und 
veredeln    solle n.    Die  Lehre   von   der   Auferstehung   des  Fleisches  ist 


*)  A.  Sprenger,  Lrhfft  und  Lehre  Ndhammad'e.    I.  Bd.    8.  207. 

*;  Dr.  Henry  Maudttley,  Die  Ztireehnn*tgHfäkigkeit  der  Geinteikrank^n,  Leidig 
1875  8*  8,  51,  >vo  der  berühmte  Verfasser  fortfahrt:  „Nicht  aelten  b«hMi  BpUeptllnr 
in  Irrenanstalton  ganx  ähnliche  Vi'fionen,  an  deren  Wirklichkeit  und  W«]irbAfllgktlt 
dieselben  glauben.  Wie  ich  nicht  an  Betrug  denken  darf,  wenn  der  verfoIgMid»  8*«tat 
in  seiner  Ekstase  ein  gläubiger  Paulus  wurde,  so  erachte  ich  te  anderen«ita  fDr  au- 
gcmncht,  dnss  Muhammed  von  vornherein  von  der  'Wirklichkeil  allea  dessen,  was  «r  im 
seinen  Vitionen  Koh,  überzeugt  war."  An  einer  anderen  Stelle,  8.  S50  sagt  der  A«ior 
von  den  Epileptikern:  „Während  sie  noch  Fleisch  und  Bein  sind,  kommen  ele  wolil, 
gleich  Hwedenborg,  in  den  Himmel,  wo  sie  mit  Engeln,  mit  Propheten  oder  tflbat  mit 
dem  Allerhöchiiton  verkehren,  oder  die  Engel  steigen  so  ihnen,  gleichwie  in  Muhemmei, 
herab,  nm  ftie  mit  einer  prophetischen  Mi<*i«ion  xu  betranen.  Ihre  Visionen  heben  groiM 
Aehulichkeit  mit  jenen,  die  bei  gewi«.)en  rellgiüsen  Enthusiasten  vorgekommen  teil 
sollen  und  woraus  bestimmte  religiöse  Dogmen  hervorgegangen  sind.** 


■atwIeUmBC  and  Wirkiiag«B  da«  Itlim.  109 

ütparsisdi  und  liegt  in  den  jüngeren  und  älteren  Parsenscbriften  noch 
vor;  auch  as^Tische  Vorstellungen  verschmähte  er  nicht.  Mit  dem 
Juden-  und  dem  Christenthume  kam  er  in  frühzeitige  Berührung 
und  nahm  Manches  davon  au£  Die  Juden,  zu  Yathrib  (gewöhnlich 
iMi'na  d,  h.  ,,die  Stadt"  genannt)  in  ganzen  Stänunen  f  lieni  Nudhir 
und  Ben%  Kurpiza  wohnend  und  ihi*er  höheren  Bildung  wegen  als 
Gegner  gefthrlich,  suchte  der  Prophet  durch  Lob,  Duldung  und  Zuge- 
ständnisse, wiewohl  vergeblich,  zu  gewinnen,  worauf  dann  bittere  Ver- 
folgungen kamen.  Den  Christen  stand  der  Islam  zuerst  eben  so  wenig 
feindlich  gegenüber,  musste  sich  aber  von  ihnen  trennen,  je  schärfer 
er  die  Einigkeit  gegenüber  der  christUchen  Dreieinigkeit  Gottes  aus- 
pfigte.  Ist  auch  die  Dreieinigkeit  eine  Ueberkonunniss  der  Heidenzeit, 
ao  verdient  doch  wegen  ihrer  Bekämpfung  der  Islam,  selbst  auf  so 
vielen  heidnischen  Bestandtheilen  angebaut,  keine  besondere  Bewun- 
demng.  Trotz  ihrer  Einheit  Gottes  haben  die  Muhammedaner  es  in 
der  Civilisation  nicht  weiter  gebracht,  als  die  Christen  mit  der  Drei- 
einigkeit Auch  darin  ahmte  Muhammed  andere  Systeme  nach,  dass  er 
drei  alte  Gottheiten  des  Ueidenthums,  die  drei  weibUchen  Schicksals- 
göUinen  der  Mekkaner:  Ozza^  Munah  und  Lnt  zu  Engeln  machte. 
War  Muhammed  auch  gewiss  kein  Betrüger,  wie  Manche  wollen,  gab 
er  sich  selbst  auch  nie  fUr  mehr  denn  einen  Propheten  Gottes  (nicht 
für  Gott  selbst)  aus,  so  nahm  er  doch  für  seine  Offenbarungen  den 
ToOen  Wunderglauben  seiner  Zi  enossen  und  einen  übernatürlichen 
bioimlischen  Ursprung  in  Anspru  schon  der  Prophet  füllte  die  Welt 
nul  ^ich  den  Fasten,  Wall&hrt«  i  u  .  Almosengeben,  der  Auferstehung 
und  dem  künftigen  Leben  anaerer  Rehgionen  erborgten  Dämonen, 
Dtdiinn's  und  Iblys,  die  den  christlichen  Engeln  und  Teufeln  eben- 
bürtig und  nicht  erst  in  späterer  Zeit  von  der  dichtenden  Volksphantasie 
enonnen  sind.  *)  In  beiden  Puncten  steht  der  Islam  um  kein  Haar 
böber  als  das  Qiristenthum. 

Die  Ansicht,  Muhammed  habe  die  Stellung  der  Frauen  wesentlich 
iq bessert,  beruht  wohl  nur  auf  Unkenntniss  der  früheren  Zustände. 
Toditer  galten  nämtich  bei  den  alten  Arabern  dermassen  für  ein  Un- 
^Qdc,  dass  man  vor  Muhammed  sie  oft  gleich  nach  der  Geburt  lebendig 
begrub. »)  Die  Aufhebung  dieser  Sitte  allein  ist  Werk  des  Islams,  doch 
war  ihm  darin  Zayd  ihn  Amr  vorangegangen.  Im  Uebrigen  war  die 
Stellung  der  Frauen  vor  Muhammed  durchaus  keine  gedrückte,  vielmehr 
eine  »ehr  freie,  und  ist  es  bei  den  Beduinen  heute  nocb.  '*)  Es  herrschte 
nämlicfa  neben  der  Vielweiberei,  und  zwar  sogar  in  überwuchernder 
Weise,  die  Polyandrie,  und  die  arabischen  Frauen  eilten  mittelst  der 
Sdieidung  in  kaum  beschränktem  Wechsel  von  Flitterwochen  zu  Flitter- 


*)  Die«  «ckeint  Drap  er  A.  a.  O.  8.360—361  ansuncbmen. 

)  Jaliut  Br  «a  n.  A.  a  O.  B.  88  ,  dann  Dr.  P e r r o  n ,  /VmMi#«  arafr««  araitl  «1 
4«/«^  ritimmwm».  ParU  A  Alf  er  185S.  8«  8.  167  —  170  führt  die  Graodj  au  dieeem 
•N'ic«**  *i^  ^*  ufK^  Qblielien  Menaekenopfern  saaammeobftnf  enden  Gebrauehe  an. 

OJvl-Bravm    A.  «.  O.  8.  61.    Perron  seigt  die«  aatfdhrlieh  In  seinem  Bncbe 


110  D*T  OlKat  Btt  br  Uls. 

Wochen. ')  Trotz  der  in  den  phymolof^scbea  VeriiättniBBfflt  niiter  JoiM 
Breiten  begründeten  Polygamie  genoas  im  arabischen  AHerthnlBe  ^ 
Fran  dn  l>fdent«ides  Anseilen;  sie  war  niclit  wie  lid  den  Hdlaiai 
ein  nnglttä^licbes  GescbOpf,  sondern  spielte  bei  Kriegnltgai,  VVtedeai- 
sdüOssen  eine  einflmsreicbe  RoDe  und  begeisterte,  wie  in  der  rftte- 
lichen  GeBellscboft,  die  JUnglii^c  za  Heldenthatea  ■]  Du  VH'*^ 
beeaae  vollkommene  Freibeit  in  der  Wabl  des  Gatten,*)  nsdVcrfUnr 
der  Unscbold  bnden  eine  strenge  Strafe;*)  die  Fran  war  dem  XftBM 
fest  vollkommen  gleid^estellt^ ')  endlich  sehen  wir  tot  dfln-MlH 
Fnnffa  als  Dichterinnen  glflnzen.  *)  Diese  SteQung  dea  yrtAm''tA 
nnn  der  Islam  keineswegs  zn  ihrem  Vaitheile  verbidert;  v^;' 
er  dos  Loos  der  mottergewmdenen  Sclavin  ^v 
woilUstigen  Launen  ihres  Gebieters  preisgab  lui 
Stelle  des  Weibes  in  der  Familie  schfirfer  ^lli^,  stuili-tf  »ic  mit 
gedehnterem,  rationelleren  Rechte  ans.  Die  ]!f  srliräiikiinfi  der  Pidj^ 
gsmie  auf  nur  via-  rechtmOssige  fVanen  ist  da;:<  ^i-ii  riilMiretl  diircbMR 
nnbedeutend.  Die  vom  Isl&m  gewftbrten  mati?i-iL'llcn  Wühlt  liatvn  ünt 
jedotäi  an  jedweden  Ausschluss  aus  don  Rdche  ilci'  Ititt-lligeuz  gckiiüiifl  ;^ 
der  Harem  ist  freihch  älter  als  der  Islam,  dieser  allein  ahrr  Iiat  ■■ 
dem  eimlens  freien  Weibe  eine  Gc&ngene  i^'-iiiitcht ;  er  bat  das  alv 
jüdische  Geseti  erneut,  welches  Steinigung  auf  den  t^iebnich  setA 
und  der  Prophet  selbst  Hess  es  mehrmals  vojl/iehcii.  ^j  Von  seüV 
Heirat  mit  Zeineb  stammen  die  Gesetze  sm-  Bi'^chHinkung  ilfr  weK 
tkfaen  Freiheit*;  Dies  der  An&ng  jener  lliirt'ni^cfHngtnecbaft,  h 
anf  die  weibliche  HUfte  aller  moeUm'schenSiiuiri'ii,  und  auf  die  mUte 
liehe  mit,  so  tief  gewirkt  hat  und  am  Ver«iik»n  in  Üiiwiwienbnt  Vit 
Tra^nt,  am  Zurückbleiben  hinter  dem  Abend  lumlt-  wcseutlich  mUBil|^ 
ist  i")  Nicht  der  Fcd^amie,  sondern  der  Hsremsgc&ngenBCludt 
ist  sehr  zweierlei  —  ist  diese  Schuld  zuznwUzen. 
Bedeutung  des  Weibes  vernichtet,  sie  von  ihm  frühi 
mit  dem  Manne  in  das  Bereich  der  Sachen  berahgedrückt. 
der  Moschee  und  den  öffentlichen  Gebeten  schliesst  der  ijurän  das 
aus.  Dass  es  seit  dem  Islüm  keine  Dichterinnen  mehr  K''K('^>^' 
sonach  kaum  der  Erwähnung.  Die  durch  die  Katar  luliii^te  Vi 
Ordnung  des  Weibes  ist  wobi  ein  Merkmal  aller  CiTilii^iti»»,  uIkt 
Islam  in  schärferer  despotischerer  Weise  als  irgend  eine  vollzi^i 


')  Blihi  Stier  dlrien  Oagrngtiiicl  ■ncli  C 
Bit  Bit  Im  IMm.     Wlan  IST«.    S*    S.  B— S. 

•»Pttron.    A.a.O.    B,  1t,  1S4. 

1  A.  ■.  O.    B.  U»,  111. 

•j  A.  ».  O.    S.  ISI. 

•)A.  ■.  O.    H.  109. 

•)  A.  1.  O.     a.  3S1. 

•)  PertoB.    A.  «.  O.     8.  IJO. 

-)  JuliD*  Btaun.     A.a.O.    B.  «0. 

*j  SpraQgar,  Lt^H  Hrid  Lekrt* 
itr  IttamlUtckin  Vtlktt 


■  traflllA*  U«fMA 


m.B«.8.1«.    W«It, 


•T  Ji.1 


a.  O.    I 


Sntwicklmig  und  Wirkasfan  d«  Isl&m.  111 

e  angebliche  Verbesuserung  der  Stellung  der  tYau  durch  Muhaiumed. 
[K*h  sei  nicht  verschwiegen,  dass  das  arabisdic  System  für  das  weib- 
Ue  (iesi-hlwht  weit  entfernt  war,  drückend  zu  sein;  sollen  doch  selbst 
iristenfraucn  im  Serail  entzückende  /uducht  gefunden  haben.  *)  Diese 
ftiaui»tuii<{  hat  nichts  Auffallendes,  wenn  wir  zunächst  das  materielle, 
rgenlose  Dasein  im  S(»rail  in  Anschlag  bringen  und  erwägen,  \^ie  seihst 
u«|res]»r(Khene    Gegner   dieser   Verhältnisse   zugeben,   dass   wenigstens 

der  (irgcnwart  die  muhannncdanische  Frau  sich  bei  der  uns  so  ent- 
lnh*g4'nd  dünkenden  Behandlung  vollkommen  glücklich  fühlt,  ja  eine 
idore  gar  nicht  «bilden  würde.  *) 

Wie  die  Polygamie  fand  der  Islfim  die  Sdaverei  vor,  und  er 
hafft(»  die  eine  so  wenig  ab  als  die  andere.  Nahm  er  sich  gleichwohl 
s  I^Mises  der  Sdaven  mit  Wanne  an,  so  ist  doch  seine  Thätigkeit 
n  Milderung  ihrer  I^ige  kein  (Jegensatz  zu  jener  des  (.'hristenthunui, 
*!cli<s  in  gleicher  Weise  die  Freilassung  von  Sclaven  anstrebte  und 
asM-nhaf^  zu  Stande  brachte.  Die  humanere  Auffassung  der  Sdaverei 
itens  d«^  Islam  übte  aber  die  unerwartetst(^  cult urhistorische  Wirkung; 
'nn  nieht  nur  wurden  bei  KrolM'rung  fremder  Länder  viele  der  alten 
Inwohner  als  Schiven  verkauft,  scmdern  auch,  während  im  christlichen 
liondlande  bei  steigender  (Jesittung  die  Bedrückung  der  Sclaven  zu 
iiulicher  Bes<Mtigung  die.-es  Institutes  führte,  bewirkte  ihr  mildes  Loos 

den  mo>linrschen  Lindern  eben  das  Umgekehrte ;  es  forderte  die 
pfühle  der  M<  nschlichkeit  zu  deren  Befreiung  nicht  auf  und  s(!hmiedcte 
üiit  die  unzerreissbarsti  n  Ketten.  Während  das  christliche  Eurojia 
e  S'Iaverei  längst  überwunden  und  sogar  den»n  mildere  F\)nn,  die 
nl)eig»*n<chaft,  abge.stnMft  hat,  ist  sie  im  nmhammedanLschen  Oriente 
ne  tief  mit  Religion  und  (Jesittung  verwaclisene,  nicht  zu  entwurzelnde 


•i  Draprr.     A.  a.  ().     H.  255. 

•>  MoriK  Lüttkp,  Aey^pteng  n*ue  Zeit.    T.  Bd.  S.  15A— 157  ;  einen  guten  EinbUck 

dll0  Ilar«'ni««erhiiltni4«e  grntattet   da^   f^iinzr    (^apitcl.     S.  134— 171.     Auch    d<*r  Clrifln 

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'jßt^'.     Hartm  Ufe    in  Kßjfpi    and   Co»»tantinQpU.     Lomion  iSftfi.     8*    2  Bde.;    dann  H. 

^  r-    *  *»  n    >lalt£Art'<*    OricntultBrhe    Jfnremutuiltrn   in    d.T    ^eufn  freien    J're»t0   vom 

und    37.   .\iigiist   ls'^.  —    Prof.  S  p  p  p    hiilt    <u'h    nach    allrn  bi-herigen  Krfabningen 

r  hf'*e*'h*\i:t,  il«»'    \ii«irbt:   ^enn  die  Polygaini««  bo'«oitigt  c'i,  \%'ürde  aurh  die  Frau  im 

r/»- 'j'.  >    in    die    ihr  grbubrenle  Stellung  eiiige->etEt ,    ibrrn  -«ittlicben  Einfluß«  üben, 

w   ..!••'    fi  r  ••  r  h  <■  n.     Fftr*|^«'h  "el  dio  Pulvguiui»'  Irn  Oriente  i»fhon  beseitigt,  dennoch 

•  1*^'   iJi-    lliitfrfn.ilung    x\^i■^^•b«•^   Muiin  und   Frau   in  der  OefTentlicbke.It  fort.     ^Reiae- 
^r»  «w»    Ift    Ijet'iMt  in:  Bethi'/^  tur  AVg.    Zeitu^iif   N».  212  vom  M.  Juli   1871   8.  Xli3.v 

1   <!^*    Mj-'i'iiar  Rf>v.   II.   II.  J  e  .<<  4  u  p  nifiiit :    Wollen    wir  au.richtig  ^ei^,   »o  müsnen 
-    f-i'l.   r. ,    «la«*    lii««  Sti'lhinjf    «1er  Fratn'n    in   den  u.nteren  (Je^ellsrhafls^chichten  bei 

*  .n.   fA.-i-^l.-tj  a«.«  b   ijii'h»  fo  ^ehr  «lilTerirt,  nur  mit  d<»m  l'ntrr-rhiedo,  da*«,  wahrend 
•/•••n  •!.*•  Pru»<*ln  de»  Wfibe«  eint'  Art   0«'br>t  de*  t^oran^  Ist,  unsere  Oenetxgebung 

^  '.  £■  f  n  kijfi«-hnt.  AlIrnÜnK"  kommen  dio  Oattinnenmorde  etwas  hiiiftger  vor  alt 
V'-e  M  !  '»nd  ■«Mid,  unbald  «ir  blo*  di^  Form  der  Strafe  annebinen ,  nur  ••citen  von 
»r  y  -.-l.m  Ti  r'»'K*n  b-'gleitete  Acte,  allein,  wir  Rev.  .Te^nup  ver-lcbert ,  i«t  diewe 
fi*.  n'f.b'it  b«  I  dr-n  gri<»fhi'«rhen  ('hri-«ten  jener  Gegenden  nifht  minder  Im  Hchwung« 
I  t.#i   ih'-'i  m-ih.-:n:mc>daiii«<*hcn   Nachbarn.     (II.   II.  Jc«i>up,    The  tcomen  of  the   Ärahn» 


112  n«  OilMl  imt  te  Uha. 

Efnrichtimg.  Demnacfa  duf  mu  nidtt  in  Etnen  Atlinnnge  MHMcfc 
findea,  da»  Mohunmed  die  unbedingte  Anfbebnng  des  InsthatB  der 
Kneditachaft  nicht  geUetai  konnte,  das  nänHche  Vorgehen  iet  Chieten- 
thnou  aber  der  herbaten  Krittk  ontendehen. 


In  den  Horalgrandsätzen  dee  Q(»in  waren  die 
Uekkaner  bereits  so  dcfaer,  dasa  IfQbammed's  oigeiie  ^jiilton?  TbatoQ 
nicht  Ober,  wohl  aber  tief  unter  ihrem  Vorbilil'^  stpheii. ')  Eben  w 
wenig  wie  dB8  Evangelimn  bradite  der  Qor&n  ein  neues  MoralgeeetE 
Eum  Vorschein;  Beine  moralischen  Vorschriften  sliiiiineii  vielfach  mit  den 
diriatlichen  Dberein,  ohne  sie  an  Gnwsartigkoil  zu  eiTeichen.  Genas 
wie  du  Christenthmn,  empfiehlt  der  Isl&m  dan  Gläuliigcji  Ik>dlicbkeit, 
Treue,  W^hrhaftigk^t,  MfisBigong  und  SCIdthStit^keit,  doch  hat  er  in 
den  eroberten  Lftndem  eine  moralische  Beeücrung  kaum  bewirlit. 
Wahrend  bei  den  alten  Persem  die  Lüge  «in  grösstu  ^ciiande  und 
Ahriman  selber  als  ihr  Erzeuger  galt,  lügt  Qberliauiit  der  heutige  Perser 
„so  lai^  als  seine  Zunge  geht"*J  In  sdner  Pbiluraphie  stt'Iit  der 
Qorän  onrergleichlich  tiefer  als  die  Sdiriften  (^iik.viunuiii's,  in  »einer 
Wigaenscboft  ist  er  völlig  werthlos.  Sdne  Artiruiionue,  Koäin^finiie, 
Phynologie  sind  kindisch,  literarisd)  ist  er  den  BUcht^rn  der  Hchrtter, 
der  Bibel,  untergeordnet,  die  er  an  Wissen  Diiht  ubertrifit'j  Ab« 
der  Qor&n  nm&sst  nicht  nur  das  religiöse,  sondi^m  auch  da«  bargerUt^ 
Gesetz,  und  wie  gross  in  dieser  Hinsicht  seine  ]M)Liij^i'l,  zumal  für  die 
Bedorfiiisse  der  Gegenwart,  auch  sein  mOgen,  so  if)t  immerhin  dos  Bitäi 
bewunderoBwerth,  d^  vom  atlantischen  Heere  bis  /um  Tion-Sdiau  und  ' 
weiter  als  Geset^Kicb  gedient  hat  ui^  noch  dient.  *j  Des^halb  ist  der 
Isl&m  nnzwöfelhkft,  Shnüch  wie  das  CSuistentliuni  für  Europa,  dne 
Cultorsegnnng  fOr  den  arabischen  Stamm  und  diUber  biiiuiis  geworden, 
ZunAdut  wmde  Arabien  selber  von  der  Fremilhci-nschaft  befreit;  alle 
inneren  Fehden  infolge  von  Selbst-  und  Stauune^hilfc,  ewig  Bhtt  »lond 
und  immer  neue  Blutrache,  diese  vorwiegend  Beuiilischc  I'^-scbeinung,  ^} 
erzengeBd,  sie  &aden  ihr  Ende  durch  gemtintames  Gtsetx  und  die 
obeaMe  Gntscbeidung  des  Propheten.  Wenn  nacbinals  auch  der  ntiibo- 
rechenbar  alte  Hass  zwischen  süd-  und  nordarabischsn  Stämmen  wieder 
znm  Ausbruche  kam,  so  ist  das  nur  mn  Beweis,  das»  keine  Itoligion 
der  Welt  im  Stande  ist,  solch  tiefgreifenden  V  u  I  k  a  leideoBdiafteu  dn 
Ziel  zn  setzen.*) 


■)  JallitBraiiD,  A.a.  0.    B.  U. 

•)  A.  •.  0.  e.  M. 

^Drapar.    A.  a  O.    B.  US— »t. 

•)  J.  Braon.    A.  a  O.    &.  «0. 

•)  Ctawolaoa.  A.  a.  O.   B.  S4,  aod  tatil  blnni  .mwehan  ute«>  Bmm  MjiS 

■irar    nicht  |ani   nnbtkaiiBt ,  abar   bat  Iva  Arabarn  i 

RecbtHTilem  |*bricht  and  M  |ibt  b«l  Ibain  noch  ]*M  ■Oadllck  «Mk  fe 

Gtnua  dar  ttlutracba.*  —  Di*  Blattacsh*  bal  iIbb  EallaBan  « 

Bleu*  ainihnl.   Biaha  Hb«  «Uaalb*  la  BOdarablaa:  Br.   Haiti 

Mo.  t  B.  133— tu. 

t  J.  BtaoD.    A.  a.  O.    B.  TS-T>. 


J 


Ausbreitung  d<^i«  TitlAm.  llo 


Ansbreitiine:  des  Islflm* 

Ausbreitung  der  muliaiumedanischeii  I/('Iu*o  ^ing  mit  der  Eni- 
des  islamiti$k^hen  Staates  Hand  in  Iland  Dazu  that  die 
Jer  Waffen  zwar  viel,  aber  nicht  Alles;  es  wirkten  noch 
JmstAnde,  darunter  die»  socialen  Verhältnisse  der  eroberten 
ait,  in  so  feme  dort  ilas  Christenthnm  unter  dem  Einflasse  des 
mus  von  allem  Anfange  an  heidnische  Können  angenommen 
D  schlimmsten  stand  es  damit  in  Africa  und  Asien,  wo  nicht- 
ööcer  lebten.  Nur  bei  dem  arischen  Volksthume  aber  liat  das 
linm  eine  civilisatorisdie  Wirkung  ausgeftbt.  Wo  immer  es 
irzel  fasste  —  und  dies  ist  nur  selten  gt»schehen  —  ist  es 
?n  Formelwesen,  zur  Verzerrung  der  eigentlichen  lA»hre  gewor- 
ÄÜen  ihren  Nachtheilen  ohne  ihre  Vor/ttge;M  man  blicke  auf 
ißche  Christ enthinn  der  (Jegenwai-t.  *)  Für  diese  Völker  war 
I  entschitnien  das  Passendere,  wvW  Einiachere.  Wie  sehr  dies 
lehrt  di<»  Jetztzeit.  Der  Islam  ist  kein  kranker  Mann,  er 
md  macht,  ohne  Missionäre  und  ohne  Schwert,  Fortschritte  im 
Lfrica's,  wo  er  sich  unter  den  Negervölkern  unbestritten  als 
igion  erweist.  Er  ist  eben  das  für  jene  Völker  und  llimmels- 
luglichste  GlaubenslK^kenntniss.  Klug  Itehielt  er  die  Polygamie 
rhc  in  jenen  Breiten  der  Anfonlening  der  Natur  entspricht, 
das  Cliristenthum  sie  venlamuit.  Keine  Gesetze,  weder  poli- 
ch  religiöse»,  vermögen  jedoch  den  Iknlüi-fiiissen  der  Menschcn- 
«olutes  Schweigen  zu  gebieten;  im  l>esten  Falle  werden  sie 
1*)  und  die  landessitte  sanctionirt  was  das  Gesetz  verbietet, 
den  christlichen  lilndeni  des  trojnschen  America  geschieht, 
itüriicher  daher,  als  dass  die  Asiat(»n  mid  AlHcaner  mit  offenen 
inen  (Jlaul)en  aufnahmen,  der  ihn<»n  aus  der  Befriedigung  natttr- 
'gmigen  ki*in  Verbrechen  machte,  und  gewiss  si(;herte  die  Viel- 
die  Erol)enmg;  iluT  miwiderstehliche  Wirkmig  in  Befestigung 
n  CMnung  <ler  Ding«*  ward  Imld  offenbar;  die  grossen  Familien, 
He  Polygami«»  »«tifret«',  drängten  in  d^»n  I^uf  weniger  Jahre 
e  zusammen,  zu  (h»n*n  Vollbringunj;  es  s<nist  vieler  Generatio- 
vrü  liabiMi  wünb».  Die  Kinder  rühmten  sich  ihrer  arabischen 
und  wnnlfn  angch'itet  die  Sprach«*  «lt*r  Eroberer,  ihrer  Väter, 
hen.  in  j^dn*  Bczifjning  Anibcr.  la  wenig  mt*hr  als  einer 
(fcneration  sprachen  die  Kinder  des  liamitinfhen  Nordafrica 
*»     I)<»r  Vciviuh,  in  W<»st<*nropa  f«*st«*n  Fuss  zu  fassen,   miss- 

b  f««teh<>  gerne  «1«  Aufnahme   xu :    die  ugri«ch(»Q  Bewohner  Finnlaiid'i,   die 

•griochen  Magvaren  und  die  iberischen  Ba«ken.  %voriir  «ieh  der  geneigte  Leiter 

f  l«ieht  «elb^t  fragen  kann. 

iak*     df««ea    riiarnkteri-tik    bei    LUttke.     Atfi^fpUnt    ntut    Zeit.       II.    Bl. 

t. 

•Mo  8at<  b-krifiigt  auch    A.   v.  Krrmer,  t^tUnryttrhirhtt  dtt  Orientn.   I    Bd. 

raptr.     A.  a.  O.     8.  Vtl,  :2J5-i;>6. 

wald,  Caltnrge^ehlehU.    2.  Aufl.  II.  Ö 


114  D«  Otlut  wU  im  bUa. 

lang;  von  vorObei^benden  Besitznngen  im  RQdUcben  Ibüien 
blieben  die  Araber  auf  Spanien  beubrlnkt,  wo  eu.v  nichtariMlM,  dto 
iberische  Bnce,  den  Grnndstock  der  BevOlkenu^  Uldete;  tuid  adlMt 
bier  gelang  es  spftter  dem  mit  den  arischen  Gennuieit  eingcdriigea« 
ChriHtenthome  den  lalftm  auszutilgen,  woran  in  Asien  und  Aftiim  iddt 
gedacht  werdea  kann.  Die  christliclien  Reiche  in  Asien  mr  2a&  ige 
KreuzzOfte  sind  spurlos  verschwunden,  ohne  einen  wafamehmbanB  H^ 
floBs  auf  BevOlkerang  und  Cultur  jener  Himmelsgtridie  aoigefifat  N 
haben,  die  heute  muluunmedaniiu-her  sind  denn  je,  wie  die  iimihi na 
C3iriBteiiT«{}lgungen  in  Syrien,  die  erst  kürzlich  gelOate  Sdiwisj^ai^ 
in  das  Ostjoidanland  PaUstina's  zu  dringen,  zur  Qeoiflge  dirtliiin.  80 
gering  man  von  dem  ostrOmiacben  Eoiserthmn  in  Omstantinopel 
mag,  so  sehr  dort  das  arische  Volksthum  mit  fremden  ~ 
versetzt  war,  ctt  behielt  dennoch  die  Kraft,  dem 
siegreichsten  Tagen  zu  widerstehen,  eine  Kraft,  die  es  Ihb 
hat.  Denn  als  endlich  dos  Keich  zusammenbrach  und  die  Lelire  dai 
Propheten  nach  Constantinopel  gelangte,  war  dies  an  ffieg  nicht  im 
arabischen  Semitismus,  sondern  des  bodbasiatisclien  TOitenthoma  Giri 
auch  diesem  gelang  es  nicht,  den  Islftm  auf  dit'  aii-iln'  7Ti  ii^>  m 
abertragen;  in  der  TOriiei  der  G^^wart  und  die  .Mnli^iiuiiKiiuziti'  dia 
enorme  Minderzahl  nnd  &8t  ausschliesslich  auf  da-  tiukiBdn-  Kk'tiieiA 
heschr&nht.  Die  arischen  Griechen  und  Slaven,  dii-  Miiji>n1Ai  der  Bfl- 
vßlkemng,  hangen  fest  am  ChristonUimna  Nur  die  ujuhLiiiiiiiedaiiiicbai 
Skipetaren  (Albanesen)  nnd  die  numerisch  wenigen  ijiuhitiiiin(.'ilHiiiKlHi 
Bosnier  lalden  Ausnahmen,  die  wohl  als  Beettttigaiit;  ilrr  Hegel  dieneg;. 
Ich  mochte  nun  nicht  im  Vorhergehenden  ili<'  l.tliii-  anünteUa^ 
dasB  jede  Race  ihre  eigene  Beligion  habe,  oder  da-^s  [i'dc  KclijjJQn 
unter  «nem  gewissen  Himmelsstriche  geddhen  Lüuiie,  ilenn  b« 
Behauptungen  wklersprechen  die  Tbatsachen.  So  Imi  Niili  der  I 
gldchmfissig  Ober  Semiten,  Uamiten  mid  Tnrkvläker  verbreitet,  Ja  adhk 
die  ostariscben  Perser  und  Hindu  ergriffen,  deren  tunillirlislc  GroMi 
freilich  bet  mit  jenem  Breitengrade  abschliesst,  der  <[k  Sti>l^-i<nz«  d^ 
eoTDpäischen  Indogermanen  bezeichnet.  Bei  der  iKi'liiLMatini'lii'ii  od 
mongolischen  Kace  finden  wir  dag^en  den  IsIAm,  ilin  ÜiidrltiiKtnuB,  i 
Lehren  des  Con-fu-tse  und  Lao-tse  nebet  dem  gralicn  Scliiunaiiisiuua  Ig 
Uebnng.  Eben  w  krSftig  mOchte  ich  gegen  die  in  tuiutii'  Zeit  bnUe|||l 
K^wordene  Meinnng  von  diT  Kinheit  der  Religionen  h  iiiioh  vt'rwahre% 


t  DaM  dar  WiK<ng(h*n  mit  laliUelchaa  ■  pHtti  ■n^fcleLUen  U;palliu*ii,  y/U 
mar,  dia  aehoB  Jotil  dl*  Rinbelt  aU«  Rall|lon«B  naahmlif.j  ulll  nnd  du  T«da  d 
d«r«B  lltaite UrkuBd»  baieisliBsl,  nicht  g ad laal  Itl,  habt  nltfii^ohi  Alfrad  «.  KtiaW 


babylonlaehaB  Oari 


I>i«  Broberangen  der  Araber.  11 1) 

Sind  jedoch  Bacengrenzen  nicht,  wie  man  vielfach  mit  eigensinnigem 
Vorurtheile  festzuhalten  sucht,  auch  Ideengrenzen,  waren  sie  dies  weder 
vor  noch  nach  dem  Christenthume,  so  ist  doch  nicht  minder  wahr,  — 
was  durchaus  kein  Widerspnich  —  dass  kein  Volk  die  seiner  Race 
gesogenen  geistigen  Grenzen  überschreiten  kann.  Nur  dadurch  lassen 
fddi  die  obigen  Erscheinungen  erklären;  oder  sollte  es  blosser  Zu&Il 
««ein,  dass  das  Guistenthum  ausschliesslich  bei  den  Indogermanen,  der 
Id&m  vorwiegend  bei  Nichtariem  gedeiht,  dass  die  arischen  Perser 
gerade  Schiiten  sind,  und  in  der  christlichen  Kii'che  der  Protestantismus 
lediglicb  auf  die  nördlicheren  germanischen  Länder  beschränkt  blieb, 
der  Kathdicisinus  bei  den  südlichen  liomanen  den  meisten  Anklang  fand, 
wflkhrend  die  östlichen  Slaven  dem  griechischen  Schisma  anheimfielen? 


Die  ErobomiijB^en  der  Araber. 

Die  Geschichte  des  Islam  ist  mit  den  Eroberungen  der  Araber 
innig  verwachsen-  Schon  der  Prophet  war  am  Abende  seines  Lebens 
Forst  und  Gesetzgeber,  schon  er  begann  dem  Islam  mit  bewaffneter 
Hand  Bahn  zu  brechen.  Obwohl  Muhanmied  dem  alten  Yathrib  den 
Xamen  al  Madyna  (Medina),  welches  die  Stadt  und  auch  der  Rechts- 
«lUAt  beiffit,  gegeben  hat,  so  war  seine  Gemeinde  doch  nichts  weiter, 
ali  eine  Räuberbande.^)  Muhammed  reducirte  seinen  Antheil  an  der 
Beute  als  Schirmherr  auf  ein  Fünftel  und  führte  grössere  Centraliaation 
ein  —  die  Raubplane  wurden  von  ihm  selbst  entworfen  oder  gutge- 
Seine  Bande   unterschied  sich   von   anderen   in   so  fern,  als 


Avfgepfropfl  wurden.  R.  Brown  jun.*s  PottidoHi  a  Unk  MtcetH  S^mlU, 
«>Ml  Ärpam;  htlitf  am  atttmpt  to  trae*  tht  euUu*  of  Goi  to  ita  aourcea.  Londoa 
10?f,  •&•  dorebAB«  mlMlungenes  Werkchen,  nenne  ich  nar  d?r  Vollständigkeit  halber.  -- 
As  «ia^a  gMBelBMmen  Ursprung  der  europäisehen  Mythologien,  deren  Quelle  er  in  den 
▼Mate  •rbUekt,  gUnbt  ferner  George  W.  Cox,  Tht  M^holog^  of  ika  Ar^n  notioiu, 
ISTO.  S*  3  Bde.  Mit  eben  eoleher  Vorsieht  Itt  aach  dl««  Einheit  der  Baff* 
Den  bedeatendtten  Versuch  hat  in  dieser  Richtung  Jul.  Braun  mit  seiner 
d^r  Saga.  MUnchen  1864.  S-  2  Bde.  gemacht,  deren  üuelle  er  Überall 
•mt  AsfTptea  tar3ekfahri.  Da  ich  mich  auf  den  leider  verstorbenen,  mir  persdnlieh 
b«ksjuitea  jungen  Forscher  t\'iederholt  berufe,  so  mu*«  ich  erklären,  dasn,  wenn  aueh 
bmmT  in  den  Resultaten,  ich  doch  in  der  Methode  ihm  beistimme.  Braun 
•i«  Heuptgewieht  auf  die  naturwissenschaftlirhe  Methode  bei  Behandlung 
aftb*iofflseh«r  Fragen,  und  darin  hatte  er  vollkommen  Recht.  Dais  er  mitunter  irrige 
sieht,  Ungehöriges  susammenttellt ,  ändert  an  der  Richtigkeit  dtit  Methode 
Sehr  lehrreich  ist  e«  heute  eine  in  der  Berliner  NaHoHalt^rtuitg  ISM^oder  1S06 
Bespreebung  Mines  Buches  aus  der  Feder  eines  Dr.  Guntay  Behneke  au 
D^r  Reeaasett  eifert  gerade  gegen  die  naturwissensehaftliehe  Methode  Braun's, 
AaweaduBff  auf  die  Sprache  er  schaalen  Materialismus  nennt.  Wie  gani  anders 
Et  4aca  die  Wieeeatchaft  Jetst,  wo  die  B&Ue  Las.  Geiger's:  «die  Sprache  hat  die 
Vara«ait  «feelMffea;  vor  ihr  war  der  Mensch  vernunftlos*  (UrapruHf  der  Spracht  8.  141) 
e«a  Osaieiagate  aller  Gebildeten  geworden  sind. 

*)  I«h  folge  im  Nachstehenden  den  Ansichten  Hpreager'«,  tvie  er  sie  anlisslieh 
*■•  Kraaier'sclMa  Bockae:  Dia  ksrrackamdam  Idaam  daa  laldiua  und  in  Ueberein«tim- 
mmm^  mi\  dteasa  al«d«rge1egt  hat  im  Amatani  1M8,  Nr.  43,  ft.  Il5.n— llft*. 

8» 


1  ]H  Der  Orient  und  der  lelim. 

\\('ni^>t(>i)s  i)i  letzt(']'  Zeit  die  Vorbreitung  des  Glaubenf  das  Haupt- 
motiv (lor  Kx]M>cUtionen  wai%  und  wie  bei  Karl  d.  Gr.  Politik  imd 
ii*li;^qi)ser  VAi'vY  Hand  in  Ibuid  gingen.  Von  unseren  Armeen  unter- 
M'hicdcn  sich  dir  arabischen  Horden  auch  sj)äter,  als  sie  Syrien  und 
Aejr>i»t(>n  eroberten,  wesentlicli:  sie  erhielten  keinen  Sold,  nicht  einmal 
die  WaJi'en  von  der  Hi'gierung,  sie  waren  nicht  disciplinirt,  bildeten 
keinen  eigenen  Stand,  gingen  keine  (>a]ntulatiou  ein,  stellten  sich  aus 
tVeieni  Antriebe  unter  die  Fahne,  folgten  ihren  Führern  aus  Vertrauen 
und  Anhängliehk(^it,  und  der  nionilisehe  Druck  der  öffentlichen  Meinung 
war  last  die  einzige  Macht,  welche  sie  in  Schranken  hielt.  Der  IsUm 
erlaubte  ihnen  <'inig  zu  sein  und  gab  iluvin  Streben  Weihe,  aber  das 
wähle  l(and  der  Kinheit  war  (ienu^insanikeit  der  Interessen  und  ihr 
/weck  \N i\ w  sich  du r <•  h  U e u t  e  zu  bereichern •,  diese  freien 
küluuMi  Kriegtu"  wnren  HüulH'r  wie  ihre  Väter.  Es  fehlte  nicht  an 
ciithuMaNtisclKu  (Gläubigen  und  sie  übten  auch  den  grössten  Einfiuss; 
aber  lin-  ilie  Mehrzahl  war  Iieligion  nur  eine  willkommene  Selbst* 
iau>i.hung,  >vi?lche  sie  in  den  Stiind  setzt«,  mit  Bewahi-ung  der  Würde 
tle.^  StannucN  in  welchem  bei  den  Ai*abern  das  Indi\iduum  au%dit, 
>ich  zu  gemeinsamer  That  zu  vereinigen. 

AVie  aU(s  (J rosse  in  der  Welt  war  auch  Muhammed*s  Umkebrung 
Arabien^  nicht  die  Sache  eines  schlauen,  von  vorne  angelegten  Planes; 
au')  d(>m  (Glaubens] »rediger  ward  nothgedrungen  ein  Eroberer  nnd 
Stallt ongriinder.  Nachd(^m  er  in  Mediiiu  weltliche  Macht  errungen  gdMit 
er  über  ganz  Ai-abit^n  und  streiften  seine  Horden  selbst  in  die  Gehiele 
der  Peiser  und  J^y/^intiner,  hissten  sie  in  Syrien  und  am  Eaphnt 
t'esteu  Fus>.  [)ii>>  ilaui)tver(Uenst  um  die  Giilndung  des  moslim'fldiai 
Staale^  gebührt  aber  dem  Omar.  Nach  Muhammed's  Tod  632,  bUeb 
«lie  geisthche  und  weltliche  Macht  in  der  Pei-son  des  Cliahien  Terdnigt, 
der  "-ich  in  tler  l'olge  in  den  Kmir  Alinnmenim  (Fürst  der  GlAubigen) 
verwandelte.  Schon  der  ei*ste  Chalyf  Abu  Bekr,  führte  seine  sieg- 
reichen Haufen  nach  Daniascus  und  er(»l)<u*te  das  lieich  Hira  im  Lraq, 
dann  liaza  sinimt  den  umli(*genden  Ländern.  In  die  Begierung  OmaA 
lldlt  die  Eiobei-uiig  von  Pei*sien  bis  Oiomssän,  Syrien,  Palfistina,  Phö^ 
iiikien,  Me<o)N)tanii(Mi,  Armenien  und  Aeg:y|)ten,  welche  sein  Nadifidger 
<><inaii  vollendet«';  kaum  dreissig  Jahre  genügten,  eine  halbe  Welt 
unter  da>  .loch  d(*>  Islam  zu  beugen. 

Min  \'olk  von  Träumerii  kann  nur  dm'ch  Träumer  zusammcnge- 
lialten  und  aiig<trieben  werden.  Die  Rebgionsfonn  ist  es,  die  im  Orient 
den  M(nsc]icn  an  den  Mensehen  bindet,  und  so  oft  eine  neue  rellgiflse 
l(l(^e.  (\{\<  Höchste  und  Heiligste,  was  die  menschliche  EinbildungAraft 
iM-M-luiftigt,  ghlubig  aufgenommen,  die  (icmüther  erhitzt,  sind  sie  Abig) 
^ich  zu  g(;nieinsamer  Thütigkeit  aufzuraffen.  Diese  Sntze  sind  schon 
\ou  Ihn  (  ii  a  1  d  u  n.  dem  gi'ossen  Geschichtsschreiber  der  Araber,  am- 
«jv-prochen  und  durch  die  (lescbichte  bewiesen  worden.  Trotl  des 
religiOv'ii  Enthusiasmus  der  Araber  konnte  die  Ausbreitung  des  Ulm, 
thiilwriM'  wrniLMeu^.  nicht  ohne  heftige  Kflmpfe  vor  sich  gehen. 

1  in  die  Entwicklung  d(>s  Islam  und  der  von  ihm  auQgehendfii 
Lultiiniilitung   in   (ilaulK'n,   Denken,  Sitten,   lubtitutioueu  und  StMit- 


XH«  Krob«raBf«ii  <«r  k'nhf.  117 

wwien  war  von  dk^en  wohl  keiner  wichtiger  als  der  Vemicbtungskrieg 
mit  Perriea,  weil  nnter  den  Sassanidcn  das  acht  persische  Wesen  noch 
einmal  vor  seiner  Verschmelzung  mit  fremden  Bostandthoilon  und  seinem 
stofenweisen  Sinken  mit  grosser  Energie  sich  hcthötij^to  tmd  in  Ktinsten 
und  Wissenschaften  denGrnnd  legte  für  die  von  uns  sosehr 
bewunderte  arabische  Cultur  des  Mittelalters.  ^  Die 
Saasaniden  nnd  bereits  ihre  Yorgftnger,  die  hellenistisdior  Bildung  ge- 
neigten Parther,  sorgten  dnrch  Uehersetzinigen  giiechisdicr  Philosophen 
und  Naturforscher  für  die  Verbreitung  hellenischer  Cultur  in  Persien; 
die  Baidnmst  der  Perser,  schon  in  alter  Zeit  blnlicnd.  ent>Aickelte 
fruchtbare  structive  Elemente,  welche  durch  die  Araber  mit  Ilinzunahme 
bjTXAntinisdicr  Motive  verwerthet,  jene  (iebftude  entstehen  Hessen,  deren 
praditvoQe  Reste  wir  von  Indien  bis  nach  Si>auieu  verfolgen  können. 
Der  Spitzbogen  ist  unter  den  Sassaniden  ausgebildet,  oder  richtiger 
ftesagt  (da  man  ihn  bereit«  im  alten  Assjinen  tindet)  aufs  ufuo  entdeckt 
worden,  nachdem  man  zur  Vennindemng  des  I  hucken  (»ineu  erhöhten 
Bogen,  und  zwar  zuerst  einen  Eil>ogen  f^ie  in  Finizabad.  Sarbistan  in 
Persien,  am  Chosroeni)ala.st  zu  Ktesifon)  constniirt  hatte,  des^^en  un- 
«diöne  Form  jedoi^h  durch  Zuspitzimg  l>esoitigt  wurde.  Dio  MOnzon 
der  Samaniden  zeigen  einen  vom  i)arthisch-seIeukidis«liou  Typus  verschie- 
denen eigenthflmlichen  Kunststyl  und  sind  die»  Voibildcr  (lor  Chal^icn- 
mftnzen  geworden.  I)ass  die  arabi.«<che  Kunst  aus  der  persischen  abzn- 
teüai  iJ»t,  wird  kein  Kenner  l)ezweifelu;  der  Annalist  Tabari  Iw^sratigt 
aus  der  Gesdiichte    der  Denkmäler  gewonuon<*n   Schlu>s  durch 

Bericht,  dass  Omar  in  Knfia  einen  Palast  nach  dem  Plane  dos  weissen 
Scidoimes  in  Ktesifon  erbaut  hal)e,  und  die  blasse  d<*ss<'llK'n  mtts«<pn  sich 
lemno  an  die  des  letzteren  angeschlossen  halK*n,  da  man  die  Thorflngf^l  ans 
KleaÜbn  nach  Kufa  schaffte,  um  sie  dort  einzusetzen.  fHe  B*nv(»liner 
um  Kuh  ahmten  das  Beispiel  nach  und  holten  sich  ;;leichfalls  ihre 
Hamtliltren  aus  der  zerstörten  Stadt  d(»r  i»eiNis(hcn  Könige.  Die 
Denkmäler  der  Sassaniden  zeigen  sehr  deutlich  rönuscbeu  Kintiuss. 
nnd  wie  sich  schon  die  alten  Könige  griechischer  Künstler  l>edient 
kalten,  ohne  doch  da.^  ( Tiarakterist ische  des  einheimischen  liaustyls 
so  waren  auch  griechisch-römische  AnlflgtMi  die  Mustei* 
•)     Auch  liemalte  man  die  WiUide  d<'r  Paläste,  wie  liei-eits 

Zeit  d<T  AsHvrer  nnd  Babvlonier.    Die  Forschungen  der  <  h-ientalisten 


*}  JUm  y*elitt«Ii«iidf  OAch  einem  Aufsatxr  Prof  FrrUiiiAiid  .1  u  <  1 1  -  rAi'*fuiftt 
tan  Jft.  li  8.  805—3111)  Qb«r  die  Chm**{qit9  tU  AtHtu-iyfi/ttr-MohiitttttKil-bin'IiJ'ittH-bt**- 
(,  trmtimtlt  tmr  ta  ««rW«*«  Ptrtanf  tl'Ahou-Aff  Mohammeif  hrJnmf.  d'apr^ß 
49  fmri»,  dt  Goiha ,  dt  Londrtß  «t  de  Ctutei'hury .  par  ^f.  HnrmaDti 
S«t«aV6rg.  I  vol.  8*  Paria.  Imprimerie  imp^riftlc  (nationale)  I8fn—H<li.  (ttHnte*i 
fmr  0tt  Ori&miml  Trantiatitn  Fund  o/Great  Britain  a**d  Irrlan,!,  omf  ßoft  nt  thr  R.  Apiof. 
Bi*ri0tf^9  hmf0  Sr.  5.    Stte  Burtim^ton  »trtet     t^tfinn.    «Im   <?.»ni:cn  XllI   «ind  ■2'^6t^  Seiten> 

*»  a«  Wmvrkt  Tabari  (9,  10O>.  da««  dieBtadt  Rumia  bei  Kt*»8ifon  nach  df^m  Master 
▼♦*•  A«tl«r1i{a  a«  der  »rriaclien  RAat«,  tvo  Sapor  den  Kal^or  Valorian   gefangen   nnhm. 
If.    Bbeaao  wurde   die  Stadt  Scbnschter   anter  der  Leitnnir   dlimc«  kaiier- 
lea  vea  frieehl«ehen  natime{4t4»rTi  erbaut,  und  namciitlirli  di<*  rUIg^nnnnt* 


11^  D«r  Orient  und  d«r  IfUa. 

haben  sich  vielfiicti  dicsiT  interessanten  Periode  zugewendet  und  namenüidi 
den  alten  persischen  Rcb'gionsurkunden,  welche  dem  Zarathustra  zuge- 
schrieben werden  und  damals  ihre  jetzige  Redaction  erfuhren. 

Der  Zoroastrismus  der  Pei*ser  coUidirte  vielfach  mit  Juden-  und 
(liristenthuni;  manche  Lehrsätze  der  letzteren  Religion  waren  den 
Persern  anstössig*,  doch  sind  nur  dann  Vei'f()lgungcn  angeordnet  wcHrden, 
wenn  die  Christen  geheime  Verbindungen  mit  dem  oströmischen  Beidie 
unterhielten  oder  den  Voi*schriften  des  Königs  nicht  gehorchen  wollten. 
Wie  im  Römerreiche  waren  es  meist  die  kräftigsten  HenBdier, 
welche  sich  zu  Gunsten  Verfolgungen  veranlasst  sahen.  Sobald  es  akh 
nur  um  religiöse  Differenz  handelte,  blieben  die  verschiedenen  Religionen 
unbehelligt,  und  Talmri  belichtet  von  König  Onnisd  (578 — 590),  dem 
Sohne  des  grossen  Chosru  Xuschirwan,  welcher  erst  vor  Kurzem  den 
I^yzantiufn'n  ihre  schönsten  Provinzen  in  Asien  entrissen  hatte,  da» 
er  auf  die  Vorstellungen  der  Magier,  mau  müsse  Juden  und  Christen 
v(*ifolgen,  gesagt  habe:  ..Man  kann  in  einem  Lande  Verschiedenheit 
(l(;r  Meinungen  nicht  autliebon,  und  in  einem  grossen  Reiche  darf  es 
Menschen  vei*scliiedenor  Richtungen  geben." 

In  den  nordöstlichen  Theilen  des  i)ei'sischen  Reiches  blühte  der 
KuddhismuK,  und  Tabari  erwähnt  an  verschi(Hlenen  Stellen  Götzenbilder, 
welche  die  .\niber  erbeuteten,  und  otfenbar  Statuen  des  Buddha  ge- 
wesen sind. 

Die  i)ersische  Nation  niusste  —  ein  in  der  Gesclüchte  hinfig 
wied(»rk(»hrend<T  Fall  —  trotz  ihrer  überlegenen  Bildmig  vor  der  an- 
bischen, deren  dürftige  Uncultur  oft  ihren  SiH>tt  reizte,  das  Gewdir 
Htr(»cken.  Eine  vornehme  Vmw  in  Hira  war  einem  Amber  als  Bcnie- 
theil  zugefallen;  sie  erklärte  sich  In^reit,  jeden  Preis  zu  zahlen,  wenn 
fr  sie  ft-(Mg(^b(\  Der  AmlH»r  verlangte  lÖW  Dirhem,  und  die  Fraa 
wurde  fr(>i.  Als  nuni  ihn  (Uiniuf  aufmerksam  machte,  dass  1000  Diihan 
(etwa  180  Mark)  zu  gering  g(»wesen  sei,  gestand  er,  dass  er  von 
Zahl  über  J(.MM)  nichts  gewusst  habe.  Jt^egeixl  sagte  zu  einer 
bis(*hen  (r(*sandtsohaft,  welche  ihn  auifordei*te,  den  Islam  zu  bdcennei 
oder  den  Kani[)f  aufzunehmen :  „Ich  habe  viel  Völker  gesehen,  THrlieii, 
I)(>il(*initen,  Slaven,  IiuhT  und  andere,  alK'r  niemals  liabe  ich  armseligere 
als  euch  gefunden;  Mäuse  und  Schlangen  sind  eure  Nahrung  und  eure 
Kleider  iM^stehen  aus  Felhni  d(»r  Kameele  und  Si'hafe;  wie  vermflgt  ihr 
mein  Reich  zu  erobern?"  Treffend  antwortete  einer  der  Gesandten: 
„Du  hast  liccht;  Hunger  und  Blosse  war  vordem  unser  I^ioos,  aber  Gott 
hat  uns  einen  ProphettMi  geg(»ben,  (hassen  lieligion  mis<»i'e  St&rke  ist" 

In  der  unenues.sli<'hen  Beute,  welche»  die  Araber  nuichten,  befimden 
sich  viele  Dinge,  w(>l<'he  ihnen  noch  ganz  unl>ekannt  waren.  Bei  dflr 
Kr(»b<»rung  von  Ktesifon  erlMuitete  man  neben  andei"en  Herrlichkeiten 
«»in  KauHH»!  mit  einer  Kiste  l)ehulen,  die  den  mit  Perlen  und  Rahinen 


Wa<«sorl<>ituiig|ärhftdr6wau  mit  dem  fiendi  Kaiaar  (Kai«erdamiii),  welch«  noeh  ktvt«  W- 
ftcht  und  mehrfach  von  Euroi'ttorn  beschrieben  i«t  (man  v«rgl.  Ritter,  AmUm  •,  U6; 
•Ir  Bude,  TnireU  in  Luriitan  and  ArabiBtan  2,  148;  Kawllnaon,  Jown»«!  ^  Hb«  JL 
ytogra^,  Soe.  0,  7:);,  vordankt  diesen  Künstlern  ihre  Entetehang  (T«barl  S,  80.  8,  IITK 


Dl«  ■rob«f«flC«i  d«r  Artbw.  119 

irniitiricten  Rock  des  Königs,  ans  Goldfäden  gewebte  Kleider,  die  Krone, 
an  welcher  100  Perlen  strahlten,  den  Ring  und  zehn  Stücke  ßrocat 
«»nthielt.  Panzer,  Helm,  Bein-  und  Annschieneii  der  königlichen  Rüstung 
waren  Ton  Gold;  im  Schatz  fand  sich  ein  goldenes  Ross  mit  einem 
«Ibemea,  von  I'Metsteinen  Ol)ei*säeten  Sattel,  ebenso  ein  silbernes  Kameel 
mit  einem  Jungen  von  Gold.  Ebenso  wurde  ein  Winterteppich  von 
Hrocat  erbeut (»t,  welcher  3<M>  Ellen  lang  und  TiO  breit  war;  er  wurde 
im  Winter  aufgelegt,  und  war  umi-ahmt  von  einer  Borte  grüner  Sma- 
rai^,  wfthrend  verschitnlenfiarbige  P^lelsteine  als  Blumen  eingelegt 
waren.  Ein  Stück  derselben  verkaufte  Ali,  der  Freund  Muhammeds 
für  80iH>  Dirhem  (kaum  31MjO  Mark),  und  die  PMelsteine  und  andere 
Koftbarkeiten  wurden  in  Mekka  an  Kaufieute  aus  verschiedenen  Län- 
dern vergantert.  Im  Magazin  der  ParfUmerien  fand  man  gläserne  Ge- 
fime  mit  Kampfaer,  Ambra,  Moschus  und  anderen  Wohlgerüchen;  nach 
anderen  Schriftstellern  erbeuteten  die  Araber  auch  eine  Schiffsladung 
Karopber,  welchen  die  Perser  dem  Wachs  I)eimi8chten ,  aus  dem  sie 
duftende  Kerzen  verfertigten;  die  Aralyer  thaten  den  Kampher  als 
Warze  an  das  Brod. 

In  Persien  stiess<»n  also  die  arabischen  Honlen  auf  eine  fremde 
arisdie  Race,  auf  ein  uraltes  Cultursy^ttem  und  die  dem  IslAm  an 
innerem  Werthe  überlegene  Religion  der  Magier.  Desshalb  nahm  der 
Kampf  gar  bald  die  Können  des  RaaMikam])fes,  nicht  blr>s  des  Religions- 
krieges au.  Au<;h  die  Araber  erkannten  dies  und  während  sie  ander- 
wftrtu  zwischen  der  Annalune  ihres  (jlaul)ens  und  dem  Tribute  wählen 
Kwucn,  beisc^hten  sie  hier  mit  grösster  Strenge  die  Ausrottung  der  alten 
Gesetze,  Religion  und  Sitten,  kurz  die  V(»michtung  jener  uralten  Civili- 
f«tion,  die  zum  Theil  noch  <'in  I*>ljgut  der  Zeitgenossen  Zarathustra's 
war.  Wohl  vermcMrhte  endlich  nach  hingem,  heftigem,  nicht  stets  un- 
iMdüicben  Widerstände  die  (iewalt  der  Eroberer  der  Sassaniden-Dyiuistie 
ein  Ende  zu  mac^hen,  M  ihre  Cultur  zu  zerstörte,  eine  völlige  Unter- 
jodrong  ganz  Persiens  gelang  nie.  Musste  wohl  nothiredrungen  die 
Mebnahl  Bekefaning  wählen,  so  gab  es  doch  noch  im  X.  Jahrhunderte 
kkine  Reiche  sassanidischer  Prinzen,  wo  eifrige  Anhänger  tler  altpersi- 
«dien  Regierungsform  und  Ges<'tze  ihn*  Vertassung,  Religion  und  Sitten 
retteten  and  unabhängig  fortlebten;  andere  l>egaben  sich  nach  der  Insel 
ilmnfs  von  da  weiter  nach  Diu  und  im  I^ufe  der  Zeit  nach  Gudscherat. 
Ilort  in  Indien  Ivlnni  dic'se  Nuchkonmien  der  sas.Minidischen  Perser  als 
Gnebern  wlei*  Parsis  ohne  alle  Vennischung  mit  den  l^mdi^seingelwrnen 
nnth  bcHite  fort,  und  ein  genaues  Studimn  ihrer  Sitten,  Aaschauungen 
Schriften,  eine  Würdigiuig  ihrer  hervon-agenden  geistigen  Stellung 
beatigen  Indien  gestattet  einten  Rückschlnvs  auf  die  ivei-sische  Cultur 


*l  Wa«  Quinta«  Cnrtius  vom  llofsUiite  det  Dariun  Codoiuannu«  erxtthlt,  b«- 
rtektrX  Tabari  auch  von  dtm  IrUten  Je^dfgerd;  beider  Kchickf*«!  war  ein  gl«ielM», 
W*t#ft,  «akerirrcnd,  luletst  von  ihren  eigenen  Uutertbanen  erschlagen,  aanken  sie  vom 
Tbro»,  de«  als  Fremder  beatieg.  Jesdegord  hatte  auf  aeiner  Flucht  tOUU  Personen  um 
•i«a.  nmitft  d«B«m  kein  Krieger  sich  befand ,  wohl  aber  Selavon  ,  Küche ,  Kammerdiener, 
MM«UU«r,  0cbrnib«r,  Weiber,  Oreie«  and  Kinder. 


120  Der  Oritnt  uad  der  ItlAm. 

der  Sassaiiidonzeit.  Allgemein  unterschätzt  man  sie  eben  bo,  wie  jene 
ältere,  womn  das  noch  ziemlich  rohe  Hellenenthom  seine  ersten  Sporen 
verdiente. 

Fast  gleichzeitig  mit  der  Eroltenmg  Persiens  erfolgte  die  Aus- 
dehnung der  iVral)er  über  Nordafrica.  Aegypten  ^-ard  schon  638  von 
Amr-ibn-el-Asi,  gewöhnlich  kurz  Amru  genannt,  angegriffen  und 
/um  l^sitz  des  Chalyfats  des  Oniar  geschlagen.  Seit  der  Unteijochnng 
des  I^audes  ergoss  sich  in  dassf>lbe  ein  unaufhaltsamer  und  lange  foit> 
thessender  Stnnn  am  bischer  Einwanderer,  die  bald  das  nnmerisdie 
UelKJi'gewiclit  ttbcr  die  einheimische  Bevölkerung  erlangten.  Wenn  es 
ihnen  dabei  glückte,  letztere  nach  und  nach  beinahe  ganz  in  sieb  auf- 
zunehmen und  mit  sich  zu  verschmebsen .  so  wirkte  dazu  der  manen- 
weise,  theils  freiwillige,  theils  gewaltsam  ei*zwungene  Uebertritt  der 
Aegypter  zum  Islam  mit,  d(>r  hier  um  so  leichteren  Kingmig  And,  ab 
das  chnstliclH^  Ae^ypten  fast  nur  monoph^^-sitischc  Bekenner  zählte,  die 
mit  dem  Dogma  der  byzantinischen  Kiivhe  ttlier  die  verschiedeneii 
Niitureii  Christi  in  Widei-streit  standen».  Hauptsächlich  freilich  wurdp 
die  Ausbr(Mtung  des  IMuluunmedanismus  durch  den  Nachdruck  der  welt- 
lichen Gewalt  entschieden. ')  Mit  dem  Uel)ertiitt  war  eine  Hanpt- 
«^;hi*anke  gefallcMi,  die  sich  einer  innigeren  Vennengung  der  VolksstfiauBe 
entgegengestellt  hatt(}  und  der  Misch ungsprcR^ess  guig  so  gründlich  for 
Mch.  class  daraus  eine  (Generation  entstand,  in  welcher  die  Elemente 
des  alten  At^ypteilhums  —  bis  dahin  erhalten  —  um*  noch  sporadiMh 
/u  erkeimen  sind.  Was  die  Kiuwandenmg  der  Isiueliten  und  Aethiopea. 
was  di(*  Fj'olN>rimgen  der  Hyksos  und  Pei'ser,  was  die  Herrsdiaft  der 
(Ti-iechen  und  Römer,  was  der  geistige  Kinfluss  des  (.'hristenthnma  nkht 
vemuK'ht  und  nicht  gewollt  hatten,  das  brachten  der  Isl&m  nnd 
die  Araber  fertig:  niindich  alle  Dinge,  welche  das  ägyptisdie  Volk 
/um  ägyptisclx'ii  machten  und  weh'he  es  durch  die  Jahrtansende  ^flih 
lieh  unversehrt  hindurchgerettet  hatte,  bis  auf  einen  geringen  Best  n 
zerstören  und  verschwinrU^n  zu  machen,  eine  ui*alte  NationalitAt  md 
('i\ilisation  einer  f;ist  vollständigen  Vernichtung  und  Veigessenheit  Wä 
überliefern.  - 1  Aegypten  ist  ein  leuchtend(?s  Beispiel  für  die  Widrtig» 
keit  der  ethnologischeji  Wandlimg(Mi,  weh^he  in  diesem  Falle,  wie  in 
manchen  andcTen,  allein  den  Umschwung  des  dortigen  CnltargtjgM 
erklären.  Die  in  Aegypten  eingetn^tene  Wendung  wird  dorch  keinei 
der  S<*hlagvvoi1e  vom  Ht'gierungssystem,  der  Beligion,  vom  P&ABnthlim, 
der  Aristoki*atii»  (mI(t  der  unterdrückten  Volksrechte  ahgethaa;  da» 
ethnische  Moment  allein  löst  die  Frage. 

Von  Aegyi»ten  ans  sollte  das  übrige  Afrim  unteinvorfen  werden, 
doch  ruhte  diese  Krolwrung  bis  zu  d(»n  Jahren  (>46  und  667;  inden 
trelang  e^  den  AralnMii  noch  nicht,  sich  zu  l)ehaupten;  dies  konnten  «le 
ei-st  zwis<hen  {\\)'2  «»'.»s.  nach  schweren  Kämpfen  mit  den  Byzantinern, 
den  damalig^'n  Heiren  der  nonlafricanischen  Gestade;  von  hier  aas 
drangen  *-ii'  710  nach  S])anien.     Mit  den  Krobenmgszügen  der  Araber 

*i  Steplinn,  JJfts  heutif/e  Atj/if^tef.     Leipzig  lbV2.    S*    8.  SAT— 9M. 
t  Liittk«',  AffiifptfM'0  tirue  Zeit.     I.  n»l.     8.  12—11. 


Di«  SrobtToag««  4#r  Ara^r.  ISl 

kamen  indes»  nur  Krieger  nnd  einzelne  Familien  aiabischer  Abkunft 
nadi  Nordafrica,  weldie  sich  in  den  Stftdten,  hier  und  da  auch  in  einem 
befestigten  Castell  niederliessen,  aber  das  ganze  Flachland,  das  Gebirge 
imd  die  Sahara  blieben  in  den  Händen  der  autochthonen  Berber.  So 
igt  e%  eine  gewöhnlich  abersehene  Thatsache,  dass  bis  zum 
Jahre  1050  unserer  Zeitrechnung  Nordafrica  mit  Aus- 
nahme der  Städte  nur  von  Berbern  bewohnt  wurda^) 
Bb  um  die  Mitte  des  XI.  Jahrhundeils  bildeten  sie  verhältnissmässig 
ciTilisirte  Staaten  mit  berberischer  Bevölkerung  imd  unter  berberischen 
Dynastien.  In  Tunesien  herrschten  die  Ziriden,  in  den  Provinzen 
Constantine  und  Algier  die  Hammaditen,  in  Marokko  die  Almora- 
^iden,  alle  drei  Djmastien  vom  Stamme  der  Sanhadscha,  der  dar 
aals  sidi  der  höchsten  Blttthe  und  Maclit  erfreute.  ^)  Unter  seinen 
Berberftrsten  war  Nordafrica  ein  blühendes,  dvilisirtes  I^nd,  n^ie  die 
Beridhte  der  pisanischen,  genuesischen  und  venetianischen  Kaufleute  aus 
dm  Mittehüter  bekunden  ^)  Erst  in  der  genannten  Epoche  fand  die 
nicfatige  arabische  Einwanderung  statt,  welche  den  Bevölkerungs- 
Verhältnissen  mid  damit  zugleich  der  Cultureiitwicklung  in  Nordafrica 
neue  Gestaltung  gab.  Ein  zweitem  Beisiuel  also  von  der  Bedeutung  des 
Bacemnoments  in  der  (Kulturgeschichte!  Die  Ei'oberung  Nordafrica'» 
m  VII.  Jahrhunderte  beschränkt  sich  culturhistorisch  demnach  auf  die 
Annahme  des  Islam  durch  die  Berl)er,  die  von  jeher  eine  ausserordent- 
bebe  Neigung  zur  religiösen  Sondersti*llung  hatten  und  die  Stiftung 
neuen  Secte  mit  Enthusiasmus  zu  begrflssen  pfi(^en.  Sie  hatten 
seinerzeit  leicht  zum  Christenthume  bekehrt,  dann  als  Christen 
Donatismus,  den  Circumcellionen  und  jeder  vom  Katholicismus 
abveiGiieiiden  Lehre  gern  fonatischen  Vorschub  geleistet;  eben  so  liessen 
4/t  sich  zum  Islam  bekehren,^)  freilich  nicht  ohne  zuvor  den  neuen 
Bedrflckem  den  heftigsten  Widerstand  entgegenzustellen.  Diesen  Ueber- 
erleichterte  die  von  den  Vandalen  eingeschleppte  Lehre  des  Arius, 
i€h  Guistus  ni(*ht  als  gottgleich  zu  achten  —  eine  Lehre,  die 
viel  Boden  gewonnen  mid  mit  der  moHlim'schen  Fassung  zu- 
^ntraf.  Trotzdem  nuu^hte  sich  der  Racenhass  alle  AugenbUdce 
Laft  durch  blutige  Aufiitände  der  berberischen  Bevölkerung  gegen  die 
arabisdien  Statthalter,  welche  Namens  des  (1ial}'&ts  Nordafrica  regier- 
ten. ^)  Kein  Jahrhundert  war  verflossen,  als  ein  Theil  des  Landes  nach 
dm   andern  dem  Cha]>iut  auf  immer  entrissen   und  eine  unabhängige 


*>  II.  Baro«  M  Alts  an,  X>«r  Vilktrl-ampf  Mtritchtn  Arabern  ttnd  Btrbtrtt  im  S»r4' 
•/r^^.     fAmüamA  187»  No.  Sn  B.  44A.) 

>>  Malt  tan.     A    ft.  O.     H.  447- 148. 

*.  A.  a.  O      No.  24.     8.  471. 

•>  A.  ft.  O.     No.  IS.     8.  44S. 

•>  NAbOTM  Ober  die  Oetehiehte  NordAfrle«'»  »i^hp  b^l  II.  Fournel,  Eiud4  9ur  Im 
tm^mHts  ^  T  Afrifmt  fr  U»  Armbtg  #^  rtektrehit  »nr  U»  trihti§  B^rhi^rtg  qni  »ni  0ceuf4 
Ut  Mm^rtk  €€»trml.  ParU  I85T.  4*;  dann  de»eelh«n :  Lft  herherf.  Ettalt  tnr  fa  cxfnquHt 
4»  rAfrifmm  A'afrt»  Ui  Uxtt»  amW«  imprimH.  PariH  1874.  4*  I.  Tome.  £in  ältere« 
mvrk.  ae«r  iaflierhin  noch  braoehbar  ittCardonne,  Hi*toir4  d^  VA/Hqme  *t  dt  lK9pm§m 
mm0  *m  d^mtmmtiom  Htn  Amhe:   Pari«  17II.V    .1  Bdc    Deutaeh  von  Fttai,    Ztt rieh  1770.   •*. 


122  Dw  Orlnt  mmk  dtr  UHm. 

Dynastie  nach  der  andern  gegründet  ifard.  So  entstand  789  die  Hbr^ 
Schaft  der  Edrisier  in  llaghreh,  wohin  die  Araber  übeihaiyt  wäm 
als  Ansiedler  gelangten,  im  Jahre  80()  jene  der  Aghlabitea 
Tunis  bis  Aegypten  und  877  jene  der  Tnlnniden  in  Aegjrpten 

In  Spanien  herrschten  zur  Zeit  seiner  Eroberung  dnrdi  die  Aniber 
westgothische  Forsten.  <)  An&ngs  lebten  die  Landeseingeborenen  wlb&ä 
den,  natürlich  nur  die  Minorität,  den  Ade!  bildenden  Westgotfaen  nie 
sswei  verschiedene  Nationen,  jene  nach  römischem,  diese  nach  gennatti- 
schem  Gesetz,  jene  orthodoxe  Christen,  diese  Arianer.  Wie  üiderwirti 
unterlag  aber  auch  hier  der  Arianismus,  siegte  endüdi  der  KathcdidantfL 
Wir  werden  sidier  nicht  fehl  gehen  in  der  Annahme,  dass  hkm  die 
Ueberlegeuheit  der  Unterjochten,  der  Erben  and  Trilger  der  altifteisehen  . 
Civilisation,  über  die  rohen  Westgothen  wesentlich  beitrug.  Bs 
holte  sich  hier  die  Erscheinung,  dass  die  Sieger  die  hiyhere  Gnltor 
Besiegten  annahmen.  Kein  Wunder  daher,  wenn  die  Ootfaen 
bald  in  das  Joch  der  Geistlichkeit  geriethen.  Die  nfimlidien  UrsMiMi, 
welche  die  Zustftnde  im  Reidie  der  Merowinger  herbeiflifartien,  wfalMi 
auch  hier  und  erzielten  gleiche  Resultate.  Als  der  lalAm,  dmctdi 
Zwistigkeiten  der  gothischen  Grossen  herbeigerufen,  über  die 
von  Gibraltar  setzte,  wird  der  Znstand  Spanien's  ziemlich  tnmilos  ffih 
schildert.  Verblüht  war  die  germanische  Tapferkeit  unter  dem  trlgM 
hispanischen  Himmel,  der  Adel  verweichlicht,  der  Krieger  der 
der  Waffen  entwöhnt,  der  Bürger  verarmt,  der  Sdave  hart 
Tm  Nu  fiel  der  grössere  Theil  der  Halbinsd  den  Semiten  rar 
die  eingebome  Bevölkerung  erblidcte  in  ihnen  mit  Recht  BefM 
germaniscl^n  Joche,  tauschte  aber  freilich  nur  einen  Herrn  gfigm  4tk 
anderen  ein.  Ihre  Rflubematur  verläugneten  die  Araber  anch  bk  Bpßttiä 
nicht,  wie  ihr  Benehmen  bei  der  Einnahme  Tdedo's  seigt  LudM  ^ 
oberten  sie  nie  ganz  Spanien,  sondern  nur  die  südlidMm  nwvfeiMi^ 
im  Norden  erhielt  sich  immer  ein  westgothisches  Rddi,  jenes  iM 
Oviedo  oder  Asturien,  zu  dem  bald  ein  fränkisches  in  dem  novAMIMii 
Theile,  Navarra  und  Arragonien  sich  gesellte.  *)  Das  arsUsdie  SpÜsM^ 
dem  Chalyfenthrone  einverleibt^  wurde  dnrdi  Statthalter  regiert}  ~sMft 
die  Abhängigkeit  konnte  nicht  lange  erhatten  werden;  so  wte  Ib  ini# 
afrka  erböb  sich  kaum  vierzig  Jahre  nadi  der  Eroberung  iH  %Ml>l 
ein  selbständiges  arabisches  Reich. 

Am  spätesten  erreichten  die  Araber  Sidlien  und^UnterftaäsB.  TU 
ist  eine  feststehende  Thatsachc,  dass  die  Insel  Sidlien,  die. man  Us  li 
dir  neuere  Zdt  für  ununterbrochen  romanisch  eraditet  hat,  nlAl 


*>  Sieh«  darObor:  J.  A0chbaeh*B  Gt9ekieht€  d^r  W^ttf^iktm mmA  Vtlls  Daka'l 
T>if  poiMB^t  G09chiehf  dtr  WttigUht»,  1871.  QtieneiiKdiriA  ill  liläOff«*  Ml«f^ 
l«n8tB  (t  086),  HittoHa  tfu  Chromfe^H  G^homm  (1T8— 88$)  ap  .BNipw  MiMifS  «i.  MkwH 
111.  T.     p.  847  ff. 

*)  Siehe  Jos.  Asehbaeh,  Ot$chMU  4§r  Ommt^md^m  im9fmitmm0Mi  ^km^99^ 
$ttiimPf  dtt  St9l9it*tm9  d€r  9pani§ek0M,  ckHtilUhtm  JMtIk;  1880.  f.  tUti^  #■■  SWiTt 
Witülrg  d0§  MiM9utmmn§  d^Stpmgns, 


i 


IM«  Erdb«ninK«ii  4^r  Ar»b«r.  123 

dem  Xni.  Jahiimndert  italianisirt  worden  ist.  ^)  Bis  dahin  siirach  das 
I^nd  hst  aitfschliesslicfa  griechiech  ')  und  daranf  arabisch.  Die  arabische 
Erobefimg  SiciKens  ging  erst  von  den  oberwfthntcn  Aghlabiten  aus, 
war  jedoch  nicht  so  leicht  me  jene  Si>aniens,  denn  hier  stiess  man 
nicht  auf  entnervte  Germanen,  sondern  auf  braintinische  Truppen,  bei 
welchen  rieh  die  Moslime  auch  andei-wärts  nicht  eben  viele  Lorbeeren 
fehoh  haben.  Im  Jahre  831  wurde  der  Isläni  nach  einjähriger  Be- 
lagerung Herr  in  Palermo,  erst  879  in  Syi-akus.  Der  hörten?  Widcr- 
>tand  hatte  auch  grössere  Flrbitternnp:  zur  t'ol^e,  denn  l)ei  der 
Kinnahme  Taormiua*s  (902)  wurden  alle  dahin  gefiüi»hteten  Christen 
<4unmt  der  B«'äatzung  niedergemetzelt. '; 

E«  fehlt  nun  nicht  an  Greschichtsschrt»ilKnii,  ilie  vor  ihn-  t^oln^Tung 
Ktnen  wahren  Abscheu  zu  verbreiten,  in  ihr  die  Quelle  alles  Unheils 
finden  and  keinen  Eroberer  nennen  können  ohne  ihn  luit  den  Bezeich- 
nongen  ^•««•hJau^  «xler  ,4^usam"  au<^zustatten.  Gewi.ss  haften  der  Ei'- 
ubening  allemal  sociale  Missstände  an,  eb<Mi  m)  gewiss  ist  sie  abpr  in 
der  einen  otler  der  anden^u  Fonu  die?  einzige  und  ui*sprünglichst<; 
Daiäs.  worauf  Staaten  gegi-ündet  werden.  Al)gcselien,  diiss  der  Unter- 
<lkied  zwis<*heu  KrolKTungen  auf  physischem  und  geistigem  Wege  nur 
«in  relativer  ist,  da  ilit?  physischen  Mittel,  je  nach  Massgabe  d(T 
imtigen  und  .sittlich(*n  Entwicklung  der  Men^chhcit,  /umei.^t  V(m  geihtigeu 
Factoren  abliän^^en,^)  sind  jene  Kj*oberungcn,  die  am  fri«Hllichsten 
niieinen  4ift  die  blutigsten  von  allen.  Die  (te>cliichte  kennt  kein  Bei- 
spiel eims  Staates,  der  nicht  auf  KrolxTuuj^  gegründet  wäre  und 
keines  einer  blutbesu«lelteren  uLs  jene  des  St4uites,  der  sich  für  den 
freiesten,  hmuansten,  fne<llichsten  von  allen  au*<gibt.  Kein  Ikxleu  ist 
mit  mehr  Blut  gedUngt,  kein  Staatswesen  mehr  auf  die  Veililgung  und 
AoäitiCtung  sein<T  ursprünglichen  Bewohner  l)erechnet,  keines  bis  in 
die  neueste  Z4?it  in  die  (tiüuel  eines  mörderischen  Hacenkampfes  mehr 
verwickelt  als  die  Bepublik  der  Vereinigten  Staaten. 

Dttiis  auch  der  arabi.sche  Sta«it  auf  Fj*oberung  sich  gründete,  ibt  so 
naltkrüch,  dass  ohne  di(*>e  er  ülN>rhanpt  nie  ei->tanden  wäre,  und  roh 
wie  die  arabis<'lM*n  Stämme  anfiinglich  v.aren.  konnte  die  Ei*(»b«»ruug 
nor  in  roher  W'eisi*  jreM*liehen;  ist  die  Sage  von  der  Zei*stöi*ung  der 
Re^te  der  al(*\andriniM'hen  Bibliothek  diu*ch  die  AraluT  wohl  nur  Fabel, 
v>  märe  di(*^*ll)e  d<H*li  ganz  im  (ieiste  ihrer  damaligen  fanatischen  und 
kri#irf'ri?chen  Bohheit  g«'W(*s<»n.  Diese  streiften  sie  ei*st  ab  im  Contacte 
mit  d'^n  fremden  Nationen,  die  sie  iM'siegten.  Schnttweise  lässt  .sich 
a^igen,  wie  die  AralM»r  tdK>niII  die  in  den  byzantinischen  und  iH*i*sischen 

')  Di«»M  ThftUAch«  ward«  f«i»tg«.4t<!llt  durch  M.  AinAri.  StoHa  (Ui  Mumlmani  in 
Bi^.m.  TlTtnwt  1KS|— 72.  III.  Bd.  8.  218  und  Otto  IlAriwig,  EimUitung  guLaorik 
Geas«nbtell,  8ie0tmmi»th«  Mährthen^  au»  dem  Votkumumit  getnmmett  mit  AttmerkungtH 
K«lttkold  KökUr».     L^ipiig  IMO.     8      2  Bde.     I.     S.  21—50. 

*>  Di«  fri«ckiMk«  CiviU^ation  der  Int^I  ii*t  such  vcrtrefllich  hrrvorgehobrn  b^^i 
••  Jf  T.  Hoffw«il<*r,  9iciU0n.  SchUdermn^wi*  au»  ütffeHtrnri  hm^I  Verpm»g«nhtit  Lr||>- 
r^  1*10. 

*l  J«U«»  Braun,  A.  a.  O.     H.  :»4. 
>  Lni«af«ld,  Sti^ltrttumeha/t  der  Zukunft.     ].     b.  IM. 


124  Der  Orient  vnd  der  Itlln. 

Ländern  vorgofundonon  Einrichtungen  bestehen  Hessen  und  selbst  be- 
nützten, sich  so  zu  sagen  auf  den  Schultern  der  Fremden  zu  höherer 
Gesittung  cmpoi*sdnvingend.  Genau  so  erging  es  den  germanischen 
Barbaren,  welche  über  das  römische  Keich  hereinbrachen.  Im  Kriege 
lernten  die  roheren  Sieger  stets  von  den  gesitteteren  Besiegten.  So 
war  auch  die  glänzende  arabische  Civilisation,  welcher  das  AbendUmd 
so  viel  verdankt,  wi(»  die  geiinanische,  wie  die  fillhere  römische  und 
griechisch  -makedonische,  eine  unmittelbare  Folge  der  Er- 
ober u  u  \i. 

Dir  ]»atriar(«]iallse]io  Zeit  dos  (liaHfatM. 

Die  bisher  übliche  Behandlung  der  ambischen  Gesittung  mahnt 
lebhaft  an  jene,  welche  gewöhnlich  den  alten  Hellenen  zu  Theil  wird. 
Die  Darstellung  wilhlt  hierzu  die  glühendsten  Farben  ihrer  Palette 
Beide  Völker  halM'u  in  der  That  Hohes  geleistet,  dennoch  darf  man  «» 
nugescheut  aussprechen:  sie  wenleii  ni(*ht  unbeträchtlich  überschätzt 
l^»gt  man  die  kritische  Soiid«'  der  F(»rschung  an  sie  an,  spürt  man 
den  ri>>prüngen  der  einzelnen  Bestand! heile  jener  gepriesenen  Civili- 
sationen  nach,  so  gc? wahrt  man  mit  Ueberitischung,  wie  gering  der  Zahl 
nach  die  eigenen,  originalen  Leistungen  beider  Völker,  wie  gix)ss  dagegen 
die  Zahl  jener  sind,  welche  sie  von  anderen  Nationen  überkommen,  in 
sich  aufg(*nonnnen  haben.  J)ies  >oll(>n  die  nachstehenden  Blätter  in  da^ 
gehörige  Licht  rücken.  *) 

Die  Entwicklungsgeschichte  des  Chahiiits  zeriilllt  in  drei  grosse 
Perioden:  in  die  patriarchalische  Z(?it,  nämlich  die  HeiTschaft  der  vier 
ersten  Chalyfen,  von  Muhannned  bis  auf  Aly,  d.  h.  von  632 — 661  itChr.; 
in  die  Zeit  der  Onimajadendynastie,  die  ihren  Sitz  vcm  Mediua  nadi 
Damascus  üb(>rirug,  061  750  n.  Chr.;  endlich  in  die  Periode  der 
.VbbasidenheiTscliafr  in  Bagilad,  750 — 1258  n.  Chr.,  welche  mit  dem 
Stur/.e  des  Chalvfats  durch  die  Mon'.^ok*n  ihren  Abschluss  findet  Jeder 
dieser  Zeitabschnitte  trägt  sein  bi'sonderes.  eigenthümliches  GeprSge 
und  stellt  sich  aN  mit  Nothwendigkeit  aus  <len  fi'üher  herrschenden 
Zuständen  hei-ausg(» wachsen  dir. 

Div  Gründung  der  neuen  lieligion  änderte  nicht  das  Mindeste  an 
Oiaracter,  Sitten,  (lewohnheiten  und  Anschauungen  dt?!8  arabiscfaoi 
Volkes  in  der  etwa  IJOjährigen  Epoche,  welche  die  imtriarchaliscfae  Zdt 
unifa«iste.  Die  Wirkungen  veränderter  religiöser  Meinungen  gelangen 
überhauj»!  stets  (»rst  nai-h  mehreren  (Tenerationeu  zum  Ansdnuto. 
Indem  man  n.ich  des  Propheten  Tode  Abu  Bekr  zum  Oberhaupte  eiicor 
und  die  freie  Wahl  durch  <lie  versammelte  Gemeinde,  sowie  deren  Be- 
stätigung durch  die  allgemeine  Huldigung  als  ein  staatsrei*htlichc8  Princ^ 

')  Die  Dnrrttollung  d«r  arAbi<«chi*n  (.-ultiir,  wie  >*i^  die  erot«i  AnAikg^  dies«»  Buek» 
rnthirlt.  hnt  durch  du-  st'ithor  ^r^rh^en(•nc  trcfTlicbe  Work  A.  ▼.  Kr«mer*s  CmÜmrgih 
ßrhichtr  tJfn  orientH  HHtrr  <7rH  rhnfi/fit  in  allen  Puncten  die  umfusradate  BttHlg— f 
rrfnhron.     Irh    n«>1inir    «liiM^elho  dnher    dentn  frendiger  mm  Fühmr  bei  dl#Mr  amcfl  B«* 

prbriliing. 


Die  patrUrehftliMlie  ZmH  de«  ClieUf«ts.  125 

aoistelltf*,  gab  man  sich  dn&ch  der  Leitung  der  aus  dem  Alterthume 
ererbten  Gewohnheiten  und  Anschauungen  hin.  Denn  schon  vor 
Mohammed  gingen  die  arabischen  Stdmme  bei  der  Wahl  ihrer  Haupt- 
Knge  und  Anführer  von  ähnlichen  Grundsätzen  aus.  Die  Idee  von 
der  Nofhwendigkeit  eines  Stammeshäuptlings,  der  allerdings  das  Senio- 
ratsprinnp  zur  Seite  stand,  ist  altarabisch;  dagegen  war  die  Idee  des 
Erbkönigthums  den  Ara1)eni  völlig  fremd,  und  das  Volk  strebte  auch 
in  den  ersten  Zeiten  sein  Sell)stl)estimniungsrecbt  enei'giscli  geltend  zu 
madien.  Bei  den  Aral)eni  nun  ist  es  am  deutlichsten  zu  erkennen, 
wie  enge  und  unzertrennlich  in  der  Auflfiissung  des  Orients  die  Idee 
der  Souveränität  mit  jener  der  höchsten  religiösen  Würde,  dem  Hohe- 
prie^teramte,  verkettet  ist.  Zugleich  waren  dem  echt  semitischen  Geiste 
der  Araber  zufolge  Staat  und  Religion  identische  Begriffe.  So  ging 
die  Souveränität,  die  Herrscherwürdc,  die  früher  den  nordarabischen 
Stimmen  gänzlich  fremd  ge1>lieben  war,  aus  der  religiösen  Idee  hervor 
ond  schien  der  arabische  Staat  eine  verjüngte  Auflage  der  althebräischen 
Theocnitie  zn  sein,  Soll  ein  Volk  die  Bahnen  der  Cultur  betreten,  so 
■nsB  dMs  Erste  die  Vemichtimg  der  Freiheit  sein.  Dazu  bieten  die 
Reiigionen  die  Hand,  darin  liegt  ihr  eminenter,  geradezu  uuschätz- 
hartr  Culturwerth.  Dies  gilt  vom  Christ enthum,  gilt  vom  Islfim,  Das 
GrOeste,  was  Muhanuned  geleistet  hatte,  das  Gehoiiniüss  dvr  Macht  des 
Idlm,  hig  in  der  festen  Disciplin,  in  dem  unbedingten  Gehorsam, 
«eldien  er  den  Seinigen  einzuflössen  wusste.  Die  Moschee  ward  eine 
Sdinle,  wo  das  Volk  sich  sammeln,  in  Massen  bewegen  und  dem  Com- 
auido  folgen  lernte.  Nur  auf  diese  Weise  konnte  sich  die  persönliche 
Sovvertnität,  das  monarchische  Prindp,  ausbilden  imd  befestigen.  Die 
imwTe  Nothwendigkeit  machte  aas  dem  losen  Bunde  der  nordarabischen 
Stimme  eine  nach  aussen  scharf  allgeschlossene  und  mich  innen  streng 
<fisdpiinirte  Körperschaft.  Die  monarchische  S]>itze  war  hierbei  ein 
Gebot  der  Selbsterhaltung  für  das  im  Kampfe  mit  allen  Nachbarvölkern 
befindlirhe;  neu  entstandene  Staatswesen  des  Islam.  Dessluilb  betrachten 
afle  arabischen  Denker  das  Königthum  durchwegs  als  eine  zur  Aufrecht- 
erhaltmig  der  gesellschaftHchen  Ordnung  unumgänglich  nothwendige 
Ejnrkhtung.  Das  Königthum  ist  nach  ihrer  Ansicht  auch  eine  un- 
enthrhriiche  Vorliedingung  der  Cultur  und  mit  vollem  Rechte  nehmen 
4t  kernen  Anhtand  zu  erklären,  sell>st  ein  ungerechtes,  gewaltthätiges 
Kfifii|(tham  sei  besser  als  eine  ungezügelte  Freih(nt.  Sf»ll>st  vom  heutigen 
SUndpandf*  tide  es  s<*hwer,  dieser  tiefen  Wahrheit  zu  widersiirechcn. 
Eine  einzige  Verirmng  brachte  di(»  ^VralxT  um  alle  Vortheile  ihrer  so 
f  *•%  begrQndeten  monarchischen  Auffassung.  Sie  konnten  das  Selbst- 
be^nunongsrecht  des  Volkes  nicht  versöhnen  mit  der  Monarchie  und 
hielten  (est  an  dem  durch  nichts  geregelten  allgemeinen  Wahlrechte. 
Ilev^halb  blielien  sie  \m  einem  Wahlreiche  stehen,  das,  wie  überall  so 
aorh  hier,  die  verderblichsten  Wirkungen  äusserte. 

Mohammed  war,  wie  er  es  als  Prophet  und  Ilefoniiator  seines 
Volk*^  nicht  anders  sein  konnte,  ein  Revolutionär  im  vollsten  Sinne 
drt  Wortes,  denn  seine  religiösen  Bestrebungen  musJsten  nothwendigcr 
WH»e    iridit    bkn»   die    staatlichen    Verhähnisse    gänzlich   umgestalten, 


12^)  Der  Oriont  und  der  IsIAm. 

siiiuloni  sie  hatton  die  o1>ou  so  M'ichtige  Fo]^o,  dass  auch  die  socialen 
/ustäiide  in  die  vollste  Gähning  geriethen.  Mau  versetze  sich  nur  in 
die  \a\^o  der  erstem  muhaminedanischen  (tenieinde,  die  sich  in  Me- 
diiia  um  den  Pidphc^ten  allmähli«  sammelte.  Kr  musste  frtr  sie  sorgeiL 
So  bildete  sieh  die  Sitte  aus.  dass  von  dem  Staatseinkommen,  wie  Beute, 
AruK-ntaxe  und  freiwilligen  Beiträiren,  allgemeine  Veilheilungcn  an  da» 
Volk  vorgenounnen  wurden.  Diese  Kinriclitung  blieb  auch  in  dex  Folge 
bestehen,  als  sieh  durch  fortgt»setzte  Kro])erungen  und  durch  die  Auf- 
legung von  Koj^fzins  und  (irun(Nt<'iu»r  in  den  unterjochten  iJ&ndern 
(las  Kinkonunen  unendlich  steigtMte. 

Sowie  neben  Christus  der  gröss*Te  Paulus,  neigen  Luther  der 
grössere  ^lelanchthon  auftaucht .  die  als  geistige  (irttnder  der  neuen 
Lehren  zu  l»etrachten  sind,  so  erscheint  neben  Muhammed  gevrisser- 
massen  der  gi'^issere  Omar,  lioi  diesem  trat  alier  das  nationale 
Llement  scliaif  in  den  ^■ordergrund.  Vor  Allem  Araber  wollte  Omar 
die  IIon*schaft  an  Andren  f(>sseln  und  darum  zunächst  seine  nationale 
und  religiöse  Kinheit  sichcTu.  Für  ihn  gab  es  niu*  P^n  herrschendes 
Volk,  die  Aniber.  Alle  anderen  Völker  sollten  diesem  unterworfen 
sein.  Aus  diesem  Gesichtsi)nncte  erklären  sich  auch  andere  Verfüg- 
ungen d(\sM'lben:  so  das  Verbot  t'iir  die  iMoslimen,  sich  fremder  Sprachen 
zu  bedienen,  das  entgegenges(>tzte,  dass  die  Christen  nicht  arabiflck 
lesen  lernen,  sich  nicht  der  ambischen  Schrift  Ix^diencn  sollten,  andi 
<lie  Anordnung  (hr  Austreibung  aller  Andei*sghiubigen  aus  Arabien. 
Ks  lag  nicht  in  der  Absicht  der  siegi'eicheu  Moslimen,  die  unteijoditen 
Völker  sich  zu  assiniiliren,  sondern  im  (legentheil  die  Scheidewand 
zwisch(*n  (iläubigen  und  Ungliiubigen  mögliclist  si'harf  zu  ziehen  and 
strenge  einzuhalten.  Ja,  mu  die  Amber  als  hen*schcnde  Kriegskaste 
möglichst  unvennischt  zu  erhalten,  traf  Omai*  eine  weitere  wichtige 
Anordnung.  Er  verbot  nümlich  auf  strengste  den  Ambern,  in  den 
eroWi-ten  Lündern,  ausserhalb  Arabien,  (irundbesitz  zu  erwerben  und 
Ackerbau  zu  treilH>n.  Omar,  der  die  Idee  ed'asste,  den  Islam  lur 
\Veltreligi<m  zu  machen,  kam,  (Li  kein  einziges  Volk,  keine  einzige 
(T(;meindt>  ausserhalb  Arabien  seiner  Fiinladung,  den  IsKim  anzunehmen» 
ents])i-ach .  zu  dem  Schlüsse,  (Lis>  (h'U  Arabern  dei*  IJenif  zufalle,  den 
Islam  siegreich  zu  machen.  Kin  "Weltreich  erobern  konnte  er  jedoch 
unm(")glich  mit  der  (hunaligen  Organisation  seiner  Krieger,  die  sich 
nicht  viel  von  orgaiüsirten  liäuberliandcn  untei*schied,  keinesfidUs  ttber 
die  rohesten  Anfjinge  eini's  Milizsystems  (»rhob.  Arabien  sollte  fOirder- 
liin  ausschliesslich  die  Tflanzstätte  der  moslim'schen  "Wehrkraft  werden 
lind  diese  in  stehenden  Heeren  zur  Verwendung  gelangen.  Er 
ftdirte  dessbalb  die  7a(/////f/-l>ildung  stehendei'  liwre  sowie  Tadwifn, 
(iehaltsvertbeilung.  ein  uiul  legte  dadurch  die  (trundlage  zn 
♦'inem  dauernden  Staat. 

rnwillkürlirh  diängt  sich  die  Betrachtung  auf,  wie  die  Grttndnng 
der  Staaten  mit  der  Ausbildung  der  Welu-kraft  zusammenh&ngt  und 
die  r>oberung  zugleich  die  grossen  E|)0chen  in  der  Reform  des  Heer- 
weseiLs  bezeidnu't.  Nebst  der  Raublust  bei  niedrigen  Völkern,  ver- 
anlasst uuMst  der  iiLstinctmitssige  Tri(>h   mich  Ausdehnung   nnd  Macht- 


DI«  patUrehAltoek«  Z«tt  de«  OlMllfAt».  127 

erweiteniiiit  die  Krobemngslust,  die  Eroberung.  Diesem  Triebe  7.n 
feraflgen,  »i  eine  Umgestaltnng  dos  Heerweflens  meistens  erforderlich; 
«o  Ring  in  Rom  die  Reform  des  C'amiUus  der  eigentlichen  kriegerischen 
Feriode  der  Republik  voran;  die  stehenden  Heere  als  eine  vollendetere 
denn  die  bisherigen  Organisationen,  wai-en  natürlich  noch  geeigneten*, 
noch  zweckdienlichere  Instrumente  und  entstanden,  so  oft.  das  Bedürf- 
ü»  ncfa  darnach  einstellte.  Sehr  erklärlich,  dass  die  stehenden  Heere 
Bit  scheelen  Augen  von  allen  »Ionen  angesehen  werden,  denen  Erober- 
nngen  ein  (irftuel  sind.  Die  stehenden  Heere  des  Omar  dürfen  wir 
Ott»  indes»  nicht  so  vorsteUen  wie  die  heutigen;  sie  bestanden  noch 
immer  nicht  ans  Soldaten  in  unserem  Sinn«*.  Er  befahl  den  Kriegern, 
welcbe  Habykinien  erobert  hatten,  ausserhalb  der  (irenze  Arabiens 
aber  doch  möglichst  nahe  bei  der  Wüste  zwei  stehende  I>ager  zu 
crriditen.  welche  in  kurzer  Zeit  zu  lilühenden  reichen  Städten  (ßassora 
■nd  Kufii)  heranwuchsen.  Es  waren  dies  zwei  stehende  Armeen,  und 
et  fßh  iokbe  auch  in  Syrien  und  Aeg}'])ten.  Jedem  Araber  stand  es 
frei,  vidi  in  einem  solchen  liagcr  niederzulassen,  ja  es  war  OmarV 
WonfKcfa,  recht  viele  Beduinenstämme  sollten  das  Hirtenleben  mit  dem 
Waflcnhandwerke  vertauschen.  In  diesen  Ijigem  imd  Städten  waren 
die  Bewohner  immer  noch  in  Stämmen  gesondert,  hatten  ihre  Schayche, 
mnd  im  Kriegsfälle  war  die  Verptiichtung  die  Waffen  zu  ergreifen  nur 
dne  monliscbe,  welclier  nie  Alle  nachkamen.  Im  Kriegswesen  selbst 
■ftditen  die  Araber  —  erst  nach  Omar  —  M;hr  wichtige  p!Jitlehnungen 
bd  den  Fremden.  Ihre  Kam])fweise,  anfangs  ganz  die  der  arabischen 
fiedninenstämme,  änderte  sich  als  sie  die  VoiHieile  einer  besseren 
Httreioiganisation  kennen  lernten.  Die  ommaJadi.schen  (.^hal^-fen 
^u  schon  frtihe  diesem  Gegenstande  ihre  Aufmerksamkeit  ge- 
ZQ  haben  und  nahmen  bald  die  wichtigeren  Grundsätze  der 
die  Kämpfe  mit  den  Byzantinern  ihnen  1)ekannt  gewordenen 
Kriegskunst  an.  Schon  frühe  wird  das  System  der  be- 
fcgtigten  l^ager  eingeführt.  Wie  die  Römer  schlugen  die  arabischen 
Fcftdherren  nach  jedem  Tagesmarsche  förmliche  I^er  auf,  mit  Wall 
■nd  Graben  und  zwei  oder  \ier  Thoren.  Ursprünglich  fochten  sie  in 
Limenftirmation,  s]iäter  in  compacten  Trup]>enkörpi*rn.  Ursprünglich, 
wie  erwähnt,  nach  den  Stämmen  eingetheilt,  organisirte  man  später 
die  Trappen  in  Neil»(tändige  (!orps.  Noch  deutlicher  tritt  der  römische 
KindnM  bei  den  Behigeningsmaschinen  hervor,  denn  diese  waren  bei 
dem  Arabern  wie  liei  den  Römern  Ballisten.  Katapulten,  Wi<lder  und 
SdiMkröten.  M 

Nicht  bkw  auf  mihtärischem  Gebiete  machten  sich  fremde  Ein- 
wirlningen  fühlbar,  auch  auf  die  staatlichen  Verhältnisse  und  bürger- 
lichen ZoKtändc  übten  die  Schöpfungen  früherer  (■ultur]>erioden  einen 
nnckhaltigen  Einfluss,  obwohl  auch  liier  der  arabische,  d.  h.  semitische 
^■cwt  nellMitthitig  und  schöpferisch  sich  geltend  machte.  Omar's 
commnnistisch-demokratische  Staatseinrichtung  auf  theo* 
kratif»cher    Grundlage    int    gewiss     eine    der     merkwürdi((sten 

*>  Kr«s«r,  Cmltmfjߧ^§IUekt§  de^OHtmit  1.    8.  91(1.  Üil. 


128  Der  Orient  und  der    Isl&m. 

Ersclieinungen  der  Geschichte.  Das  ganze  Alterthum  hat  nichts  damit 
/u  vcrgleiciien.  Aber  trotz  dieser  Unabhängigkeit  Omar's  in  seiner 
staatlichen  Oi'ganisation  von  allem  früher  Dagewesenen  nahm  er  für 
(dnzelne  Zweige  des  Stautswt^sens  eine  Menge  persischer  und  byzan- 
tinischer Einnchtungen  an,  so  z.  B.  das  MUnzwesen,  die  administrativ* 
politische  Eintheiluiig  der  Provinzen,  das  Besteueningssystem.  Die 
Vor möi^ensst euer,  auch  Anueutaxe  genaiuit,  weil  der  Ertrag  ursin*üng- 
lich  an  die  mittellosen  Moslims  vfrtheilt  werden  sollte,  bestand  schon 
im  höchsten  Altort humo  1x4  den  Kanaaniten,  i^hönikem  und  Carthagem 
als  Tempelabgalw  zum  Besten  der  Priester.  Selbst  die  Bezeidinung 
für  die  Steuerämter,  sjiäter  aui  alle  Kegierungskanzleien  ausgedehnt, 
das  Wort  iJqwdn  ist  aramäisch,  indem  Omai*  dieses  in  den  eroberten 
iJindern  vorgefundcme  Institut  fortbestehen  Hess  und  seinen  Zwecken 
dienstbar  machte.  In  Medinu  war  dies  eine  Neuerung.  In  den  er- 
oberten Provinzen  des  byzjuitiuischen  und  pci-sischen  Reiches  Hessen 
die  Araber  durch  Eingeborne  di(^  Buchhaltung  in  ihren  Landesspradien 
führen,  bis  diese  unter  d<*n  Onmmjaden  dun^h  die  arabische  Amto- 
spi-ache  verdrängt  wurdtMi. 

Um  eine  angemessene  Vertheilung  der  Einkünfte,  die  als  ein 
Gesammteigenthum  der  Moslimen  galten,  zu  eiTiielen,  ordnete  Omar  L 
nach  giiechischem  Vorbilde  einen  allgemeinen  Ccnsus  an.  Wir  stehen 
hier  vor  einer  der  eigenthümlichsten  Erscheinungen.  Denn  hatte  bisher 
jeder  solche  Census  nm*  den  Zweck  gehabt,  schwere  Auflagen  nnd 
Steuern  einzuführen,  so  gewährte  der  von  Omar  eingeführte  alkm 
Jtmen,  die  zum  (joran  sich  bekannten,  aus  dem  Staatseinkommen  den 
nach  den  damals  heri'schenden  Ansichten  als  Uecht  ihnen  gebührenden 
Antheil.  Ks  ist  ük^iilüssig,  zu  erört(Tn,  welchen  Eindruck  auf  die 
Massen,  welche  Anziehungski*aft  diese  Politik  ausüben  musste.  Der 
religiöse  Enthusiasmus  mag  im  Beginn  des  Islams  viel  zur  Befestigang 
der  neuen  liehgion  beigetragen  haben,  aber  der  sichere  Grewinn  nn 
Geld  und  (rut,  den  Omar  den  (rläubigen  zuwendete,  hat  gewiss  den 
grössten  Antheil  an  der  riesigen  und  unaufhaltsam  raschen  Verfareitun| 
der  Religion  ]VIu}iannu(xls  so  ^ie  an  dem  fabelhaft  schnellen  Anwncfasen 
des  Staatswesens.  Die  unterjochten  Völker  mussten  säen  nnd  arbeiten. 
Die  Moslimen  ernt(^ten,  genossen  und  triel>en  nur  das  edie  Kriegs- 
handwerk. J(Mie  zahlten  Kopf-  und  Grundsteuer  und  mussten  nock 
NaturallieferungcMi  leisten.  Die  Moslims  aber  entrichteten  2  7t  Proocnt 
Vermögenssteuer  iflie  iVi'numtaxcM.  eine  Grundsteuer  von  10  Procent, 
erhielten  jimIocIi  dafür  vom  Staate  nebst  vi<^r  Fünfteln  der  Kriegsbeute 
noch  fixe  Jahresdodationen. 

Durch  die  Zuweisung  von  Gehalten  an  die  I^amteu  und  die  Er- 
nennung von  Richtern  begrthidete  Omar  eine  freilich  der  weiteren 
Ausbildung  noch  sein*  bedürftige  Administration  und  Rechtspflege.  Eine 
der  wichtigsten  administnitiven  Massregeln  Omars  war  die  Vermeasuig 
I^byloniens  zum  Behufe  einer  glcichmüssigen  Besteuerung,  wobei  nidif 
blos  auf  den  Flächenraum,  sondern  auch  auf  die  Qualität  des  Bodew 
liücksicht  genommen  wiu*de.  Durch  die  Herabsetzung  des  Zolles  nnd 
die  Eröffnung  des  Suez-Canals  sucht«  er  die  Einfuhr  gewisser  Gattungen 


Dm  arabUdi«  CUwtolweMiL  129 

Cnrealien  zu  ftVrdern,  weldie  Ai*abien  nicht  in  genügender  Menge  her- 
▼orbnuslite. 

Mit  dem  Regierungsantritte  Osmäns,  des  dritten  Chalyfen,  kam 
eine  andere  Partei  ans  Ruder.  Eitel  und  schwach,  wie  er  war,  stand 
er  Aber  alle  Massen  unter  dem  Einflüsse  seiner  mekkanischcn  Ver- 
wandten, der  Ommi^en,  die  er  in  jeder  Art  bereicherte,  aus  deren 
ICtte  er  hat  alle  einfiussreichen  und  einträglichen  Posten,  besonders 
die  Statthalterschaften  besetzte.  Was  die  moderne  Sprachweise  Nepo- 
tismii«,  Verwandtengunst  nennt,  und  wogegen  so  viel  vorgebracht  wird, 
obgieicfa  es  in  der  menschlichen  Natur  begründet  ist,  galt  den  Arabern 
■laüidi  immer  als  etwas  ganz  Selbstverständliches,  ja  als  eine  durch  die 
Hefli^eit  der  FamüienlKUide  auferlegte  moralische  Verpflichtung.  Die 
Terwandten  und  Anhänger  des  Chalyfen  befieinden  sich  daher  natürlich 
aof  den  wichtigsten  und  einträglichsten  Posten  des  Staates.  Indem  er  aber 
lanahraBweiBe  hohe  Dotationen  zum  Besten  seiner  Verwandten  bewilligte, 
»rlrtd^elte  Osmän  das  System  der  Jahresdotationen. ')  Ebenso  machte 
ff  lahlreidie  Ausnahmen  von  dem  durch  Omar  mit  so  viel  Energie 
zn  Rogienuigsgrundsatze  erhobenen  Gesetze  der  Ausschliessung  der 
MmKww  vom  Grundbesitze  in  den  eroberten  Ländern.  Sein  Vetter, 
MoAwija,  der  Statthalter  von  Damascus  und  spätere  Chalyf,  bewog  ihn, 
ihn  die  Knmdomainen  in  Syrien  zu  übertragen,  die  bisher  für  National- 
d^entlram  der  Moalims  gegolten  hatten  und  nunmehr  denselben  dauernd 
entzogen  wurden. 

Das  arabische  Cllentelwesen. 

Ton  einschneidender  Wichtigkeit  für  die  ganze  Geschichte  des 
Ckaiyfits  gestaltete  sich  bald  der  im  staatlichen  Leben  zu  praktischer 
(icitnng  gelangende  Unterschied  zwischen  Vollblut-  und  Halbarabem, 
d.  k  zwischen  wirklichen  Arabern  und  jenen  Besiegten,  welche  den 
Ulm  angenommen  hatten.  Die  Wirkungen  der  ctlinischen  Unter- 
•ckiede  treten  dabei,  wie  überall  so  auch  hier,  mit  auffallender 
hervor.  LedigUch  auf  diesen  entwickelte  sich  ein  Gientel- 
wekhi^  mit  dem  fiist  gleichzeitig  in  Kuropa  aufkommenden 
Fendaiisains  und  Lehenswesen  die  überraschendste  Aehnlichkeit  besitzt. 
Wir  gewinnen  daraas  die  Lehre,  dxiss  weder  Kirche  noch  Absolutismus 
bei  ons  diesen  Zustand  in's  Leben  riefen,  sondern,  dass  der  Feuda- 
ii«ani8  eine  allgemeine  culturelle  Erscheinung  sei,  der  sich 
bei  den  verschiedensten  Völkern  von  selbst  entwickelt.    ) 

Der  kriegerische  Uebermuth  der  Moslims,  welche  die  Bewohner 
dw  eroberten  Länder  —  gerade  wie  die  Alten  —  als  Heloten  be- 
haadc-lten  and  mit  Leistungen  aller  Art  auf  da»  Drückendste  über- 
bardcten,    die    strenge,     unerbittliche    Regierungs{K)litik    des    zweiten 


't  Kf«M«f,  A  a.  o.  I    B.  itrv. 

•>  A.  a.  O.    I.    S.  10». 
«.  B«11«*U,  CalUrg«MU«kU.    S.  A«i.    IL  9 


130  Der  Orient  und  der  IslAm. 

C]iaI}'fon,  der  den  Arabern  den  Grundbesitz  und  Ackerbau  streng 
vfrbot,  um  sie  ausscliliessiicli  dem  Kriej^sbandwerke  zu  erhalten,  hatten 
auch  liier  wie  anderswo  massenhaften  Uebertritt  zum  Islam  zur  Folge, 
wobei  sicher  Viele  nui*  d(;n  änsserlichen  Schein  wahrten.  Vjele  der 
alt^^n  l^ndeseinwobner  wurden  l>ei  der  llroberung  auch  als  Sdavca 
verkauft  und  erhielten  s])ät(T,  hatten  sie  sich  zum  Islam  bekehrt,  die 
Fn;ih(nt,  wodurch  si(>  zu  ihren  früheren  Herren  in  dam  (?lientclvcrhältms8 
traten.  Nun  verbleiben  al>er  nach  arabischer  Rechtsaufüassung  die 
Nachkommen  eines  Client en  in  demselben  Verhältnisse  zu  den  Nach- 
konunen  d(*s  Patrons  und  man  l)e^reift  dalier,  wie  rasch  die  Bildung 
einer  Halbkaste  von  alten  Landeseingcborncn,  die  zu  den 
arabischen  Eroberern  im  Clientel Verhältnisse  standen,  vor  sich  gehen 
nmsste.  So  Standern  sich  in  den  erol)erten  Provinzen  des  ehemaligen 
persischen  Reich(*s  folgende  Kasten  gegen(ll)er:  1.  die  arabischen  £r- 
ol>erer  und  deren  Niichkommen;  2.  die  Nemnusclmänncr,  d.  L  die 
neubekehilen  alten  I^ndeseingel)ornen  und  (/licnten;  3.  die  nicht- 
nudiammt^danische  Ikvölkerung.  I^etztere  war,  wenn  nicht  besondere 
('a])ituIationen  sie  schützten,  nahezu  rechtlos  und  musste  arbeiten  und 
zahlen,  um  die  Kosten  (h^s  neuen  Staates,  namentlich  des  Heeres  la 
iK^streiten.  Die  communistische  Demokratie  Oinar's  cxistute  also  nnr 
fUr  die  Moslinrs,  nicht  für  das  eigentliche  Volk;  ganz  in  dar 
nämlichen  Weise  existirten  die  Demokratien  der  Hellenen  und  der 
römis(;lien  lle])ub]ik  nur  für  die  Büi*ger,  nicht  für  die  in  Griechenland 
wenigstens  die  Majorität  iler  Hevölkerung  ausmachenden  Sciaven.  Die 
alt<^ernuuiischc  Freihciit  war  auf  die  An^eliörigen  germanischen  Stammes 
bes(rhränkt,  die  unterworfiuien  Völker  in  Britannien,  Gallien,  Spanien 
und  Italien  hatten  keinen  Antheil  daran.  Uebcrall  jedoch  bildeten  die 
rechtlosen,  unterdrücktc^n ,  im  Verhältnisse  der  Unterjochung  Lebenden 
die  üb(»rwiej(ende  Mehrzahl  der  Hevölkemng,  oder  mit  anderen  Woiten, 
die  angebliche  Demokratie  war  genau  genoimncn  eine  drQdcende 
Aristokratie.  Ich  glaube  für  Ilclhts,  Rom  und  die  Germanen  gexeigt 
zu  haben,  wie  diesem  üln^rall  wiederk(;hrenden  Unter-  nnd  Ueber- 
or(lnungsverhältniss(^  stets  ein  nationaler  Unterschied,  d.  h.  ein  eth- 
nisches Moni  (Mit  zu  (ininde  lag.  Omar's  connnunistisch-demoknilisclie 
(irundsät/e  versuchten  zuerst  von  dxvmn  nationalen  Schranken  abzusehen 
und  an  deren  Stelle  jen«*  d(T  Heligi(m  zu  setzen,  denn  ihnen  zniblge 
sollen  alle  Muselmänner  gl(Mchbei («chtigt  sein  und  gleichen  An- 
s])nich  auf  di(^  Vertheilung  des  Staatseinkommens  hal)cn,  a]so  andi 
die  NeulM'kehrten  und  dienten  freni'ler  Nationahtät  ganz  dieselben 
Rechte  g<»ni(?ss('n  wi(»  die  Vollblut-Araber. 

Ks  gibt  al>er  vielleii^ht  kein  zweites  Volk,  das  mit  einem  » 
ausgesprochenen  rnabhinmij^keitssinne  wie  die  Araber  auch  so  viel 
a  r  i  s  t  o  k  r  a  t  i  s  c  h  e  s  S  e  1  b  s  t  g  e  f  ü  h  1  und  so  viel  Exclusivität 
^e^Mi|)Q))(.)-  ti(.n  FnMuden  verbindet.  Wer  nun  lediglich  auf  den  Blicb- 
stalH>n  der  inosIimisc.JKMi  Sat/ungen  hin  und  ohne  Berücksichtigung 
di(>s(>s  cthnologisclieii  Merkmal(>s  ein  (iemäkle  der  islamitischen  Gnltiir 
entwirft,  üciert  ein  vollkoinm-'nes  Zerrbild;  denn  nichts  ist 
irriger  als,    dass   die   Kigenart    der   Völker  am   besten  ans  ihren 


Dm  anblMh«  ClUnielweMo. 


131 


Gesetzen  zu  erkennen  sei  ^)  In  der  That,  die  arabischen  Krieger 
and  ihre  Nachkommen  konnten  sich  nicht  in  den  Gedanken  finden, 
dass  der  Uebertritt  zum  Isläm  den  Fremdgebornen  zu  allen 
Rechten  des  echten  Arabers  erhöhe.  Immer  l>eti'achteten  sich  die 
Araber  ak  die  herrschende  Nation,  berufen  über  die  fremden  Völker, 
die  Barliaren  zu  gebieten.  Und  als  Muluunmed  alle  Moslimcu  für 
gleich  und  alle  Unterschiede  des  Heidenthums  für  aufg(»hoben  erklärte, 
dachte  er  sicher  nicht  daran,  dass  der  Islam  einst  auch  Nichtaraber 
onnfinääcn  werde.  *)  Man  sieht  daraus,  von  welch*  unermesslichcr  IJe- 
deutung  das  ethnologische  Moment  ist,  wie  lächerlich  die  Ijehren  Jener, 
die  dasselbe  missachten,  wie  fruchtlos  in  der  Praxis  die  Bestrebungen 
dea^Gesetzgebers,  des  politischen  wie  des  religiösen,  der  sich  in  der 
Theorie  darüber  hinwegsetzen  zu  dürfen  wähnt  Sollte  nach  Omar*8 
Ideen  der  Isl&m  allein  die  Grenzen  seiner  demokratischen  Aristokratie 
hiUcn,  90  blieb  diese  in  Wahrheit  auf  das  Nationalaraberthum 
beschriknkt 

Die  Clienten,  d.  h.  die  muhammedanischen  Nichtaraber  glaubten 
aber  ihren<eits  ein  um  so  grösseres  Recht  auf  volle  Gleichstellung  zu 
besitzen,  als  s  i  e  es  waren,  die  mit  grosser  Rührigkeit  sich  geraile  jenen 
gelehrten  Stadien  widmeten,  die  damals  das  höchste  Ansehen  genossen, 
■imlich  der  Qoränlesung,  Exegese,  Traditiouskunde  und  Rechtswissen- 
ubaft.  Fast  sdieint  es,  dass  diese  wissenschaftlichea  Studien  in  den 
enten  zwd  Jahrhunderten,  also  mehr  als  die  ganze  Ommajaden-Zeit 
hindurch,  vorwiegend  von  CUenten,  nämlich  von  Nichtarabern  be- 
trieben worden;  was  sehr  begreiflich  ist,  wenn  man  die  Beduinenrohheit 
der  Araber  in  den  Anfangszeiten  bedenkt  Aus  der  Clienten  Mitte 
ergänzte  sich  der  Gelehrtenstand,  und  je  mehr  er  sich  allmählig  aus- 
bOdece,  desto  grösser  ward  auch  der  Kintiuss  der  Clienten  und  desto 
Mhwerer  fühlte  man  in  diesen  Kreisen  die  Unterordnung  unter  die 
hemcbende  Kaste  der  Nachkommen  der  Eroberer.  Zugleich  al)er  ahnt 
■an.  wie  die  Blütho  des  arabischen  Wissens  fremden,  zunächst 
per^ihchen  Ursprunges  ist 

Die  sociale  Verfossung  des  alten  SaÄsanidonrciclios  war  fiu<t  ganz 
ft-odal;  ein  grosser,  grundbesitzemler  Erbadel,  die  Dthlans,  bildeten 
die  Mittelstufe  zwischen  König  und  Volk.  Dirsor  Feudaladcl  rottete 
die  Trümmer  seiner  alten  Mactht  diu-ch  rcHihtzeitigi'n  UobfTtritt  zum 
L4ini  und  gewann  Imld  Eintiuss  und  R(uchtliuni^  indem  er  das  einträg- 
bt-hf'  Gi'schiUt  der  Steuoreiidielmng  in  die  Hände  Iw^kain.  In  Biibylonien 
«<#lmt4*  4*ine  dii^hte,  ackerkiutreilnrnde,  tieissige  He\ölkening  und  iH'stand 
rin  nnWT  iKi^ischer  Herrschaft  sehr  entwickeltis  System  der  Canalisation 

*i  Dt«««r  0«Mriop!«t>  i^t  tcbUigead  widerlegt  worden  vom  Lcydener  Profc^nnr  J. 
C  Gp«4«ait  in  Mioer  Omtio  äit  »arUf  eau»i»  quibmn  ßt ,  ut  popuforum  legt»  oh  forum 
mm*%tm»  ditreptmt.  Liigd.  Ratar.  1871.  8*  Htoherlieh  ^ind  die  Oo4etze  im  AllgemeineB 
wokl  der  Avfldrmek  de«  VolkMwiUen«,  tllein  nur  für  die  Kpocbe  ihreit  Kat- 
et«ktat,  kciaaewef«  *b«r  logleiek  der  treue  Spiegel  der  Volk^ent  wick  1  ung.  denn 
s*«bt<f*c^«  UrtAcken  verAolaMen  ein  Mi4tverbäUni4s  cwi-tchon  der  lte4cU;ebung  und 
i'%  Mtiea  eiset  Volke«,  da«  bkuflg  deucrnd  rrbAÜen  werden  liann. 

*    K  reise  r.  9ii9i/»SLgt.     8.  IJ  -16. 


132  D«r  Orient  ond  der  ItlAm. 

und  Bewässerung,  welches  den  Ertrag  des  Bodens  verzebn&dito.  Diesen 
ergiebigen  I^andstrich  bezeichnen  die  Araber  unter  dem  Namen  Sawdd, 
und  musston  dessen  Einwohner  Grundsteuer  und  Kopftaxe  zahlen. 
letztere  ward  jedocli  nur  von  den  männlichen  Individuen  mannbaren 
Altei*s  eingehoben.  Wenn  ^ir  veniehmea,  dass  es  solcher  Steuerpflich- 
tigen damals  500,000  gab,  so  kann  man  sich  einen  annähernden  Begriff 
von  der  Stärke  der  Volksmenge  machen,  die  unter  dem  unumschränkten 
Machtgebot  der  Eroberer  stand,  deren  Zalil  wohl  kaum  200,000  Über- 
stieg, I)  also  eine  immense  Minorität  bildete.  War  nun  die  Besteuening 
an  sich  nicht  sehr  drückend,  so  wurden  die  Steuern  doch  sehr  will* 
kürlich  eingelioben  und  die  Eingebomen  mit  Naturallieferungen  an  die 
durchziehenden  Truppen  überbürdet;  so  war  es  in  Aegypten,  Syrien 
und  wohl  auch  in  Iraq.  Ausserdem  hatte  die  Rtgah  die  Canile, 
Dämme  und  Brücken  in  gutem  Zustande  zu  erhalten  und  vennuthhch 
auch  für  andere  Regierungszwecke  lYohnarbeiten  zu  liefern.  Es  ent* 
wickelte  sich  demnach  im  Orient  ein  Verhält  niss,  welches  zwar  keine 
Sclaverei,  aber  mit  der  Leibeigenschaft  im  christhchen  Europa,  auf 
welchem  damals  ,.die  tiefste  Geistesnacht  lastete",  die  allergrOsste 
Aehnlichkeit  besass.  Schlimmer  ward  es  noch  als  die  von  jeder  Ri^jah* 
Gemeinde  zu  entrichtende  Grundsteuer  als  unveränderliche  Pansdial- 
summe  angesehen  ward,  die  sich  nicht  vermindern  durfte,  wenn  auch 
die  Kopf/iihl  der  Gemeinde  abnahm,  und  es  ist  zweifellos,  dass  eine 
solche  Abnahme  sehr  rasch  eintrat  und  progressiv  stieg.  Viele  entlegen 
sich  der  FremdheiTsohaft  durch  Flucht  und  Auswanderung,  viele  traten 
zum  Islum  über,  woduich  sie  vom  Steuerzahlen  hätten  befreit  idn 
sollen.  Um  jedoch  eine  zu  empfindliche  Abnahme  des  Staatseinkommau 
zu  verhindern,  hielt  man  die  Neumusehnänner  an,  die  Kopfsteuer  fort 
zu  entrichten  und  liess  sie  nie  oder  nur  unregelmässig  zur  Betheiligung 
mit  fixen  Jahresdotationeu  zu,  die  man  blos  den  echten  Arabern 
gewährte;  als  dann  die  alte  ai-istoki-atische  Partei  von  Mekka  die 
Regierung  in  die  Hand  l>ekam.  fielen  die  grössten  Uebergriffe  vor;  die 
alten  Moslims  erwarlK^n  (irundeigenthum,  die  Neubekehrten  behielten 
das  Hinge,  mussten  aber  Grundsteuer  und  Kopftaxe  entrichten,  wfthrend 
von  den  VoIIblutni-abern  nur  die  Einkommensteuer  (Zehcnt)  eingehoben 
ward.  So  gelangt  denn  der  nationale  Unterschied  selbst .  im  Steuer" 
wosen  zum  bedeutsamen  Auwlnick;  alte  Nachrichten  über  die  Steliung 
der  Clionton  zeigen  übrigens  miwiderleglich,  wie  dieselben  von  den 
Arabern  als  ein<>  untei^georduete  Race  behandelt  wurden.  Ich  hebe  nnr 
Einen  Zug  hervor,  der  sie  den  Leil)eigenen  der  Cluistenheit  völlig  zur 
Seite  stellt,  und  am  l>esten  den  Inlhuni  entkiilftet,  es  sei  dieses  Institut 
ein  "Werk  der  christlichen  Gesellschaft  oder  gar  der  Kirche  gewesen. 
Wollte  Jeman<l  nämlich  im  Orient  um  die  Tochter  eines  Clienten  an- 
halten, so  (lnrft(;  er  sich  nicht  an  den  Vater  oder  Bruder  des  Mädchens 
wenden,  sondern  musste  bei  ihrem  Schutzherm  um  ihre  Iland  bitten 
und  dieser  bewilligte  ihm  die  Heirat,   wenn  sie  ihm  gefiel,  oder 


*)  Krem«r.    A.  ».  O.    8.  17^19. 


Dm  ttrablteli«  Oli«Bt«lwMtB.  133 

sie  zurOdL  Sdiloes  hingegen  der  Vater  oder  Bmder  des  M&dchens  die 
Heirml  ab,  so  galt  sie  für  null  und  nichtig,  und  war  selbst  schon  die 
Ehe  vollzogen,  so  galt  dies  als  ein&cher  Beischlaf,  nicht  als  Eheband. 
Von  hier  bis  zu  dem  berüchtigten  jus  primae  noctis  ist  aber  nur  ein 
geringer  Schritt;  übrigens  dürfte  auch  im  Oriente  manche  Schöne  un- 
freiwillig genug  die  Haremsbevölkerung  vermehrt  haben.  Bekanntlich 
durften  sich  die  Leibeigenen  der  christlichen  Staaten  ebenfalls  nicht 
ohne  ausdrückliche  Zustimmung  ihrer  Herren  verheirathen.  Wer  nun 
in  den  düsteren  Farben  die  Culturzustftnde  des  werdenden  Europa  malt, 
bitte  wohl  die  unabweishche  Pflicht  in  gleichem  Tone  das  Oemälde  des  Islams 
zu  halten  und  absolut  identische  Erscheinungen  nicht  zu  verschweigen. 
Sinnlos  ist  die  Betraditung  „der  Muhammcdanismus  habe  den  Grund- 
satz der  reditlichen  und  bürgerlichen  Gleichheit  aller  Menschen,  sofern 
ne  »dl  zu  den  Lehren  des  Qor&n  bekannten  verkündet  und  dies  in 
derselbea  Periode,  in  welcher  unter  den  Christen  das  Feudalwesen  mit 
Kiner  Unfreiheit  der  Menschen  wie  des  Bodens  einen  heillosen  Stände- 
«Btersdiied  schuf  und  die  büi^erlichen  und  politischen  Verhältnisse  von 
dar  Wnrzd  aus  verdarb.^  Verkündet  hatte  das  Christen! hum  die 
^eidiheit  aller  Menschen,  nicht  nur,  wie  es  der  engherzige  Qorän 
that,  sofern  sie  Christen  wurden;  durchgeführt  hat  sie  aber  der 
IilAm  ebensowenig  als  das  Christenthum.  Ganz  zu  gleicher  Zeit 
teaciite  er  dem  Orient  Zustände,  die  mit  jenen  des  Fcudalwesens  die 
voOendetste  Aehnlichkeit  besitzen,  die  Menschen  und  den  Boden 
terknediteten,  denn  bald  galt  der  Satz:  das  Saw&d  ist  ein  Garten  der 
Koreisdiiten,  von  dem  sie  nehmen  können,  was  ihnen  beliebt. ')  Und 
was  die  heillosen  Ständeunterschiede  anbelangt,  so  war  nicht  dem 
Namen,  aber  der  Thatsadie  nach,  im  Islam  ein  nicht  weniger  verderb- 
fidwr  Adel  entstanden,  indem  der  echte  Araber  sich  immer  für  un- 
cadlicfa  hoher  und  edler  hielt,  als  den  neubekebrten  Perser  oder  Aramäer. 
Uad  wihne  man  nidit,  dass  die  Behandlung  der  Unfreien  eine  väterlidi 
gewesen  seL  Dem  widerstreitet  die  liohheit  der  arabischen  Er- 
Dessgleichen  war  die  Unduldsamkeit  des  Islam  durchaus  keine 
«entschieden  geringere^  als  die  der  Christen,  eine  Ansiebt,  die  stets 
oor  die  Verhältnisse  in  Spanien  berücksichtigt,  auf  das  Wutben  der 
Araber  in  Aeg]rpten,  Syrien  und  Persien  aber  total  vergisst. 

Die  erwähnten  Zustände  erweckten  natürlich  Missstimmung  zwischen 
den  Arabern  und  Neumusebnänncm  und  diese  trug  wieder  am  meisten 
za  den  fortwährenden  Au&tänden  und  Erhebungen  gegen  die  Regierung 
der  Cbaljfni  bei;  dieserhalb  und  nicht,  wie  man  uns  einreden  möchte, 
\km  der  individuellen  Uerrsdiaft  wegen,  entstanden  fort  und  fort  Spal- 
Ao&tände  und  Kriege.     Die  Sucht  nach  individueller  Herrschaft 


*>Kr«M«r,  A.  *.  O.  8.10.  yL%^ou^i  ^  Ut  PruiHtt  i'or.  T«xi$  tt  trm4n«Hm 
pme  C.  B»f¥i«r  d«]i«yB*rd.  Pari»  1865.  IV.  Bd.  b.  'i6'i:  .On  raeemtait  t»§U} 
fmeempm^r  Ut  »/#v«  #r  d'ap^tr  dit  m  4erü  ^  Otmam  qu»  U  Saiead  itait  la  pr^pri/tS  4— 
jr«rvlrMf#«.    Mi-Afikt^,  dcmi  h  wrai  mm  ftt  Jtalik,  JU»  ifehHargt  ^n-Sokkäpi,  M  ßi  4— 

kr»  ä  eH  fpmri :  ^Crüi*-4m  4»nCt  Imi  dtt-tt,  fu'un  po^$  plac4  fr  Dttm  d  r^mhrt  d§ 
•f  fMi«  fa  fr^imtim  d§  «m  Imme—  m'^wi  fw'iMi  jmrdin  ptmr  ipt  H  tm  tH¥m*' 


134  Der  Orient  und  der  IslAm* 

Ycrsclmldete  freilich  auch  viel,  denn  das  Chaly&t  war  anfängüdi  ein 
Wahlkönigthum.  Bekanntlich  pflegt  man  als  Nachtheil  der  £rbiiio- 
niirchien  anzugeben,  dass  sehr  oft  die  Erbfolge  keineswegs  blos  mittel- 
bogabte,  sondern  selbst  ganz  unfähige  und  unwOrdigc  Menschen  aaf 
den  Thron  bringe.  Die  Geschichte  der  Wahlreiche,  einer  geringeren 
C'ultuistufe  angehörig,  lehrt,  dass  auch  die  „Wahl"  diesen  Nachtheil 
nicht  zu  beseitigen  vermag;  ein  gleiches  zeigt  die  Geschichte  der  Re- 
publiken, wo  das  Volksvotum  nur  zu  oft  walire  Scheusale  an  die  Spitze 
des  Staates  beruft  oder  doch,  wie  beispielsweise  seit  einer  Reihe  von 
Jahren  in  den  Vereinigten  Staaten,  die  Verwaltung  der  meisten  Aemter 
in  die  Hände  von  unfähigen  und  wenig  gewissenhaften  Mftnnem  legt 
Kein  Wunder  daher,  dass  auch  im  Chaly&te  höchst  untaugliche  Indi- 
>iduen  den  Thron  bestiegen,  der  dort,  wie  tiberall  die  Bekleidung  mit 
der  höchsten  erreichbareu  Würde,  seinen  Zauber  übte  und  Mandien 
die  Iland  darnach  auszustrecken  verlockte.  Dies  dauerte  ancfa  fori, 
nachdem  die  Onmiajaden  die  Chalyfenwürde  in  ihrer  Familie  erbUch 
gemacht  hatten ;  auch  jetzt  kamen  Unfähige  auf  den  Thron,  auch  jetzt 
gob  es  „Prätendenten",  die  mitunter  blutige  Aufstände  hervorriefen. 
I.);iran  trägt,  indess  die  monarchische  Regienmgsform  so  wenig  Sefaidd, 
dass  in  der  Jetztzeit  die  Menschen  in  republikanischen  Staaten  Sttd- 
mnenca's  sich  dafüi*  heiimischlagen,  ob  Dieser  oder  Jener  für  die 
nächstcu  Pa^r  Jahre,  oft  nur  Monate,  l^räsident  sein  solle.  Allerdings 
vtrstelit  es  jede  solche  Part(»i,  die  Personenfrage  in  den  Hintergrund 
zu  ib'ängen  und  ein  scliönklingendes  Schlagwort  auf  ihr  Banner  ra 
heften.  Der  ganze  Untersclued  zwischen  den  Prätendenten  in  Repu- 
bliken und  in  Monarchien  ist  aber,  beim  Lichte  besehen,  d^,  dass  die 
ei-steren  angeblich  „für  die  Freiheit",  die  anderen  „für  das  Recht^  la 
liäuipfen  l>eliaui)ten;  in  Wirklichkeit  lenkt  der  nackte  Egoismus  Beide, 
un<l  dem  Ciiltui-forsciier  erscheinen  sie  Ikide  gleich  natürlich,  ^eich 
beirreitiich  und  gleich  berechtigt,  oft  gleich  verderblich.  Einen  Cuhiir- 
fzewinn  begi'ündet  nur  jene  Veifassuugsfonn,  welche  sie  am  wenigsten 
ermöglicht. 


Oinniajadoii  und  Abba^itden. 

Mit  ^Vli's,  Osman's  Nachfolgers,  Ermordung  und  mit  des  Ommigaden 
Moawija  Thronbesteigung  wird  der  Charakter  der  Zeit  und  dea  neaer- 
standenen  Staatswesens  ein  wesentlich  anderer,  als  jener  der  patriar^ 
cliiilisehen  Kpoebe  (bT  \ier  ersten  Chalyfen.  In  staatlicher  HiimMit 
bezeicbnet  die  Onunajadenzeit  jene  Epoche,  in  welcher  die  mekkanisclie 
Aristoki-uti«'  di(^  höchste  (iewalt  aii  sich  reisst  und  das  weite  Reich  in 
ih'v  Art  behen-sebt,  wie  {A)vn  ein  altarabischer  Häuptling  eines  mftchtigen 
Stannnr»s  dieser  Aufjrnlx*  entsimicben  haben  würde.  Sie  stellt  demnach 
(li(*  n(!''b  rein  arabische  Epoche  dos  (lialyfates  dar  und  dürfen  wir  ans 
in  derselben  die  arabische  Gesittung  noch  nicht  auf  gar  hoher  Stofe 
d(Miken.  Geluirt  die  patnarehalische  Periode  noch  dem  arabisdieB 
Alterthume  an,   so  stellt  die  Ommajaden-Herrschaft  etwa  das  arabisciw 


0HMj«4«a  «ad  AbbiwIdflB.  185 

er  dar;  die  höchste  Blflthe  entfaltete  die  arabische  Coltiir  erst 
n  Abbasiden,  mit  welchen  die  Residenz  von  Damascus  nach 
iranderte.     Dieses  allmählige  Aufsteigen   der  Cultur  iSsst  sich 

Zweigen  der  Staatsverwaltung  wie  des  öffentlichen  Lebens 
Den. 

^er  den  vier  ersten  Chaisen  war  Mcdina  die  Hauptstadt  des 
geblieben.  Mit  dem  Aufkommen  der  Ommajaden- Dynastie 
mascus  zur  Residenz  erhoben.  Die  Umwandlung  der  Stadt  aus 
echisch-s}Tiscben  in  eine  echt  arabische  scheint  rasch  erfolgt 
80  dass  dieselbe  schon  in  der  mittleren  Zeit  der  Ommajaden 
lit  mehr  sehr  stark  von  dem  gegenwärtigen  Charakter  unter- 
haben dürfte,  es  sei  denn  durch  die  grössere  Lebhaftigkeit 
cehres,  denn  es  war  damals  der  Sitz  eines  reichen,  verschwen- 
I  Hofbaltes  und  seines  ganzen  Trosses  von  hohen  Staatsbeamten; 
r  der  Sitz  der  Administrationen,  dann  einer  betrachtlichen 
massc  und  der  Sammelplatz  stets  neu  zuströmender  Fremden, 
mte    und    Karawanen    aus    allen   Tbeilen    des  Morgenlandes. 

bunte  MenschengetUmmcL,  das  noch  jetzt  auf  den  Bazaren  von 
B  herrscht,  muss  damals  in  weit  grösserer  Masse  die  engen 
]en  mit  den  Kaufbuden  auf  beiden  Seiten  erfüllt  haben.  Sicher 
f  schon  damals  auf  den  Bazaren  das  ül)erall  im  Oriente  be- 
System strenger  Absonderung  nach  Handwerken  und  Zünften, 
inung  der  einzelnen  Stadt theilc  durch  besondere  Pforten,  die 
il  oder  (iefahr  gesclilossen  werden. 

lererseits  lä.s.st  die  innere  Anlage  und  Eintheilung  der  meist 
m  erbauten  Häuser  und  die  zur  Ausschmückung  derselben  an- 
;e  Ornamentik  si)ätrömische  Kintlflsse  nicht  verkennen.  Als  die 
Syrien  eroberten,  hatten  sie  noch  nicht  einen  eigenen  Baustyl 
let  Wie  sie  in  Bagdad  i>ersische  Bauten  sich  zu  Vorbildern 
schl(K<en  sie  si(!h  auch  hier  zunächst  an  das  Vorgefundene  an. 

(>mmajad(*n  gestalteten  Damascus  in  einen  Aufenthalt  um, 
dcht  lierrlicher  g»»dacht  worden  kann.     Srhf)n  der  Gründer  der 

erbaute  einen  Palast,  der  von  (loid  und  Marmor  strahlte, 
k>drn  und  Wände  prächtipjo  Mosaiken  zierten  und  in  dem 
iessi'nde  Springbrunnen  Kühlung  verbreiteten,  während  henliche 
Aanzen  und  schattige  Bäume  zahllosen  Singvögeln  zum  Aufent- 
►nten.  Reich  gekleidete  Sclaven  erfüllten  diese  Räume  und  in 
T«»n  (fomächern  wohnten  die  schönsten  Frauen  der  Welt.  Auch 
le  WK'isti'n  dies<T  H(*rrs(iior  von  Damascus  lustige  Lebemänner 
■nAttliche  Zecher,    denen    di(»   unvermeidlichen  Herrschersorgen 

listig  gewonicn  sein  mögon.  Zu  diesen  gehörte  vor  Allem 
nabge  (»ebet,  das  der  Chalj'f  öffentlich  in  der  Moschee  ver- 
nojtste,  und  die  Audienzen,  die  er  als  oberster  Richter  abhielt 
man  liereits  in  grosse,  allgemeine  und  kleine  untenwhied, 

Abende  hinfliegen  gehörten  der  ges<»lligen  Unterhaltung  und 
eren  Kreise  der  durch  das  Ilarenüeben  allerdings  äusserst  zahl- 
Kamilie  ait  S*hon  damals  war  es  am  Hofe  sehr  Ix^liebt,  sich 
idc  durch  Erzählen  von  Geschichten  verkürzen  zu  lassen,  die 


18H  Der  Orient  und  der  Itlim. 

dem  beimatlichen  südarabii«chen  Sagenkreise  entnommen  waren.  Anch 
Declamatiou  von  Gedichten  und  Musik  belebten  diese  Abendgesellschaften. 
I^nge  dauei-tc  es  abcT  nicht,  so  begann  man  trotz  Qor^-Verboten  sich 
dem  Genüsse  des  Weines  zu  ergeben,  so  dass  diese  Unterhaltnngsabende 
unter  einzelnen  Herrschern  zu  reinen  Trinkgelagen  und  Orgien  aas- 
arteteu.  Denn  unter  den  späteren  Ommajaden  machte  die  an&ngs 
freiere  Stellung  der  Frauen  unter  dem  Einflüsse  der  den  Byzantinern 
nachgealnnten  Eunuchen  einer  eigentlichen  Haremswirthscbalt  Platz. 

Es  ist  der  Chal>-f  Walyd  IL,  unter  dem  diese  Umgestaltung  erfo^jte. 
^lit  seiner  pj*mordung  endet  auch  die  glückliche  Epoche  dieser  Dynastie. 
Knipöiiingeu  und  blutige  Kämpfe  verbannten  den  sorglosen  Lebensge- 
nuss  vom  Hofe  der  Ommajaden  bis  zu  ihi'em  baldigen  Ende.  Gegen- 
über den  ])atriarclialischeii  Zuständen  stellt  sich  die  Administration  der 
Ommajaden  als  ein  unverkennbarer  Fortschritt  dar;  obwohl  die  Araber, 
deren  Bildung  nach  unseren  Begiiffen  ab  überaus  ungenügend  erscheinen 
nmss,  sclum  damals,  wie  überhaupt,  seitdem  sie  mit  den  Fremden  in 
Berührung  gekommen,  an  ältere  byzantuiischc  und  persische  I^istungen 
anknüi>ften,  was  A.  v.  Kremer  bis  in  die  geringfügigsten  Details  herab 
iiaelnveist,  so  machte  sich  doch  alsbald  das  Streben  geltend,  die  einge- 
burnen  Beamten  durch  arabische  zu  ersetzen  und  fortan  arabisdie 
Spraclie  und  Schrift  zur  herrschenden  zu  machen.  So  drückten  die 
Araber  trotz  der  grossen  Licicbtigkeit,  womit  sie  von  den  firemden  Cultnr- 
völkern  so  vieles  entlehnten,  immer  den  Ländern,  die  sie  onterworfen 
hatten  und  behen*schten,  ihren  nationalen,  ganz  originalen  Stempel  aii£ 

Im  Jahre  750  n.  Chr.  wurden  die  Ommajaden  von  den  Abbasiden 
verdrängt,  welche  gar  bald  die  Residenz  des  Chalyfenreiches  von  Da- 
mascus  nach  Bagdad  verlegten.  Die  Unzufriedenheit  der  persischen 
Neiimuselmänner  war  es  wohl  besonders,  die  den  Stiu*/  der  Ommigaden 
veranlasst  hatte  und  persische  Truppen  aus  Chorassän  liatten  luiaptp 
siulilii'h  di(^  schwarz«»  Abbasidenfahne  aufpflanzen  geholfen.  Wie  immer 
in  solchen  Fallen,  kam  mit  dem  "Wechsel  der  Dynastie  die  früher 
unterdrückte  Partei  an's  Bud(»r,  Perser  und  die  Muhanunedaner  per»- 
sein  r  Abkunft  g(*langten  zu  grossem  Ansehen  und  gewannen  den  grOssten 
Kiiitlu>s  am  nialyfenhofe,  obwohl  Viele  sich  niu*  äusserlich  zum  bttm 
bekannten  und  innerlich  dem  Glauben  ilu'cr  Väter  anhingen.  Dieaa 
persische  K  i  n  f  1  u  s  s  ist  nun  von  so  grosser  Bedeutung,  dasB  er 
7X1  den  wichtigsten  Erscheinungen  der  Culturgeschichte  des  Islams  ge- 
zählt werden  muss. 

Dieselbe  Umwälzung,  welche  die  Herrscliaft  von  den  Omnugaden 
an  die  Abl>asiden  tUH'ilrug,  hatte  zugleich  die  weitere  Folge,  dass  Da- 
iiiaseus  zu  einer  Provincialhauptsta<lt  heral)sank,  dass  S}Tien,  welches 
da^  toiiangeben<le  Land  gcwes<Mi  war,  sein  Ucliergewicht  einbttsste  imd 
datVir  li"aq  der  Sitz  der  Chalyfen  ward,  die  sich  in  einer  QberaiH 
^'lücklieh  gewählten  Lage  Bagdad  erlmuten,  das  von  nun  an  durch 
v'uw  Heihe  von  .TabrliunchTten  der  Sitz  des  Chaly^tes  blieb.  So  bestand 
iVw  erst(?  >Virkuiig  <h^s  Dynastiewechesls  darin,  dass  die  östlichen  Pnh 
vinzen  eine  viel  grössere  lk?dcutung  erlangten  als  zuvor. 


O— M^a^dtn  «ad  AbVa*ii«n  137 

Vcm  den  unter  den  Abbadden  neu  hervortretenden  Staatsämtem 
ist  das  Wexyrat  das  widiügsta  Wie  es  scheint,  war  dasselbe  persi- 
schen UrsiKiings.  Späterhin  durch  die  Einführung  des  Obersthofineisters 
(Amyr  Duward)  in  den  Hintergrund  gedrängt,  ging  der  Wez^Ttitel  an 
den  ersten  Minister  jener  buidischen  Sultane  über,  welche  nachmals 
die  CluÜTfen  ganz  unter  ihre  Vormundschaft  nahmen.  Die  arabischen 
Staatsreditslehrer  unterscheiden  zwei  Stufen  des  Wez}Tats:  das  un- 
besdiränkte,  wie  es  z.  B.  den  Barmakiden  bis  zu  ihrer  Vernichtung 
durch  Uamn  Rasehyd  zustand,  und  das  beschränkte,  fUr  welchen  Posten 
einige  rauhammedanische  Juristen  selbst  die  Verwendung  von  Nicht- 
mohammedanem,  z.  B.  Juden  gestatteten.  Denselben  Unterschied  wie 
besiglidi  des  Wezyrats  machte  man  hinsichtlich  der  Statthalterschaften; 
die  unbeschränkte  Statthalterschaft  ging  dann  sehr  bald  in  die  als 
SCalthalterschaft  durch  Usurpation  bezeichnete  über,  wo  ein  Abenteurer 
sidi  gegen  den  Willen  des  Souverains  in  den  Besitz  einer  Provinz 
gesetzt  hat  und  diesen  zum  Abschlüsse  eines  Concordates  zwingt,  worin 
sich  der  Empörer  gegen  förmliche  Anerkennung  seiner  Stellung  bereit 
findet  f  die  religiösen  Prärogative  des  Chalyfen  zu  achten.  Eine  ganz 
agenthfimlicbe  SteUung  nahm  der  Postmeister  fsdfti/f  allxirid  ein.  Er 
laogirte  als  Chef  der  höheren  Staatspolizei,  neben  der  sich  schon  unter 
Mansor  eine  sehr  zahh*eiche  Geheim])olizei  vorfindet.  Schon  den 
Uebergang  zur  abbasidischen  Periode  charakterisirten  eine  zunehmende 
Schwächung  der  Centralregierung  und  wachsende  Unsittlichkeit.  Dieser 
tiang  der  Dinge  nahm  unter  den  Abbasideu  seinen  ungeschwächten 
Verölt  Den  W^ezyren  fiel  bald  eine  Rolle  zu,  ganz  ähnlich  joner  der 
UajoreM  domvM  im  fränkischen  Reiche,  während  die  Macht  der  Statt- 
halter in  den  einzelnen  Provinzen  beständig  stieg,  ja  zur  endlichen 
Loarei«img  derselben  gelangte.  Das  Staatswesen  war  entschieden  im 
Xiedergange,  in  der  Auflösung  begriffen,  während  zugleich  die  geistige 
■od  materielle  Cultur  ihre  höchste  Blüthe  feierte.  So  war's  ja  auch 
im  ahen  HeUas,  im  römischen  Kaiserreiche  gewesen,  denn  die  Entwick- 
fang  der  Gesittung  wird  nicht  vom  politisibeu  Gedeihen  bedingt.  Die 
ktite  grosse  Umgestaltung  erfuhr  das  Militäniseseu  im  Reiche  der 
i^halyfen,  indem  an  die  Stelle  der  regelniüssig(*u  Soldbezahlung,  die  das 
iBBehmende  Deficit  unmöglich  machte,  die  Anweisung  des  Einkommens 
cuuer  Provinzen  an  die  Befehlshaber  der  Truppen  zur  Bezahlung 
da"**eiben  erfolgte.  So  zerfiel  das  Reich  in  eine  Anzahl  halbsouverainer 
Dem  Chalyfen  bliel>en  kaum  einige  Provinzen  und  die  Uaupt- 
Um  bei  so  geschmälertem  Einkommen  doch  noch  den  (ilunz  des 
Hoirtaates  zu  erhalten,  griff  man  zu  »pressungen.  Um  die  Anführer 
der  fremden  Truppen  an  sich  zu  fesseln,  war  der  Uhalyf  gezwungen, 
die  KronUndereien  an  sie  zu  verschenken.  Die  Buiden  endlich  ver- 
theüten  anstatt  der  Löhnung  I>ändereien  als  steu(Tfreie  Militürlehen, 
aa  ihre  Truppen.  Die  Folge  hienon  war  ein  auffallender  Rückschritt 
^tr  loltor.  Unmittelbar  vor  Beginn  der  Kreu/züge  war  somit  der 
^^rient  htl  ganz  wie  der  damalige  0(*cid(*nt  getheilt  in  eine  Anzahl 
fcrCNM-rer  and  kleinerer  Staaten  und  I^henfüistenthümer,  über  welchen 
ah  gemeinaamca  religiöses  Oberhaupt,  wie  hier  der  Papst,  so  dort  der 


138  Der  Orient  vnd  der  Isllm. 

rhalyf  stand.  Dieses  militärische  Lehenswesen  ward  Ton  den  TQrken 
iiiul  Tataren,  welche  von  nun  an  als  erobernde  und  herrschende  Nation 
in  ganz  Vorder- Asien  auftreten,  til>erall  hin  übertragen,  wo  sie  ihre 
siegreichen  Fahnen  entfalteten,  nach  Aegypten  und  West-Africa,  nach 
Persien  und  Indien,  ja  schliesslich  sogar  nach  Europa,  wo  es  erst  seit 
den  Keformen  des  Sultans  Mahmud  und  der  Einführung  der  regulfiren 
Armeen  zum  Fall  gekommen  ist. 

liemerkenswerth  bleibt  endlich  noch,  dass  das  Cha]}'&t,  wenngleich 
geistlichen  Ursi)runges,  in  seinen  guten  Zeiten  doch  eine  weltticlie  Hal- 
tung zeigte,  welche  erst  dann  wieder  einer  schärferen  Betonung  der 
geistlichen  Seite  wich,  als  die  Chalyfen  in  ihrer  welthchen  MacbtsteUung 
mehr  und  mehr  beschränkt  wurden.  Wen  mahnt  nicht  auch  dieser 
Zug  auffallend  an  die  Geschichte  des  Papstthums?- 


BellglOs-plillosophisehe  Entwicklung  des  IslftniB. 

Die  so  zu  sagen  plötzliche  eolossale  räumliche  Ausdehnung  der 
arabischen  Völker  war  naturgemäss  ftlr  sie,  wie  für  die  Länder,  mit 
(lehnen  sie  in  Iki-ührung  kamen,  von  religiös  und  staatlich  gleich  be- 
deutsamen Folgen.  Ich  will  diese  in  Kurzem  auf  religiösem  Gebiete 
erörtern.  ^  Man  daif  dabei  nimmer  ausser  Acht  lassen,  dass  die 
Amb(T  aniUnglich  theilweise  nur  rohe  Stänunc  waren,  durch  Beategier 
und  EroberungsluRt  vereinigt.  Sn'ien  und  Babylonien,  dem  Macfat- 
gebotc  des  Chal>*fen  zuei-st  unterworfen,  befanden  sich  dagegen  seit 
dem  höchsten  Alterthume  im  Besitz  einer  vorgescluittenen  Civilisation. 
Die  Araber  traten  also  plötzhch  in  Berühi'ung  mit  einem  ihnen  gani 
unlM^kannten  geistigen  Elemente,  dessen  volle  Macht  sie  kaum  zu  ahnen 
vermochten. 

In  Syrien  stellte  sich  dem  Islam  eine  durch  eine  lange  Reibe 
dogmatischer  Streitigkeiten  künstlich  ausgebildetes  und  dialektisch  be- 
giündetes  Religionssystem  entgegen.  In  Mnionien  lebten  neben  ein- 
ander vei*scliie(lene  alte  (iilte  in  gegenseitiger  Toleranz,  eine  der  bestes 
Seiten  der  altheidnischen  (flaul)ensfonnen.  Aus  dem  gewaltsamen  Zu- 
sammenstosse  des  Islam  mit  solchen  alten  Glaul)en8leliren  eingaben 
sif'h  zahlreiche  neue  Verbindungen,  geistige  Kämpfe  und  Ideenumwuidr 
lungen,  von  hoh(T  Wichtigkeit  für  die  fernere  lleligionsgeschichte  des 
Orients.  Wenn  man  versucht,  auf  solir  unsichere  historische  Zeig- 
nissp  hin,  die  ei-sten  Secten  der  christlichen  Kirche  auf  Uneinigkeitea 
unt*T  ihren  (irün<lrrn  zurückzuführen,  wenn  man  die  viel&chen  Spalt- 
ungen ihrer  .higmdzeit  ihr  y.iun  V(»rwuife  macht,  so  dürfen  fthnliehe 
\'orwüi-fe  dem  Islam  nicht  ei*spart  werden.  Auch  darin  stand  er  nicM 
h()li(T  als  d:u<  (liristcnthum,  aucli  er  ward  von  allem  Anfonge  an  doith 
zahhcidic   Secten   zerrissen.     Und   da   ihr  P^ntstehen   lehrt,   wie  Ides 

')  Ich  fulge  dabei  fn^t  auAflchlicflsIich  dorn  eminenten  Werke  AI  fr.  y.  Kr«B«f*i: 
(i§»chiehta    der   herrnehenJen    Idee»    de»    iHläm'».     liCipsig  1868.     8"    und    Miaea 
gesehiehttichen  Strei/gügen  auf  dtm  Gtbiett  dti  lildm^i.    Leipilf  1878.    8*. 


*  fUlifiÖA-pkllOMplitach«  SnIwIeUttOf  det  Itlims.  139 

in  Idee  etitzflndet,  so  wird  es  wohl  erlaubt  sein,  auch  f&r  die 
ddien  Secten  ähnlichen  Ursprung  zu  vermuthen:  die  Berührung 
Iteren  Glaubenskreisen.    Ist  es  doch  ausgemacht,  dass  das  Christen- 

grossentheils  auf  altchaldäischen  Vorstellungen  fusst.  ')  Nun 
68  seinerseits  zur  Sectenbildung  im  Islam  Veranlassung  geben. 
Mit  dem  Cliristenthume  nftmlich  trat  der  Islam  zuerst  in  nähere 
luigen  und  zwar  zu  Damascus,  wo  damals  eine  bedeutende  Schule 
■orgenlflndischen  Kirche  blühte.  Die  Chalyfen  jener  Zeit  legten 
grosse  Toleranz  gegen  Andersgläubige  an  den  Tag;  Christen 
I  nicht  blos  freien  Zutritt  bei  Hof,  sondern  bekleideten  audi 
rlditigsten  Vertrauensposten.  Es  mussten  sich  hieraus  vielfache 
imngspuncte  ergeben.  In  den  Verhandlungen  mit  den  dialektisch 
(eediulten  griechischen  Theologen  lernten  die  Araber  zuerst  die 
*  von  ihnen  so  hoch  geschätzte  Kunstfertigkeit  der  Beweisführung 
■rliielten  die  erste  Einsicht   in  die   dogmatischen  Spitzfindigkeiten, 

die  b>'zantinische  Gelehrsamkeit  schwelgte.  Auf  diese  Art 
in  ist  die  überraschende  Aehnlicheit  zu  erklären, 
wir  in  der  Anlage  und  (rliederung  der  byzanti- 
h-christlichen  und  der  islamitischen  Dogmatik 
e  r  k  e  n.  Aus  diesen  Controversen  entstanden  die  ersten  religiösen 
A  des  IslAms:  die  M  o  r  g i  t  e  n  und  K  a  d a  r  i  t  e  n  (M  o  t  a  z  i  1  i  t  e  n,) 
Bilden,  heiteren  und  trostreichen  Uel)er/eugungen  der  Morgiten 
(Cgensatze  zu  der  Furcht  und  dem  Schrecken,  der  die  erste 
"Slion  der  rechtgläubigen  Muhamincnianer  erfüllte,  stimmen  über- 
»d  zu  den  lehren  des  eben  zur  Zeit  des  Entstehens  dieser  Secte 
mtflcus  t  hat  igen  und  in  hohem  Ansehen  stehenden  Johannes 
Damascus.  Viele  von  den  Ansichten  der  Morgiten,  bei  den 
m  ReliKioiishistorikem  der  arabischen  Literatur  als  diejenigen 
iinet,  die  sich  am  wenigsten  vom  orthodoxen  Islam  entfernen, 
I  den  sjjäteren  Islam  übergegangen:  denn  die  noch  jetzt  am 
iten  verbreite»te  theologische  Schule  des  Abu  Haiiifah,  zu  der 
die  ölierwiegende  Mehrzahl  der  türkischen  Muhammedaner 
tut,  fusst  auf  morgitischer  Grundlage.  In  der  That  sind  die 
Htn  stets  die  toleranteste  und  am  wenigsten  fanatische  der  vier 
ioxen  Schulen    des  Islams  geblieben;    die   hanbalitische   da- 

die  fiittatischeste  und  bigotteste.  So  gelangt  man  zur  Ueber- 
Bg.  dass  die  Ideen  der  Morgiten  unter  dem  Einflüsse  der  christ- 

Religions])hilosophie  der  griechischen  Kirche  entstanden  sind, 
i  drutet  darauf  hin,  dass  obenfalls  christliche  Einflüsse  ~  einige 
erwiesenemiassen  —  }m  der  Fjitstehung  der  religiösen  Ansichten 
[Adariten,  der  sogenannt(*n  Freidenker  des  Islams,  thätig  waren, 
piter  unter  «lein  Namen  der  Motaziliteu  eine  sehr  iMnleutsame 
Bg  »ich  errangen.    So  ist  denn  die  neue,  aber  nicht  unbegründete 


t  Vi«!«  VordUIIuagtn  «Irr  heotigAn  MandAer   am  nnteren  Euphrai  mOssten  ifvir 
m   Ikt   ekrUtUck    oder   aas  dem  Chrlstentbum«  entlehnt    halten ,  wenn  sie   nicht 
iUck  tchoa  vor  dem  Chrintenthum   und  ab  Eigenthvm   des  chalüücehan  System« 
«eÄs«i  «ärea. 


140  Der  Orient  vnd  der  Ulämu 

Ik'liauptung  berechtigt,  dass  die  Bildung  der  religiösen  Secten  des 
h'iiiiesten  Islams  und  die  sich  hieraus  entwickelnde  Dogmatik  wesent- 
lich auf  christlicher  Grundlage  und  unter  dem  Ein- 
flüsse christlicher  Ideen  stattgefunden  habe. 

Andere  Eindrücke  erhielt  der  Islam  von  den  fremden  Elementen 
im  Euphratlande,  wo  damals  mehrere  Religionen  neben  einander  lebten. 
Die  hen^chendeu  Perser  bekannten  sich  zur  Lehre  Zarathustra's;  das 
C'hi'istenthum  war  in  einzelnen  Städten  vorwiegend;  ja  ganze  Beduinen- 
stämme,  die  sich  in  Mesopotamien  ihre  Weidebezirke  gewfthlt  hatten, 
wie  die  Kabyah  und  Taglib,  bekannten  sich  dazu;  dann  waren 
die  Manichäer,  die  Bekenner  der  von  Manes  f Moni  *)  gestifteten 
Keligion,  die,  aus  einer  Verbindung  des  zarathustrischen  Glaubens  mit 
dem  Christenthume  und  indischen  Ideen  hervorgegangea,  lange  in  Babyk» 
den  Sitz  ihres  geistlichen  Oberhauptes  hatten,  sicher  sehr  zablreidL  *) 
Endlich  aber  hatten  sich  auch  viele  Anhänger  der  alten  heidnischen 
Culte  erhalten,  deren  letzte  Gemeinde,  die  der  Sabier  in  Harftn,  Üb 
weit  in's  Mittelalter  ihren  Bestand  fristete.  •'') 

Alle  ditse  vei>chiedenen  und  sich  widerstrebenden  Elemente  ^rer- 
einigte  äusscrlich  das  gemeinsame  Band  derselben  Beligion.  Doch  bd 
der  ersttn  Erschüttenuig  eiwies  es  sich  zu  schwach  und  rii^  Dies 
ges(hah  schon  wührend  des  gi'ossen  Bürgerkrieges  zwischen  AU  und 
M(.awija,  Es  bildete  sicli  eine  demokratische,  den  beiden  Kran- 
])rätendenten  gleich  feindliche  Pailei,  meist  aus  echt  arabischen  Beatand- 
theikn-,  um  Ali  schaarte  sich  eine  zahlreiche  &natisirte  Menge  Jena; 
die  in  ihm  den  legitimen  Nachfolger  des  I^opheten  venehrten  und 
auf  ihn  allmählig  die  altpersischen  Ideen  von  der 
göttlichen  W'ürde  des  P'ürsten  übertrugen,  indem  rie 
ihn  und  seine  Nachkommen  als  Propheten  verehrten.  So  entstand 
die  Beligionspailei  der  Schiiten,  deren  extreme  Fraction  Ali  genden 
als  (iott  an^ah,  wähi'end  die  Gemässigt eren  seine  Nachkommen  ak 
die  leßitimcn  ()l»erhäupter  des  Islams  in  geistlichen  und  weltUdMB 
Dingen  betrachteten.^)  Nel>st  diesen  a]t])er6ischen  Ideen  waren  noch 
andere  Ix^i  den  GlaulK^nsvoi-stellungcn  der  ältesten  Schiiten  masq^bendL 
So  ist  die  Lehie  von  der  Wiederkehr   und  der  Auferstehung,   wekke 


*)  Oeb.  214  n.  Chr.  in  Ktesiphon;  trat  M«ni  28S  als  der  im  EvangeUam  JohaHMi 
verboi-sHene  Paraklet  auf  und  ward  unter  Bobram  I.  374  lebendig  g^eehundtB.  >% 

')   Pie   Manicbacr    vci  breiteten    »ich   ocit   dem   IV.  Jahrhundert   io    Voi 
Africa  und  Italien,  unterlagen   aber  im  VI.  Jahrhundert  dem  gleichen  Ilaee«  der 
9(hen    Mngior   und    der    ('1iri<4tll>  ben   Binchöfe.     Doch    finden    itirh    noch   im    MltUlaM« 
Hpuren   eines  geheimen  Manicbäismun ,   mit  dem  die  Albigenner  \«'ahr8cheinlleh  !■  S«* 
oammenhange  ^tanden.     (»lehn  Albert  Röville,   Le«  Albtgwit  io  der  Bewm4t  4m  Snm 
Mondes  vum  1.  Mai  1874.» 

-)  A.  V.  K romer  weiftt  die  Beibehaltung  heidnischer  Gebräuche,  iffle  dl«  Klagi 
um  ilen  verlorenen  Adoni!«  noch  bin  in*M  späte  Mittelalter  in  MeHopotamleo  nach.  (Qmtk» 
./.  htrrHch.   Itlten  d.  Ulüm'».     I.     ö.   14.     CHltHrgetrhlehil.  Slrtifaügt^     8.  10.) 

')  Diese  Erklärung  den  Hchiiti^mnA  ist  sicherlich  correcter  ale  j#ne,  iffoneek  te 
Haon  der  Af«-chA,  einer  Frau  Muhanimed>,  gegen  All  die  ungeheuere Bpftitvag  in  IdlB 
veri«chuldct  hat  (J.  Braun.  A.  a.  O.  K.  60;,  wenngleich  dieser  Umc  «■bwtraitter  to* 
etauden  und  miti;o>virkt  haben  mag. 


ft«Ufl5»->phlUM|>1ii«clM  KalwIekliiBg  das  Islims.  141 

gßja  &g^nü  lücben  Verirrangen  fahrte,  indem  sie  eine  ausser- 
ordentüdie  Todesrerachtong  beforderte,  jüdisch-christlichen  Ursprungs. 
Man  vergleicht  oft  den  Schiitismus  des  Islam,  weil  er  die  Sun  na, 
die  Interpretation  des  Qorän's  nicht  anerkennt,  mit  dem  Protestaiitis- 
m»  des  Christenthoms,  sehr  irrthümlich;  denn  der  Schiitismus  ist 
BD  Gegentbdl  die  complicirtere,  sich  mehr  vom  Monotheismus  ent^ 
femrade  und  von  den  widersinnigsten  Sagen  (hwüs)  entstellte  Form, 
«ilu^nd  die  Sunna  den  ursprünglichen  Islära  nur  in  so  weit  um- 
yiUltcte  ab  nothwendig,  um  das  für  Nomaden  gegebene  Gesetz 
in  Verhältnissen  einer  sesshaften  GreseUschaft  anzupassen.  ')  Denn 
H»  wenig  als  das  Christenthum  war  der  Islam  angelegt  als  Welt- 
rdigion,  obwohl  er  sich  von  Ai  g  an  als  solche  ankündigte;  ge- 
worden ist  er  es  aber  ans  den  n     liehen  Gründen  wie  dieses. 

Mflflsen  wir  im  Schiitismus  <       Au     *uck  fremder  Ideen  erkennen, 
H»  ist  68  nicht  minder  bedeutsam,  seii      die  freidenkende  Richtung 

ia   religiösen   Dingen,  um   derer  m\        die   arabische  Cultur   so   sehr 
geprieien   wird,   auf  völlig   frem  ;,    pe  und   indische   Einflüsse 

ODUckselÜhrt  werden  muss,  wio  A.  v.  ü^remer  überzeugend  nach- 
bat 
In  Bassora  cntwidcelte  sich  nämlich  zuerst  die  Lehre  der  Bekenner 
WiDensfreiheit,  die  in  Damascus  unter  christlichem  Einflüsse  ihren 
Pnpning  genommen  hatte,  zu  einer  eigentlich  rationalistischen  Schule 
Theologie,  den  Motaziliten.  Und  in  dieser  Stadt  lernen  wir 
religiösen  Freidenker  kennen,  die  mit  dem  Islam  mehr  oder 
lu  brechen  den  Muth  hatten.  Aber  auch  hier  wie  in  fast 
geistigen  Leistungen  der  Islämiten  war  nicht  das  arabische 
BguMnenthnm  der  Ausgangspunct,  sondern  das  Perserthum,  und  zwar 
nidit  nur  persische  Ideen,  die  sich  allmählig  geltend  machten, 
es  waren  Perser  selbst,  die  in  einem  kleinen  Kreise  denkender 
geietreidier  Männer  sich  schon  um  die  Mitte  des  II.  Jahrhunderts 
Mobamroed  in  Bassora  zusammenfanden.  Der  Dichter  Bashsbär 
\%m  Bord,  aus  altem  persischen  Geschlechte,  war  eine  der  llaupt- 
dieses  Orkels;  er  ist  der  Typus  der  Scheinmoslimon,  üu^ser- 
Bekenner  des  Isl4m,  innerlich  aber  demselben  mehr  oder  woniger 
Man  bezeichnete  sie  mit  dem  Namen  Zindyk,  einem  Worte, 
m  verschiedenen  Zeiten  seine  Bedeutung  änderte.  Ursprünglich 
als  Anbänger  der  parsischen  Lehre,  galt  es  später  von  den 
BdRiuiem  der  manichäiscben  Religion  und  den  Anhänj^ern  der  dualisti- 
Weltanschauung,  endlich  verfla<^hte  sich  die  Bedeutung  immer 
und  ward  zuletzt  identisch  mit  Atheist,  Religionsveräcbter.  ^)    Die 


*>  IH«  W€Mo  d-s  Bchiitinmas  hat  knrs  and  bündig  dargHegt  Dr.  E.  J.  Polak  In 
M%A«ca  Backe:  Ptnimt.    Das  Land  uMd  m/n«  ßfttohmgr.    Leipxig  1S05.   8'   I.  Bd. 


*>  Takarl   «atwirft  ▼ob  den   Zindvks    foigeado    Bchilderang:    Sie    bebaapten, 
fwi  nnr  •!■  waitier  Mann  gawei^Kn,  der  fieine  Religion  nicbt  naeb  gUtUeber 
•o«4«ra   BAck  MaMkga'ia   ••Iner  Wei-^heit  g«4tiriei,    den  (joran  dureb   Mio« 
Oak«  4t  Baredtaamkait  verfaMC  kab«,  und  Jedar  MaoMk  mit  •OiCben  Oabaa 


142  Dot  OrlMt  «Bi  tor  lUte. 

Abbadden  waren  gegen  diese  Zindyks  tiieflweise  sehr  strenge,  dft  der 
Manichäismiis  —  nnd  die  ersten  Zindyks  ivnren  mit  den  MaaMUtarii 
identisch  —  den  Gewalthabern  des  Isl&ms  wirididi  mandmial  goftihriich 
erscheinen  konnte.  Bei  den  Moslimen  nichtarabiacher  Nationalitit^  be* 
sonders  im  nördlichen  Persien  und  im  Stromgebiete  des  Ozm  nar  dlor 
Manich&ismus  sehr  ausgebreitet,  allmiJhlig  erwarb  er  selbst  Anhingw 
unter  echt  arabischen  Moslims  und  sogar  am  Ghalyfenhofe.  Der  grtMa 
Theil  der  Zindyks  gehörte  den  höheren  Ständen  an  und  zeicfanele  wkk 
durch  rhetorisches  und  dichterisches  Talent,  dnrdi  Büdnng  und  Wei^ 
heit  aus,  wie  Ihn  Mokaffa,  einer  der  be^n  arabisdien  SdirilMdhr, 
der  das  Buch  Kaiila  und  Dimna  (aus  dem  Pelilewi)  in'a  JlnbiHte 
übersetzt  hat;  Ali,  Sohn  des  Jaktin,  des  Siegelbewidirani  onl  T«^ 
trauten  des  Qudyfen  Mansur,  durch  dessen  Htode  alle  Staat^genUfte 
gingen;  Jesdan,  der  grösste  (damalige)  ScbriftrteUar  Peraena,  We^ 
und  Sohn  des  Wezyrs  Badsan;  femer  Personen  aas  der  FuiiHa  -4« 
Regentenhauses  der  Abbasiden  und  aus  andern  Tomdmiai  Htasnm. 
Sie  hatten  bereits  während  Mehdi's  QAaXyfaX  unter  den  Sdniftsttilaa, 
Gelehrten,  Theologen,  Adeligen  und  Borgern  Prosefyteni  gemacM; 
wollten  sich  der  Beobachtung  der  Gesetze  des  Islam  entnehea 
volbsogen  aus  Faulheit  weder  die  Gebete  noch  die  WaschuigMi-  Dv 
tlialjf  Mehdi  (t  785)  liess  viele  dieser  Sectirer  fainrkliteaj  ssift 
Nachfolger  Hadi  verbannte  sie  sämmtiidi.  *) 

Die  Geschichte  der  römischen  Gesellschaft  ertbdlte  uni  Ae  Lehn^ 
wie  die  steigende  Gesittung  mit  wadisender  Irreligio(Atftt  gepaart 


-wie  er  könne  «Ine  Religion  etlften.  8ie  ilbea  keine  dem  Moelim  Tirrpiiiiilrtw  Ml 
Pflicht,  beUa  und  festen  nicht,  geben  nicht  AJmoeon,  pilgern  alaiit  aaflk  Mtkla.aili 
lachen  die  Pilger  am.  Eine  Yereammlnng  Betender  nennen  eie  Kunedto  mm.  titlMll 
von  solchen  die  ei^'h  betend  naf  ihr  Angesicht  werfen,  sogen  elCi  dieselbet  Mlgln  Olli 
ihr  Hintertheil.  Ale  man  den  Umgang  um  die  Kaaba  hielt,  firagten  ■!•}  ^Wa«  iMiil  iir 
in  diesem  Hans?"  nnd  beim  Opfern  der  Sehafe;  «Was  haben  dUe«  Bahafli  llr 
gethan,  dase  man  ihr  Bist  vergiesst?"  Als  sie  die  Osremoale  das  8mf9  «ad  Ütmm 
ziehen  sahen,  spotteten  sie:  ,Ha>>en  diese  Leute  gestohlen,  dass  als  so  tealiMf*  AIN 
Theologen  sind  einig  in  dem  Urtheile,  dass  diese  Secte  sehUnUBar  Ist  aU 
Cbristenthum,  Parsismus  und  Vielgötterei,  denn  wenn  jemand  eia^ dieaar 
aufgibt,  so  bekennt  er  eine  andere,  aber  die  Zlndrk  verwerfen  das  Prlnelp  dar 
selbst  und  erklären  alle  Culte  fUr  Tiuschung ,  verl&ngnen  Gott  und  die  Pr«ptialM. 
Welt  sei  ewig  so,  wie  sie  heute  und  wie  »ie  ftrQher  gewesen  aal,  dta 
sur  Welt  und  stürben  wie  Oras,  welches  jahrlich  wächst,  rartrodtMrt  «ttd 
dass  niemand  wisse,  wohin  es  komme ;  Sonne ,  Mond  und  Sterae,  also  alihtkavt 
erzeugten  Pflanzen  und  Thiere  und  Hessen  sie  wieder  umkommea.  Jcdar  ksAa  .Ümb  ^pp 
er  will;  glrirhwohl  halten  eie  das  Böse  oder  was  die  Weisen  als  solehaa  WtrMli|i|ii| 
nicht  für  erlaubt,  wie  Ungerechtigkeit,  UnterdrBekung ,  Likgf.  Xaa  toO«  iMii  Utk 
Menschen  nicht  die  Dinge  von  einer  Seite  zeigen,  die  ihnen  misslUtaB  kömita,  J»  alill 
einmal  Kleider  tragen,  die  sie  nicht  gern  s&hen.  Ausser  diesen  Regeln  bab«i  ato 
Gesetz  noch  Dogma  noch  Ritns. 

*)  Dis«e  Cbalyfon  dachten  also  nicht  so  politiseh,  wta  Ihr  Votigiif 
dsr  von  den  Rawendi,  welche  an  die  Beelenwanderung  gtaubtan  vnd  das 
die  Incarnation  der  Gottheit  hielten,  «agte:  ^Ihre  AabingUeiiktil  aa  «kk  «li  Iktf 
Ehrfurcht  vor  mir  gibt  ihnen  ihren  Glauben  ein;  mögen  als  la  dia  Hllla 
sie  mir  ^ur  trnu  sind;  die.-t  iit  mir  lieber,  als  waaa  sla  gngta 
al«  gute  Moslims  Anspruah  auf  den  Himmel  UUlaa.** 


i 


B«1lffl5t-plittoflOf1iiMh«  Xoiwieklaaf  det  IsUm.  143 

wie  der  Gipfetponct  der  Civilisation  und  der  Wissenscbaften  den  Moment 
beieicluiet«  wo  ein  allgemeiner  Atheismus  die  Massen  ergriffen  hatte,  wo 
philosophische  Systeme,  Stoiker  und  Epikuräer  an  Stelle  des  verlornen 
(ilaubens  traten;  es  war  dies  zugleich  die  Zeit  der  ärgsten  Sittenlosigkeit, 
den  hiö<lejiten  Aherglaubens,  der  gemeinsten  Laster.  Die  Geschichte  des 
LJam  wiederholt  diese  denkwürdige  Lehre.  Mit  der  Zunahme  der  Ge- 
Mttung  entwickelte  sich  der  Luxus,  mit  diesem  die  Ausbildung  und  Ver- 
leinemDg  der  Dichtkunst,  zugleich  ein  üppiges  Genussleben,  welches  die 
ahe  Sitteneinfieüt  verdrängt,  (Ue  Strenge  der  Beziehungen  zu  dem  früher 
hehr  hoch  stehenden  weiblichen  Geschlechte  lockerte.  Danel)en  ein  gcnuss- 
stkchtiger,  sorgloser  und  namenthch  in  religiösen  Dingen  nahezu  ganz 
iAdifferenter  Geist  Mit  diesen  wenigen  Worten  ist  der  Entwicklungs- 
tfßBg  nicht  nur  der  arabischen,  sondern  jeglicher  Cultur  gezeichnet 
Da»  Steigen  der  Coltnr  hat  überall  unwiderruflich  die  nämlichen  Er- 
acheinangen  —  möge  man  sie  nun  gute  oder  böse  nennen  —  im  Gefolge. 
Man  studire  da«  Zeitalter  des  Perikles,  der  niedergehenden  römischen 
Republik  and  des  Kaiserreiclies,  der  europäischen  Renaissance,  der 
modernen  Gegenwart  Auch  das  ist  eine  unabwendbare,  überall  wahr- 
maehmende  Folge,  dass  die  eingetretene  Sittenlockerung  eine  Reaction 
der  Fanatiker  und  Frömmler  hervorruft,  welche  jede  frohe  Regung  auf 
das  Heltigiste  anfeinden  und  die  religiösen  Gesetze  dagegen  anrufen. 
AUein  wie  immer  in  Fällen,  wo  Unmögliches  gefordert  wird,  bleibt  das 
Gesetz  bestehen,  um  stets  umgangen  zu  werden.  Mit  anderen  Worten, 
die  Zeiten  der  SitteneinfiUt  sind  jene  der  Rohheit,  der  Uncultur:  sie 
Bod  aoch  jene  des  religiösen  Glaubens;  das  Wachsthum  der  Cultur  be- 
ruht auf  erhöhtem  Wissen,  und  das  Wissen  an  sich  untergrabt  den 
Gkobeo;  mit  dem  Schwinden  des  Glaubens  beginnt  der  Sittenverfall, 
der  demnach  in  cultureller  Hinsicht  nicht  als  Merkmal  der  Gesunkenheit^ 
loiidem  viehnehr  einer  hochgestiegenen  geistigen  Cultur  zu  betrachten  ist 
Diese  Ansicht  wird  auch  nicht  widerlegt  durch  den  heute  gerne  vorge- 
brachten Hinweis,  dass  die  Unsittlichkeit  eben  anden  wichtigsten  Giaubens- 
itAttea.  wie  z.  R.  in  Rom,  am  stärksten  sei.  Wir  wissen,  dass  im 
armbifldien  Rom,  im  heiUgen  Mekka,  die  Unsittlichkeit  grösser  ist,  als 
aa  irgend  einem  anderen  Puncte  der  muhaniniedanischen  Weit.  Irre 
ich  nichts  so  steht  auch  das  heilige  Bochara  in  keinem  sonderlich  guten 
Rofp.  Das  Pliänomen  ist  jedoch  leicht  zu  erklären.  Die  Heiligkeit  dieser 
<hte  beweiiit  nämlich  nichts  für  die  Intensität  des  dort  herrsehenden 
Cv  1  m  n  b  e  n  s.  Jede  geoffenbarte  R('ligi(»n  macht  eine  Periode  des  (ilaubcMis, 
df«  F^anatismus,  dann  aber  der  lÄs>igkeit  durch,  welche  es  sich  an  der 
MSAfren  Beobai^htung  ilirer  Satzungen  genügen  lässt.  An  jenen  Orten, 
wo  di*'  Anwesenheit  der  KircheuolMThäupter  oder  sonstiger  religiöser 
Momente  zur  stricteren  Beachtung  der  nicht  mehr  imssenden  Gesetze 
iwimct.  tritt  nach  dem  bekannU'n  Gesetze,  wonach  I)ruck  Gegendruck 
erBeiit^  eine  desto  ausgiebigere  Umgehung  des  (iesetzes  eiiL  Die  Sünde 
«chent  zwar  m»»hr  denn  an  anderen  Orten  dis  Tagtslicht,  wuchert  aber 
^'!tU9  mehr  im  Stillen.  So  scheint  es  sehr  glaublich,  dass  die  Mochannnt^ 
weiche  so  ziemlich  dem  entsprachen,  w.is  die  AU/ii  Üiuacdi  nannten, 
mit  Voiüebe  in  der  heiligen  Stadt  ihr  Wesen  trieben. 


144  Der  Orient  und  der  lelim. 

Als  der  Atheismus  an  Boden  gewann,  war  natürlidi  von  echter 
Reli^osität  keine  Rede  mehr;  wie  im  alten  Rom  spottete  man  ttber 
Alles  und  durfte  es  auch  ungestraft,  war  man  nur  gegen  den  Verdacht 
gesichert,  einer  antiislamitischcn  Secte  anzugehören.  Es  war  gestattet, 
am  Islam  zu  zweifeln,  nur  durfte  man  an  nichts  anderes  glauben.  Ueber 
die  namenlose  Demoralisation,  die  mit  einem  maasslosen  orientalischen 
Luxus  gepaarte  cynischc  Kohbeit,  selbst  der  höheren  Gesellschaftskreise 
Baji^did's,  i'uhen  die  besten,  voUglUtigsten  Zeugnisse  in  den  Werken  der 
gleichzeitigen  Dichter.  Wie  in  Rom  mit  dem  griechischen  Einflüsse  die 
IMderastie,  so  verbreitete  sich  fast  gleichzeitig  mit  dem  persischen  Eht 
Husse  das  ursprünglich  den  Arabern  fremde  Laster  der  Knaben^* 
hebe  zu  erschreckender  Allgemeinheit  Die  Geschichte  dieses  Lasters 
führt  auf  die  alten  Hellenen  zurück,  von  welchen  die  Perser  wie  die 
Römer  es  erhielten.  Im  Anakrcon  wie  im  Hafis  tritt  es  nngescheat  zu 
Tage;  es  hat  im  ganzen  muselmännischen  Osten  ungeheure  Aasdebnnng 
erlangt  und  soll  in  Persien  geradezu  entvölkernd  wirken.  Vom  coltor- 
geschichtlichen  Standpunctc  darf  der  Hinweis  auf  diese  Seite  des  Ge- 
mäldes orientalischer  Sittengeschichte  wenigstens  nicht  unterlassen  werden. 

Noch  eine  weitere  Erscheinung  mahnt  an  das  alte  Rom.  Dort  bestand 
bekanntlich  keine  Kirche;  als  der  Atheismus  um  sich  griff,  nahm  daber 
(las  Volk  als  P^rsatz  für  seine  zertrümmerten  Ideale  zum  rohesten 
Aberglauben  ZuHucht.  Es  half  sich  selbst  in  seiner  Weise,  da  es 
keine  Kirche  gab,  die  helfen  konnte.  Im  Islam  nnd  im  Christenthunie 
that(>n  in  diesem  Falle  die  Kirchen  ihre  Schuldigkeit,  sie  gewfthrtea 
die  noth wendige  Hilfe,  natürlich  wieder  in  ihrer,  den  Volksanforderongen 
jedoch  entsprechenden  Weise;  die  orthodoxen  Richtungen  gewannen 
die  Oberhand,  und  genau  wie  das  Christenthum  suchte  der  (»thodaxe 
Islam  sich  innner  mehr  zu  einem  festen,  abgeschlossenen,  dogmatiadien 
System  zu  entwickeln.  Diese  I^ehre  ist  hochwichtig;  sie  zeigt  die 
Orthodoxie  als  eine  untrennbare  Folge  der  frei- 
sinniu(>ren  Ideen.  Ueberall  kann  man  ihr  Entstehen  erst  in 
jeiu*m  Aiig(»nl)]icke  beobachten,  wo  der  (rlaube  an  ihre  Lehren  ei^ 
scliüttert  zu  werden  beginnt.  In  der  That,  so  lange  die  Menge  die 
D()>:;men  der  Kirche  für  allgemein  wahr  hält,  ein  Zweifel  daran  nidit 
aufkoiiiiiit .  bestellt  auch  für  die  Kirche  kein  Grund  orthodox  za  sein. 
Je  ärger  aber  die  (i rundfesten  des  Kirchenglaubens  in's  Wanken  ge- 
nitliou.  desto  schroffer  die  Orthodoxie,  nach  dem  ewigen  Naturgesetie, 
(la>;s  Druck  (ifjjeiulruck  (»rzrugt.  Die  Kirche  ist  es,  die  mit  ihren  der 
Vernunft  Avidersprei^henden  (üaub'Missittzen ,  in  einem  gewissen  Stadiom 
den  Zweifel  wachruft,  dem  auf  geistigem  Felde  fast  jeder  CuHorgewinB 
verdankt  wird.  Dies  der  Moment,  bis  zu  welchem  die  gern  flbei^ 
s(>)ien(;  w(» li  1 1  h ät  i ge  Wirkung  der  Religion  und  Kirche  reicht,  indes 
sie  (las  feste  Hand  des  (Glaubens  um  die  Menschen  schlingt  und  dadordl 
j(Mio  Vereiiiiuung  (Tzwingt,  <lie  das  ei-ste  Culturerfordemiss  ist  Nu 
aber  ist  dies«»  wohltbätigi»  Wirkung  erzielt,  und  da  jedes  Stadium  der 
( nltur  nur  angestn^bt  und  eiTeiclit  wird,  um  sofort  wieder  Terilaasea 
zu  werden,  so  wird  eincM'seits  fürderbin  zum  Ilemmmss,  was  bisber 
Hebel  gewesen,  andererseits  übiTuehmen  neue  Factoren  die  FOhreractelt 


Rcllgiüt-phllACAphiMli^  Entwicklung  de»  Inlim.  145 

aiif  *^m  Pfedo  zu  oiiiom  neuen  Culturstadium,  das  die  jeweilige  Ge- 
fp*iiwiirt  als  einen  FoiiÄ^liritt  bezeichnet.  Diese  Fü!irerschaft  ül>ernahm 
in  religkls<»n  Dingen  zunftrhst  der  Zweifel,  die  Skepsis,  die  nun  ihrer- 
^ts  wieder  mit  aller  Macht  auf  den  alten  Kirchenglauben  drückt.  So 
M  e<  denn  der  kirchliche  Liberalismus  "selbst,  der  die  6rthodoxie  der 
KirHie  erzeugt. 

FHe  Vorgänge  aasserhalb  des  strengkirchlichen  Gebietes  l)estätigen 
«liese  Sätze.  Mit  dem  Zweifel  erwacht  der  Wissens<lurst,  somit  die 
Wissoiiscliaft,  und  lungekehrt  erweckt  die  Wissenschaft  den  Zweifel. 
IIH  den  AralMTu  l»egannen  Ske^wis  und  Wissenschaft  erst  nachdem  sie 
«Inrch  syrische  ('bristen  mit  den  Schätzen  der  altgriechischen 
Literatur  ln^kannt  geworden.  So  ging  auch  hier  wieder  die  Anregung 
nirht  von  Anü>em  aus,  nicht  sie  haben  dieses  werth volle  Erbe  ent<leckt, 
•It*  na<*h  ihn»m  eigenen  (r<\ständnisso  (kmals  die  Summe  ihrer  Kennt - 
ni^se  hihiote.  Während  al)er  die  freigeistigen,  atheistischen  Ideen  unter 
•li»n  Cirbildeten  um  sich  griffen,  entwickelten  sich  gleichzeitig  aus  dem 
StOilium  iler  Ahen  die  aralrischen  philosophischen  Schulen,  welche 
liald  eine  theosophi  seh -mystische  Wendung  nahmen, 
in  ihrer  Art  also  niclit  besser  waren  als  die  kirchliche  Orthodoxie. 
IH<K  war  auf  geistigem  Felde  die  Gegenströmung  gegen  den  Atheismus 
ond  die  dadurch  1)egünstigten  materialistischen  Anschauungen.  Und 
allenial  hat  die  Ausbn.»itung  d(T  liCtztereu  das  schärfere  Hervortreten 
theistisrher  Miiiosopheme  zur  F'olge  geliabt.  Im  alten  China  war  I^ao-tse 
rar  Zi»it  entstanden  als  die  Sitten  sanken,  die  Jugend  voll  Dünkel  der 
Ahni*n  «|K)ttete,  die  Vereluning  Dessen  lächerlich  wanl,  was  bis  dahin 
al*  heilig  gegolten.  Die  (legenwart,  deren  wisseiLscIiaftliche  Entwicklung 
mphr  denn  irgend  ein  Zeitalter  den  Realismus  fördert,  findet  die  sich 
<nnst  arg  lK»felHi«*nden  ortho<loxen  Theologen  und  angeblich  lilieraleu 
Tlni-^tiM-hiMi  Phil<»sophen  jecier  Parteiscliattirung,  im  Namen  des  „Fort- 
*rhritt**s-  vereint  im  Kam])fc  gegen  das  freie  Manneswort,  welches 
nrnthiK  ilas  alleinige  Walten  eherner  Naturgesetze  verkündet.  Nicht 
an'lrpi  war's  im  Islam.  Wohl  stützten  sich  die  i)hilosophis<!hen  Schulen 
«Vt  AraUT  vorzüglich  auf  Aristoteks,  den  sie  in  fehlerhaften  Ueljer- 
tramiiup^n  di*m  Al>endlande  l)ekannt  machten,  al>er  daneben  hnd  auch 
ffii*  platonis*lie  Philosophie,  luimentlich  in  ihrer  neuplatonischen  Aus- 
art nnsL  vifle  .Vnhänger  und  aus  ihr  ging  jene  cig(MithümIiche  Schule 
I*hräky  liervor,  die,  neuplatoni.s<'hc  Id<H?n  mit  einer  aus  zaratlius- 
iri^-h«*r  »mIit  Wiihrs4'heinlich  numichUischer  yu<»lle  stammenden  Lichtlehre 
/n  #-in«T  eUmso  origineUcn  als  ])hantastischen  Weltanschauung  verbindend, 
dmvli  .\ufTuihmc  fremder  religiös<T  Vorstellungen  viel  zur  letzt4»n  Um- 
«vMaltiiiit;  d«s  Islam  durch  dcni  Sufismus  lM>ig(*tragen  hat.  IVr 
••ftf«*ntli<*h<'  Suti«imus  nämlich,  sowie  er  in  den  versi'hiedenen  Derwisch- 
<inl«*n  '»«•inen  .Vu?»<lruck  findet  und  stn'uge  zu  scheiden  ist  von  der 
••infiirtH'n  a'»ketis<*lw'n  UichtuHg,  die  s^'hon  im  früluNteii  ( 'hnstenthiune 
iiif^ritt  und  auch  in  den  Ishun  ülx'rging,  entsprang  wisentlieh  indi<(*hen 
I«l»i-n  und  /war  namentlich  der  indischen  Vedanta-Schule. ' ) 

'    k  r*iicr,  .\.  a.  O.     H.  3.1^46. 
T    lUKwAld,  (TaUargMchiehl«.    3.  Aufl.    II.  10 


14^)  Dftr  Orient  und  der  TMtm. 

Mit  (l(>ni  rcOxM'handuelinion  clor  ckstasist'hnn  und  scliwäi*morirtc1ie:i 
(■('ist(S]*irhtiiii>^  (uitstandon  im  Isluin  wit>  im  ( /hiistoiithumo  zahlreiche 
Dcrwix'hoi'dfMi.  rH^eiiclilot  d(>s  Ausspruchs  Muliammod'rt:  „hji  ist  koiii 
-Mrmclisthuin  im  Islam",  ;{o\vaun  \\\o  Neigung  dos  AralH^rs  aLh  Wü^teii- 
)K'V(»hn(>rs  /.um  cinsjuiuMi  und  Ix'scliaulichfMi  lAdNUi  IkiM  (bis  Ti-bergc- 
wirlit  i\Wv  «las  NVtut  dos  Proiilictou,  und  ein  audoros:  .Jjio  Anuuth 
ist  uuMH  Hulnn''  odor  ,,Annutli  ist  ^ar  ^it**  miLssto  zum  Deckiiiantol 
dicfuon.  untor  dom  sich  das  Mönchsthum  M'lnni  droissig  Jahre  iiaoh  des 
Proplioton  Tod  in  dio  Ililrdc  dos  Islam  einstahl.  Seitdom  liaUMi  sieh 
im  Oriout  dio  Onlon  der  Faqyro  und  Dorwiselio  so  sehr  vermehrt, 
dass  man  mui  72  Ordon  d«M'  l)or\vischo  spricht,  woninttT  «ler  noch 
jot/t  i)lnhondo  der  Mtficlrvl,  von  I)scholal-od-din  I^umi,  dem  Dichter 
dor  liichtloh]*e  ;zostiftoto.  nicht  nur  oim^r  dor  iM'doutendsten  äoadern 
nucli  dor  einzige  ist,  dor  Sympatliio,  ja  Hospect  hervoiTuft.  ^)  Christ- 
liclion  (iu<»llon  (Mitsi)ranjr  vorzüKHoh  dor  Sutismus,  iloeh  ist  is  j^ut  sieh 
zu  (Minnorn,  dass  da>  christhtiie  MiuK^hswesc'u  sollwt  witnler  orienta- 
lischen Ursprungs  war.  Sufi  hoisst  NVolleunuiuu  und  gah  man  dieite 
Namen  den  Mitgliedern  askt^tiM^H»!'  HrUdoischafLeu,  tlie  eine  wollene 
Kuttt»  aN  Ordonskloid  wäldten  und  hestinnnte  Ordonsi-egehi  l»efuisäen; 
auch  nannt4>  man  schim  in  frühester  Zeit  die  Sufis  Danrifurhe  (Der- 
wis<-hoi  und  Faqtjre,  wovon  tUis  eine  Wüi1  uu  IVi'si.scliou  das  amlere 
im  Arahlschon  arm  iN'doutot.  Dio  Sutis  wariMi  also  DettelinOndie. 
Soldio  nrüdoi-schafton  können  nur  dort  aufkonnuen,  wo  religiöse  Ueber- 
Npanuuug  und  Pauporisnms  zu  Hause  sind.  Letztere  IkMlinguiig  ist  noch 
viel  wichtigt'r  als  dio  oistoro,  doch  winl  in  einem  liUnde,  dessen  IJi»- 
wohnor  d(T  r<digiös<*n  Kxaltation  vorfallen  sind,  Schmut/.  und  Armath 
nicht  lange  auf  sich  warten  lassen.  Als  nach  dem  Falle  der  Onuoa- 
.jad<»n  der  Wohlstand  ilor  M(»slimo  in  Aogypten  und  Syrien  sank,  fanste 
dtr  Sutisnnis  daher  au<'h  in  dioscMi   Lüudoru  Wurzel. 

.Vis  sich  der  SnHsnms  zu  verhroiton  anting,  war  das  Stiuliuiu 
der  un)slhu'schon  Theologie  ttino  ^^chworo,  aliei"  lohnende  Au^Ih*. 
KiuL'Ui  haaiN|i;dt enden  D(»gmatik(M'  mit  hütischiMi  Miuiieren  und  Schlau- 
heit stand  eine  glänzende  (arrioro  hovor,  denn  der  Qoran  und  die 
Snnna  sind  für  dio  .lustiz-  und  StaatsviTwaltung  die  Hichtsehnur  und 
dio.  rioma>.  wie  man  die  Theologen  jt>tzt  hoisst,  ob  zwar  lüeiiuik 
Priester  in  uns4M'(Mn  Sinnt*,  waren  stets  mächtiger  als  die  Regieruiig. 
Desswegon  driingten  sich  auch  Tausonde  zum  Studium  der  Tiicalogie 
und  es  war  unmöglich,  den  Khrg(Mz  Allel*  zu  iN^friedigeiL  Sowohl 
Sutis  als  riemas  ,,macht(Mr*  in  Itoligiou  und  buhlten  um  die  Volki»- 
gunst.  und  ila  dio  Krsteren  mit  den  Letzteren  hi  winseiucliaftlidier 
Hildung  nicht  concurriren  konnten,  wurden  j(>no  duirh  die  VerliiÜt- 
niNso  zu  einer  anderen  liichtung  hingnirüngt.  Aus  deiLselbeu  Beweg- 
gründen, aus  denen  sich  ein  Lass;ille  «Hier  ein  Dr.  v.  Schweixer  au 
die  S])it/o  unznfricilouer  .\rhoitor  stellte,  schlössen  sieh  schon  in  frAher 
'AvW   Männer    \on  (iei^t    und    Hildtnig    den   Sutis   an    und   es    wnt^i.«^'!! 


')  »iieho  übor  die   M  o  \v  I  r  w  i :  BfH'ij/f  zur  AUjftiHflntit  X^it-titj  vom  12.  \pril  ln7i. 


D«r  folAm  In  Spftnl^n  usd  Afriea.  147 

ämA  aiu   ileii  I  uift«n  helle  Köpfe   heraufi.     Solch  e  Leute   be- 

«ckütigten  sich  luit  Theologie  uiui  Philosophie,  gründeten  ein  System 
<ier  Tlieoeophie  Olr  ihre  Anhänger  und  versahen  sie  mit  einer  Masse 
v<m  kfUmen  Aussprachen,  Versen  und  Anekdoten,  welche  sich  von 
«ien  anwisHemlen  Mitgliedern  gut  verwerthen  Hessen.  Wie  alles  Mensch- 
lidie  eriitt  th»  SvKtem  der  Theoesophie  im  Verlaufe  der  Zeit  bedeutende 
Vertmlemugen,  und  ui  die  Askese  mischte  sich  bald  ein  Mystidsmus, 
4en  alten  Persem.  nainentlidi  aber  den  Hindu  von  Alters  her  be- 
kannt Dort  haben  wir  die  Yogys  getroffen,  welche  auf  physiologischem 
Wege,  besonders  durch  Athemeinhalten  sich  in  einen  Zustand  von 
tion  versetzten.  Die  nfimlichen  Mittel  kehren  bei  den  Sufis 
',  deren  Theorien  alhnähUg  eine  iiantheistische  Fftrbung  an- 
^n:  dieser  ekstatische  Sufisinus  wurde  theils  gegen  die  Offen- 
Imning  Mnbammed's  indifferent,  theils  vollkommen  liilretisch.  Nebst 
Athemeinhalten  wandten  diese  sjtftt^Ten  Sufis  noch  viel  wirksamere 
an,  um  FIxaltation  herbeizuführen:  Opium  und  Haschisch,  Ge- 
vmI  Tftnze,  au%efttlu1  in  nächtlichen  ZusammenkOnften,  ganz 
besondere  aber  griechische  Liebe.  Tagy-aldy n-Kaschy  versudit 
«o^ar  zu  bewdsen,  dass  Niemand  ein  gi^osser  Mystiker  sein  kann, 
obAT  dienem  I^aster  zu  fröhnen,  —  er  mag  Hecht  haben.  Sidier 
aber  ist  die  zweifellos  buddhistisclu^  Idee  von  der  wunderthätigen 
Kraft  der  Asketen,  Yogys,  aus  <lem  Buddhismus  in  den  Islam  hertkber 
gekonuiiea.  *) 

Die  Geschiebte  des  Sufismus  fuhrt  uns  die  Askese  in  ihrer  höchsten 
Höhe  ond  in  ihrer  tiefsten  Tiefe  vor,  unter  den  Mitgliedern  hat  es 
die  abucheulichsten  (liaraktere,  Mörder,  Räuber  und  Mordbrenner 
^e^ebeiL  Der  Ver&ll  der  Orientalen  steht,  wie  sich  liistorisch  nach- 
läßt, in  directem  Verhältnisse  zum  Wachsthume  des  Suiismus.  '; 

Der  kUoi  lu  Hpauleu  und  Afriea. 

Die  Geschichte  den  Islam  in  Andalusien  führt  uns  weit  aber  die 
Karl  d.  Gr.  und  IlarunaiTascldfrs  hinaus,  bis  zu  welchen  ich 
Culturgang  un  Qbrigen  KuruiHt  vei-folgt  habe,  denn  nahezu  acht 
JakHumderte  lastete  auf  S])anien  das  arabische  Joch.  Wer  sieh  da 
bciuiiQ  flAhlt,  arabische  und  islamitische  (rrösse  zu  preisen,  sicherlich 
taadit  er  seinen  Piitsel  in  die  glQlienden  Farben  moslimVhen  Lebens 
ia  Andalusien,  und  mit  Keclit.  Unter  den  aralnschen  Herrschern 
ipriaagte  die  ( reist esbildung  d(^  Volkes  %u  einei'  in  Eui-opa  damals 
ifiln&rtini  Stufe.  Wietier  muss  ich  der  Versuchung  widerstehen,  die 
Eisaribdten  aufzuzählen,  worin  die  spanischen  .Vraber  glänzten  in 
KaiMl,  Wi«iüen!k*haft  und  Mocialen  Kinrichtungen ;  kein  geringer  Tbeil 
.  waM  <hiH  .\lN»ndhind  dem  Inlani  Kchuhlet,  ist  eine  Schöpfung 
«piini}*chen  .Vralierthunis.     Da    die  AufgalM'    der  ('ulturg(»5»chichte 


'«  Kr«a#r,  Otuchlthtt  d»r  hfi-ftrhtmlru  idf«H  dt»  t»tam$.     S    M6. 
»  *pr0UfT.     Am$UH,l  itfift.     Nr.   yi   S.  IXli. 

10» 


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g' 

Mne  A 


btt  eine 


t  Lobe  odr  Tadel  gfaUt, 
wir  nnbertrittencn  OolbÜMbt 
en  desIaUmimCMeB  ffawa^ 

r  SpanieB  in  Btlde  niiriihtaglr, 

in,  Bcfawaag  einer  Dmr  Sjüte- 

m  der  alte  Httwmnlmm  iwfachw 

(.«lliiii-ih-ii;   /.u   l.(nli^'i.„   Vr\u\.'n 

irl    li;tlli:'.     Sil  ui'iii^  vtruitiriitc 

Moiiinit    yii     lu-wOltiKfu.      l)u 

okraliscUc  (iruiidlage   und  nun 

eine  Ironie  acr  ueKliii^lilc  nlntilieii ,  i^  (^  iillemrtii 

n  t  nnr  bd  An       iti  ig   der  FUi-HUiiniui-lit   ifi'io'Wf''- 

e,  die  oui   neuerer,   vn        i  nailiijiliciii'icr  Siliriftsh-llPi-  zd 

nnd  an  der  £^KKbe  Lua\      KI^'.  zu  crliiirtni  virsmlit  lint,  <i 

sugnnBt  der  Utarator  ona  vt  «'[i-xluU'i  uiilii  fruninic.  wldor- 

falle  von  Thotsacbra.    An  aen  )!<M<']i  .I<t  l  viiirimii  ))luiittni 

Hellas  ersten  Gröaeen,   Athens  (ih(ti/|"-iii>ili'  hifthl  sieh   wi 

I       thatstchlicheu Allänherrscbev  liiii-.  .li kmiitilititi  SuuU»- 

I      Namm  der  I^den  ist  mit  <km  iCixiilioii  eini'f  ßi-icrhiwliru 
:  nnlOdich  verbunden,  an  I  B|;iwt.iiK  kiiniiit  »iili  <li.'<  guldMic 
I       idier  Literatur,  und  ui     r  den  iienäHdi^-siiiuiti'ii  (%aljfon 
i  en         e  sich  die  G'     tu       <\fr  AniluT.     In  Sjinulfii  *ull- 
II      r   I  a   kiins)-   iiiid   |iitu-lit!i('b«'iidcii 
'  innen  s      i  o]       m  iti  tolUKrr  Bimhe,  bpaomlns 
iCi  worin  uori>n'iis   (lii>   unlorJHvIilfn  \V«I> 

wi  w  Armbeni  wittdforten.  Aus  dem  Vw&B 
e  eicfa  eii)<'  Atiyjihl  klninircr  Stan(«iL, 
wie  loieoo,  u^oz,  aemiA,  uranada  ali.  in  wcldini  m  iM-lit  cig^nl- 
licli  die  Cultur  ihre  höchste  Entwidttnng  iiilnniiii.  Hüili^t  uiurkvillnB^ 
trifft  nun  der  VerfitÜ  des  Onun^fadbclK']!  iliiilynils  in  Sjiauicu  mii 
dem  verbeerenden  Ein&lle  der  Araber  In  ila-  Ix'i'lH-i-laclio  NiirdalHca 
Es  ist  ganz  sicher,  dass  dli'  im  VIII.  JulirliuudiTtc  niuili 


legi  ei 

viele 

Pe 


Onaaigaa 
in  Ad 

gotl    1 


Spanien  gezogenen  Araber  flehte  Araber 
aurji  nhlreicbe  berberiBche  Elementi'  iHhi 
im  Osten  das  echte  VoUblnt-ArabeTthiun  tun' 
sammtbevancfflrong  biklete,  so  audi  in  Sikiuimi 
iiatHrliclien  Verhättnisse  eine  allmUilige  \vr\-' 
VdkBthnms  zvr  Folge  haben,  das  in  (ili  li  t 
H^niat  krinen  ausgiebigen  ^adischub  hk-Ih 
BerbfT  hingegen  trennte  nur  die  schiii:i!<' 
konnten  sich  demnach  leicht  über  Spanien 
die  Oberhand  in  der 


atlctn  ido  ftbrUn 
ilii-  Mwrciige,    So  wie   , 
■in   tVagiuonl   äer  Gf-   , 
iiiit'Ii  liior  niiMdCH  dh   ' 
j<'i'iiii;j   df^   arubUrliTU 
■jiiii'nmii)i    von   v-iutr 
rliiilt       Die   i(twitteti'ii 
iliL'.iiUD'sUUHKC    und  fii- 
gowannen  I 


D«r  UUm  ia  BHniea  uad  Afrie«.  149 

(Biaaml,  dsuss  nach  den  Omnuyadon  hst  ttberall  berberische 
rnartien  entstanden,  l»ercdtes  /eugniss  ablegt.  So  bildeten  denn  die 
erber  im  Wc«ten  jenes  Cultumumient,  welches  im  Osten  vorzttglich 
Hl  den  rersem  henorjnng.  In  der  That  ersc^hienen  die  a  r  a  b  i  sc  h  e  n 
Amme,  welche  1050  in  Nonüifrica  einfielen,  als  durchaus  ungesittete 
[Nnaden,  denen  hanptsäclüich  der  Untergang  der  nordafricanischen 
viümticm  znr  litöt  fällt  Wären  die  neuen  t^ndringlinge  civilisations- 
lii|Eer  gewesen,  sie  hfltten  ohne  Zweifi'I  in  den  eroberten  lündem 
für  Rricbe  und  Ihnastien  gegründet,  allein  sie  blieben  Beduinen  bis 
r  Stiimle.  Seltist  unflihig  die  erolierten  I^änder  ]K)Iitisch  lunziigestalten, 
rsturten  sie  xwar  nicht  gänzlich  das  staatliche  Gebäude,  das  sie  in 
Df*fi  vorfinden,  a1»er  sie  Hessen  gleichsam  nur  dessen  Umriss  stehen. 
ki  lleiche,  welche  vor  lofH)  bestanden,  gingen  also  nicht  eigentlich 
iUt,  ihn^  Fürsten  und  Dynastien  blielien  am  Ruder,  aber  deren 
arbt  n-ar  ein  S<^hatten  geworden.  Aus  den  Städten  und  Seehäfen 
ftrhtcn  sich  die  IkHhunen  nichts,  desshalb  Hessen  sie  dort  den  alten 
rnastien  weiter  die  nerrs<*baft,  ja  sogar  die  nominelle  ()l)erliolieit 
MT  ilie  Ijänder.  Fast  der  ganze  Theil  und  die  fruchtliarsten  Oasen 
T  Saliara  bildeten  <Ue  Weidegrttnde  <ier  Aral)er,  aas  denen  sie  die 
nheimtschen  lkTb(*rstänmie  theils  in  die  Wüsti»,  theils  in  die  hohen 
r4iirge  ziirüclcwarf(»n ,  cmUt  worin  sie  ilie  KingelK)rnen  als  Unt(>rthanen 
rtvegetiren  Hessen,  dem  äussersten,  weil  gänzlich  willkürlichen  Steuer- 
«irke  )irt*isgegeben  und  ]K>rsönliche  Unfreiheit  erleiden<l.  Die  Sultane 
r  gesitteten  B<Tl)erstaaten  waren  gänzlich   in  (He  Macht  der  ^Vraber 

Dieses  (remälde  sticht  freilich  ab  von  jenem  im  1»eiuu*hbarten 
«nien  zur  nämlichen  Zeit.  Das  (mmiajmlische  tlmirat  von  Conlova 
IT  wf>hl  der  Ueliormacht  «»iner  Wezyre  und  Statthalter  erlegen,  und 
rh  seinem  Sturze  zerklüfteten  zahlreiche  Parteiungen  das  islamitische 
Aiiien.  iKich  gi*lang  (*s  den  africanisc^lien  Almoraviden,  sich  für 
insc  Zeit  «He  verschie<lenen  kleinen  islämitisc*ben  Staaten  wieder  zu 
itcrwerfen.  IHe  Almoraviden  warm  /war  dem  schismatischen  (leiste 
iU|»ning<Mu  ihre  I{<*ligionHlN*wegung  hatte  sich  alMT  l»ald  ülwrlebt,  weil 
r  I'arteiglaulM»  nichts  lIetcro<lo\es,  kcincrh^i  n'ligiöse  Neuerung  ent- 
piU  jMmilcrn  nur  eine  \Vie«hTlM*lcbung  der  alten  strengen,  sunnitisc*hen 
mmMtze  war.  iH^ialb  gründeten  die  Almoraviden  auch  kein  Uhahiat, 
•dern  <*rkanntcn  die  abliasidisclien  Chalyfen  von  Ikigdad  als  ihre 
lilpöM^n  Olicrbäuptcr  an.  Dies  konnte  die  neuenmgssüchtig<»n  IU*rber 
rirt  brfne<Htfen  und  machte  sie  g(*neigt  zur  Aufnahme  der  Almoliaden. 

Y'A^ii  ein  .Ialirhun(h*rt  nach  der  arabisi'hen  UnterjtM'hung  liefiiml 
rb  ika^  IkTls^rthum  N<»r(bfriai*s  n<H'h  in  voller  LelH'uskraft;  da  raffte 
rli  ihT  im  giiisscn  Atlas  h'lMMide,  urkräftige  IkTlM^rstamm  zu  einem 
-«altig**n  Schlage  gegen  das  AnilMMthum  auf,  und  stiftet(>  die  neue 
F>rtr  thr  .\  I m oliatle n.  Ihre  dogmatische  Ikisis  bihh'te  die  figtlrliche 
»i  alb'tfori.M'li«'  D<'utung  di»s  C^on'iirs,  wäliren<l  ihre  sectii*erische  l*artei- 


')  M  «  1 1 1  a  n.      AutJamd  1873  No.  33  K.  448. 


loT)  Der  Orient  und  der  T«Uni. 

Stellung  die  Inshenge  aHxu  buehstählicbe  Auffassung  dct«  liciKgen  Textes 
ab  Anthro])omoi-pln9nms  verpönte.  Interessant  ist  es  in  der  Gegenwart 
daran  zu  erinnern,  dass  ein  Hanptdogma  der  Alniohaden  die  Unfehl- 
barkeit des.  Imam  (Mehdi,  Mahadi,  d.  h.  der  TerheisBene  ReligioDS- 
neuerer)  bildete.  Der  Isl^  ist  dem  Cbristenthame  mit  dieser  Idee 
um  etwa  sieben  Jabrbundeile  vorangegangen,  die  Almohaden  eiklftrten 
sicli  für  die  alleinigen  Träger  der  einzigen  richtigen  Anf&mmg  dcH 
isläm  im  Gegensatze  zu  der  übrigen  muhanmiedanischen  Welt.  Durum 
konnte  auch  nur  ihr  Melidi  imd  sein  Nachfolger  der  Clialyie,  der  Be- 
herrscher der  waliren  Gläubigen  sein.  Sie  verwarfen  nämlich  ganz  das 
genealogische  Princip  des  Imnmats  und  gestanden  der  Maine  der 
Gläubigen  das  Recht  zu,  den  Chalyfeu  aus  freier  Wahl  am  ernennen. 
unbekttmmeil  um  dessen  Al)stammung.  Dass  nun  auch  ein  Berber 
(-halyfe  werden  konnte,  tnig  wohl  nicht  am  wenigsten  zur  VoDk- 
thümlichkeit  der  neuen  Sectc  l)ei,  die  so  reis.senden  Aufschwung  nahm. 
dass  ihre  Anhänger  in  kurzer  Zeit  Marokko,  Algerien,  Tunesien  und 
das  muhainmeilanisohe  Simnien  erol)ei*ten.  <  i  Aus  dem  Jn1)el,  womit  der 
unfehlbare  imam  von  den  lu^hgebildetcn  Mulianunedanem  Spaniens 
aufgenommen  wunle,  kann  man  ennessen,  wie  gering  schon  damals  das 
arabische ,  ^ie  stark  dagegen  das  berlierische  Element  gewesen  sein* 
müsse.  F^rst  nach  dem  Untei-gange  des  Almohadenreiches  glücJcte  es 
den  africanischen  Beduinen  das  berberische  Element  wieder  niederzn- 
drücken  und  Noixlafrica  zu  arabisiren,  zu  dem  zu  machen,  was  es  heirte 
ist,  so  dasH  den  Türken  nur  wenig  hinzuzufllgen  blieb.  Ist  auch  heote 
die  Macht  der  AmlxT  gebroclien,  es  mag  wohl  noch  Jahrhunderte 
dauern,  ehe  diese  I^ünder  sich  wieder  heben  und  dies  kann  nur  durch 
die  Berl>tT  geschehen;  denn  ihnen  gehört  nicht  nur  die  Vergangenheit. 
ihnen  gehört  auch  die  Zukunft  im  Nordwesten  von  Africa.  *) 

Wie  man  sieht,  sind  die  Gesi^hicJce  S]>aniens  und  Nordafrica's 
unter  den  Moslim'.s,  den  Moriscos  cnler  Mammen  der  christlichen  Ootben 
rnit  einandei'  innig  vci'fliH^ten.  Die  weitere  I'^twicklung  des  arabiadieB 
Staatswesens  in  Spanien  führte  zu  Ei-scheinungen,  welche  man  gewöhn- 
lich dem  Absolutisnms  beimisst,  imter  „vicarircnden*^  Formen  aber  aaeb 
Freistaaten  charakterisiren :  Thronsti-citigkeiten,  Palastintrigoen,  Ai^ 
stände,  dann  auf  allen  Seiten  Gii\usamkeit  und  Barbarei.  Der  Monardd^ 
mns,  der  ganzen  Vergangenheit  der  Araber  und  ihrer  Nahnmnlige 
widei'strel>end,  .soll  Ti-sache  der  vielen  Aufstände  in  S^ianien  sein.  Dodi 
hatte  Niemand  ihnen  denselben  aufgenöthigt  und  ward  er  inderThatauek 
nie  bei  ihnen  l)eseitiget.  Wo  eine  Hegienmgsform  der  VergangenlNit, 
besondei-s  al>er  der  Natui-anlage  eines  Volkes  zuwider  ist,  entsteht  sie 
nie  s])ontan,  oder  winl  doch,  wenn  aufgezwungen,  wieder  abgeschflttdl. 
Sehr  richtig  l)emerkt  ein  gi-ündlicher  Kenner  von  den  ersten  Arabern, 
also  jenen,  deren  Naturanlage  besondei-s  in's  Gewicht  fÄllt:  „dieses  Volk 
hatte  alle  Elemente  zu  einer  aristokratischen  Republik  in  sich,  in  welefaer 
die  AralwM-  «lie  Iwvor/ugte  Ka<«te,  <li«»  übrigen  Völker  die  Parias  zu  sein 

')  M  Alts  an.     A.  a.  O. 

)  A.  A.  O.     No.  34.    S.  471. 


i 


Der  Trii»  In  Spanien  vnd  Afrle«.  151 

h^fffiimt  inin*n,  sio  kam  iiIkt  nie  ni  StaiuU»,  woil,  wir  o  sc-hcint, 
Nfraand  anf  den  (»(»danken  voiliol,  eine  Kammer  von  Abgeordneten 
der  militbiM'hen  Stfinnne  zn  bilden.  AVie  einfach  anrli  die  Maschinerie 
t\p>  Ili'prÄsentativsj-stenw  ist,  s«  ist  sie  doch  eine  FMndnnp,  die  pemaeht 
und  dureh  die  FjHlahning  verlwssert  werden  nniss/'  •)  Ja  wohl,  diese 
FxfiiHhing  ist  al)or  v<m  Semiten  n  i  e  gemacht  worden ,  sie  widerstrel)t 
\iolnielir  dein  seniitiRchen  (ieiste,  denn  sie  erfordert  den  Widei-sjmich, 
die  Discnssion,  *)  im  Keime  schon  in  den  Volksversammlungen  der 
ähesten  Ar}*er  erkennlwr.  Der  Semitismns  hat  seiner  Natura  nla^re  nach 
iHe  Tlieokratie  gelieren  un«l  nie  die  IHsi'ussion  vertragen;  man  vtT- 
<leidie  (h*e  rnduldsamkeit  der  monotheistischen  Lehren  des  Talmud, 
il^-s  diristenthums  und  des  Islam.  Die  spätere  Toleranz  l»ei  (liristen 
lind  MoKlims  l)ewei8t  dagegen  Nichts.  FY(»ilich  vei-steht  <»s  sich  von 
-i^lKt,  da.«««  an  Höfen,  wo  man  den  Weintrunk  statt  des  Fi1\]igebets 
Hnpreftlhrt ,  wo  man  d«*n  tnK*kenen  (ianmen  «1er  Derwische  verhöhnt. 
;si/«*neiiM'hlanke  Mftdchen  für  die  waliren  Muezzins.  d»'n  IJecher  ftlr  die 
U-str  Iiini]m  zum  KrU*uchten  der  Klaus«;  erklart,  tiass  tlort  auch 
keine  Spar  v<mi  (flau1)enszwang  gegennlxM*  den  Nichtmoslimen  stattfinden 
konnte.  »•  1H<»  christlichen  Untert hauen,  <üima1s  in  Spanien  wie  heute 
in  diT  Türkei  «lie  hnmensi*  Majorität  der  Uevölkennig,  konnten  nach 
« igfnttii  <fcfalli*n  ihn»  IHM-hofe  und  I^riester  wühlen  und  ihren  Kirchen- 
jf»4inliirlien  ungi»stört  folgen,  ungestört  wenigstens  seitens  der  lleliönlen, 
d**nn  an  gegeUM'itigen  Neckereien  zms4'hen  den  religiös  und  ethuivh 
hrtiTooi-nen  H«*inenten  gehnich  i's  nicht.  \Venn  die  MoslimV  kopf- 
•«•hftttelnd  v«in  den  <'hristi»n  sagten:  einfsiltig(»s.  lMMlauernsweilh<»s  Volk. 
da*  *kh  iliin-h  M»inc  l*faffen  iM'trUgj'u  lü-^st;  welche  Thorheit  ihre  f^ftgen 
m  frianfwMi!  mi  konnten  die  (Inisten  mit  IJccht  das  Nftmliche  von  den 
AH^mlititten  des  Islam  iM'lmupten.  Ihunit  wuchs  die  gegenseitige  Kr- 
HifttTTing  nnd  trotz  des  blühenden  Zustand<»s  in  (rewcrlM».  Kunsttteiss 
nnd  Wüwenscluift  «»itnigen  <lie  sjijinis4*hen  ('hri'*t<'n  nur  zithneknii*schend 
ib«  Jorli  der  islAmitis^'hen  Kindringlinge.  Ik'iderseits  •«teigf'rte  *iich  der 
Fifiati^nins  in's  rnglanbliche  und  führte  /.u  masslosen  Auss<'hi"eitungen. 
M  t^  \ofn  Standpuncte  des  Philanthn»]KMi  tief  In^trülMMid  luid  nieder- 
drUflcend.  zu  H-hen  wi(>  di(>  MeiiM-hen  in  sohhen  Füllen,  und  /war 
irnMie  diireli  <lie  Keligion  zu  ein<'ni  Wüthen  in  den  eigenen  FJugewei- 
4«v  «•■••rächt  wnilen  können,  ^n  erli-idet  seilest  durch  solche  Ik*trachtung 
dip  .\ii«d«*ht  Mm  der  Nützli<*hkeit  der  Religionen  keine  Ki"schüttemng. 
Iht'  l'>6hnnig  h'hrt.  ilass  nichts  die  .Mens<-hen  mehr  zu  tiTunen  vermag 
iK  M  ••  i  n  u  n  g  s  v  e  r  «*  e  h  i  v  d  e  n  h  e  i  t .  gh'ichviel  ob  anf  i-eligiA«em 
'■Wt  ^in-itigem  (Ji'biete.  In  <ler  (ielehrtenwelt  halMMi  mitunter  die 
tMitiKMen  iKmker  Heb  mit  bitterst<'m  Ila^ne  xn-folgt  und  bekttnipf) 
entgfv«*nge^»tzter  .Knsichteii  üImm*  oft  kaum  neinienswerth«»  (lering- 


'    Haf  «hf.  t.   Vhymtrt  ,»ml  l'ofittrß.     H.  l.^ft  fl. 

*■  J    Br*uQ,  OtmUtttf  der  mphammeH.    Wett.     H.  A'il. 


162  Der  OdMi  «^  iM  Ukl.     • 

fugigkeiten.  >)  Mainiii^diTergeiii  Ober  Taili  ■■  Altla^lrbnu 

bat  mehr  denn  einmal  Freunde  in  F       e  Tei  ,    ,iif  giolltiMJwu 

Felds  aber  Menadien  in  den  A  n  Andertr  zu  ^'erbrecbuni  micr 
AUrtjrern  geetempelt  Der  poli  J  täkuapf  zwisclicn  Monarcbixlcu 
und  BepuUikanent,  »nscben  moi  c  iatoi  und  ßopublikaTun-n  vi-r- 
Bchiedeür  Elrbong  nnter  aicb,  bat  ni  ^iches  littilvct^cF'Nrn  vcranteesl. 
Allen  diesen  mannigEftcben  Erecbänniitj  m  Hegt  nnr  cdne  nd  doribt 
Ursacbo  in  Gnmde;  die  Ideendiffereni.  Sind  udi  die  Tfkj^lh 
logischen  Torgftnge  des  Denkproceeeea  nocb  lange  niAt  ennltt^,4W 
muBs  docb  ao  viel  zugestanden  werden,  daas  CHeiddUnd^Wb  ^1 
Dive^eni  des  Denkens  auf  pbysiologiscben  HomenteB.  liei:Ä&  Wk 
steigen  aocä  bier  eu  emer  natOrlicben  QndlebliaaC  Bmt-.yHiltmß 
Betracbtong  Idtet  mr  ^iienntniss,  die  aat  UeenarMbiMB^tiliM 

^l^ningenen  K&mpfe,  Febden  and  »intigein  OraniHriniteB  nkUi^a»- 
den»  rind  als  der  Kampf  nm  die  irbeit,  nimlldi  jener  lahiwii 
tiven  Wabrheit,  weldie  die  V  ft  oft  all  Irrthnm  flBtpqp^ 

die  aber  der  Menge  allem  1  lo  hk  gewibil  Kidd  wh  mtr.iat^ 
sondwn  ms  sie  für  wabr  halt,  i  gt  die  MenschhelL  Kefa  ,TÄ 
der  Erde  hat  nocb  fbr  Ideen  gestrit  und  griihtat,  die  e 
wahr  hielt;  kein  Denkender  bebant  oei  seiner  IT  ' 
von  ihrer  Wahrheit  aberzeugt  ist 

Diese  sobieolive  Wahrheit  erheischt  eeütem  des  CullurTorwbcn  ilie 
hödwte  Beachtong;  sie  li^rt  den  SchlOmel  au  Jen  scbdnbar  hderth 
gensten  Phänomenen.  Uarie  Alacoqae,  die  in  iin.'M-ren  Tuffen  vii'l 
genannte,  war  keine  Schwindlerin,  kdne  Betrflgcnn;  van  «ig  bchauiileU, 
beruhte  auf  Babjectirer  Wahrheit;  sie  bildete  xiih  i>in,  ulM•^uUd^ 
tiche  Uesciite  erbUckt  xa  haben  and  war  v>iii  ilcr  WuhrliMt  ifares 
(jCBcben-  und  Empfondenbabcns  Oberzengt.  So  bildi'ti^u  dio  ]tIciL-«-lii-u 
sich  ein,  diese  oder  jene  Beligioa  sei  ^  Walii-Ii<^it  iiml  bbiU'ii  wüüit 
diUUr;  so  bilden  Andere  sich  oin,  die  HerrsdiaA  ämii  Ihm  Larli»,  IhMt 
Miguel  und  sonst  Jemands  sei  in  Wahrheit  ein  ■■rNtn'b<<n.<w(-t-tlic«  ülask, 
und  lassen  ihr  Leben  dafür:  so  Uldeten  die  Milium-  di>i-  &bfpi'kcu&- 
berrachaft, sich  ein,  die  J^Yelheit  und  Oleichlieii  »ei  in  Wahrheit  da 


')  Mao  s*d«Dk«  dar  Anfalndmi  aliiM  Okiwln  dkreh  Ftrua  wiHftmehiinfickM 
(hcatr,  vaa  d«a  BlahtwlHUwkaftUchu  KllStti  gu  alFlil  t.a  Tcdea.  Waleba  UoaM 
■tttriU  ilak  sieht  uf  D>*l(i  8(ras«(,  all  diMU  dv  ibualcliciLiliu  Mainuag  «lax 
kldaaa  KtaUa*  dtakcBdar  Hanishas  ABidroak  au  vctli^ilicn  wactat  KM 
8lMdp«aot  Ib  JUmt  F»|a  Ist  dJaMr:  AU*  Ballgloata  «lad  InlliiiFii;  lilfar  iritku*  M 
DDlkwwidli  (Dr  dl*  H*«HB,  Bloht  ni'r  dis  klsloa  Bskur ,  dio  il»  .Wir*  In  tUna«' 
Bacli  Ti>nt«nL  Hnr  Rti  dlsH  Ut  Mla  Buch  |«M>kTi*b*a  uuO  van  dloian  .WIt*  01- 
lakalnan  wordas.  SiMer  .Wir*  (lud  niekt  vMa,  dtrh  ctahnmi  liFh  ftn  tt» 
KorfpkSan  dar  WIuaiuBkmft  wU  E.  Hiakal,  Horli  W*CB^>  (Mmpar,  Ki>,d|liatu,  «M 
dl«  VaKluomnai  du BtTuu'iikaii  BaokM  Hlanil,  w  rSkn  >l«  ■»£><«. rlitinllik  tasdu 
Uouai|ii«uaa  ktr,  nalake  ilsh  In  palitiHhat  mwiokt  Ott  ?<ir*i>»  «ui  dar  Ainthnl 
Uirwln'sfhen  Lab»  argaban.  Dis  TonStniui  leaaiuea  flitlxihAa  rr.lgar<ii«M  (■ 
M  minelio  aodora,  batagdan  hintlcktlich  dar  BraaUinin«!  llrr  dl<'  llollKlcnl  'Ind  j» 
dureluua  loglicb,  Ja  dl*  eiailg  D«(llchan;  la  tat  back  bj;  ^r,  y.^xi,  da»  oan  »h 
arkaBDa,  wla  dia  Tktottmc  KodarMi  Pkraicabcldcn  btl  Jff  nudutnaB  KalVTfMarbM^  J 
kalM  UntanlStniig  fladaa. 


B«liglö«-pklloMphlteli«  SDiwiekloBC  de«  IsUms.  153 

tnMlirsiäche  ZuHtand  und  —  köpften  ihre  Mitbürger  aus  Ue1)or/eugujig. 
e  Aubjcctive  Wahrheit  ist  es  endlich,  welche  allem  Hechte  zu 
imdc  liegt.  Die  vergleichende  Völkerkunde  lehrt  in  der  Mannigfaltig- 
H  diT  iN^tehenden  Uechtst^egriife  und  Rechtsüberzeugungen,  dass  ein 
ijcctivcK  K(H;ht  nicht  vorlianden  und  die  ('Ulturgesi'hichte  l)e8tätigt 
w  vollkommen.  Alle  Kiüni>fe,  die  nicht  Namens  des  (jlaul>ens  ge- 
int wurden,  pHegen  an  irgend  einer  Rechtsfrage  anzuknüpfen;  beide 
icüe  glauben  das  Recht  auf  ihrer  Seite  zu  halien;  beide  Theilc  }ial>eu 
an  oft  den  nämlichen  Gott,  jeder  um  Sieg  für  die  gerechte  Sache 
igpüeht. 

Auf  die  Ge&hr  hin,  das  Maass  dieser  Abschweifung  zu  |lber- 
hrciten,  muss  ich  noch  weitere  Betrachtungen  dem  Vorstehenden 
iTriheiL  Die  Thatsai'he,  dam  alle  Völker  einstehen  ftir  die  subjective 
ahrheit,  also  für  den  Inthum,  wie  es  unter  den  gesitteteren  Nationen 
Konflers  die  Religionskriege  beweisen,  die  nach  dem  oben  (lesagteu 
i  v«ilIkommen  natürliche  Erscheinungen  aufzufassen  si'in  wenlen,  lässt 
Btlkii  erkennten,  dass  Ideen  zugleich  Interesst^n  vertn»ten.  Ideen,  ob 
iitige  oder  fals4*he,  sind  geistige  (rüter  und  diese  bilden  zugleich  die 
chslen  materiellen  InteresscMi  der  Menschheit,  denn  an  sie  knüpft 
h  «lii*  Frage  niu'h  tler  inneren  lk*fri(Mligimg.  Mit  gutem  Vorlxnlac'ht 
nne  ich  dic»se  ein  materielles  Int(»rt*sse,  denn  innei*e  Ik'fnedigung 
gk'icbU'fleutend  mit  inliscluT  (tlückseligkeit,  j(*nem  Zustande,  der  als 
MeiMN  Ziel  allen  menschlichen  RestrebungiMi  winkt.  Darum  zu  allen 
itpu  Kämpfe  für  bU^en  als  das  köstlichste  Gut,  seien  diese  Idtvn  nun 
rköri'PTt  im  Poly-  oder  Monotheismus,  im  C'hnst<Mithum  o<ler  im 
lain,  oder  gar  in  den  Abstmctionen  philosophis<>her  mid  iNiIitisdier 
-«tf  1*1110;  sie  sind  stets  mi  jeweiliges  Ideal,  und  dieses  ist.  wie  S4!hon 
vAhnt,  unter  allen  rmstiinden  niemals  die  Wahrheit.     Allein  es  sei 

idi  nie«IerhoIt:      ^^       i      t— ^i        •  *    i      r  x 

Nur  der  Irrthum  ist  da.s  Let)en. 

Nicht  als  ein  Zeii'hen  tiefer  Rohheit,  die  an  thi(*rartige  Zastände 
ihnt,  werden  wir  demnach  die  Religionskilmpfe  iM^tnuiiten,  simdem 
rwk*  als  ein  Merkmal  selum  gestiegener  Cnltur.  Wo  um  des  (ilaulK*ns 
iJl«*n  Dlutstnime  tliess<Mi,  dort  sind  Me(>n  Jüngst  als  Güter  erkannt 
mi«*n,  A*ren  Werth  sellist  höhen'  als  thierähnliche  Kntwicklungs.st adieu 
rh  nicht  /.u  iH'UH'NSfMi  wiss<*n.  Auch  hier  s<*hiirft  die  Kthnographic 
B  lUirk  und  k'wahrt  vor  der  Rehauptung  irrthümlicher  U*hn'n.  Die 
br»4fn  Wilden,  an  der  alleräussersten  Grenz«»  des  Fetis<'hisnius,  obwohl 
fib4  iM^Milndigem.  mönlen*<4*lien  Kriegs/ustandt*  unter  einander  h'lK'nd. 
»■ff«'n  iiirht  d*'s  (fJaulMMis  IuiIIht  zu  den  Waffen.  Dt'u  Fnnordungen 
n«tli«*lH*r  Mi"«Monäre  lieut  Ihm  ihnen  nirht  der  (iedanke  t^iner  (lefahr- 
\mK   ihn-^    <tot/endien>tes    zu    Grunde,    soiuh^rn    antlere.    meist    nrlit 

i«i-ln'  Mi»ti\e.  Auch  i>t  das  Ki-^ehlagen  einiger  Fn'indlinge  kein 
für  <>ine  etwaige  Krhebung  des  Volkes  gegen  4*ine  S4*inen  (ilaulN^n 
«lnibi'n«ie  l'elN'nnacht.  Auf  jenen  Stuftjn  der  Kntwieklnng  wenien 
rit-ffi'  iht'iK  tlurcli  Stn'itigkeiten  nmt<Tieller  Ai1,  theils  durch  den  auf 
Htm  ilunkeln.  in^tincti>en,  angelMirnen  (iefühle  iMM'uhemlen  RactMi* 
LI«  \i  r.inla.s^t.     Was  fn*niden  Rlutes  ist.  ist  an  sich  ImssiMiswetlh.  und 


IM  bmOt 

fchra  wir  ^ne  niSeMfgirtf  i 
Ton  den  untpritten  SttÄln 
hindnrdntindcn  nnd  am  Vrf 
Alte  weitere  Gedttnng  du 
den  Hintergrund,  «chwid»  ' 
ansktsdien  ni  kOni     l     E       i 
V(rikem  ni8]rredien  i,  wo  an  < 

al«  wirkende  Motive  treten,    Danin 
Hegnngen  obenan  und   so  wider^recnt  id  e«  m   der  i 
liMckenden  Beh&ndluiig  der  Cnltorgtechicfate  klingt,  der  die  i 
alhnRIilige  Entwichlnnf;  der  Cnltnr    von    f 
gendc  Beoinchter   iiiiihi  im  Basen   der  I 
gcwaltigein   llcht«-lohen  Bnuide   a         -iHi-   l'hiiiinii'   il»  Iiciikeu 
Krilssen.     Die  in  dieflcui  Kampfe  ner  iieiMiT  ncborpiifl  umt  entwicta 
Vendiirfiing  des  Denkens  miwate        u^fnifliftK  dniiin  fnhnni.  i-fnend 
üic'b  Ober  die  rardinalpnnrte   rieier  r   igiii   /.»  >'ci-)>tSiid)Kf n ,   ändert 
<«itH  aber  auch  Differenzen  In  imte       rdintin.  Fi-OIi'T  uiiU^tu'htPt  gi 
Uiebenen  Pnncten  m  erzengtm.     Die  ivhtl  <mj>'I-1ivii  ilm  MciiiungMitiC 
whiedeuheiten  V  e  r  e  n  g  e  r  1 0   »icb  kwhi.   *  im  i  i  iii  i-  lirli  abe!" 
ziigteicb.     So  kämpften  die  Cbiiaten  rnn»!  i.'cg«'»  ili-ii  I^läm,   daa] 
s])Atteten  sie  sidi  in  Katlioliken  und  Proli'Hiiiiili'ii,  ciullinli  Iwifttoji  «W 
die  yersdiiedenen  Confendon      de«  Fn)teKtiiiitiMiiii<>  unter  einaindcr  tri 
strts   wadnender  ErWtteni  in  dei'  lip^ciiHiirt   di-oht 

den  Katbullken  imd  den  «nue     aieii  AWtiilli'ilikfii.  ilir  HtiKlwrflpn  i 
In  einem  einzigen  Pnncte  vi     innen      4i  ni\ii-ixAv'uh'M.  ein   ähnlldMr 
Zwist  anmibrecben.    Erst  i  r       Ow-  .Mimuni  M-inr  /Zugkraft  <" 

bflnte,  also  wieder  ein  bOhei     w  «(;iiliiiiii  ci-klDiiiniiii  war.  rtib 

die  Klinpfe  anf  dein  Fekle  i      ü  s,  jfldi^li  IiId»  imd  Miih  nnf Jt 

der  Politik  xa  fiberti-agen.    Am  du  dn<l  si<-  M  den  fiHlguwIiritUi 

Vftikem  Pkuroi«'»  bis  bente  ;  len,  nnr  isi  in  ibifi'  iintflrllrbt«  1 

wifidnng  die  Politik  ans  den  \.i  «t  icr  l'iii'uti'n  iti  dio  V'olkakaiBmini 
gewandert,  nattlrli(4i  (riine  i  i  9e  ie  Mmlii  lillil<-ti.  den  l^iir  d 
RreignisHc  in  bemmen  nnd  diu  u  n  üninH  iln'  Kmv  ■'u  \imHviäiatt 
Ob  BeligionskrJegi'  beute  nort  nnrer  den  inili-iiicii  F.iimiiä^ni  inftglUi 
•lind,  BteW  dabin,  docb  Qbt  die  re  e  M<'itiiiM).'-M'iN,-lii.>i|ciilii-H  not 
yi»At  geang,  nm  innerhalb  eine«  ti  es  lifiitziiKHu',  ni>iin  aiic}i  in 
Mutige  Klmfrfe  tu  veranbaien.  Bei  <  n  mindir  Kinilli-u  Vi>lkr>rn  dl 
Ostern MJHwren  selhit in dn* Gegenwart  nocti  IhIih  VritMtion  Ar*  Vacltihm 
des  heiligen  KrirgeH,  mich  Jnng  und  AH  nii<  ilic  ^■lüiu-  F'ahnc  Av*  Pn 
pheten  xnm  Kampfe  gegen  die  tilaubenxfeiii'lr'. 

Dir  Bedcutnng  der  (itanbendcampfe  itnd  llfliKion^krii-ge  tu  d 
Cultui'gevcbichli'  Hcbicn  mir  itiese  Iftngere  Ali^Hiwi-ifiui^  kii  nvMAirtlip 
V*  lag  mir  daran,  ibrc  Stelle  bei  der  i'iNicn  llcgi'gnniig  m  Hdn 
Im  moclim'st^lien  Spanien  ISiwt  sich  merst  iliis  Aiift-iiiaiidoriitHtxm  xwvl 
»■erschirdenrr  Religio nmrirteme  am  bestiit  l>pnhachtcH:  drr  pawi 
Widerstand  der  L-hristliclien  l'ntertbaneii.  die  iifTrnc»  AngrilBr  4 
KOthist^h  (leltKebcnen  Spanien  anf  die  ouirtiinleH.  < 

find  nnr  verscbiedeoe  Können  einer  ttna  i  inung.    Oiln^ 


A^flrdigmig  4er  ftrtbli>ebeii  CuKur.  ifin 

«dl  ff*i^txnliaUfMi  H,  4tas»i  Keligionskriego  nicht  nur  keinr  nnnatftr- 
sondern  vielmehr  natürliche  Ereignisse  waren  nnd  liei  gcwiJisen 
B  noch  sind-  Allzn  geme  vei*gis8t  man,  dass  nicht  Cinlisation, 
n  Btrhurei  der  nrsprt^ngliche  Zustand  der  Menschheit  nnd  es 
ner  ganz  pmngen  Zahl  von  Völkern  gehnigen  ist,  sich  di«»seni 
tfn  Zwitand  zu  entwinden.  Pflicht  der  Cnltnrforschung  ist.  auch 
MiRtgestiegenen  Nationen  an  das  Thierische  ilirer  Ansgangs- 
i  ra  mahnen. 


Würdigung  der  ariibis<«lieii  tiiltiir. 

LKe  geistigen  l^eiHtnngcn  der  Islannten  \  erdienen  um  so  mehr 
mnnng,  als  ihr  AuBgang^pnnct ,  das  arahische  lieduinenthnm. 
■f  einer  s<'hr  niedrigen  Tulturstufe  }H'fan<l.  Allenlings  erfolgte 
kerer  Au^'hwnng  «Tst,  nachdem  liie  Ai-aber  nn*t  der  giiechiwhen, 
ler  iiersischen  und  indisi*hen  Literatur  l»ekannt  geworden.  Allein 
Diche  geistige  \Vechwl Wirkung  findet  sich  melir  oder  minder  liei 
Nationen;  lasKMi  sich  (k>ch  sell>st  M  den  genialen  Hellenen 
gmionHMite  nauHMitlich  i>hönikis<*hen  nnd  ftgyptisc'hen  rrspnings 
cfiMii  erkennen;  immerhin  hleiht  den  AralKTU  «las  Vei-dienst, 
inen  Irkannt  gewordene  fremde  Cnltur  nicht  imr  \m  sich  anf- 
laeii,  sondern  auch  mit  Eif«»r  ge])rtegt.  gefi^rdert  nnd  nach  ihrem 

venu-l»eitet  zu  hal>en.'' 

ine  solche  landlftutige  Wünligung  der  islamitis(>Jien  Culturcnt- 
tifc  leiil«»t  an  augenscheiidiclM'n  Allgemeinheiten.  Von  einer  sehr 
!en  Cnlturstufe  sind  nicht  ntn*  die  Be<lninen.  sondcni  fast  alk* 
rölker  aufgestiegen:    Hellenen.    KOmer    nnd  (tennanen.     Sie   alle 

dftK  Vrnlienst,  <lic  ihnen  iN'kannt  gcwonh*ne  fi-euHk*  Cultnr 
nar  anfgenonnnen .  scmdtM'u  gepflegt  und  nach  ihrem  (tt^iste  ver- 
i  zn  lial»en.  So  weit  entlocken  also  die  Aralxjr  keine  lx»sondere 
demng;  hftheit^  Staunen  als  dies<'  licistungen  der  .Vralier  nnd 
^nannten  (*nltumationen  vcn-dienen  si<iier  die  ChinesiMi,  welche 
tien  HO  i-oIm'U  Anfängen  zu  ttlH-n-aseliender  Höh«'  aufgestiegen 
ohne  fn*mden  lk»lehningeu  ii-geiul  etwas  zu  venhinken.  Was 
rtxten»  aulwlangt.  so  ist  es  richtig,  dass  s^deh'  wechselsintige 
litnng  d«'^  (i#*ist<»s  mehr  «kUt  wenig<'r  fast  ülN*rall  stattgefunden 
■bf-r  den  rmfiing  soh>her  fn*mden  Uildungsmomente  zu  ergritnden 
wt/i»«t«*Ilen .  das  ist  eben  die  Aufgabe  «l«'r  Cultur- 
lichte.  wenn  ^\v  andei*s  die  Culturentwicklung  erklären  will, 
e  M  e  n  g  e  und  (^  u  a  1  i  t  ft  t  des  aufuenonuuenen  frenul(*n  Hildungs- 
giht  siclM»rlich  einen  untrOgliehen  NVei-thme<s«»r  für  die  Stelinnff. 

einem  Volke  in  der  liesehichte  der  («»sittung  zukonnut.  l'nd 
iben  die  Mi'Uge  und  (Qualität  der  fn>mden  Hildungselemente  M 
lrilen«*n  «Twies<»nennasM'n  eine  so  ül»eraus  gi-(Hs<»  ist,  Imlie  i<'h 
kbKcben    I/dieserhehungen     diesem     genialen    Volkes    unterla^i^en ; 

in  allen  IHngen  ist  der  Keim  wiehtiger,  als  die  Kntwiekinng: 
Me  kann   ohne   letztere  >orhanden   sein,   niemals   alier   letztere 


150  Der  Orient  und  der  lelim. 

ohne  den  ersten.  Indem  Giieohcu  nnd  A)-alx;r  die  empfangenen  Keime 
in  ihrer  All  auslnldeten,  thaton  sie,  was  sie  nicht  latssen  konnten, 
wozn  ihre  et  hn  Isch  e  Anlage  sie  unwiderstehlich  zwang.  Dies  ist 
so  sehr  wahr,  dass  <lie  gesannutc,  mit  lUvlit  gepriesene  Cultorcntwick- 
lung  der  iHlAmitisehen  Völker  sich  ausw»hlic8Klicli  auf  die  iVraber  und 
ilire  Lehrmeister  Ix^schränkt,  nicht  aber  von  den  tatarisdien 
und  tiUkischen  St«1nnnen  gilt,  die  gleichfalls  den  Islam  angenommen. 
Das  nationale,  nicht  das  religiöse  Moment  gibt  in  dieser  eigen- 
aitigen  VerarlMMtnng  des  fremden  Culturstoffes  den  Ausschlag.  Gews* 
war  seinerzeit  der  Islam  nicht  nur  kein  Ilemmniss  in  der  tlntfiiltung 
<l(T  Gesittung,  wie  Viele  glauben,  die  ihn  nach  der  Gegenwart  l»c- 
urt heilen,  sondern  In^kundete  einen  wesentlichen  Fortscliritt  im  Hinblick 
auf  di(i  früheren  Zustände  der  semitischen  Araber, 
nicht  abi'r  im  Hinblick  auf  das  (lu'istenthmn ,  welches  die  gennanischen 
\'ölker  ei*gi*iffen,  nm'h  selbst  auf  den  Parsismus,  den  er  in  Persien  za 
N<Mnicliten  sich  l)emühte.  Die  menschliche  Kntwicldung  bewegt  sicfa 
stets  nacli  den  gleichen  (resetzen,  nur  (b*ücken  diese»  sich  je  nach  den 
Völkern,  unter  denen  sie  wirken,  durch  eine  verschiedene  Formel 
aus;  desslialb  muss,  um  das  allgemeine  (resetz  zu  entdecken,  der 
Culturln'stcniker  die  Vr»lkerkunde  vor  allen  andeivn  Wissenszweigen 
iK^vor/ugen.  Dann  wird  vr  sich  htlten,  von  einer  islamitischen  Cultu* 
dort  zu  sprechen,  wo  nur  von  einer  aralnschen  die  liiHle  sein  kann. 
Hat  nun  der  Islam,  hat  (ks  Chnstentimm  gar  keinen  Finllusii 
auf  den  Gang  der  Entwicklung  gt»habt?  Sicherlich,  wer  wollte  düs 
\ erkennen.  .Ulein  dies(^  Kinwii'kung  blieb  doch  inuner  (lic  seeandäre, 
niclit  die  primslre.  War  ja  schon  <li(^  Animhme  dit^ser  oder  jener 
Religion  an  sich  eine  Folge  verscbiedener  Ui*sachen,  worunter  den 
g(Mstigen  AnJagen  d(T  Völker  eine  Hauptrolle  zußlllt.  Jedes  Volk 
verarlMMtet(»  ferner  diese  Keligion  in  seiner  eigenaitigen  Weise,  wie 
sich  dies  In^sonders  deutlitrh  am  Islam  wahrnehmen  Iftsst.  Man  ver- 
glcMche  den  Islam  der  Aralx^r  mit  jenem  der  Perser  und  TUrkcn; 
jcn(>n  von  Cairo  mit  dem  von  Standu'ü  otler  I^k;)uuii!  Je  nachdem 
ein  Volk  nun  nach  Massgalu^  si'iner  natürlichen  Ik^bung  diesen  Ver- 
arbeitnngs]>rocess  ras(*her  (Mh*r  langstnner  vollzieht,  tritt  auch  rascher 
oder  langsamer  jenes  Stadium  (mu,  in  dem  jede  Ileligion  aus  einem 
Culturfortschritt  ein  Culturhinderniss  wird.  In  der  von  Parteileiden- 
schaften durchw(ihlt(>n  (iegenwart  fehlt  nur  zu  liäulig  die  Krkenutnisi 
Iwi  den  Kinen,  dass  für  die  meistfortgeschnttenen  Völker  die  religiösen 
KinflUsse  ein  IIennns4'huh  jvdvr  weiteren  Kntwicklung  sind^  bei  den 
Anderen,  dass  (liest*  nändichen  religi<')sen  FJutlttsse  seinerzeit  den 
grossten  ('ultl^*vor^prung  b(>kundeten.  Ik>m  fulturforscher  geziemt  es, 
bcithMi  Sätzen  gerecht  zu  wei'th'n.  Ohne  Voreingenommenheit  erkennt 
er.  dass  anfänglich  Christenthmn  und  Islam  ftir  dtus  r<»he  Kuroiia  ud 
.Vrabien  ein  ungeheurer  Culturgewinn  waren;  dass  die  Verdrftngang 
des  C'hriMeiithums  aus  tU'm  nördlichen  Arabien  dm*ch  den  Islam  dort 
eJKMi  so  wenig  ein  Rückschritt  war,  als  die  Verdrängung  des  Ileideir 
thums  durch  die  chri>tiiclie  Lehre  bei  den  Kümern  und  Griechen;  er 
wird  aber  ernstlicli  protestiren  gegen  jede  Unter-  oder  UeberschAtziuig 


WOrdlgaBg  der  artbisehen  CuUnr.  157 

»inos  iKespr  bdden  Religionssysteme  zu  Gunston  des  anderen,  abj^eleitet 
ms  <Ut  gleiclizeitij^en  Civilisationsstufe  ihrer  Ik»kenn(T.  Manclie  Völker 
irmnchen  eine  lange  EntwicklungsfriRt,  andere  steigen  hoeh  in  ras(ii(»r 
Wt;  nicht  die  FYueht,  die  am  schnellsten  refft,  ist  aber  stets  die 
tf-liiiuickluifteste.  Als  die  arabische  Cultur  erblühte,  Ximcn  Euroi>a's 
Veltker  noch  in  tiefer  Barlmrei,  nicht  wejijen,  sondern  nmii  trotz  ihres 
[lirii«tenthunis,  das  sich  damals  in  keiner,  gesunde  Knt Wicklung  aus- 
iriilieMiend(*n  Stagnatitm  befiind,  wie  die  Folj^e  liewies,  die  gerade  sie 
Im  liöHisten  Regionen  (Ut  ( reist esentfaltung  entgegenführte,  währen<l 
fip  Maniitischen  Aral»er  weit  zurückg(»l)liel»en  sind.  Und  wenn  dem 
lait  Kecht  apponirt  winl,  die  dermalen  höchst  gestiegenen  Völker  hätten 
ilire  Höhe  nur  im  Kampfe  gegen  Cliristenthum  und  Kin^he  erklonmien, 
w  feit  die  Antwort,  «liss  eljen  dieser  Kampf  eine  der  wi(*htigsten  Ur- 
«rhen  unj»erer  stolzen  ( Zivilisation  sei.  F^  ist  der  „Kampf  um's 
[ÜMieifi^  auf  dem  (lebiete  der  bleen.  Und  weil  dieser  Kampf  um's 
[IwiHn  hei  den  Islumiten  nie  zu  solch  g(4stiger  Wuth  entbrannte,  sind 
^e  ehen  zuröckgeblielien.  Die  (re<laidccMi  aber,  welche  bei  uns  den 
Kampf  gegen  Religion  und  Kirche  eröffneten,  sie  waren  im  Schoose 
flfT  rhriHtlidMMi  Völker  gelioren,  von  Religion  und  Kirche  selbst  ge- 
Beiligt  worden. 

Ich  habe  mich  bemüht,  in  dem  (resagtcn  scmder  Vorurtheil  zu 
■atn-sdieiden  den  Anthiäl  des  GlaulK'as  und  den  Antheil  des  Volkes 
aa  der  Cnlturentwicklung.  Das  l*Irgebniss  meiner  Prüfung  geht  dahin, 
ilim  der  letztere  schwerer  wiegt  als  der  erstere.  Wenn  demiuich  die 
Btethe  dfH  Orients  gegen  Knde  d(*8  ersten  Jahrtausends  unserer  Zeit- 
miuiQm^  anstatt  dem  Isläm  liaupt.sächlich  dem  arabischen  Volke 
zn/ir^cbmlien  ist,  so  liegt-  hierin  eine  hohe  Anerkennung  der  semitischen 
Scanifiies(*igeiiscliaften.  Um  so  getrost43r  darf  ich  der  Ptii(!lit  nacli- 
knmiiieti  zu  zeigten,  wie  Vieles  von  dem,  was  als  ein  Pn>duct  arabischen 
limtM  gilt,  sich  lK?i  genauerer  IVüfung  als  fremdes  Element  ergibt. 
la  f-mter  Linie  steht  auch  hier  wieder  das  Perserthum. 

In  RaKsnra  mit  einer  zahlnMchen  Ik'völkerung,  die  jicrsisch  als 
Malter(|inirhe  redete,  bildete  sich  <lio  erste  arabische  (leh^hrtcnschule, 
di(*  nicht  wie  die  hohe  Schuh»  von  M(»kka  und  MtMÜna,  nur  Qoriin 
anfl  Sunna,  xmdern  auch  grammatikalische  und  philologische  Studien 
Irii'h;  fiarin  allein  s4*hon  iK'kundet  sich  der  UnterschitMl  zwischen  arischem 
aaiJ  Miiuti«*cheiii  (reist,  welch*  letzterer  sich  vorzugsweise  mit  religiösen 
Titieleik'n  bt^iaftigte.  Die  arabische  (frammatik  ist  eine 
>rhöpfung  der  Frennlen,  der  Anumier  und  Perser,  und  ging 
an^  dem  IWörfnisse  lier\(»r,  richtig  arabisch  lesen  und  s]»reclien  zu 
Irrmm,  ganz  l»es<m<h'rs  für  Nichtaral>er,  welche  den  gebohrten  Stutlien 
«^-fa  wiibiH'U  wollten.  Als  (»s  dann  Mixb»  ward,  mit  gelehrten  StudicMi 
aihl  Aini-r  Rücberbildung  zu  prunken,  wandten  sich  auch  die  arabisclu^n 
Itrk-hrtrn  (iii-nen  SUulien  zu,  ent>i ickelten  al»er  die  Spra4>hlehre  ganz 
ia  aimliiM'iien  (ff€*iiite,  iL  h.  mit  echt  semitischer  Vorliel)e  für  Spitz- 
ändigkettcn,   zn   einem   in   die  abutrusesten   Haarspaltereien   ausarten* 


^ 


den  Syitem,  wdcJior  mcttt  and  Rclilndil  dw  »MB  JTintwfc  1^ 
Uiebou  iaL*) 

Von  den  in  den  Kdnaten  dei  Vütiltma  od  dav  Htltm'GMil^ 
•ation  wugebildeten  Bjnantiiieni  imd  FerM'in  i-ilii  riiui  >lif  AiiiUm  aadfid 
pine  bekannte  KiMMnung,  abenMchenil  -i-lim-il  ili.'  KikuHtf  <!■'.■<  gtt^ 
«eiligen  IiebraugeaiMCS,  des  Ltuus  nnd  <lii  >. inMl^in-i  Itjc  ('IwJyfrn 
iu  DBrnABcuH  Borliten  mi>  Inld  mit  i1bi<  (<l<ii/'  ihr  .Maj(>»tat  ^u  um-  , 
geben,  ro  weit  die  noch  sehr  ftUgemeiuen  Kiiliiijunvlrti-n  ilii-s  itf>uttftcn 
So  Mttelinten  de  vom  Hofe  von  Bj^sul'  ilu-  irn  AihIhtii  tWlher  »b- 
liduiante  Mode  der  Eunocben  fOr  den  irititii'ii  Dii-ii^t  lUw  Clialy 
IJttlMtes  und  beaondera  dea  Uorama,  oli^l'-ich  ticliiiii  Uidunnocd 
<4istnttion  verboten  haben  mü,  wu  fretlioli  ^iii  Itewi'ii«  ihitM>  Vi 
incnu  bi^  den  .\rabern  vrftm  DessgUöclii-ii  Kcwniitu'ii  riß  h.M 
Kenntoiaa  Ober  den  Hof  and  die  Pncbt  iUt  iiorültirheii  Künifie,  deaM 
solion  die  Omnu^jaden  Mele«  nachabmteit  Am  rrttlKMlvii  MrauKbll 
iniui  sich  mit  der  ^eichblls  im  QuAD-vectoti-ueii  Siirr  des  Welulrinl 
Die  Kawnt  de«  Gesanges  nnd  der  IC«^  kuiu  rinn  AralKm  von 
Persern  lu,  und  die  n-HMu  und  besten  8it)it{i-i'  uiid  SitüKttrinofu  «aoav 
entw-eder  nelbst  p^-HÜclier  Abknnft  oder  iI<h'Ii  /.A|{Kn|t<'  vijn  |ifriii«h|B 
Meistern.  Seibat  in  der  Tmdit  ahmte  nuiit  )>i>iNi<^eli»  Moden  nndZ 
persiscbc  Kleidung  ward  Hoftracht  nnd  dif  lidirti.  Miiuam-n,  iMToiMihife;, 
iK^fdfltnnigeD  Hate,  den  eoiapliscben  CpfUniliiliiinn  -et)]'  ühnlkk,  wui-det 
Hchon  vom  nrdteu  abbasidischen  Clialyfei>  nilini  U  luiweMhrii'Wn  AmK 
aJtperaicbe  Feste  wurden  gBfeiert:  Niaifut,  Mihigä»  und  Ajm. 
Perser  «idelten  bobe  aflUtarccmmando'i  mlcr  Hmui^^n.  wio  lUe  bf* 
rahmten  Bannaldden,  sonst  hohen  Efamiiwi.  I'itkjkcIi»  KOiuttlM- 
waren  ee  aber  auch,  weldiea  man  die  ScbipfuiK!  dir  vorxUglii-h*(«t 
islAmhiudten  BaudeoJnnale,  wenigstens  hi  < '^ntnUiwcn.  viirdankt. '» 

Dies  rief  allerdingi  den  Unwillen  aor  Araber  liervw,  der 
ult  redit  derb  Iioft  madite,  indole  Jedixli  iiirJitx  un  dnn  iwtar 
Uange  der  Dinge.  Der  persisdie  KfaifliiK''  am  (1tal>1i'nhofp  ualun  . 
und  erreichte  unter  Hidy,  dem  berfklinitcn  llnruiunTiidsclitil  <i 
^tamfin,  also  gi<rade  xd  Anfang  di'i  unlHcrun  /eilaltei 
der  WiBBen|T:barteii  im  Cbaljr^i.  ^hwcm  (Hpfelpmu.-!.  ( 
meiateu  Weiyre  der  geuanitfuL  Ghalyfen  wm-mx  j'irwr  «der  docli  )M 
siscber  'Abknnft.     Visa    HOnv    dm    njinri-ioo    nmlyfi-it    MntawaU 


.  B.  u— M. 
■  XaHhM  Dbn  d«B  Qnb«  dai 
AabatJ-Diabaatawl  H  HurlUI-TarkHlb  *>xr<]i> 
ton  «Uw  Cbodiaba  KnitalB  •»  floUrla  du  Pi 
UaktakoBiiiii,  La  mtfaU  fAtrtt  4aa4  b  -iU,  . 
Im  amM*  il«  t*ir.  i4  Farlt  IBKL  II.  Bd.  S.  11^  1  U) 
lUaaikuil'i  Ult  Vinb^r;  daRlr,  tew  dto  MaliUf  1% 
Mbr.  LoBdoii  IMl.  B<  8.  HS),  aln*  Aiulabt,  dla  '"UV 
Uadlotr  ftMi  mUtUrt  aT^/tOMtlliml  li  dar  Barllnar 
Uli.  e.  41t).  Da  dI«H  BiBwarka  all«  ■■!  aaf  l,r  ;;,. 
X\'.  Jahlhuslari»,  »rDrkcfUkaB,  ag  liL  4aMB>  n  f.Km 
H  hu  daUa  alakl  i*  Mahaa  wM 


AVQr^Igwig  d«r  arAbiMkea  Oaltur.  1&9 

tr  (knu  M^m  die  EiiUrtiiiig  der  SitU^i  fühlbar,  zeigt  dieseii  FUn^teii 
reiii  iKTüiscluT  Tracht,  und  wenn  auch  der  früheste  I^lani  gegen 
lAcbliclie  ßildnidhe  keines^ls  nehr  streng  war,  ^i<>  müsi^en  wir  d4>ch 
Bfli  solchen  Zeiigni!»8e  gegenüb«^'  uns  vollständig  klar  werden,  da»« 
■  dauiab  am  (lial^fenhofe  mit  den  altmuliammedanischen  Vor urt  heilen 
wilieh  geblichen  hatte  und  auch  in  dieser  Ik^xiehim^  dem  Beispiele 

penöüdien  Sassanideii  folgte.  <; 

Weit  entfernt,  die  l^eintungen  auf  wissenM-liaftlicIuMn  Gebiete  zu 
kAnuueni,  füge  k\i  vielmehr  rasch  hin/n,  dass  die  Araber  damals 
Ailrittea  lias  höchstgestiegene  Kulturvolk  waren.  I(agda<l  war  nicht 
\  die  iKditische  ilaupUitadt  des  weiten  lUnches,  sondern  auch  der 
anpunct  alhu*  wiiMensdiaftlichen  Hcstrebungeit  Dort  las  man  mit 
I  liingebendsten  Kifer  und  der  feurigsten  Begeisterung  Aristoteles 
.  Pkto,  rief,  auf  Euklid  und  Ptolemäu<<  gestutzt,  das  wissenschafi- 
e  Sluiiiuui  der  Mathematik  und  Astronomie  ins  LebeiL  Mit  Uip|io- 
ta^  und  (ralenus  an  der  Iland  oblag  man  der  Heilkunde  und  er- 
cbte  man  die  Geheünnisse  der  Natur.  Die  arabisc^heu  Forschungen 
dieaen  Dl^^upliuen,  aufgebaut  zwar  auf  die  Krruugeusdiaften  der 
sMidriniriehen  Schule,  al>er  auch  mit  vielen  Bereicherungen,  sind  die 
ittdkgen  unserer  s|Mlteren  abendländischen  Wissenscliaft  geworden.  ' ) 
w  nicht  blos  auf  dem  (tebiete  der  exacten  Wissenschaften  zeigte 
I  diexe  Rührigkeit,  auch  die  philosophischen  und  juridisch-politischen 
dieii  ^uideii  die  eifrigste  PHege.     Man    sann  über   das  Wesen    und 

Lebenabeiliiiguugen  des  Staat^'s,  enlachte  politische  Systeme  und 
idMcfae  ÜK'orien,  die  an  Bedeutung  Alles  ülM^rtrafen,  was  die 
bren  Volker  des  Mittelalters  geleistet  liaben.  Die  arabische  Philo- 
hie  ')  Mieb  lange  der  Born,  an  dem  die  mittelalterliche  (leleiirsam- 
t  «cbOpfte.  Namentlich  der  letzte  der  ambischen  I*hilo90phen  A  b  u  1 
i  1  i  d  M  u  h  a  m  m  e  d  Ihn  Achmed  Ihn  U  o  s  c  h  d ,  genannt 
errut'ii  erlangte  durch  seine  Kommentare  zum  Aristoteles,  dessen 
liM^iliie  er  für  absolut  wahr  hielt.  al»er  auch  in  eigenen  Schriften 
^enibih  liirtzubUden  suchte,  ein  ausserordentliches  Aiisi*hen  \m  den 
Hifaurtikern,  und  imUfm  besondei*s  sein<'  Ansichten  ülter  das  N'erhält- 
\  \on  (rlaubcn  und  PliiI<»sophie  gross(Mi  .Vnklang  fanden.  l»ildeto 
I  •»in  christlicher  A  >  c  r  r  o  i  s  m  u  s  ♦ ,,  d<'r  w(»sentlicli  zur  Selbst- 
hpüemig  der  Scholastik  l)eigetragen  liat.  ..So  gibt  es  neben  dem 
lQiig*v«tnMne.  der  von  Born  aus  KuroiKi  ht^fruchtete,  noch  einen 
aleii    au«>   dem  t>sten.    Aw   getmgen    ist    von    dem  (rethinken,    da.sa 

Freiheit  de?.  StndKMiJ»,  dit?  Erhebung   des  sittlichen  Gedankens,  die 
dw  (temüthes  (hi>    «»in/.igc  Ziel   *w»i.   da»<   den  Mens<*hi*n    zum 


0  Krcm«r,  A.  ft.  O.    H.  *i7>-an. 

•}  Vi*  Bekrift  von  ÜUMtav  nierckn,  />/«  Armbtr  im  MitttUltet  mm«!  ikf  Kittflnss 
dt0  CmHmr  Kmr^pa':  Anfiab4>rg  187^.  S.  Ut  alekU  mU  ein  mit  üeuieiop)iU«a  auf« 
■Ml««.  4a«  Arabarthum  pri'i^eiidei  Ke«uroe,  in  dem  aiicb  nicht  e  i  ac  neue  TliaUaeka 
|*tWilt  wird  oder  auch  aur  e  i  n  orlginellar  Gedanke  vorkommt. 

*t  WerthToUe  Beiträgi>  gibt  l)r  Fr.  IMeteriri,  /^V  rkilatopUit  dt,-  Armktf  tm 
ß^hrkmmd^H  M.   Chr.      I^eipAig,   tSitf.     tt. 

*•  Hiaht  d»rAb«r:  K.  Eeaaa,  A«*fir^t4  »t  l'At^ff^itm«.     Pari«  liiJ     S. 


IßO 


■    lll?>iitlPB    wollt 
;.        l  iTi      tlil-      FjlIkllTIlll' 

[c  ArnlxT  piisabpii  sirfi 
rmilttllc-n  rii-ji  \>rhrtir 


M«>iisehen  eritcbe," ')    Die  a  G 

bt^^ndeteii  Aiwprnch   i    '  i     ere  J    n»»»! 

erwarben  flie  fn(^  nn:  i  Vordleii  ite.  *) 

dem  HaTMlel,  worden  aie  tfenemcfaer  der  See, 

und   hraditcn   oine  Hei^  werthvi     r  Knen^üii^sc   <]i'«   ii<<1raiK   itnrd 

Kiimpo.     Von  Bamora   und  ans   i         Oman    ^In^fii   <1ic    »mbiM-liPu 

Kr7.e\igmim   nach  Siräf,    wo   die  Chi    ^fiihrer   ii  fr.nlilct    wnirdcn.   iiw! 

noch  fndien. ')    Kn   großartiger  Vi    »rrerti  Ik    )ir.i,lirp   .\i-al*r   unil 

CSiincHcn  in  tftglichc  und  lebendige  Berfibrai^'.  mu!  CtiiiDi,   vm  damnl« 

die  ordnende  Gewalt  einer  an^ebüdetcnBeamirnliicratrlii"  tbri>  bUr(!»r- 

litjwn  Wnnder  geadiaffen  hatt«,  hinterUess  du  .AniluTii  Hr>ii  KindrtHi 

einer  hnJien  geseUscliaftScben   Reife.*)    Dw   r'»i\fc«wn  rifi-cnlp  ** 

BPhfin  nnter  den   Uteren  Clalyfen  einer  «»gliiltisrfti  Itiirrliliildnng  tmH 

liefttrderte  Briefe  and  Nacliri<4iten   in  die  entfr-inli-Httti  Prnvinmüi  iln 

nMwKm'Hchen  Reiches. ')    In   allen  die  sn   urI    vii'lfit   nndtTcii  Iiinüi-n 

Htatiden   die  Araber  hoch  Aber  den  obrigen   A'^lk'Tn 

Chinesen  auBgcnnrnmen.         ^der  gi        »t  es  iln   rmu 

in   dem   Plane   dieser  Untei     :hi         durch    \>ii/ililrin 

Arabern  in  den  einzelnen  '.  len  eifciinnrt n  W^iin 

&ng  ilirce  WisHcnB  an     en     ,  ich  bemerlie  mu  .   da- 

in   das  StmUara   der  ara       len  Scliriften  jetn'r  V.\hm-]] 

höchsten  Bewunderung  errouL 

Dieses  ftrhenprSchtige  (  Ide  veriiert  unlil  tii 
Gluue,  ntmmt  tCber  doch  eine  en  '  asdüel<  ju  >r!i:i 
die  Betnuditnngen,  zu  wddrni  e«  i  nn^  in  Ni 
enlgebt  die  an&llende  Aehnlichkrit  zwfediet  itn  K' 
und  Jenem  der  Römer;  beide  verdank  nihra  l  i>jinm; 
beide  erstreckten  ridt  &st  Aber  die  i  nHdten  1-ji 
tterazenen  doch  bis  in  die  Modislpi     -)  wo  (io  i 


Knlo.  lÜf 
irli  lif'ql  l» 
r    ii>n    lim 

aif 

>  il.-«  rm- 

VfTlirfiiiiii 
i*    mil    diT 

nHnn* 


I  K.iilir  .l.-!-  Arahw 
Hüiiü  ilci'  KniliiMiniK 
rjliiiui-;  ilrniiKi^n  d)» 
Norden  und  SüAen 
defl  OroBsen  SL  Bernhard  in  den  i  Ulsdieii  (icliir^on  iaagc  p^iK 
verweilt  zn  haben  scheinen,  mn  eü  OrtBnaiii'ti  /tirilck/ula<ni'n ;  tinit^ 
endlich  waren  von  rohen  Anflbigen  in  knmr  Ki-iMt  m  iHihcr  (r<\<iittuu!; 
geLuigt.   So  wie  dieROmer  ab  Voll    lement  jolnHi  in  ihrftn  ^mwii 


■IWaria  Dlatariel'a 


PhllolDgM  nd 

•)  ei*h(  klarlbtri  Dit 
Mo.  33.  8.  tST— ni)  nmd  A.  Bp 
18M.  8.   V|L 


ÄftHtm  waS  ifi   3D'    VDriunmlunf    i 

int. 

IP  irmktr  da  ätr  •JmfraiAIr,     fjmtl. 
tMlwh»  Wlwa  i<"  Afint  duHWIlH 


I.Hr*IC 


1  Vgl.   dartlbtr:   Kd.    Unliariar,  »■•tu   mr ■  l'^Mf'-ivf  {■tlU^i;   l 
m  faitt  pur  In  Anhti  M  Ut  Ptrtmm  iant  rimit  rt  A  la  lltlnf  «»i  1 
■irt  chriltwH.     Jkn,  mrmU  U  fi»  iL  L4a(U*)  tm.tn-Ji«  «■**»', 
uKi  A  H.  nainaad.     (J»¥rtmt  ■itetJfH  IB4e  8.  Vi--71i).     KiAet  >lt*  «akmUM 
HaatUchtlikalt  dar  HUdarabar  alaba  anah:  Peaak«!.  V^ltrkamU,  H,  in». 

•)  O.  Faicbal,  OitetihM*  in  JTdralMn  twr  »dira-o-gt'.    Wnllgart  na»  Aar^ 


yn-n 


•t  Uicb«  darllbat  Bpisaiai 

')  Bläh*  ÄmlmHi  »75  Mo.  8  ■.  K--*1. 


WOrdlffUBg  Ur  arablMken  Cnltor.  1()1 

Knrb^  dahiiiMbwuiden  und  sich  verflQclitigtoii,  so  war  dieses  auch  mit 
lini  Aniliem  der  Fall.     Die  heimatliche  Halbinsel,    v<m  der  Urzeit  an 
in  Kohl*'  ihriT  natürlichen  Ikscliaffenheit  zinn  Theile  stets  von  noniadi- 
M-ben  Stäiinncn  iM^wohnt,  hätte  in  der  Tliat  niniiiKT  so  t^rosM^  Mons4*hen- 
uia»ii>4*u  aush|H'ien  können,  um  alle  erolM*rten  liiinder  auch  wirklioli  mit 
AralrtTii    zu    l»evölkeni;    s(»llwt    «lie    dem    semitiK<*lM'n    Stiunmc»    (»ij^ene 
rrihiitlwrkeit    -    eine   ethnische   Kif^enschaft  -      mit   in   Ketrarht   t^o- 
/ijfPMi,    sind   do(*h    die    eroberten   I^ndtM^haften    nie   in   (Mnem   anderen 
NiniH'   aralus4*h    ^ewonh^n,    als    iHMspiolsweis«*    Italien    ost^othisch    oder 
Uinietil«rdi<ch,  Sjianien  suevim^h  «Mler  W(*stKothis(*h ;  «i.  h.  die  Aralier  und 
ihn*  NaA-likiHnnien  bildeten,  wie  ich  dies  fi-üher  entwickelte,  nlK*rall  eine 
an!4(ikratiM'h<'  Minoritftt.     Nahm  auch  der  Islam  an  li<*keimern  zu,  so 
brdi-iitet    di<*H   nicht    auch   einen  Zuwachs    fUr   (bis   eichte  AralHM-thum, 
«iehnehr  wani  dit^scK,  dem  natürlichen  Verlaufe  der  Dinare  zufolge,  immer 
«rimftcbtT.  je  mehr  es  sich  liald  mit  <len  UmdesiMnfi^elNirnen  vennengte. 
Wir   wiweii  dies  iKisitiv  von  Aramäa  und  Persien,   obwohl  gerade  mit 
Pt-rveriiiiieii  die  Vennischung  auf  (Us  strengste  untersagt  war.    Jüdische 
und  rbriiitKclie  Sclavinnen    duifle    der   Moslim  als   (oncubinen  halten, 
penii^'lH'   S'la\inn4'n    nicht    einmal   als   lk'is<'h]üferinn('n.     TratiMi    nun 
inity   MdclMT  Satzungen   dit*  AhiIkt  denniM'h   s<*lir   liald  mit  der  {lersi- 
M-biMi    IWvAlkeruiiK   des    Inui    in    vielfm^he    lieziehungen,    so    ist    ntM'li 
»eniicer  («ninil    für   die    übrigen  Crebiete   ein  Anden^s    \oraus/usetzen. 
Wie  alior  oben  dargetlian,  war  nicht  das  AralK'rthum  das  Culturelement, 
«indem    fusste    die   anfängliche   (tcsittung   der   iHMluinisehen    MndK^nT 
nMteriell   und   geistig   auf   byzantinisi*lien    und    persisi-hen   Grunillagen. 
llvch   die   efbiiiscfae  Vermengung   nahmen  die   Aral)er  diese  fremden 
Unaenle  nur  desto  schleuniger  in  sich  auf,  und  nun  tritt  ein  anthro- 
pntogjsrher  Factor  hinzu,   der  allein  <len   Schlüssel   zu  dem  staunens- 
wntlwn  Kithsel  der  raschen  Kntwicklung  <ler  arabis(*hen  Cultur  entliält, 
.irr  en  erklArt,  warum  im  Orient  die  AhiIkt  als  die  Träger  der  Cultur 
erscheinen,    während    im    (kridente   die   gennaniscli(*n    Völker   im 
^«odefi   die»  niemals  gewonlen  sind.     i>ies(*s  Phänomen  iNTuht  l<*diglich 
»ai  d«'r  «lern  S^mitiHUius  eigenen  Zähigkeit,  an  dem  Festlialten  seines 
lypuv     IHe  Anthro)M>k)gen   sind   darfkUT   längst   einig,    (biss  in  dies(*r 
KiB.<icht  die  Völker,  sellist  einer  und  dersellx^n  Kace,  von  Natur  aui»  Mflir 
\rr«ii*btt^len  ausgestattH  sind;   so  iN^wahren  lx*kanntlich  die  (i riechen 
ibrrn  Typib«  trotz  aller  Misi*bungen;  «he  (irierhen  wnnlrn  nie  slavisirt, 
««■«lirni  halN*n  lUe  Shiven  gräc'isiil.  h    Kein  Volk  (Lig<>grn  Wt  >on  Natur 
Am»  i(eii«Hgter.  hdnen  Typus  rasch  aufzugelN*n.   als  die  Germanen,    1h*- 
•««ikT^  die  llHUts(*lM'n.  wi«*  die  im  Auslande  lelNMiden  DtMit .sehen  lehren. 
liN-  alkncriivile  Zähif^keit  lN*kunden  je<bM'li  flie  Semiten,  deren  aus  (bT 
\VHiin«lunu  mit  Indogermanen  entspnisM^ne  Naehkonnnen  \i4>le  (teuiTa- 
^mnrii  biiMlurch  den  si*mitis4'hen  Typus  iN'wahreii.    Von  der  Kraft  di(*sf*4 
Au%Muu<4  kaim  sich  Jeder  an  den  in   uns^'riM*  Mitte   lelN'iiden  .luden 


'■    *t*gm»   dl«    I'a'liii«r«\er'ii4'lic    Tbeorte    vuiu    Hlaseulhunie    der    Unecbrn    tivb«: 
r*«'    B^rabcrdf^rbmid.    thi»    l'vUnfrbrn  der  \rin/rirchfn  itnj  Ju$  ktlUnUckt   AUtv- 

■     H«..«*.d,  ('uU«rg«.ebiebU      3.  Aufl     II.  \\ 


tGi  bw  OriMi.>^  Am  Ute. 


zur  Oenflgf!    SberaeiqeiL     Dm 

selbatvereUbidlicli  keinem  Volke  weder  sui  Vonnirie  noeh  x 

ihre  Wirkuiif<eii   in   der  Cahurgewhtcble  i 

Bedeutung, 

Es  wird  Hcfawer  bilen  zu  I  en, 

iiutben  oder  deii  aemittiicben  Am  11  der  mbere,  angelMUeten  TM 
war,  als  «e  niit  fremfleu  Coli  im  in  Contaot  gerietheB.    Dnk 

stiller  letrJiten  Abflorytioi  wurde  indem  der  Ofnotae  m,  4h 

üUfflioben  geuUeteren  Xa        n  1  hlOrR,  der  dhe  Anlwr  rillt 

oder  wenigsten))  erst  oadi  viel  rtr  Zeit    Der  robe  GenMM  mi 

der  rolie  Beduiu«  emiitiDgea  Itewe  C^tnr  am  dea  lUBJe»  thiv 
Unterworfenen;  indem  der  Gotbe  aba*  icb  mit  dem  Bflnier  nfaMM^ 
litlrte  er  auf  Gothe  xo  nein,  gab  si  ;  Sprache  aof  ud  wvda  i|i:  4m 
utldisten  (ißtierationen  autth  dem  Blute  nach  seilet  ein  Rommw;  lifeH 
der  Araber  mit  dein  Peraer  Hieb  vermengte,  bUeb  et  Amher.  DfttfM 
waren  in  Sadenropa  die  Romanen  die  TrSger  der  (^Kv;  ■■ 
gothiscli,  germanisch  verhaute,  hli^  nA;  im  Orient  nahwm  dia  Ante 
die  firmde  Gvilisation  auf,  bewahrten  Typiu  nnd  Sfnetae  a*i  AlM 
die  Honcbaft.  Desahalb  dQrfen  wir  von  einer  arablachek  Orilv 
sprechen.  -t 

An  der  Ilaud  ^eses  anthropologiicben  Faduuu-  trklän  *ii'h  Afi. 
Jcn«ai,  der  nach  der  notOrlicben  Entwicklung  in  <l<'r  ('iiltunt*>'<ducfallj 
sptUit,   die  arabiaclie  Gesittung  eil  a  1  a  d  i  e  F  » r  t  <:  i- 1  y.  11 11  k  d  ef' 

C'ultur  den  Altcrthums,   vei       ttelt  diiicli  llyüaii tinecj 
nd  Perser.    Auf  eiiLsam  titalier  n    le  glAaite  iIhiiihU  Ity/« 


hin  halte  sidi  gefla 

an  Kenntoisae»  | 

iinägenthamlidie  k. 

»o  tief  verachnldet 

die   nun  im  ara'         a  Get 

anstaunenden  V&hier  Jiiuropaa, 

da.1  manches  Auge  demuuwen  b 


Die 


nnil  ri)iiiiM-Ui'  Aili^rtlMHlj 
i     ircöcfae  Air  blühte  de.«  OrUtnUn 

I       aar  Byantimr  iiiul  iVrwr  WM^ 

ao  lie  den  Sini^iTrulK   de«  IkIjuML' 

iders  in  Spanien,   lioraittral,   lUK 

en  dartlliifr   TlMUllrlilieMÜ 


überBieht.     Dazu    gehört    die    rx 

Cultnr  eine    aussehliesBlione  Folge   i 

war.    Nur  1      »obernng  IconMe  d      innigen  Contiiri  iiiii  ji>nf-n  i 

Elementen  k        o,  die  so       ch      1      lichtend  virhtoji,   üchon  t 

habe  ich  an  aen  i    uui       1  naidigewirr«'n,  wiiji^h'  inunnitül 

Culturgowiim  die        nacuueii  1        ner  £rabernng  srf.r>iu-n:    nn  KWeiMJ 

lew^btendes  Beiapi«  uietet  1      a     er     im.   Ihm  v<-i-<laiiki-]i*dii'  mit<>aw 

lAiidisdien  VoUter  die  Zufuhr  nng      1    :  Ideen  ninl  Wiwu^ii>u«-hiltii\  dM 

verborgen  im  Schoosae  des  Oriei      scounnmerten.     Sn  wio  die  B/nu«/ 

ÜJJili  ihnen  F>oberuiigcn,  ei       1  nde  Gohei*  ua  m'^jüilivt  vi^lnr 

Puucten  der  alten  Wdl  d  en,  da«  t-i''  i""  du  lUiiar« 

nicht   roclir   vDllig   veruichiet  wemen  iconnte,  uiKlim   ilmrli   i.>a-"'n4 

Caiiille  in  ttie  Qtmrfloss,  so  iNt  e»  das  Vei  - 

dieCuKur  des  Orients   verbreitet  in  haben.    VpA  i 

Veiiireiten   an   sich  ist  bohr»  Verdienst;   von  1 

w^  höheren  GvUiaation  der  ürtlioh  nod  aw 


irfilß 


J 


Waraifmi«  4er  arablMktn  CoUur.  163 

•bfnchiedeneti  ChineRon  liat  die  aUgemeine  Cultttrentwickiung  nur 
fleriiifei'U  Nutxen  gexo^eii;  ihre  Verbreitung  aber  hätte  —  wäre  sie 
iiiütritiii    Ko^f'^'n  ^tiz  Asien   nüt    hellem  (ilanxo   erfüllen   ntUssen. 

IHfS«**^  Mw  N'erdienst  <ler  Verbreitung  durch  die  Krolierung  fällt  nun 
aiLv«riiliesKJirh  dem  arabi sehen  Volkr»  zu.  Darin  iMM'uht  xunüchst 
«^iiie  und  lies  aux  seiner  Mitte  gelN^renen  Islams  (rrösse. 

Mit  S4)l<*heni  Ma8S8tal>e  gemessen,  wächst  und  sinkt  zugleich  die 
Ik^leiilmig  «1<T  Strlle  des  Arab(*rthums  in  der  üeschiclite  der  Culyu". 
/wtn  volle  Men8clH*nalter  higen  nänüich  zwixclien  den  tiroberungen 
in  M*'!<4i|Mitaniien  niifl  Spanien  und  die  hier  erblühende  ('ultur  war 
•<«*Imhi  eine  FVilge  <h»r  fremden  P^nHüsse.  Trotz  aller  Zähigkeit  musste 
itnitT  tler  arabiselie  Typus  Iwi  zunehmender  VenielfiUtigung  der 
MiM-huiig«'»  allmäliiig,  wenn  auch  s|)äter  als  bei  anderen  Völkern,  unter- 
tfrlien.  die  fremilen  ethnischen  Bestandtheile  die  OlKThand  gewinnen. 
F/*  wini  erlaubt  sein,  für  die  s|)ät(Te  Zeit  sicherlii^h,  S4)gar  einen  guten 
l'lM*il  der  Träger  arabiH<*her  (relehrsamkeit  in  Männern  nichtarabi8(*her 
AlikiinH  zu  Kudien.  1*]k  stehen  mir  leiiler  keine  diesl>exüglicJien  Nach- 
fiiTM^liungen  zu  (felK>te,  allein  ich  denke  mir,  dass  es  sich  wohl  mit 
iiHiiirir  gcfiMertein  arabischen  Namen  verhalten  könnte,  wie  z.  H.  mit 
AbulfiMla,  der  ein  kurdischer  Kjubide,  (Mler  mit  Abulfaradsch, 
•-f n«*m  <  liristiMi  jttdiHcher  Abkunft,  der  gleichwohl  vieh'  muhammedanische 
><*bAb'r  liatte  und  mit  Hecht  seine  Stelle  untt^r  den  arabischen  Schrift- 
mWUtu  behauptet.  Wnen  weiteren  Beleg  dafür  bietet  die  (res<'hichte 
der  Ovusländer.  In  den  tiefen  Steppen  Centralasieas,  welche  der  Oxus 
and  Jaxartes  dorchtlifttsen,  sassen  von  jeher  eranischt*  Nationen;  hier 
fanr  ja  Ilaldi  in  iler  (regend  des  alteranischen  liaktra;  kurz  vor  der 
armbuclien  tjiibemng  waren  von  Norden  her  Türken  herabgerückt, 
«^uen  Tbeil  des  l^andes  an  sicli  reissend,  und  nur  durch  den  Einbruch 
•Irr  aralttschen,  fauatim'hen  lUuberhonbMi  vtrhindert,  weiteren  Einfluss 
in  Transi>xanieii  za  gewinnen.  Dreimal  en>bert,  dreimal  mit  Gewalt 
/am  l^dam  gezwungfMi,  Im'I  Ii<H'hara  dreimal  in  seinen  alten  Parsiglauben 
j^ufiif^k,  <*he  es  detinitiv  dem  Islam  gewonnen  blieb.  Trotz  seiner  Ver- 
tunrntang  in  MittelasiiMt  erstrtH*kte  sich  das  Mai'htgelMtt  ihr  Chalyfen 
nicht  ülwr  den  westlichen  Theil  Chokands  hinaus,  rnwillig  luu*,  unter 
ftirtiiAhn*n<b*n  Aulständen,  eiinig  Ikn^ra  das  arabiM*he  J(M>h;  nie 
{/•"fauig  efr  dem  ArabiTthume,  doi1  f(*sten  Fuss  zu  f:issf*n  und  kaum 
i«Vi  Jahn*  s]H&ter  herrsc^hen  dort  die  Sn man!  den,  eine  iM^rsiscbe 
iHna^tie.  di*n*n  Stammvater,  ein  (b*m  /Mirathustrailienste  lange  treu 
•i«*tili«*lH*nf*r  Vornehmer  aus  IJalch,  sich  zum  Islam  lK»kehrte.  S<i  n»giorte 
•  iiH*  »'niniM'lM*  Dynastie  ülier  vm  cninisi'bes  Volk,  ilas  heute  n*M*h  in 
•t*-ti  /^hlrinchi'n  TafLs4!hik*s  >;  ( entrakisiens  fortlebt.  Obwohl  nun  in 
Ifaa-hjra  die  Nationalität  un  .Mlgemeinen  unlNTührt  blieb,  sehen  wir 
•li«*h  Kvfraile  dies<*  Staill,  die  Muhammt^tV  1/ehre  am  heftigsten  an- 
v*4fiu*\vt    liatt*»,   dithtelbe  s|Kiter  am  eifrigsten  pflegen ;   ja  sellwt  heute, 

')  l»i^  fri«llf«  t'eberl^grnbrit  d«r  T*44chik,  welch«»  auch  !4tet.<*  itettbaft  und  im 
ii#«itc«  4^  IIaimIH«.  d^r  Kiin«t«  und  Wi<*4«n4rhaft«>n  sind,  wird  von  al  I  r  n  mir  bekttniit«a 
k^f^W«ricli!rn    der   Sftteki  rbf.n  «it    wir    ibre  erAiii«cbr  Abkiiufl  rinntirumif  ao«rk*nat. 

11* 


lanw,   d| 


164  Dm  OMal  «U  <w  MIm. 

wo  der  lattm  Einigen  zufolge  ao  aOm  Thrilea  Arfeia  d«  itttttehf 
V«rlalle  entg^eng^t,  ist  er  in  Bodiln  noch  is  JeMm  Ctamuide  an» 
ii-effen,  worein  ihn  die  ersten  Chalj'fen  geUrtdet  hkttao.  WokI  aat* 
wick^  ücti  mAohtig  die  istamitisdie  Cahw  in  Gegenden,  die  wir  hMl 
als  barbariache  kennen,  alMn*  man  darf  nimmer  untarlMaea  MndHgM, 
da»  dart  schon  längst  vor  dem  lattm  eine  hoch  eotwiduKe  OMmäm, 
die  peraiscfae,  Utthte.  WaU  entstanden  in  der  Tatarri  nnd  In  THtkeMla 
llodwcholen,  Ktdintiteken  nnd  Sternwarten,  wohl  biUetea  BecUn, 
Sanüukand,  Herw,  Nischapur  und  HerU  Haiqitsilxe  der  CMehmnUl^ 
aber  nicht  erst  seit  dem  und  durch  den  Isübl  Tm  dn  . 
\Vundem  Sogdien's  konnten  die  hefauktbreiuleii  n>bpn  amliiNdw« 
Erobnvr  nicht  genng  erxthlen,  nnd  vor  ulli'ii  raKte  IlorMni  ali«  *4W 
Wiege  der  Wissenachaiten  sdion  nr  Zeit  ili^  l'amttiiiiiiK  hrrvor,  Mb 
warb  nicht  erst,  sondern  bdiielt  nur  als  „du»  edU'  und  (rranme  Docbiilft 
»einen  Glanz  unter  dem  IsUu,  nnd  die  perNiscJn'  Stiult  luii  '/.fnffxiJät 
blähte  unter  pnaiechtn  ForsEcn  als  ein  Sit/  di«  Itek-litlianui. 
Wissenschaften  nnd  der  weltbertthmten  Seide niiidustrie  imniiT  iiicJir  a 
Wenn  wir  den  bodiftrisdien  Grossen  des  Inlänis  iiarhspDnMi. 
Chodscba  Ebn  Hifz  ai  Bochari,  ilein  laugjUiriKftn  i 
liCiter  Boner  Vaterstadt,  eineoi  Ahdullali  al  Fikih,  dom  i^rAeitfvA 
muhammedanischen  Recbtsgdriulett,  einem  Muliamiiied  «1  SphdW 
muni  odw  einem  Huhammed  bin  ul  Kuitl,  d«u  {crftwlcn  Tbt^ 
logen  und  Exegeten  seiner  Zeit,  so  werden  wir  kaum  nne  aralröcMi 
Abetammung  stdcber  MAnner  nadmnreiaea  \eniU'iftiiii.  ■)  Hier  bl  ^ 
das  gerocüuamf  Band  des  Idim,  weldies  in  ilcn  AralN-ribiini  nnd  Isltfi 
EU  identifidren  geneigten  Augen  das  Ansdirii  dcH  r^mteren  wfaweDL  ■ 
Wahriwit  sind  aber  die  Leistnngen  Jener  Maiiikt  Si-höjtfmigra  w«dm 
des  Antberthums  nodi  des  Islänia,  obwohl  »le  lieiden  za  Gute  kointtia| 
gezeitigt  hat  sie  die  Cnltnr  des  eiganen  Voikm.  (itua  aiuktg  war,  IK 
schtm  erwihnt,  die  Cultnr  in  Nordafrica  hU  kuid  Jahn*  lOMi  n.  C|0 
nidit  arabisch,  sondern  durchaus  berbei  lieh  Vio  tHnaxtiAB  mp 
l-^lrisiden  in  Fa  (788—935),  der  Harnin.ulii.i.  in  Cm»  und  HT 
(1016—1083)  nnd  der  Beri  Saleh  In  Kokin  iT";i  it.i:.,  w'ar«] 
allerdings  oraUach,  allein  sie  statxten  ddi  iluiilina-«  iiut  Kei-lH-rHltUniMt 
weldie  die  litlrsten  adoptirt  hatten,  so  dj>'  l'>L-iKidpii  auf  dtni  SIboh 
der  Aureba  und  die  lieiden  anderen  aof  dfii  der  Oboiimra.  l>if  HcfW 
Bvliaft  geborte  immer  den  Berbern,  Anbei  st  Animo  wuri^i  ibuni^  no^ 
gar  nicht  da  *)  Diese  Kinaelnheiten  genau  fG<tti>.aliaJt«n.  iat  un«1talUj 
soll  die  Cnltuigescbichte  die  Angabe  atüSk'u.  den  Antheil  iler  VölHii| 
an  der  Entwicklung  der  Clviüsation  m  bestiiiinieii.  j 

DafQr,  dass  Mam^ies  als  arahiMh  odiT  t>ila»iiii>u^k  »111,  «an  4 
nicht  ist,  gibt  es  noch  mannigbche  BebKi'.  IHi-  mgT'iiaimtm  iM 
bischen  Ziffern  sind  bekanntlicfa  indiscben  rrKpruii^  und  da^f^Ufll 
i^t    es  längst  ergrOndet,  dass  der  Sehatz  virn    Kr/ikliliiti;;''!!.  ili-r  nnlV 


',  amhltUr  BtOiirt't  tätr  Tr*iu»ta>ihif: 


U^ß^Wf».  k>  LIM. 


J 


Wirdlgaag  d«r  arablselieB  CoKnr.  165 

fm  Namen  Tausend  und  Eine  Nacht  durch  die  Araber  in's   Abend- 
nd  gekimiDien,  in  Indien  oi*i$onneu  worden  sei. 

Die  Cult Urgeschichte  iler  Araber  ist  ein  blendendes  lk*ispiel  ft»r 
e  Fortpflanzung  der  einzelnen  Culturelemente,  für  das  Vercrbungs- 
oment  in  tier  Tulturent wickhing.  Wir  venuögen  die  Anfänge,  den 
rvpniiig  der  (resittung  nicht  positiv  aufzudecken,  können  ihn  nur 
fpoihetiR'h  cionstniiren ;  noch  weniger  lässt  sich  erinittehi,  welches 
oQu  welche  Kace,  >ielleicht  noi'h  in  spi-achlosem  Zustande,  die  erste 
Bhurregung  empfunden;  je  mehr  wir  uns  den  historis(!heii  Kpochen 
ber  nftheni,  <le«to  deutJii*her  erkennt  man,  wie  jedes  Volk  von  den 
irberKegansrenen  gelernt,  mit  anderen  Worten,  (Hiltui-schfttze  auf- 
•iMMnmen  und  weiter  vererbt  hat.  Jedes  hat  ferner  im  geringeren 
iüT  grösi*c»ren  Maasse  zur  Mehnmg  dieses  Schatzes  seü>st  Iwigetragen 
id  aoch  die8(*s  Mehr  anderen  hinterlassen.  Die  C'i\ilisation  unserer 
■ge  ist  nur  die  Summe  dieser  einzelnen  Beiträge,  die  Uebereinander- 
iucbtang  der  v(m  jedem  Volke  geleisteten  Kulturarbeit,  ein  mächtiger 
trom,  aas  dem  /usammenilusse  unzähliger  kleiner  liäche  entstanden. 
•nun  ist  das  Tatieln  gewisser  (iesittungsphasen,  den^n  jede  ihre  noth- 
oidige  Berechtigung  besass,  so  ungeheuer  sinnlos.  Nur  hei  solcher 
asdiauang  winl  es  möglich,  die  Entwicklung  zu  erkennen  und 
nvt^llen,  die  in  der  mens(*hlichen  Cultur  wie  in  der  gesammten 
qgMiischen  Natur  waltet.  Dann  werden  auch  die  Unter-  und  IJeber- 
Mlziuigen  einzelner  liCistungen  aufhören,  die  dtx'h  nur  auf  der  Vn- 
nuitnim  dessen  lieruhen,  was  als  fremdes  angeeignetes  Element  Anderen 
I  Gute  koiimit.  Wir  wenien  (iann  freüi(!h  unsei*e  Bewunderung  der 
ftfwiscben  Alten  lierabdrfickeu  niüss<*n  und  sie  zum  grossen  Theile  auf 
«e  Völker  Asiens  übertragen,  von  denen  erwiesener  Massen  so  Vieles 
ervUmmt,  was  eine  l)eschränkte  Philologenschiüe  und  ihre  Nachbeter 
I»  au!«ichliessliches  Venlienst  der  Hellenen  ausgelten.  Die  Phöniker, 
fgyvUnr  und,  wie  neuere  Forschungen  lehren,  die  lN»i*ser  waren  es. 
nuen  Grie(*henland  seine  Kulturentfaltung  verdankte;  l>ei  den  Hellenen 
iai^en  dann  die  Römer  ffir  die  I^ege  des  (reist<^s  in  die  S<'hule,  und 
EMI  dietieii  nnd  ihren  Fj*l)en,  den  ostn^mischen  Byzantinern,  sowie  von 
nü  aJtfTanischen  Ciüturlande  lernten  die  Araber,  ihrerseits  <lie  sjifltereu 
riumeuder  des  christlichen  Abendlamh's.  D<*ssw(»g«'n  dUifen  wir  nicht, 
ie  «ine  dem  (liristenthume  feindliche  Ströumug  versucht,  gering  achten, 
an  eine  \orur1  heilslose  PrOfung  wieilrr  als  alleinige  Culturarbeit  der 
bffiitii<*hen  Völker  ergibt.  S)  sehr  diese  auch  Vsvhon  gcNchichtlich 
Bgrmhener  Nati<mrn,  so  s<»hr  es  not  big  ist,  wollen  wir  ihre  Verdienste 
■'«UtHlen,  \orher  abzuziehen,  was  an  illtcTCMi  li4Mstungen  ihnen  zu- 
pfiülen  war,  so  ülK'rragen  sie  an  sich  d<M'h  zweifellos  .Mies,  was  frtihere 
Ipcidim  emmgiML  Dies  klar  zu  ma<'hen.  wird  meine  spätere  Auf- 
ibe  sein. 


Asien  im  Hittelalter. 


Die  nnl-ultaTsehcn  TSlker.  ■      ■=■■ 

Die  Betrachtang  der  islAniitüdtGii  Calttir  ftllnl  iiaUinr<'inaH!4|^| 
Asien.  Der  Untergang  des  Araberthnnn  veniKTliic  niiinlii-li  ilitK^H 
breitang  der  muhammedaniKhen  lieliro  eben  mi  miiiu  anOnhiilttMi,  ab 
die  Feindseligkeiten  der  Jnden  seinerzoit  jene  ll•-^  ('llH^l<'nthlIlIlv  Wim- 
indeaa  der  Islftm  Jene  Cnlturrdigion  gewewn,  \^i'l'-lic  niain-li  bcKi'iitt<?n<?r 
Bewanderer  der  araimchcn  lielHtonfteu  darin  crl'liiki-ti  will,  it  litutc 
nothwendig  die  Nationen  l^uropa's  ei-obem  niUNsmi.  Trutx  Act  tiefe« 
>'ac))t  der  Battorei,  welche  im  frtitm  Hittetalt  it  auf  ittiHrarun  EHtheile 
lagert«,  atanden  aber  fttr  die  Annahme  de«  leli'mi  di«^  i-liriKttichrn 
VMker  viel  m  bodt.  Im  Kampfe  mit  detn  ('iiriHtctiiljuitic  konitto  er 
nimmer  (didegen  bei  den  Aricm  Kon^'a,  die  »linii  rUtunh  >tii-  r*~ 
wiesoncn  Pbde  zu  ihrer  kOnftigen  tirOa»  waiiiirliin.  ItHKi-g«'»  tofi  rr 
mit  onwUeratehlidier  üemlt  dne  Anadil  halhrciriT.  silillUJtcr  \'aikrt 
ArieuB  and  Africa's  in  seine  Kreise,  fQr  wddir  hIIi'  iii»t  nr  mit  Huna 
Cnltnrgewinn  gleichbedentend  war.  Die  frohen  HcittfrcwfiKicn  llaiideb* 
verblndongen  der  Araber  hatten  ndierücb  miifliti);  iIa/u  N-igMrafEm, 
ibn  in  den  sfldOHtlichen  Oebieten  ron  Africa  uin  in  ilfi'  malayisiteii 
Insetlhir  belcannt  /.u  mat^n;  allgenieine  Vertiniiiiiiif  tiuiil  i-v  nU'V  Arm 
erst  lange  niAter.  Die  VMkcr,  die  ihn  nafciiKri.  Kur<ii'n  xu  M'tnm 
Trtigem,  wie  heutzutage  der  tOrkische  Pad)'<vliali  \«n  Siatiihiil  tk-r 
ialarottisdien  Welt  als  Nachfolger  der  araUsditii  Cliulyfcii  inlt.  'j  DirjNr« 
l>bertnigen  einer  Idee  anf  gmndvwscbiedi  ii'<  IVi-snnlii4iki'ltou  i»t 
caltnrgeschiühttich  aberaoit  merkwOrdig;  es  i»t  lin  nirJii  nii!«»nvTr- 
stehender   Flr^rzeig,   daai<   zwiscben   beiden   liiic   /iiMuumctiliftiigeiidp 

')  eiM  BcnarkoDt  Ottolliniia  AmnkTn'*  (-D'xti«->><  ii-«^.  VIll  HA  «.  » 
wotueb  dlCM  MaabtDTgiriiAftft  alcht  klltaBMin  ■Bart4miLl,  «.iHlnrn  IdUctirti  bI<h  Ab- 
ffluioBg  dsr  TOtktii  lel,  btditf  «lnl|ar  B(riBliU|aii|.  Srillnn  üIxI'ik  1.  w»  akmllca  ■• 
glOeklleli  im  Jlnngt  IMT  mf  Hiliism  rsldiug«  i^am  da*  llrhK'tKhir  A•c^P^'n*  Turnt« 
Kay,  dauen  lUoptotsitt  Kilto  In  fiturn  lu  Bckmea  nod  dioon  ll*h«rri«l>H  um  »■- 
fanianaa  lu  mHhtii.  Tuman  Bay  muuta  nun  auf  daa  'I  llrl  „<'h>lir'  (NMhrotsai  *ft 
Fropbalcn),  welahaa  nur  dia  BaharrKhcr  Aanplana  n  hih'rn  bun-'liiifi  »kh«.  •■■•■a 
auch  aar  alla  Bachte  slna*  Daichllliata  der  belll|a*  BIMic  >[rl,b>  und  MrdlM  VvraMfci 
laiitaa,  iTsranf  dwa  aaLln  I.,  d»  bla  dahin  nur  •InfMh  „Suliiii"  hi»*,  tliL  aum  Mg^* 


DI«  «ral-«lUUebeB  Völktr.  167 

K^tr  %on  VorstHliiiiRon  liestoht.  Kn  vollkoiunicncs  Analogon  bildet 
im  AlieiHllando  die  Ucljcrtragun^  der  altröniischen  Kaiserwürdo  auf 
Karl  d.  (ir.,  keine  ]»haiita8tit(ehe  l'iigelieuerliehkeit,  sondern  die  natüi- 
lielM'  F«»lgi»  d<»s  ununterbrochen  lebenden  Bcwusstseins  von  dem  Fort- 
iM'vtaiide  des  römischen  Reiches. 

Kine  Hauptanziehungskraft  übte  der  Islam  auf  viele  Völker  des 
itnilahaiM'hen  Sprachstammes.  Dit^sem  gehöilen  die  Hunnen  an,  als 
Kphtaliten  o<ler  weisse  Hunnen  an  den  (Jrenzen  des  Sassaniden reiches 
an^*>MK;  einer  ihriT  Zweige  waren  vielleicht  die  Bulgaren,  die  schon 
Umlr  dk's  V.  Jahrhunderts  Thrakien  verwüsteten,  das  oströmische  Heich 
»*  i«*<hT!iolt  l»eilrohten,  und  endlich  zwischen  r>t»0  und  iM\H  in  dem  lH»reits 
\«»n  Slaven  erfüllten  Moesien  ihr  Standlager  aufk-hlugeii;  ein  anderer 
Haufe  <lieser  Bulgaren  zog  Anfangs  des  IX.  Jalu-hunderts  an  die  Mün- 
dung diT  Kania  in  die  Wolga,  wo  das  wolga-bulgarische,  auch  gross- 
«wlfT  weijisbulgarische  Reich  entstaiul  und  sich  als  Staat  und  eigene 
NatifHialitftt  Ws  m's  XIH.  Jahrhundert  l>ehauptete.  In  ihren  Sitten 
nwi  Oelirüuchen  glichen  diese  Wolga-Bulgaren*)  in  hohem  (Jrade  den 
HntitH*n.  Ihr  König  herrsi'hte  des|>otisch  •,  sc»ine  Steuern  iMv.og  er  in 
KiiMl>hftuten  und  sein  Volk  wohnte  im  Sonuner  in  Filzzelten,  im  Winter 
iit*T  in  hüUemen  Häus<Tn.  llmide-  und  Wolfsgehend  (Mithielten  günstige 
ViirfMHifutungen ,  die  Schlange  war  unantiu^tKir;  gleich  den  Kalmüken 
war  ihnen  vin  Haus  inler  Zelt,  in  das  der  Blitz  geschlagen,  eine  Statte 
«<i  Iffottps  'Atmi  wohnt.  Ihre  Nahrung  war  Hii*se  und  Pfenletieisch, 
ihr  ^ii'tränke  Meth  und  Birkenwasser.  Wir  erfahren  von  Schriftstellern 
tat^  der  CTial\'feiizeit,  dass  ihr  Handel  weit  nach  Nonh'n  und  Osten 
nichtr:  >ie  liracliten  von  den  in  eisigen  1  binden  wohnend<*n  Jugren 
/nliH-,  Hennelin-,  Bükt-  und  Kichhornpelz,  von  den  Builasen  schwarze 
Fiirhj«|ii»lze.  In  Bnigar  n»sidii1en  die  Könige,  die  theilweis(»  sogar 
M<ki»si*ii  iHügen  lieusen.  Als  hn  I^aufe  des  X.  Jahrhund(»rts  die  Russen 
ihrr  Ma4iif  aibniehnteiu  ei-schttttei1en  sie  mit  am  meisten  <len  Bulgaren- 
«laaf,  den  «lann  im  XIII.  Jahrhunderte  di(*  Mongolenfluth  v(*i1ilgte. 
fVote  >tind  die  Wolgabnlgaren  cImmiso  in  den  Nordslaven  aufg(*gangen. 
«ip    di«*  iKinaubulgaren  mit  BeilK'haltung  ihn*s  Namens  j(><loch 

H-bitn  %iel  früher  \tm  den  Südslaven  alrsorbirt  wordcMi  waren. 

f  tc^r  't'^*  Prupbeten  rrklärte  uimI  xiigirich  «lic  zwri  Titel  „(^balyP*  und  „Kniir-fl- 
^tVMim**  t^itr«!  ilfr  Ulaubigi*!!)  aiinahni.  l)a«.'«  dir  Schiiten  dm  buünn  von  Httmbtil 
,Hbt  •!•  KA^kfitls**'  rf^*  (*halyfcn  an^rkrnn^n  ,  i->l  mrlir  denn  natürUch :  wa*(  ab«r  dia 
\rm^r  ank^Uugl,  lo  haban  ni«*  nur  theilwei^e  dino  Narhfolgi;  nicht  etilen  laaaen,  dia 
ara^ktarMa  Saltan«  dar  afrieani-rlinn  ()!«lkij-*tc  orblirkrn  im  PadMchali  dnn  Naelifolgar 
<e-  t>al«frn  iiud  f*r»t  vor  kurser  Zeit  »andle  der  Hnltun  dor  C'<>nior«*n  i«oinen  Oheim 
'•«'h  (  -jKAlAfilniiiicl  um  HuUan  Murad  V.  nl^  ('halxfcn  des  l«luni  »u  begründen.  (AUk- 
/•r  ^••ü»  I  Joli  l^'i^  ^  'i>ilS.)  Kin  Qleichr«  i«t  in  Zanzibnr  «lor  Fnll,  und  dfr  Attalik 
•,k«t%.  4«r  Ciründrr  düa  U«*irheji  U  ^  eh  i  t  i  ncha  r  in  O'tturkc-klän.  ja  noKar  d<>r  rphamere 
M«lkaBwfli^4«nfr»taat  in  Yüiinau  rrkann(<*n  dic«p  KiRrn^rhnft  d«*«  Padi^cliah   willig  an. 

t  Nicht  die  Hulgaren  oiud  et,  die  ihri'n  Niinim  \<tii  der  WoIrm  habrn,  »andern 
•  «  #r^i*t  <Jrr  Fhi«^  den  Namen  \«>n  ihucu  und  /war  uirht  \or  dcut  Üe«taudo  dn«  Bul- 
ca'»nrri<-ke*.  Bride  Namen  «tammen  wahrf^rhcinürL  au<t  d(*rnclbcu  Wursel.  ImX.Jahr- 
»  i^^rtc  hte^M  die  Wolga  noch  allgemeio  Atil^  wft»  eine  ostjakisehc  Benennung  lu  naio 
ick<iat 


168  Asien  im  Mittelftlier. 

Krüh/.oitig  iialiincii  dU^i^o  Hulf^arou  den  Isldin  an;  bei  drn  möftischen 
Donaiihiilgaron,  wo  die  E|xm'1io  sc»ines  Aufkonimeiis  nicht  fc8tzaste1len. 
wai*  rr  indoss  nie  so  allgemein,  als  an  (ier  Wolga,  wo  er  zu  aiisschiiess- 
lii'her  (ieltnng  gelangte.  Hier  ninss  ein  Theil  der  Osthulgaren  schon 
im  IX.  .Jahrhunderte  zmn  Islam  bekehrt  worden  s*oin,  wenn  es  wahr 
i^t,  dass  die  damals  ikm-Ii  heidnischen  Chazaren,  ein  ngrisebes  Volk. 
^ie  der  Religion  wegen  l)ekriegten.  Die»  zweit<»,  tiefer  eindringende 
Rekehnnig  ttillt  knrz  vor  922  n.  Chr.  Von  da  an  bestand  ein  reger 
N'erkehr  zwischen  dem  osthulgjirisi'hen  und  dem  (^halyfenreiche;  es  ward 
rlie  ganze  Cultur  des  Umdes  onentalisch,  und  d(>r  Islam  hatte  bald 
kein^'  eifrigeren  Anhänger  als  die  Bulgaren,  »j 

Bei  so  frtlhem  und  weitem  Vordringen  ge^en  West^sn  konnte  der 
Islam  um  so  eher  die  l)enachharten  Turk Völker  ergreifen.  In  der 
riiat  huldigten  schon  zur  Zeit  der  Erobenmg  Cbowarezms  durch  die 
Araber  viele  der  l)esiegten  Türken  dem  neuen  (vlauben.  Bald  gerieth 
kein  Volk  in  nähere  Berührung  mit  dem  Cbalyfenreicbe,  als  die  Türken. 
\  iele  war(Mi  als  kriegsgefangem^  Sckaven  im  Beiche  selbst  verwendet, 
An<h'rc  nahmen  ob  ihrer  kör|)erlichen  Schönheit  die  Stelle  von  eintiuss- 
reichen  (rUnstlingen  am  Hofe  ein.  So  gelangten  die  dem  Isl&m  erge- 
benen türkischen  Sclaven  zu  einer  dem  Staate  gefUhrlicl  en  Macht.  Ein 
l'ürke  war  es.  der  die  Dymustie  der  Taheriden  in  Cliorassan,  die 
erst(»  im  Orient,  gründete,  weichte  d(»n  Verlust  der  übrigen  östlichen 
Länder  nach  sich  zog,  Wie  w(^nig  lüis  nationale  Araberthum  die  Fähig- 
keit besass,  die  durch  den  (rlauben  zusaunnengeschweisste  Menschheit 
auch  stiuitlich  zu  iM'heri'schen ,  lehrt  der  l'mstand,  fia.<s  alsbald  in  den 
\ei-schiedencn  Provinzen  Dynastien  von  durdiaus  fremden  Stftnunen 
auftauchen,  darunter  mehrere  türkische.  Die  Tnluniden  und  Ichschi- 
diden  in  Aegypteu  und  Syrien  waren  Türken,  dessgleichen  die  mächtigen 
Hui  den  in  Persien  und  die  noch  gewaltigeren  (rhazneviden,  ileren 
Heich  sich  über  (bMi  ]K>]-sischen  Ira(|,  Dilem,  Kurdschistän,  Tabaristan. 
(leoi'gieu,  Chorassan,  Seistan,  Chowarezm,  Fei*ghana  und  Indien  erstrecken 
uud  dem  Islam  in  letzterem  liandt^  dauernd  Fuss  zu  fiuwen  gestatten 
>ollte.  Neben  dcMi  (fhazneviden  stifteten  die  gh»ichfalls  türkischen  Seld- 
sclniken  in  Vorderasien  das  grosse  Sultanat  Iconinm  oder  Buni  nnd 
schränkten  die  Macht  (b>r  Bagdad(T  (halyfen  auf  ein  Minimiini  ein. 
So  blieb  denn  das  .\egyi»ten.  Syrien  und  Westanibien  umfassende  Clia]}'fBit 
ih'v  schiitischen  Fatimidcu  die  <'inzige  gröss(Te  staatliche  Schöpfung 
des  NationalanilH'rthums.  Ka  kann  nicht  Aufgal»e  di(.*s(T  Zeilen  sein« 
den  inannivffachen  Wechsel  im  Kntstehen  und  Verschwinden  der  ahl- 
losen HeiclH'  zu  \ erfolgen,  (He  bis  zum  XHI.  Jahrhunderte  die  asiatische 
CJescIiiehte  (»Hüllen;  es  genü'jct  für  unsere  Zwecke,  zu  ei'wflhnen,  dass 
sie  alle  nn'hr  oder  miuder  dahin  strebten,  da,s  numerisch  !M*hon  sehr 
^«•hwaeh  gewordene  und  entnervte  arabisrhe,  durdi  das  ii>htTe  aber 
kräftigere  türkisrhe  Klenu'nt  zu  n erdrängen.  Und  di(^  gelang  so  sehr. 
«lass  das  türkische  W(»sen  bis  auf  die  (iegenwart  in  ganx  VonlriUMcn 
und  einem  grossen    Theili»  ('entralasi<»ns  sich  iK'hauptet,  obwohl  es  den 

')Ri)?«lcr,   l'rber  i!ie  VülkefateHuftf  fler  Butgaren  in*einon:  H9min{$cf€m  SlmH:Bm, 


Die  «ral-AlUUclien  Völker.  169 

iiBioii    (irr  ^foiigokiicrobn uiig   trot/in    niiisMc.      Dadurch   sind   d'e 
rk^^lkcr  7U  pinrni  cultiirKCsc'hichtlidi   wichtigen  Kloineiite  geworden, 
1  hiiT  einige  AVorte  gewidmet  werden  niüFM^n. 
In  iler  arak>-kas]nHehen  TiefelKMie  tmnnu^lten   sicji  wohl   Mit  jeher 

flttditigen  Hosten  türkische  Nomaden,  dicht  auf  dem  Kücken  der 
nis<*h<*n  Cultnrwelt,  die  sie  zu  vei^schlingen  dn>ht(>n.  Das  älteste 
Ik,  welch<»s  die  (Jem'hichte  Nordasiens  kennt,  sind  die  l^e-ti  «Hier 
dl*,  llioity-nu  («L  h.  verächtliche  Sclaveu)  war  eine  andere  chine- 
rhe  Dezeichnung  desst^lhen  Volkes,  welches  in  die  drei  Stännni*  zeiüel: 
i-Tighur,  rghuz-Uighur  und  Tuckuz-Tighur.  Ihre  Unter- 
iorn  hi(*ss«»n  Turk  (Türken),  d.  h.  Sclaven,  folglich  sind  Pe-ti  (Hier 
dr,  Hiong-nu,  l'iguren,  Tungunen  und  Türken  lauter  Namen  eines 
1  dessellien  V(»lkes.  Die  Un-Uighur  siedelten  sich  am  Orkhon  an 
\  lireiteten  sich  gegen  Westen  bis  zum  Irtysch  und  Dsaissang-See 
».  Von  ihnen  stammten  die  Hunnen  (Hier  l'nnen  sowie  die  Hnno- 
rcn.  Die  Tghuz-righur  sassen  Anfiangs  am  J(Miiss(>i,  später  im 
den  lies  Tian-si'lmii,  in  Kamul  und  Tui-fun.  Von  ihnen  stannnen  die 
rgisen,  die  AW-AVäm   der  Chimvsen.    Die  Tuckux-righiu*  (lliongnu) 

eigentlichen  Sinne;  sassen  im  asiatischen  Nordosten  und  sind  die 
immväter  d(T  tnngusischen  Völker.  Die  Türken  (hI(t  Sclav(Mi  unter 
MMi  erhielt«»n  v(m  ihMi  im  Schimpfen  so  virtuosen  Chinesen  den  Namen 
\a'fnef  7Vi/ff/illun(h\  mVdliche  liarUu'en),  wonius  der  Name  Tataren 
tst&nden.  Die  Turk-Tataren  wurden  in  weisse  Tataren,  d.  li.  vom 
i*<*n  KmM*hen  «nler  edlen  li^sprungs  und  in  schwarze  Tataren,  d.  h. 
B  si'hwanrj'ii  Rmn-hen  «Hier  un(Hllen  rrsjirungs  geschieden;  wieder 
I  IVweis,  da>s  die  rngleichheit ,  nicht  die  (rlcichheit  der  M(Mischen 
s  IltTZ  diT  Natnrv(")lk<T  g(*graben  ist.  N(K-h  jetzt  liezeichnet  w(»iss 
d  M^hnarz  in  Nonlasien  (*d(>l  und  un<^lel,  frei  und  unfrei,  ^i  /^u  den 
üwarrfMi  Tatan^n  zählten  die  von  den  Chin(*sen  sogenannten  Mnu(j(ffni 
'T  M*';/hnf^  uuMTe  Mongolen,  deren  Name  aber  erst  ll.S.')  n.Chr. 
d«»n  rhim-sischen  Aunal(*n  (»rsciM'int.*) 

IHv  iUtestf  (ieschi(*hte  der  Tataren  ist  natürlich  durcluius  FalM*l; 
t^rvHiM.  g(*winnt  für  uns  ei-st  das  Reich  der  T  u  -  k  i  n ,  w(»nniter  gewis»% 
•bin  anderem,  als  die  Türk*»n  (hs  AlNMidlandf^s  zu  >ei*st(»hcn;  dies«"« 
•i^-b  dauerte  bis  1  i'y  n.  (Iir.,  wo  es  von  ein(Mii  Zweii^e  dvv  Tiguren 
Mftrt  wunb'.  I^'tztere  waren  unstreitig  der  am  weittsten  in  der 
Itur  fortgcHi-hrittene  Stiunm  der  Türken.  Frühzeitig  luitt(*n  sie  (>ine 
!rn«'  N'hrin  und  IJteratnr;  später  nahmen  >ie  v<m  den  nestorianischen 
.«^iiinären  di«*  sMisch«»  Sdirifl  an,  woraus  sich  auch  jene  der  M(mgolen. 
Juiükf'n  uinl  >[ands4*hu  entwi(*kelte.  Nel»en  dem  Buddhismus  und 
r  i*hiii«*MS4'hen  Bildung  fanden  ih>r  |M>i*sis('lie  /jirathustra-CilaulH».  die 
hr«*  Mani*s    der  Manichäisnnis)  und  das  nestorianische  ('hnst(*nthum'> 

'i  Umh^T  «o  häiiftg  norh  diT  .\ii-dnirk  für  den  kiiihpr  wn  Kii«-liiri<I  «In  %%ei-*iier 
if    tml'immrj   «ntk'^nifttt. 

*i  ^l»ll•  iih<>r  die«^  KthnoloKi(>  di"  Kinlrilutift  xn  Fraiix  >on  Krdmtiiii,  7Vm- 
>^.M  Htr   rn«r9rhUUtriickf.     LetpsiK  KMfi.     M* 

i    \     s     llumholdl  marbte  xucrflt  darauf  Aufmrrk'am,  da^i  ni>ch    im   \\\ .  Jnhr- 
b.'lrrf«'  artnf  ai«ch«  Müoche  ein  Kloatrr  %tn  Mordufer  doit  l^ri-kul-Kec*  gehabt  hftUen  »oUea 


170  Asien  im  Mittelalter. 

\  iolfacli  KiiijjaiiR.  Srlion  im  V.  «lahrliiindci't  cirnilirtcn  \m  den  Uigurcn 
nianclir  rliinosisclio  Werke  in  ui^un'sclier  Ueliersetziiiig.  IHo  Uigwirn 
l»rliaiii>tete!i  siili  lai)j<?e  als  eij?ener  Stamm,  der  seiner  Hildnng  nnd 
Ciiltiir  w(«r<ii  in  iKjluni  Ansehen  Mand,  verlor  aber  durch  spätere 
Misrlnmpen  seine  Nationalität,  ihr  Heieh,  deren  IleiTschcr  den  Titel 
Fjh'hnt  fühilen,  bltUite  in  Ostturkestan  nnd  vemnipte  sflnuntliche 
Turkstäunne  im  änssersten  Osten. 

In  Westtnrkostan  erh(»b  sieh,  dem  arabisehen  Chalyfhte  ein  iKMlnih- 
lieber  deiner,  das  Keieb  der  stammvenvandten  Seldschuken,  der 
Ahnen  (h-r  hentiiijen  Osmanly'),  vom  Indus  und  den  Grenzen  diiiiaV 
bis  an  die  (i(^biiji;e  (ieorgiens,  in  die  Nähe  (  onstantinoiJels,  Jmisalenis 
inid  des  «j^hlrklielien  Arabi(»ns.  Doeb  ni<']it  allzu  lan|j;e  (lauerte  die  «Hd- 
sehukisebe  Maebt,  veh'bo  unter  Malek-Sehab  auf  ihrem  Zenit  he  stand. 
Noeh  zu  l^ebzeiten  dieses  gewaltigen  Kaisei*s  wurden  von  ihm  grcK^se 
Provinzen,  (He  ftir  kbMue  lleiebe  gelten  konnten,  an  einzehie  IJehlinge. 
unter  dem  N'orlM'halte  eines  Vasallennexus  verschenkt.  So  wanl  ('how- 
iirezm,  «las  moderne  Chanat  Cbiwa,  ein  Lehen  des  Kannenhälters 
«MJcr  l\isrltid(n's  \\m\  In^fand  sieh  1097  in  den  Hunden  des  St2;ttha]ters 
Muhammed  Kutb-ed-diu.  Sehon  sein  Naehfolger  Atziz  nuusste 
sirh  1  KJH  di«"  rnabhjingigkeit  an,  knmjifte  um  dies<*n)e  mit  den  Seld- 
M-huken  und  rijnn*en,  und  stiftete  das  Haus  der  Chowarezniier, 
(li'ssen  >birhtausbreitung  mit  dem  Nied(M"gangc'  der  S<*ldsehuken  fiist 
gh'iebru  Schiitt  hi(»lt.  IJald  war  ganz  Turkestan,  Samarkand  uud 
[{oebara  untei*  das  Sec'pter  der  ( liowarezmier  gebracht. 

Im  nördlichen  (*bina  gründeten  H72  die  Khitan,  ein  tungnsiscfaer 
Slannn,  das  Hcich  Kbitan  oder  Lia(».  Ihre  g(»waltige  Iten>t<?haft  uiiisste 
aber  drm  Heichc  der  Kin  Platz  machen.  Der  Volksstaimn,  welcher 
letzteres  Heicb  stiftete,  nannte  sich  withrend  seiner  HeiTschaft  Ju-tchh^ 
auch  Nhi-fsrhhi  und  AV/<-/.v<7/f' ,  endlich  Dsrlnirdhchc  (Hier  Mand- 
•^cliu.  Kiner  ihr<T  Füi*sten,  Agu-tha,  em]Kirte  si<rh  g(*gen  die  Kbitan. 
warf  sir-  in  mehreren  Schlachten  nieder  und  grthidete  1115  unter  dem 
Kaiscrtitcl  Hoam-ti,  die  gohhMie  Monarchie.  Kntspreehend  nannten 
•iic  Monirolen  die  Häupter  drr  Kin-Hynastie  Altifn  r/iattr,  ^ddene 
König«'.  Mit  rim  chiursischrn  Sung-Kais<'rn  schlössen  sie  einen  (ireni- 
\('iirag.  welcher  den  Kin  die  Herrschaft  übei*  Pe-tche-li,  Siiuuiti,  Sehang- 
tong,  Il«»-nan  und  den  nördlichen  Thi'il  von  Sehi»n-si  sicherte.  Die 
Hauptstadt  ihres  Heichcs  war  IN'king  »um  ll.V»),  welche  Stadt  damals 
den  NauHMi  l\srlntiui-tn  i  kaisiTlicl»'  Sta«lt  tXv^  Mittelpunct<»si  nUirle. 
Im  Norden  leichte  ihre  lleri^schaft  his  zum  Orkhon,  zur  Tula.  mm 
Kerulun  und  Amur.  Im  .labre  12ol  wai*<l  ihre  Moiuirchie  von  den 
Mongolen  \ernicht<'t. 

Kin  nönllicbere«^  Heieh.  das  sehwarz«*  China  twler  Karakhatni, 
ward  \ou  einem  khitanischen  I'Ynsten  gestitVet.  Als  nändich  da.s  Heieh 
der  Khitan  an  di'U  Abgrund  gedrängt  worden  war,  bnu'h  Tusehi- 
l'algun  («hincsivrh  »hlu-hitsrhr  inh-r  th liu'fasrht')^  der  Feldherr  d«*s 
N'tzten  khitaniHheii  Kaisers.   JPJl   mit  einer  kleinen  Scliaar  nach  den 

')  F  r  i  e  «i  r  i  c  h  Müller,  Afh/emeine  Uthttoyi-aphie.    Ü.  ÜtT— 340. 


Die  aral-Alt«lMb«B  Vdlker.  171 

«titrtrn  nordwestlich  vuii  Si'hcitöi  auf  und  lie»>  sicli  nach  und  nach 
I  Ka.«<*bgar.  Yarkand.  duitan  bi»  zum  SHyr-l)ei'ja,  aln)  in  Turkrstan 
Bkbg#n.  Kr  ist  der  U*rühmte  UHiatisi^he  Kr /priest  er  Johannes, 
Ml  «lern  niittelalterhche  Ikrichtc  in  Kuroiui  als  von  einem  mächtigen 
EorMtlkhen  Fürsten  des  Moiyenlandes  sprachen,  doch  bleibt  es  noch 
umrr  niiffi^wiss  ob  Jelu-tatsche  Nestoiianer  und  zu  dem  Titel  prcslnjicr 
f  rer,  Priest erkOnig,  iK^rechtigt  gewesen  sei.')  S(»in  lleich  ei*str(»ckte 
ch  V4IIU  Oxns  bis  zui*  Wüste  Schamo,  vom  üindukuh  bis  xnm  kleinen 
iltaC  erhielt  sich  al)er  nur  bis  auf  «las  dritte  Geschlecht,  denn  der 
lakel  <les  »Stifters  verk>r  1217  die  Krone  an  die  Monj^olen. 

Mlttlerweik^  war  niindich  unter  den  Mongolen,  den  TilrktMi  in 
prache  und  riiysit^gnomic  verwandt,  ein  Held  eitstanden,  der  die  da- 
MJigv  |N>litis<'he  liandkarte  Asiens  veriüchten  sollte,  Temudschin  oder 
'emurdschi,  den  wir  unter  der  lk*nennung  Dschingis-Chan,  d.  h. 
rr  Starke,  der  Mächtige  kennen.  Seine  und  si*iner  Sölnn»  Heerschaaren 
■gten  die  Cliowarezmier,  die  Keste  der  Sehls<*hukenstaaten  und  jene 
a  iMirdiichen  (liina  hinweg;  Imld  (»rstreckte  sich  di<*  MongolenheiTSi'haft 
hrr  ganz  AsieiL,  nachdem  sie  auch  Kuropa  zu  ülK'i-fluthen  gedroht, 
la»  ras€*lM»  Kntstehen  solch  weit  aiisge<  lehnt  er  Kei(!he,  wie  in  Voran- 
p|inifk*in  iM'richtet,  ist  indess  um-  in  dünn  lM»si(»deiten  (M»gen(b?n  möglich: 
nr  d»>rt  \ormag  eine  kleine  alnT  U-her/t««  Schaar  die  schwache  und 
iTsUnMite  fW'völkennig  für  knr/e  'Mt  unter  ihi*en  Willen  zu  InMigen, 
rMinder^  wi>nu  i\m*m*  WKh  nicht  sesshaft  «^ewonhMi,  nm;h  nicht  Ilaus 
ml  liof  zu  v«*rt heidigen  liat.  Auch  die  weiten  Flächen  und  Wüsten 
fl«gttii^tigf*n  siilche  KroU'rungszüge.  Wir  seihen  denniach  dif^  mongtH 
«cImmi  Nomaden,  von  Temuilschin  zu  einem  Volke  g(rinigt,  gl(Mch  einer 
naiinialtsainen  Woge  üImt  dit^  gleichfalls  noniadis<'hen  'rurk\ölker  heran- 
[illf-ii  uiwi  aucli  in  Kun>pa  si(*h  über  di(*  W(*it(*n  Flächen  KussLimN 
nrit-^-MMi.  Am  Fusse  lUnr  <MU*opäisclien  (iebii-gsländer  alKT  und  dort 
«  die  M«'ns4h<'n  schon  s<'ss!iaft  und  venliclitet  lebten,  brach  sich  da- 
••tffii  ihr  S4"!nt'«-klicher  Anprall.  Auch  üIkt  (üis  lM'>ölkerte  China,  wo 
eiiiml^hinV  S»hn  und  Nachfolger  Kublai-Chan  <lie  Y  neu -Dynastie 
iMiftet,  \«nn<Kht<'n  die  Mongolen  ihre  Ilen*schaft  kein  .lahrhnn<it'rt 
ri  iH'hauptm.  UiLsh  wie  >ie  entstehiMi,  ptt<»g«*n  sojrh  ephemere 
Tini'lungt'n.  niogrn  sie  auch  zu  nioniciitauiMi  Weltreichen  auM'hwelh'n, 
i'-i^r  /u  \«TMh^ind<'n.  S'hon  narh  Trnmdschin^  T<Mle  zerfiel  der 
taat.  «b'r  ^irh  M>ines  noinadi'^i-hen  Charakter^  niemals  entsehlagen 
imni«*  Von  Chanbalyk.  dem  jetzigfii  iVcking,  > erlegten  ilie  mmi* 
iifLM-h«-ii  (in»HS4'|i;nie  ihre  Ki^sidcn/  gar  iMild  na<h  Karakornm.  dessen 
Qrrlit'h  anftfefnndenc  Htitnen  *  •  /.n  schliessen  gestatten,  ditss  es  trotz 
»Nu  ii«»rt  U'fimllirlHMi  goldmen  KaiH'r/elt(»>  ein  iinnhcher  Ort,  \ielleicht 
Urhanpt   nur  ••in  gross«»»*  Zcltlagri-  gewesni.     Die    uionjzolisrhrn  llen*- 

*i  >i«>h'  ul'er  di»  Fragr  tl«'^  Krsprir^trrs  Juhnnnc«  <lii*  tln-^  Innpgf'urhti*  Hath<«l 
'>^:.*rf1r   *»^bfifl  \on  (iiiAtAv  < )  p  p ••  r  t ,   /Vr  Vrti>h>fter  Johannt.*.     Berlin   1861. 

•  l»  «rrh  Irri  ru«*i 'difti  Ket*en«Irri  Hrn.  I*A«lrrin  h(»i  KorA-HiilRlia<«.«an  l»i*>»eT 
'1  ..;l  i-n^h  '!*!.  Tafeln  der  Jennitcn  in  17  '.Tili'  n  Ur.  iiml  1M«-.M  -l«»  writlirh  von 
•  •k-r  I'«*  f*furM!#iirn  Kuinrii  reichen  dpAte^trn«  l»i*  nim  S»»hnr  Tn^ontemMr-«  (I;J70- 
>»  h.T^'ti     ^lek«  d«rab«r  atoyrmphieml  Mmfatime^  JuU  1971.    ^«.  i:n— 131*. 


1 72  Aniea  im  Mittelalter. 

^ihoi-,  jihMi'limiltij^  fio]ion (ilnulM^nsfonnen,  licsseii  für  sich  von  Nestorianeni 
und  Muliaiiiinodanorii  ))otot);  in  China  wiirdon  sie  Buddhisten,  in  Persien 
traton  sio  /um  Islam,  im  Ki])tHrhak  /mn  (^hristonthnnie  Über,  und  bald 
rut^pann  ^icli  oin  lebhafter  Ik)t schuft erverkelir  zwist^hen  dem  Abendlande 
nmi  den  I len"sc}iei*sitz(Mi  der  (h-a^^sehane.  An  ihrem  Hofe  Haben  frftnkische 
K«Msende  /.mn  n-sten  Male  ('hin(»s<Mi  und  Kingeborne  aiw  Onam-Kemle 
d.  Ii.  aus  Daurien;  es  erseliienen  auch  aus  dem  ftussorstcn  Nordosten 
die  auf  Sehn(M»selnilien  geübten  l-riang-itoi,  tunfniHisohe  Solonen  am 
Amur,  ja  selbst  tributpfiiehtijxe  Mandwhuren  von  den  Inseln  im  ochoU- 
ki^clicn  Husen.  die  zur  Wintei-szeit,  wenn  die  See  gefroren,  von  roon- 
m>lise}n'n  Freibeutern  heimgesuelit  wuiilen.  Da  al)er  die  Mongolen  den 
Hand«'!  iH'gtlnstigten.  so  wurde  im  XIV.  Jahrhunderte  ein  geordneter 
rrlM'rlan«lvi»rk(»br  bis  nach  Chanbalvk  in  China  erÖifnetJ)  Unter  den 
et)niogi-a])Inschen  CmwUlzungen,  welche  in  Ontralasien  die  Mongulen- 
heiTschaft  zur  Folge  hatte,  war  das  U  eher  handnehmen  der  tür- 
kischen Kiemente  in  allen  Theilen  Turkestans  eine  der  widitigsten, 
und  dai'aus  erkliirt  sich  leicht  der  Anhang,  welchen  der  aus  dem 
türkis<"hen  Stannne  Köreken  in  Scherisselw  i;J.-i3  gebome  Timar* 
Keg^i  fand,  dem  AlxMidlande  als  Tamerlan  (Nler  Tamerlenk  bdiannt 
Mit  seinen  Froberungen,  welche  ganz  Mittela^d(4l  wieder  vereinigten. 
freilich  nur  für  kur/(>  Zeit,  und  mit  dem  Sturze  seines  llausea,  der 
kunstsinnigr*n  Timuinden,  schliesst  eigentlich  da8  Mittelalter  für  TorkestAn. 
Als  TimurV  Kei(*h  sich  haltlos  aufldsti*,  machten  turi(ische  Stämme  skh 
wieder  zu  Herren,  nachdem  schon  früher  auf  den  Tillmmern  des  SeU- 
Si'hukeurciches  sich  die  Osmanen  erholuMi,  welche  Mitte  des  XIV.  Jahr- 
Inindcrts,  Angst  und  Schrecken  verbreitend,  Fürs  in  KiuxiiMt  ge&sf4  oad 
alles  I^md  vom  Iios}N»rus  bis  zum  Ifftmus  unterworfen  hatten.  Der 
letzte  Tinnn'ide,  Sultan  Haber,  nuisste  endlich  dem  Schelbani 
Mehemmed  Chan,  aus  der  Familie  der  Dschingisiden  weichen  und 
ihm  (iie  llcrrschafi  in  Samarkand  Ulierlassen,  wogegen  er  in  Indien  dis 
Heich  i\vr  (ln>ssmogurs  zu  Dellii  lM»gründete. 

Uns  iiinliaiiiiiHMlniiisclie  Indien. 

Indiens  (icschichte  im  frühesten  Mittelalter  ist  überaus  wenig  be- 
kannt. Die  Halbinsel  war  seit  dem  etwa  ^.^5  v.  Chr.  erfolgten  Zu- 
$animeubruch<*  des  müchtigen  Iteiches  Maghada,  welches  den  grtasten 
I  heil  N<»rd-  und  Centralindiens  umfasst,  in  eine  Reihe  einxelner  und 
unabhängiger  Staaten  gespalten,  von  welchen  wir  nur  dArftige  Xadl- 
ri<hten  iM'sitzen.^)     Die  \vichtigst<'n  <lii's(M- Königreiche  waren:  das  Reidi 

•)  l*0^chol,  f.'eitrhici'te  »Ur  Knl künde.     S.   1  ,'»<>— 1.')3. 

0  Die  vii'l^nrh  gi>thoilto  Ansicht,  (1a.-*A  dienor  gewaltige  Bruberer  mongoJiMkn 
I  rupriiMK'^  '*ci,  lini  Vünibi'ry  widerlegt,  indoin  er  dosten  rein  tatArisehe  Abkaafl  MiiMr 
/wrifel  Hr.t/to.  <ll  i<  r  m  an  n  VAmlM?ry.  (ie^ehiehte  Boc^ättt't  «Wrr  Trmnmrmmlvm  wn 
dtn  ft-Rhentcn  /.fiten  hin  auf  'iie  tieffentrart.     \.    Bd.     8.   178.) 

')  Sie  Hill«!  trRtriirh  xii>aninieng<'raA!«t  In  LaflKcn,  litdttckt  Afttrikmm^tmmäe,  Ut 
]H.  und  IV.  Üd.     Die  ÜGi'chiclite  der  einselnen  DynMtUn  Ut  dort  kritltoh  gwiahli^ 


Dm  m«haBH«dAnU«he  Inditn.  ]73 

dir  BallahhU  welche»  die  liaiuMiaftoii  Millava,  Aiiaiulapura,  Vallahhi 
vmA  liOcbbt  walirKc4ieiliilicli  auch  dtMi  westlichen  Tlieil  der  Halhiiisel 
(■uz«Tat*s  lN*herrs4'hte ;  das  brahmaiiische  lieidi  Sindh.  jenes  der 
jüiH£i*rPii  Ciupta.  welchen  es  [(elan^  Malava  Sindh,  dm  südlichen  TIumI 
lVuikaiiaila\  lSaii(U*lakhamL,  Maj^adha,  Ko<;ala  und  das  (iehiet  xm 
lüi|»ila\a»tu  für  einigt*  /<*it  unter  ihrem  Scepter  /u  vereinigen*,  das 
KHcli  der  Vai^ja- Könige  odtT  der  Aditja  von  Kanja<<ui)dscha.  (iauda 
<iiiiT  lieiiKalen,  wo  die  Pala- Dynastie  K^lM)t,  die  in  den  östlichen 
und  ftihilicb<fn  <iebieten  ihrt^  Heichc*s  im  Jahre  104()  der  Vaidja- 
ThnaMie,  in  der  westlichen  «hige^en  dem  Kadschi)nten-(ieschleclite  der 
Ua<«btrakuta  unterlag;.  Im  Norden  Indi(>ns  treltVn  wir  die  Stiuiten 
A^^am  mit  ik-m  InMUU'hltarten,  dem  Tiva-Dienste  cr^rhenen  Tripnra, 
uimI  öas  Keich  Nepal,  in  weir,h<*m  die  ii4*hre  (^'akjanniniV  schon  früh- 
/eitifs  hlingang  fdnd^  obwohl  dvv  Ihiddhisnuis,  dessen  vollständige  Fju- 
fühnuiK  erst  später  Btattfand.  den  Neiuilesen  von  Tiln^t  aus  mitf^t^t  heilt 
«anL  Im  linieren  Indiens  thronten  (he  Kandrateja-Füi-sten  in 
)IaKailha,  ilie  Kajastha  in  l>s(*hajanagara  und  Kalands<-hani  und  im 
«f^lk'hi'ii  Tlu'ile  des  Innern  che  Pramara-Dvnasten.  Im  Nonlw<*sten 
bikkfte  Kahulistan  ein  hrahmanisches  Reich,  welches  mit  <len  Tomara 
\tiB  IMhi  und  Udaja]>ura  in  Verbindung  trat.  Diese  lösten  im  IX. 
Jalirbuiulerte  <Üe  Kiihumaua-Filrsten  in  der  Heri*scliaft  ah.  Kndlich 
liUdpt«'  Kaschmir  von  Alters  her  einen  selljstämhj^iMi  Staat  mit  einer 
an^ehnKchen ,  in  di<^  fernsten  K))och(*n  /urückreichenden  (fcsittuuf.^. 
Nirfat  weniger  zerrissen  war  das  ftitdliche  Indien  «Mler  Dekkan,  d<N')i  tritt 
hier  dai«  Kadschputeii-(fes(*hlecht  der  Kalukja  hervor,  wcIcIhs  um  die 
Mhtir  des  V.  JahriiundertH  von  Ajodhja  aus  <his  milchtige  Reich  Kun- 
taladeva  auf  dem  Hochlande  d(>s  Dekkan*s  ^q-ündete.  Mit  den  Kalukja 
renken  die  .ladava  um  die  li<Vhste  Macht,  deren  Ilauptsitz  die  Malabar- 
kfr4e,  die  um  die  Mitte  des  XII.  Jahrhunderts  ihrt^  Herrschaft  auf  das 
HtM'hland  auHdehnten  und  ihr  Hotlager  in  l^akuiuH  und  iH^vagiri  auf- 
««'hlugen.  Sie  verdrftngten  die  Kalakuri  aus  der  Herrschafr.  Nel»en 
di»-sen  zwfien  hlQhte  n<M*h  das  Reich  Orissa,  wiUinMid  den  dn*i  süd- 
itt-hntHi  Staaten,  Kola,  Kera  und  dem  I^ande  der  Pandja  weniger 
RM«*utuiig  /uktHnnit.  Lanka  <MhT  Ovlon,  allmiUilig  /um  IIaui>t.sit/e 
•ie»  HiHlilhlMnus  gf*deiliend,  erfreute  sich  endlich  einer  ^>llHtilndigen 
pfilitr^M-fafii,  staatlichen  und  culturellen  Kntwicklung. 

Mit  ileni  Westen  trat  Indien  eiM  um  71.')  n.  Chr.  wieder  in  Ver- 
k«te,  aK  der  muhaiiimHlanis<*he  (iouvernetn*  Ikiss<ira*s  eine  Tnipi»en- 
Biviit  ent2«ndte,  die  RQckgalx'  eines  in  don  IndusgewiLss<Tn  /urOck- 
;^4laltenen  araliischen  Schilfi^s  xu  (Mv.wingen;  doch  blieb  Indiens  Ruhe 
iintftHrübt.  \ii>  ein  honki*K'her  Türke  Sebuktegin  t^ir»  /n  (f ha/na  und 
kitrtil.  am  Fusse  des  Hindu-kidi.  (*ine  unabhängige  Ih^rrschaft  grflnd(*te, 
•1^  «ich  l«kl  luu-h  allen  Richtungen  hin  ausib*bnte.  SelHin  ^ein  grosser 
*^ihn  Mahmud  unterwarf  sich  das  Reich  der  S;nnaniden  in  IViNien. 
«rbhig  M  RaHi  die  /ahllosen  tatarischen  Horiien  dv>  Ilek-Chan  aus 
« •-ritr,&U<«i4'ii  und  erw(»iterte  die  (Irenzen  meines  ReielM'>  bis  un  die 
«■aincx  Kr  unterwarf  die  Ra4is4'lia*s  (^Reheri^scbert  \on  iMihore,  Multan, 
iMlii,  /enitörte  die  iudiHchen  Pagoden  auf  den  \'orhöhen  des  Hinuüaya, 


]74  Arilin  im  MilfHftlUr 

liaiiiit  fnriaii  dor  Isirnii  dort  licri'^iolio,  plrindorto  die  Schütze  dos  reii^lien 
.M:ili;idr\;i-'l'<Mii|M'ls  /ii  Soiiiimtli  Mild  t'iUiii«*  iiiicniM^slirlio  Beute  fi»rt. 
In  dic^^ciii  udiiu/ciidri)  (ilia/iu^idiMi-KHrlio  hlülitni  nunimdir  Handel  iiiid 
liidiiNtrir.  \Vi*isi'nsrliaft<Mi  und  I'ni'M<\  und  dfii  H(»t'  Malmiiid*s  ver- 
hrnlitlitcii  die  iM'rülinitcsttMi  J)u'liti'r  und  (i<d<dii1tMi  des  M(>i'<;en1aiM)es. 
\h'v  Srli\v«T|nmrt  dt's  K(>i(|i(>>  la^'  jnl«K*h  niflit  in  Indien,  sondern  in 
l'iMSHMi.  Obwohl  (h'iii  NIain  ep^chcn.  stützten  die  (ihasneviih^n  dennwh 
iliri'  Ih'ii'S'-liaft  auf  this  altmuiisrho  Nati(mal<(ef<dd.  Sie  zeigen  sich 
iliddsiiM  iivtrvw  diMi  zaratliu<ti'is(lnMi  I.icht-  und  Fenerdienst  und  ftirderteu 
die  Wii'di'ilM'lelmnir  der  Sjmirlie  und  hichtunjr  der  l'ei'ser.  Ki'st  Sultan 
Masud  III.  verl('«^te  ilic  Heichsliaujitstadt  von  (rluizna  mich  Ijaliure, 
al>o  inneiiialb  d<»r  (irenzen  Indiens.  I>ald  a!M»r  war  der  (Jliaznevideii- 
Slaat   «'ine  Mmle  der  SchNcluH-ken.      Dafilr    erhob    sieh    ihis  Haus  der 

m 

(iauridcn  in  Lali(»re,  welches  alsbald  das  «(anze  I^and  nfVrdlich  Ton 
tU'V  Nei'budda.  Ueniralen,  Sindh  un«l  (Juzenit  inl>ejip-ltfen,  sich  unterwarf, 
lirnares.  der  Sitz  (b-r  Urahnianen  und  ihrer  ( ? elehrsamkeit.  ^•anl  dabei 
11 '.M  zerstört,  und  hiennit  der  (rrnnd  zum  Verfiille  des  Hrahmanen- 
tbuins  und  der  Sanskritspniche  jreh»^,  weh'he  v(»rhin  die  HaupNpraehe 
in  llin<b)st:m  «ie\\<s<Mi,  abrr  von  nun  an  durch  die  KinniischunK  vieler 
\\  «irter  au>  der  Sjii-ache  der  Kr(d»erer  ihre  Reinheit  innner  melir  wrior, 
bi«i  sie  alhniihlijz  zu  dem  Sanskrit  der  Hiicher,  eine  tcwlte  Spi-nche  ward. 

N;u'h  Muhannned  des  (iaur's  T(n1(>.  ^'20'i^  waixl  sein  Kru»>te8  Kaob 
^M-tlieilt;  der  peisische  Theii  liel  an  lldiz,  der  hidische  au  Kuttab- 
(•d-I)in,  den  Stifter  der  Patanen  (n\vr  AfKhanenVi  in  llindostan. 
l'j*  verh'^te  neuerdin^^  die  Hauptstadt  v(m  i^ahore  nach  Delhi  und  sein 
Naehfol^er  scheint  der  erste  muhammedanisclie  Ftki^t  geweseu  zu  seiiu 
welcher  lu'oberunj^en  in  IJeni^len  machte.  Unter  diestT  Dyiuistie  ward 
endlirh  ^anz  Indien  zu  einem  einzigen  Kelche,  zwar  von  Ki^)88er  AiKr 
dcbnumr,  aber  von  ^bU-klichei*  innerer  ()i*^nlsati(m  vareinigi.  Nnr 
hckkan.  an  rmtan^  iN'inahe  jenem  gleich,  welches  die  Potaneu  8cboo 
in  llind(»stan  besass<>n,  fehlte  noch  und  blieb  auch,  trotz  wiederliulter 
An'r^riti'e.  im  (ranzen  unenduTt.  In  die  /i*it  dieser  Tataueu- Dynastie 
lallen  die  innner  häutiger  w<M'dcn(bMi  Hinfalle  der  Mongole u  in'« 
l'nndscbab  und  1211  so^ar  in  Bengalen.  Di(>se  tlrschütterungeu  flöas- 
Tcn  mehreren  zinsbaren  Königen  der  indisi'hen  Reiche  den  Mnth  eiu, 
ue^en  den  Kaiser  von  l)ellii  aufzustehen;  in  Ahwedisluug  mit  den 
Mongolen,  die  im  Pundsebab  fe.ste  Wohnsitze  erhielten,  schwilchten  «liese 
l'Virsten  das  Reieh  innner,  so  dass  es  zu  Timur*s  Zeiten  auf  ein  Uus 
melir  kleines  (iebiet  besrbränkt  war.  Der  verwüstende  Zug  dos  mou- 
^(»liscben  Kroberers  sti>rte  die  politische  (restaltuuf^  der  Dinge  in  Indien 
/war  niebt.  denn  'liunn*  be^nü;:te  sieh,  den  KaisiM'  von  Delhi  sk'h 
/inskir  zu  machen,  aber  als  mit  Mainnud  HI.  die  i'atanen-Dvuastio  1413 
«rloscli.  geriet b  llindostän  in  trostlose»  Verwirrung.  Zuerst  schwaugen 
sieb  die  Seid's  auf  den  Thron  M4i:$  -   14r>i)).  iLmn  alnT  zerfiel  gani 


*)  Sit>Iifi  libpr  tlt«>4i>,ll)*'  Kawfird  Tlionia>«,    The  ChfOHhU»  0/  th»  palkdM  I'fM^f  •/ 
i*tlhi  bjf  cüing,  intcriptiom,  (inj  other  antiqitaf!aH  vemattts.     London  1871.     8*. 


t)M  malüUBM«4aniflehe  In^Iftn.  1  i  5 

IiiiluMi  in  liiulor  kleine  Staaten  oder  Statthalterscliafien  (Su)>abieuV 
Nttibuials  ciyriff  zwar  (Iah  afKlmiiische  Haus  l^odi  l^*sitz  \on  dem 
Ibnme  in  IhAhu  diN'h  tiel  /.u  Anfang  des  XV i.  Jahrhunderts  das  lleieb 
auf^  NrUf*  in  VerwiiTuuK,  welche  dem  Sultan  Häher,  einem  Nueh- 
Liiiiiiiieii  Timur*s,  den  Weg  zur  neuen  Krohenmg   von  Indien   hahnte. 

Ui(N    in    grolNMi  /Ugen    die   Sehieksale  Indiens    in   jener  KpiM'he, 
»flrlie   «las   Mittelalter   der    euro])äis4*hen   Nationen   unifasst.     Ihi   alter 
kitr,    iik'lit    wie    in    Kuro|Ki,    keine    frenulen   l»arliaris4*hen    Horden    die 
Aülikt*  Cultur  z<*rstörten  und  (»in  neues  iielMMi  h(^annen,  da  in  Indien 
ilie  Verhalt nUs«\    w(*lche   wir  im  AlitTthnmc  dort  kennen  lernten,    un- 
uut^TlmN'hrn    fort  waltet  (mi,    so    Uv/eichnet    diese   i\>ri(Mle    in  Nindostan 
«filtT  rin<Mi  (lesittum^verfall,  noch  eine  Neugehurt  irischer  (*ivilisations- 
l»luM*ii,    s«>ndern   die  einfache  luitmv« 'müsse  Fortentwicklung  dcM'  hingst 
«irksaiiien  Factonui.     Sehen    wir  von  der  Sanskrit s)irache  ah,    welche 
iiiiiu«TiMelir  IUnIcu  an  <lie 'rocht4M*s|)rachen  abgelten  nnisste,  zumal  der  (ie- 
liTAUch  diT  VolksHprachen  sirhon  in  frühen  Zeiten  durch  dii*  Buddhisten 
lirgtk nötiget  wunle,  die  sich  eincN  T(H*Iiteridioms  des  Sanskrit,  des  l'ali, 
at  «'iiMT  lu'i]igt*n  Sprache  In^lienen,  so  sind  die  meisten  Zweige  mens4*h- 
lM'bi*ii  Foph^Ihmik,  WLssiHis  und  Könnens  in  Aufschwung  hcgritfen     Nur 
»iie   lNM'?»ie,  st«»ts  eine  Ik»gleitiTin  der  Völker jugeml,  trieb  in  l'eberein- 
Miuiiuuiig  mit   di(S(Mn   ülHimll   zu  iM^obachtenchMi  (lesetze,    k(une  neuen 
Itlütlieii  eines  schöpferis4*hen  (teistes  mehr.    Hin»'  gross<'  Kntaiiung  d(»s 
init4*n   (fes4'hniai*kes   tritt   ein.     Wo   die    Wissenschaften    ihren    Kin/ug 
haütPtu  dort  müssen  Poesie  und  Kunst  weichen.    Der  Zeitraum  zwisi'hen 
Anfang    ih^    IV.   .1  ihrhunderts    n.   (*hr.    und    d<ML    ersten    KrolMTungen 
iii«lis4-her  (iebiete    von    den  Moslims  litsst   sich   aber  sehr  pass4'nd    mit 
d'iii  alfxandrinis4'hen  Zeitalter  vergleichen.  *)     Die  altcMi  Sagen  wunhMi 
:;*->ajiini«*It  und  dailurch  vor  dem  Untergänge  gesi(*hert ;  die  merkwürdige 
>cuiiiiiluiig    von    Thierfalieln    und    Milrchen,    wel(*h(^    uns   die    iiuli.^*he 
Wftsiieit  «*nthQU(*n  und  späUM*  den  herrlich'iten  Kr/eugniss<»n  der  west- 
«urotiäist'hen  Literatur   «len   Stoff   lieferten,    erfolgte»    in    jener  KjMM^he. 
Im  Drama  wunle  in  jenem  Zeiträume  HMeutenrles  geleistet,  wie  den 
(ili«*rtiaupt  das  Theater-  und  r>ühnenw(sen  namhafte  Ausbildung  er- 
fuhr.     t>   spricht   M'hr  zu  (funsten  der  gest»lls<-haft liehen  Zustünde  der 
Inbr.  «btv«  auch  Frauen  auf  ihren  Kühnen  auftraten,  welches  die  (irierlien 
qti«l    l%önier    nicht    zidiessen.      Kndlicli    wanl   in   der   gedachten   iNTioile 
411« h   dii'  Mu««ik   wis<iens<haftlieh    behandelt.     In   der  P  h  i  I  oso  )»  h  i  e 
Sih  H<'h  Ue;;<amkeit    in  der  Hildung  \ersc)ii(Mlener  Schulen  kund,    von 
•UfH-n  finigc,   wie  die    V'vlniita  nicht  ohne   Kintluss  auf  aus>ennilische 
L-4ir*> "ti-me   blielM»n.     Die  Mathematik   faml  ihre  eigentlicln*  wisKen- 
«•-tuftlii'hi*  Di'gründung  dun'h  Arjabhatta,  der  Anfangs  de>  111.  Jahr- 
kuuiileri**  n.  J'hr.  h'bti',  ohne  jediM-b  iM-deutendere  Nachfolger  zu  scliaffen 
Im-   uiibT  ilen   lielliMten   am    weitesten   fortg<s4-hrittene,    im  IV.  Jahr- 
hoBil-rti'  lelH*nde  Diophantos  hat  <*>  nicht  mi  weit  gebracht,  als  die 


l.A««ca,  t-ilitek*  Altgt-tkmmtkmmJg.     IV.  B<1.    H.  ml. 


170  Aftion  im  MltleUUer. 

iiKÜsclion  ^ratliematikor.  *)  Kiiion  wahren  Glaii/.piinct  al)er  bilitet  der 
in  II(m1(>  stcliciidr  Zeitraum  in  der  (hs(*)iichte  der  iiidisdieii  Archi- 
1  <•  k  t  II  r,  lK»s<mders  liiiisirlitlirli  der  K  c»  1  s  e  n  t  e  ni  p  e  1  und  Kloster- 
li  ()  li  1 V 11.  Obwolil  Hnddliisten,  Hmlnnanen  und  Dschaina  sich  an  Bauten 
(lieser  Art  bctlH'ili^ten.  so  tni^en  d»K*h  diese  Denkmale  des  frommen 
SiiiiU's  diT  frühfiTu  Inder  einen  vorwiejjend  huddliistischen  Cliarakter. 
Dies  ^ilt  namentlich  von  den  Klosterhohlen,  zumal  das  Khist4.Tlebon  hei 
den  Imddliistisehen  Mönehen  in  Aufnahme  gekommen  war.  In  Resdehnng 
auf  d(Mt  Dan  von  Felsi^itempeln  wanMi  die  Hrahmanen  aaerkaiinter 
Weise  ilie  Naehahmer  der  Hnddhisten;  die  Hetheili$i(UiiK  der  ^-ivaiten 
l»ei  (hMisellu^n  erklärt  sieh  aher  aus  dem  Umstände,  dass  seit  der  Mitte 
lies  Vlil.  Jahrhundeils  der  (/ivaismus  eine  weite  Verbreitung  mid 
\iele  AnhUnjiCM*  gewann.  Was  die  in  (h»n  Tempehi  vorhandenen  Sc ul p- 
turen  aidietriilt,  so  köinien  <lie  besten  den  voi'zügUebsten  l^eistnngen 
der  (irieehen  nnlKMlenklieh  jj^Ieiehgeset/t  werden.  *)  Auch  die  Raokunst 
zeijrt  JM'soiuh'rs  in  Kaschmir  <»ine  hohe  Stufe  der  Vollendung,  wie  die 
rem]H*l  von  Sinharostika  und  Martand  bezeugen.  Hier  will  man  frei- 
iieh  Khitiüsse  der  I^kanntschaft  der  kasclmiirischen  Architekten  mit 
der  hellenischen  lUiukunst  bemerken,'^)  d(H*h  durfte  unl&ngst  die  Mei- 
nunji  ansg(Nproc]jen  wenh»n,  dass  im  (u-sgentheile  diese  Ueberreste  weit 
älter  seien  und  möj^licherweise  die  hellenische  Architektur  beeinfloart 
haben,  statt  von  ihr  bt^eintiusst  worden  zu  sein.  *)  Sei  dem  jedoch  wie 
ihm  wolle,  <ler  ausländische  Kinflass  blieb  jcdenfells  vonsugsweise  anf 
Kaschmir  iK^schränkt  und  die  gross;ii1igen  Werke  der  indiüchen  Ardd- 
tektur  im  ei-sten  Jahrtausende»  unserer  Acra,  hauptsächlich  in  Adschanta 
und  KUora,  bekunden  einen  echt  indischen  (-harakter. 


*)  L  AH  wen.  A.  a.  O.  IV.  Bd.  8.80*2:  „Die  indUchea  MAlbeniAtiker  kAnntea  g«M« 
die  K^chnung  mit  bestimmten  Zahlen;  sie  hatten  den  unendUckeB  QuAdraBten  «aitdaekt, 
>\  eicher  n'ich  aus  der  Thcilung  bestimmter  Grünaen  durch  eiaa  Zahl  «rglbt;  »1«  bwua«a 
fine  ailgemeiui^  Methode,  der  Aunösungen  von  UleichungAo  den  tweitaa  Or*4m»  mmk 
liubeii  mehrere  Fillle  einea  höheren  Grade»  entdeckt;  aie  hatten  fernar  tiut  •IlgtaebM 
Mi'ihude  gefunden,  um  bestimmte  Gleichungen  ded  ersten  Gradan  an  löean  und  vtralaad«« 
(■iii<>  Anzahl  von  Gleichungen  de."*  iweiten  Qradet»  mit  Erfolg  lu  behandaln,  deren  LOawig 
\ou  einer  einzelnen  vornuchi^wei^e  gefundenen  Grösse  abh&ngt.  Sie  WAran  dadureh  ftlekt 
r  -hr  ^-eit  entfernt  von  der  Entdeckung  einer  aUgemelnen  Matkode  der  LBaaag  der 
irlfK-hnngen  der  «uletst  g  Miannten  Art,  welche  in  neuerer  Zelt  Lagraagc  erfandca  ktX.* 

*)  Lassen.     A.  a.  O.     IV.  Bd.    H.  864-865. 

*)  Vgl.  weiter  oben.  1.  Bd.  ti.  41)6,  dann  Lasse  o.  A.  a  O.  U.  Bd.  S.  lltl  «sd 
IV.  lid.    S.  87«.». 

*)  Andrew  W  i  I  h  o  n,  The  abodQ  of  gnotr.  Obattt'atio'ig  oh  mJomriMg/fm  tkim§9f 
Vihft  to  the  Indian  CauranuH  troMffh  the  upper  vaUejfn  of  tht  liimiklnga'*,  Edlabargfc  Bfed 
l.iin<l(in  ItiTj.  H  .  Der  Verf.iHser  beschreibt  auch  den  Tempel  von  M4rtand ,  viallalekt 
das  wunderbarifte  Ueborbleibsel  de«  gesamnite.n  Alterthoms,  und  rttckt  dcaacn  Krkaaug 
iii'fe  Jahr  *i.VM)  v.  (Mir.  hinauf.  Doch  i«l  sein  Alter  wahrHcheInlicb  nicht  ao  hoeh,  eblMbl 
f  men  der  von  Wil.-ton  ungerührten  Argumente,  ein  geulogischea,  alle  Baaehtnng  vardtonl. 
DaA  bo-«te  Werk  über  indischu  Architektur  däucht  mir  der  dritte  Band  in  dar  aancn 
Aiiflagi'  Miii  .1.  Kerg  u  Hno  n*:«  Hittor ^  of  Äfehiteclmre ,  betitalt  H/ato'*^  a/ i«dl«a  «aJ 
tuMter»  arehittrtMft.  London  1876.  8*j  dieser  grosse  Kcuuer  glaubt  Jedoch  nn^aU 
ludiich«:«  Baidenkmal  illter  deuu  etwa  390  Jahre  t.  Chr. 


Dm  aaliAftUM^Aaltefce  Indien.  177 

An  der  S|iitxe  aller  VerwirkUehuiigen  des  Geistes  eines  Volkes 
sieht  die  Religion,  und  bei  einem  so  gottesfÜrchUgen  Volke,  wie  die 
Uinda  geblieben,  hat  die  Religion  ihre  hohe  Bedeutung  nie  eingebOsst. 
la  den  uns  besdiiftigenden  Zeiträume  begegnen  wir  in  der  brahmani- 
Religion  nur  einer  einzigen  bedeutenden  Erscheinung,   nämlich 

Entwicklung  der  8ecten,  die  zwar  \1el  früher  schon  voHianden, 
aUeia  ent  in  dieser  Periode  bedeutender  hervortreten.  Die  in  dieser 
Frist  eingetretenen  Bereicherungen  der  brahmanischen  Götterwelt  be- 
sduünkeu  sich  auf  drei  von  sehr  verschiedener  Natur;  die  eine  steht 
BiBilidi  an  der  Spitze  des  ganzen  Göttersystems,  heisst  Trimürti 
md  irt  ein  wenig  erfolgreicher  Versucli,  durch  eine  Einheit  der  höchsten 
Gottheit,  indem  «ein  Begriff  die  Thätif^keiten  der  drei  höchsten 
Götter  in  sicli  vereinigt  —  die  verschiedenen  Secten  mit  einander  zu 
friwliiiieben.     Die  anderen  Ik^reicherungen  fallen  der  untersten  Stufe 

Gottlieiten  zu:  es  sind  nämlich  die  Halbgötter,  welche  VtdJadJiara 
,  und  die  Vctdla  genannten  Volksgötter,  von  denen  ^glaubt 
wird,  da»  sie  Leichname  bewohnen  und  bewegen,  ja  sogar  aus  ihnen 
bcrmosreden  können.  Was  das  Verhältniss  der  Verehrung  der  zwei 
growen  VoUugötter  Vinchnu  und  (^ioa  anbelangt,  so  bestand  deren 
C«it  IM  den  meisten  indischen  iJUidern  Uindustaas  neben  einander.  In 
KaBchmir  finden  wir,  dass  die  Beherrscher  dieses  Reiches  sowohl  An- 
beCcr  des  Vlschna,  beziehungsweise  des  Krischna,  als  des  ^'iva  waren. 
iai  attdüdien  Dekkan  bcsass  der  Vischnui.<anus  das  Uebergewicht.  Es 
crlieih  aus  dieser  Uebersicht,  dass  die  brahmanische  (tötterlehre  während 
des  in  Rede  stehenden  iSeitraumes  so  gut  wie  stationär  geblieben  ist 
Der  einzige  eigentliche  Fortschritt  ist  die  weitere  Verbreitung  des 
Kriaduia-Cultua  und  die  verschiedenen  Feststellungen  und  die  Reihen- 
Mge  der  Verkörperungen  Visdmu's. ') 

Viel  folgenreicher  sind  die  in  der  Religion  ^kjanmni*s  eingetretenen 
Vcrftademngen;  sie  stand  noch  um  Mitte  des  VII.  Jalirhunderts,  wenn- 
gleich im  Ganzen  der  Buddhismus  dem  Bralunanenthume  kaum  das 
Gieichgewidit  hielt,  in  voller  Blathe,  unterlag  jedoch  nachher  entweder 
■üniihHg  in  den  meisten  indischen  lindern  den  Verfolgungen  ihrer 
Gegner  oder  näherte  sich  in  einigen  Puncten  den  brahmanischen  An- 
sditen  und  ersdieint  in  dieser  Umgestaltung  unter  dem  Namen  der 
Ditcbaina  Die  Verfolgung  der  Buddhisten  mag  etwa  um  G70  n.  Chr. 
brvsonnen  haben;  fOr  die  Verluste,  welche  der  Buddhismus  in  seinem 
Vaterlaode  erlitt,  ward  er  jedix^h  reichlich  entschädigt  durch  seine  Er- 
iijige  im  östhchen  Asien.  Die  Gi^-hichte  seiner  friedlichen  Eroberungen 
wini  einen  späteren  Al>schnitt  ausfüllen. 

Die«  lieiiäutig  lndien*s  Zustand,  als  die  muhamiuodaiiischeu  Eroberer 
ftdi  aber  dasselbe  ergossen.  Am  längsten  von  allen  indischen  Reichen 
erhielt  iddi  Kaschmir,  was  sich  genügend  daraus  erklärt,  dass  dieses 
I^Aad  durch  seine  Ijage  im  Gebirge  viel  gesi^hüt/.ter  war,  als  die  sttd- 
bdierea,  in  der  Eliene  gelei^enen  Staaten.  ALs  Ursachen  des  Sturzes 
der  Reiche  un  nördlichen  Indien    darf  man  die  Uneinigkeit  und  Eifer- 


•»  LA«a«a.     A.  *.  O.     IV.  IM.    8.  &6J->575 
«.  UcIIwaU,  C«ltars««ebiekU.   1  AuA.   II.  12 


Baeht'  der  indiBOben  Könige,  dum  aber  lÜo  Bmch&ffeiihnt  iler 
nniBBimftiiiiitriwn.  BMre  baeuÄneB,  im  VurKloii^he  in  den  indi^Ji'ni. 
Jene  beeUnden  m  aligebtatetoi  Vülkuni,  Afg^umun  uod  Turlu-n. 
die  dua  mit  femtfachi»  Eifer  fitr  din  Verlireitung  ilimi  GlauWns 
stritten.  Um  HupttraA  UUete  die  Ittrilurei,  mit  wulrhrr  die  iiidiMfw 
sich  nkht  ucMen  koimts;  gegen  dir  leiriit  l>eweglichei]  Kimh>  der 
fremden  Heere  kconteu  die  achwcrfiilli);i>ii  KricgBOlf^iiluuit«)  iln-  UbidB 
nichts  «Qarichten;  die  iiidi§cben  Krici^swugea  konnten  femer  nnr  dcuu 
mit  ErlMg  gebroscht  werden,  wono  fUc  SctiliubtfelilcT  i»  tÜMüittu  mbir 
mindeelens  wenig  hOgelrddien  Gegcrulni  laiteii.  Tmtx  ihror  grüMenji 
Tapfarbeit  miwten  dernnkdi  die  iDdJi<<Jii<u  Iii><?rn  dHii  oiuaclaiäuiiiM-JKa 
gewAnUdi  ODterUegen. 

Die  AnfBlwer  der  riegreicfaen  U'»liiiirlu<ii  Hmtr  «ihon  sinrdii-ii  frObe 
ein,  da«  die  bute  Manrcgd  des  QorüiiM,  wotutclt  in  «nilxrtvu  1  Jlsdcm 
die  n&nnüdie  BeWHliemng  entweder  /nr  Itpli|;ioii  dt»  fiufäKiea  belu^fait 
odo",  IkoB  lie  äät  nidit  dun  Tenldit,  itetOdlM.  werdKn  mill.  wAfantsd 
Fnuien  und  Kinder  der  Sebveni  ulu^iRifHll(>ii,  in  solcber  ^n-nge  nidil 
durchfBhrbar  sei;  die  Besiegtoi  dnrl'h  n  it^^i'ii  i-im?  Khiritg  vfwmiAk 
Steuer  auf  Undwden  nnd  dne  D-'-'-hitijab  geiiännti>  Ko^rfst^Dor  ihre 
lAndereie»  behalten,  ohne  nm  Idim  (ibcrb-Gteu  xu  intt«aen',  üt>  cj^idten 
dadordi  das  Bedit  aof  den  Sdiidi  ilrr  iiciimi  IletTM'ber,  und  n  ent- 
Btaoden  Veililhni«e  akalieh  den  in  Pei-mieu  KeM^iidoi-tcn,  I)a  IndeaKa 
nicht  eeltea  andi  arge  Vemtatiagi'ii  nml  UnkiMuidccitcn  dnrdi  iB> 
mubammedanladien  Machthaber  begungcn  uunlcii,  »i  hunnte  tf>  nidbt 
antliletben,  da«  die  neue  Ilenvdtafl  m-Iidu  fr4i]ii>  tV'u  llindii  ali«  «^ 
drüdiend  nnd  verhaast  endden.  In  der  Ki^^X  wallet«  du»  Sjrstmi  w, 
dasa  anfibigüch  den  in'<"<*»"  FBi^ti^ii  die  VerwalUiiig  Üiwr  Roaite 
Unter  der  Bedingung  gelassen  wurde,  duM  nv  die  Obnrhurrwfaaft  dtr 
BVemden  anerionnten,  ihnen  Tribute  leiHtcten  uiwl  natUigeufallB  Traiijwn 
steUlen.  Als  dann  die  Frentdbenschiill  fi'^liTi'  Wiirxi^  (jttichlHK^n  battn, 
wurde  das  Stenerwesen  von  den  nu>Hlini'»iclien  Kurilen  gcww  geregdL 
Sie  legten  dabei  die  altindia^  Tcrbs.«uii|t  /ii  (iriitulo,  uadi  wi-lclior  PhU 
d.  h.  Herrai  genannte  Verwalter  ober  1.  li),  20.  \m  und  UKKi  DArftr 
und  ober  Stidte  aogeatdlt  waren.  l>i<^  IiucIihIcii  dieser  B«uu(«n  fdlutiai 
Bpftter  den  Namen  Degädükdrin,  )H'r<irJi  Zemindär  odtr  Jlentaar 
von  Ländern".  Dieee  Beamten  bebUtIteii  ilio  Moalbn»  hc4  and  aba>- 
trugen  ihnen  die  Verwaltung  der  Poli/ci  iitid  <lw  l->ht^liunK  di-r  Sti 
in  den  Daiftm  und  Btidten,  nefaat  cli-ii  Ländcrcien,  die  dlmcn  I' 
anvertnuit  wurden;  die  Verwaltung  der  iiiiiiUu-iM^ieii  AiijtiJixenbtdlMi 
erhielten  vornehme  Muhamnicdaner  /iimilieilt.  denen  oiiio  AiinUil  vor 
Truppen  beigegehen  ward.  Die  lit!id<-ii  (iniiidlatten  diu-  imlbdim 
StaiUen,  die  Kasten-  und  die  Dorf-Verfuüsuug  mit  «-blicliKn  Be- 
amten and  Handwerkern,  haben  die  nxiselnianntHclie  Herrschaft  iu  Jaien 
Theilen  Indiens  bis  heute  fiberdanert,  wo  sie  ['ittwFJler  in  vin-UÜtak»- 
mteng  spaten  Zeiten  eintrat,  oder  teiur  bcdcnleiKie  Zahl  von  McaluM 
sich  niederlieasen ,  oder  endlich  dir  Lirsiultri^Uche  lV\'Alk(!run||  jcnm 
Islnm  sich  bekehrte.  WUireiid  aber  dii.'  itiosllmVlieu  Muuan^wi  «iwn 
Theil  der  vurgefundenen  altindiadieD    VerbaHung  beJhdilelten,  konnten 


J 


AnsbMiteiiff  de»  BadibUnat.  ^  179 

mndere  Thefle  derselben  nidit  fbrtbeHtehen  lassen.  Es  versteht  sidi 
TOD  selbst,  dass  sie  nar  Muhammedaner  in  den  höchsten  Staatsäintem 
ansteUten;  aadi  mnssten  sie  Gerichte  einsetzen  and  in  diesen  entschied 
mosliiii'scbes  Gesetz.  Bei  einem  Volke,  wie  die  Inder,  welches  so  fest 
ao  aeinein  alten  Glauben,  Gebrftuchen  und  Sitten  hing,  übten  begreif- 
üdMTweise  weder  die  mohamedanische  Religion  noch  die  den  Moslims 
eifKenthOmlichen  Gewohnheiten  irgend  einen  Kinfluss  aus.  Dagegen  ist 
bekannt»  dass  die  in  Indien  ansässigen  Muselmänner  einige  indische 
Sitten  sich  zugeeignet  haben.  VAne  I^rücksichttgimg  religiöser  I^ebren 
dir  MüHÜms  von  Seiten  der  Inder  gibt  sich  erst  )m  (nnigen  späteren 
Secten,  hanpisicblich  bei  den  um  1500  gestifteten  Sikbs  (Seikhs, 
d.  L  Schüler j  kmuL«) 

Eine  eigentbünilicbe  Flrscheinung  veranlasste  die  niuliammedanische 
Eroberung  in  den  nördlic4ien  (tebieten  Indiens.  Durch  die  Fluth  niusel* 
DuUintscber  ]*>oberung  von  den  Ktienon  Indiens  vertriel)ea,  suchten  unzählige 
Bkmlmianen  in  den  nahen  Bergen  Nepdls  Zuflucht.  Da  bemühten  sie 
seil,  den  Hinduismus  Gmvertiten  zu  gewinnen,  und  als  Mittel,  ihren 
EinfloHi  aiiszndf*hnea,  verbanden  sie  sich  mit  Töchtern  des  I^andes. 
Eot^pgen  den  Satzungen  ihrer  Religion  verliehen  sie  ihren  Sprösslingen 
Hinduismus  zweiten  Grades  und  damit  eine  Superiorität  über  die 
umgebenden  Eingebomen,  welche  sie  sich  auch  jetzt  erlialten  haben, 
lieate  sind  nun  ganz  ausg(»Eeichnet4i  Soldaten.  Sie  sind  frei  von 
iok  religiösen  wie  auch  anderen  Vorurtheilen  ihrer  Stammverwandten 
m  dar  Ebene,  sie  tragen  z.  B.  willig  den  Proviant  für  mehrere  Tage 
uat  äem  Radien,  was  den  SeiMvs  unerträglich  erniedrigend  erscheinen 
und  sehen  auch  in  fremdem  Dienste  nur  „Ruhm-  und  Beute- 
wfthrend  die  indischen  Truppen  im  Contacte  mit  den 
«Unreinen**  nor  EntwOrdigung  erblicken. 


AuHbreitunfT  des  BuddbiHiiius. 

Keinem  Glaulienssysteme  der  (f('g(>nwart  trägt  der  christli(*he  Aliend- 
Under  niceres  Interesse  entgogi^ii  als  dem  Buddhismus,  jener  liehre, 
dir  in  ihnT  diamf*tnilc*n  Vf*rschi(Mi<Miheit  doch  wie  kaum  irgend  eine 
asfifTP,  niaiinigfiu*be  Berühningspuiirte  mit  den  rhristlidien  Lehren 
aofweiict.  IMeserhalb  siiwohl  als  w(>gen  ihror  tieft^i  Btnleutung  für  den 
flna«en  Yölk«»rkreis,  d«»n  sie  sich  friedlich  rrolMTte,  ist  es  gelwiten,  die 
<jC9ickkiite  dieser  Religion,  ihn*  ferniTe  Entwicklung  mit  Aufmerksam- 
keit za  vcrf«ilgen.  I>er  Buddhismus  ist  ein  System  von  ungeheurer 
GriMttrtigkeit,  ilenn  es  umfieusst  alle  Wiss<4is/W(nge,  welche  die  Völker 
de«  We»ct«-ns  seit  huige  gf^wtihnt  sind  iK^simden^n  Dis(*ipliiien  zuzuweisen; 
■I  ISoilfihiMnuM  sind  verkör}N*rt  elMMi  so  (ngenthümliche  als  grctssartige 
e  An^ditcn,  eUm  so  niflinirte  als  heikle  ThconMue  alistracter 
(*in  (telAude  ])liantastLs4rher  Mysticismcn,  ein  ausgearbeitetes 
■nd  weitsebendfnt  System  ]iraktischer  Moral,  fMidlich  eine  Kirchenorgani- 

*|  L«*«#«.     A.  a.  O.  lU.  B4.  8.   1148     1IA7. 

12  • 


eation  »  weit  in  ibren  PrincqKai,  io  Ma  iiiiHM«iit  VbM  imVUM» 
Detail  ihre«  Netswetke«  wie  irgend  dne  der  WalL    -       '     '  " 

Der  luibezwoiMten  Or^niilitU  miws  (li-imi«  unloiM-luulM,  ia  tf  i 
mehr  denn  wahrecbeiidich,  daas  9^'<}'<iniuai  nicht  <ler  pts- 
Buddhist,  wohl  aber  ein  grover  Ri:'f<)niiiil(V  itttt<-M<u,  der  Martlil  . 
Luütor  einer  Sect«,  die  vieDeidit  •Flifin  .litliHiaurlurtn  vor  ihm  l» 
aber  ent  mit  ihm  nud  dvrdi  ihn  lu  )ii-iiiii-«:lu<r  ßfüIftiiUidK  !>><^  «rfa 
Ein  anderes  Uerkmal,  dem  Buddfai-nins  vim  ^innpr  Mtistartiiuid  i 
gcdrodit,   ist   jener   Gtist    aa£richii;:<>i'    I-Ydaiiiiiiii^dt    and  ^^ 

Toleranz,  weiche  daa  Anfkumnen  nml  l''iirt»'l)reit«.-n  ilvs  Ktiildhimiiif 
keiuuaiehnai  und  ihn  in  Stuid  Butütcn,  A'w  MliUtzharen  lil«cn  al 
Kel^ns^Btemc  web  anzu^nen,  mit  dnuni  er  in  litiniliriinit  kam,  : 
fast  jeder  Fonn  von  Vf^kstber^aobon  ( 'nmiirDinisse  m  siMcmtu,  v 
eine  Kircbe  in  stüleo  und  Taosendc  voti  Jalirfn  m  erliiiiteii,  idia«  J 
einen  einx^en  Dissdenten  verfi:dge&  /u  huissi'il 

In  äea  ersten  iwei  JahThnndi^itcii  iiai:li  BmlUIia'H  Tudc  acheA 
der  EmflaBs  der  nenoi  Lehre  auf  die  üfurslautL-n  der  (iaiigi.  Iwwhrfl 
gewesen  n  sein  nnd  das  Pnndsdi&b  kiiuiu  crreidit  m  haben.  1  ^^ 
nach  dem  Einfiküe  dee  makedoniadii-n  AlcKaiiilera  iiilMiind  dus  K»M 
TEchandragapts's,  der  den  nfUuh'^iidnn  Ituddliitimiis  zu  bc^tsAi^ 
be^nn  uod  dessen  Enkel  A^oka  &»t  ganz  Indien  unlt-r  fdn<nn  ti 
verdnigte,  ngleidi  aber  die  boddhistisdie  l.^ire  anuahm  und  dioe 
mit  aUen  ilnn  m  Odwte  atebenden  Mitteln  verbreitelc.  So  gffMla 
tt,  dass  um  360  t.  Otr.  18  bnddliii^Iisebc  Missionare  niuli  China  g 
laogten,  wo  jedodi  ihre  BemOhnngi  ii  \<illi'  ilivi  JaluhundGi-t«  hinc 
frndrtlos  blieben.  Nach  Agoka'a  T»l<<  mid  'lern  Zerfullf  »ciiiw  Iteick 
in  derdnulden  Periode,  die  unter  P>i<jidmiira  17ä  v.  Ohr.  Ouva  ¥ 
punct  erreichte,  empfing  der  Boddlii^mtu  in  Inilicu  finun  Stoaa,  t 
dem  er  sich  nie  glLnzlidi  mehr  erbolir,  obwobl  or  forlfohr,  wie  i 
wissen,  bis  in  das  VR  Jahrhandeit  n.  Clir  ilie  Geister  in  Inifien 
bchernchen.  XJebct,  «iae  BlOtfae  iii  jener  Zaü  lassen  diu  S 
der  chinesischen  Pilger  Fa-hien  und  Hiuen-Thsang  keinen  Zwdl 
nnd  es  wBre  dorduus  verkelirt,  den  Budd)usmua  in  Indien  etwa  t 
dem  Hngenottenthnme  in  FVankreii-li  m  vurgleiehon.  LeUtsres  ba 
nur  bei  einem  geringen  Bmcbtheile  ilei*  ftMu/äuisdieu  Natliiu  Wus 
und  konnte  desshalb  schon  nach  Iturzer  »ist  aiiw'jAtct  werden:  ' 
BoddhiBmns  hii^egen  hieh  in  Indiin  '^ell'si  iiacli  zwaHhundertJU  ' 
Dauer  dem  Brahmanismns  tagt  nocb  lia^^  (i  1  ei i-ligf wicht ,  xtthlli; 
seiner  Heimat  allem  seine  Bdrani"  i  mtib  MiUiuuen  und 
Zudem  aber  hatte  die  Anfeindung  d  i/i^  li('iK''iruKcni,  die  lifbre  E 
nach  aussen  an  verbreiten,  namenillrli  fauste  er  »cbon  vor  i 
Zeitredmung  festen  Fuse  bei  den  toi  m  IniiLiueii  TatarenstAninien  (Vn 
asiens.  Im  Ilt.  Jahrhunderte  anseni  \i in  bitilite  n  nuch  1 
und  den  sQdlich  vom  Oxos  gelegenen  1.  imUi  Imfleu.  Der  Küuii;  Kanl^ 
von  Kaschmir  ward  ein  eben  so  Ttiuiutc  Anhanm^r  und  FOniow  i 
Buddhismus  als  es  AQoka  geweson  und  nritei-  «einer  Bcgi^rung  ttai 
Kaschmir  das  letzte  Ökumenische  fimril  liebnli  IlevUion  Av»  C*c 
statt,  wddies  jedoch  durch  die  boildliisUscbe  Kiii^e  Ceylons  aicbt  a 


C*no 
icbt  aafl 


AuabraitQng  i%%  BuddhUmut.  181 

erkannt  wnrde;  hiordurch  entstand  um  die  Zeit  dor  cliristlichen  Aora 
«nn«*  Kircliens|)altung,  ähnlich  jener  der  rOmisehen  inid  griediiseh(ii 
Kin.*hr  im  Abendlande.  Von  nun  an  v^dh  es  tuneii  südlichen  und  einen 
Dönllirhen  Buddhisnios.  Der  südliche,  uändidi  der  von  Indien  und 
«qiätor  auch  von  ßinna  und  Siam,  verlor  immer  mehr  an  IkMlen,  l)e- 
Mindens  in  Indien  seihst,  der  nftnlliche  hingegen  er(»l)erte  ein  (rehiet 
nai'li  dem  anderen.  In  Kas<*hmir  und  Nepal  bl)(*b  ct  unontwnr/elt  uml, 
nliWfdd  im  westlichen  Centralasien  durch  den  Islam  vtTdrilngt.  verhnnteto 
•T  sich  alslKÜd  nach  tasten.  Durch  ihre  kriegerischen  TJerühninj^en  mit 
d«»n  lioddlustischen  Tataren  Centralasiens  wunlen  die  Chinesen  endlidi 
mit  dem  Buiklhismtis  vertraut,  und  was  der  Kifer  der  Missionare  nicht 
hatte  zn  Wege  g:«d)racht,  dies  vollhrachten  die  WatTen;  im  .lalire  61 
n.  Clir.  fand  der  Buddhismus  officnelle  Anerkennunp:  in  China. 

,,Wenlen  die  Ik»kenner  der  Lehre  Gautama's  auf  mehr  als  400) 
Milli<»nen  geschÄtzt,  so  rechnet  man  dazu  «las  j:jesanmite  chinesische 
ViJk,  welches  dem  Dienst  vom  Himmel  mid  Knie,  s<>wie  dem  der  Ab- 
ffeschieilenen  huldigt,  Coufutse  al)er  noch  innner  als  den  sittlichen 
lrt*M-ta5geber  verelirt  und  eigentlich  vom  Buddhisnnis  nur  das  Bud<lhahild, 
xa  anderen  (Jötzen  einen  (M^zen  mehr  anjuenonnnen  hat.">)  Dieser 
S«U  ist  nun  dahin  zu  illustriren,  dass  allenlings  die  Anluln^^er  d<*s 
lonfutse  anlänglich  den  Buddhisnms  mit  Feuer  und  Schwert  U^kümpften 
jrtjt  aher  «krartig  von  buddhistischen  Ideen  durchtrilnkt  sind,  dass  der 
aofriditigste  Confutaianist  ohne  8cru]>el  alle  buddhistist  isc^hen  Ceremonien 
miCnarbt.  Ka  wäre  sicher  ein  Irrthum,  zu  sagen,  alle  (liinesen  wären 
Buddhist ea,  aber  unstreitig  ist  das  ganze  chinesische  Volk  bis  zu  einem 
0pvLwen  (trade  mit  buddhistischen  Ideen  vollgejifropft.  Die  Lehre  vom 
Tao  (d»  l^ao-tse)  ist  Buddhismus  im  nationalen  (lewandc  und  die 
GlantH'nss&tze  von  der  Se<»lenwand**ning,  von  der  Hölle,  von  einem 
akttnftigen  Paradiese  im  Himmel,  sind  tief  und  weit  in  die  Masi^e  des 
VrJkeft  eingednmgen. 

Von  (Tiina  verbreitete  sich  «ler  Bu<ldhismus  im  Jahr  IM 2  n.  (Iir. 
■arh  Corea  und  von  (k  .V>:>  nach  Japan;  in  iHMden  Ländern  eirang 
er  jpd*N-h  nur  theilweise  flrfolge,  seinen  höchsten  Triumph  feierte  er 
in  Tihei.  Hi«T  ward  er  zwar  schon  -107  n.  dir.  unter  Lha-Lho- 
Lhori  eingeführt,  gewann  alHT  erst  an  IkMleutung,  als  (bis  Schwert 
de^  Islam  die  Ituddhistisi^hen  Triester  aus  l'ranso?:anien  und  Kabuli«itan 
\»-nri«*h.  König  This-rong-de-lsan  1 U)  IM  n.  Chr.  war  «•<,  der 
ik'U  lU'ueii  (ilaulM'u  in  TÜH^t  otlticidlen  Eingang  vrrxbafft«.*,  wo  d<T 
IkMliOib^niu**  sich  al>l)altl  mit  dem  ^SchamanismuN,  lMsondei*s  dem  nekro- 
iuuitt5i4-hen  Alx'rRkiulM'n  der  l'jngelNjrnen  \frl»and  und  dadurch  ein«* 
stm  if-imT  ursprlknglichen  si'hr  abwcichiMide  Form  annahm.  Bald  indes« 
MiUtjuirf  eine  Partei,  die  drinsrend  nach  Kefonu  iN'gebrte  und  lanjfe 
^•iireWich  darnach  stn'bte.  MitthTweile  war  das  nc^torianiscbc  (■liii>t«'n- 
tbmn  iiaeli  rentndasien  gfHlruiigfMi  und  Kinigi*  m*u  der  Befoniipailei 
«iur*leii    iLiilurch    lM*kanut    mit    der  (ic>chi<'ht4'    \on  ('bri^ti  LclM^n  unti 

'*  Fetckel,  TSnttrkuHif,     8.  290,  nach   Mftx  Müller.     Efa^n.     Leipxig,   1869. 
I   E«      £^    »9. 


18S  A^mmwaaMm,  , 

dem  Ceremonid  der  kathttitclica  Kirche.    Dem  eUditisdieii  Gaste  d 
BnddlOHniu  gemlsB  Biluneii  si«<  \ieli?  olimlUchE^  Idci-n.  Tmlitiunen  »  . 
Certmonies  «d,  und  als  enJücb  ihre  Partei  iti  Tibet  den  Sieg  davo%  1 
trog,  re<HfBninrtai  sie  dim  itnrtigen  Biidiltii«TiiiM ,   iiitlem   itle  Um  'u)  | 
dirisUidien  Fonnen  venetiteii.  Huvreit  «lies  die  biiddbüti)«iiu  Orthoduxil^J 
zalien.     Auf  dieM   Weise   ßtideii    die    AiiklütiKi'    mit    den    dirulUdiri 
Legenden  ihre  natürliche,  bitgi-fwun^ene  Kikl&nuig.  *)     Wuniltm  i ' 
ans  dewbalb  nidit,  wenn  wir  \<.'niehnieii,  ^v»  die  tibetaiiiecbe  I" 
ihren  FifiBt,  ihre  CardinUe,  lli^hrifo,  ['rieMur  tuid  Noiiiiiai  habe,  d 
die   tibetanischen  Baddhisteii    ilne  Kiudstnufe,   ihre  LVinüm 
Seelenmene,  Patemoeter,  £> iMtikränze ,   Wuilikerfen   und  Weihwi 
ihre  Procenionen,  FeäertaKe  ihuI  FaetUge  besitzen.     Viele  dinuir  ( 
Heben  üebericominniaM  drangen  selbst  in  die  buddhistische  Kirche  L 
and  ihre  literatnr,  obwdil  nie  iu  soldiem  3(itasBe,  wie  in  Tlbet.>) 
Beinahe  in  jedem  I^nde  ist  es  die  Religion,  weldie  zucnil  Km 
nisse  Terfareitet,  nnd  Tibet  macht  keine  Aiisnalune  vuii  il'         ~  _ 
Wie  die  ^nfOhmiig  des  Bcililhismos  in  Japäu  von  Seite  Udtw'a  i 
atugehreitete  Literatnr   dtf    (liine^i'u    den    unwissenden   Ja]iaaem  j 
gftnglieh  gemacht  hat,  so  inm   der  P^ift^r   indischt^r  Suddhittvnpi 
Pmeelyten  m  machen,  den  Tilnianprn  m  statten.     AUes  * 
ist  in  der  tibetanischen  Lit  iMtur,  ist  aiu  liidicu  Ki'horgt  und  t 
haiqrtsttchlich   in   der  Ueber^it/uiig  der  huddlu!<LiBc}ien  Scliriflcu. 
obinAl  der  gOttUche  Chaiakio'.   nddien   dii-  Til>t>tiuier   \\\rvm  l>atl 
Lama  zusdireiben,  eine  sdu-  iiiiSTsdioidliihc  lletn-tidiixie  ist,  IoUm 
sie  dodi  im   gnwaen   Gaavn    /u   licn   fsoi.risi'lii'ii    wie   i'Mitt-riwbeii 
Doctrinen    der    nördlichen    ilmlilliisiiii-l^rliuli-.     '/.wtA    veixiditen   d» 
Buddhisten  die  Landessprache   duii-li   das  Saiisluil   /.u   teidräugeni  ib 
sich  dem  jedoch  nnaberwindliclii:  Schwierigkeiten  enlKi^i-iuI^Utim,  aUr> 
trugen  ne  die  Sdiriften  in  iIl-^  Tihetiuiische,,  jedoch  mit  den  Üevamtt- 
\(T  tiotlei-slaflt  gelirfUiohlieliu  Niutw  Air 
thfi.  Kanskrit  geschrieben   wirdi.     IHe  in 
Ituchdrackett  verbreitete  den   wvtu 
a^s  er  sicli  »cImiii  tu  ktinuntcr  Zt-it  in 
ilr   norh  festsitÄt.     Wie    verhaDgnt'«tua 
auf  Tibet    )(i!weMKii  nein  intiK,   Tür  diu 
ii:li  Dnii'Jt  die  fSoirift  m  verlireitco,  sJad 


^aW-Zeichen  (daa  ist  der  i 
indischen  Schrift,  mit  weldiei 
ganz  Tibet  flblidie  Kunst  d<  ^ 
Glauben  ongeniein  rasch,  bij  d 
Vtäke  so  feetfietzte,  wie  er  hn 
auch  der  Qnfluss  China'«  »liiHi 
Kunst,  nütteLit  Udzblöcken  dm 


^ 


•)  All!  DitelU  dliHT  Timdlbi  » 

".i-ctlpi,  rt><i>nB  AIWt  «od  oob■■1■^lr>lt•  I>«lta4i 

Biok  du  lltHUn  CodldM  *t  XnD):ni, 

<>n  AS  du  ß<iu>  <ilal1*i>  llai»;   «rlinivti  M  kalst 

l«r   sbvrwUBUn  La|eidaii   iHk*^...! 

iriinii.      lila    (nibiuti    DvmriliHiaii    d«    jßttl^m 

l>md4tl<tlKhu  Cweu,  wtliOi«  <l«  n«. 

thlLbl-   fcenM.   1.1  ]>.»    von  r.yl..„.  dl.  Jafad 

nBidllck  TOB  OiKhtMkt  III  OaHkl-rhi 

[  iJbrTlIotiTl  wtrd^   nur    ■■m  Tb«lli-  w*td  •)■  •■ 

Mftndtg  |»«li«h   dttt  ■r*l   iKlHliia   111  »d  US 

n.  Ckr.    Voa  C«}loB  ««r  ■■  Mik.   d» 

•)  HMliEraitJ.  KItal,  »oä-l>. 

Lg>id(»,  im.    (■    H.  1-8S. 

J 


AmkrANnt  «m  BvMbUim».  183 

£e  Tibetaner  ihren  Nadibarn  tief  zu  Dank  Terpflichtet.  Diese  Ennst 
hat  wfüentlidi  chum  gedient,  sie  zu  civilisiren  und  über  andere  Nachbar- 
völker za  erheben.  Wie  ein  fqündlicher  Kenner^)  des  liandes  ensählt, 
rand  die  Bttcher  so  billig,  dass  man  sie  l)ei  den  ännKten,  oft  mit 
Srhmutz  bedeckten  und  an  gar  Vielem  Mangel  leidenden  Leuten  findet. 

Der  Contrast  zwischen  dieser  weitverbreiteten  ('i\ilisation  und  der 
Stumpfheit,  welche  in  dem  benachliarten  NepAl  herrscht,  wo  ein  einziger 
der  dreixphn  von  den  I^Iingebomen  gespnwhfmen  Dialekte  sich  eines 
Hoefartabensvstems  rühmen  kann,  ist  geradezu  ü1)errasc)iond,  erklärt 
mA  jidodk  durch  die  verschiedenen  (xcschioke,  welche  die  Imiden  Völker 
wü  der  Trennung  der  beiden  liänder  erfiähren  ha1)en.  Mehr  als  ein 
Jahrtaa<end  hat  Tibet  unter  der  friedlichen  Herrschaft  China*s  gestanden; 
da»  Volk  war  vor  äusseren  Feinden  wie  inneren  Kiihestörern  geschützt, 
wine  Bildung  gefordert  die  Entwicklung  d<T  Künste  ennuthigt. 

(vanz  anders  hat  sich  das  (leschick  der  Einwohner  Nei)iil8  gestaltet. 
Den  HimaUya  überschreitend,  noch  ehe  die  Civilisation  in  Til)et  ge- 
diiumert,  &ntien  sie  sich  in  einem  wilden  (iebii*gslande,  inmitten 
irewaltifcer  Ik*rgketten,  welche  diesen  Thcil  des  südlichen  Abhanges  des 
Iliuialava  durchschneiden,  sonderten  si(*h  bald  zu  verschiedenen  Stummen 

m 

und  verlitirn  allmiüüig  das  Ik^wasstsein  der  Gemeinschaft.  Diis  gewöhn- 
bebe  Kefoiltat  solcher  Zustände  bezügli(*h  der  Spraciie  blieb  nicht  aus 
■ad  wie  wir  gesehen,  werden  innerhalb  der  (rrenzen  Ne|Kils  nicht 
wnünrer  als  dreizehn  Dialekte  gespn)chcn.  Das  in  Neiial  überwiegende 
Minai  »t  das  von  Newari^  das  als  die  eigentliche  Sprache  Nepals  an- 
ipneben  wird  und  zwischen  dem  und  dem  Til>etanisch(.'n  sich  die  Vei^ 
«andturhafl   klar   nachweisen    lässt.     Dieses   ist   substantiell  indisch  in 

Structnr,  wie  acht  Zehntehi  seiner  VcKabeln,  auch  bat  der  Stamm 
l'mw'andlnng  erlitten  dun!h  eine  Infusion  südlichen  Blutes  - —  ,,von 
bttrbariiicb(*n  (iebirgsliewohneen,  die  essentiell  von  demselben  Stamme 
mm  die  versehiedenen  and(Ten  nciialesischen  liochländcr^  -  -  und 
terb  die  er  zu  dem  gegenwärtig  herrsttbenden  Militürstunde  in  Nepal 
fewurden. 

Wiif  sich  das  I^nd  s(*ll)st  in  drei  i'artien  sondert,  so  sind  auch 
ikt  dtaM'llM'  bewohnenden  Stumme  in  drei  Tartien  ubzutboilen,  die 
«iberm,  Mittltrea.  NitNlemn.  Als  die  erstcren  sind  die  Newars  und 
^  anderrn  nnvermisrhten  Stänmie  in  den  llüg(^lkett(*n  zu  lM*tracbten. 
HoHs^on  giaulit  in  ihnen  die  letzten   Emiginnten  aus  dem  Norden  zu 

anter  anderen  (rrttnden  <binnii,  weil  sie  sich  „im  Allgemeinen  duirh 

*n    deii   einfiu'heren    turanis«*}i(*n    Typus   kennzeit'linen,    wälu^nd 
4ie  Sprarben  der  änderten  Stänniie  dnen  i^implieirten^n  Typus  an  sich 

il«T  git*iHi  ihrer  physisehcMi  Ersirbeinung   auf   eine  Vermischung 
dm' Ita^a^iilas.  «Nier  den  lb»s,   den  SiiitaN  (hIit  den  Mundas,  Sub- 
d4*r  S'»hne   d(*s    Tur,   hinweist.*^     Di<>se    Stünniie,    bilden   fl\v. 
mHic  Abibeiiung    und    die    dritte    lM*steht   aus  den  helotisehen  llaml- 


'i  B.  II.  II  (1(4 ton,  Kt9aj/M  on  the  tattguaft»,  Ulerftlurf  oh'I  reUfftttn  nf  Stpill  und 
fA*f .  t-fHh^r  witk  fmrtker  pmptr»  oh  ths  yeograpkjf,  ethnotofff  mnd  rommtrcf  t*f  /Am# 
••«rw«      Loa4'>D,    Triibnvr  dk  Co.  1871.     8*. 


184  Aoien  im  Mittelalter. 

werkslcuton  der  Berge  und  ThÄler.  Es  ist  schwer  zu  yerstehen,  wessbalb 
Schmiede,  Zimmerlcutc,  Gerber  ete.,  I^eutc,  welche  so  ahsolut  nothwendige 
Beschäfti^pingen  versehen,  als  erniedrigt  betracJitet  und  ausf^cstoeBeii 
werden,  aber  nichtsdestoweniger  ist  es  der  Fall.  ¥An  fthnlidbes  An»- 
schliessungsverfahren  hat  auch  in  Jai>iin  statt,  besdirftnkt  sich  jedodi 
dort  auf  Gerber,  Schuhmacher,  Ledcrarl)eiter  und  Fellhändler. 

Von  besonderem  Interesse  sind  die  vier  philo80])hi8chen  Systeme 
der  nepdlesischen  Buddhisten,  deren  Namen  Si^dbhdvikaj  Af^varika, 
Kdmiikay  Ydtnika  in  derThat  vollständig  dem  Inhalte  der  betreffBnden, 
meist  höchst  verzwickten  Glaubensmeinungen  und  Lehrsätze  ents|tt%chen. 
In  der  philosophischen  Doctrin  tritt  besonders  der  Cregensatz  zwischen 
Tbätigkeit  (pravrittii  und  Ruhe  (mrvrittij  der  die  Welt  herror- 
bringenden  Kräfte  her\'or.  Das  Zusammentrcffsn  des  Qiiiilsmas  mit 
dem  Buddhismus  in  vielen  seiner  Symbole  erklärt  sidi  cinCeudi  als  eine 
Aneignung  von  Seiten  des  ersteren;  von  hohem  Interesse  ist  hierftr 
der  I^ericht,  den  ein  nepalesischer  Buddhist  von  den  Göttern  in  den 
Temi)eln  in  Buddhagaya  abstattet,  in  denen  er  durchweg  buddhistische 
Gestalten  erkannte,  wälirend  die  Brahmanen  dieselben  znm  Thefl  in 
sehr  wunderlicher  Weise  als  brahmanische  Götter  erklären.  ^) 

Von  Tibet  aus  ward  Buddha's  I^ehre  den  Mongolen  zngefllfart, 
welche  früher  eine  sehr  rohe  Religion  hatten  und  einer  Priestersdiaft 
entbehrten.  Die  ersten  An^nge  der  Bekehrung  dieses  rohen,  aber 
tapferen  und  weit  verbreiteten  Volkes,  gehen  auf  die  Zeiten  Kaisers 
Kublai  Chan  (1259—12^*0)  zurück,  welcher  den  BoddhismQS  in 
seinem  grossen  Reiche  l)egünstigte.  Beträchtliche  Theilo  des  VolkB 
wurden  jedoch  erst  1543  und  156G  bekehrt.,  und  diese  tiefeingreifende 
Veränderung  hat  vielfach  zur  Abschaffung  einiger  rohen  Gebräoche  der 
Mongolen  bisigetragen.  ^)  Auch  die  westlichen  Stammesbrüder  der  Mon- 
golen, die  Kalmüken,  nahmen  zum  Theile  wenigstens  Qakyamniifs 
Lehre  an;  wenigstens  bekennen  sich  die  Kalmüken  in  den  kaspisdMn 
Step])en  Kuropa's  zu  einem  verblassten  und  entarteten  BoddhisBai, 
während  die  Bergkalmükcn  im  Altai  dem  Schamanismns  ergeben  UiebnL 
von  dem  es  sehr  zweifelhaft  erscheint,  ob  er  übeiiiaapt  den  Nameu 
Religion  l)eanspruchen  dürfe.  ^)  Die  Mongolen  besitzen  die  IwiliipM 
Bücher  in  tibetanischer  Sprache  und  ihre  Priester,  fjatna*«,  sind  ver- 
pflichtet, nach  Lhassa  zu  reisen,  um  dort  ihre  Weihen  zu  erhalten. 

Im  Vorstehenden  ist  die  Ausbreitung  des  nördlichen  BoddUsuMi 
in  grossen  Strichen  skizzirt.  Eine  gleiche  Wanderung  fiemd  auch  !■ 
Süden  statt  Vc»n  Ceylon,  diesem  Centralpuncte  buddhistischer  fiiliilni— - 
keit,  gelangte  der  Buddhismus  untiT  der  Regierung  des  HinghaMschsn 
Königs  Mahanuma  f41(» — 432  n.  (lir.)  nach  liinterindiea,  nnd  iwv 
zuerst  nach  A  r  a  k  a  n.  Von  hier  aus  verbreitete  sich  die  nenif  Religion 
nach  Birma  und  Siam,  erhielt  jedix^h  in  allen  diesen  Ländern  elit 
838,   dem  Anfange  der  bürgerlichen  Acra  dieser  drei  Nationen,   ihre 


*)  ßUhe  dArObcr  Am<^  Buch  Ton  Hodgson. 

*)  L»ititen,  Intliteh*  AU§rtkum§kHnde.    IV.  Bd.   8.  7S8. 

*)  H«llwald,  Oitfrafaf/«».     Loipsig  1875.    8«    8.  03. 


CvHvrwtrtli  4m  Bwddkitmiit.  185 

fettere  Begrflndang.  Etwas  firtther,  nftmlicfa  574  waren  die  Bewohner 
Tim  Nieder-Laos  oder  Zangomai  mit  dem  Buddhismus  bekannt 
feworden.  Wann  dieses  in  Cambodscha  gesdiehen,  Itet  sich  nidit 
fpenan  bestimmen;  jedenfalls  trat  dieses  folgenreiche  I«>eigiiiss  Tor  638 
ein.  In  dem  nordostlichsten  Reiche  Ilinterindiens,  Annam,  herrschte 
der  rliinnnsche  Eintlass  Tor  und  der  Buddhismus  ward  dort  sehr  spftt, 
enl  154C^  eingeführt  Was  den  ostindischen  Archipel  betrifft,  so  ^nd 
Fn-hien  bei  seinem  Besuche  der  Insel  Java  424  n.  (lir.  viele  Brah- 
■Hwen,  dagegen  gar  keine  Buddhisten.  Im  Jahre  656  war  aber  schon 
ein  groner  Umschwung  in  den  religiösen Zustftnden  Java's  und  Sumdtra's 
eingetreten,  indem  der  Herrscher  dem  Buddhismus  ergeben  war.  Diese 
RHHlie  der  Religion  ^yamunis  dauerte  auf  Java  noch  längere  Zeit 
Ibrty  sicher  noch  unter  der  mächtigen  D3f7iastie  von  Madschapahit, 
deren  AnfiUige  om  1320  zu  setzen  sind  und  welche  1478  den  sieg- 
rrieben  Waffen  der  Musehnänner  erlog.  In  eine  etwas  frühere  KiK)chc 
ftUt  die  Verpflanzung  des  Buddhismus  nach  B  o  r  n  e  o ,  wo  Spuren  von 
iboi  nnter  dem  Volke  der  Dayak  noch  erhalten  sind.  Diese  Bemerkung 
gut  ebenfidls  von  seiner  Verbreitung  nach  der  Insd  Ternate,  von 
«o  aon  er  nach  dem  kleinen  Eilande  T  o  b  i  (oder  I>ord  North's  Insel), 
der  sOdwestlidHten  des  mikronesisclien  Archii)el8,  gelangte.  Dieses  ist 
der  iasserste  Pnnct  in  dieser  Richtung,  bis  woliin  (liese,  höhere  Bildung 
rohen  Nationen  verbreitende  Religion  vorgedrungen  ist  *) 


Cnltnrwerth  des  Bnddhtsmns. 

Ehe  wir  flflchtigen  Blickes  Asiens  buddhistische  Welt  an  uns 
vorttbaniehen  lassen,  ist  es  ge1)oten,  den  moralischen  und  dogmatischen 
Werth  jenes  Gfawbens  zu  prüfen,  der  die  Grundlage  zu  eigenthümhchen 
Cmliantionen  werden  sollte. 

Der  Buddhismus  entstand  aus  einer  natürlichen  Reaction,  eincfm 
Ptoteiit  gegen  die  abnormen  'socialen  und  religiösen  Formen  des  Brah- 
muiimmm^  genau  so  wie  der  Protestantismus  eine  Reaction  gegen  den 
Kukoiieimns  war.  Keine  Religion  auf  I*>den  bleibt  aber  auf  die  Dauer 
rtrid:  das  Christenthum  von  heute  ist  und  kann  nicht  mehr  sein  oder 

es  vor  achtzehnhnndert  Jahren  war;  mehr  Veränderungen 
dordilelite  der  Buddhismus,  sowohl  weil  er  keinen  geschriebenen 
orsprQni^ch  hesass,  als  in  Folge  seiner  Verbreitung  durch  das 
Wort,  seiner  Ikrühning  mit  verschiedenen  Religionen  und 
oder,  was  im  Wesen  dasselbe  l^t,  AlN'rgIanbens.s}'stemen,  und 
lOrimhkung  der  mannigfiiltigrn  Nationalitäten,  welche  er  sich  mehr 
minder  vollständig  en)l)erte.  Dies  gelK»n  «lie  liesten  Kenner  ilcs 
BaMkÜBDOS  zn,  und  für  dieses  (leständniss  hal)en  wir  alle  Ursache, 
«^  dankbar  zu  sein;  wir  entnehmen  daraus,  w(>nn  auch  zwischen  den 
ZrOen  lesend,  deutlich  genug,  wie  die  Wandelliarkeit  der  Religionen 
4ni  srliiagendsten  lieweis  von  ihrem  rein  menschlichen  Ursprünge  führt. 


•)  L*«6«a.    A.  a.  0.    IV.  B4.    S.  TIO— TIS. 


1B6  KiMteUMMtal    ■ 

die  Rdigioiien  rieh  dn  ili  dw  GegriitliM  etlpipfi!  ■^■r  ÜMy-IM» 
iöe  vorgebe«  sa  seint  gOttUcbe  Olienbinng.   ■'Wr  BMkmftktp'taA, 

wie  atuli  Uecin  du  eUinc^niUMto  Homnt  tii>ilifiiiir.  »WimiW 
BeneMnng  des  CidtanrartheB  irgend  ttam  ItillliliMijililiW  4mad 
ankommt,  m  nntarsudim,  wdclien  EbifJns"  Jio  ihr  angohörcnulcn  ^' ulker 
darsuf  genommen  hiben,  wie  tbOridit  rs  mm  Iteispide  ist,  ilnn  (lirlsU«- 
thiraie  die  Bohhcit  Torauwerfen,  welli''  ilie  gcrmiuiiscbrji  StAmnii;  dm 
frftben  Hitt«laltera  in  dMselbe  UneJ]it.'i-irai(oii.  Vieles  von  dem,  ms 
ridi  Ober  die  Entwi^Uong  des  Bndillii-^miis  sagen  IüskI,  wnrdr^  mü 
Nntten  auch  vra  Stddien  bebeniget  worden,  die  sich  mit  cullurliislan- 
schen  BeortiieUmigen  dei  Oirlttaithanii's  abgeben. 

Ur^MUn^idt  dem  Brahasnisnnis  diaiiidral  enlgegpnfp-setet ,  hnwt 
der  BnddhismiB  dodi  nodi  vide  Ideen  mit  itiesem  gemein,  war  er  efai 
Cra^mBerst ' von  Gedanken,  theila  crii;i i:'>ll ,  tbeils  vnm  lin^maDisiimii 
nnd  frflhen  ^vaismas  entldint  SeiiiL'  cislt^  EiiiwicklDiigsDlioM,  der 
ente  Temch,  diese  Ideen  sfStematnth  zti  orilnen,  iujitdiihnet  du  9»- 
genumte  Bmäi/ana-QjiteiB,  wekfaei  ausxclilicwilicb  muroliniie  Ada» 
predigte  nnd  veriangt«.  So  wie  ahr  <)i'r  Bu<IdtiisuHu  ftrawerB  Aa>- 
breitniig  gdbnden  hatte,  trat  an  Steilu  dur  Hiui\>-nna  äie  MahdtfaiM, 
«n  System  eseesaiver  tranBcendent^r  Sporalation,  welche  alstnk  au 
^«digaltigem  Quietismus  oder  ifaetrirli^n  Nihilismus  flUirtt;.  A»  ikr 
ersteren  diesv  bdden  Schnlen  giBgea  die  MAnncr  hervor,  weicht  tbtl- 
sidilidi  ihrer  ganzen  Habe  sich  entBoiHerli'ii  und  mit  uiiwidcRttuhlicher 
Enei^e  und  Begeisterung  Buddhft'sLrlir'-  weit  und  brnt  Ober  OBtaaon 
verbreiteten;  die  EweiteSAnks  ernng*!'  Manner  ganz  anderen  Sehlagea, 
Dialdctiker  und  Haarspalter,  Lente,  'hi-  zwölf  .lulini  lang  anf  ciaw 
Flcdt  starren  konnten,  ohne  Mi  ni  nilirm,  nbne  m  spndua,  ahBa 
zu  denkea.  Die  gofahsne  IfittdatnuK  /winüien  bnitlen  vvnnobUi  dw 
Jfn<U,yiin(f.y<nia-8]rBtem  sn  finden,  das  aber,  wie  alla  MiUetsBaMal| 
za  nichts  fahrt«' und  auch  niemals  bedi^'iili-iiden  Atilunit  gewaaK.        i 

HAcbtiga'  nad  amiebender  aki  uliu  bisbiTigmi  war  die  Tmut 
Schnla  Die  Einsiedler  hatten  die  HeiFkräfte  mancbcr  Krautiv, 
HOndie  die  angri^oben  OeheiiBiMW  der  wliwarzcn  Kunst  kntitieit  | 
lernt,  wodurch  sie  WaBserdntii  nnd  Uiinser  und  rostÜena  i  '  "  ' 
heilen  aller  Art  bannen  m  IcOoneB  M)i',>iilK'ti.  Aitf  iMvk  Wvisa  ^ 
praktischem  Nntxen  nnd  gritrlftigt  duili  ika  lluud  mit  dffli  i 
denen  f>]nDen  des  popollren  Aberglaiit>i'(i'>,  i^ntitiiUni  ili«  TanttvSc  _ 
dem  Hahftjana-Sjstome  alles,  was  ilir  v<-i'Wfndhnr  dankte  nnd  näai 
dergertatt  ein  neues  System  tob  fntktJArhfm  iiiiil  ptiil<v'M)|>h)M-Win 
Mystfeinnns,  der  das  Bttoale  der  biidilhii>tii>r:)iai  Kirclir  mit  [rtnuitwt^ 
sdten  Ceremmien  und  mystiadmi  lünrxipn  oberlud.  Ilir  fQL*)>raii|!i>n 
die  Priwter,  welche  als  Regendoctori'ii,  Wnlirswpr  ntid  A'^tro)>«>-n 
Völker  nnd  FOraten  betrogen  nnd  nH.I)  gegenwärtig  in  Hnrau  imHkfli 
Theile  Ostariena  eine  unumstdotokte  (IüwuII.  *u!>Ulmii.  WUirrnd  »Irt 
die  Tantra-Sdinle  rar  IlemduA  der  Ma^M-n  goloii^tc,  1irhau|it»ie  d 
Mafa&yana- System  srinen  Einflass  aof  ilim  itndt-n  i~ 
schuf  seinerseits  wieder  eine  Menge  iiliiln^iiiihiM^hi 
nicht  weniger  als  achtzehn  nanwatHch  bekannt  sind. 


langte,   lichauiitme  ilk<  1 
it-n  di<r  iJieratiiT  uad 

«■her    Si-huli-n ,    wrnne  I 

1    Selbst  das  Hintyaaa  I 


CaUurwOTtk  dt»  Boddliliinii«.  187 

xt^usto  einige  Sccten,  wie  denn  jede  der  genannten  Kutwiokhingpphasen 
'•irh  durch  eine  Ilinterfauseascliaft  von  Ji^M^tcn,  Schulen  oder  Parteien 
rharaktorisirt,  die  aUe  noch  im  modernen  l^uddhiHnius  existiren.  Durch 
dicM'n  verwom»nen  Knfluel  dogmatischer  Sj^steme  zieht  sich  al)er  doch 
«in  unuiitcrhrochener  nither  Faden,  und  eine  (inii)pe  fundamentaler 
Iwi-hnn  Ist  zu  allen  Zeiten,  in  allen  lAndern,  »gemeinsames  Kigeuthum 
alliT  Buddhisten;  diese  liChren  sind  es,  die  die  F*ssenz,  das  Wesen  des 
:rf<«iiiiuten  Systems  entluüten. 

Wiwierholt  ist  auf  die  zahlreichen  Al)surditaten  th»r  buddhistischen 
Truilit innen  in  liezuR  auf  Kosmogenie,  Astronomie,  (fcographie  und 
Natumissens« 'haften  ülierliaupt  hinfi^wiesen  worden.  Indess,  räumt  man 
auch  willig  ein,  <lass  in  dieser  Hinsicht  der  Buddhisnms  kindliche  An- 
H'baiintifcen  hege,  so  zeigt  sich  doch,  dass  häutig  in  unseren  Augen  als 
AliMiriiität  erscheint,  was  duniiaus  keine  ist,  weil  unerfahivne  Dolmetscher 
di<*  in  (rleichniswm  und  ParalM'ln  sich  lH'W(»gendr  Spnichc  «Ut  Imddhisti- 
*>4'iH*M  I^-hren  missverstanden  und  das  (Heichniss  seilest  statt  des  dahinter 
*frU»r«fnen  Sinni's  für  die  I.ehre  gehalten  haben.  TelHTdiw  alier 
iiu«*lH'n  difse  kindlidu'n  Ansirhten  den  Huddhi.smus  nicht  aus.  Kin 
DuiiilhlM  kann  aUe  Ki^iltate  der  mcMlernen  Forschung  annehmen,  er 
tkAiux  ein  Anliiinger  Newtons  und  Darwins  werden  und  doch  daliei 
IbuldiiiM  bleilN>n,  im  strengen  (ifgensat/e,  wollen  wir  hinzufllgen,  zum 
(linsten,  der  durch  die  Wissf^nsclian  seinen  (ilaulM'u  unerbittlich  zer- 
stört, \eniichtet  sieht,  denn  die  liehauptung.  dass  den-n  Kesultate  mit 
liiT  lli-liffion  (nIit  dem  (ilanben  in  Fiinklang  gebracht  werden  könnten, 
i*t  «dii'u  X»  mfts.sig  und  unerweislich  als  unwiss4>ns<'haftlich.  Desshalb 
ihtfib-n  wir  auch  die  Meinung  nicht,  (hiss  nur  das  dnistenthuni,  nicht 
ODM-n'  (*i\ilisation.  ilen  Unddhismiis  jemals  ülNTwinden  könne.  Oh  es 
«nM'nr  Tullur  gelingen  werde,  wis.M'n  wir  nicht,  dass  alH*r  das  ('lu*istcn- 
thiu»  ilazu  unfähig  sei,  ilavon  halten  wir  uns  für  ülnT/eugt. 

IHt*  bnüuiuinische  Welt  war  iN'lierrsclit  von  einer  durchaus  ]ian- 
tbfMi.-ch'-n  Ansi'hauung;  der  Ihiddhisnnis  scblug  einen  andern  Weg 
riu.  It  kennt  keinen  nrH]irünglichen  ('rheUT,  kein  üInt-  <Nier  vor- 
«rltHi'h«*^  Trincip,  keinen  M-lialTenden  (leist.  keinen  l'rstoff.  Di(*  Idee 
ii«>  li<H«tehi*fis  e\i>tirt  nicht  im  Hiidiihisnius,  denn  Alles  ist  in  lw»stAn- 
•iimT  Di*w«inintf,  liestftndiger  Veränderung,  iN^stämiigeni  Wechsel  begrilTen, 
•}i-h  im  ewigen  Kn'ise  wie<ler  er/eug(Mid,  rihiie  Anfang  und  ohne  Kmie. 
I*ir  DuiiiUiisniiLs  sagt  alHT  nicht,  diss  uumtc  Welt  olim*  Anfang  und 
fjiilf  M'i.  lias  rnivei-Hiiiii,  wtirin  wir  leU-n,  ist  \ielniehr  nur  eim*s 
ait-    iUt   i-imUommi  Zahl    von  Wt'ltsvstenien.     .lfMli*s  il4>rs4'llM*n  hat   einen 

• 

VnfiAng  uihI  aueh  ein  Knde.  alNT  nur  tun  Mofort  wiiiler  /u  erstehen 
mit  ilem  Zieli*  nen<T  Veniit'litung  in  endlos<*r  .Miweehshin^'.  Was  uIm» 
«- «  1  IT  i*t.  wirklieh  ohne  Anfang  und  Knde,  ist  nicht  eine  indi\iduelle 
^^••It,  fin  einzelner  Kit^KT  d<*s  l'niversums,  si»ndern  da*«  (iesetz  der 
Iti'^nlntitMi.  fast  iniM'hten  wir  s&gen,  der  K\olutioii.  so  >ehr  Greift 
■i»*  iiH-hr  ilenn  zweitatLsi*ndjä)irige  I^'hn'  iles  indiM'lien  WeiM-ii  an 
Dar«  in«  tmiilenie  Kvolutions-  inUt  'rransnuitationstheorie.  So  \\ii*  dies«> 
ir«-*f •  ht  i|cT  HufkUiismiLH  offen  und  ehrlich,  ilas««  er  lias  Warinii  und  liie 
<iruiidiirsaclM>   dieM/s   TrocesM-s   nicht    kenne,    und    wir   sind    natürlich 


\ 


weit  entfernt,  in  diewm  Gestladni«  dia  BdnOKbe  OmlnAäitlmkm 
Systems  m  erblicken,  da  ja  ifle  theisttaeben  lAHMitiktfc  «Utarthi^ 
als  in  die  nidit  aounfUleDde  Lflcke  die  Idfee  ^in^  iiMpMiAM 
Gottheit  sdiieben,  die  Venitinft  alao  tot  ktia  gt^agam  JUämk,-^ 

lieine  weniger  gevaltsanie  Hrpothcse  stellen.  i  '      ^ . 

Z«  dem  buddhistiacheii  EroliitidnBpeapl/c  passte  iu  geviincni  Sinak 
sehr  wohl  die  VmteUnng  von  der  äi^cleDwandc.miiK  Mit  Mflei 
psychose,  die  Oblong  länge  voi'  (Um  Buddhismus  von  den  Ünfaman^ 
gekhrt  nüi  und  in  den  Vedfa  seltisl^  welche  die  lTii-it<>rhK<4ihßlt  iht 
Seele   TeriiOnden,  ihren'  Unimuig  1ml.    Katilrlicli   wunin  *  " 

Brahmanen  in  pantheistiaebein  Binnr  gedeutet,  wäluvni!  Biuldlia  i^ 
alte  Dogma  auf  eine  BiuacUiffi^licii  nitiraÜKcbe  liäsis  im  iKtRDiuW. 
suchte.  An  Stelle  Brahma's  setüte  er  die  Idee  von  Kanna,  d.  i.  V4 
dienst  nsd  Vergehen.  WAhrend  die  Urahmanen  initeablen.  diu 
entsj^nge  in  ftafama  und  sei  ein  Thuil  vun  ilun,  leime  Bnddlia,  Ji 
Hensdi  werde  nadi  dem  Tode  wicdiTgclioren  mit  einem  Körpur, 
im  Einldange  steht  mit  der  BQuix  der  im  vorigen  I.«hen  an^blnftMl' 
Verdienste  und  Vergeben,  mit  ■nderen  Worten,  jedes  fUhlcnilc  Wi 
ist  das  Frodnct  seines  eigenen  moralistlien  Worthi».  Jf^enrnnn 
tiaa  der  eigene  Lenker  sonee  künftigen  GesdiiRkes.  Aber  allo 
lohnangen  oder  Strafen,  die  fiber  ilic  n-audumde  Spula  verhängt 
danem  nor  eine  bc^irenzte  Zeit,  sie  sind  nidit  ewifc  wie  in  der 
nttnenlehre,  die  mit  dem  Elad»  endtost»'  Wiedergeburten  die  Pbaal 
er8Ai«d:te.  Aadi  beKlirliikte  Uuildhn  die  mOglidicn  Formvo 
HetefflpirycboBe  anf  die  wgBitiMlieii  Wemu  allein,  und  dies  war  1^ 
grosse  Wohhhat  For  die  SOtaii''  des  WMtrtw  hat  tl(T  (iedanfc«  fSatfr 
WledergebnTt  nidita  abadiTeokeiidoH.  denn  wir  acljlen  das  Leben 
and  Tod  ist  nns  verhaasL  Nklit  xu  initiT  tro[)i9ichi-n  Srinncn. 
Qbt  das  Ldten  keinen  beenidertii  llciz  und  der  Tud,  wenn  er  andfl^ 
damBch  auf  Robe  zahlen  diif,  ist  dem  Bcwuhner  jener  Ziinni  ' 
Segniing.  Der  HoUe  Pek  taneodv  von  Jahren  za  crduldcm.  ist  ihm 
80  qnliender  Gedanke,  ab  die  Vorat<>lloiig,  hanilelu,  nrlieKea  »1  moi 
(dute  Ansicht  anf  EMOaong.  (>iht  m  nun  ein«  ^tolcbc?  Und 
Antwort  lautet  b^fabrad;  es  gAt  eine  Fj-liisiing,  die  Mittel,  <iif>  m 
rdcben,  sind  Moral  und  Meditalinn.  dor  Himmel  endttrlier  P>lAnui|i  Bt 
Nirväuti.  Jener,  der  ohne  je^ielicn  Wunsch  AU-  «u4i  seltMt  erHiurben 
ist,  der  allein  genleest  das  walirhafte  IjcImmi.  Itiin^  >la«  Haupt prirnip 
der  boddhiatischeo  Horal;  dkee  (.Tttieill  noch  die  wcitiTvn  fftnf  (ielinl«^ 
Du  aollst  nicht  tAdten,  was  Lebcu  hal,  du  »oUst  iddit  sielilen,  du  mW 
nicht  UnkeosdilKit  treiben,  du  solM  iiiclil  lilgcti,  dn  «oib«  tidne  br- 
ranschenden  GetiAnke  trinken.  Üer  Hiiddhismos  ist  also,  man  M«4tt 
es,  eine  Lehre  der  Unelgennfltzi.^kcit  und  die»  *tni\e  SlArke,  znglridi 
aber  seine  Sdiwicbe,  denn  die  burldliitiiisclie  Tilgend  ist  wewjtffifti 
negativ;  es  ist  eine  Moral  ohne  (•nttlioit,  utkI  vielleiclil  nicht  uiit  l'nneH 
sucht  man  in  dem  Fehlen  des  Ocittt^hc^lfoi  ^  «lirsm  nolhweadlgni 
Irrthnmee  —  lUe  Ursache  filr  die  vrrnweifcite  Melanclmlie  der RudithMcn 
Negativ  sind  nSmUch  —  es  sei  uns  ditwT  lütiwiti«  \'pniUtt«t  —  vnt 
den  wetm  Qebotea  der  JOdiaeheci  Tradition  fast  alle  jene,  welch«  nmfc 


1 


Cultarwartli  dm  Ba4dliUma8.  Ig9 

iH-uti»  unsi>reii  MoralnMlex  bilden;  ])08itiv  nur  jene  wenigen,  welche  sich 
auf  tUe  (iottheit  nelbst  und  die  Verhältnisse  /Hischen  KindtTn  und 
hJtrni  ln»ai<»hi*n. 

Ifcis  Monilsysteni  des  Huddliisnius,  wie  es  sich  unter  solchen  IJm- 
^tuiidfu  i-ntwickelte,  leitete  zum  Aufstellen  ausführlicher  Itegeln  für 
ibs  iii'iii'hineu  der  Triestersiliaft ,  für  ihre  (iewandung  ihre  Nahrungs- 
Ht-LM.-  und  lks4:häftigungen,  zur  pedantisi^hesten  Vorschrift  der  Art  uiul 
Wfi!,«*,  wie  zu  sit7.en  und  wie  zu  stehen  sei;  (»s  gelM»t  öffentliches  Be- 
kannt nish  der  Sünden,  schuf  einen  (.nniinalc(Mie\  und  entwickelte  geist- 
li^^H•^  lUngwezM'm  Altstufungen  (Ut  Heiligen,  ein  ausgcarlH'itetes  Ritual, 
«'inen  \oll.Htilndigen  religiösen  Kah*nder  u.  s.  w.  Doch  blieb  (^  auch 
nii'ht  ohne  Wf»hltliätige  Wirkungen;  wunderbar  war  es  angethan,  reli- 
iri«^N»-s  und  niomlisi'hes  LelH*n  in  Zeiten  ]M)litischer  Aiuirchie  und 
iiionüi^4ier  Versumpfung  zu  bewahren,  licsonders  aber  g(*eignet,  die 
«irhtiisste  CultiuürlH'it,  das  Zäiuuen  wilder  Stämme  zu  verrichten,  eine 
Aiifeikie,  tlie,  wir  erinnern  daran,  nicht  weniger  vom  Cluistenthuin«^  an 
ik*D  jct2ig(*n  Culturvölkern  gelöst  wurde.  Der  Irrthum  liegt  nur  darin, 
tla.vi  man  inälint,  dies<>  herrliche  Wirkmig  müsse  sich  bei  anderen  noch 
uiMi^iH^irten  liarliaren  unfelübar  wiederholen.  Das  buddliistische  Mönchs- 
tbuoi  war  zugleii'h  ein  allen  Volksclassen  und  Nationen  hochwillkom- 
UM-ne»  Sumigat  für  das  engherzige,  aber  wie  schon  gezeigt  wurde,  auf 
n^ttrlitiien  Ursachen  begründete  Kastenwesen.  Wo  es  dieses  nicht  zu 
brecht*»  vermochte,  wie  auf  Ceylon,  milderte  es  dessen  UebeL,  indem  es 
ein  (iegengewicht  schuf.  In  Gegenden,  wo  Krieg,  DesiM)tismus  und 
FeiüLALtystem  noch  weit  grössere  Verheerungen  aiu'ichteten,  als  das 
Kastenwesen  jemals  in  Indien  that,  wirkte  das  buddliistische  Mönchs- 
thum  wuhlthätig,  indem  es  die  Utopie  von  der  Gleichheit  aller  Nationen 
und  diT  allgemcineu  Brüderlichkeit  verkündete.  Anderersi^its  ist  alles 
M<'m4'h!*thum  an  sich  moralisch  verwerflich  und  wirkt  verdummend;  das 
l«f|illii**tis«*}H'  Mönchsthum  liat  niemals  Künste  und  Wissenscliaften  ge- 
foniert.  keine  Literatur  erzeugt,  die  sich  nur  annähernd  mit  jener 
(liiiia's  messen  könnte,  sehr  verschieden  in  dieser  Hinsicht  von  dem 
«iirisflirhen  Mönchsthume  in  Kuroi>a.  Auch  die  Stellung  des  Weit)es 
lat  d*-r  Hudilhismus  in  keiner  Weise  gelx'ssert. 

IHe  )»udd)iistischc  Mond  ist  also  nicht  ohne  Mängel;  sie  artet  in 
«*in  System  von  Fatalisums,  (mUt  auch  in  eine*  geschäftsniännis<'he  liuch- 
fühnintf  aus,  worin  die  guten  mid  lH)sen  Handlungen  gegenseitig  al)ge- 
»'»r«'!!,  dii*  N>ien  al)er  nicht  als  M)lche,  sondern  blos  desshalb  verdl)scheut 
unil  unterlassen  wenlen,  weil  sie  ihrem  UrhelnT  nachtlieilig  sind.  Dennoch 
^A\  auf  <Ii'm  Wege  dif>er  Moral  der  I^fad  zum  Nir\äna  gefunden  werden. 
Kn'ihi-h  ««ind  üIht  keinen  anderen  l*unct  der  Dnlrin  m)  \iele  Meinung^- 
•.'r-^'lii»'il»'nheit«'n  erstanden,  aN  jr^rade  ül)er  diesen  Weg;  jctle  Schule 
^ug  \**n  d«'ni  nämlichen  IdeenkreJM*  au>  und  grlangti*  zicnilich  genau 
/u  lii-m  nämlichen  Resultate,  der  Idee  des  Nirvana.  in  ihrem  Verkiufe 
jk!»r  bi>  dalün  entwickelte  die  buddhistische  L(*hre  diMi  Idealismus  wie 
•i*  u  >Liti'rialisuius,  den  Positivismus  wie  den  Nihilismus.  Alle  ])hilo- 
»i|rLiM:b*-u  Systeme  gehen  von  den  S4>genannten  \ier  Walu'heiten 
(A'^dniMatifd.n)    aus:    dass    das    Elend    ein    nothwend'ges    Attribut 


mensdiliGbeii  Dueiiu  aai,  dMB  du  psod  Audi  fcBlgtwiii.twi^ 
w«de,  dma  du  AnriOaolHD  der  Begieriea  mO^lch  MiL,.'.mt  itmim 
einen  P&d  zn  diesem  VeriOschen  gebe.  Was  U  mm  lfkt4mtf  .  "'Y 
Der  Sinn  dtosea  WortM  ist  i'in  yiclunislrittctii-r;  nmn  lüt  dnraber 
hn  UnUaren,  ob  es  absolat«  VeriirliiiiiiK  iintii'iilp  «licr  Tiicbt.  VWJitidit 
bUte  es  woniger  Strdt  dtfOber  jii^'lirti.  wäre  inan  bedadit  gcwi««!!!, 
das  es  eben  so  vlde  TeTBchiedent>  ImddliisfiRche  Schnlfii  ah  (!hrii>tlkbi> 
Secten  gibt,  die  Lebre  vom  l^rvüna  daher  aucli  zu  v(\r8rbied«un 
Zehen,  an  vencbiedenen  Orten  viTscIiiiMii'ii  voiwlra^i-n  wurde.  Was 
aber  Qal^amnnf  fltr  eine  VorBtellunit  vuni  Nin&iiu  gfhalit  haln-,  M 
bente  sa  bestimmen  guu  nnmOgticb.  ') 


Dl«  CBttBmtÜoneii  UiiitiriiKlii-nt«. 

In  ier  GcMfaUils  mensdilidkDr  l'iillui'eatfititiing  darfen  die  <m 
dunli  neuem  Forsdnugea  niher  Ix-kainit  gvHdrdeneii  Volker  d«T 
goMenen  Halbinsel  ntmiKr  tberwlK-n  werd^i. ')  Idi  will  liaher  vaA- 
st^end  In  Kflne  andesteii,  weMie  Hoilentui^  ihnen  zi^wmml.  Dabri 
lasse  ich  natarilcb  die  sagenhafteii  fVm'lii'ii  iiiilM>rUi'k8ii'Aii);l  und  luw 
blos,  von  den  Birmanen  digese^pri.  liiTi'n  (iesrliidito  ^liuibwanJignr 
Weise  Uefer  in's  Alterthnm  milMiri'irlil,  rtt-n  7.nlra»m  i,-»n  dtr  Rn- 
fahnuig  der  Lehre  Bnddha's  oder,  »'ii>  er  hier  genannt  «nnl,  UaatAini'« 
Ms  AiängB  des  XVL  Jahrtannderu  in'it  \ag>-,  ilie-seM  bcKolilioKit  <■)  to 
sagen  das  htsterindlacbe  UtteWIrr,  denn  <liiruh  rfii-  Ankunft  der  Pw 
tngiflscn  and  die  etwas  g|ilterM  Missiuiion  da-  Jesuiten  kamen  ibe 
binterindischat  YtSkenAaUea  taem  in  BerdlirunK  mit  den  Rnropleni 
and  werdsn  ihre  &ntftnde  md  St^hickwle  t-ntt  vun   da  an  der  Wert- 


\ 


Die  grosse  hinterindisdw  Hslliinicl  /.v>i>ti^lLeu  deiu  McerbuHcii  von 
Bengalen  nnd  Tankin  ist  darch  tn-h'  Mm-iwih'Ufn  In  i>lH-n  mi  ftelr 
LSogentbiier  gespalten,  jedes  von  ihu-Tn  Srnmu'  ilmrlitlus« 
die  staatlichen  Verhältnisse  nnd  i^i'^iljjilitljilitii  Kicji^niHw^ 
Nach  dieser  natoriidien  Besdtaflbiilii'it  /Miüii  m  Im]<I   in  i 

1  J<!iieia  Tbale  luU  sli;li  d 
oder  jener  Stamm,  diese  oder  ^eiie   FmiiiUe    ztir   I  i>^rt-st-iiaft   < 
geschwungen.    Hau  findet  jedoch   in   il'it   nic^istun  Jnlirbandiiten,  i 
mOge  der  Binnsale  der  Hauplftlise,   Iruwuiltlv,   Menaiii   und  V  " 
drei  grosse  Reiche:   Annam,  Sobuii  iiml  I'cku   Mit   uutpr  i 
Namen:  Cochinchina,  Slam  nnl  Itinna.     t^   inu««   ilomnadi  i 


wstIb  dl*  inUnlltba  l(a*|i  «kr  iiartli< 


I 


Di«  CiiltarB«Uoni)0  llint«rlndienii.  191 

•hl'  (tisc-hirlilo  ilrr  <is(tlirl]on  AUhoilunj^  von  IliutmnndH^ii,  dfT  T(mkiiios(Mi, 
('«Nliiiicliiii<>si.>ii  und  ( 'amhodsc^lianer  ^otroniit  wrnlon  von  ticr  niittloroii, 
•i»T  T^ai  oder  Siamesen  und  Lao,  sowie  von  dor  d<T  wost liehen,  der 
PtiniancT,  liiniianen  und  Arakaner.  NVii*  wend(*n  uns  zunächst  den 
liPtzteren  zu. 

Als  Kern  niannif^faeher  Sajj^en  tritt  die  Tliatsache  hervor,  thiss  zu 
uieht  i^Miauer  lN*stiniin)Kin*r  Zeit  ein  Fürst  des  inntTcn  Indiens,  aus 
<4'in«'ni  lliMi'iie  \iTtri«'lMMi,  mit  seinem  H«MM*e  «las  (iren/^ehirge  zwischen 
lnili«'n  unil  Ilinterindieii  ühersi'hritt  und  dort  eine  IlenNchaft  f^ründeti'. 
liitiT  M*inen  S>hn«*n  trat  eui<*  Theihiii^  ein;  der  jünji:ere  U'hauptett; 
•ii*h  auf  d<*in  Tlirone  M*ines  Vaters,  der  ältere,  von  ihm  venlränj^, 
m:iim1ti'  >ii'h  n;u'h  Aitikan.  wo  er  ein  iNv^mderes  Keich  stiftete.  Da  die 
«f'M-hi.ht#*  Arukairs  von  M*hr  ^rerini^er  Hi'deutini^  ist,  so  j^<»nügt  die 
F'.r^^.dmnn^.  ilass  man  eine  Aufeinanderfolge  von  fünf  einheimischen 
II»-rr<M|ifrlvn;istii'n  in  dies<Mn  liande  kennt,  dep'n  letzte  his  in  die  Zeiten 
•i«'r  l'i»rtiiKi<'sen  rt*iclit ;  ferner  (Liss  Arakiin  wiederholt,  in  Kriege  mit 
•Itii  iM'iLU'ldiarten  Hiniiauf^i  verwickelt  war. 

Hjls  Irawaihlv-Thal  hatten  von  AUjcts  her  die  lii miauen  in  den 

•iliiYen,    und   die   Talain    in  den  unteren  Theilen    inne.      Die    Talain 

*0\trT  Miin  siinl  di^  ein^tf^lNinie  liiU'e  <Mh'r  clir  ält4>sten  Kinwanderrr  von 

l'tnsu.  «liich  lN-«j[<*Kn(*t  man  ihnen  heute  nur  noch  im  Osten    und  Süden 

'iiN    Irawailiiy-lK'lta,   in    Martalian    nwA   Tenass<*rim.      Im    Alterthumt* 

rvirhti'H  ilie  Itimuinen  nur  his  etwa  südlich  von  Pn»me.  wo  der  .\kuktuui;- 

KflMii  in  ii«Mi  IrawaiLly  vorspringt;   diM'li  seither  hahen  sie  die  Talain 

«liiiuüiluf  hinuunitiirt.     Sie  uutersch(>iden  sich  iuh^h  weni^  vtni  den  Hir- 

nanfiL  nur  sind  sie  im  AllKt*meinen  etwas  heller,  haln^n  feinere  (iesichts- 

/aife  und  etwan  BartwuehA.     Der  Klang  ihrer  Sprache  untersi^heidet  sie 

liier  siifiirt  von  ihren  früheren  Herrn,  denn  das  Birmanische  kennt  kein  H, 

«ican  (Li'«  Idiom  der  Talain  reich  ist.     Die  ersten  siehe  hmi  Nach  rieh  t4*n 

ii»T  liit'  Talain  stammen  aus  ileni  Kndi*  de.s  IV.  .lahrhumlerts  v.  (*hr., 

«I»  di*'   ApiMtel  des  nmlilhismus  l'ktara  und  Sauna,  ihre  nauptsta<lt 

ihatun:;.  /.^i^icheu  ih-n  Flüssen  Salwt*(>n  und  Sittanu,    hesuchten    und 

^rir**  l^din*  dort  au^hreiteten.      Die    Ruinen    die^T  Stadt   lN*tinden  sich 

t^N-h  ji'Ut    im    fl(»rtii;eii  Dst^hun^el.      Im    VI.  .lahrhumlrrte  drant^en  sie 

ri«jnüi«'lu  uiNTM-hritten    ilcn    Sil  tan;;    uml    fa'üudetm    das    Koiiigreieh 

i't-MPa      Ihirch  die  icinzi*  (f<*schichte    ih'r  Takiin    zieht    «iicli    die  Heihe 

:rir»r   kritn!«*    mit    dfii  Ihrmanrn    und    «{«'li'^cntlich   mit  den  Aiiikanern 

uiiii    >iamt-^-ii;    NH*-K\iN*ditionen    il<'r  Küste    «'utlan«;    werdrn    iTwähnt 

^•iii    \a\**\    hi>  r.'M*|iitta);on<z.  und  M'il»>t  (iefeehte  sirhfincn  zwiselien  lien 

•  ••r^  hH-4|i-nt-n  Fli»tti*n  Ntatt^i*fiuidi*n  zu  halH*n.     Naeh    d<*m    Sturze    ili*s 

iHTiiiaiii««  hfii   I'a:£lMn-IleiclieN  durch  die  <'hines(>n  ^«'waniki'ii    die    Talain 

.».r*     I  ii.iiili.iiiL^iükeit  /unirk.    und    ^oUdd    die    kleinen  St:uitrn  di>r  Hir- 

'»lan«  ii   :ini   Irawaildy  ^>ich  erholMMi,  iK^irannen  dif  lti\alitätrn  tlcr  iM'idm 

l..«r  •  II    iiif^  Ncuiv     Währi'nd  d<"<>  .Mittrlaltrr>  war  jcdneh  Vainin jatcin 

'•i#r    u-    T' :^u-Ki*i«'h  d'-r  Talain  das  mäi'hti:;rri>,    nnd  ilir  i'uropäishrn 

kff-i^-ii'i'n    dt"*    \VI.    nml    WII.    Jahrhunderts    hcMhreilH'n    in     üIht- 

lrv-beri*'n    Aii'^drücktMi    die   (tewalt     und    den    lli*iehthum    ilfs   griKseu 


192  Aalw  im  AtitUUlUf. 

K()ini<8  von  Po^uJ)     Seit   Mitte   des   XVL  Jahrhunderts  gdangte  das 
Kfich  wieder  uiitei*  die  Herrschaft  der  Birmanen. 

Die  Birmanen  erzählen  von  drei  alten  Dynastien,  jener  von  Ta- 
^oiiK,  von  Prome  oder  (^-rixetra  und  von  Paghan;  ihre  gua 
si('h(Te  (^(»schichte  hej^innt  jedoch  erst  107  n.  Chr.,  in  welchem  Jahre 
die  Residenz  nsLvh  Piiglmn  verlegt  wunle,  nachdem  die  frttliere  Haupt- 
stadt Prome,  südlicher  am  Irawaddy  gelegen,  94  n.  Clir.  zerstört  worden 
war.  Zwei  Städte  gleichen  Namens  liegen  am  Irawaddy  und  beide 
waren  in  früheren  Zeiten  Hauptstädte  des  birmanischen  lleiches,  dodi* 
ist  es  die  untere,  welche  in  ihren  Ruinen  filr  die  Blüthe  des  binuaniddien 
Alterthums  so  heredti^  Zeugniss  ablegt.  Erst  847—819  ward  sie  er^ 
baut  und  1284  (oder  ViM)  von  einer  chinesischen  Invasionsanuee  zer- 
stört. Die  merkwünligeu  R(»ste  einer  sehr  verfeinerten  Cultnr  am 
(fcstade  des  Irawaddy  erfüllen  heute  n(H;h  die  Reisenden  mit  katcr 
Bewunderung.  1)(t  grösste  und  merkwürdigste  ihrer  Tempel,  etwa  um 
die  Zeit  dt^  Nonuannen-Pjufalls  in  England  errichtet,  die  Ananda- 
Pagode  erinnert  mächtig  an  südeuropäische  Dome.  Der  gothische  Spitz- 
bogen fehlt  keinem  dieser  IX?nkmäler,  er  ist  die  regelmässige  Form  der 
Portale  und  an  den  Seiten  und  auf  der  Spitze  mit  wund^lidien 
Hörnern  und  tüuimuMigleichen  Thünnchen  versehen.  Alle  diese  Bogen 
ruhen  auf  Pilastern,  deren  Ikisis,  Oapitäler  und  Camiese  den  Mosten 
an  römischen  Bauten  so  nahe  kommen,  dass  der  erste  Anbüdc  den 
Ik'schauer  in  die  höctiste  Betroffenheit  versetzt.  Man  hat  daher  adion 
die  Vennutbung  geäussert,  dass  vielleicht  cluistliche  Missionare  nach 
Binua  gedinngen  wären,  und  in  der  Hoffnung  einst  ihre  Religion  Hber 
den  Buddhismus  siegen  zu  sehen,  die  Kreuzesfonn  und  andere 
liehe  Elemente  in  die  ostasiatische  Architektur  eingeschwfint 
Doch  bietet  die  Geschichte  Birmas  keine  Ik'weise  für  eine  sc^cfae  Hypo- 
these. Den  Ursprung  der  birmanischen  Kunst  sucht  man  theüweiit 
bei  den  Hindu,  und  in  der  That  ist  auch  die  Form  der  Thurmqite 
sovile  die  meisten  Details  der  indischen  Kunst  entlehnt  Es  fiuda 
sich  sogar  vollständige  Wiederholungen  von  Baoresten  wie  auf  Ceylon 
und  auf  Java,  die  auch  brahmanisclien  Ursiirunges  sind.  Die  BogBi 
und  GewöllM}  al)en  die  bei  den  Bauten  in  Paghan')  ein  so  stark 
vortret(4ides  Element  bilden,   sind   der  HindulMiukunst  gänzlich 

Abwechselnd  unter  peguanisclie  und  siamesische  Abhängigkeit  f^ 
rathend,  besitzen  die  ferneren  Schicksale  Birnui*s  kein  weiteres  cnlbB^ 
geschichtliches  Interesse. 

Den   mittleren    Tlieil   der   liinterindLschen   Halbinsel    nehmen   im 
Norden  die  Laos,  im  Süden  die  Thai  oder  Siamesen  ein. 
obwohl  mit  den  Siamesen  eines  Stanunes,  hallen  in  der  Geschidite 
eine  Rolle  ges])ielt    und   auch  in  der  Cultur  mOgen  sie,   wie   sich 


* )  Friedrich  v.  U  e  1 1  w  a  1  d.     HinUrinditcht  Länd$r  und  VSOMr,     Lalpsif 

')   Die    Uuincn    von    Paghän    Binil    ausführlich    (««ehildart    b«l    H«ary    T«l^^ 
A  Hnrratite  of  a  mi^aion  itttii  6y  iht  ffOC^rner-fftHrral  of  Imdto    to   M«   Mtirf  •/  Jm 
l'i.'t.'t,  *cith  notice»  of  tht  eountr^f  govtmmtmt  and  pt9jpie»     London  1856,  4*,  WO 
•ehr  inntruetivo  Abbildungen  flndai. 


t>i«  Callam*tlo06n  HinterlndUns.  193 

ihn'n  lioutigen  ZufttAndeiP)  Rchllcsson  Iftsst,  mir  wonig  Foi*tsc]iritto  ge- 
macht lalioii.  Diu  liOOK  sind  im  Fortgänge  der  Zeit  allmählig  uns 
Nimlcii,  dem  Tlialo  des  Mekhong  entlang,  inmier  weiter  nach  Süden 
hin  vi>rg«»drungen ;  es  seheint,  <!ass  sie  ehemals  drei  Ilauptstnaten  bildeten: 
Xieiifr  tong  iKeniahitain  älterer  Karten),  Xieng  hong  (im  Pali: 
Alevy^  nnd  Muong  Lern.  Diese  Staaten  hatten  einen  langen  Kampf 
za  lN«>leheu  gegen  die  ureingelxirnen  Khas,  welrhe  das  Reieh  Mom- 
phas  g<*grtlndet  hatten.  Diesem  waren  die  Tia<»s  lange  trihnt))flic)itig, 
iua«*btrn  sich  je<liH;h  nach  und  nach  unahhitngig;  s])ilt(T  ers(*heint  der 
mirhtii:«*  l^aos-Staat  Xieng  Mai  an  den  (rrcuxen  von  China  in  der 
<if'<i-hi«*hte;  von  ihm  z(»gen  die  Kinwohner  nach  Süden  hin  in  ihis 
Stmiiithal  des  Menam  und  bildeten  den  (rrimdstock  der  heutigen 
Safiies4*n. 

Im  Ifi-gensatzc  zu  den  Laos,  empfangen  wir  von  den  Siamesen 
dnrrh  die  S<*hildeningen  modcnKT  Il<*isfMider  tlen  Fiindniek,  als  ob  sie 
in  Ifa^ng  auf  tteistige  Kntwieklung  so  luH'h  st:ind(Mi  als  etwa  die  Fun)- 
|Aer  im  Mittelalter,  kurz  In'vor  diis  weltli(*he  Wissen  der  Griechen  und 
ICtVoMT  dun*h  die  Si*liolastiker  s(»iner  Vergesst^iheit  entrissen  wurde, 
UiaiEils,  und  mtch  Ihm  I^rjnne  dieses  Jahi'hunderts,  haben  die  Furopiler 
■it  angireehtfertigter  (leringsi'hiltzung  auf  die  Asiaten  heral)gehlickt. 
Am  frühesten  wunle  man  je<loch  den  AnilK»rn  gereclit,  <Linn  kamen 
die  (liinesen,  na4*h  ilmen  die  Hindu  zur  Gnade,  und  jetzt  daif  man 
■ar  mit  liöehster  Achtung  von  den  Japanern  reden,  w(*nn  man  sieh 
ikfat  eine  Itlösse  ge1>en  will.  Allein  die  drei  Haupt  Völker  Hinter- 
iadiens  zwis(*}ien  Hindu  und  Chinesen  eingeklemmt,  galten  bisher  nur 
ab  halbe  ( *u]turvölker.  Für  di(>  Hinnanen  ging  uns  ei*st  <Lis  Liclit  auf, 
ik  IKTiH  das  grosse  Werk  von  Yule  ülier  Awa  die  Ahbihhmg<>n  der 
laren  Raureste  d(T  alten  StiUlte  im  Irawaddy-Thale  brachte,  wo 
aliiciniehen  von  Anklilngen  an  clnnesischen  wie  indischen  (iesi'hmaek, 
ui  riiu^  selliständigen  Itaustyl  .stiesscn,  der  trotz  srinor  tro)>isehen 
MMivrhwiliighrhkeiten  als  ein  liohes  geistiges  PnMiuct  auf  uns  ein- 
virfcte.  I>i?r  Tjig  \on  DamastMis  in  Bezug  auf  flie  Siam«'sen  ist  mit 
Bastian*»  Burh  angebnichrn ,  seit  wir  ihnen  geistig  nüher  treten 
UkUM*n.'; 

l'eliiT  die  älteste  (i(»s<'hi('lite  der  Siames<Mi  lässt  sich,  trotz  ihrer 
rririvn  hi^torisehen  Literatur,  nichts  berichten;  siciuT  ist  jedcM'li,  dsi*<s 
^  ihr»*  giistige  Cultur  aus  Indien  emptingen.  Oh  s<-hon  im  H.  .lahr- 
kii>l»i1«*  uiLM'HT  Aeni  brahmanische  (  olonien  nach  Slam  kamen,  bleibt 
mvttis^:  iLis  Altt^ste  lM>kannte  Kreiguiss  ist  die  <».*(H  n.  Chr.  <*rfolgte 
Biftbning  ii«**<  IhiddhismiLs  aus  (\'ylon.  Wahrscheiidicli  fand  dies<T  um 
fir  'Mt  iTst  allgemeine  Anerkennung,  hattt»  alwT  auc^h  liier,  wie  in 
fci  ««^tii<:bi*n*u  (lebieten  Hinterindiens,  M*hcm  früher  Zutritt  erhalteit 
Vf«  ifcr  ( 'iiJturlK>he    der  Siames<Mi    in   jenen   fenwu  Zeit«'n   gelMMi   die 


*'  l*.0  ÜCri*tantI«>  d<>r  heiitiKcn  l.iio-*  \i.\\n*  toh  auf  (iriintl  iI'T  h  irhAt   ve nlii^n-ttvotlon 
■•4  «.^fc!«f*n   |'>»f«rbunK«rr>i«#'ri  cIt  Frniito^rn  (iJrr  M«kh<in(;-Kx|i(>ilitinn)  |;i*«i*litl(lrrt  in 

*-  \t*l»n4  1M7,  Nr.  »1  K.  T'H     7UI. 
•   U*.:«ald,  CulturgeMbiehU.    3.  Aufl.    IL  13 


ir*4 

}'^r. •♦'- r.  df-r  r9>\rÄ.[*r^rr-T.  FEiopr-TAir  Jithi*.  Arvthia  oder  A j o d h j ä, 
ir.  f-iiV.Ui  ;n  irr.  >rrn:un  !n.!iii«iKr.ti»Ta  <  Aoale  Z^nviiiss.  Heate  ist  firei- 
..'  ti  «'-n  i^-r  i.v':  •r^::  s.:th'*  ■»'=rr'-r  ibri^  z^-Wk^ben.  als  eine  grofise 
Ar.Afchi  '  i.  ttV'f  Trnip»=-i  .  -iiainirüi-ti  nwrhr  •j4er  weniger  im  Ver- 
Ui.f-  Ir.r  ••  h'-fi-'-^it  *-i.ir*-  -üi2iir*»i-:h»:ii  Wat  lut^ieht  iiides8  weniger  in 
'!•  r  Ar- Lvit^^r  alr  :r:  •i'-r  M*rD*r^  "j-  r.  .Irar-^k^n,  w«-4nit  seine  Backstein- 
f-vii-'-rr:  «3.0!  *  Tu*  VT»  in«  i^  v^rzif-rt  srjL  A}ixthfii  nimmt  eine  Stelle  «n, 
•A'iTrüif  ifi  iif*T  Z*:i'  m^-K^'r^^r  än»if:pr  •  >rt.s:faAften  standen.  Diese  er- 
UÄiii'iVrri  'iir  H'iL*:iT.  »i»-  K>J:^-i  vnQ  r«iznliijPilMrfaa  an.  Um  13(K)  n.  Chr. 
h.if/!i  'li*-*-  "^rilr^  -.^i  zr[:r.if-n  nrA  wan;n  in  Folije  häufiger  Fehden 
rnit  «i^n  nordii-h^rn  Sum^r^n  nn»!  «I*-n  i-rtraanischen  Mon*s  sehr  hemuter- 
itf-khmmfrn.  S>:  \^-rn»-I*:n  nn«I  •>  hlk-h  ni«*ht.s  übrig  als  der  Name.  Im 
Aj»ril  l.'i.V»  •^ind'tr-  mn  K«inL'  TTonj?  die  Stadt  A^iitliia,  weldie 
im  VhTivhTijfr  fh:T  7j:'ii  \*:vjT*'n,^:n  Und  v»;r=chönert  wurdc.  Die  Yolks- 
Tuf-nuf'.  wrirh-;  aijr  I^r^.  ( ünÜMj'^l'^cha  nnd  Pegii  kamen  viele  Familien 
fi'-ivbillii;.  an-  drrn  r:hinfr*iH-lK-n  Yun-nan  wurden  \iclc  Kriegsgefiuigene 
iiu/t-^.U^h'lt  und  au-  Vopi*Tiii<li«:n  fanden  sich  muliammcdanisehe  KaoA 
I'ntfr  f;in.  F'iiiifzr-hn  Ki>nij£»?  aus  dem  Stamme  U  Tong's  regierten  in 
A>iit)ii;i  Ijj.s  auf  <lie  Tage  der  l'urtiigiesen.  I>ann  alter  griff  der  mftcfa- 
ti^ff  Kollier  \nn  I'f$ni  mit  einem  zahlreichen  Heere  die  Stadt  an,  die 
iiarli  (ireimonatlicrher  IkOagemng  in  seine  Gent'alt  fiel  Seither  bat 
Ayrithia  M-inr^n  (^lanz  verloreiL 

AyiithiaV  Riureste  verratlien  eine  gcwiäBC  AehnUdikeit  mit  den 
staiiiien<>Herthen  Hniiien  in  Cambodsoha,  dem  I^indc  am  Mflndong»* 
(Icitu  des  Mf'khong.  liier  blühte  das  griisse,  mächtige  Reich  Kbmer, 
iiIkt  (lesHeii  l'rs]»nmg  und  Daner  noch  Dunkelheit  herrscht  Das  Land 
i^^t  mit  Hainen  man  kann  sagen  üliersaet.  Sic  bilden  um  das  Noid- 
eiiile  des  'l'ulisa]HS(K>s  einen  ungeheuren  Halbkreis,  der  an  den  QaeDen 
des  kleinen  Flusses  von  IkittanilMing  }>eginnt  und  sich  bis  in  dBe  nn- 
hcwoliiiten  Waldungen  zwischen  dem  Tulisap  und  Mckhong  erstredrt; 
iiiif  dieser  ganzen  weiten  Strecke  trifft  der  Reisende  auf  Schritt  and 
Tritt  Spuren  einer  liolien,  nun  \ers(rhwundencn  (^vilisation.  Die  RuineiH 
stiidte  südlieli  und  westlit'h  vom  See  gehören  alle  einer  viel  jQngerea 
/rit  an  als  die  Pracht ülxTreste  im  Norden.  Hier  lic^n  Battambang, 
die  liuinen  \(m  Wut  Kk,  Banon  und  Baset,  die  theils  aus  SSegeb, 
tlirils  aus  Stein(>n  bestehen.  Die  Hauptstadt  des  alten  Königrndiei 
CiimhtNkha,  dva  Maha  N okhor  Khmcr,  war  indess  Dngkor  oder 
A  II  g  k  o  r,  aueli  N  a  k  h  o  n  (Hier  N  o  k  h  o  r  genamit,  dessen  Ruinen  ai 
(inwsartigkeit  auf  Krden  keinen,  si^llist  den  ftg}'ptischen  niclit,  nach- 
sh'lieii.  Kill  Tempel  namentlich  kann,  nach  der  VerHichemng  des 
IVaii/.osrn  11  eil  ri  Mouhot,  dem  wir  die  erste  genauere  Kunde  Aber 
diese  merkwürdigen  BautcMi  venlanken,  ^)  den  Vergleich  mit  nnserei 
srhoiisteii  llasijikeii  aushalten  und  Übertrifft  an  imposanter 
l'.rsi  lieiniiiig  Alles,  was  jiMiials  die  Architektur  der  Griechei 


M  Sii'lio  lUriitii^r  (Ioa-umi  wicbtigoA  UciAework:   7Vae«ltf  im  tk«  etmiral  fmrt»  •/Mb' 
(''ii'i.i  ,  Ni.iHi ',  <'.imft.>,/i,«.  ii>i4(  Iniot,  tlni'itff  tUe  ptar*  ISöS,  lliif  mmd  IBM.  Lottdoai 
^•      J  liJo. 


Die  CttltoroAtlonen  llinteriadiens.  195 

nnd  Römer  geleistet  hat  Die  prachtvollen  Strassen,  die  zu  der 
ahen  Stadt  führen,  die  Maueni,  von  denen  sie  in  einer  Ausdehnung 
Ton  40  Kilometern  nmgeben  ist,  die  an  deasell)cn  angebrachten  Thtirmc, 
die  als  Tbore  dienenden  Triumphbogen,  die  gigantischen  zu  den  Tem- 
peln führenden  Treppen  und  die  Tempel  8ell)st,  auf  denen  sich  hunderte 
rem  GlockenthOrmen  erheben,  deren  obere  Partien  aus  el)en  so  gewal- 
tift^n  als  zart  bearbeiteten  Steinen  bestehen,  alles  das  bietet  einen  An- 
Wick  dar,  der  unwillkOrhch  an  einen  noch  unbekannten  Michel -Angelo 
denken  und  neben  der  griechischen  eine  ihr  würdig  zur 
Seite   stehende   asiatische  Kunst   erscheinen  lässt. ') 

IHe  hohe  Entwicklung  der  khmer'schen  Kunst  zeigt  sich  vorzugs- 
«räe  an  den  kleinen  Gegenständen  und  den  Basreliefs,  was  namentlich 
Mm  einer  aus  nenn  Tänzerinnen  l)esteliendi»n  Gruppe,  von  einem  vier- 
eckigen Ramin,  an  dem  über  tausend  Soldaten  angebracht  sind,  von  einer 
finzHnen  Tänzerin,  endlich  von  Säulchen  mit  Arabesken  und  l^aubwerk 
nat  Die  Gestalten  von  Riesen  und  Elephanten  erscheinen  vorzugsweise 
9h  Kar3rat]den  an  den  Rauten  von  Khmer  verwendet.  I^wen,  Schlangen 
«nd  mehenköpfige  Drachen  kommen  ebenfalls  haufi«  vor,  namentlich  an 
den  die  Strassen  einfassenden  lUiliL^^traden.  Die  Mohrboit  der  Köjife, 
Arme   nnd  Reine   an   den  (lestalten   lässt   sich   aus  dem  Kinfluss  des 


*)  W«d«r  Zelebnungen ,  noch  Photographien  reichten  aus,  um  den  Europäern 
aa«r«irbenden  Begriff  Ton  der  MajeKt&t  jener  Ruinrn  eu  geben,  und  darum 
Mieb  im  Man  1878  eine  neue  Expedition  von  Delaporte  unternommen. 
der  kUmatiiiclMn  und  anderer,  durch  die  Localverhiltnis««  in  den  Urwftldern 
KB  ecbweren  UinderaiMe  gelangten  die  Reisenden  tu  Schiffe  nach  Prc^aeal- 
Pralbiol,  daaa  nach  Pontnay-Pracan  und  nach  Prdasal-Prea-Tomrey,  wo  Nachgrabungen 
rar  AsMerkoog  jener  Qegenfttinde  führten,  die  gegenwärtig  da»  Museum  von  Compi^ne 
fiUrm.  fkbwere  Sumpffleber  hinderten  die  Forscher  an  der  Furtnetzung  ihrer  Arbeiten} 
••  «laaaic  ihnen  Hilfe  von  8aTgon  aus  Kugewchickt  werden  und  der  Commandnnt  der  von 
d«rc  mUendeteo  Expedition,  Capitftn  Filoc,  dem  der  König  von  Slam  die  Kinnchiffung 
4mr  FrB4pa«mte  einer  groaeen  Pagode  nicht  gestattete,  Hess  dieselben  in  Gyp^  modelliren 
mmi  4«c  Abgüsse  nach  Frankreich  bringen.  Dort  hat  man  in  dem  ErdgeschoA^e  de« 
an  Compi^ne  alles  susammengetrngen  wa»  an  canibndichanii^chon  Altertbümern 
ttm^M  werden  konnte.  Im  Jahre  1875  hatte  ich  sclbt«t  Gelegenheit  dieses  hoch- 
I«lrre«»aat4>  Mas^  Khmer  xa  besichtigen  und  die  wahrhaft  überraschenden  Proben 
hist^riBdt«rber  Kan«t  xu  studlren,  deren  feine  und  edle  Htyli^tik  mitunter  an  die  besten 
Tr**<ittel0  der  Renai<«sance  mahnt.  Tntcr  den  in  r.ompirgne  beflndlichen  (ix  p-«Abgiisnon 
■A»4  die  Omppen ,  den  To«i  des  Affenkönigs  und  den  Eindruck  des  Fushcs  de«  Ootiea 
a«4dh«  Torvtrllend,  besonders  bemerkennwertb.  Der  Affenkönig  liegt  auf  einem  Bette; 
•TIS  A!te«t«r  Hohn,  der  eine  Krone  mit  drei  Thürmcn  auf  dem  Haupte  tri^gt,  unterstijtxt 
4m»  tlt*rb#adea,  in  deaeen  Brust  ein  Pfeil  steckt  und  der  seinen  Kindern  eine  Rede  xu 
kalUfs  ftckeint.  Der  Anadruek  des  Zorns  und  der  Trauer  in  den  GcMchtern  der  Affen 
Ml  «n'trffffllcb  wiedergegeben.  —  Der  Buddhafue«  niehi  mehr  einem  Ei  gleich,  das  an 
*#!»<»«■  nordern  Tbeile  in  fQnf  gleiche  Theilo  gesondert  int ,  die  alli'nfalU  für  Finger 
f**tew  k>>aiien;  die  Fer^  besteht  aun  concentrischen  Halbkreisen,  In  welche  Fi^Mrbe  ge- 
awkfhet  «lad;  ihnen  xunAehst  erachelnen  an  der  Kohle  primitive  Oewik'hHe,  wie  Mooee 
•«4  A!c'a,  weiterhin  erblickt  man  phantastische  Oestaltrn  und  dann  Thiere  und  Men- 
•rWa  Im  C^ntrum  prangt  das  Honoenrad ,  denn  nach  iudincher  Koitmogonie  hat  die 
•»iSJi«  aaa  der  von  Waaser  überschwemmten  Erde  alles  Beklebende  hervorgehen  lassen. 

13* 


196  AaUB  Im  lOtUkltor. 

Buddhismiis  cridären  so  wie  die  Drachen  darauf  hindeuten,  da«  andi 
die  Nachbarsdiait  Ckina's  nicht  ohne  Einwh^ning  geblieben  aeL 

Im  Lande  selbst  weiss  man  über  die  Forsten,  die  jene  henüdien 
Bauten  aufiiihren  Hessen,  so  viel  wie  nichts  und  ainf  Befragen  über  den 
Ursprung  der  Tempel  von  Ang^or  entgegnen  die  EingrtKmea,  der 
K(")iiig  der  Engel  oder  auch  der  König  der  Riesen  habe  sie  gebaut  oder 
sie  seien  von  selbst  entstanden.  Die  als  Tempelwächtor.  fnngireiiden 
Bonzen  wissen  ebenfieülls  nicht  melir  anzugeben  nnd  die  Inadiriften  aa 
den  Tcmpelwänden  sind  ihnen  unentwirrbare  Mysterien. 

Einigcrmassen  begründet  erscheint  nur  die  Annahme,  ^daas  dieia 
Tcniiicl  in  Folge  einer  von  Westen  her  gekommenen  Invasion  erriciitet 
worden  sind,  die  den  Buddha-Dienst  mit  sich  in*s  Land  taradita  Die 
Ornamentik  der  Tempel  legt  zum  mindesten  aUor  Orten  Zm^daa  Ar 
die  Bichtigkoit  dieser  Annahme  ab. 

Zum  Schlüsse  erübrigt  noch,  die  5stlidien  TbeUe  Hinlerinfina  n 
betrachten.  Die  Reiche,  von  denen  bisher  die  Rede,  haben  ale  das 
gemeinscliafUich,  dass  der  Buddhismus  ihnen  mittelbar  oder  nnaittalhng 
aus  Ceylon  zugeführt  ward  und  mit  ihm  die  FAli-S]iFadie  nnd  Ab 
indische  Schrift  Tonkin  mid  Gochinchina  unteraÄeiden  riek  aber 
von  allen  hinterindischen  Staaten  dadurch,  dass  sie  ihre  BOdmg  aas 
China  erhielten  und  der  Buddhismus  nur  wenige  Anhftager  ntSi 
Bewohnern  zählt  Dreihmidert  Jahre  vor  unserer  Zeitredmimg 
beide  l^ändcr  von  Wilden  ohne  Gesetze  und  Ehe  bewohnt  Eni 
dem  China's  Kaiser  Schihoangti  (gest  210  v.  Cbr,)  die 
Provinzen  seines  Reiches  unterworfen  und  durch  chinesisdie 
lungen  in  ihnen  eine  höhere  Gultur  eingeführt  und  deren 
gesichert  hatte,  ü^ten  jene  zwei  GrenzlAnder  deotlidier 
der  Regierung  des  weisen  Wuti  wurde  Tonkin  eine  dünarisdie 
und  in  drei  Bezirke  eingetlieilt  Die  chinesisdien  Kai 
ihre  Oberiioheit  über  diese  L&nder  bis  263  n.  Off.,  in  weldwn  Mn 
CS  einem  Cochinchinesen  Kulien  gelang,  sein  Yateriand  inon  der 
Frcmdliorrscliaft  zu  befreien.  Die  chineedsche  Herrschaft  haftia  ahar 
lange  genug  fortbestanden,-  um  auf  inuner  die  diineaisdia  CUIv  In 
ihnen  einzuführen  und  zu  begründen.  Beide  stimmen  unter  iDan  la^ 
nacbl)arten  Ländern  mit  China  am  genauesten  ttberein  ond  hlln— a  ii 
Beziehung  auf  ihre  Zustände,  Sitten  und  höhere  BQdong 
als  Fortsetzungen  China's  nach  Süden  betrachtet  werden.  *) 


Die  Malayen-YOlker. 

Im  ostindischen  oder  malayischen  Archipd  ist  Jara  daa 
Land,  dessen  Geschichte  sich  in  etwas  frühere  Zeit  nirlkftfaiJklk 
lilsst.  Ganz  sicher  fHngt  sie  indoss  erst  mit  dem  Jahre  1474  n.  Cit 
an  zu  worden,  in  welchem  Madchapahit,  dtö  Hauptstadt  dea 
ti^ton   cinlieimischcn  Staates  von  den  Huhammedanem 


')  Las  Ben.    A.  *.  O.    II.  B4.   8.  103a-l(M0. 


Dl«  XaUyen-YöUcer.  197 

Dieses  Ereigniss  ftllt  also  schon  an- den  Schlnss  der  Periode,  welche 
idi  hier  behandle,  und  ging  dem  Erscheinen  der  P^uropäcr  in  Ilinter- 
asien  nur  um  Weniges  voran;  zugleich  bezeichnet  es  einen  Wendcpunct 
in  der  javanischen  Geschichte,  weil  bis  dahin  der  indische  Eintiuss  auf 
Java  allein  herrschend  geblieben  war  und  ungehindert  gewaltet  hatte, 
von  da  an  aber  der  Islam  sich  geltend  zu  machen  begann.  Was  sich 
in  culturhistorischer  Beziehung  aus  früherer  Zeit  über  diese  Länder 
sagen  Iftsst,  sei  demnach  hier  kurz  zusammengestellt. 

Die  Javanen,  obgleich  in  einigen  Puncten  von  den  übrigen  Malayen 
verschieden,  welche  nebst  den  tiefer  stehenden  Papüa  die  Bevölkerung 
des  ostimUschen  Archipels  bilden,  gehören  unzweifelhaft  und  zwar  in 
ihren  beiden  Abtheilungen,  den  wenig  zahlreichen  Sundanescn  im 
Westen  Java's,  und  den  eigentlichen  Javanen,  zur  malayischen  Bace. 
Ueber  ihre  älteste  Geschichte  l>esitzen  wir  nur  Sagen  und  daraus  g(»ht 
mit  Bestimmtheit  hervor,  dass  Java  als  eine  friedliche  Eroberung  der 
liinda  betrachtet  werden  kann;  die  ganze  Geschichte  Indiens  kennt 
kein  zweites  Beispiel  eines  so  erfolgreichen  Unternehmens  der  Brahmanen, 
weiche  dessen  erste  Urheber  waren  und  es  hauptsächlich  leiteten,  ihre 
Cohiir  auf  ein  fremdes  I^and  zu  übertragen.  Pjn  indisches  Gepnlge 
ist  den  ältesten  religiösen  Ueberliefenmgen,  den  politischen  Einrich- 
tungen und  Volksbelustigimgen,  sowie  der  Sprache  und  Literatur  auf- 
gedrückt, die  altindische  epische  Sage  füllt  einen  Theil  der  ältesten 
Geschichte  Java's  aus;  Schrift  und  Temi)elbaukunst  sind  indischen  Ur- 
sprungs und  diese  besitzt  auf  Java  grossartige  Denkmale  eigenthümlichcr 
Art,  welche  mit  denen  des  indischen  Festlandes  mn  den  VoiTang  wctt- 
eifcm  können.  Die  Zeit  dieser  indischen  Niederlassungen  ist  indess 
dnrcbaiis  ungewiss.  Einige  versetzen  die  Ankunft  der  Bi-ahmanen  in's 
VL,  Andere  gar  in's  XL  Jahrhundert;  die  javanische  Chronologie  geht 
aber  schon  vom  Jahre  78  n.  Chr.  aus,  und  dies  dürfte  jedenfalls 
richtiger  sein,  denn  414  n.  Clu*.  besuchte  der  Chinese  Fabian  die  Insel, 
auf  welcher  er  das  Brahmanenthum  schon  in  Blüthe  fand.  Von  der 
in  dem  indischen  Inselmeere  vor  dem  Eindringen  der  brahmanischen 
lehren  herrschenden  Religion  wissen  wir  niu*,  dass  es  gute  und  wohl- 
thfttige  Geister  gab,  die  in  den  verschiedenen  Theilon  der  Xatui*  walten 
imd  besonderen  Beschäftigungen  des  Lc])ens  beigege])en  sind;  es  waren 
al^  locale  Gottheiten.  Die  Brahmanen  fanden  demnach  eine  sehr 
ni'^irige  Stufe  der  religiösen  Vorstellungen  im  Arcliipel  vor  und  es 
konntp  ihnen  nicht  schwer  fallen,  die  einheimischen  Götter  durch  ihre 
Hi!»»nen  zu  verdrängen-  ¥a  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  die  ersten 
Ifirmhmanen.  welche  sich  auf  Java  niederliessen,  Vischnuiten  waren;  erst 
c|iiifr  ward  der  f ivaismus  eingeführt  und  gedieh  zur  vorherrschenden 
brmbnttni^icben  Religion.  Nachher  trat  eine  Wiederherstellung  des  alten 
f-inbeimischen  Götzendienstes  in  der  Weise  ein,  dass  den  javanischen 
Götipm  Namen  der  indischen  Deva  gegeben  wurden.  Diese  Rückkehr 
nr  IdfAitne  soll  140  Jahre  oder  bis  .*UH  n.  Clir.  g<»iiauert  hal>en. 
Ihr  Z(*itpunrt,  wann  der  Buddhismus  in  Java  Eingang  fand,  lässt  sich 
♦4iHn  «»41  wenifT  angeben,  als  das  lAnd,  von  welchem  die  Verkündiger 
dr-«»  buddhistischen  Gesetzes  auszogen;  gewiss  scheint  blos,  dass  er  nach 


108  A»ien  im  Mittelalter. 

J.iMi  wenigstens  3(H)  Jahre  spätei;  als  die  Bmlimancn  gelangte  und  sich 
nicht  des  Päli  sondern  d(.\s  Sanskiit  hediente.  lia  Uebrigeii  behauptete 
er  nur  kurze  Zeit  seine  IIei*i-schaft  und  trat  l>ald  vor  deni  Brahma- 
nisinus  in  den  llintergi*und  zuillck. 

Was  die  pjnflüssc  der  indischen  AnsictUungen  auf  die  «Tavaner  an- 
betrifft, so  seheinen  die  (lelehrtcn  einen  iKisonderen,  hoch  verehrten 
Stand  gebildet  zu  hak^n,  der  mit  seinen  liamlsleuten  in  der  indischen 
Heimat  einen  Verkehr  unterhielt.  p]ine  Spur  von  Kasten  hat  sich 
auf  Java  nicht  erhalten,  aber  auf  der  nahen  Insel  Bali  ünden  sich 
noch  die  vier  indihchen  Kasten,  woi'aus  zu  folgen  scheint,  dass  sie  ehe- 
mals auf  Java  von  Indien  aus  eingeführt  worden  waren.  Für  die 
ältere  Zeit  wissen  wir,  dass  es  damals  auf  Java  Goldschmiede,  Maler, 
Verfertiger  von  steinernen  Götterbildern,  von  gestickten  Zeugen  und 
von  Hokschuitten  von  Thieren  gab,  dass  auf  die  IkfÖrdening  des  Acker- 
baues gi'osser  Werth  gelegt  wurde  und  der  Gebrauch  von  Münzen, 
deren  Kenntniss  den  Kaufleuten  empfohlen  wh'd,  etwas  Gewöhnliclies 
wai*.  AVir  werden  kaum  iiTen,  wenn  wir  den  indischen  Niederlassungen 
auf  Ja>a  die  Kinführung  früher  unbekaunter  Gewerbe  und  Künste,  so- 
wie einen  wesentlichen  Antlieil  an  der  Verl)essenmg  des  Ackcrbaacs 
und  der  Kntwicklung  tles  Handels  zuschreiben.  Es  ist  jedoch  nicht  ssu 
übei*selien,  <lass  trotz  des  gewaltigen  Kinflusses  des  Inderthumes  auf 
Java  neben  ihm  das  einhc^imische  Wesen  sich  erhalten  hat. 

Das  ei'ste  mit  genügender  Sicherheit  bestimml)are  I>eigniss  ist  die 
Gründung  von  Mendang  Kamülan  im  Jahre  G03  oder  599  n.  Chr. 
dmrh  den  aus  Indien  gekommenen  Brovidschaja  Savela  Kala, 
dessen  Reich  unter  den  ülteren  das  einzige  ist,  welches  einen  längeren 
Bestand  hatte.  Die  früheren  indischen  Ansiedlungen  bestanden  vor- 
zugsweise aus  ih'ahmanen,  denen  sich  wohl  Ackerbauer,  Handwerker 
und  Kaufleute  angeschlossen;  von  Kiiegern  ist  nicht  die  Rede.  Die 
ersten  indisclien  K(")nige  wai'cn  wenig  mä<*htig  und  konnten  keinen  be- 
deut(>nd(*n  Kintiuss  auf  die  politischen  Verhältnisse  Java's  ausüben. 
leinen  solchen  besassen  die  Brahmaiu'n  nur  iiusnahmsweise,  indem  einer 
von  ihnen  sich  (li(^  königliche  Maclit  zu  vci*schaffen  wusste;  sie  wirkton 
dagegen  iH'dculender  auf  die  Entwicklung  der  Religion,  der  Gcsetxe 
und  Sitten ;  sie  führten  die  indisclie  Sagengeschichtc  und  Dichtkunst  in 
Java  (Mu  und  ilirc  heilige  Sprache  erzeugte  dort  eine  neue  Tochter, 
das  Kawi,  ({(^en  Ti'acht  eine  javanische  ist,  während  ihr  Köqier  und 
ihr  Wesen  indisch  geblieben  sind.  Durch  die  Stiftung  eines  grösseren 
Stiuites,  der  auch  Krieger  iK'Siiss,  gewannen  die  vereinzelten  iiulisdien 
Ansiedlungen  zu(;i*st  ein(*n  iMittelpunct  und  einen  wirksamen  Schutz, 
indem  seiiu?  Macht  sich  üImt  ein  gross(is  (lebiet  ausdehnte.  Der  schon 
seit  lange  bestebende  Verkelu*  mit  Indien  erliielt  auch  diirdi  diese 
(inindung  eine»  grössi're  Sicherheit  und  Belebtheit,  in  Folge  dessen  das 
Indertlinm  sich  in  allen  Dichtungen  kräftig  entfalten  und  liesonders  auf 
dem  (iebictt*  der  Poesie  und  Baukunst  schöne  und  eigenthümliche 
IVüditc^  trugen  k(>nnte.  ^) 

')  Lnsson.     A.  a.  O.    IL  Bd.    B.  lÜ4ü~106tf. 


IM«  lUlayMi-ydIlMr.  199 

Die  Madit  der  Dynastie  von  Medang  Kamülan  dürfte  etwa  bis 
700  n.  Chr.  gedauert  haben,  später  ging  sie  auf  jene  von  Dschangäla 
aber,  welche  aus  jener  um  896  n.  Chr.  hervorgegangen  war  und  1158 
von  der  von  Padschadschäram  abgelöst  wurde.  Während  in  den 
sQdlidien  und  östlichen  Theilen  der  Insel  mehrere  D}'nastien  sich  folgten, 
bestand  in  dem  nordwestlichen  Theile  Java's  und  auf  Sumdtra  ein 
grosses  Reich  Menang-Karbo,  dessen  Monarch  der  damals  in  seinen 
Staaten  vorherrschenden  Religion  Buddhas  sehr  zugethan  war,  ohne 
dasB  durch  diesen  Vorzug  die  brahmanische  unterdrückt  worden  wäre; 
es  hemchte  daher  vollständige  religiöse  Duldsamkeit.  Dieser  Schöpfung, 
die  wohl  bald  in  mehrere  kleine  Reiche  zerfiel,  darf  der  indische  £in- 
flnss  auf  die  Zustände  Sumdtra's  zugeschrieben  werden.  Mittlerweile 
stiftete  ein  Mitglied  desKönigshauses  von  Padschadschäram,  welche  Dy- 
nastie zuerst  den  Anbau  des  Reises  bei  den  Sundanescn  eingeführt  haben 
aoU,  im  Jahre  1299  n.  Chr.  Madschapahit,  das  mächtigste  aber  auch 
das  letzte  aller  einheimischen  Reiche  auf  Java.  Nachdem  in  Bälde  die 
Macht  der  Forsten  von  Madschapahit  sich  über  Java  hinaus  auf  Bali, 
Bahmhingan  und  das  Königreich  Sunda  erstreckt  hatte,  zu  dem  auch 
der  sttdlichste  Theil  von  Sumatra  gehörte,  bestieg  etwa  1390  der  grosse 
Eroberer  Ankavidschaja  den  Thron,  welchem  er  mit  Hülfe  seines 
Feidberm  und  Schwiegersohnes  Adäja  Ningrat  oder  eher  Katu 
Pengging  alle  Könige  der  kleinen  Sunda-Insehi,  den  grösseren  Theil 
der  Molokken,  die  südliche  Küste  von  Cel6bes  und  die  nordwestliche  von 
Bomeo,  im  Ganzen  36  Vasallenstaaten  unterwarf  Es  war  in  der 
Katar  der  Verbältnisse  des  grossen  Reiches  begründet,  dass  es  nicht  in 
soaem  ganzen  Um£uige  von  langer  Dauer  sein  würde.  Die  Vasallen 
ieblen  in  von  dem  Mittelpuncte  der  herrschenden  Macht  so  weit  ent- 
fernten Ländern,  dass  es  dem  Beherrscher  der  ganzen  Monarchie  sehr 
erschwert  werden  musste,  sie  in  Gehorsam  zu  erhalten.  Dazu  kam, 
dasB  der  Verkehr  zwischen  jenen  mit  diesem  leicht  Unterbrechungen 
erleklen  konnte,  weil  er  zur  See  bewerkstelligt  werden  musste.  Die 
zweüe  Umdie  des  Falls  dieses  mächtigen  Staates  war  der  religiöse  zu 
Feindseligkeiten  führende  Zwiesiialt  zwischen  Volk  und  Fürst  Ganz 
nämlich  hatte  sich  ün  XV.  Jalirhunderte  der  Islam  durch  Kauf- 
und  Ansiedler,  besonders  durch  einige  berühmte  muselmännische 
lidircr  eingeschlichen,  zuerst  m  Palenibang  auf  Sumatra,  dann  auf 
Java  seibBt^  wo  die  kurzsichtige  tolerante  Regierung  seine  Verbreitung 
begünstigte.     Muhannned's  Lehre  gewann  immer  mehr  Anhänger 

diese  waren  es,  welche  nach  mörderischer  Schlacht  1478  die  Stadt 
Madirhapahit  in  Besitz  nalunen.  Damit  fiel  ,,der  Stolz  des  I^ndes^ 
llämle  der  Feinde  der  alten  Religion  und  Ciesctzgebung.     Nach- 

der  Anführer  der  Muhammedaner  noch  die  letzten  Versuche  der 
friheren  Herrscher  einen  Schatten  ihrer  Unabhängigkeit  zu  retten  ver- 
■iditift  und  sich  im  unbestrittenen  Besitze  der  ganzen  Insel  befiind, 
Bp«  er  sich  feierlich  mit  der  hödisteii  Wünle  im  Staate  liekleiden; 
rr  |f*«n«*  sidi  den  Titel  Paminüßdham  Ibrahim  \m  und  wurde  als 
V«-michter  des  Unglaubens  und  Oberliaupt  der  Gläubigen  ausgerufen. 
Mit  der  Machteriangung  Ibrahims   tritt   ein    Wendepunct   in   der  Ge< 


200  Aalen  im  MitteUlior. 

schidito  nicht  nur  Java's  und  eines  gi'osscn  Thcilcs  von  SunuUra, 
sondern  auch  in  dem  ttbnj?en  Theile  dvs  indischen  ArL'hii>els  (üulnrch 
ein,  dass  von  da  an  sowohl  der  KinHuss  der  Musehnänner  auf  die 
religiösen  Zustün<le  der  Uewohncr  als  ihre  politische  Macht  in  st(!t8 
weiterem  Umfange  sicli  verbreitete.  ») 

In  Voi-stehenclem  lernten  wir  „im  .lavanen  den  durch  KinHUsHC  dos 
bedeutendsten  östlidien  Culturvolkes  —  der  Inder  —  aus  seiner  Rohlieit 
j^crissenen  niul  in  j?(^wisser  Beziehung  verleinerten  Malayen  kennen 
AVir  linden  in  ihm  einen  jVlcMischen,  der  sich  alles,  was  ein  Cnltm'leben 
ausmacht,  anpeeij^nc^t,  ja  selbst  eine  reiche  Literatur  erzeugt  hat,  wir 
nehmen  aln'r  au(^h  wahr,  dass  er  ül)er  di(^  Nachahnmng  dv»  Fremden 
nicht  hinausg(;komnien  ist.  Der  Javanc  zeigt  uns  den  Punct, 
bis  zu  welchem  die  malayische  Race  sich  entwickeln  kann, 
w(Min  alle  inneren  un<l  äusseren  lUnlingungen  zusamm(Mi  wirken,  und 
es  ist  <h*sswegen  K'^iide  sein  Studium  von  Interesse,  weil  wir  an  ihm 
dvi\  Untei*schied,  welcb(T  in  der  Heg*abung  der  verschiedenen  Haccn 
j^ek'j^en  ist,  deutlich  wahrnehmen  können."*) 

Die  enorme  Verbreitung  der  malayisclien  Hace  von  Matlagascar 
im  \V<'steii  bis  ziu*  Osterinsel  im  Osten  und  von  den  Sundwichs-lnsein 
im  Norden  bis  nach  Neuseeland  im  Siulc^i  steht  beispiellos  öa  und  i»t 
eine  der  interessantesten  ethnogiiiphisclM»n  Krsclieinungen ,  welche  hier 
eine  kurze  Betrachtung  erheischt.  Dass  dic»sc  Zersplittenmg  der 
malayisclien  Stilmme  nur  durch  mantime  Wanderungen  herbeigeführt 
werden  konnte?,  bedarf  k<'iner  besonderen  Erwähnung.  Die  Undtzc  der 
Malayen  sind  wohl  im  südöstlichen  Asien  zu  suchen,  vcm  wo  sie  auf 
dem  \Veg(^  freiwillig(;r  \Van(h*rung  (Hier  unfreiwilliger  Zerstreuung, 
succM'Ssive  und  wenigstens  im  Ganzen,  wie;  die  linguistische  Vergleidrang 
ausser  Zweifel  stellt,  von  Westen  nach  Osten,  gegen  Wind  und  Strö- 
mung fortschreitend,  in  ihre  dermaligen  Wohnsit7.e  gelangten.  Dios- 
b(>zügliche  l'nt(H'suchung(;n  ei-gaben  nändich,  diss  auf  den  Sandwichs-, 
Maniuesis-Inseln,  Neuse(^land,  Karatonga,  Tahiti  die  Tradition  überall 
auf  die  Samoa-lnsel  Savaii  zurih'kweist  und  nebenlwi  auch  der  Toiiga- 
gruppe  (Twähnt.  jNIan  gelangt  daher  zu  der  weiteren  Annahme^  das« 
die  Malav(Mi  a\v\\  /uei*st  von  (>ineni  bestinnnten  Puncte  aus  nach  und 
nach  ül>er  die  Insi'ln  des  indischen  Archipels  bis  Dun)  verbreiteten  und 
erst  dann  zur  Samoa-  und  Tong*agruppc  inid  von  da  aus  über  die 
Inseln  der  Süds«*«'  vorrückt(?n.  Ik'zdglich  des  Zt'itpunctes  dieser  Tren- 
nung <ler  b<*id<>n  AbthfMlungen  d(*r  Malayen  dürften  aus  spradüicfaen 
Kücksichten  mindestens  das  .lahr  PM.K)  v.  Chr.  anzunehmen  sein') 
Jedenfalls  steht  es  fest,  dass  diese  Absonderung  der  l^olynesier  von  den 
^geschwisterlichen  Malayen  vor  dem  Jahn?  7H  n.  ('hr.  stattgefunden 
habe.  Mit  diesem  Jahre  iK'ginnt  m'indich  die  Zeitreclinung  des  Saka 
iHlvr  Saft'rnna,  die  von  den  ei nge wandelte n  brahmanischen  Hindu  auf 
Java  eingeführt  wurde.     Nun   wissen  wir,  <lass  der  Pahnwein,  der  ans 

•)I.a)*scn.     A.  tt.  O-     IV.  Hd.     R.  461—508. 

»)  F  r  i  «•  a  r  l  c  h  M  ü  11  o r.     Xorara-ftetxe.     Kthnogrmphie.     8.  88. 

»)  A.  ft.  ü.     S.  21—23. 


Dl«  ]fA]ftf«a-Yölker.  201 

den  Wanden  der  Cocoftbltttenscheide  abgezapft  wird,  ToJdt/  oder  Taddy 
Ton  den  Malayen  der  Sunda-Inseln  genannt  wird  Weil  aber  dieses 
W<Hrt  ans  dem  Sanskrit  entlehnt  wurde,  haben  die  brahmanischen  Hindu 
en4  die  Kunst  der  Palmweinerzeugung  den  Malayen  der  Suiida-Inseln 
mitgetheilt.  Da  nun  die  Cocospalme  auf  allen  Inseln  der  Südsee  sich 
ün<iet  und  auf  den  Korallenringen  oder  Atollen  fast  die  einzige  Nahnmg, 
ja  den  dnzigen  Trunk  den  Eingebornen  liefert,  so  ist  es  geradezu 
onidaublich,  dai«8  die  Polynesier,  wenn  sie  vor  ihrer  Auswandeiniiig  das 
Geheimnis»  der  Palniweinbereitung  schon  gekannt  hätten,  es  wieder 
ver^resoen  haben  sollten.  Es  kannten  aber  die  Polynesier  zur  Zeit,  wo 
ne  von  Kuropftem  besudit  wurden,  die  Zubereitung  des  Toddy  nicht.  >) 

Nach  den  Angaben  Grattanewa's  gegenüber  von  Commodore  Porter 
würden  88  Geschlechter  sich  gefolgt  sein,  seit  die  Polynesier  die  Mar- 
quesas-Inseln  erreichten,  so  dass  also  dieses  Ereigniss  800  Jahre  v.  Chr, 
Nlattgefiinden  hätte,  oder  mit  anderen  Worten  nur  wenig  später  als 
die  Gründung  Carthago*s  durch  die  Phöniker,  während  Nordeuropa 
noch  mit  einem  Fasse  im  Steinzeitalter  stand  und  die  Schweizorseen 
von  l^&hlbauem  bewohnt  wurden.  Um  so  vieles  später  entwickelte 
sidi  im  Abendhinde  die  nautische  Geschicklichkeit  als  im  })olynesischen 
Oriente! 

Jenes  Vorrüdcen  der  malayischen  Stämme  glich  jedoch  völlig  einer 
Bodemen  Aoswanderung,  denn  die  Kanaken  brachten  ihre  Tultur- 
lerwichse,  sowie  zwei  liausthiere,  und  als  heinihchc  Ik^gleiter  die  Ratten 
■ach  den  Inseln,  auf  denen,  mit  wenigen  Ausnahmen,  ül)erhaupt  alle 
i^4af!eUiiere  gefehlt  hatten,  die  Fledermäuse  abgerechnet.  Aus  jener 
Zeit  i<Uuumen  noch  die  Reste  von  Steinbauten  auf  den  östlichen  Insel- 
lonippen,  sowie  die  steinernen  Riesenbilder  auf  der  Osterinsel,  über 
deren  Erbaaang  die  Eingebornen  so  wenig  Rechenschaft  zu  geben 
witdtea,  wie  der  ägyptische  Fellah  von  den  P>Tamiden.  *) 

Von  der  positiven  Geschichte  der  Festlands-Malayea,  die  wir  heute 
haoptMichlidi  auf  der  zinnreichen  Halbinsel  Malakka  angesiedelt  treffen, 
Ht  nur  SpArlicbes  bekannt  Im  Jahre  1288  n.  Chr.  wanderten  Malayen 
lim  Soouitra  aas  nacli  der  gegenüberliegenden  Küste  des  Continentes 
oad  legten  hier  ihre  erste  Stadt  an,  die  sie  Singapura  nannten. 
baki  ward  sie,  Daiüc  ihrer  glücklicrhen  I^age,  die  blühendste  aller  dortigen 
Sudle,  ond  es  kamen  hier  die  Kauflcute  aus  den  westlichen  wie  aus 
4*tt  östlichen  iJUidern  zusammen.  Für  die  frühere  Anwesenheit  von 
baddhtsten  in  Städten  d(*r  Halbinsel  Malakka  sprechen  dort  entdeckte 
baddhistische  Tempel  und  Inschriften,  welch  letztere  jedenfalls  älter 
«umL  als  die  l'jnfertirung  des  Islam,  die  nicht  wohl  früher  als  1380  ge- 
*etA  werden  darf  Schon  ein  muhammodanischer  Fürst  war  es  aber, 
der  1415  die  Stadt  Malakka  gründete,  durch  deren  lebhaften  Ilandels- 
«eriebr  er  einen  weit  ausgedehnten  lOintiuss  auf  die  benachbarten 
lAu^er  gewann,  und  da  viele  maurische,  d.  h.  muhammedanische  Kauf- 
WtiXt'  \ie\  die!!»em  Handel  sich  lK»theiligten ,  gewann  die  Verbreitung  des 


;  P«tcliel,   rHkerkumCt.     8.  370. 

>  Bir  ft  UellwAl«!,  Ihr  vorguehichtUch«  M0n$ch.    8.  &8i— &34. 


TnUin  neuen  An&chwnng.  M  Jahre  1511  macfataa  <B«  riilinliwiii 
nnter  der  AsfDhniiig  da  groesen  AffonB«  4*Albuqa«rqa»  ämt 
MalajTon-Beiche  auf  Ttfriakka  ein  Emis.    Von  dm  abrigen  Milajn- 

Staatcn   besitzt    keiner   «ine  grOesere  Bedentnng  Ar   die  i  ~ 
Culturgeediictate. ') 

Bas  Inselretoli  des  Ostewu 

Zn  don  Kreise  der  buddhistindien  LSnder  tSUt  uA,  ta  • 
grösserer  Abgeschlossenheit  noch  denn  China  im  fenuten  Oaten  der  iltCB 
Welt  lifsend,  das  Insclrdch  der  anheilenden  Saniie,  Japin,*)  dana 
Entwicklung  zu  beobachten  uns  nunmehr  obhegL  Strenge  gBH^HBB 
hatte  dies  schon  im  Alterthume  gescheiten  »Uen,  denn  die  JKftaUk» 
Gescbichte  geht  bis  zmn  Jahre  660  v.  Ou*.  ntriuk,  abo  fa  dklÄe 
Epoche  als  Griechen  und  BOmer  zn  den  werdenden  MatioiHii  rtifcBitii, 
andererseits  aber  ist  es  gerade  die  in  die  Zdten  dn  i 
Mittelalters  Mende  Genttungsperiode,  wddM  das  medate  firt« 
währt  Ich  hole  also  hier  lasdi  nadi  was  ans  den  I' 
zum  VerstOndniHse  der  spfiteren  EntwicUoBg  eifordetiloh  ist 

Jap&ns  älteste  Bewohner  mOgen  die  heute  ia  i 
Theil  der  Insel   Yesso  zurOckgedrängten 
gange  geweihten   Alnos  gewesen  sein,  von  deren  < 
haamng  mancherlei  behauptet  wurde.      T 
doch  bei  den  Japanern  den  Namen  Hoainas, 
gotragea     Nunmehr  auf  etwa  50,000  Kopfe  t 
Alnos  EU  den  nncultivirtesten  Tßlkem  der  Erde;    Und  i 
diuBc  Parias  Ae»  T^ovAotttniiB  eine  Gc«i:Jiichto  und  Bc1iwttl|«.'a  niit  i 
i^liiilistlicr  Freudu  in  di-r  Eiiiiiicruug,  Haue,  ihre  Almen  dnut  der  J  . 
(jlciclR'U,  wenn  nicht  <Ii;n?n  Ik-rrfu  g(wc«Mi.     Um  du«  VI.  JaliriHnidgil>1 
vor  unserer  Zeitret^lmung  millon  die  Atnos  die  ununudnrflaktea  C  "  ~ 
nii'lit  nur  Yfsro's,  soiuk^ii   ttogiir  Avs   nCntlichen  TlKdIe»  WH  1 
gi^wcaen  iwin ;   aber  die  Jaimiier  bngäimon  sie  zmtUtoidiSBge^  * 
ftIxT  lue  Strnase  von  SiitigHr,  (luiiu  na<'lirll('](MiiI  alhiiÜTlig  In  il 
Yisso's.     Pirst  gegen  Ende   des  XIV,  Jahrhunderts  gelang   ihn  ' 
HliLiiili^L'  Beaiegung  und  lIulci'wcifunK- 

Diu  Äinos   liesitzm   die  lYadition,   dam   ihrr   Unthnen   aus  i 
Westen,  also  von  dem  itsiatiiidjen  Festlands   h<'n;rki>iiinmn   sind; 
liiilti-svcrelining    ist   sebr   urwIlchsigGr   Art    und   liiit    mcIi    ötwr  *Iai'| 
IViiscbdiciiBt  kaum  orliolwn;   ihre   rohe  Mythologie   Wühl   auf  c* 
itimiili-ii  I'riiii;iii.  da:«  mit  d«u  Tbiirrnn  Act  Juipl   um!   ilcn.  rnurticn 
der   Tiefe   in   Verbindung    steht.      KoNuiogoniscbM-    'I'nufitiuufti 
t-niiun|ti<lt  auch  M^llmt  iliew>r  Staiiiin    i[ti-ht  gäuxllch:    aus    diuu  Wu 
i«t   ihnen   iliü  Welt  «nistande».     I>cr   cntto  Munwii   aS<ir   war   f 


ih-fuffi^o   „Kum^vu 


Dm  iMtlnleh  de«  Ostens.  203 

fin  ,Weib,  welches  das  Glück  eines  paradiesischen  Lebens  dadurch 
vi'Hor,  dass  es  den  Apfel  der  Erkcnntniss  von  einem  Manne 
annahoL ') 

Das  heutige  in  Jaiuin  herrschende  Volk,  die  Japaner,  halten  sich 
für  AutcM^hthonen  ihres  Inseh'eiches,  welches  ihre  unmittelbar  in  die 
idtiTite  iN)litiiiche  Gescliichte  *)  übergehende  Kosmogonie  von  den  eigenen 
l^ndcsgötteni  ausdrücklich  für  sie  erschaffen  werden  lässt.  Indess  steht 
U>U  <ia.ss  auch  <lie  Jaimner  von  Westen,  wahrscheinlich  von  China  her, 
angeblich  seit  1340  v.  Chr.  eingewandert  sind;  sie  sollen  bereits  Be- 
wohner auf  den  Inseln  vorgefunden  haben,  weh^he  sich  von  ihnen  durch 
ihre  physische  Complexion  deutlich  unterschieden,  wohl  also  die  Ainos. 
Nicht  unmöglich  übrigens,  dass  die  Hace  der  asiatischen  Papüa,  den^n 
Msihtenz  auf  den  Philippinen  sichergestellt  ist,  sich  bis  nach  Japiin  aus- 
gi^liruitet  hätte.  3)  Von  den  neuen  asiatischen  Ankönunlingen  wurden 
ilie  Ainos  zimi  Theil  gegen  Norden,  besimders  auf  die  Insel  Yesso, 
zurückgedrängt,  zum  Iheil  civilisirt  und  mit  ihnen  vennischt.  So  ent- 
stami  die  Nation  der  Jaimner,  deren  lK?glaubigte  Cfcschichtc  bis  auf 
ui\ti  \»r  unserer  Zeitrechnung  zurückreicht.  Seither,  also  seit  länger 
iWiiA  zwei  Jalirtausenden,  blieb  das  jaiuinische  Volk  unvermicht;  Fn»nMle 
kanten  nur  sielten  ins  I^nd  un<l  hatten  nur  wenig  Kinfiuss  auf  das 
lA-lton  und  die  Sitten  der  KingelH)rnen.  So  blieb  <lie  Natiimalitüt  der 
Ja|iajK'r  unangetastet,  und  sie  verstand<'n  es,  sich  ihrer  Gegner  wirksam 
zn  rrwehn*n.  Ich  glaube  nicht,  dass  sich  in  der  (lesiiiichte  ein  zweite 
HeL^piel  solcher  Aristokratie  des  Blutes  ünden  lässt 


*)  fH€  UttUn  Aim>§  (AttgemHne  Zeitung  vom  7.  Januar  1065.)  Vgl.  über  dioKeu 
■rlt^ameo  VolksaUmin  meine,  wie  leb  glaube,  fast  eritchüpfendo  Arbeit  im  ÄualoHd 
1473  Nr.  44  t^  875  und  Nr.  46  H.  911,  wo  ich  allf>  mir  zur  K(*nntiii4s  gelangton  C^uellcn 
•aakalfe  («aacht  nnd  deran  Ergebniaso  lUHammcngoMoIIt  habe.  Nur  die  schöne  Arbelt 
W«ajnkow*a  über  die  In!»el  Hachalln  im  Journal  of  the  Rojfal  Gtographieal  Society. 
iMmian  1473  VoL  XL1I.  8.  U73— 388  war  mir  damaU  noch  unzugänglich.  Seither  Itt 
•ach  DiiCk  ein  Interaaaaater  Aufitatx  von  Ludwig  Promoli  Vther  di9  AIhob  (Corre»' 
fmmä^mthSmtt  d^r  tUmtekmt  anthrop.  OtttUtchaft  1874  Nr.  3  uud  4)  zu  verzeichnen.  Die 
**wa  «latm  Hrn.  da  Long  In  einer  Vorlegung  zu  Bacramcnto  vertretene  lUputheso, 
warb  di«  Alnoa  aaf  einer  Ophirfahrt  durch  Meere<«i<trümungen  nach  Japdn  gebrat-hto 
•■4  ««rflcbollea«  llebrler  wären,  lii  naturlich  keiner  Widerlegung  werth. 

0  tlUb«:  H.  Anatl,  UMoHa  dtl  rtgno  di  Voxu  dtl  Giapon§  deir  antichitik.  Koma 
lilS  —  P.  deCharlevoix.  liittoirt  et  deßcHptioH  g/H/ralt  du  Japon.  Pari«  1730. 
f  Bd«.  —  £d.  Fr*iaeinet,  Le  Japon;  higtoire  et  dttcription^  moeMrt,  eontnmeg  H 
Paria  1M4.  IS*.  3  Bde*  —  Wilh.  Heine,  Japan  und  »eine  Hetnthner,  de- 
It€tt0  ttäethftek«  und  ethnographtKehe  Sekilderungm  ron  lAtnd  und  lauten.  Leipzig 
IIMDI.  S*.  —  K.  Klnpfer,  UMotre  du  Japon.     172V. 

^  V'lndr.  Mflllnr,  PnkUme  der  Unguiatinehtn  Kthnographie.      <H  e  h  m  *  •  gevgr. 
B4.  IV.  8.  SI4.)   Vivltn  de  Haint- Mariin  In  PariH  dngcgrn  nimmt  da«  He- 
wel«en  Urraee  au,  deren  eine  groi^se  Abzweigung    i*irb   über  For- 
imfkm  «ratnekt  kAtt«.     Hiebe:    Vn»    nourelte    race   ä    intcrite  aur  ta  carte  du 
km  JkrffiMi  Jf  Im  SketM  d«  f4ogn$pMie   de  i'aHe    1M71.      IL  Itd.    H    3(>0    31'.',   und 
UTS  Kff.  fD  8.  4M.      D«r  Analebt    von  der  Verbreitung  der  «chwarxen  PapAa*« 

O.    Mubnike,    IHe   Japaner.     Kine   ethmtgraphieche 
ISn.    8*.    6.  18—14. 


204  A«l«n  In  UII1aUlt>r. 

Die  Oisiliiclite  -Taiiiins  wfllircnd  lüescr  zwei  Jiilirtauscmlc  jiprßllt 
in  Kwci  ilciitliili  orkriinlini-R  Poriiidi-n,  wi^lrfic  ilio  .luiuintir  Ouhfi  und 
lliixhi-!  iiciiiicii.  Hw  crstfii'  n'if)it  von  i'.iin  v.  Chr.  bis  111)2  d<'r 
cliiistliclifn  AiTa,  iiiid  umfiisst  die  Zi'it  dtT  Allficwalt  drr  Mihmhn: 
(■s  ist  iliis  jii|iaiiisclio  Altcrtiiiiiii.  Dio  zweite  nitsiiridit  diT  Maoht- 
(MUtiilluiijt  der  iS/wrfiiiin  oder  Militariionsdier,  welclio  die  EurupScr 
lüiiv'f  niil  (li'iri  tiTi)inssi'ndtii  Namen  Taiknn  /u  l>rxi<idinen  ptlrgtrn. 
liii'sc  /wi'iTo  reriiide.  das  jnjiaiiisclii'  MittcIiilttT,  hrlrt  mit  dem  Jahre 
ll'.i'J  n.  V\n\  an  lind  endet  ei-st  l*<(iH;  doch  so  wie  anch  in  der  (io- 
si'liirhle  iMiriiiwis  iicKeiuIinct  das  .lulir  IID'J  licincn  jölien  Weclis«-!  in 
ilcn  liisiiiuiTiinoii  den  l>nndcA,  fumdern  nur  (wie  in  Kumpa  das  Jahr 
14'.*2.  wiJiiiit  iiiaii  das  Mittelalter  cndrii  und  die  Noimnt  l)OtniiiK.>n 
lil^^sli  den  <!iiifeltiiiiict  eiiXT  Uinp'nnK'ii.  jnhrliuiidertelang  vorltercitotpii 
Kiilwiekelnnii,  denn  erst  mit  lle/rinn  des  XYl.  Jahrlinnderts  nird  das 
Slnjfninnt  eine  let^üe,  unliestiitteiio  Kinriditnnf;. 

In  der  filteivu  geRehirht  liehen  Zoit  halM.'n,  wie  man  ftlr  ktwüh 
)iallen  darf,  lioiiie  Ite/ichtin(cen  der  Völker  MittelasiiMiH  xu  den  'Jainuieru 
s1  Uli  gefunden,  dmli  sclieint  in  selu-  frlllicn  Kpoehen  eine  Einwandcning 
ans  dem  sttdlielien  Coreo  naeh  den  jnpaiiisclien  Inadn  tot  sich  ge- 
piniion  KU  sein;  man  nmtliinasst,  das»  dieses  Krciguiss  stell  etwa  l'iUO 
V.  dir.  zui^traKou  li[>1>*'.  Iliei-fUr  spricht  der  Umstand,  dass  den 
Ülteiiten  Ite.wiihntTn  JagKtn's  die  Dearbeitui^  der  Metalle,  vonicbmlid) 
nlNT  des  Kseiis,  noeli  nirlit  twkannt  war,  wie  aus  der  Menge  von 
I'feil-  and  I^nyeiitiiritzGn,  Streitbeilen,  Messern  und  andern  Waffen  nnd 
(icrfttlisi-haften  aus  kicselerdigen  Mineralien,  die  daselbst  allenthalben 
^'efimdcn  werden,  uiizweifelhaft  her  vorgebt.  Ea  scheint  selbst  das 
Steinzeitnlter  habe  bei  ihnen  nodi  sehr  lange  nach  ihrer  Einwandenug 
bestanden. 

Die  jaiianisclie  Sprache  ist  dno  dgenthomliche ,  da  weder  ihr 
IcrammatiBchcr  Bau,  nodi  die  WuTEeln  ihrer  WlMer  im  AUgnoeiiH« 
VamiidlMdMAvTeridltnln  mit  d       '"  " 


die  PciirilWiPh^iii  «mdem  ««*  aJl»  Antfaii^  Aw .-       .  .  - 

nnd  winftlen  Ilililinig   kwi   <.%ina   ülMir   tVinÄ   Uwo''«-     "f  ^^"^^  to 
r  WUT  tBi^Än^idi  nlnw  rhinreisdie  nix^  \\aX  erst  iw  '•*  , 

(  aHmnldtK  wrtw  Afm  FJritIii«o   der     tvi?.'^''^''      ■         cSw« 


■SJjlÜ«' 


,^niw 


Dh  lualrelcb  dM  OtUat.  205 

lii'faliif!l   fitr  iIh'  Auriuihme  froiiiJer  TtildiiiiRscIemciito  prsi'h<-iuon.     Iliro 
/iiiii'liiiiriiiU'  ]k-l(.iiuitii<-liun   mit  iliT  Ut4:nitiir  «Kr  CliiiU'Si'ii,    den  aihl- 

I>~in  tl ]<^'i^rli('ii  uiiil  ttif<is(i|iliiM'hi-ii  Sitliiiftcii,  illH'rliiiiiirt  itcr  ^uii/i-ii 

Ikiiliwcist'  iliT!<<'IlH-ti,  lilicli  lutlUrlk'li  nUM  olnic  KiiiHiL-»  iiiif  ilirf  ifli- 
::t<>-M-ii  AiiM'liaiiiiiii!<'>L  uii<l  somit  iiucli  nuf  ili'ii  Siii'o,  iIit  sich 
kilil  tiiitiT  iliiii  I'liiitlussp  iii'A  Syslcuis  viiii  I.iin-lsc  zu  ciiii'm 
liiiii-<tlii-li  /iKimiiK'UKc^t eilten  l'iilytlK'isiiiiis  eiilu iiki'lte.  Im  .hihic  rt.')'i 
ir.it  ili-r  ItiKlilliJMJiiis  itlciihriillK  ein  iliiiiihisiliei'  Iiii)hii1,  auf  iiikI  ncIiIiii; 
fi->ti-  Wiiiyclii  im  l.amli'.  Künste  iiiul  liiwirlic  ruhrti'  uiaii  iiliiehritlls 
.iiL-  diiita  imil  Ciiiiti  <>iii,  uiul  pfn'!)  ITii  ri.  Clii'.  nci'Ucii  .MuiilLmr- 
iMiinie  K*-|it1)(ii/t  iiiul  ilit'  Si-iib'iixiit'lil  Ih'^duui'h.  Auf  ilie  liiiuslicliea 
I K-liräuebi*  ik-r  Jii|iuiier  unil  iliit'  ffuv/.f  I.<'lH'iiswt'i<i'  luii  uInt  ilio 
i-liiin-sin'|ie  Ciiliiir  iiiifdciili  »-euiiicT  tii'f  iiml  uiii<;e.'>lulti'nil  [»wiiiil.  wiis 
4uf  ulU'  n-Ii)0<'M«'n,  wiMH'iist'liaDlielieii  und  tlieilweise  nui-li  iiolitisclien 
Vcrlitütiiiw«-,  llierber  gvliTirt  /uemt  die  in  .[»iiiin  \iel  fii'iei-e  iiiul 
iHiU-lilcti-n'  S(clliiii){  des  weililicliiu  (icM^lilec-litcs  hIn  in  vielen  nndiTeii 
a»iatiiiclu-n  iJndf^ni.  lleiuerkeiiKwiTtli  ist  die  Freiheit,  welche  jniiKeii 
Müli-lii'U  /U){i.t<taiidrii  wird,  und  wie  sie  sidi  «viir  dus  Aeiisscr^to 
iTlaulirn  küniien,  wenn  wk'lics  nur  «iliiio  1-'i)l|;en  bleiU,  während  di<: 
itiriifiiathelrii  Krauen  mit  lit'cht  alx  MimtcT  von  Kcuschlwit  und  allen 
«(.■iUkteu  Ti^endcn  gc-Itcn.  Die  JaiiKfriinlichkeit,  oIihi  dasJen^'N  wiiniirf 
di«  Hmitisclieii  VDlkcr  hei  ihrer  VvrliuiitUhunK  den  Kriisüteu  Werlli  letnii, 
üt  (br  ilie  Japaner  im  Allgomoinen  ziemlich  Kleiclmitlllw.  IHou-  A^'ient 
SteOaig  des  W«ibG8  geht  in  Jajidn  auf  daa  frUlH>:<te  Altertlmm  icui-ach. 
Vmi  Gebrtiidiai,  die  bei  den  Ja))anoni  früher  lN>slaniien,  ist  fenier 
m  cnrllown  jener  der  Mensel  nopfcr.  DieMcr  (lelirauch  im  All|ii>niei- 
'  MB  BchOrt  keinfr  Ucee  nitd  Y<  grupjie  an,  sondern  Ltl  allen  uemeiii- 
^m  nd  hit  ki  den  Tcndiiedi  m  Zeilen  und  hei  den  ventchio^lenitten 
TfllHiB  halaadaL  HeudietKqiter  waren  bei  allen  CuIturvOlkem  ikM 
[  vMleidit  allein  aiutKentnunien,  *i  u1n>ii  mi  gc- 
nuch  Lorbai-isoiien  keltiM'iien  und  ipT- 
la  .Tapiin  traten  sie  in  der  Fnriu  (■■eiwU litten 
ordn,  lim  Uitruüri  oder  mit  einem  fi'intTen  Ausilnu-ke 
')  lul^  diy  getuiu  H)  in  £hren  stand  wie  im  allen  Ibmi  unter 


<>  fcWlIii  vfeUek 
«Ib  M  den  dama 


t*#-   lljiup,^  ^„  Jajanc    In  alter  Zeit,  die  MikadüH,   waren 


'  tuiliUrU')u;  Mftdiik 
■^.   "'*»«ni  dt*  UndcB  wä 

■*"'*dBi  mil  dm  TodlM. 


und  so  ün){c  (k>r  Kampf  mit  i 

erhielt  rieh  auch  ihre  Macht.     1» 

wohl  fruchtlos,  versuchli',  die  Sitte, 

,  auszurotten;  sjiator  ersetzte 


M  «•  hfUtr  4urck  ihlt  SluUalntiehtBm 
t.  Blrh*  ^■•la><  law  Ni>.  47  fi.  Illu^ll 
mlH«!  B«(gl>snheil  dor  u>ucglrn  Ztit  ■ 
«ll'k    Ubaralnillnmi'iult'    Ks  ll.lrrnnii    f 


ekat  Jiiyai.    Wipi 


206  Asien  im  MitteUUer. 

man  die  Mensclicnopfer  durch  Holzbilder.  Nachdem  al)er  die  Erobomng 
dos  Landes  vollendet  war,  sank  naturgemilss  das  Ansehen  der  Mikados, 
(leren  man  als  militärische  Anführer  nicht  mehr  l>edurftc.  (vonau  das- 
selbe hatte  sich  bekanntlich  in  Indien  ereignet,  nachdem  die  Bositz- 
ep^eifung  von  Aryavarta  abgeschlossen  gewesen;  und  so  wie  dort  die 
Macht  von  der  nunmehr  minder  wichtigen  Krieger-  auf  die  bis  dahin 
zit^mlich  untergeonlncjte  Priesterkastc  tll)ei*ging,  so  verwandelt«  sich  in 
Japan  der  militärische  Shogun  in  einen  T*rie8terkönig.  Va  erstand  der 
Sintoismus  oder  Kamidienst,  japanisch  Kann  no  mifsi,  d.  h. 
Weg  der  Kami  —  die  Verehrung  von  Geistern,  deren  leiblicher  Nach- 
komme der  Souverän  ist.  Diese  Sintoreligion,  wie  sie  im  Chinesisichen 
bezeichnet  wird,  verehrt  ein  höchstes,  durch  das  ganze  Universum  ver- 
breitetes Wesen,  viel  zu  erhaben  und  heilig,  um  es  direct  im  Gel>ete 
anzureden  und  identiticirt,  in  ihrer  ält^ten  und  einfachsten  Form,  den 
Himmel  Teukn  als  Sitz  der  (iottheit  in  abstracto  mit  der  Ictjcteren; 
sie  hegt  auch  den  Begriff  von  der  Unsterblichkeit  der  Seele  und  ewiger 
l»t*lolmung  (Hier  Stnifc.  Cie^^enstände  der  Verehrung  sind  die  Himmels- 
köri)er,  di«*  Ehrmente,  sowie  die  Naturkräfte,  die  schon  sehr  frQlie  mehr 
selbständig  und  ix^rsonlich  aufgefasst  Tind  als  (leistcr  —  Kami  —  an- 
gebetet wurd(»n.  Auf  diese  Keligion  gründete  sich  die  an  Stelle  der 
Militäniutorität  tr(;tende  Sintotheokratie,  welche  später  dem  Hnddhisrnns 
<len  Platz  rämnen  musste.  Mittlerweile  waren  die  Japaner  nach  Art 
<b*r  alten  Gcnnanen  \m  der  Hesitzergreifiing  des  Bodens  vorgegangen; 
(li(^  ])hysisch  SchwiU'ben  widmet^^i  sich  dem  Ackerbau,  die  Starken 
hingegen  mieden  jede  Arl>eit  und  hielten  sich  dem  Mikado  zu  Kriegs- 
(li<»nsten  l)ereit;  sie  wurden  die  naturgemässen  Besdiützer  der  erstem 
('lasse,  die  Vorläufer  eines  mein*  militärischen  als  teiritorialcn  Feadal- 
wesens,  das  sich  zu  Gunstx»n  einiger  ALochthaber  entwickelte,  welche 
alsbald  zu  HerrcMi  des  ganzen  I^andes  heranwuchsen. 

Mit  der  Verbindung  zwischen  Thnui  und  Kirche  l)egnttgte  man 
sich  indess  nicht,  sondern  sann  noch  auf  andere  Mittel,  um  die  Sta- 
bilität der  l)yiia.stie  zu  befestigen.  In  der  Regel  ging  die  kais(Tliche 
(iewalt  erbli("h  vom  Vater  auf  den  Sohn  über,  obwohl  eine  l)estimmte 
N'oi-schrift  in  Bezug  hiemuf  nicht  l)estaiid;  unter  dem  Einfliisse  der 
chiiiesischen  Ide(ui  gelangte  man  nun  dahin,  vier  kiiiserliche  Familien, 
Slii'shiH-wo,  zu  ernennen,  welchen  allein  das  Recht  zu.stand,  im  Falle 
des  Krlöschens  der  directen  Linie,  dem  Tiande  Monarchen  zu  gilben. 
Unter  ilineii  Instand  eine  ganz  c<)nventionelle  Hierarchie  von  ftlnf  an- 
<lern  Familien,  der  (rosMcai.  Die  Macht  der  Mikados  wunlc  allmShl^ 
immer  schwächer;  beinahe  auf  die  khisterliche  Abgeschiedenheit  flin» 
Serails  eingeengt,  sahen  sie  sich  in  den  Händen  eines  intrignanten 
Hofstaates,  dess^'u  eigeiithümlicben  ('harakt(T  cIhmi  der  iduntisclM*  Ur- 
sprung aller  seiner  Mitglieder  bild(»te.  Die  KiKjen  waren  die  SprOm- 
linge  sowohl  der  Seitenlinien  als  die  l^istarde  von  den  zwölf  kaiser- 
lichen (oncubinen,  also  insgestnnmt  Verwandte  des  Mikado;  sie  bildeten 
eine  streng  in  sich  abgeschlossene  Kaste,  die  als  höchste  Addsklasse 
den  Vortritt  vor  den  wicbtigsten  militänschen  Anfülirom  genosa,  and 
hinge   hindurch   allein    noch   die   dem  Mikado  flbriggebliebenen  Rechte 


Dm  iBMlraieh  dM  Otton».  207 

ms&bte,  indem  sie  allen  andern  den  Zutritt  znm  Monarchen  verwehrte. 
So  miditig  die  Militftrdynasten  oder  Clanhftoptlinge  in  ihrem  Districte 
waren,  so  hatten  sie  doch  keinen  Zutritt  hei  Hofe,  und  konnten  sich 
daher  der  Regierangsgeschäfte  nicht  bemächtigen.  Japtin  gewährt  dem- 
nach in  alter  Zeit  das  Schauspiel  eines  theokratischen  De^spotismus, 
mbend  auf  einer  Schichte  kriegerischer  Oligarchie,  ein  Dualismus,  der 
in  der  ganzen  Geschichte  dieses  Volkes  wiederkehrt  und  in  der  Natur 
di^s  Nationalgeistes  begründet  ist.  Die  Billigkeit  erheischt  hinzuzufügen, 
dam  die  Herrschaft  des  Mikado  eine  väterliche,  imtriarchalische  im 
edehiten  Sinne  des  Wortes  war.  Uebrigens  übte  er  seine  Macht  nicht 
selbst  ans;  frühzeitig  schon  übertrug  er  sie  einem  Kwamhaku  oder 
erstell  Minister,  der  allein  die  Decrete  unterzeichnete. 

Im  eigentlichen  Sinne  war  der  Mikado,  w^ie  noch  zur  Stunde,  der 
wahre  Besitzer  alles  Gebietes  im  ganzen  Reiche;  in  Wirklichkeit  jedoch 
emtredctc  sidi  dieses  nominelle  Recht  nur  auf  die  Gokiaai  oder  fünf 
l*ro\inzen,  welche  die  Stadt  Kioto  umgeben;  nur  von  diesen  bezog  der 
Mikado  die  Abgaben  in  Naturalien,  und  sein  Hof  war  weit  entfernt, 
in  I^oxns  zu  schwelgeiL  Das  IiCl)en  war  ül)erhaupt  einfach  im  alten 
Japsui,  and  sehr  viele  Kuges  musston  auf  selu:  bürgerliche  Weise  ihr 
Brod  gewinnen.  Sie  bildeten  in  der  Hauptstadt  jenes  geistige  ("entrum, 
in  weldiem  die  aas  China  eingewanderten  Künste  und  Wissenschaften 
zsr  Reiln  gediehen«  Ihnen  tiel  also  nebst  der  religiösen  auch  die 
inleilectaelle  Suprematie  zu,  und  indem  letztere  das  Privilegium  des 
HofiMieis  wurde,  trog  sie  nur  dazu  bei,  de»ssen  Verachtung  für  die  un- 
winende  Kriegerkaste  zu  steigern  und  ihn  von  dieser,  die  ihm  Ixild 
den  Untergang  bereiton  sollte,  zu  isoliren.  i) 

Zur  Zeit,  als  das  Ansehen  des  geistUchen  Erbkaisers  zur  Neige 
fong,  massten  sidi  die  Feadalfürsten  des  Kaiserthums,  welche  nebst  ihren 
rnierthanen  wenig  Genuss  und  Freude  durch  des  Mikado  Regierung 
hattra,  nach  and  nach  eine  al)solute  Gewalt  in  der  Regierung  ihrer 
Ilerrsohaften  und  Fflrstenthflmer  an;  sie  traten  in  Allianzen  zu  ihrer 
fiiemen  Bescfafltzung  und  fingen  einer  wider  den  andern  Krieg  an,  um 
das  ihnen  wirklidi  zugefügte  oder  in  der  Einbildung  erlittene  Unrecht 
zu  riehen.  In  dieser  Ver&ssung  der  Sachen  wurde  Yoritomo,  einer 
der  aiBgezeichnetsten  Cliaraktere  in  der  japanischen  Geschichte,  vom 
Kaiser  zum  (reneralissimus  und  Heerführer  einer  zahlreichen  Armee  mit 
lalifMrlirankter  Gewalt  bestellt,  die  Streitigkeiten  l^eizuleflen  und  die 
Krk^  swischen  den  Reichsfürsten  zu  l>eendigen.  Er  hiess  nun  Sio- 
i-das'Siogun  oder  „Generalissimus,  der  gegen  die  Barbaren  ticht.^^  Es 
ifft  aber  eine  bekannte  und  durch  die  Erfahrung  aller  Zeiten  l)estätigte 
Mauae,  daas  die  mit  Gewalt  versehenen  Männer  gar  selt4*n  bemüht 
«liad«  bei  solchen  Gelegenheiten  die  Unnihen  wirklich  zu  beseitigen, 
w^lrbes  die  Geschichte  des  Yoritomo  auch  bt^weist,  der  bei  einer  so 
and  bequemen  ihm  in  die  Hände  gtM^pielten  Gelegenheit  mit 


*)    VfL  Oflorge  Bounqael,    l^a  moeurg  et  U  droit  au  Japan    (Rern*  de$  deux 
VMM  15.  JaU  187ft),  eine  trelTUch«)  Btudic,  welche  ich  mit  llorauxiehung  mAnnif- 
■•4f  tretüf—  lUtorUle  4Immi  Abschnitte  so  Qronde  lege. 


208  Asien  im  llitteUlUr. 

rlcii  stroitonden  Personen  geineinschaftlicho  Sache  machte  und  dadurch 
sein  oi^rues  Interesse  eni]>or/ubnngen  suchte.  Nach  einem  inohrjftluri- 
i!,oi\  Krie^^e  machte  er  indess  den  Kaiser  zum  Regenten,  wenigstens  dem 
Namon  nach,  führend  die  wirkliche  Macht  in  seiner  eigenen  Hand 
hiicb.  Diese;  wuchs  auch  so  sehr,  dass  er  sich  nicht  nur  unumschränkte 
Madit  in  Entscheidung  aller  weltlichen  Iliindel  des  Kaiserthmns  an- 
masste,  sonchTU  auch  luich  <lem  'l^nle  des  Mikado  volle  zwanzig  Jahre 
Iw'iTschtc  und  dessen  Nachfolger  einen  mächtigen  Vommnd  zu  iKwtellon 
wa•xt^^  Ili<*rdurch  erlitt  die  (lewait  der  geisthcheu  Krl>kaiser  einon 
lödtlifheu  Streich;  ja  nach  Yontomo's  TcmIc  ging  sein  Titel  auf  seinen 
Sohn  ülK»r. 

I)i(^s  war  der  Anfang  der  Madit  der  Shognns  odvr  weltlichen 
ll(MTSi-her,  deren  Amt  alhiiälilich  als  erhlicli  betrachtet  wurde.  Dennoi^U 
galt  der  Mikado  innner  als  im  Besitze  des  königlichen  Ansehens;  der 
Sliogun  war  ViciTegent,  durfte  aber  nicht  offen  gleiche  Ilcclite  der 
Sou\eränetät  beansiiriKrlien.  So  blieb  es  bis  zur  letzten  Hälfte  dc8 
XVI.  .lalnhunderts.  Damals  waren  zwei  Hrüdcr,  Abkömmlinge  des 
Yontomo,  Hivalen  des  Shogunamtes-,  die  Füi-sten  nahmen  l^artei,  es 
entstand  ein  neuer  Bürgerkrieg,  in  dem  beide  Prätendenten  getödtet 
wurden.  Kr  endete  damit,  dass  Nobunga,  Prinz  von  Owari,  damab 
der  mächtigste  Fürst  des  J{eiches,  sich  des  Shoguiuits  bemAcfatigte. 
Kiner  seiner  bedeutendsten  Heerführer  war  Hidi-Yori  (audi  Hide- 
yose,  Fi  de -y  ose  oder  Hijossi,  d.  h.  Sonnengut,  geboren  am  I.Jan. 
10:57),  ein  Mann  von  niederer  Herkunft,  der  anfangs  als  Pferdeknecht 
unter  dem  Namen  Faxiba  diente,  (binu  Soldat  ward,  sich  zum  Obei^ 
befehlshaber  emporschwang  und  endlich,  als  Nobunga  durch  die  Hand 
eines  Meuchelmörders  tiel,  den  Tlu'on  des  Shogun  bestieg.  Der  er- 
s('lir(!ckte  Mikado  l)estätigte  ihn  in  seinem  Amte  und  er  nahm  den 
Titel  7a//-f/-<Sr77//(7  (Herr  Taiku)  an.  Obwohl  unter  diesem  liedentenden 
Manne  die  Macht  der  Mikados  immer  m(*hr  zum  Schatten  herabsank, 
so  stieg  dennoch  die  flacht  «lapans;  er  unterwai'f  C>)rca  und  war  eben 
im  Uegriffe,  disselbe  mit  China  zu  thun,  als  ihn  der  Tod  im  G3.  Ijeben»* 
jähre  abberief. 

Zu  LebzcMten  dieses  grossen  Shogun,  gegen  die  Mitte  des  XVL 
.lalirhundorts,  ersehitnien  die  ci-sten  Europäer  in  JaiNin-,  Portngleseii, 
Franc(*sco  Zoimoto  und  Fernan  Mcndcz  Pinto,  derea 
I^iUuLsleute  alsluild  versuchten,  mit  demsellKni  in  Handelsverbindang  wn 
tn;ten  und  sicli  im  .lahre  \M\4  in  Nagasaki,  auf  der  Insel  Kiosiu,  der 
südlichsten  unter  den  gröss<»rn  des  jaitanischen  Archipels,  festsetatea. 
liald  ers(^hienrn  auch  Missionäre  im  liande,  geführt  von  FrandscoB 
Xaverius,  und  pre<ligten  die  christliche  Lehre,  welche  in  dem  ideenarmen 
Volke  rasche  Ausbreitung  fand.  Die  schnellen  und  uncr^Tirtetcn  Erfolge 
der  fronnnen  Patres  setzten  die  christliche  Welt  in  Erstaunen.  Üi» 
Kifcrsucht  d<M*  IloUändcT,  die  auf  ihren  Zügen  gegen  spanische  und 
portugiesische  (olonicn  auch  nach  .Ia]un  gt.'konnnen  waren,  brachte 
indess  neben  .M issgritfeu  der  PortugiestMi  die  Sache  des  Christenthnmi 
/um  Fall(>.  Im  .lahre  1.'><JG  rottete  (^ine  8chrei*kliche  Verfolgung  du 
diristenthmn    wiinhT  aas,   und    die  Portugiesen   wurden   su^ich 


Dm  Iiu6lr«ieli  des  Osten».  209 

aw  JapAn  vortrieben,  woliei  die  Ilotländer  als  Vergeltunß  der  Verf»!- 
(nniKMi,  <lle  nie  von  Alba  und  der  katholischen  hKiuisition  erlitten,  den 
Japanem  Hälfe  leiKteten. 

AIh  1639  die  Portugioflen  definitiv  aus  Nagasaki  verbannt  wurden, 
wtzten  sich  die  Holländer  dasellist  fest,  obschon  nur  sieben  von  ihnen 
in  llrnma,  einer  kanstlich  erliauten  Ins(»l  in  der  Ikii  von  Nagasaki, 
Hn  whr  besrhränkte»  liOlien  führen  durften.  Alle  al)rig(»n  Fremden 
wirni  aii!tgew*h](MRen.  Wer  Jaitsin  ohne  Fj*laubniss  lM»trat,  war  dein 
T«Kle  verfiülen,  das  I^and  sellwt  war  (»in  Feu^lilrtMch  im  allerstn^ngstcn 
Sinne  des  Worte».  Dies  war  «üis  Werk  d(»s  Yeyas,  Fürsten  von  Ikn- 
dorm,  mit  dessen  Knkeltoehter  Taiku-Sama  sein(»n  Sohn  s^'hon  in  frülwster 
Kimlheit  verfaeiratbet  hatte,  um  «kidureli  den  mächtigen  Vasallen  fester 
an  mne  Ih'nastie  zu  ketten.  Ihn  darf  man  als  den  eigtmtlichen  Gesi>tz- 
rtuT  der  Japaner  betnM'hten. 

IHe  errte  Nothwendigkeit   war  eine  (h»finitive  Regelung   des    Ver- 

bÜtniHHeK  zwischen  Shogim  und  Mikailo,  dess(*n  Macht  Yeyas    zu  einer 

Ivl  nur  religiösen  herabdrUckte.     Kr  mi^  ihm  seine  Ilesidenz  in  Kioto 

<'aarli  Mijako  genannt)  an,  während  er  s<>ll>st  seinen  Sitz  in  Yeddo  auf- 

«Hihiit.     In  Kioto  wohnte   der  Kaiser   in    eiiuMu    lK.>scluMdenen  S<*hlos8(i 

inniitti*n  einer  von  hohen  (Sebirgen    umnngten    Stailt,    zu    welcher   ein 

«-inziiPT   Zugang   vom    Meere    herführte.      Dic^sen    iM'wachto   in    einem 

l»-*teu  Castell  ein  (letreuer  d(»s  Sliogun,  d(T  in  Ki(»to  8(»ll>st  unter  dem 

Titel  eines  (louvenieurs  einen  Delegaten  unterhielt  mit  dem  Auftrage, 

Ufh  df*n  geringsten  der   Acte   am    Hofe    des    Mikado    zu    Überwachen 

ind  !(tn*nge  I*olizei  zu  ttlien.     Sich  sell)st    stellte  der  Sh<H<un  zwischen 

ifn  KaiMT  and  die  grossen  Feudalherren,  die  Daimios,   welchen  der 

.\aitnithalt  in  Kioto  untersagt  war,  denen  d(T  Mikado  keine  Ik'fehle  zu 

ttkeilen,  von  denen  er  keine  AI)galM'n  zu  iK^zielwu  luatte.     Der  Shogun 

l»4jilt   aOe  Andagon   des   kaiserlichen    Hofes,   kurz   sorgt(^   für   alles, 

Bahn  aber  dafür  auch  alle  Steu(Tn  ein.     Selbst  die  kirchliclieii  (rerichtc 

vmlen  von  Kioto,  dem  japanis('h(*n  Roul,  nach  Yeddo  verlegt,  so  dass 

«W  Mikailo  der  Monarch  //«  ./"''^i  <1<t  Sh<>guii    aber    der  Momirch  de 

fftrfo  wanl.     Vji  konnte  keincMi  P'ürsten    mit    geringerer  MiU'ht    geben 

al«  den  Mikailo,  und  seine  Sti'lle  wünlt*  längst  (>iug(^^angen  sein,  wenn 

'fip  Japaner  nicht    so    fest  an  ihren  alten  (Tebriluchen  hingen.     S)  ge- 

Uoff  en  nidit,  in  den  Angen  des  Volkes  die  Vorurtheile  ihrer  höchsten 

Wanli*.  Kani(i^  und  Heiligkeit  den  Mikados  zu  niuben,  welche  mit  fa.st 

T^iCtiiclMT  Achtung  ven»brt  wurden,  schon  weil  sie  unerreichliar  waren. 

■Mb«!  dir  KviTiinente  des  Mikado  galten  als  heilig;    ji'des  (Tefiiss,  ilas 

•  r  finrual  liiMiutzt,  je«les   (lewand,    (Lis  er  einmal  angelegt,    ward    ver- 

War  die  Slelli»  di*s  Sh<»gun  dem  kai*i<*rlichen  Hofe  gegenülMT  bc- 
f'^itft,  güll  es  nunmehr  sich  die  übrig(Mi  KIeinent<?  des  Volkes  dienst- 
bar zu  mai'lv'iL  ZuniU^LSt  nmssten  die  Feudalfürsten  die  M;icht  vcr- 
lif.yn  «tchiiilich  zu  sein.  D.>sshalb  viTordniMi  die  ,,il(ni(lert  (fes(>tze^, 
du»  «nn  j«^r  I^mio  <lcn  Übrigen  fremd  und  streng  auf  s4Mn  Gebiet 
{«w-hrAnkt  bleibe.  Sie  durften  also  kein(*n  Verkt»hr  unter  sich  unter- 
kaitf'a.  nml  wenn  ihrer  mehrere  zugleich   an  4len  H(»f  l)eruf(*n  wurden, 

t    ll«i;wAl4,  CalUrgwckteliU.    S.  Aufl.    11.  14 


206 

den  Btreitenden  Penonen  gemBiaachiftltd»  Sacfae  niMhte  inÜ  iliaA 
Bcin  eigenes  Int*TPww  onqwnmbriiip'n  nH*(*.    Nwfc  rtwm  iHrtnjHiil^^ 
gen  Kri^e  nuidiU'  er  iudui«  <1cji  Kaiser  Kinn  Krijcnii^ti,  wpui|ptciis  tl 
Ntunen   nadi,   wilbrctul   diß   wirklich»  Muirhl  in  iciniT  fi|{iuipji  IIarf| 
blieb,   Diew  vuchs  aucb  so  sclir,  da«  er  «kti  niclit  nur  uniiinscIirSnU' 
Macht  in  Entiu^hcidiing   aller   weJtJicliüTi  Ilflii<)ol  ilnt  KaiM-ribstiM  i  ~ 
nuuato,  Bondern  andi  nodi  iloui  'I'imIu  des  Milcndo  vollem  itwtvnxin  J" ' 
licrrBcbto  und  douieii  Nuclifolitur  diiPit  inäi'JitlKr>n  Vaniiiiiul  xa  bccUini 
woKt«.     Hierdurch   erlitt   Ain  iiewa\t   tlpr  guistücbtti    l'>likai»w   i " 
tUdtlicheu  8t»icU-,  ja  uach  Yorituiiio'M  Toile  ging  will  Titel  auf  «dnt 
Hobn  ober. 

Dies  war   der  Anfung   diT  Mächt  dtr  Slinguns  chI^  wi-ltfidi 
Uerrsdier,  deren  Ami  nllmiUilluli  al«  nrbtirJi  l>otJiu-litcl  wiinlp. 
galt  der  HüauUi  inuDir  als  im  DuMt»'  de«  klnigiiclmii  Aiisebc*!»;  t 
SlKigun  war  Vinnuiiit,  durfte  aber  nii^bt   oßi<ü   ideldie  1t«cU[e  < 
äoaver&aelU   lpiiiiisj.iiii:b«ii.    Sii   blit-Ii   n   liis  y.iir  iPtxti-n  Uftlft«   i 
XVL    JahrfannikTtf.      Lhuimls    waren    swei    IlrUdir,    AI)K<>>iiiiilinKe    i 
Ywitomo,  Biviili'ik    liist  Sho^iinaintoji;    diu  Fllrhl^^ii    iiuhiniii    l'iun-i, 
entstand  ein  neuer  ItUrgcrkring,   in   dorn   boide  l'rateiid'-ni''n   v 
wurden.    Er  endßle  damit,  dasa  Nobunua,    Prinx  viui  Owarl, 
der  maditigrt«!   funt   des   itL'jcJtu»,   Meli   ilw   Shu|(iniiilN 
Einer  sdner  bodeulcodstt-n  Uei-rfahrer  nar  Hidi-Yori   (aoch  BiÄ 
yose,  Fido-yoiie  od«r  Ilijnssl,  d.  b.  Scmiinittnt,  ({ohoren  n 
1&37),  ein  l&um  von  iiicdürer  Ilirkiinft,  der  anfangs  ab  If! 
unter  dem  Namen  Faxiba  dii-nle,  dann  Soldat  ward,  sieb  i 
bcfehlahaber  ein|>()nti.'bwiirit:  und  endlidi,  nh  Niihungu  durnti  lUt  I 
eines   HeudielinürderH    fiel,   den  Thron    rlen  Sliognn    loHtii^ 
schreckte  Hiloulu   lieilätiKle   ilm   In   soinoni  Amte   i 
Titel  Taiku-f^nmn  (Herr  Tniku)  an.   Dbwoiil  unter  d 
Manne  die  Hat^ht  der  Mikados  immer   m(>lir  xuin  f 
so  Btic%  dennuch  lüe  Macht  JiiiitiiiH;  er  nntto-warf  X. 
im  Be^ffe,  dasselbe  mit  China  ku  thun,  als  Um  i 
jalire  abberief 

Zn  Lebzi-ilcn   liieren   ürUMii^n  Sliogau,   < 
Jahrhunderte,   Gmirbieiieu   dlo  ersten  Kur 
Francesco   >;iiinnilu    nml    Fer 
lAikhlente  abliald  vprauchtcn, 
treten  «od  sich  im  .lalire  l.'»tU  In  1 
sOdlicbsten  ~  unter   den  |{W>«kcrn   dw  j 
Bald  ersdiiemMi  aucli  MisstouBre  I 
Xaverins,  midprediittt^dicid 
Volke  rasche  Ausbreitung  &nd..« 
der  fromroeu  l'nln-*  Mibsten  <~ 
tjfcrsucht  der  lloUandor,  i 
Iturtugicnische  (Oloiden  j 
iiidess  neben  MIsHgiifft^n  ti 
zum  Falle    Im  .lalire  l&9fij 
Chrisl£nthnm   wieder  l 


200  Asien  im  MltteUUctr. 

schiclito  iiiclit  mir  .Tava's  iiiid  eines  grossen  Thcilcs  von  SnnuUnL, 
sondern  auch  in  dem  übrigen  Tlieile  dvs  indischen  Archii^els  dadurch 
ein,  dass  von  da  an  sowohl  der  Kinfluss  der  Musehnilnner  auf  die 
religiösen  Zustände  der  Bewohner  als  ihre  politische  Macht  in  stets 
weiterem  Umfange  sich  verl)reitete.  ») 

In  Voi-stehendem  lernten  wir  „im  .Tavanen  den  durch  flinHüssc  des 
bedeutendstcui  östlichen  (ultiu^volkes  —  der  Inder  —  aus  seiner  Rahheit 
gt'rissenen  und  in  gewisser  He/iehung  verfeinerten  Malaycn  kennen 
AVir  linden  in  ihm  einen  M(mschen,  (h-r  sich  alles,  was  ein  Culturlobon 
ausmacht,  angeeigm»t,  ja  seihst  eine  reiche  Literatur  erzeugt  hat,  wir 
nehmen  alwr  aui'h  wahr,  dass  er  über  die  Nachahmung  dtw  Fremden 
nicht  hinausgckonunen  ist.  Der  Javane  zeigt  uns  den  Tun  et, 
bis  zu  welchem  die  malayische  Kacc  sich  entwickeln  kann, 
w(Min  alle  iiuieren  und  liusseren  ne(Hngungen  zusammen  wirken,  und 
(»s  ist  <lessw(»gen  gerade  st^in  Stuthum  von  Interesse,  weil  wir  an  ihm 
den  rnterscliied,  welcher  in  der  He^ibung  der  versi^hiedenen  Itacen 
gelegen  ist,  deutlich  wahrnehmen  können."*) 

Die  enonne  Verbreitung  der  malayisclien  I^ace  von  Madagascar 
im  Westen  bis  zur  Osterinsel  im  Osten  und  von  den  Sandwicli8-ln<^ln 
im  Norden  bis  nach  Neuseeland  im  Süden  steht  l)eispiello8  da  und  ist 
eine  d(.T  interessaiitestcMi  (^thnogniphischen  Krscheinung(;n,  welche  hier 
eine  kurze  Betrachtung  erheischt.  Dass  diese  Zei-splittening  der 
malayisclien  StiUnme  nur  durch  maritime  AVandeningen  herhcigef&hrt 
werd(»n  konnte,  betlarf  keiner  besonderen  Krwähnung.  Die  Ursitzc  der 
Malayen  sind  wohl  im  südristlichen  Asi(*n  zu  suchen,  v(m  wo  sie  auf 
dem  Weg«?  freiwilliger  Wanderung  oder  unfreiwilliger  Zerstreuung, 
successive  uiul  wenigstens  im  (ianz(>n,  wie  die  linguistische  Vergleiehuiig 
ausser  Zweifel  stellt,  von  Westen  nach  Osten,  gegen  Wind  und  Strö- 
mung foilschreitend,  in  ihre  dennaligen  Wolnisitze  gelangten.  IWc?s- 
iH'zügliche  rnter>uchungen  ergaluMi  nändich,  dass  auf  den  Sandwichs-, 
Maniuesis-In^eln,  Neuse(?land,  Karatcmga,  Tahiti  die  Tradition  überall 
auf  die  Samoa-lnsel  Savaii  zurückweist  und  nelMMilx;i  auch  der  Tonga- 
gruppe erwähnt.  Man  gelangt  daher  zu  der  weiteren  Annalimc,  dass 
die  Malayen  sich  zuerst  von  einem  bestinnnten  l^inicte  aus  nach  und 
na<*h  ülKjr  die  Inseln  des  indischen  Archipels  bis  Huro  verbreiteten  and 
erst  liaim  zur  Samoa-  und  Tcmgagruppc  inul  von  da  aus  über  die 
Inseln  der  Sütlse<;  voirückten.  B<v.üglich  des  Zeitpunctes  dieser  Tren- 
nung der  beiden  Abtheilungen  der  Malayen  dürften  aus  spradüidien 
Kücksichteii  mindestens  <las  Jahr  IMUO  v.  (Hir.  anzunehmen  sein') 
.ledenftills  steht  es  fest,  dass  dies<»  Abs^uiderung  der  Mynesicr  von  den 
g(»schwisterlichen  Malayen  vor  dem  Jahre  7H  n.  Chr.  stattgefunden 
habe.  Mit  di(*sem  Jahre  k^ginnt  nämlich  die  Zeitrechnung  dcH  Saka 
inlvr  Salit'ftna^  die  von  <len  cingciwandertc^n  brahmanischen  Hindu  auf 
.lava  eingeführt  wurde.     Nun  wissen  wir,  diiss  der  Palniwein,  der  ans 

»;Las!*cn.     A.  ft.  O-     IV.  Bd.     S.  461—508. 

»)  Fried  rieh  M  Uli  er.     Korara-Uehf.     Kthnographie.     6.99- 

»)  A.  a.  ü.     H.  21—25. 


Di«  Ifolftria-Tdlker.  201 

den  Wanden  der  Cocosbltttenschcide  abgezapft  wird,  Todätj  oder  Taddy 
Ton  den  Bfalayen  der  Sunda-Inseln  genannt  wird  Weil  aber  dieses 
Wort  ans  dem  Sanidmt  entlehnt  wurde,  haben  die  brahmanischen  Hindu 
tT<  die  Kunst  der  Palmweinerzeugung  den  Malayen  der  Sunda-Inseln 
niitf^etheilt.  l)a  nun  die  Cocospalme  auf  allen  Inseln  der  Südsee  sich 
ündet  und  auf  den  Korallenringen  oder  Atollen  fast  die  einzige  Nalirung, 
ja  den  einzigen  Trunk  den  Eingebornen  liefert,  so  ist  es  geradezu 
anglaublich,  dass  die  Polynesier,  wenn  sie  vor  ihrer  Auswanderung  das 
Geheimniss  der  Palm  weinbereit  ung  schon  gekannt  hätten,  es  wieder 
vergeben  haben  sollten.  Es  kannten  aber  die  Polynesier  zur  Zeit,  wo 
ae  von  Fkiropftem  besucht  wurden,  die  Zubereitung  des  Toddy  nicht.  >) 

Nach  den  Angaben  Gattanewa's  gegenüber  von  Commodore  Porter 
würden  88  Geschlechter  sich  gefolgt  sein,  seit  die  Pol}iiesier  die  Mar- 
floeM^-Inseln  erreichten,  so  dass  also  dieses  P>eigniss  800  Jahre  v.  Chr, 
ütattgcfuttden  hätte,  oder  mit  anderen  Worten  nur  wenig  später  als 
die  Gründang  Carthago*»  durch  die  Phöniker,  während  Nordeuropa 
mich  mit  einem  Kusse  im  Steinzeitalter  stand  und  die  Schweizorscen 
vtHi  I^&hlhauem  bewohnt  wurden.  Um  so  >ieles  später  entwickelte 
akh  im  Abendlande  die  nautische  Geschicklichkeit  als  im  ]K)lynesLschen 
fhiente ! 

Jenes  VcMTücken  der  mala}ischen  Stämme  glicli  jedoch  völlig  einer 
■lodemen  Aaswanderung,  denn  die  Kanaken  brachten  ihre  Cultur- 
ffrwichse,  sowie  zwei  Uausthiere,  wid  als  heimliche  I^gleiter  die  Hatten 
■ftrli  den  Inseln,  auf  denen,  mit  wenigen  Ausimhmen,  Ul)erhaupt  alle 
SAogethiere  gefehlt  hatten,  die  Fledermäuse  abgerechnet.  Aus  jener 
Zeit  stammen  noch  die  Reste  von  Steinliauten  auf  den  östlichen  Insel- 
ptroppen,  sowie  die  steinernen  Kiesenbilder  auf  der  Osterinsel,  über 
deren  Krbaoung  die  Eingebonien  so  wenig  Rechenschaft  zu  geben 
wiMicn,  wie  der  ägyptische  P^ellah  von  den  Pyramiden.*) 

Von  der  positiven  Geschichte  der  Festlands-Malayen,  die  wir  heute 
haoptsftchlicfa  auf  der  zinnreichen  Halbinsel  Malakka  angesiedelt  treffen, 
ist  Dor  Spärliches  bekannt  Im  Jalire  1238  n.  Clu*.  wanderten  Malayen 
von  Somatra  aus  nach  der  gegenüberliegenden  Küste  des  (^ntinentes 
■nd  legten  hier  ihre  erste  Staiit  an,  die  sie  Singapura  nannten. 
Bald  ward  sie,  Daiüc  ihrer  glücklichen  liagc,  dio  blühendste  aller  dortigen 
Städte«  und  es  kamen  hier  die  Kaufleute  aus  den  westlichen  wie  aus 
dm  östlichen  I..ändern  zusammen.  Für  die  frühere  Anwesenheit  von 
Ikiddhisten  in  Städten  der  Halbinsel  Malakka  sprechen  dort  entdeckte 
iNMkUustische  Tempel  und  Inschriften,  welch  letztere  jedenfalls  älter 
«umI»  als  die  Kinftthrung  des  Islam,  die  nicht  wohl  früher  als  i:^80  ge- 
setzt werden  darf.  Schon  ein  muhammcMianiscber  Fürst  war  es  aber, 
der  1415  die  Stadt  Malakka  gründete,  durch  deren  lebhaften  Ilandels- 
%erk<te  er  einen  weit  ausgedehnten  Eintiuss  auf  die  benachbarten 
I.äiidf*r  gewann,  und  da  viele  maurische,  d.  h.  muhanunedanische  Kauf- 
J**uti*  M  diesem  Handel  sich  betheiligten,  gewann  die  Verbreitung  des 


')   P  •  •  e  k  e  I ,   V9lktrkmnC9.     8.  370. 


202 

Islam  neuen  Aofediwnng.  Im  Jahre  1611  maditoi  Ae  Pdrtqgleieii 
unter  der  Anführung  des  grossen  Affonso  4*Alhuqoerque  dem 
Malayen-Reiche  auf  Malakka  ein  £ttde.  Von  den  flbrigen  Malajeii- 
Staatcn   besitzt   keiner   eine  grossere  Bedeutung  fiUr   dto  aUganeine 

Culturgesdiichte.  <) 


IHis  Inselreieh  des  Ostencu 

Zu  dem  Kreise  der  buddhistischen  Lfinder  zahh  auch,  in  adieinliw 
gr(y88erer  Abgeschlossenheit  noch  denn  China  im  feinsten  Osten  dar  alten 
Welt  liegend,  das  Insehreich  der  aufgehenden  Sonne,  JapAn,*)  de— en 
Entwicklung  zu  beobachten  uns  nunmehr  obliegt  Strenge  genoanen 
hätte  dies  schon  im  Alterthume  gesdiehen  sollen,  denn  die  jffwtfiwhft 
Geschichte  geht  bis  zum  Jahre  660  t.  Chr.  zurQck,  also  in  diesAe 
Ki)oche  als  Griechen  und  Römer  zu  den  werdenden  Natioiien  lililfcen, 
andererseits  aber  ist  es  gerade  die  in  die  Zeiten  des  europiiaghcn 
Mittelalters  &Uende  Gesittungsperiode,  welche  das  meiste  Interaae  9»- 
währt.  Ich  hole  also  hier  rasdi  nach  was  aus  den  ittesten  X^odna 
zum  Verständnisse  der  späteren  Entwicklung  erforderlich  ist 

Jap4ns  älteste  Bewohner  mögen  dk)  heute  in  den  unfhidittanlen 
Theil  der  Insel  Yesso  zurückgedrängten  und  einem  skdiereii  Dalar- 
gange  geweihten  AKnos  gewesen  sein,  von  deren  abemiflsIgBr  B»> 
haarung  mancherlei  behauptet  wurde.  Indessen  hat  ihnen 
doch  bei  den  Japanern  den  Namen  Mosinos,  die  AübehaarteD, 
getragen.  Nunmehr  auf  etwa  50,000  Köpfe  besdbiflnkt,  geMreii  die 
Alnos  zu  den  uncultivirtesten  Völkern  der  Erde.  Und  demioch 
diese  Parias  des  Nordostens  ^ine  Gesdiichte  und  sdiwelgen  mit 
cholischer  PYeude  in  der  Erinnerung,  dass  ihre  Ahnen  einat  dsr  lapaaer 
Gleichen,  wenn  nicht  deren  Herren  gewesen.  Um  das  VL  hMnafkat 
vor  unserer  Zeitrechnung  sollen  die  Alnos  die  unumsdirinkteB  OflUflIar 
nicht  nur  Yesso's,  sondern  sogar  des  nördlidien  Theües  von  H^pporn 
gewesen  sein;  aber  die  Ji^paner  begannen  sie  zurOdondriign,  auM 
über  die  Strasse  von  Saiigar,  dann  nachrQckend  alhnihHg  in  im  ¥acäm 
Yesso's.  Erst  gegen  Ende  des  XIV.  Jahrhunderts  gdaqg  Ihn 
ständige  Besiegung  und  Unterwerfung. 

Die  Alnos  besitzen  die  Tradition,  dass  ihre  Urahsn  Mi 
Westen,  also  von  dem  asiatisdien  Festlande  hei^gekonmeB  ahids  tee 
Gottesverehrung  ist  sehr  urwüchsiger  Art  und  hat  rioii  tinr  tai 
Fetischdienst  kaum  erhoben;  ihre  rohe  Mythokigie  bemfat  asf 
dunklen  Princip,  das  mit  den  Thieren  der  Jagd  und  den^Ui 
der  Tiefe  in  Verbindung  steht  Kosmogonisdier  TraditoMi 
ermangelt  auch  selbst  dieser  Stamm  nicht  gänzfich:  aas  des  Wa 
ist  ihnen  die  VV^elt  entstanden.    Der  erste  Mensch  abor  war 


«)  Lansen,  A.  ft.  O.    IV.  Bd.    8.  641-668. 
*)  Jap4n  Ut  ein«  Verttttmmeluog  det  eblsMiiektB 
Ursprung«  der  Bonne/* 


■k     -  «.. 


Dm  IflMlMieh  des  Otton«.  203 

eu  .Weib,   weldics   das   Glück    eines   paradiesischen   Lebens    dadurch 
Terior,    dass    es    den    Apfel    der    Erkenntniss    von    einem    Manne 

Das  heutige  in  Japdn  herrschende  Volk,  die  Japaner,  halten  sich 
ftkr  Autochthonen  ihres  Inselreiches,  welches  ihre  unmittelbar  in  die 
älteste  politische  Geschidite  ^)  übergehende  Kosmogonie  von  den  eigenen 
Landesgöttem  ausdrücklich  für  sie  erschaffen  werden  lässt.  Indess  steht 
(est,  dass  auch  die  Japaner  von  Westen,  wahrscheinlich  von  China  her, 
angeblich  seit  1340  v.  Chr.  eingewandert  sind;  sie  sollen  bereits  Be- 
wohner auf  den  Inseln  vorgefunden  haben,  welche  sich  von  ihnen  durch 
ihre  physische  Complexion  deutlich  unterschieden,  wohl  also  die  Aiinos. 
Kicht  nnm^lich  übrigens,  dass  die  Bace  der  asiatischen  Papüa,  deren 
Existenz  auf  den  Philippinen  sichergestellt  ist,  sich  bis  nach  Japdn  aus- 
gebreitet hätte.  3)  Von  den  neuen  asiatischen  Ankömmlingen  wurden 
die  Alnos  zum  Theil  gegen  Norden,  besonders  auf  die  Insel  Yesso, 
zorftckgedrftngt,  zum  Theil  dvilisirt  und  mit  ihnen  vermischt.  So  ent- 
stand die  Nation  der  Japaner,  deren  beglaubigte  Geschichte  bis  auf 
660  vor  unserer  Zeitrechnung  zurückreicht.  Seither,  also  seit  länger 
deiui  zwei  Jahrtausenden,  blieb  das  japanische  Volk  unvermicht;  Fremde 
kamen  nur  selten  ins  I^id  und  hatten  nui*  wenig  Kinliuss  auf  das 
Leben  und  die  Sitten  der  Eingebornen.  So  blieb  die  Nationalität  der 
Ja|ianer  unangetastet,  und  sie  verstanden  es,  sich  ihrer  Gegner  wirksam 
zn  erwehren.  Ich  glaube  nicht,  dass  sich  in  der  Geschichte  ein  zweites 
Beispiel  solcher  Aristokratie  des  Blutes  finden  lässt 


•)  DU  Witten  Ähtot  (Ätlg^mtime  SMtung  vom  7.  Januar  1865.)  Vgl.  über  diesen 
•rttaAMMO  VolkMtamm  meine,  wie  ich  glaube,  fast  'erschöpfende  Arbeit  im  Äutland 
1S73  2Cr.  44  ft  675  aod  Nr.  46  8.  911,  wo  ich  alle  mir  sur  Konntniss  gelangton  Quellen 
•«■ikAft  gMBAcht  und  deren  Ergebniaao  lusammengostellt  habe.  Nur  die  schöne  Arbeit 
W«ajokow*e  fiber  die  Insel  Sachalin  im  Jourmal  of  tht  Rofal  G«ographieal  SoeMg. 
Lott4oB  1673  VoL  XLII.  8.  S7S— 388  war  mir  damals  noch  unsugftnglieh.  Seither  iei 
ck  noch  ein  inierMsanter  Aufsaix  von  Ludwig  Promoli  Uehtr  dit  Ätno»  CCorrtB- 
d§r  tUutek^m  antkröp.  QtttUtchaft  1874  Nr.  3  und  4)  su  verzeichnen.  Die 
•iJMm  Hrn.  de  Long  in  einer  Vorlesung  su  Bacramcnto  vertretene  Hypothese, 
die  Alnoe  aaf  einer  Ophirfahrt  durch  Meeresströmungen  nach  Japin  gebrachte 
«•4  verschoUeo«  llebrler  w&ren,  ist  natOrlich  keiner  Widerlegung  \verth. 

0  Siehe :  H.  A  m  a  t  i ,  WH^Ha  d€l  regmo  dt  Vaxu  däl  GiapoH4  dtlT  antichitä.  Roma 
t«t5  —  P.  deCharlevoix.  Uittoirt  et  dtteHptiom  g^H*ral$  du  Japom.  Paris  1796. 
t  M«.  —  Ed.  Fraissinet,  Le  Japom;  hittolre  et  dtMcription,  moeurt,  eoutumee  et 
reO^^m.  Paris  1864.  IS*.  3  Bde.  —  Wilh.  Heine,  Japan  wä  eeits  Bewohner,  Ge- 
»ekt^hilicke  küclbltcke  und  eiknographirehe  Schilderungen  von  Land  und  lauten.  Leipiig 
(IMDI.  6*.  —  E.  Kämpfer,  lUet^ire  du  Japan.     1729. 

*)  Fried  r.  Maller,  J*robleme  der  linguietitehen  Ethnographie.  (Hehm^e  geogr. 
Jmär^.  Bd.  IV.  S.  314.)  Vivien  deSaint-Martin  in  Paris  dagegen  nimmt  das  Be- 
•««hca  «iaer  groesen  wcivMn  Urrace  an,  deren  eine  grosse  Abzweigung  sich  über  For- 
s  >••  nach  Japan  erstreckt  bitte.  Siehe:  Une  nouvelle  race  ä  insertre  eur  la  carte  du 
/f«4«  im  BuUettM  de  Im  Sociiti  de  gfographie  de  PaH»  1871.  II.  Bd.  H.  3()5— ai'i,  und 
Am wimmtl  1873  Nr.  30  8.  46U.  Der  Ansicht  von  der  Verbreitung  der  schwanten  PapOa*s 
»af  Jaf4a  tritt  scharf  entgegen:  O.  Mohnike,  IH§  Japaner.  Kine  ethnographieekt 
fraphie.     Münster  I8T3.    6*.    8.  1»-14. 


204  AiÜB  Im  MHMbliM. 

Die  Geschichte  JapAns  wlbrend  dieser  zwei  Jahrtausende  zerflUIt 
in  zwei  deutlich  erkennbare  Perioden,  welche  die  Japaner  Odiei  und 
Ilashei  nennen.  Die  erstere  reidit  Yon  660  v.  Chr.  bis  1192  der 
christlichen  Aera,  nnd  nmihsst  die  Zeit  dex  Allgewalt  der  MUeadon: 
es  ist  das  japanisdie  Alterthum.  Die  zweite  entspricht  der  Maebt» 
ent&ltnng  der  Shoguns  oder  MiHtfiiherrscher,  welche  die  Europier 
lange  mit  dem  anpassenden  Namen  Taihin  za  bezeidmen  pflegten. 
Diese  zweite  Periode,  das  japanische  Mittelalter,  hebt  mit  dem  Jahre 
1192  n.  Chr.  an  und  endet  erst  1868;  doch  so  wie  aocfa  in  der  Ge- 
schichte Europas  bezeichnet  das  Jahr  1192  keinen  jfthen  Wedisel  in 
den  Institutionen  des  Landes,  sondern  nur  (wie  in  Europa  das  Jahr 
1492,  wcnnit  man  das  Mittelalter  enden  und  die  Neonit  beginnen 
Iftsst)  den  Gipfelpunct  einer  langsamen,  jahrhundertelang  vorbeielteten 
PiUtwickelung,  denn  erst  mit  B^nn  des  XYL  Jahrhunderts  wird  das 
Shogunat  eine  legale,  unbestrittene  Einriditung. 

In^  der  älteren  geschichtlichen  Zeit  haben,  wie  man  für  gewhs 
halten  darf^  keine  Bezidiungen  der  Völker  Mttdasiens  zu  den  'J^pfacn 
stattgefunden,  dodi  scheint  in  sehr  frohen  Epodien  eine  Etaiwaadenqg 
aus  dem  südlichen  Corea  nach  den  japanischen  Insdn  rot  Mk  ge> 
gangen  zu  sein;  man  muthmasst^  dass  dieses  Ereigniss  sidi  etwa  1100 
V.  Chr.  zugetragen  habe.  Hierfür  spricht  der  Umstand,  dasa  dsn 
ältesten  Bewohnern  Japdn's  die  Bearbdtung  der  MeCaDe,  TornehnKk 
aber  des  Eisens,  noch  nidit  bekannt  war,  wie  aus  der  Mniga  1w 
Pfeil-  und  I^ianzenspitzen,  Streitbeilen,  Messern  und  andern  Waftb  nal 
Geräthschaften  aus  kieselerdigen  Mineralien,  die  daselbst  aflenthalbem 
gefunden  werden,  unzweifelhaft  hervorgeht  Es  sdieint  selbit  'im 
Steinzeitalter  habe  bei  ihnen  nodi  ^hr  lange  nadi  ihrer  iSnwa&denQB 
bestanden. 

Die  japanisdie  Sprache  ist  eine  eigenthflmtkhe,  da 
grammatischer  Bau,  noöh  die  Wurzeln  ihrer  WOrter  im 
ein  bestimmtes  Yerwandtsdialtsverhältniss  mit  den  Idfomen, 
von  Centralasien,  als  auch  von  den  Japan  zunächst  gdegenen 
läiidem  erkennen  lassen.  Sie  hat  allerdings  in  späterer  Zelt  eine  iqlr 
grosse  Menge  von  chinesischen  WOrtem  au^nommen,  da  nkht  alUn 
die  Schriftzeichen,  sondern  audi  alle  Anftnge  der 
und  sodalen  Bildung  von  China  Aber  Corea  kamen.  Die 
Literatur  war  ursprOnglidi  eine  chinesisdie  und  hat  erst  im  Laafc  iaf 
Zeit  und  aUmählig  unter  dem  Einflüsse  der  eigenthttmüdien  Oetat0^ 
ankigen  des  Japaners  einen  besonderen  und  selbständigen  OiarjdEhr 
angenommen.  'J 

Gegen  Ende  des  IIL  Jahrhunderts  unserer  Zeitreduungi  gOMHi 
im  Jahre  284  n.  Chr.  —  wurden  nämlich  die  Japaner  ndt  dem  0^ 
brauche  der  chinesischen  Schriftzeic  bekannt  nnd  fetbrclteie 
die  Cultur  des  Nachbarstaates,  die  mals  schon  lange 
Entwicklung  gekommen  war,  um  so  sdmeller  und  aUgOBMiner 
ihnen,  als  sie  vor  allen  anderen  ho       iatisdien  Yölkem  gans 


0  Otto  Mohnik«,  Dit  Japaner,    B.  4»— 79. 


Dm  IsMlrolcli  dM  OsUai.  205 

U^fikhigt  für  die  Aufuahme  fremder  Bildungselcmente  erscheinen.  Ihre 
zanehmeude  Bekanntschaft  mit  der  Literatur  der  Chinesen,  den  zahl- 
lo^Ji  tbeokigischen  und  theosophischen  Schriften,  tthcrhaupt  der  ganzen 
Denkweise  derselben,  blieb  natürlich  nicht  ohne  Einüuss  auf  ihre  reli- 
giösen Anschauungen  und  somit  auch  auf  den  Stnto,  der  sich 
UUd  unter  dem  Einflüsse  des  Systems  von  I..ao-tse  zu  einem 
kfinstlich  zusammengestellten  Polytheismus  entwickelte.  Im  Jahre  552 
trat  der  Bnddliismus,  gleich&lls  ein  chinesischer  Ini]K)rt,  auf  und  schlug 
feste  Wurzeln  im  Lande.  Künste  und  Gewerbe  fülu-tc  man  gleicli^süls 
aus  (liina  und  Corea  ein,  und  gegen  470  n.  Chr.  werden  Maulbeer- 
bäume gepflanzt  und  die  Seidenzucht  begoimen.  Auf  die  häuslichen 
(jcbräucbe  der  Japaner  und  ihre  ganze  Lebensweise  hat  al)er  die 
chinesifclie  Cultur  ungleich  weniger  tief  und  umgestaltend  gewirkt,  wie 
auf  alle  religiösen,  wissenschaftlichen  und  theil weise  auch  politischen 
Verliältnissa  Hierher  gehört  zuerst  die  in  Japiin  viel  freiere  und 
geachteterc  Stellung  des  weibUchen  Gesclilechtes  als  in  vielen  anderen 
af^iatiüchen  Ländern.  Bemerkenswerth  ist  die  Freiheit,  welche  jungen 
Mfldchen  zugestanden  wird,  und  wie  sie  sich  sogar  das  Aeusserste 
erlauben  können,  wenn  solches  liur  ohne  Folgen  bleibt,  während  die 
verheiratheten  Frauen  mit  Recht  als  Muster  von  Keuschheit  und  allen 
wdblidien  Tugenden  gelten.  Die  JungfräuUchkeit,  also  dasjenige,  worauf 
die  semitischen  Völker  bei  ihrer  Verheirathung  den  grössten  Werth  legen, 
»t  Air  die  Japaner  im  Allgemeinen  ziemlich  gleichgültig.  Diese  freiere 
Steflaiig  des  Weibes  geht  in  Japdn  auf  das  früheste  Alterthum  zurück. 
Von  Gebräuchen,  die  bei  den  Japanern  frülier  bestanden,  ist  ferner 
ZB  erwähnen  jener  der  Menschenopfer.  Dieser  Gebrauch  im  Allgemei- 
nen gehört  keiner  Ilace  und  Völkergruppe  an,  sondern  ist  allen  gemein- 
uun  and  hat  in  den  verschiedensten  Zeiten  und  bei  den  verschiedensten 
Völkern  bestanden.  Menschenopfer  waren  bei  allen  Culturvölkern  des 
AlU^rthumg,  die  Aeg}'pter  vielleicht  allein  ausgenommen,  *)  eben  so  ge- 
brinchlich,  wie  bei  den  damals  noch  barbarischen  keltischen  und  ger- 
manischen Stämmen.  In  Jajian  traten  sie  in  der  Form  freiwilligen 
Selbstmords,  des  Ilara-kiri  oder  mit  einem  feineren  Ausdrucke 
S^^-puku ')  auf^  der  genau  so  in  Ehren  stand  wie  im  alten  liom  unter 
den  ("Isaren. 

Die  ilänpter  der  Japaner  in  alter  Zeit,  die  Mikados,  waren 
MW  aJlena  militärische  Machthaber,  und  so  lange  der  Kampf  mit  den 
l'ni'inwohnem  des  Landes  währte,  erliielt  sich  auch  ihre  Macht  In 
jener  Periode  war  es,  dass  man,  wiewohl  fruchtlos,  versuchte,  die  Sitte, 
die  lx4ienden  mit  den  Todten  zu  beerdigen,  auszurotten;  später  ersetzte 


•l  llerodot  II,  45. 

*»  Tster  g«wiM«o  UflMt&odea  werden  die  Japaner  dareh  ihre  Btaataein^iehiangwi 
•.*€%,  kMte  oock  som  lUre-kiri  geiwungea.  Si'he  Äutland  1M9  No.  47  8.1110  —  1119, 
«<»  Art  dabei  iblirbe  Vorgang  nach  einer  wahren  Begebenheit  der  neuesten  Zeit  ao»- 
T*^M^  beArbrlebea  ist.  Eine  damit  siemU<'h  überein-«timmendR  Sc'  ilderung  gibt 
lleiarteb  Freiherr  von  Hiebold  in  der  H'irtter  AbfmlitOBl  1874  No.  ft:i;  de^sgleichen 
Kvpbeai«  VOB  Kadriaffeky  in  ihrem  Buche:  Jnpam.  Wien  1S71.  h*.  8.  ftt— 56, 
«■f  Qmmä  ekam  edir  aeliMieB  j«p«aiackea  lUnuecripte»^ 


206  Asien  im  Mittelalter. 

mau  die  Mcnschonopfer  durch  Holzbilder.  Nachdem  aber  die  Erobernnj? 
drs  Laiuies  vollendet  war,  Bank  naturgemäss  das  Ausehen  der  Mikados, 
(leren  mau  als  militärische  Anführer  nicht  mehr  bedurfte.  Genau  das- 
selbe hatte  sich  bekanntlich  in  Indien  ereifijnet,  nachdem  die  Ik^sitz- 
ei-jp-eifung  von  Aryavarta  abgeschlossen  gewesen;  und  so  wie  dort  die 
Macht  von  der  nunmehr  minder  wichtigen  Krieger-  auf  die  bis  dahin 
ziemlich  untergeordnete  Priesterkaste  überging,  so  verwandelte  sich  in 
.la])an  der  militärische  Shogun  in  einen  Priesterkönig.  Es  erstand  der 
Sintoismus  oder  Kami  dien  st,  japanisch  Kami  no  mifsi,  d.  h. 
Weg  tler  Kami  —  (ii(>  Verehrung  von  lieistern,  deren  leiblicher  Narh- 
konnne  <ler  Souverän  ist.  Diese  Sint4>religion,  wie  sie  im  (liinesischon 
bezeichnet  wird,  verehrt  ein  höchstens,  durch  das  ganze  Universum  ver- 
breitetes Wesen,  viel  zu  erhaben  und  heilig,  um  es  direct  im  (fel)ete 
anzureihen  und  identilicirt,  in  ihrer  älto*ten  und  einfachsten  Form,  den 
Himmel  Teiikn  als  Sitz  der  (iottbeit  in  abstracto  mit  der  let^tpren; 
sie  beirt  auch  den  liegritf  von  der  Unsterblichkeit  der  Seele  und  ewiger 
IJi^lohnung  (nier  Strafe.  (l(egenstände  der  Verehning  sind  die  Himmels- 
kör j  »er,  di«»  ElcMuente,  sowie  die  Naturkräfte,  die  sclion  sehr  frühe  mehr 
selbständig  und  persönlich  aufgefasst  tind  als  (Jeister  —  Kami  —  an- 
gebetet wurden.  Auf  diese  Keligion  gi'ündete  sich  die  an  Stelle  der 
Militärautorität  tret^mde  Sint4)theokrat.ie,  welche  später  dem  Buddhismufl 
den  Platz  räumen  musste.  Mittlerweile  waren  die  Japaner  nach  Art 
der  alten  (tennanen  1mm  der  Besitzergreifung  des  Iknlens  vorgegangen; 
di(»  physisch  Schwaciien  widmeten  sich  dem  Ackerbau,  die  Starken 
hingegen  mieden  jede  Ar1)eit  imd  hielten  sich  dem  Mikado  zu  Kriegs- 
(li(»nsten  Iwreit;  sie  wurden  die  naturgemässen  Ik'scliützer  der  erstem 
('lasse,  die  Vorläufer  eines  mein*  militärischen  als  territorialen  Feudal- 
wes<»ns,  <üis  sich  zu  Gunsten  einiger  Machthaber  entwickelte,  welche 
alsbald  zu  Herren  d(^s  ganzen  liandes  heranwuchsen. 

Mit  der  V(Tbindung  zwischen  Thron  und  Kirche  liegnügtc  man 
si(*b  indess  nicht,  sondern  sann  noch  auf  andere  Mittel,  um  die  Sta- 
bilität der  Dynastie  zu  befestigten.  In  der  Iit»gel  ging  die  kaiserliche 
(i(»walt  erblich  vom  Vater  auf  den  Sobn  üb(T,  obwohl  eine  Itestimmte 
Voi*s('brift  in  Bezug  hierauf  nicht  l>Qstand;  unter  dem  Kinfliissc  der 
rhiiiesischen  Ideen  gelangte  man  nun  dahin,  vier  kaiserliche  Familien, 
Hlii'shin-ipn,  zu  ernennen,  welchen  allein  das  liecht  zustand,  im  Falle 
(li's  Krlöschcns  der  directen  Linie,  di»m  Lande  Monarchen  zw  gehen. 
V\\\\vY  ilnuMi  iK^stAud  eine  ganz  conventioneile  Hierarchie  von  fünf  an- 
dern Familien,  der  (roftvhhai.  Die  ^Licbt  der  Mikados  wunlc  alhnfthlig 
immer  schwächer;  beinahi»  auf  di(»  klösterliche  Abgeschiedenhoit  flirw 
Serails  riiig<*eiigt,  saluMi  sie  sich  in  den  Händen  eines  intrigoauten 
llufstaatrs,  di^ssiMi  eignitliümlichen  Ubarakter  el)en  der  identische  Ur- 
s])nnig  aller  seiner  Mitgüinier  bild<*te.  Die  Kiujch  waren  die  SprOw- 
linge  sowohl  der  S(>it(*nlinien  als  die  Bastarde  von  den  zwOlf  kaiser* 
liclu'ii  (oiicubinen,  also  iiisgesammt  VtTwandt^»  des  Mikailo;  sie  bildeten 
eine  streng  in  sich  abgeschloss(me  Kaste,  die  als  höchste  Adclakhuse 
den  Vortritt  vor  den  wichtigsten  militärischen  Anführern  genow,  and 
Lmge   hindurch   allein    noiii   die   dem  Mikado  übriggebliebenen  Rechte 


Dm  iBMlraMh  des  Oitont.  207 

ausübte,  indem  äe  allen  andern  den  Zutritt  zum  Monarchen  verwehrte. 
So  michtig  die  MilitArdynasten  oder  Clanhftoptlinge  in  ihrem  Districte 
waren,  so  hatten  sie  doch  keinen  Zutritt  bei  Hofe,  und  konnten  sich 
daher  der  Regierangsgeschäfte  nicht  bemächtigen.  Japan  gewährt  dem- 
nach in  alter  Zeit  das  Schauspiel  eines  theokratischen  Despotismus, 
ruhend  auf  einer  Schichte  kriegerischer  Oligarchie,  ein  Dualismus,  der 
in  der  ganzen  Geschichte  dieses  Volkes  wiederkehrt  und  in  der  Natur 
6e»  Naüonalgeistes  begründet  ist.  Die  Billigkeit  erheischt  hinzuzufügen, 
das»  die  Herrschaft  des  Mikado  eine  väterliche,  ])atriarchalische  im 
edekten  Sinne  des  Wortes  war.  Uebrigens  übte  er  seine  Macht  nicht 
selbst  aos;  frühzeitig  schon  übertrug  er  sie  einem  Kwamhalu  oder 
ersten  Minister,  der  allein  die  Decrete  unterzeichnete. 

Im  eigentlichen  Sinne  war  der  Mikado,  wie  noch  zur  Stunde,  der 
wahre  Besitzer  aUes  Gebietes  im  ganzen  Reiche;  in  Wirklichkeit  jedoch 
entredcto  sidi  dieses  nominelle  Recht  nur  auf  die  Gokinai  oder  fünf 
lYovinzen,  weldie  die  Stadt  Kioto  umgeben;  nur  von  diesen  bezog  der 
Mikado  die  Abgaben  in  Naturalien,  und  sein  Hof  war  weit  entfernt, 
im  I^miis  zu  sdiwelgen.  Das  lieben  war  ül>erhau])t  ein^h  im  alten 
Japskn,  and  sehr  viele  Kuges  mussten  auf  sehr  bürgerliche  Weise  ihr 
Brod  gewinnen.  Sie  bildeten  in  der  Hauptstadt  jenes  geistige  C/cntrum, 
in  welchem  die  aus  China  eingewanderten  Künste  und  Wissenschaften 
ZBT  ReÜR  gediehen.  Bmen  fiel  also  nebst  der  religiösen  auch  die 
iBleUectoelle  Suprematie  zu,  und  indem  letztere  das  Privilegium  des 
Ha^Mlels  worde,  trog  sie  nur  dazu  bei,  dessen  Verachtung  für  die  un- 
wimendc  KriegerkasPte  zu  steigern  und  ihn  von  dieser,  die  ihm  bald 
den  Untergang  bereiten  sollte,  zu  isolircn.  i) 

Zm*  Zeit,  als  das  Ansehen  des  geistlichen  Erbkaisers  zur  Neige 
ging,  raassten  sidi  die  Feudalfürsten  des  Kaiserthums,  welche  nebst  ihren 
Unterthanen  wenig  Genuss  und  I'Veudc  durch  des  Mikado  Regierung 
hallen,  nach  und  nach  eine  absolute  Gewalt  in  der  Regierung  ihrer 
llerradiaften  und  Fflrstenthflmer  an;  sie  traten  in  Allianzen  zu  ihrer 
9i$eenen  Besdidtznng  und  fingen  einer  wider  den  andern  Krieg  an,  um 
<bs  ihnen  wirklich  zugefügte  oder  in  der  Einbildung  erlittene  Unrecht 
zu  riehen.  In  dieser  Ver&ssung  der  Sachen  wurde  Yoritomo,  einer 
der  anagezeidinetsten  Cliaraktere  in  der  japanischen  Geschichte,  vom 
Kaiser  znm  Generalissimus  und  Heerführer  einer  zahb*eiclien  Armee  mit 
anljeiirhrAnkter  Gewalt  bestellt,  die  Streitigkeiten  l>eizule$9Bn  und  die 
Kriege  zwischen  den  ReiclisfÜrsten  zu  Inwendigen.  Er  hiess  nun  Sio- 
t-dmi-Skogun  oder  „Generalissimus,  der  gegen  die  Barbaren  fidit.^^  Es 
iNt  «her  eine  bekannte  und  durch  die  Erfahrung  aller  Zeiten  bestätigte 
MaiiBK,  dass  die  mit  (tewalt  versehenen  Männer  gar  selt^'n  bemüht 
Mnd,  bei  solchen  Gelegenheiten  die  Unruhen  wirklich  zu  beseitigen, 
weh'hes  die  Geschichte  des  Yoritomo  auch  beweist,  der  bei  einer  so 
und  bequemen  ihm  in  die  Hände  gespielten  Gelegenheit  mit 


*)    VgL  Ocorgc  Boatqaet,    iW«  m»tur»  et  U  droit  au  Japon    (Rernt  dt»  deujt 
TMS  15.  Jall  I87&),  «Ina  treffliche  Studie,  welche  ich  mit  lioraiiziehung  mAontg» 
«•lUgM  IUt«rl*le  4l«Mai  Abachniti«  so  Qroade  lege. 


den  streitenden  Penonen  gemdaBCbaAltdie  Satbe  mulite  imä  itimA 
sein  eigenes  Interesse  emponabringen  sndite.  Nadi  eiaem  ndBJUiifi- 
gen  Kri^e  machte  er  nide«  dea  Kaiser  ran  Regenten,  mtügrten  4ap 
Namon  nach,  während  die  wiiUiclie  Hadit  tn  seiner  efgnea  Buil 
blieb.  Diese  wuchs  auch  so  sehr,  dass  «r  Oeb  tAfht  Bor  n»DadntdM 
Macht  in  Entscbeidmig  aller  woiüicben  Handel  des  Kiiseitem  ■» 
raasstc,  sondern  auch  nach  dem  Tode  des  Ulkado  toDo  immrig  JUn 
herrschte  und  dessen  Nachfolger  dnen  mächtigen  Vomrand  ni  biatAllt 
wagte.  Ilierdurcli  erlitt  die  Gewalt  der  geistlichen  EtVkMiur '  ciHB 
tOdt^ichen  Streidi;  ja  naeh  ¥oriti»no's  Tode  ging  sein  TiM  irf  iehMi 
Sohn  Ober. 

Dies  war  der  Aniang  der  Uacht  der  Bhogons  oder'inMMM 
Ilerrsdier,  do^n  Amt  allmflhlidi  als  arhUchbetnrliiii  \\\i\^]i:  Di-imoi-h 
galt  der  Mikado  ünmer  als  im  Beritze  des  kJMilgti>'li''ri  Anx-Inii«-.  <I-t 
Shogun  war  Vicorcgent,  durfte  aber  nidit  oSbl  ^'Icirlx-  I'p>'lLtr  lii-r 
Soaveränetftt  beanspracben.    So  blieb  es  bis  tw   Iit/hn  Hsüfli-   iln 

XVL   Jahrhondorts.     Damals   waren  iwei  BrUdir.    MV xlinc«-   do» 

Y<Riti»no,  Bivalon   des  Shogonamtes;   die  FDrstei )iruiti    Pai-iiH.   e* 

entstand  ein  uener  BOrgerkrieg,  in  dem  beide  l'vuu  mliihn  ^•fiiHlU't 
wurden.  Er  endete  damit,  dass  Nobnnga,  Priik/  mhi  omm.  damals 
der  mächtigste  -^tllrat  des  Beichee,  sh  des  S^n^iiniiis  l><'iiilb-hli|^ 
Einer  seiner  bedeutendsten  He^fthrer  war  Hldi-Ynri  fauch  Hidc- 
yose,  Fide-fose  oder  Hijosei,  d.  h.  Sonnoignt,  u<'luirpti  am  I.  Jait 
1537),  ein  lüaa  von  niedüv  Herimnft,  der  ■aliiius  -.ih  rfiTnlcknxcfat 
unter  dem  Nfunen  Fadba  diente,  dann  ScMal  w:i)il.  sicli  y.uia  Oiier- 
bcfeUshaber  emporschwang  und  endlich,  ab  NohniL-u  dan-h  ilic  lUnd 
eines  MeudielmOrders  fid,  den  Thron  dea  Slxfiiii  K-iior.  I><>r  er- 
sclu-edite  Mikado  bestuigte  ihn  fai  seinem  Amt^  uml  i'i'  luilini  den 
Titel  Taiku-Sama  (Herr  Taiku)  an.  Obwohl  vahr  <li'i"iii  l..-.l.-ui.Mi.Ji-n 
Manne  die  Macht  der  Wifc«il«  immer  mehr  mm  Sdiaticn  hrrab^iaiik, 
so  stieg  dennoch  die  Madit  Ji^iArb;  er  nnterwari  Vwm  und  war  t-lien 
im  Begriffe,  dasselbe  mit  China  au  thnn,  ala  ihn  drr  TikI  im  (>.t.  I<cIm>iii>- 
jalire  abberiel 

Zu  Lebzeiten  dieses  grossen  Shognn,  gegn  dir  Milti'  ilt-ü  \VI. 
Jahriiunderts,  erschienen  die  wsten  Enropäer  ii  .htiKin;  rt>rtni;in-ra, 
Francesco  Zoimoto  and  Fernan  Memli'/  Pinto,  Anvn 
l.Andsleule  alsbald  veisoditen,  mit  i  «Ihm  fai  I UiiKli'lxvirlundonK  n 
treten  und  dch  im  Jahre  1564  in  uaki,  auf  lU-r  Itisel  Kia-^iiu  dn- 
sttdliduten  ~  unter  den  grOeaem   d  «nlsnben  .\r('in)>i!U,   tt-Msiinrn. 

Bahl  erschienen  auch  Uisslmäre  du  umde,  geführt  von  i''iMri<'^->'ii> 
Xaveriufl,  und  predigten  die  chfistliohe  Ldire,  wdrhc  in  liim  iil-iriamitii 
Volke  rasche  Ansbrätung  bnd.  Die:  uiellen  und  iiin^rwartHi-Ti  ijf-riK» 
der  frommen  Patres  setxlen  die  di  lidie  Web  in  Knitaaiu-iL  Die 
Eifersucht  der  Holländer,  die  auf  inren  Zttgen  mwn  i>]iaiiiM-)ir  nmt 
portugiosiüche  Kolonien  auch  nach  Jap&n  gäromiiion  waren,  Iq^cfat« 
iiiiless  neben  Mist^ffon  der  Portugiesen  die  Satin'  ilat  Clirintcjitlmui» 
zum  Falle.  Im  Jahre  1590  rottete  eine  'n  "'  '  Vt-rfolguug  dti 
(liristenthnm  wieder  ans,  und   die  Pw  »i^hdi  gum 


Dm  tiiMlr«leli  dM  OttsM.  209 

an«  Ja]iAn  vortrieben,  woIk»!  die  Holländer  als  Vcrgoltiinß  der  Vorfol- 
Koiveii,  «Ue  8ic  von  Allia  und  der  katholischen  IiuiiiLsition  erlitten,  den 
Japanern  HOlfe  leiHteten. 

Ah  1639  die  Portugiesen  definitiv  aus  Nagasaki  verbannt  wurden, 
«etztrn  «ich  die  Holländer  (bisc^llmt  fest,  ol>sclion  nur  sielwn  von  ihnen 
in  I^ima,  einer  kttnstlicli  erliauten  Ins(>l  in  der  Ikii  von  Nagasiiki, 
Hn  whr  liesi'hränkte»  liol^en  fllhren  durften.  Alle  übng(»n  FY(»iiiden 
waren  atisge»rh]o8Ren.  Wer  Jaiwn  ohne  Fj-laubnks  iK^trat,  war  dem 
Tmle  Tprfiülen,  das  I^and  sellist  wai'  ein  FeudiilreicJi  im  allerstrengsten 
Sinne  il«  Wortes.  Dies  war  (bis  Werk  d(»s  Yeyas,  Ftirsten  von  IJan- 
dora,  mit  dessen  Knkeltoehter  Taiku-Sama  seinen  Sohn  sthon  in  frühester 
Kindheit  verheirathet  hatte,  um  «kulurch  den  miUbtiKen  Vasall(»n  ft^ster 
an  «eine  Dynastie  m  ketten.  Ihn  cbirf  man  als  den  eigentlichen  (Jesi^tz- 
Wfhtr  der  Ja|ianer  b<»traehten. 

IHe  errte  Nothwendigkeit   war  eine  ib'finitivi»  U(»golung    des    Ver- 

hihniweft  zwischen  Shogiin  und  Mikatb),  dessen  Macht  Yeyivs    zu  einer 

ÜMl  nur  religiösen  henilNlrttckte.     Kr  yfu^  ihm  seine  ll4!sidenz  in  Kioto 

anrli  Mtjako  genannt)  an,  während  er  s(>ll»st  seinen  Sitz  in  Yeddo  auf- 

*44iliig.     In  Kioti)  wohnte   der  Kaiser   in    einem    lN>scheidenen  Si'hlosse 

tnmitten  ein<T  von  hohen  (lebirgen    unningten    Stadt,    zu    welcher   ein 

rinziger   Zugang    vom    Me(»re   herführte.      Diesen    l)ewachte   in    einem 

ft-^en  (*astell  ein  fietreuer  dva  Shogun,  der  in  Kioto  s<»llwt  unter  (b'm 

Titel  eines  (iimvenieurs  einen  IMegaU^n  unterhielt   mit  <lem  Auftnige, 

anrb  dfl*n  giTingstcn  (Ut   Acte   am    Ilofc   d(*s   Mikado   zu   Uberwai^hen 

ind  rtn*nge  Polizei  zu  ül»eu.     Sich  sell)st   stellte  <ler  Sliogun  zwischen 

4^  KaiMT  and  die  grossen  Fembilherren,  die  Daimios,   welchen  der 

AifSrnthah  in  Kioto  untersagt  war,  denen  der  Mikado  keine  Ik'fehle  zu 

mbeilen,  um  denen  er  keine  Al)gJilH'n  zu  iKv.iehen  liatte.     lk*r  Shogun 

y^tritt    alle   Ausbignn    des   kaiserlichen    Hofes,   kurz    sorgte    für   alles, 

ukm  ab(*r  dafür  auch  alle  Steuern  ein.     Si'lhst  die  kirchlichen  (ierichte 

vmien  vt»n  Kioto,  dem  japanis<'h(*n  H(»m.  nach  Yeddo  verlegt,  so  tbiss 

«4^  Mikailo  der  Monarch  de  jnro^  der  Shogun    aber    der  Monarch  de 

fneh,  ward.     Va^  ktmnte  keinen  Fürstc'u   mit    gri-ingiTcr  M;u'bt   g(4K»n 

«!•  den  Mikailo.  und  M'ine  Stelle  würde  längst  eing(^^ang(>n  sein,  wenn 

•fi^  JapaufT  nicht    so    f(*st  an  ihren  alten  (Tcbräurben  hingen.     So  gc- 

liac  en  nicht,  in  den  Augen  d<'s  Volkes  die  Vorurt heile  ihrer  lu"M'h.4en 

Wttnif,  Itangi^  und  Heiligkeit  ilrn  Mikiub»s  zu  nuibcii,  web'be  mit  fiu^t 

ff-'ittlirlmr  Achtung  vi«rehrt  wiinl4*n,   m-Immi  weil  sie  umTreii'bUir  waren. 

Mhrt  ilie  KvT(*in4*nte  des  Mikado  galt<Mi  als  beilig:    jrdt's  (li'fäss  das 

•T  fininaJ  lN*nut/t,  j<'<ieä   (irwand,    «bis  er  ciniiuil  an<{elegt,    wanl    ver- 

War  die  Stelir  (bs  Shogun  <b*m  kais<*rlielirn  Hof»*  gcgciiülMT  be- 
^-^igt.  tult  (-4  niiinni'hr  sich  die  übrigen  Klem<'nte  des  V<»lkes  dieiist- 
>*r  /a  nu«-b«*it  Zunäi'kst  mu<sten  clic  Feudalfürsten  dir  Miicbl  ver- 
Le.vn  MrhaiiUch  zu  Hein.  D^^sshalb  verordnen  die  ,,llunilert  (rcsetze^, 
4w*  inn  j«.'der  I^mio  den  Übrigen  frenul  un«l  streng  auf  s<>in  (tt^biet 
bearftuninkt  bleiU\  Sie  durften  also  keimen  Verkehr  unter  sich  unter- 
kahtf-n.  nml  wenn  ihrer  mehn*rc  zugleich    an  den  Hof  l)emfen  wurden, 

«    H«ll«ftl4,  C«lUrg«MktekU.    9.  AuA.    11.  14 


21D  iOm 

so  empfieng  der  Shognn  einen  jeden  in  emem  i  v  taitha.  AH- 
jährlich  hatten  sie  die  Verpfliditmg,  so  einn  bertPiMBtOT,  tta^  >d« 
besonders  bekannt  gemachten  Zeit  nadi  Teddo  ni  Irniäfw,  na  das 
Sbogon  aufwarten;  wAhrend  ihrer  Abmaenh^  maatm  da  ihet  ffln 
Familien  als  Geissein  fai  der  ^nptstadt  im Url-Iirinc  Umrilftflifick 
mahnt  itiese  Terpdichtong  an  die  Sitte  des  franiOdsehen  Adeli,  tm 
Hofe  der  Ludw^  zeitweise  za  e  einen.  War  J«ds  Vartteteg 
zwischen  den  Fendalheiren  ontereinani  3r  nnrnflgiirfi  genadd,  m>  md 
hingegen  die  innere  Solidarität  des  (  ob  reepeäirL  Die  Fttdrtaa,  lim 
TasaHen  oder  Uni/iihm  gegenQber  nem  Onmdhemi  wcfdoi  almg 
voigezeidineL     So  gemesst  in  i  FUntenthnme  dff  DtUo  alM 

anKiiglich  b^renzte,  dann  aber  -  mehr  sidi  erweit^nde  AirtariHt. 

Dieac  kleinen,   naheza   nnabhfl  i  Dynasten  eriioben  StOMra  vtA 

ihrem  Gotdanken,  erliessen  G  e,  errichteten  Tenqtd,  vsnAoD.  Ha(M 
an  ihren  HerrenbOfen,  übten  •  Pc  ,  veriangten  nnd  eririettfla  usk 
Ton  ihren  Üntertbaoen  einen  uni  imi  Beqiect,  amgabaB  rieh  irit. 

einem  wahren  Hobtaate  ond  einer  ai  lee  von  Getirönen,  md,  Ja  M^ 
dem  ne  müde  oder  grausam,  fOllten  ie  ihr  Land  mit  Bi^"ii  gdv 
aberbftoften  es  mit  Wohlthaten.  Die  (  »chichte  btw;irii-t  i!a^  Andenkai  ii 
an  mandie  Hissethat  dieser  feudalen  Gewalthaber,  im  allgempinen  jcdodi 
wirkte  die  Madit  der  Dfdtnios  nur  wohlthfttig.  Unter  ihrem  Sdiuti« 
gediehen  die  K&nste,  wie  in  Hellas  unter  den  Tjtudugu.  ') 

UntCT  den  DumioB  und  auf  ihre  Kosten  'cbtc  eine  kiciuc,  aber 
zahlreiche,  mit  wtcliligen  Prlvil^ien  i  isgesUttetc  Arislokrutie,  die  so- 
genannten Soniuraf*.  Sie  hatten  Etedit  mn  Si:hwcrtor  zu  tragen, 
waren  vom  Volke  durch  eine  unui»  Ivlldliaic  Kluft  getrennt  nnd 
durften,  wie  der  Fdnt,  neben  ihrer  iümen  EYuu  liint!  Mehak^  i^Con- 
cubine)  baltea 

Noch  viel  tiefer  unter  dieser  begOnatJgtdi  Adclakatf^orie  «tand 
das  in  mehrere  Clasgea  oder  Kasten*]  (Bauern,  IIunilwiTkcr,  KrAmiTJ 
gctbeüte  Volk,  dne  nitergebene  und  gdiorsame  Hoorilc,  deren  Wohl  Aa  | 
Gcsetzgebw  der  w&rmBten  Beaditung  empfiehlt,  von  der  er  ab»-  d&für  i 
blinden  Gehorsam  beansprudit  Volksredite  krant  das  jätnoischc  Gcwa  i 
nicht  „Gdiorcbt^,  spricht  es  zu  den  Niederen,  „BaFdjlet  nur  Giites"^,  spriciitJ 
CS  za  den  Grossen;  darauf  b  i  1  mch  die  Weisungen  der  Hnndai^l 
Gesetze.  Wie  gross  aber  an  m  <  x  Theorie  der  Despotismus  difl 
PrivOet^rten  sei,  er  wird  i         ui  bgeetiniiBt  durch  eine  bcdeut«nj^| 

Milde  der  Sitten,  wei  is  i  a  alten  Adt>I.  Die  Unt«rgobeij^| 
mit  Hoflidikeit  tind  Gute  zu  I  un  ist  aDerwäru  eine  jener  aHil^| 

')  aisbt  bliTDb«r  dM  ipaBUnda  W«k  tna  A.  Illir.irJ  Ta.tn  >/  «U  ■*'««^| 
LaudsB  1811.  S'.  1  Bilc,  neb  1b  traVlKbn  voi  J.  O.  K«t  i  b«-ur|Iu  <l«iUch«  V<%«^| 
trk(Dii|:  OnehlMn  ■■>  AU-Jfmn.    L*lpll(  ISIt.    S*.    1  Uli.  ^H 

«)•■  lit,  dM*  UBb  In  JapiB,  flalehwli  Hlsb«  bal  tu  ■»••etbjiLb  dtr  KwUnliiUti^H 
IclwBda  Parlu  de*  brilmiiBlMliaa  Indtn  dar  TaU  lit,  •!••  VallLx^luu  buUbl.  tf  ^^| 
■ItaT  OanaiBaabafl  nlt  dn  «brlc«B  BcTAlkn^  iUB  iiburt  •■»!•  ^^| 

baltnwlrd.    KtiiaA  Um  il*  JMm  aiM  MtrU.  la  MahBlk«|^| 

ÄMtUt  tSIl.    Ni.  10.    &  WT— TOOJ  ^H 


Dm  toMlreteli  d«t  Ostens.  211 

mtwdien  Tngei  en,  deren  Geheimniss  den  Emporkömmlingen  ver- 
dilowen  bleibt  Diese  beiden  Lebren  von  so  bober  socialer  Tragweite, 
fer  G^iorsam  der  Scbwacben  und  das  Woblwollcn  der  Mäcbtigcn,  finden 
hren  Tollendetsten  Ausdruck  in  dem  Yolksunterricbte,  der  nirgends 
verbreiteter  ist  als  in  Jap4n.  Aucb  bier  erbob  sieb  eine  uuübersteig- 
idie  Sdieidewand  zwiscben  Patriciern  und  Plebejern.  Nur  die  esteren 
Inrften  durcb  die  Bonzen  in  die  Gebeimnisse  der  beiligen  und  profanen 
Jteratur  der  Cbinesen  eingewcibt  werden,  so  dass  niemand  die  Hoff- 
luig  hegen  durfte,  sieb  aus  einer  Kaste  in  die  andere  erbeben  zu 
iteaen.  *) 

in  allgemeinen  Zttgen  die  mittelalterlicbc  Gesellscbaft  in  Japan.  ^) 


*)  Priedr.  von  Bellwald.     Düt  modemt  Japan.     (Vnttrt  Zeit,    1876.     I.  Bd. 

.) 

*>  Znf  fanaasren  Oriaatirang  Qbar«us  empfeblenswerth    ist    die   treffliebe   Schrift 
••    Bvpbeaii*    Yon    Kadrlafftkj.      Japan.      VUr  VortrULg«    neb$t    einem    Anhange 
OHginatpredfffen.     Wien  1874      8\ 


U* 


Beligiöse  und  geistige  EntwioUniig 
des  Mittelalters. 


Enropft's  Bflden. 

Jene  meiner  gOtigen  Leser,   welclie  mit  nciliiM   ilcn    ltiH)irrig«ffl 
AnsttihTTingen  aber  das  Wesen  drä  germanisch  gi^'wdnlencn  AlM-ndlaukil 
gefolgt  sind,  werden  üch  selbst  sagen,  dass  die  IteküiupfiiiiK  il<n  Ii>ttm    i 
den  damaligen   Anschauungen   zaG^dge   eben   so   naiuriii'mlLs«    ku   wie  ' 
jene  der  Heiden.    Idi  Terweise  hierbei  auf  das  tul.L'sJidj  iIit  RdiKions- 
kämpfe  Bchmi  Gesagte:   die  subjective,  nkht  ilji'  nhji'ctivc  Wuiirhcit 
ist  es,  welche  zu  allen  Zeiten  die  Henaehbeit  U^wegt,   uikI   in   ilirem 
Wesen  U^  es,   dass  sie  erst  ^  Ueren   OpiK-mtiniicn   lUs   wklif, 

d.  h.  als  Irrtbnm  erkannt  wird,  aus  liedrigen  Ciiltui-atutcn  i«t  es  da» 
Fcid  des  Glaubens,  der  lU  in,  wo  der  Kaiijir  um  die  tiulijt^ve 
Wahri>dt  am  heftigsten  tobt;  '  ir&lzt  er  lieh  auf  äa»  In-bict  dcr 

Politik  und  zukllnfUge  Zmten  werc  dies  vidc^iclit  ebenso  WlAdidn 
und  onglSnl^  finden,  wie  die  (  rt  die  rdigiöse  Verbh-ndonff  Aei 

Vorzeit;  woftlr  ädi  dann  die  Hen  u  it  sdüagsu  wird,  ist  am  veriiOUli 
sicher  ist  nur,  dass  auch  dann  tat  ehernen  NalurKoseUe  zofolgo  ge- 
kämpft, gerungen  werden  wird. 

Der  Kampf  des  christlidien  Ab  Uandes  gingen  den  Islam  \enB- 
lasst  zunAcbst  durch  dessen  Si  i  i!Qropfiiadii:iii  Il»<ic-ii,  wur  xifrA 
ein  Kampf  der  Notiiwehr,  der  b  t  albdd]gaii!i;  g>^cn  die  fruadm 
1'lindringlinge;  noch  vor  Karl  d.  Gr.  h  tten  die  itri^^ika  l'rankc'u  troti 
ihrer  geringeren  'Cultur  die  aemitisdi  Anber  luix  GtLlJit^n  vmlrätiyl 
und  selbst  die  spanischen  Gothen  &ndeu  in  dnii  iLiiuri'ichcn  llcrgcn 
einen  nie  flberwUtigten  Hort  Von  hier  aus  fUirli-ti  sie  ,litlirliu>i< Irrte 
lang  einen  erbitterten  Kamp^  der  endlidi  mit  Aiintnibuiig  der  Fn-mdpn 
endete.  Zweifellos  standen  die  eh  id»n  Güllu'ii  ilnii  älaurt^n  au 
Gesittung  weit  nach,  und  >       sie  «Uefa  an  Cultur  K-:«aNW».   yex- 

dankten  sie  nicht  zum  gern  I  ii  öle  den  ItcrUhi'uugcii  mit  dm 
Ki-bildetcu  Feinden.     In  den  n      len  Staaten  wll»l  fmut.  Irnl«  du 

rcligiAscn  Antipathie,  durch  i       n'ei         i      nn'  e  VcniiiM'liuni] 

so  weit  statt,  dosi  die  apanl*  m  WortAcliatM 


Xitrop**t  SadM.  213 

nd  Satzfaane  nodi  die  deutlichsten  Sparen  dieser  Berührungen  trSgtJ) 
[an  verschmilht  mit  Unrecht,  den  Einfluss  des  weiblichen  Geschlechtes 
D  beachten,  welches  im  grossen  Ganzen  mit  Beiseitesetzung  der  Feind- 
^lalt  unter  den  M&nnem  seinen  natürlichen  Tiieben  und  Ik^gicrden 
phiirrht.  Auch  wenn  die  simnischen  Literat  urdenkmalc  nicht  davon 
lU  wftren,  Uetlürfte  es  keines  Beweises,  dass  manches  Christenmädchen 
inade  fand  vor  den  Augen  des  andalusischen  Moslims,  manch  feurige 
famin  (his  Flehen  des  stolzen  Arragoniers  oder  Castilianors  erhörte. 
n  d<'n  Umarmungen  sinnlicher  Liebe  ward  der  Völker-  und  GIaul)ens- 
ntfTM*hicd  aber  nur  für  den  kurzen  Augenblick  l)egraben,  um  dann 
rMer  als  mftchtige  Flamme  emporzulodern.  Natürlich  wogte  in  der 
Agen  Frist  der  Kampf  mit  wechselndem  Glücke;  im  Allgemeinen  kenn- 
ndint't  sich  seine  Geschichte  durch  das  allmählige,  schrittweise  Vor- 
Icken  des  christlichen,  roheren  Elements  und  der  damit  verbundenen 
orQckdrftngung  und  politischen  wie  staatlichen  Schwächung  des  an 
ahar  üf>erlegenen  Islam.  Es  nützt  nichts,  in  ohimiächtiger  Verdrossen- 
rtt  üIkt  diesen  natumothwendigen  Gang  der  Ereignisse,  die  christ- 
rhen  Helden  jener  Zeit  des  romantischen  Schimmers  zu  entkleiden, 
ffjfiiit  die  Sage  späterer  Epochen  sie  umwoben;  ob  der  Cid  ein  edler 
leid  <Kler  ein  gemeiner  Itäuber,  ein  treuloser,  wortbrüchiger,  feiler 
cbelm  gewesen,  ist  culturhistorisch  gänzhch  bedeutungslos.  Wäre  eine 
ynfiiiig  für  so  entfernte  Zeiten  möglich,  würde  sie  vielleicht  uns 
andirn  der  homerischen  Helden  als  einen  al)gefeimten  Schurken 
pifCen.  Ihre  culturgeschichtliche  Bedeutung  würde  dadurch  nicht  Ik?- 
Ilnt.  So  galt  denn  auch  Cid  Cnmpeador  als  das  Prototyp  persöu- 
Tapferkeit,  persönlichen  Muthes,  nämlich  jener  Eigenschaft,  welche 
Clirwten  im  Kampfe  gegen  die  überlegenen  Mauren  vor  allem 
OCldg  war.  Dass  ihnen  zuletzt  der  Sieg  verblieb,  lehrt,  dass  eine 
Olipre  Cnhur  an  sich  kein  Schutz  ist  im  Kampfe  mit  einem  roheren 
;  die  (liristen  in  Si)anien  besiegten  die  Araber  aus  den  näm- 
(f runden  wie  die  Germanen  seinerzeit  die  alten  Homer;  die  Cultur 
fT  Römer  und  der  s|)anischen  Araber  hatten  vornehmlich  jene»  Eigen- 
iMÜleti  gezeitigt,  welche  zur  Behaujitung  der  Herrschaft  unfähig  machen. 
Pir  n>lM»ren  Stämme  hingegen  auf  ihrer  tieferen  Stufe  entwickelten 
orrdididi  j^ne  Tugenden,  die  zum  Kämpfen  und  Gebieten  unentbehrlich. 
o  war  denn  «lie  Befreiung  der  iU'rischen  Halbinsel  vom  maunsclu*n 
ofhe  -  d<*nn  ein  solches  blieb  die  muhammedanis<'he  Herrscliaft  trotz 
im*  Tielfiu-hen  Cultursegnungen  für  die  immense  Mehrzahl  der  B(»- 
Olkening  und  ward  auch  als  solches  empfunden  —  (bs  imtürliche 
>|94ni]sw  der  Culturentwicklung  Innder  Volksstämme. 


*)  Ifm0tirm  ri€a  ttmgmu  d«h§  tomto  d  la  arahtga,  no  §olo  en  patahra»  tino  en  fnoilit- 
mti,  frm99m  jr  U€mci9m99  mttd/^rUai  qm§  pufdt  mtrar§*  «m  «t/a  partt  eomo  um  diahcto 
mijmmim40.  St  etirtc  p  txprttiom  dt  la  Cr6mica  geHeral  ilt  Von  Al/nnto  X.,  et 
4H  ramdf  Imemmar,  g  mtgumm^  Mrmt  obt-a»  Jet  In/amU  Den  Juan  MaHmel,  como  Im 
4»  Utirmmmr,  eHdm  tn  HntAxi»  mraViga  ;  p  wo  lo$  fafta  aimo  tl  nonido  moterial 
t  tm9  pmtmkrmt  pmrm  lenerimg  for  pbro»  t$erita»  §n  mwy  propHa  lengtta  Arah<.  «A.  Cond  «>, 
EMr#n«  d9  f«  dmmttmmei^»  dt  tot  Ärmhe»  tm  Ktpmita.     Tom  I.  c«p.  XXIII.) 


214  HcligiöKC  und  gniMigo  Entwicklung  dea  Mittelaltart. 

Viel  früher  als  in  Spaiücii  trat  das  Ende  der  Araberherrschaft  in 
Sicilion  ein.     Die   Normannen   waren   es,   welche   auf  ihren  aben- 
tcuorndon  Fahrten  auch  nach  Unteritalien  gelanti^en,  d(»rt  die  Herrschaft 
der   laiigobardischen   Herzoge   vernichteten   und   uadidem   sie   sich   zu 
Herren  Süditaliens  gemacht,  auch  Sicilien  erolKTten.     Wir  lernten  die 
Normannen  als  die  kühnen  Segler   der   nordischen   Meere  kennen,  als 
sie  noch  im  Banne  des  Heidenthumes  lagen.    Einen  Wendepunct  ihrer 
Geschichte   bildet   ihre  Ansiedlung   im   nördlichen  I'Yankreich,   das  sie 
schon  früher  so  oft  mit  hnasionen  heimgesucht.    Hier  nahmen  sie  das 
Cliristenthum  an,  um  alsbald  dessen  Vorkämpfer  zu  werden.    VorQber- 
gehende  Züge   führten   die  Normannen   bald  zu  Lande  nach  Spanien, 
bald  an  der  Küste  vorüber  an  Lissabon  und  Sevilki,  das  sie  gelegent- 
lich   ])lünderten.     Andere   Hessen   sich   auf  den   Azoren   nieder,   noch 
Andere   waren   am  Senegal   und  Gambia   thätig.     Am   folgewichtiggten 
bleibt   aber   ihr  Erscheinen  in  Unteritalien   und  Sicilien,   wo  wir  den 
Normannenkönigen,  von  den  Püpsten  begünstigt,  in  Kürze  als  I^efaens- 
trügern  des  Stuhles  St.  Petii  begegnen.    Diese  gennanischen  Nonnannen, 
deren    Kopfzahl    höchstens   P^in   Trocent    der    von   ihnen   beherrschten 
Volksmenge    betrug   und   ausschliesslich   aus   den  höheren  Classen  der 
Feudalbarone   bestand,   waren   und   bliel>en   in  Unteritalien  eine  mili- 
türische  Colonie  inmitten  eines  fremden,  durch  mannigfache  Natura  und 
Volksunterscliicde  zerklüfteten  Landen.    Isomer,  Griechen,  Ijangobankn, 
Araber,  alle   mit  verscbieden<»n  Sonderint eivssen  und  Kechtsüberliefer- 
ungen,  waren  dort  nach  und  luich  bunt  durch  eiiuuider  angesiedelt  und 
um  eine  leidliche  Einheit  herzustellen,   blieb  nichts  übrig,   als  sie  aDe 
mit  dem  lockeren  Netze  des  I^ehensverlwindes  zu  überziehen.    Was  mn 
diese  Nonnannenherrschaft  auszeichnet,  ist  ihre  umfassende  Toleranz  in 
politischen   wie   in   religiösen  Dingen.     Auf  Sicilien   wohnten  Moslims, 
Crriechen    und   Langobarden  *)    friedlich    neben    einander    unter   dem 
Schutze   der   normannischen  Fürsten.     Dvtr  griechische  ErzbisclMtf  Ton 
Palermo   wurde   in  der  Ausübung  seines  Amtes  nicht  gehindert,   doch 
scheinen   die  Gri(^chen   sich  an  der  Politik  nicht  betheiligt  zu  haben. 
Ihr  PiinÜuss  machte  sich  vorwiegend  auf  dem  Gebiete  der  Kunst  geltea 
Nicht  blos  die  Kunst  der  Mosaik,  auch  die  heilige  Sprache  der  Le- 
genden und  liistcn  war  griechisch.    Etikette  und  Costümc  am  nonnftnnh 
scluni    Hofe    waren   genau   jenen    in    (Vmstantinopel    nachgebildet   und 
(Jriecben  k'sorgten  die  Verwaltinig  der  P'lotte,  lieferten  ihr  die  besten 
Admirale.     Noch    weiterer  Toleranz   hatten  sich  indcss  die  Sarazenen 
zu  erfreuen;  Anfangs  freilich  war  das  Loos  der  Besiegten  mitunter  cta 
liartes,   l>eson(Iei*s  dort  wo  die  normannische  Eroberung  den  GriedMi 
(ielegenlieit  l)ot,  ilnvm  Jalirhunderte  alten  Hasse  gegen  die  islftmitisdiea 
IJnlrücker    Luft   zu    machen.     Ein   grosser   Unterschied   waltete   noch 
zwischen  der  Hebandlung  der  Stildter  und  der  Ijandbewohner  ob,  welch 
letztere  meist  in  die  Stellung  niedriger  Leibeigener  herahgcdrückt  wurden. 
liald  alHT  erkt^inien  wir  in  den  Vorgängen  auf  Sicilien  eine  neneriklie 
IJestiltigung  der  Heobaclit ungen  ülwr  das  Einwirken  einer  höheren  Coltar 

*)  Um  den  Aetna  herum  w«r  eine  grosse  LangobAfden-GoloBio  Mi(«tl«d«tt. 


J 


Bwopa^t  Buden.  215 

nf  niedr^tere  Stfimmc.  Die  normannischen  Eroberer  Unteritaliens,  rohe 
seefiüirer,  noch  vor  Korzem  tief  im  Heidenthum  befangen,  kernen  zum 
nlen  Male  mit  der  glänzenden  Civilisation  der  Sarazenen  in  BiTillirung, 
lie  sie  blendete,  wie  die  römische  die  (iermanen  geblendet  hatte.  Auch 
ie  be^rebten  sich  zu  erhalten,  nicht  zu  zerstören,  auch  sie  nahmen  in 
brer  Weise  die?c  tkberlegene  Cultur  an,  Graf  Roger,  der  »oberer, 
tetog  den  Kasr ,  die  arabische  Kesidenzburg  in  Palermo  und  duldete 
licht«  dm  irgend  ein  Moslim  das  Christenthum  annehme.  Arabische 
^pnuilie  in  den  Diplomen,  in  der  Inschrift  der  Münzen,  in  der  Dich- 
■Bg,  selbst  das  Datum  der  Hedschra  ward  beilK'haltcn  und  sogar  das 
breiittleben.  Der  König  besass  keine  treueren  Diener  und  Soldaten 
is  die  Sarazenen.  Noch  Finde  des  XII.  Jahrhunderts  sollen  die  Wezyre 
dmI  Kimmerer,  Kegierungs-  und  Hofbeamten  Wilhelm  des  Guten 
tfahainniedaner  gewesen  sein;  der  König  las  und  schrieb  arabisch  und 
B  armlnscben  Style  fuhren  die  Normannenkönige  zu  bauen  fort.^)  Diese 
!?eigaiig  für  die  aitibische  Cultur  scheint  von  den  Normannen  auch  der 
levtsche  Kaiser  Friedrich  II.  geerbt  zu  haben,  der  von  Mutterseitc  her 
loniilJinisches  Blut  in  den  Adern  liatte,  und  dem  Sicilien  Geburt sstätte 
omI  zeitlebens  die  eigentliche  Heimat  war.  Nie  hat  die  schöne  Insel 
nen  so  reizvollen  Anblick  gewährt,  als  in  dieser  noniiünnischen  Zeit, 
HO  die  Schöpfungen  und  Denkmale  weit  aus  einander  hegender  Zeiten 
ind  Völker  auf  engem  Räume  sich  fiiedlich  begegneten.  Die  Bau- 
diitifi^eit  der  Normannen  lehnte  sich  zum  Theile  l>ei  Villen  und  Palästen 
ui  den  Styl  der  Araber  an,*)  anderseits  verstand  sie  (»s,  die  vei-schie- 
leBen  Elemente,  die  sie  vorfond,  zu  einem  neuen  Ganzen  mit  glän- 
loider  (tCüammtwirkung  zu  verbinden.  I lateinisch  ist  die  Grumlfonn 
ler  römischen  Itosilica,  griechisch  das  Vorherrsi'hen  der  Kuppel  und 
lie  Mocaikverzierung,  arabisch  die  Arabesken  und  der  Spitzbogen,  der 
Ibrifcens  bald  auch  anderswo  in  die  christlichen  Bauten  aufgenommen 
md  nir  Gnindhigc  eines  neuen  Styl(»s  erholn'n  wurde.  Im  Allgemeinen 
Int  sich  sagen:  in  Kunst,  WisscMischaft ,  Gewerl)e,  (uhur  und  Philo- 
topUe  waltete  der  Orientalismus,  der  Kinfliiss  d<*r  (Jri(chen  und  AralxT, 
rar.  in  Krieg  und  Pohtik  siegte  das  I^it(>inerthmu.  Obwohl  nun  die 
(resittung  s<'hon  frühzeitig  im  unteren  Italien  auch  \m  chri.st- 
Bewohnem  iK-fruchtend  und  bildend  wirkte,  wie  aus  drm  früheren 
KBM«*ben  me<iici nischer  Schulen  zu  Monte  Tassino,  wo  der  iKTühinti; 
IbtaiHi  Konstantin  schon  im  XI.  Jahrhunderte  lehrte,  dann  s]iäter 
■  Sttlemo  und  Ni^ajK'l  henorgeht,  so  bli(^lM'n  doch  auch  hier  die  Folgen 
Is  Eingreifeas  eines  fremden  Volkselementes,  wie  des  nornianniM'tKMi, 
Sie  äu.**serten  sich  in  einem  allgeni<*inen  Sinken  der  Cultur 
Vergleiche  zu  der  von  den  Ai*alx*rn   erreichten  Höhe.     Unter  den 


*>  Jollas  Braao.     A.a.O.    8.  8S3. 

^  Wir  b^titten  die  hohe  Autoritit  Ainari*n  dafür,  dnM  koin  einzigem  der  noch 
i«rt»h#«4«*fi  wichtigeren  Hauworke  auf  hicilirn  mit  Slchrrh<>it  aun  der  Zeit  der  mnuri- 
wWa  ll»rr«^haft  «tammt.  Dennoch  tragen  die  gronnrn  Monumente  einen  wesentlich 
«raacr.t«-hrn  Charakter.  Die  Normannen  befahlen  die  Bauten  an,  aufgeführt  wurdeo 
I*«  %h*s  v««a  Arabarn. 


316 


B«II(Um  mat  («Ml«^  ■BtVhkU>s  dw  WIUlUlM». 


Nonnannen.  anf  SidUen  wurden  nnr  _.._ _ 

Toede  geetammdt,  wiaa  die  ttaUeniMbe  Ij      idt  u         iduiSi  ti^mr- 
ecits  wurden  die  Konnunen  eifrige  Yenreicr  oer  niiiiitHrfcni 
und  InstlIntJonen,  Lehemtriiger  und  AnhAnger  des  Faiäta^ 
AnEprflcben  sie  ihrePclitik  genan  in  £3uiei^t^iiiiliii>-  /.u  -it/ 

Sie   leiteten  in   den  Kflmpfen  mit  den  Suu/itiih   die  Kix      

und  in  den  Beihen  der  Xreuifiibrer  tr  Een  wir  sie  als  Y<irk3ni)AT 
ünwillkfiriich  wendet,  bei  Erwllmu  ig  der  Kreu/zttgc,  der  BIkk 
nadi  Osten,  nach  dem  byzantinisonen  Kaiserreiche,  wo! 
mebr  denn  irgend  eines  von  dj        YOlkerflui)]  des  Miltclallpn  in 


leidenscbaft  gezogen  ward.    Zw 
ostrOmische  Seich   ! 


'   S  Ui     cteii        j 

1       qnu      9        in  al 
1  I    -  T    t  bewaorte  C 
H>  wie  bis  m  : 
elemenl«,  m  gutem  wie  in  schlecni 


gelten. 


frühen  MiUdaHer  c^ 

)  m  CSttureller  IliuBichl  Eorof« 

Go  alten   Bfinierreiche   berra 

biBdran  als  dessen  Nachfolger  i 

Dm  viele,  jn  die  uidstcn  Ebiri' 

Falk-  eiuo  Fülle  reicher  CuJt^ 

Sinne.    1)1  Itjvaiix  tjinmte  (' 


Autokrator  (Kaiser),  weldter  mr  deii  uumittelbaroii 
der  rOmisclien  ImperaJOTen  halt  onrfte  mul,  da  dan  GiristenUiom 
directe  YeigOtterung  wie  bd  jenen  nidit  mt-lir  /tüii^,  wenigstens 
verherrlidienden  Titeln  sdimüdien  li  i.  Die  uiedri^e  Kriedieiä 
Byzantiner  vor  dem  Panhyp^raebaitoa  ist  iiidil  srhliiiiiuer  als 
Gebahren  der  ROmer,  welche  ihre  <  -en  unter  die  Gatter  v< 
dem  Cftsar  am  Framn  dncn  Tempel  muteai  mul  ilatieU-n  (-4 
divua  AntoninuB  und  der  Faustina.  Den  Euiver  zu  liya.ia  ui 
Tollkommen  geordneter  Hofstaat,  und  das  osti-OniiMtrlie  Reii^h 


nee  iDotJerncu  Staat« 
.  >etail»  iiaL'li  nueJi  heute  gQU^ 

es,  ihj^  Byuuiz  uUeg  ?     ' 
diente',   nieht  aiu  wcnigiiten  i 
le  flu-  eigene»  bliuit«wON>n  m 
modtllen.     Nur  durin  offcnbai 
lib  der  Ity/niititiei',  dans  % 
liübeii  vermochten. 


schon  von  allem  Anfimge  an  das  B 

dessen  Verwaltung  bis  in  die  klei 

Bc^riff^  eingeriditet  war.    So  g 

Staalsgebüden  ^dchsam  zum  31 

wir  wissraL  es  —  den  Arabern,   we 

grossen  Theile  dem  byzantin 

eich  noch  Sa  niedrige«  Entwicxn 

Erblidikeit  in  der  Thronfolge  sidi  ni      m  e 

hatte  schon  die  Unbestimmtheit  der  rjbfblge  im  weirirötolü'cheii  ReiGl|j 

unsägliches  Unheil  gestiftet,   und  eine  gleielie  Wirkung  buswrte 

im  Osten  der  Mangel  an  StabiliUU  der  ober^^ten  Spitze,     bn  Uel 

war  aus  dem  ostrOmischen  Bekfae  ein  griechiselies  i;ew<>riten,    m\A 

zu  Ausgang  des  VI.  Jahrfannderts         Griei^liiKrhe  als  ^Vmtsipracbc 

Stelle  des  lAteinischen  trat    Doch  d     )te  da^  GriecIieiiUiuiii 

nur  das  berradiende  Elonent,  keiQ<      3gs  lÜv  }\asiff  der  dem 

unterstehenden  Volker.    Die  Gr  \a  B}-/atiz  bofaudoii  sich 

in   ähiüicher  Lage  wie  in  Axx  ueg    wart  di''  ÜKiniUicn 

Staate.    Die   entschiedene  UinoritAt       dend,   «h-Uekteu  dennoch 

dem  Reiche   und   deiner  Cultnr   ihren  dgenartiin'n  Siemjx!!   auf.    S] 


üKaia 
I  damM 


..  ««w.  «r 


Earopft*«  Sttden.  217 

wie  beate  die  Tüikei,  war  das  byzantinische  Kaiserthum  ein 
Xarionalstaat,  sondern  vereinigte  in  sich  vielerlei  an  Idiom  und  Sitte 
vendiiedeDC  Völker,  welche  aber  durch  das  Medium  der  griechischen 
SprBcbe  mit  einander  verkehrten.  Diese  war  wohl  noch  die  altgrie(;hische, 
doch  voUzog  sich  zwischen  dem  Yll.  und  XII.  Jalirhuiiderte  eine  Zcr- 
selzung,  ans  welcher  das  Neugriechische  hervorging.  ^)  UnläuglMir 
ward  dieselbe  veranlasst  durch  die  zahlreichen,  fremden,  ethiÜKclien 
Bestandtheile,  welche  in  der  zweiten  Hälfte  des  ersten  Jahrtausends  die 
HAmnaltoder  Qberflutheten  und  mit  dem  hellenischen  Blute  sich  meng- 
ten, liier  stehen  in  erster  IJnie  wohl  die  tlinbrüche  der  Slaven,  welche 
iBUBer  weitere  Gebiete  des  Kelches  besetzten  und  dassell)e  zum  Theile 
slaTisirten  in  so  ferne,  als  sie  selbst  in  Byzanz  zu  Macht  und  Ansehen 
gelangten,  ja  sogar  auf  den  Kaiserthron  sich  em}K)rschwangen.  Dennoch 
Iftast  och  daf^  einstehen,  dass  die  modernen  Griechen,  in  ihrer  (ie- 
i«niDitbeit  betrachtet,  ungeachtet  der  Zersetzmig  mit  liarbarischen  und 
jangeren  Volkselementen,  ungeachtet  einer  frühzeitig  nachweisimren, 
tdt  dem  Ermatten  der  nationalen  Kraft  in  den  Jahrhunderten  der 
byzantinischen  Verwilderung  zunehmenden,  zuletzt  mit  der  Aufnahme 
von  albanesischen  und  walaichischen  Ikwtandtheilen  vollendeten  Sprach- 
verderbniss  dennoch  in  Physiognomie  und  geistiger  Anlage  „ihre  Ab- 
fltamraung  von  dem  alten  Geschlechte  nirgomLs  verlüugnen.^  Als  un- 
betstreithar  richtig  ist  die  Theorie  von  der  Slavisirung  der  (iriechen 
höchstens  f^  ein  sehr  enges  Terrain  anzusehen.  ^)  Allerdings  gestatten 
die  oncrliörten,  das  innerste  Mark  der  Geschlechter  verzehrenden  Um- 
wibEWigen,  die  selbst  den  Namen  der  (iriechen  zu  tilgen  dn)hten,  „keinen 
Vergleich  des  ncnhellenischen  mit  dem  altgriechischen  Volke.^^  Sein 
lieiKt  and  die  aiterthümliche  Bildung  suchte  und  fiand  auf  fremdem 
Boden,  in  Italien,  eine  StAtte.  In  Griechenland  selljst  erinnern  den 
■nfiui'Asunen  Beobachter  nur  gewisse  lk?ziehungcn  und  Merkmale  der 
aLpQelaaienen  CnHur,  gewisse  Aehnlichkeiten  in  Sitte  und  Brauch,  Kigen- 
thflanlichkeiten  des  Aberglaubens  und  des  populären  (ilauliens,   die  in 


*)  I>r.  Rttdolf  NieoUi,  OfehichU  dtr  ntugritehUchtn  Literatur.  Leipsig  1876. 
H.     »!■   lf«UpUaii«n,   !■   Moininfttiv«n  auf  a,    in    Abtvcbleifong   und   Verkürtong   der 

ifKB,  U  Synkop«  ood  Aphiras«,  in  OleiebgOltlgkeit  gegen  den  Gebrauch  dar  Tem- 
Modi,  ia  AvfkabiiDf  der  Catusreetion ,  besonders  in  Pripositionen  nod  der 
Y«%«lb«lMt«Bf ,  ia  fedahntar  Wortbildung,  im  Mangel  an  Partikeln  und  anderen 
■akliM^a»  Marksalen  kOndat  sieb  der  Beginn  des  Keugriechificben  an.  Aus  welchem 
DUt«kta  aa  sieh  harantsubilden  begonnen  habe:  ob  aun  dem  iolischen,  wofür  man  die 
Aamfraab«  der  Voeale  und  Diphtongen  geltend  machte,  oder  aus  dem  üolo-doriechen 
m4m  4«a  OMÜlcdoBlaehaB  Dialekte,  ist  eine  mOesige  Forschung.  Lakonismen  und  lakonische 
kat  »aa  Im  Dialekt«  derTschakonen  nachgewiesen,  mundartliche  Eigenthümlieh- 
aa4  aralt«  Aaadrftcke  bawahrea  benonders  Kreta,  die  Maine  und  einige  Kykladen.* 
XmIi  Kavaailaa  aad  Thaod  Hjrgomala's  Berichten  waren  mehr  als  niebtig  Dialekt« 
aaa  imt  frtaahlMkan  Sprach«  herTorgegangen ,  darunter  von  allen  am  verderbtesten  das 
IdkiM  dar  —  Athener,  ein  wahrer  Augiasstall  für  den  nachmaligen  sprachrcinigenden 
Eiftrr  «Ina«  Korab! 

*>  iSlah«  darfibar  das  ansltthrliche  II.  Kapitel  von  Gustav  Friedrich  Hertberg, 
CesrÜf*!*  GHeek^mlmmdg  §Ht  dem  Ahtttrhen  dt»  amtilen  J^hen»  hh  tttr  Gtgmmrart.  Gotha 

in    a*  1.  Thcii. 


218  Religiöse  und  geistige  Entwicklung  des  Mittelalten. 

Hireii  Gnindlagcn  auf  das  Altcrthum  zurückführen,  Sprüchwörter,  Mähr- 
chon  und  Lcjjjondon,  dass  er  einem  späten,  aus  der  Art  getriebenen 
und  neubofruditcten  Nachwüchse  des  alten  Ilellonenthums  sich  gegenüber 
Ix'fiiKlct,  der  das  Slavische  his  auf  Worte  und  Ortsnamen  ausgeschieden, 
dag('gou  das  albanische  P^lement  allmähh'g  an  sich  gezogen  hat 

Unter  den  Culturleistungen  der  byzantinischen  Griechen  stehen 
ihre  Verdienste  um  die  Recht8i)fiege  zweifellos  obenan,  von  noch  weiter 
reicliendpin,  dauerndem  KinHusse  sollte  die  SiMÜtung  sein,  welche  sicfa 
bei  ihnen  in  der  christlichen  Kirche  vollzog.  Der  Herd  dieser  Streitig- 
keiten, deren  innere  (ieschicbte  für  uns  jeglichen  Interesses  entbdu% 
war  Constantinopel,  wo  schon  482  n.  dir.  Kaiser  Zeno  durch  sein 
IIvitnftkoH  Anlass  zur  ersten  Trennung  gab.  In  das  VIII.  Jahrhundert 
fällt  der  langwierige  Bilderstreit,  welcher  die  519  vom  römischen 
Bischof  Hormisdas  erzwungene  Wiedervereinigung  beider  Kirchen  von 
Neuem  auflöste.  Als  nämlich  im  YS.  Jahrhunderte  das  Christenthnm 
Staatsreligion  geworden,  kamen  in  den  cliristlichen  Kirchen  Bildwerke, 
Malereien  und  Kunstverzierungen  allgemeiner  in  Gebranch  als  zuvor,  wo 
die  christliche  Kunst  in  das  Dunkel  der  Katakomben  flüchten  mosstc. 
Ks  bildete  sich  (Tle  christliche  Symbolik  aus,  zugleich  aber,  als  die 
Kirclienlebrer  sich  dem  Ileidenthume  immer  mehr  anbe(|ncmtcn,  als  sie 
den  Uebei-getretenen  immer  mehr  gestatteten  frühere  Gebräuche  in 
üussenr  christliclien  Form  beizubcihalten ,  wurde  die  Bilderverehnmg 
immer  üblicher  und  artete,  besonders  im  Morgenlande,  in  MLssbraoch 
aus,  indem  man  Bilder  und  Statuen  behandelte  wie  die  Heiden  ihre 
(lötzenbilde.  Gegen  solchen  sich  sehr  natürlich  entwickelnden  Unfug 
eifciien  nun  manche  Kirchenlehrer,  welche  in  Byzanz  mächtigen  Anhang 
fanden.  In  dem  daraus  hervorgegangenen  Kampfe  zwischen  den  Ikono- 
ki asten  (Bilderstünnem)  und  Ikonodulen  (Bilderverehrem)  st^te  der 
römische  Pontifex  sich  klug  auf  Seite  des  volk.sthümlichen  Missbraadies, 
der  eine  ganz  allgemeine  religionsgeschichtliche  Erscheinung  ist  und  anch 
im  Oriente  endh'cb  den  Sieg  davon  trug.  Inzwischen  hatte  das  orientalische 
Cliristcnthum  innner  concretere  Formen  angenommen,  unter  welchen  es 
bau])tsii('liUch  im  Osten  Kuropa*s  Verbreitung  fand.  Als  es  1054  zur 
blrilNMiden  Trennung  der  orthodox-griechischen  Kirche  kam, 
wdch(^  blos  di(;  BescliIUsse  der  sieben  ökumenischen  Concile,  nicht  aber 
di(*  s])ilt(T  auf^okoinuHMien  Satzungen  des  Katholicismus,  namentlich 
nicht  die  AutoritiU  des  Papstes  anerkennt,  stand  diese  längst  schon 
als  (?in  Ix-sondcrer  Zweig  des  Cbristenthumes  da. 

Auf  dem  Boden  der  Kunst  trat  Byzanz  an  die  Stelle  der  alten 
Koma,  al.s  Ausgangs))unrt  der  neuen  Kunst,  die  desshalb  mit  Recht 
nach  ihm  gr>nannt  wird  und  die  wir  an  anderer  Stelle  im  Zasammen- 
lian^e  mit  d(T  allgemeiiKMi  Kunstentwicklung  des  Mittelalters  in's  Aoge 
fa<s(Mi  wollen.  In  Byzanz  war  auch  sicherlich  die  grösstc  Gelehrsamkeit 
im  Mittelalter  anf|i^(\si)eiebei*t  und  eine  lange  Reihe  von  Schriftstellern, 
darunter  die  Historiker  kurzweg  als  „Byzantiner^  l>ekannt, ')  legt  ZengnisB 

*)  Ein  i*o  gpwirgter  Kenner  wio  Dr.  A.  Mordtmann  sagt  TOn  den  byaanllBla^M 
Cic^chichtschrcibcrn:    hDah  byzantiniüche  Mittelalter  hat  keinen  Herodot,  kelato  Xl 


DI«  KmobsUc«.  219 

rem  ah,  öm»  da  Geistesleben  noch  rege,  wenngleich  die  Zfigo  eines 
ernden  Volkes,  die  zunehmende  Geschmacklosigkeit  und  Enge  des 
ndrtakrases  mit  den  fortschreitenden  Jahrhuniierten  immer  deutlicher 
m  Aosdrucke  gelangteiL  Die  specilisch  byzantinische  Literaturiienodc 
ginnt  mit  dem  VIL  Jahrhunderte;  zur  gleichen  Zeit  und  kurz  darnach 
twickHte  sich  aber  eine  reiche  Yolksmuse,  die  in  dem  mittelgriechischen 
lÜBcpos  gipfelta  ')  Den  Stoff  dazu  lieferten,  wie  auch  später,  die 
Menkimpfe  gegen  die  Ungläubigen.  In  einer  Epoche,  welche  weit 
iter  den  Kriegen  zwischen  den  Anuatolen  und  den  Tarken,  zwisclien 
n  Snlioten  gogen  Ali-Pasclia  liegt,  begegnen  wir  dem  Kampfe  ent- 
Bdty  nicht  zwimrhen  den  nämlichen  Völkern,  wohl  aber  zwischen  den 
nlidien  Glaubensbekenntnissen,  dem  (liristenthum  und  dem  Islam. 
T  einzige  Unterschied  besteht  nur  darin,  dass  anstatt  Gewehren  die 
reifer  sich  Lanzen  und  Keulen  bedienen;  statt  die  weisse  Fustanella 
tragen,  sind  sie  in  Bronzehemden  gekleidet;  statt  Türken  und  (iriechen 
heissen,  nennen  sie  sich  Byzantiner  und  Sarazenen;  endlich  statt  am 
ndus,  <>ssa,  Parnass  oder  (H>inp,  spielen  sich  die  Kämpfe  in  den 
lenen  Kleinasiens,  in  den  wilden  Schluchten  des  Taurus  und  an  den 
nn  des  Ku])hrat  ab.  Und  man  vergesse  nicht,  dasn  wir  hier  nicht 
r  einem  einzigen  Gedicht,  das  etwa  eine  glorreiche,  aber  isolirtc 
»Identhat  feiert,  sondern  vor  ganzen  Gwlichlcyklen  stehen.^; 

Die  KreuzzO|ä;e. 

Der  Kamftf  gegen  den  muhammedanischcn  Osten  äusserte  sich 
I  gewaltigsten  in  den  Kreuz zttgen.  Ihn^  geschichtlichen  Einzel- 
iten  gehören  nicht  hieher,  wir  haben  es  mit  ihnen  blos  in  ihrer 
sanmtheit  als  culturhistorischem  Phänomen  zu  thun.  Und  ein  solches 
dren  sie  in  des  Wortes  vollstem  IkMleutung,  mag  man  sie  auch  als 
klagemtwerthe  Verirrung  blödsinnigen  Fanatismus  b<'zeichnen  und  für 
i  Urheber  nur  Worte  d(»s  S[K>ttes  und  der  VenLinunung  lK»sitzen; 
001*4 <):tt»li<*h  bleilit  (l(M'h  wahr,  dass  diese  Heihe  von  Weltkriegen 
sich  den  Perserkri(»gen  und  der  Völkerwanderung,  gleich  der  Uefor- 
ilMMijczeit  und  der  französischen  Hevoliition  eint;  n(*ue  K]MK*he  in 
n  I^*ben  der  eun>])äiM'hen  M(Mischheit  l>ezeiclinen  und  bilden,  in 
n-n  ViTlaufe  das  l/^lien  der  Völker  in  all  s<'inen  Theilen  sich  ver- 
indclt.     Die  Kreuzzüge  sind  aufzufassen  als  ein  grossiT  Al)schnitt  in 


•B.  kttD^o  S«IIu«t,  keinen  T«eitui«  hervorfsebracht,  nber  «ie  10 gen  nicht,  und  In  dIeMr 
tiekopf  »ind  »ie  den  orientAliKChen  IIi!*torikeru  bedeutend  vortuiiehcn.**  (Beil.  tur 
If    Z«ituBc  \oia  IS.  Aoguflt  lM7f>). 

')  r'itlie  darüber:  t'kaiUn  popmlairta  de  Ja  Gric§  moderne,  reeueiUi§  et  puhUitf  avec 
r  trm4m€l»0m  /rmmfaiae,  de»  JclairehMement»  et  de»  itote»,  par  (\  Fauriel.  Pftrit 
14  — 19J5  tt  Bde.  8  •  und  l'opularia  earmtna  Oraeeiae  rece»tioH»  edidit  Arnold  um 
■  •ow.     I.ipfiae  IMU.     0 

»i  Le»  Krptmil»  d4  IHg^mta  ÄkrÜa».  Epojt^e  h^ramtim»  dm  dirt^m«  »neU  pmhii*0 
■r  Im  premtir»  fiti»  d'apri»  l»  m»mm»erit  unique  de  Tribieonde  par  C.  Hathft«  et  K. 
•grftftd.     Fftfi«,  U75.    gr.  S*    t).  XV— XVII. 


dem  Kampfe  der  beiden  Weltrd^hMien,  des  Oiri§teiitlKiB  nnd  dM 
lalfim,  einem  Kanid^e,  der  im  VUI.  JahriHmdat  u  dqi  Greana 
Arabiens  nnd  SfrienB  b^onnen,  der  in  nudier  Aadcfaniug  die  Lude 
nm  das  Mittelmeer  übräflathet,  nnd  mufa  titunkQUu^aB  WedMl 
nnscre  Zeit  wie  jene  Oregor'g  VIL  in  Bewegung  geMM  hat ')  Der 
Kampf  Ewisdien  beiden  Bdigionen  kam,  wie  wir  wfnen,  flir  mebnn 
Jahrhunderte  mr  Bnhe,  nnd  nor  in  einten  OTen^rfrieten,  der 
tipaniücben  Maiken,  den  Inseln  ItaUens  nnd  den  KSaten  fflrlwritt 
fletüten  eich  Örtliche  Febden  fort,  ah  stete  ürinnenng  an  den  !■  d« 
Tiefe  nnaafhOrlich  gümroenden  Gegensatz. 

Von  diesem  Puncte  an  zeigt  dch  in  den  beiden  Wetten  «Im 
vOllig  entgegengesetzte  innere  Entwiddnng,  wie  sie  au  der  nfr 
sobiedenen  Begabung  den  Arier-  nnd  Semitenthnnu  bermrgiiig.  Dar 
IsIäm  verweltlichte  eich,  verlor  seinen  ursprfln^idwn  F^natinui  o^ 
ersetzte  ihn  dnrcb  rcicbe  Bildung,  die  fOr  seine  Brenner  ein  oKb^ 
barer  Gewinn  war;  allein  als  streitende  Wettreli^oa  Tcrior  er  lefM 
I<Yucbtbarkeit  und  seine  kriegerische  Uacht  gerleth  in  imner  tieftOB 
Vcr&lL  Mit  anderen  Worten,  wie  im  alten  Römoreidie  naliB  «K 
steigender  Gesittung  die  Widerst  andfil&bi^eit  ab.  Utagefeebit  im  AJua^. 
lande;  hier  lenkte  aus  mebr&ch  erwAhnten  Ursacben  die  Gedttm 
der  europ&iscben  Nationen  immer  stSiker  nnd  ausBcfaliGMlidter  h  Ab 
kircblicben  Bahnen  und  gedieh  allmBUig  zn  einer  wahriiaft  ' 
achtenden,  mystischen  Begeisterung,  die  nm  ' 
feindlich,  die  moralische  Kraft  der  Mensche» 

Vor  allem  in  Frankreich,  Spanien  and  Italien.   _ 

der  romanischen  Zunge,  war  diese  Geainnnng  durch  alle  Stfinde  ymi 
breitet  und  berrscfaend  Kaclidem  der  religüiKi'  VAU-r  in  Kuk-Inrm  Gnd# 
der  Lebensodem  ftlr  das  ganze  Dasein  gewtn^liii.  ila  lixicrle 
der  Zoni  gegen  den  Unglauben  anf,  da  encliitti  Min  si-llist  ilo.r  Ktuit]^ 
gegea  die  fidsdie  Beligion  als  die  häügste,  ]>n'ivwiirili);st(^'  Thal.  lip^ 
Rcclit  muss  man  die  so  allgemnne  Vertn^itiiii);  gi^wisser  lde«n  n 
sittliche  Epidemien  halten,  wie  Fest  nnd  Cbilcra  mIi-Iu:  in  dvr  Vhy* 
sind.  Wie  für  diese  die  Entstehnngsgrfinde  uiilii'kanni .  und  täe  aac 
fbr  jene  dunkel,  gewiss  ist  nur,  dass  S(ricb6  HJtIlii')i>>  K|)Metuini  wi<.ila 
holt  die  Menschheit  befallen  haben  nnd  nii  Votliiln^  diiH  Auftrete^ 
neuer  reUgiöser  Ideen  bc^mtea  Den  IsUm  »illist  kuuu  man  In  [~'™ 
wisser  Beziehung  eine  Epidemie  nennen.  Viillriilil  glHdiKklls  r 
Epidemie  war  die  im  X.  J^hnndert  angeblicli  ^ crlircitctc  l'obeneuguq 
von  dem  bevorstehenden  Ende  der  Welt,*)  ciiin  Mee,  die  trota  i|-"^" 
l.ftcherlichkeit  noch  im  Jahre  1868  KnA  gciiug  Ik^sims,  um  in  < 
zelnen  nngebüdeten  Kreisen  Angst  nnd  Schrorlien  hfTvoTziirufun. 
mals  half  sie   wcecntlich  die  KrenzzOge  Torlx'icitfn  iiml   du»  Anaclia 


r  .111  ■.j.li  liiiivlKiiis  ,i]]iiiiv  j 
1  aber  wi'M'iillidi  i-rliiltUfc  j 
en.   in   ilnn  I^tdmi  fdaa 


Ft  iTtr  anelilMi  Ur  KrtaMttfH, 


r  Wluimthafllrii 


DI«  Kreosifig«.  221 

irdic  erhöhen,  indem  man  sich  fester  an  den  von  ihr  gepredigten 

m  klammerte. 

dl  hahe  wiederholt  betont,   wie  die  Religion  für  die  Völker  eine 

im  Kampfe  um's  Dasein  ist  und  unsere  Aufgabe  dahingeht, 
die  IrrthOmer  irgend  einer  religiösen  l/ehrc  naclizuweisen,  sondern 
tersuchen,  wie  sich  diesell)e  als  Waffe  in  diesem  Kampfe  bewährt 

Als  zu  Beginn  der  KreuzzOge  die  europäischen  Völker  miter 
Banne  jenes  welthistorischen  Irrthums  standen,  den  wür  das 
enthuni  nennen,  war  der  Moment  gekommen,  wo  die  arischen 
le,  früher  in  einem  kosmopolitis^^hen  Weltreiclie  vereint,  dessen 
en  seilet  das  Eindringen  der  germanischen  Horden  nicht  zer- 
,  dem  unerbittlichen  Naturprocesse  folgend,  sprachlich  und  ethnisch 
rachiedene   Nationen   zerfkllen   waren.     Aus   dem   I'Yankenreiche 

zwei  Völker  hervorgegangen-,  es  gibt  seit  Hugo  Cai)et  eine 
zösische,  seit  Heiiyich  I.  eine  deutsche  Geschichte;  in 
i  waren  Italiener,  in  Simulien  trotz  der  Mauren  Simniei*  geworden, 
ier  englischen  Nationalität  sollte  die  normannische  Eroberung 
ein  wichtiges  Bildungselement  hinzufügen.  Der  seit  der  Völker- 
niiig  andauernde   Amalgamirungsprocess    hatte    sein    natürliches 

erreiclit  in  der  Abklärung  bestimmter  Nationalitäten,  wie  sie 
r  noch  l)estehen.  Die  Zeit  der  Völkerbildung,  durch  die  bar- 
lie   Cultur    und    die    merkwürdige   Demoralisation    diarakterisirt, 

Ursachen  lediglich  in  diesem  Bildungsprocesse  sell)st  liegen,  war 
T,  die  Nationen  standen  etlmisch  fertig  da,  al>er  damit  war  aucli 
■nd  zerrissen,  welches  sie  im  Alterthmne  zu  einer  Einlieit  zu- 
^nsdmiiedete  und  in  der  Erinnerung  der  nunmehrigen  Volks- 
ben  immer  mehr  verschwand.  Da  trat  an  dessen  Stelle  der 
iche  Glaube,  er  ersetzte  den  felüenden  ethnischen  und  politischen 
tmenhang,  er  schmiedete  die  Einheit,  deren  die  späteren  Cultur- 
en  im  Kampfe  um's  Dasein  so  nothwendig  bedurften,  um  zu 
n,  was  sie  sind.     In  dem  natürlich  unliewussten  Bedürfniss  nach 

Einheit,  nach  diesem  Bande,  von  den  europäischen  Völkern 
Imäasig  empfunden,  wird  man  die  alleinige  Fj*klärung  für  die 
liewlich  kirchUche  Richtung  der  damaligen  ('ultur,  das  Entstehen 
lerwälmten  sittlichen  Epidemien  suclien  dürfen.  Man  verachtete 
,  WisseiL<ichaft ,  irdisi^he  Dinge  ül)erliau))t ;  und  man  muss  ge- 
,  Hie  l)esasMen  damals  in  der  That  für  die  ('ulturentwicklung 
T  Werth  als  Kirche  und  Glaube,  welche  die  noch  unbändigen 
ndKiduen  zusammenschnürten  und  verhinderten,  jeden  für  sich 
bAmliche  Entwicklungspfade  einzuschlageiL  Der  Eigenart  der 
'  sicherte  ja  ihn*  imtürliche,  daher  unbesiegliche  Maclit  ohnehin 
Virkuiig  auf  die  jeweilige  Culturentfaltung.  So  ward  der  clu*ist^ 
'rianlie  alhnähUg  das  Merk/eichen  eines  grossen  WafTenbundes, 
Völkersystems,  welches  in  sich  selbst  von  einem  heiligen  Feuer 
I.    allen    Nichtchriht(.>n    mit    ungestünu*r    Kampflast    entgegentrat 

ikT  Islam  \(>m  VII.  bis  zum  IX.  Jahrhundt^rt  die  Völker  mit 
i  mäA'htigen  Angriffe  getroffen,  so  stand  ihm  jetzt  im  XI.  die 
tong  bevor«  eine  nicht  minder  gewaltige  OffensiTe  der  Christen- 


222  Religiöse  und  geistige  Entwieklong  des  MitteUliert. 

holt  ^egen  die  gesammte  muliariimedanische  Welt*)  Der  (reist  des 
Islam  war  langsam  in  (Lis  (/liristciithum  Ul)orgegangen  and  verwandelte 
CS  in  sein  Abbild.  Das  Scbanspiel  einer  wesentlich  kriegerischen 
Heliginn  Iwzauborte  Menschen,  die  selir  kriegerisch  und  gleichzeitig  sehr 
ab(?i*gläubisch  waren.  ^) 

Von  solchem  Gesichtsimncte  ans  sind  die  Kreiizzügc  ebenso  be- 
preittich  als  in  der  Entwickhing  der  europäischen  Völker  1)egründet, 
also  eine  nothwendige  Krscheiinmg.  .Je  tiefer  die  historische  Forscliuug 
gedeiht,  desto  mehr  zerstört  sie  die  sagenhafte  Auffassung,  den  Nimbus, 
worin  man  einst  jene  Kpoche  und  ihre  Helden  zu  erblicken  pflegte. 
Die  Kriegsztige  des  christliclien  Abendlandes  nach  dem  Orient  trugen 
das  G^'prftge  der  Rohheit  ihrei-  Zeit  und  waren  sicherlich  die  Veran- 
lassung zu  namenlosem  Palende,  zum  Verderbnisse  Tausender  und 
Tausender,  deren  (lebeine  am  Wege  nach  Jerusalem  bleichten.  Die 
Helden  jener  Periode,  weltliche  und  geistliche,  sie  vermögen  ans  nicht 
mehr  zu  begeistern,  wir  sehen  sie  heute  im  Liclite  kritischer  Beleuch- 
tung als  einfache  Menschen  mit  all'  den  I^astem  und  Tugenden  ihres 
Zeitalt ei-s.  Und  in  der  That^  mehr  darf  Jener  nicht  erwarten,  welcher 
die  Ideale  abstreifend  in  der  C-ulturgeschichte  nach  menschlichen 
Tliaten,  menschlichen  Trieben  sucht.  Wir  können  nicht  verlangen,  in 
den  Männern  jener  P^poche  gottlKjgnadete  Heilige  zu  finden,  wenn  wir 
a  pnoii  überzeugt -sind,  dass  es  weder  göttliche  Gnade  noch  Heilige 
gibt.  Wer  also  (Uimals  wirkte,  w  i  e  gewirkt  ward,  es  waren  Menschen, 
es  war  mensclilich  d.  h.  den  damaligen  Begriffen  entsprechend.  Pro- 
testiren mtlssen  wir  nur  gegen  Jene,  welche  es  sich  an  der  berechtigten 
Zerstörung  jenes  Nimbus  nicht  genügen  lassen,  sondern  versuchen,  die 
leitenden  Persönlichkeiten  der  Kreuzztige  zu  Scheusalen  oder  Verbrechern 
zu  stem])eln.  Wie  gross  in  wiscren  Augen  eine  Schuld  auch  ersdieinen 
möge,  kann  doch  von  I^rbarei  oder  Verbrechen  keine  Rede  sein,  wo 
<lie  so  bezeichneten  Handlungen  die  Billigung  der  Zeit-  oder  YoUEqge- 
nossen  erhalten.  Die  blutigen  (iladiatorenspiele  der  Römer  und  dbs 
K()]ifschnellen  \m  den  heutigen  Dayaks  auf  Bornco  waren  und  sind 
weder  Verbrecrhen  noch  Acte  der  (imusamkeit,  ausser  in  den  Augen 
des  kleinen  Häufleins  der  jetzigen  ('ulturvölker.  Mit  dem  vollen  B^ 
wusstsein,  dass  den  Helden  der  Kreuzzüge  alle  Laster  ihrer  Zeit  an- 
hafteten, dass  sie  unt(T  dem  Drucke  einer  Stimmung  handelten,  die, 
w<m1  sie  uns  jetzt  fast  als  Wahnsiim  erscheint,  doch  nicht  minder  eine 
n()thwendig(>  P'olge  der  Entwicklung  war,  können  wir  das  EiigebnisB  der 
im  Uebrigen  resultatlosen  Kreuzzüge  als  einen  ("ulturgewinn  betrachten, 
indem  ein  neues  kriegerisches  Ideal  aufgestellt  ward.  Der  ideale  Held 
(1(T  KriMizzüge  und  des  Bitterthums,  welcher  die  Kraft  und  das  Feuer 
d<s  alten  Kriegers  mit  der  Milde  und  l^muth  des  christHchen  HeiligeB 
in  sich  vereinigte,  ging  aus  den  zwei  Strömungen  des  religiösen  und 
kri<'^ei'isihcn  (leftlhls  hervor,  und  ol>gleich  dieses  Ideal,  gleidi  allen 
anderen,  eine  Schöpfung  der  Einbildung,  selten  oder  niemals  vollkommen 


')  Hybpl,  A.  •.  O.     B.  13. 

•)  I.ftcky,  A.  a.  O.     11      H.  W.^. 


lOwteUai«  OBd  AukUdoBg  dar  piptUldiea  lUcikL  223 

■I  LdMi  TcrwiiUiGlit  wurde,  Uid)  es  doch  der  Typus  und  das  Vorbild 
Juifyuiidier  GrOase,  dem  viele  Generationen  naclistrebten,  und  sein 
HÜdemder  Einfloss  Iftsst  sich  sogar  jetzt  in  vollem  Maasse  in  dem 
Charakter  des  modernen  Gentleman  verfolgen J)  Die  weiteren  Wir- 
kungen der  KreuzzQge  sollen  bei  den  allgemeinen  Betrachtungen  ttber 
die  mittelalterliche  Cnltur  gewtirdigt  werden. 


EntwiekluDK  und  Auabildung  der  pfipstliehen  Macht 

In  dem  aber  die  Kreuzzttge  Gesagten  ist  eigentlich  auch  die  £r- 
kllning  far  das  Anwachsen  der  päpstlichen  Macht  und  ihre  schliessliche 
Weltberrschaft  gegeben.  Wie  die  Stellung  des  Bischofs)  von  Rom  zu 
primus  inter  pares  und  weiter  sich  zu  einer  factischen  Supre- 
aber  die  übrigen  Bischöfe  der  Christenheit  ausbildete,  habe  ich 
idKMi  einmal  angedeutet;  es  bedarf  nun  keines  Beweises,  dass  mit  dem 
erwähnten  Erstarken  des  religiösen  Gefühls  bei  den  Europäern 
h  natnrgemifls  die  Macht  Desjenigen  steigen  musstc,  der  als  der 
Statthalter  Gottes  auf  Erden  betrachtet  wurde.  Mannigfkchc  Umstände 
indess  das  Ihrige  dazu  bei;  sie  sind  in  Kürze  und  mit  joner 
welche  die  Gelehrten  England*s  auszeichnet,  von 
James  Bryce  angegeben  worden,  dem  ich  im  Nachstehenden  folge. 

Das  Mittelalter  war,  wie  bei  noch  jungen  Völkern  nicht  anders 
denkbar,  wesentlich  unpolitisch.  Doch  der  monschlichc  (reist,  weit 
entfernt  trage  zn  sein,  war  in  gewissen  Ikziehungen  niemals  thätigcr; 
aadi  war  es  Ar  ihn  nicht  möglich,  ohne  allgemeine  Begriffe  von  den 
gegenseitigen  Beziehungen  der  Menschen  in  dieser  Welt  zu  bleiben. 
Begriffe  waren  weder  ein  Ausdruck  der  gegenwärtigen  Lage 
Dinge,  nodi  durch  Induction  aus  der  Vergangenheit  hergeleitet; 
m  waren  theüs  Ton  dem  vorhergegangenen  System  vererbt,  theils  aus 
den  Grandlehren  jener  metaphysischen  Theologie  entwickelt,  die  dem 
SdKilasticismas  entgegenreifte.  Nun  waren  die  beiden  grossen  Ideen, 
welcfae  das  verscheidende  AlterAum  den  folgenden  Zeiten  hinterliess, 
<fie  dner  Weltmonarchie  und  einer  Weltreligion.')  Die  logische 
Fortbildang  dieser  zwei  Gedanken  musste  nothwendigerweise  sowohl 
zur  Herstellung  des  heiligen  römuH*hen  Iteiches  deutscher  Nation,  welches 
kein  Anadironismns  war,  wie  Einige  uns  ghiuben  machen  wollen, 
andererseits  zur  W^eltherrschaft  des  Papsthums  führen. 

Die  Nationen  beruhen,  man  täusche  sich  (larül>er  nicht,  auf  dem 
religiösen  lieben.  Weil  die  Gottheit  im  jiolytheistischon  Alterthume 
gKiwilt  wurde,  war  die  Menschheit  in  gleicher  Wcnse  getrennt  wonlen; 
&  Lehre  von  der  I'^nheit  Gottes  erzwang  auch  die  Einlu^it  der 
Meiuirhen.  Die  erste  Lehre  der  Giristenheit  war  Liol>e,  W(*lche  Jene 
la  einem  Ganzen   vereinigen  sollte,  die   bisher  Argwohn,   Vorurtheil 


•>  l.crky,  A.  *.  O.    11.    8.  311-213. 
*)  Drjrce,  A.  *.  O. 


224  Religiöse  and  geintige  Entwielclang  des  MltteUlten. 

und  Riiconstolz  von  oiiiauder  gotroimt  gehalten  liatton.  Und  die  neue 
Kolij^ion  schuf  in  der  That  eine  Gemeinschaft  der  Gläubigen,  ein  heiliges 
Reich,  hostunnit,  alle  Menschen  in  seinem  Schoosc  aufzunehmen  und 
den  vielgostaltigon  Polytheismen  der  alten  Welt  feindlich  gegenüber 
stellend,  gerade  wie  sich  die  rniversalmacht  der  C^äsaren  den  wald- 
losen Köiiigreiclien  und  Roi»ubliken,  die  ihm  vorangegangen  m'ai'en, 
^et;enUber  gestellt  hatte.  Die  Aehnlichkeit  Beider  h'Ust  sie  als  Theile 
einer  grosstMi  Bewegung  der  (hilturwelt  zur  P'inheit  erscheinen;  ilie 
rebereinstinimung  ihrer  Ziolpuncte,  die  sich  schon  vor  (V>nstantin  an- 
g(>l):ihnt  hatte,  dauerte  nach  ihm  lange  genug,  um  sie  unlöslich  zu 
vt^'binden  und  die  früher  so  antagonistischen  Bezeichnungen  R<»mer 
und  Christ  gleichbedeutend  zu  machen.  ') 

Wähi'cnd  nun  die  Weltmonai-chie  durch  die  Stürme  der  Völker- 
wanderung und  der  nachfolgcMiden  Jahrhunderte  tliat.sächlic^,  weiui 
auch  nicht  der  Idee  iiJU'h,  gebrochen  wai'd,  blieb  die  Kinheit  des 
(Uaubens  unlterührt  erhalten.  Niemals  jedoch  hatte  die  christliche 
Religion  einen  heftigeren  Ktanipf  mu*s  Dasein  zu  bestehen,  als  gerade 
in  (heseii  Jahrh umhüllen,  wo  sie  sich  zur  Alleinherrscliaft  vorbereitete. 
Denn,  da  wir  wiss(»n,  dass  jegliche  Religion  ein  Erzeugniss  des  mensch- 
lichen (teistes,  kein  ülH'rnatürhches  Product  ist,  so  kaun  ihr  auch 
der  Kami)f  unfs  Dasein  nicht  ei^ipail  bleiben,  der  alle  menschlicfacn 
Institutionen  in  seinen  AVirk^l  zieht.  Zuei'st  war  der  Zwies|NUt  der 
Meinungen  zu  besiegen,  der  zu  zahlreichen  Secten  führte,  aus  denen 
endlii^h  der  Katholicismus  siegreich  hervoi'ging;  dann  wanl  die  christ- 
liche Religion,  gleich  allen  übrigen  Kultureinrichtungen,  tief  von  jenem 
( lähi-ungsprocesse  berülu't,  der  die  jetzigen  Nationen  Europa's  gebar. 
Um  niciit  unterzugehen  in  diesem  Kampfe,  wo  die  neuen  und  rohen 
KleuKMite  unbewusst  die  antike  Cultur  zu  einem  Zerrbilde  umgestalteten, 
nuisste  aucli  sie  sich  (>ine  aasgedehnte  VerheidnLschung  gefallen  lassen, 
deren  S])ur(Mi  noch  überall  erkenntlich  sind.  In  die  Hände  barbarischer 
Stänune  gemthi^n,  von  di(»sen  fortgepflanzt  auf  noch  tiefere  Horden, 
inusste  sie  sich  oft  mit  Aeusserlichkeitnii  begnügen,  die  dann  von  den 
unwisscaidon  Neo])hiten  für  das  Wesen  des  neuen  Glaubens  selbst  ge- 
lullten wurdiMi.  Sie  musste  sich  bctiuemen,  heidnische  Gebräuche, 
heidnische  (iöttcT  in  der  Form  v(m  heiligen,  christlichen  Ideen  in  sich 
auf/unehmen  und  sich  lu^gnügen,  diesellx^n  in  ein  christliches  Gewand 
zu  hüllen.  So  sind  Festtage,  der  Heiligen-  und  der  Marien  dien  st 
und  vieles  Andere  entstanden,  die  das  ursprüngliche  Christenthum 
nicht  kannte,  (iriechen  und  Römer  wussten  wolü  schon  von  der  Ver- 
heissung  (»ines  Welterlös(»rs,  auf  welche  der  eleusinische  Cultus  be- 
gründet ginvesen  sein  soll,  sicher  ist  es  al>er,  dass  es  schon  längst 
vor  dem  eigi'utlichen,  christlichen  Manendienst  einen  anticipircnden, 
vorläutigen  gegeben,  wie  der  von  Chartres  gewesen  sein  soll  Wir 
nieiniMi    die    zu    PiiUMieste    verehi'te    Fortuna  primigenia    mit    dem 


')  A.  ft.  0.    S.  0^ 


XatwtoUuc  n»<l  AiMbildaiic  Ut  pipsUiehea  KMhi.  225 

Jaiiiler  als  Siugling  im  Schoo6se,  deren  Colt  schon  von  alter  Zeit  her 
•ach  ia  Rom  bestand.  ^) 

Die  Materialisirung  oder  Yeräoäserlichung  des  Christcuthums  ging 
sAwohl  Yom  Oriente,  wie  schon  einmal  erwähnt,  als  auch  vom  Westen 
aos,  wo  halbbarbarische  Stämme  in  dem  Schoosse  der  Christenheit 
Aufnahme  fiinden;  in  Italien  selbst  wai'en  die  neuen  Ankömmlinge 
nur  sehr  unvollkommen  christianisii*t,  und  da  die  cliristlichon  Hischöfe 
und  lYiester  aus  keinem  besonderen  Teige  geknetet,  sondern  eben  der 
damaligen  Menschheit  entnommen  waren,  so  konnte  es  nicht  fehlen, 
dasA  die  Amalgamirung  der  Völker  auch  zu  einer  Amalgainirung  der 
religiöcfen  Ideen,  Auf&ssungen  und  Gebräuche  führte,  die  am  Ende 
\mi  den  menschUchen  Vertretern  d(T  Religion  sellwt  acceptirt  wurde 
und  von  ihnen  ausging.  In  diesem  gefährlichen  Kaiii])fe  um's  Dasein 
äoi^terte  sich  die  Kraft  des  ('hristentlmms  el)en  dadur(;h,  dass  es  die 
bcmcfaenden  Ideen  in  ein  Gewand  hüllte,  welches  den  Anforderungen 
der  damaligen  Zeit  entsprach.  Nicht  dass  die  lieinheit  des  Ursprung- 
Hdi  diristlichen  Gedankens  getrübt  ward,  sondern  dass  trotz  dieser 
Trflbung  der  Gedanke  an  sich  fort  erhalten  wurde,  ist  hervorzulieben. 
Und  dass  dem  so  war,  dass  trotz  aller  Entartung,  welcher  die  Religion 
zu  Zeiten  anheimfiel,  die  christhche  Idee  bis  in  die  Gegenwart,  man 
möchte  hsi  sagen,  ungeschwächt  fortlebt,  ist  eine  natürliche  und  noth- 
wendige  Folge  der  hierarchischen  Form,  welche  sich  schon  in  den 
frühesten  Epochen  des  Christenthums  nothwendig  erwiesen  hatte.  Diese 
hierardiische  Form  schuf  die  K i r c h e,  ein  durchaus  menschliches 
Institut,  aber  von  keinem  Glaubenssystem  weder  zuvor  noch  nachher 
enengt  Die  Kirdie  war  es,  die,  als  sie  sah,  wie  eine  Institution 
nach  der  anderen  um  sie  her  in  Stücke  ging,  wie  lünder  und  Städte 
dnrch  den  Einbruch  fremder  Stämme  und  die  sich  steigende  Schwierig- 
krii  der  Verbindung  von  einander  getrennt  wurden,  sich  bemühte, 
eine  religiöse  Genossenschaft  zu  bewahren,  indem  sie  die  kinhüche 
Oripmisation  durch  festere  Vereinigung  aller  auswärtigen  Verbindungen 
kriftigte. ')  Mag  man  über  Charakter  und  Tliaten  Gregor  d.  Gr. 
denken  wie  man  will,  so  muss  man  doch  U^kennen,  dass  er  mehr  als 
incend  ein  anderer  Bischof  gethan  hat,  um  Rom's  kiR.hliche  Macht 
za  trweitem,  und  dass  die  hiemrchisohe  Form  der  Kirche  allein 
MAnncm  seinesgleichen  das  Entfalten  ihrer  Wirksamki^it  omiöglichta 
Ans  dem  Kampfe  um's  Dasein,   der  christlichen  Idee  mit  Vernichtung 


1  LIII«nfeld.      Otdankt»    über    dif     Social  tri  $ne  mg  eh  a/t     der    Zul-ntt/t.      II.    Bd. 
ft.  IM-IM,  omIi  O.  Pr.  Dfturaer.    Der  Zuku^tfttiideaUümHn  der  Vortcelt.    1874  H.  13—17 
Ick    wlU  tel   di«««r  0«l^enheit   benKtrken,    da<*8  die   modrrnen  Au«griibungnn   tu  Rom 
mm  IC«^«iUa  •!••  Foriaii«-8Uta«  fton  d«r  Zeit  Trojans   oder  neinet  Nachfolgers  sa  Tag« 
k*b«B   oad  dar  JOagere  Visconti   sieh  für    bereehtiRt  hält,   eine  Reihe   vna 
ia  4«ff  Nähe  dea    heutigen  Bahnhofes  für   die  Reste   eines  Tempels   der  Forimttm 
s«  dautca.     Von  einar  dort  aufgefundenen  Ära  mit  Inrchrift  sagt  er:  81  trattm 
di  mm  mrm  dedicata  atta  Forluna ,  eol  hen  noio  umo  lüola  preneetino  dt  Prtmigenia, 
rW  ^mmlm  9€mim    imroeatm    «imA«    to  FoHmho  tuhUea    del  popolo    rowtam>.     (Bullettiitc  delia 
r^mtmia^imm  arehemtogicm  mmmMpole,     Roma  1872.     8*    H.  *ii)5). 
^  Brye«.    8.  M. 
V    Bellwald,  OUtorgaaehiahU.    9.  Aufl.    II.  1^ 


226  Religiöse  und  geistige  Entwieklung  dea  lflttel«1ton. 

flrolicnd,  pdnpc  also  die  Kirche  selbst  gekrüftigt  und  Rtftrker  denn  jo 
li(T\or,  zugleich  den  oluustliehen  Glauben  erhaltend,  indem  sie  ihn 
mit  kliig(T  Nachgiebigkeit  den  geistigen  Bedürfnissen  der  neuen  Be- 
keiiner  anjiasste.  So  biegt  die  Weide  sicli  nn  Sturme,  der  die  Mche 
zoi*si>littert.  Diese  Anjmssung  hatte  nm^h  eine  weitere  Folge.  Die 
Machtlosigkeit  des  ungebildeten  Geistes  der  neuen  Adepten,  die  chriHt- 
liclie  Idee  als  eine  Idee  zu  verwirklichen,  sprach  sich  deutlich  in  dem 
lieidnisclien  l^emühen  aus.  Alles  verköiiM»it  zu  sehen,  das  Gleichniss 
in  eine  Thatsac^he,  <lie  Lehre  in  die  wörtliche  Anwendung,  das  Sinn- 
bild in  eine  wirkliche  CVrenionic»  zu  verwandeln.  ')  Die  nftmlichen  Ur- 
sachen, welche  die  Verheichiischung  der  Keligion  einleiteten,  der 
nändiche  Tineb,  welcher  ii-tlisirhe  Madonnen  und  Heilige  zwischen  die 
Anbeter  und  die  Gottheit  einschob  und  seine  frommen  Gellkhle  sogar 
nur  durch  sichtlwii'e  Bilder  dersell>en  befriedigen  konnte,  welcher  die 
Sehnsuclit  und  die  Vei*suchungen  des  Mensclien  als  die  nnmittclbare 
Thiitigkeit  von  Kugeln  und  Teufeln  auffasste,  ward  auch  Veranlassung 
dass  (his  ganze  Gebüude  des  mittelalterlichen  Christcnthums  auf  der 
Idee  von  der  sichtbaren  Kirche  Iwruhte,  gleichwie  die  Idee  des 
neuen  römischen  Reiches  in  der  Herstellung  des  sichtbaren  Kekfas- 
ol)erhauptes  sich  verkörpert  e.  Diese  sichtbare  Kirche  konnte  im 
Mittelalter  keine  andere  (lestalt  annehmen  als  jene  der  Hierarchie, 
gegen  welche  in  dei*  (legenwart  die  Angriffe  aller  Jener  gerichtet  and, 
die  für  liberal  zu  gelten  sich  zur  Klirc  rechnen.  Wenn  sie  sich  jedoch 
(Lilx^i  triuin])hirend  auf  die  C'lassiker  der  deutschen  Nation  berufen*) 
und  hervorheben,  dass  es  kaum  eine  einzige  kirchliclie  Institution  gebe, 
UIkt  welche  man  bei  Schiller,  Goethe  und  Lossing  ein  schneidiges 
Urtheil  vergcblieh  suchen  würde,  wenn  Lessing  sich  nimmennehr  be- 
reden konnte,  ,.dass  eine  Maxime,  welche  der  päpstlichen  Hierardiie 
zuti-äglich  ist,  auch  dem  wahren  ('hristcnthumc  zuträglich  sein  könne", 
wenn  (loethe  meint,  ,,eine  Hierarchie  ist  ganz  und  gar  wider  den 
BegiilF  einer  echten  Kirche'%  und  wenn  endlich  diese  Meinungen  seit- 
her um  sich  geglitten  und  (liäubige  gefuud(ni  halben,  so  wird  der  vor- 
urthcMlslose  Foi^scher  sich  doch  weder  durch  die  W\)rte  so  herrorragender 
Ideali.stcMi,  wie  es  (li(»  g(Miannt.(>n  Dicht eifüi'sten  sind,  blenden  noch 
durch  cijis  G(»schrei  drT  Menge  bein-en  lasscMi  düifen.  ¥x  wird  zuni&chst 
fragen,  was  denn  (MgiMitlich  das  .,wahre"  Christeuthum,  was  eine  ^echtfl" 
Kirche  s<>i  und  erkennen,  dass  di(\se  Begi'iffe  völlig  subjcctiver  Natur 
^incl  und  keinen  Massstab  zu  einer  culturg(*schichtlichen  Ik^urtheilnng 
ab^rrben  köunrn.  Das  wahre  Christeuthum,  die  echte  Kirche  sind 
Jeweils  jene,  wehhe  die  Zeit  selbst  erzeugt,  und  es  ist  völlig  undenkbar, 
iliiss  die  iKliistliclu;  Hierarchie  hätte  erstellen  mid  sich  cntwickdn 
k()]inen,  wenn  dies(,>s  Krstehen,  dies(i  Kntwicklung  dem  zuwider  gewesen 
wäi'c,  was  man  in  jener  Zeit  als  wahres  Christenthum,  als  echte  Kirdie 
ansah.  Disshalb  wird  die  sichtbare  Kirche  in  ihrer  jeweiligen  Form 
auch  st(;ts  für  die  wahi*stc  Kepräscntantin  des  „waliren"  Chrifitenthoms 

')  A.  ft.  O.     S.  CO. 

*>  Z.  H.  in  tlnm  Aufitetze:  Clanniktr  und  Cleriktr  ia  der  Ntuwm  frH^n  IVifM«   voa 

'2d.  Aiigii4t  läT;l. 


■■HrUlEhH«  «sd  Amttliaai«  4«r  piptt1i«b«B  ll*^t  227 


ffdien  mflflwn,  nlmlidi  jenes  Christenthnms  (respective  gegenwärtig 
KatholidflnDs)  wie  es  die  weitaas  grösste  Menge  seiner  Bekenner  aof- 
fiunt  nnd  auslegt 

Die  Zierde  und  Statzc  dieser  sichtbaren  Kirche,  die  im  Papst- 
thame  ihren  Ausdruck  ftmd,  war  nun  die  Priesterschaft  und  durch 
^^e,  in  der  sich  Alles,  was  in  Europa  an  Wissenschaft  und  Geist 
Ohrig  geblieben,  vereinigte,  wurde  die  zweite  grosse  Idee,  der  Glaube 
an  eine  allumfiissende  weltliche  Staatsgemeinschaft,  an  die  Welt- 
monarchie,  erhalten.  Weit  entfernt,  im  VII.  und  VIIF.  Jahrhundert 
d«T  Staatsgewalt  feindlich  gesinnt  zu  sein,  wohin  er  im  XII.  und 
Xlll.  Jahrhunderte  gelangte,  war  der  (lerus  vielmehr  vollstündig 
davmi  flberzeugt,  dass  die  l*>ha]tung  des  Staates  für  seine  eigene 
WiihlftJurt  nothwendig  sei  Es  besteht  ein  unläugbarer  Zusammen- 
hang zwisdien  Papstthum  und  Kaiserthum;  die  realistisclie  Philosophie 
imd  die  ZeitbedQrfnisse  verlangten,  da  der  Begriff  von  bürgerlicber 
oder  religiöser  Ordnung  einzig  in  der  Unterwerfung  unter  die  Gewalt, 
^  aUeiiiigen  Zochtmeisterin  unreifer  Völker,  bestand,  dass  das  Welt^ 
reich  eine  Monarchie  sei;  die  Ueberlieferung  wie  die  Fortdauer  gewisser 
Rnirkhtiingen  gaben  dem  Monarchen  den  Namen  eines  römischen 
KaiKTB.  Ein  König  konnte  nicht  Weltbeherrscher  sein,  denn  es  gab 
Bodi  mehrae  Könige,  der  Kaiser  musste  es  sein,  denn  es  hatte  nie 
■efar  ab  einen  Kaiser  gegeben;  der  Sitz  seiner  Macht  wurde  dem 
dei  geistlidien  Selbstherrschers  der  Christenheit  an  die  Seite  gestellt 
Wie  GoU  inmitten  einer  himmlischen  Hierarclüe  selige  Geister  im 
Piamdieae  regierte,  so  beherrschte  der  Papst,  sein  Vicar,  erhöht  Qber 
Prieatar^  Bischöfe,  Metropoliten,  hier  unten  die  Seelen  der  sterblichen 
Aber  da  Gott  Herr  des  Himmels   und   der  Erde   ist,   so 

dnrch  einen  zweiten  irdischen  Statthalter,  den  Kaiser,  ver- 
trKen  sein,  denen  Macht  von  dieser  Welt  und  für  das  gegenwärtige 
lieben  sein  soU.  Und  da  in  dieser  Welt  die  „Seele"^  nur  vermittelst 
des  Körpers  eine  Thfttigkeit  entfalten  kann,  während  der  Körper 
jf^doefa  nichts  weiter  als  ein  Werkzeug  und  ('in  Mittel  für  die  Offen- 
baraagen  der  Seele  ist,  so  wird  für  die  Konnr  d(*r  Menschen  eine 
dnrlie  Obhot  und  FQrsorge  wie  für  ihre  Seelen  «'rfonlert,  aber  stet« 
■it  der  Unterordnung  unter  die  Wohlfahrt  Desjoni^en,  welches  das 
ReiBfre  ond  Dauerndere  ist.  Der  Natur  und  dt^m  Unifan««»  nach  ist 
ako  die  Herrschaft  des  Papsti^s  und  dtn«  Kaisers  diesell)<\  indem  sie 
«rfa  nnr  in  ihrem  Wirkungskreise'  unterscheidest  und  ist  es  gleichgültig, 
ob  wir  den  Papst  einen  geistlichen  Kaiser  oder  den  Kaiser  einen 
velÜirlieD  Papst  nennen.  Eben  so  wenig  geht,  obwohl  die  eine 
TkitiRiu>it  der  anderen  untergeonlnet  ist,  die  kais«»rli(rhe  Macht  von 
dnr  piprithchen  ans,  denn  (fOtt  als  Herr  der  Enlr  ülNTtriigt  sein  Amt 
aof  den  Kaiser.  Feindschaft  zweier  Diener  desselben 
iii  aber  onbegreifhch,   da  sie  verpflichtest  sind,   einander  bei- 

nnd  zu   fMem,  da  das   Zasammt*ngehen  Beider  in  Allem, 
die  Wohlfiihrt  der  Christenheit  besonders  angeht,  nothwendig  ist  •) 

15* 


228  RttllgiÖM  und  geistige  Entwleklang  det  MltUUlton. 

Diese  Aiischauuiigeu  waren  es,  welche  das  PapstUmm  und  das 
Kaisortliuni  gleichzeitig  entwickelten.  So  lange  es  noch  keinen 
Kaiser  gab,  war  die  Madit  des  römischen  Bischof)  freilich  noch  gering 
und  in  ihm  Kampfe,  welchen  Kirche  und  Glauben  um  ihre  Existenz 
damals  zu  fulinin  hal>en,  sehen  mr  ilm  als  das  Ilaupt  der  Kirche 
si<ii  klugerweise  der  Gewalt  der  fränkischen  Herrscher  eben  so  fügen, 
wi(;  die  It(>ligiou  selbst  sich  gegen  die  Aufnahme  heidnischer  B^riffe 
duldsjiin  zeigte.  Als  dann  gerade  die  Einführung  dieser  heidnischen 
J ^'griffe  zur  Aufstellung  einer  sichtbaren  Kirche  und  eines  sieht- 
baion  Keicbes  geführt  liatten,  trat  die  Kirche  auch  allenthalben 
dem  Iteiche  stützend  zur  Seite  und  das  lleich  betrachtete  sich  natur- 
gcinäss  als  Schützer  der  Kii'che.  Schon  Karl  d  Gr.  &88t  seinen 
kaiserli(ii(;n  Beruf  wesentlich  als  religiösen  auf.  Die  Eroberung  ist 
üb(>rall  auch  Bek(>hrung;  wohl  dient  umgekehrt  die  Auslnreitung  der 
christlichen  Lehre  auch  zur  Befestigung  der  Herrschaft,  aber  das 
(M>te  leitende  (iefühl  ist  doch  stets  der  Gedanke,  dass  der  Kaiser  der 
lleiT  des  ludkreises  und  der  Wächter  des  echten  Glaubens  auf  Erden 
s(>i;  die  Ii(>ligion  wmde  füi*'s  Ei-ste  als  Gebot,  als  Herrschaft  Gottes 
geüisst,  und  wer  nicht  die  rechte  Ileligion  hatte,  als  KebcU  gegen  die 
j\Iaj(\stät  des  Herrn  veifolgt.  ^) 

Win  die  wir  k(iine  Nöthigung  empfinden,  der  Religion,  dem  Papstp 
thum(>  und  der  kaiserlichen  JVIacht  göttlichen  Ursprung  zuzuschreiben, 
die  wir  die  „Seele'^  für  eine  Ausgeburt  der  Phantasie  und  dwnnadi 
die  Sorge  um  das  Heil  eines  gar  nicht  existu:*enden  Dinges  ffür  über* 
flüssig  lialten  müssen,  erkennen  das  Papstthum  für  eine  rein  mensch- 
liclu;  Kinriehtung,  aus  den  o\m\  angedeuteten  Ursachen  hervorgewaduen, 
unrl  sind  daher  im  Vorliinein  überzeugt,  dass  dasselbe,  wie  jede  Insti- 
tution, dem  elua-nen  Gesetze  der  Entwicklung  unterw(ufen  sein  muasta 
lOntwicklung  aber  ist  Wandel,  allmähliger,  unmerklicher,  erst  nach 
längeren  Zeitabs(*hnitten  walu*nehmlKirer.  Diesem  Wandel,  dem  auch 
die  niensehlichen  Ideen  unterliegen,  ist  es  zuzuschreiben,  dass  das  Ver- 
bältniss  zwischen  Papst-  und  Kaiseilhum  im  Laufe  der  Jahrhunderte 
in  das  (iegentheil  dessen  verkehrt  ward,  was  es  ursprünglich  geweaea 
Der  Bruch  mit  der  (rrundidee  des  Mittelalters,  welcJie  zum  Helle  der 
Christ HcIhmi  Welt  die  beiden  Gewalten  geistig  mit  einander  verbaadi 
war  nach  beiden  S<Mten  hin  venhu'blich;  die  Vernichtung  der  attei 
Weltordnung  tmf,  wenn  gleich  nicht  in  gleichem  Masse,  Papstthum  wie 
Kais(>rthum.  Doch  (Twies  sich  die  Idee  des  Papstthums,  schon  um  dfll 
geistigeren  KIement(*s  willen,  als  die  leliendigerc  und  nachhaltigen. 
Kine  piiss(>nde  IlandlialM;  zu  di(;sem  Bruche  gab  die  damals  allgememe, 
^ell»t  h(>ut(>  noch  nieht  ülKTwundene  Vorstellung  von  der  Unterardnong 
des  Leiblichen  unter  «Lls  (i(istige,  d.  h.  in  die  Sprache  dos  X. — XIIL 
.)abrbiind(>rts  übeisetat,  des  Weltlichen  unter  (hü  Geistliche,  weldies 
/UMiiruniiitiel  mit  dem  Kirchlichen.  Fügen  wir  hinzu,  da«  dieecr 
(ie^f^nsatz  in-alt  ist,  so  alt  wie  die  Menschheit  seihst  und  stets  denseibea 
Macht  st  reit  hervorgerufen  hat.    Sehr  wahr  sagt  desshalb  ein  modaver 

')  Hybel.     A.  a.  0.     8.  S— 9 


Batwleilaag  ud  AatbUivBC  der  pipttUehen  ÜMki.  229 

SUatdenker:  ^  fet  der  Machtstreit  zwischen  Königthmn  und  Priestcr- 
thmn,  der  Maditstreit,  der  viel  ftiter  ist,  als  die  »scheinung  unseres 
l->k)eerB  in  dieser  Welt,  der  Machtstreit,  in  dem  Agamemnon  in  AuHs 
mit  seinem  Seher  lag,  der  ihn  dort  die  Tochter  kostete  und  die 
ttriecben  am  Auslaufen  verhinderte,  der  Machtstreit,  der  die  deutsche 
<te!)diichte  des  Mittelalters  his  zur  Zersetzung  des  deutschen  Keiches 
f-rfUlt  hat  unter  dem  Namen  der  Kämpfe  der  Päpste  mit  den  Kais(^ni."') 
S>  lange  freilich  Ansehen  und  Macht  der  Pä]>ste  gering  waren,  konnte 
dieser  Gegensatz  nicht  zum  offenen  Streite  füllen,  er  war  alwr  l)c- 
sUn<l^  so  zu  sagen  latent  vorhanden  und  drückte  sich  in  der  aner- 
kannten  Uehennrdnung  der  Kirche  tiher  die  weltlichen  Dinge  aus. 
Nacbdem  aber  die  Kirche  an  der  Hand  des  Reiches  erstarkt,  wie 
ojngekehrt  dieses  mit  Hülfe  der  Kirche,  nachdem  die  Suprematie  des 
irriütlicfaen  Oberhirten  zu  Rom  durch  weltliche  Schenkungen  aus  der 
Hand  der  Kaiser  ihre  Weihe  emp&ngen,  musste  auch  der  Augenblick 
kommen,  wo  die  Kirche  versuchen  würde,  ihre  principiell  anerkannte 
reberurdnang  zu  einer  tliatsftchlichen  zu  machen.  ]3ei  der  ersten 
Weigening  der  weltlichen  Machthaber,  dieser  Suprematie  sich  zu  fügen, 
machte  der  innere  Gegensatz  Ik?ider  zum  offenen  Machtstrcit  fuhr(»n. 
lüeites  Ziel  der  [»äiMtliclien  Macht,  die  Unterwerfung  der  weltli(!jicn 
ifcwah  unter  die  geistliche,  ist  zugleich  ein  eminent  jK^litischer  Zweck, 
ein  Zweck,  der  i^eich&Us  „so  alt  ist  wie  die  Menschheit,  denn  so  lange 
hat  e»  auch,  sei  es  kluge  Ixjute,  sei  es  wirkliche  Priester  gegol)en,  die 
die  Behauptung  aufstellten,  dass  ihnen  der  Wille  Gottes  genauer  l)e- 
kannt  sei,  ab)  ihren  Mitmenschen,  und  dass  sie  auf  Grun<l  dieser  Ik*- 
haoplsui?  das  Rocht  hfltten,  ihre  Mitmenschen  zu  beherrs<'hen/^  ^j 

Worauf  es  mir  liau])tsftchlich  ankam  war  zu  zeigen,  wie  einerseits 
KirriiG  and  Papstthum  mit  dem  Kaiserthum  in  innigem,  innerem  Zu- 
«aunmeuhange  standen,  anderentheils  wie  gera<le  dic^ser  Zusaniinenliang 
za  gpwaHflamen  C7onilicten  fthren  nmsste.  Eines  war  so  natürlich  und 
«nanifweidilich  wie  das  Andere;  die  Menschheit  l>ewegt  sich  stets  in 
Widerxprflchen,  der  Widerspruch  selbst  alKT  Ri)ringt  aiw  natürlichen 
Motiven  hervor,  ist  von  der  Natur  gegel)en.  Dies  ist  so  wahr,  dass 
dFTftelbe  Streit  noch  die  Gegenwart  in  heftigster  W(»ise  l)ewegt  und 
die  fvltiirwelt  in  alle  Zukunft  l)ewegen  wird,  wenn  auch  dereinst  Pa]>st- 
tknm  and  (liristenthuin  zu  den  g<>w('senen  Dingen  /ühlen;  es  ist  der 
Streit  zwischen  Physis  und  Psyche,  die  im  Wesen  Eins,  in  dfT  Er- 
«ciirinanK  zwei  sind  Er  wünle  aufliön*n,  soluild  die  Einheit  Keider 
nkannt,  in*s  allgemeine  Rewusstscin  dränge.  Seitdem  Menschen  «hinken, 
14  ili*9»e  ansrhfttzliare  Erkenntniss  stets  nur  Wenigen  iK^si'h^M^rt  gewes(»n 
■nd  vrnn«»hte  die  Massen  nie  zu  en)lK»m;  lieut/utage  rechnen  (»s  sich 
<ip  Jieiften  KApfe"  zur  Ehre  an,  gegen  den  von  der  Wissenschaft 
mit  anwitb-rhifliclier  Kraft,  gelehrten  Monismus  zu  Felde  zu  ziehen 
■wt    für  «i«'n  Ihialütmus   als   für    die  V^rtheidigun«^  der  <Mli]st(*n  (iüter 


*)  i'«rii  Blta*rek*«  Rtde  vom  lU.  Mira  1873  im  königlich  prau8ti«eh«ii  H«rrcii- 
}  A.  ft.  O. 


2i)0  BeligiöM  and  geistige  Entwicklung  des  MitteUltan. 

unseres  Gesclilechtes  zu  kämpfen.  Dies  ist  die  Nothwendigkeit  des 
inonscbliclieu  Irrthunis;  der  Machtstreit  zwischen  Papst  und  Kaiser  war 
nichts  anderes,  als  der  durch  die  Nothwendigkeit  des  Irrthums  bedingte 
Widerspruch  zwisclien  Physis  und  Psyche  iu's  Mittelalterliche  übersetzt 

Wer  mit  vorurtlieiltüoscm,  von  den  Vorgängen  der  Jetztzeit  unge- 
trübtem Auge  die  einzelnen  Phasen  dieses  langwierigen  Kampfes  aber- 
scliaut,  wird  crkonneu,  dass  Gregor  VII.,  so  gewaltig  und  ebrfürcht^ 
gebietend,  doch  weder  der  Begründer  noch  der  erste  Vertreter  jener 
Doctrinen  einer  absolaten  Oberhoheit  der  geistlichen  Herrschaft  war, 
welche  so  weit  ging,  zu  erklären,  dass  der  Papst,  der  Verleiher  Yoa 
Kronen,  auch  enttlironen  könne.  Lange  schon  vorher  hatten  diese 
Ansichten,  durchwebt  mit  seinen  wesentlichsten  Lefaron,  einen  Tfaeil 
des  mittelalterlichen  Christenthums  gebildet  Aber  Grqgor  war  der 
Erste,  der  es  wagte,  sie  der  Welt  gegenüber,  wie  er  sie  fand,  zur  An- 
wendung zu  bringen.  Dass  er  dies  wagte,  ist  in  der  ¥rachsenden 
Neigung  zur  kirchlichen  Richtung  in  der  damaligen  Gesellsdiaft  begrOndet, 
wovon  die  Kreuzzüge  ein  Beis])iel  geben.  I*jn  Wunder  ist  es,  nidit 
dass  man  den  Päpsten  gehorchte,  sondern  dass  man  ihnen  nicht  un- 
bedingteren Gehorsam  leistete.  ^) 

Da  nun  dem  unerschütterlichen  Gresetze  der  Entwicklung  znfblge 
jeder  Zustand  nur  erreicht  wird,  um  wieder  verlassen,  Oberwunden  zu 
werden,  so  war  natürlich  auch  die  grössto  Machtftille  des  Papsttlinmes 
an  eine  relativ  kurze  Zeitspaime  gebunden,  nach  welcher  sein  Ansdien 
und  Glanz  wieder  erblassen  mussten.  Unnöthig,  zu  bemeriicn,  diSB 
dies  Sinken  der  päpstlichen  Macht  mit  dem  Wandel  der  Ideen  in  Bemig 
auf  Keligion  in  innigster  Verbindung  stand.  Bei  allen  Völkern  und  za 
allen  Zeiten  -  auch  im  classischen  Alterthume  —  war  eine  EncbQt- 
terung  der  Keligion  mit  dem  Sinken  des  priesterlidien  Ansehens  und 
lungekehrt  verknüpft;  bei  ni(motheistischen  Keligionssystemen  —  die 
sich  als  ,^eofibnl)artc'^  ausgeben  —  ist  dies  natürlich  noch  mdir  der 
Fall,  am  meisten  beim  Christen thume,  dem  der  Kampf  um'a  DtaseiB 
eine  hierarchische  Fonn  sein(*r  Priesterschaft  au^enöthigt  hat  Hier 
ist  mehr  deim  irgendwo  Kirche  und  Glaube  identisch  und  man  kian 
die  Eine  nicht  ohne  den  Anderen  schädigen.')  Die  heutzutage  so  be- 
liebte Trennung  der  Begi*iffe  von  Kirche  und  Religion  ist  treiTlidi  flkr 
alle  Jene,  welclie  auf  Untergmbung  des  Glaubens  sinnen,  es  sdilift 
aber  der  cuitui-gescbichtlichen  Wahrheit  ins  Gesicht  zu  behaupten,  man 
strebe  nach  Vernichtung  der  priesterlichen  Macht  und  zugleich  nach 
Erhaltung  der  It(.>iigion.  Die  ersten  Versiiclie  selbständigen  Denkem 
bei  den  europäischen  Völkern,  welche  die  Walurheit  des  bisher  so  IM 
(Geglaubten  in  Zweifel  zu  ziehen  wagten,  mussten  die  Geister  von  dem 
.loche  der  Priest erheri*schaft  zu  entziehen  versuchen  und  damit  die 
(irundv(^sten  ihrer  Macht,  ihr  Ausehen  erschüttern. 

*)  Bryce,  A.  a.  O.     ü.  116. 

*)   Hehr   richtig  und  wahr  »agt  dor  in  Milwaukeo  orteheineAde 
11.  Jnni  1876  B.  6:   „Die  Kirehe   aniugreifen   und   lugleleh  i«   UgtBf 
gegen  die  Religion,    wie  das  beBonders  von  den  deutecheo  und  flttnT«|i 
kämpfern  betont  wird,  halten  wir  für  eben  so  unehrlich  ala  frnehtloa.* 


»■tutolilin  «Bd  AuMlAiuig  Ut  pipitlkhtB  Xadlt  281 

Wie  man  sieht,  w»r  es  also  die  nfimlidie  Ursache,  welche  zum 
AdsUui  uod  in  weiterer  Folge  zum  langsamen  Einbrüche  der  päpstlichen 
Macht  Veranlassung  gab:  der  Wandel  in  der  Gesinnung  der  europäischen 
Men^Hchheit  Später  werde  ich  in  Kürze  erzälilen,  was  diesen  Wandel 
hcnorbrachte:  hier  genügt  es  zu  erkennen,  dass  das  Pa])sthum  im 
volk^en  Einkhinge  mit  der  jeweilig  erreichten  geistigen  Entwicklung  der 
europäischen  Menschheit  stand.  Es  herrschte  über  Kaiser,  Könige  und 
Völker  seinerzeit  mit  dem  gleichen  Rechte  als  es  heute  auf  den  Vatican 
beschränkt  ist,  seine  liannflüche  wurden  mit  dem  gleichen  Rechte  be- 
filrditet  als  sie  heute  mitleidsvoll  belächelt  werden.  Eine  culturhistorische 
Wünügong  des  Papstthums  kann  aber  nicht  zu  seiner  Yerurtheilung 
leiten,  vielmehr  hat  dasselbe  der  allgemeinen  Culturentwicklung  unzweifel- 
hafte Dienste  geleistet  Bekanntlich  stellt  es  sich  als  der  sichtbare 
Aoailmck  für  die  hierarchische  Form  der  Kirche  dar.  Diese  hierarchische 
Funu  ist  aber  die  Waffe,  die  der  Eccletna  nnlitana  zur  Zeit,  als  sie 
eine  solche  noch  thatsächlich  war,  den  Sieg  im  Kampfe  um's  Dasein 
sicherte.  Die  systematische  Aasbreitung  des  Christenthums,  die  kein 
atiden's  Glaubenssystem,  selltst  nicht  der  Islum,  in  gleichem  Grade  auf- 
zuw<i>en  hat,  war  ein  Werk  der  Kirche  und  ennöglicht  durch  ilu'e 
t>nQini2ration.  £uroi»a's  Christianisiioing,  so  roh  sie  auch  vor  sich  ging, 
war  aU.*r  (Üe  nothwendige  Grundlage  zur  heutigen  Culturentwicklung; 
ftie  schuf  durch  den  (tlaubenszwang  jene  geistige  Einheit  der  Völker, 
dlie  ohne  sie  in  Abgeschiedenheit  und  damit  auf  tiefer  Stufe  stehen 
gcMielien  wären.  Nur  wer  den  I^weis  zu  erbringen  vermöchte,  dass 
auch  ohne  Christenthum  die  rohen  Stämme  Europa*»  das  geistige  Binde- 
mittd  gi^unden  liätten,  welches  den  Aufbau  einer  gemeinsamen  Cultur 
ermöglidite,  dürfte  die  Bedeutung  des  Christenthums  vornehm  ignoriren. 
Su  laiiKe  solcher  Iksweis  nicht  vorliegt,  ist  wohl  dem  Christenthume  und 
|Qui/  birsouders  seiner  Kirche  das  Verdienst  zu/us])rechen,  zuerst  ein 
Iknd  tier  Vereinigung  ftU*  die  losen  Volksstünnue  gesirhaffen,  dann  diese 
im  \«Teine  mit  der  alisoluten  llerrschergewult  gewaltsam  in  das  Joch 
des  (ieliorsamH  gezwängt  zu  haben.  Und  dieses  Jik'Ii  war  ein  üljeraus 
«ulilthätigCH.  D(>nn  da  es  eine  al>solute  Freiheit  nicht  gibt,  da  vielmehr 
Alles,  was  sich  der  al)soluten  Freiheit  nähert,  auf  thierische  Zustände, 
auf  ni(^inf:;<'re  (Ufsittungsstufeii  /ui*ückfülirt,  da  endlich  die  Freiheit  „die 
wir  nwin^'n^  wie  sie  gegenwärtig  das  Streben  der  Aufgeklärten  bildet 
nit  «h*ni  Vendchte  auf  den  eigenen  Willen  und  die  Unterordnung  unter 
die  \oü  iler  (lesammtheit  gegelienen  Ges<>t/e  beginnt,  so  ist  d(T 
(tetwifKain  der  noüiwendige  (irundpfeiler  aller  staatliehen  iuitwicklung. 
Üi»x*u  d«*n  roh(*n  unbändigen  Europäern  zu  lehren,  trug  die  Kirche 
MÄcbtig  lM*i;  und  mibillig  ist  es,  ihr  vor/u  weifen,  sie  hätte  uiuseren 
Wfittli4*il  in  geistige  Nacht  versetzt,  denn  \m  den  N'ölkern,  die  sie  l>e- 
l^TT^:hte.  kitte  es  zu  tagen  n(K'h  nie  l»egonnen.  Das  Verbreiten  wi.ssen- 
•i-ii.iflli<'iRT  K^'untnisM^  wäre  ilnuMi  noch  völlig  nutzlos  gewesen,  ihr 
^uct'iMUi^-lw'r  (teist  hätte  sie  so  wenig  erfasst  al>  ein  zweijähriges  Kind 
dir  l>.*hrsitze  der  hpliärischen  Trigonometrie  b(*greifen  kamt  Ue)>erall 
haU'ii  wir  «lie  \Vissens<*liaft  als  eine  Spätfruclit  der  Cultur  erblickt, 
».!.1j«t  Kun>t   und  in  der  Literatur  l'oesie  v(»ranzugehen  ])Hegen.     So 


232  Bollgiöee  und  geistige  Entwieklang  des  MitteUlten. 

auoli  hior,  und  es  goroiclit  zum  iinansspreclilichen  Vordienste  der  Kirche 
und  spcH'ipll  dos  Papstthunies,  dass  es  schon  fi-ühzeitig  ein  Bttmlniss 
mit  der  Kunst  einf^ing.  Die  Ptlepe  der  Musik  zog  schon  früh  die 
Aufnierksanikoit  violcr  fn^osson  (leist liehen  auf  sich  und  Gregor  cL  Gr. 
srliuf  d(?n  t^llon  riiniischcn  nacli  ihm  hcnannten  Gesang,  der  in  Walir- 
hrit  als  die  (Jrnndhij^(^  alles  (irosscn  und  Erhak»nen  in  der  neueren 
Musik  hczrii'linet  >v(>rd(Mi  ist.  *)  Mit  der  Annahme  des  Bilderdi(»nstes 
trat  au<h  die  iMalerei  in  ihn»  Kochte,  die  als  vorwiegend  christliche 
Kunst  in  der  Nilhe  dos  julpst liehen  Thrones  ihre  prangendsten  BlÜthen 
oiitfalton  sollte.  Tnd  dieses  Bündniss  mit  der  Kunst  hat  durch  Ent- 
wilderung  der  noch  lialhrohen  Menschen  fllr  die  allgemeine  Cnltur- 
ontwicklung  sicherHch  mehr  gethan,  als  etwa  das  Lesen  des  Aristoteles 
hei  Friesen,  Sachsen  und  Wenden  geleistet  hahen  würde. 

Als  nach  Erfüllung  dieser  Aufgal)en  Papstthum  und  Kirelie  dem 
woltlichon  Kaiserthunu?  feindliche  Bahnen  l)eschritten,  ist  es  noch  immer 
nicht  am  Tlatzi»,  von  ,.vei*schmitztor,  tückischer  und  consetpienter 
riaiforoi''  zu  roden,  donii  Pai)st  und  Kaiser  thaton  nur,  was  da  kom- 
iiiou  mu<ste.  I'nd  so  wie  Alles,  was  hostoht,  werth  ist,  dass  es  zu 
Grunde  geht,  liegt  os  doch  andererseits  im  Ui"grunde  jedes  Dinges,  soiii 
Dasein  zu  b(*wahroii.  Kaisorthum  und  Papstthum,  sie  fochten  Beide 
um  ihre  Existenz,  indem  sie  imi  die  ll(»rrschaft  rangen,  denn  im  lielien 
dfr  Völker  wie  der  Ideen  und  Institutionen  ist  der  Kampf  um's  Dasein 
fa^t  immer  ein  Kam]»f  um  die  Herrschaft.  Dass  der  endliche  Sieg  anf 
Seite  der  weltlichen  Macht  verhlieh,  dass  das  Geistesjoch  des  ]>fl]>stlichf]i 
( )beiliirten  gohroch(Mi  ward,  ist  der  Stolz  spüterer  G(»s<?hk»chter  gewor- 
den; allein  diosei-  zweite  Culturgewinn,  der  Si(»g  der  weltlichen  Macht 
über  die  Kirche  wäre  ninuner  möglich  gewesen,  ohne  den  vorangehen- 
den Sieg  der  Kirche  üIkt  den  menschlichen  (ieist.  Sellwt  Canossa  fÖgt 
als  nothwendiger  Stein  in  den  Bau  unserem  Cultur]»alastes  sich  «n, 
denn  der  Sieg  der  ]>ili)stlichon  Gewalt  ül)er  tlie  weltliche  lieknndet  ein 
/«•italtor  des  (Jlauhcns,  ohne  welchen  er  unmöglich  gewesen  wftre. 
Drnn  nicht  nur  der  Gehorsam,  auch  der  Cilaulie,  der  feste  blinde 
(ilaulx;  gehört  zu  den  nothwondigen  PrilmissiMi  der  (-i\ihsation.  Ohne 
diesen  (Jlaubon  wilro  niemals  die  Skejjsis  erwacht,  der  Aasgangspnnd 
aller  AVisseiisehaft.  Ehe  etwas  bezweifelt  wird,  muss  es 
g  e  g  1  a  u  b  t  wer  d  o  n. 

Ich  halx»  mich  bemüht,  freilich  nur  so  oljerflächhch  als  der  knappe 
l!aum  es  gestattet,  den  ('ulturw(n*th  des  Papstthums,  der  Kirche  und 
df's  Christenthums,  dieser  trui  junrta  in  uno,  anzudeuten,  seine  be- 
deuteude  Kollo  in  der  Culturentwickluiig  zu  jirilcisirt^n.  Als  mensch- 
liches Institut  kaini  os  auf  Vollk<»mmoidieit  keinen  Ansprm^li  erheben; 
sein  Culturwerth  wird  jedoch  nicht  durch  die  liaster  und  Flecken  ge- 
trübt, womit  sich  Einzi'lne  behandelten.  Papstthum,  Kin^hc  und  (linsten- 
thum,  in  Wahrheit  unzertrennlich,  waren,  eben  weü  Menschen  und 
durchaus  m^Mischlich,  was  die  Zeiten  wan?n  und  darin  liegt  die  Gewähr, 
dass  sie  keine  anderen  Ea^^ter  und  Fehler  hal>en  konnten.     Desshalb 

•}  Drap  er.     A.  a.  O.     ö.  272. 


S«IUKm>  der  SekoltftiV.  283 

'  k*  nicht  jene  Ansicht,  welche  ans  der  Biographie  der  Päpste 
Werth  des  Papstthunis  abzuleiten  sucht.  Üem  Missbrauch  ist 
inthch  jedes  menschliche  Ding  ausgesetzt,  gerade  weil  es  mensch- 
ist; und  aus  dem  Vorkommen  lasterhafter  Pftjjste  den  menschlichen 
rang  des  Institutes  darthnn  zu  wollen,  hcisst  wohl  Eulen  nach 
B  tragen.  Es  hat  Scheusale  auf  dem  pftpstlichen  Stuhle  gegeben, 
auch  VjUe  und  Tugendhafte.  Nicht  die  Personen  der  Pftpste  sind 
i»''rOrhte,  woran  das  Pa|)stthum  zu  erkennen,  sondern  seine  all- 
Inen  licistungen.  Die  Scheusslicbkeiten  einer  Marozia  feilen  stets 
die  Zeitgenossen  zurück,  welche  sie  duldeten;  sie  gestatten  nur 
I  Scbluss  auf  die  allgemeinen  socialen  Zustände;  eben  so  wenig 
flkh  aus  den  Niederträchtigkeiten  gewisser  republikanischer  Präsi- 
n  Werth  oder  Unwerth  der  Republik  ableiten;  man  kann  daraus 
itens  auf  das  Volk  schliessen,  welches  solche  Männer  an  seine 
p  stellt;  Werth  oder  Unwerth  der  Staatsform  wird  an  ihn»n  all- 
inen  C^ilturleistungen  erkaimt,  worfllxjr  stets  erst  die  Nachwelt 
eh  zu  Gerichte  sitzt. 


Zoitaltor  der  Scholastik. 

Die  fortlaufende  Culturentfeltung  kennt  krine  Grenzen  zwischen 
'faüter  und  Neuzeit  el)en  so  wenig  als  zwiscb«'n  Altertlium  und 
Uter.  Der  üeberganj?  aus  dem  einen  Zeitalter  in  das  andere 
puiz  unmerklich  statt  und  ward  wie»  jede  andere  ('ulturi)base  von 
I,  nicht  v(m  ol)en  aus  angelKibnt.  U('l»erschaut  man  den  Cultur- 
I  bis»  auf  die  Gegenwart,  so  gewahrt  <las  Auge  ülM^rall  die  innigste 
!>ttang  von  Ereignis«  zu  Ereigniss,  von  Phiin(»men  zu  Pbänomen; 
rfrr   die    Fors<'hung   in    die   dunkeln    (leschichtspartien    (Miidringt, 

unerwartetere  Auf<(rblüsse  bringt  sie  ttlxT  den  Zusammenbang  der 
iliw  im-oberentesten  Dinge;  nirgc»iul<  best(?bt  eine  Lücke,  ülwrall 
'anmlconnex,  df»ssen  Nacliweis  für  di(»  ncM*b  unergründeten  ('Ultur- 
Fnnnngcn  nur  nu-br  eine  Fnige  der  Zeit  ist.  Dit^ses  gesetzmilssige 
phreitcn  der  Fjitwicklung,  dir  logiscli  notbwendige  Aufeinanderfolge 
'ohuridiasen  wäre  alKT  undenkbar,  uimiöglicb,  wenn  es  v<m  dem 
im  eines  Einzelnen,  \(m  sein<T  Willkür  je  al)gebangen  hätte,  der 
rf-nt wirklang    diese   (wler  jene  Hicbtuiig    zu    geben,   (Kler   sie   am 

gar  zu  untenlrüeken.  Einzelne  Tbaten  und  Hundlungen  machen 
I  Kndnick,  so  wie  man  sie  a\>or  im  Zusammenliange  mit  dem 
Tgecangenen,  (ileicbzeitigen  und  Späteren  Ixjtracbtet,  ergibt  sieb, 
rir  nierkwünlig  g(mau  in  ibre  bistorisclM»  rmgebung  bineinjuissen. 
I  am  nä4*btlieben  Sternen liimmel  ui-j)l(Uzlieh  ein  unennartetes 
ti»nliild  aufflammt,  dessen  Bahn  jed(T  Ik^ree